für Kunst, Wissenschaft und geselliges Leben. Redigirt von Leopold Kordesch. ^ 95. Montag am 25. November 1844. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich zwei Nummern, jedes Mal ein halber Bogen, und allmonatlich ein in Wien »on Meisterhand in Kupfer gestochene« loloiirte« Costumebild, illyrischc Volkstrachten in Doppelfigur enthaltend, in Großauart. Der Preis de« Blatte« ist in Laibach ganz­jährig S, halbjährig 3 fl. Durch die t. t. Post unter Eouuert »ortofrci ganzjährig 8, halbjahrig 4 fl. E, M., und wird halbjährig «orausbezahlt. UUe t l. Postämter nehmen Pränumeration an. I n Laibach pranumerirt man in der Buchhandlung des Herrn Georg Lerchcr am Hauptploye. Das Posthaus der Steppe. Novelle von Leopold Kordesch. (Fortsetzung,) ^ls die Reisenden in ihrem Zimmer in der ober« Etage angekommen waren, nahm die Dame ihren Schleier vom Gesicht", und ließ "ein äußerst interessantes, man könnte sagen, schönes Antlitz leuchten. Sie mochte noch nicht über 4 8 Jahre zählen. Das dunkle, reiche Haar, die herrlichen, von langen Wim­pern beschatteten Augen verliehen ihrem Gesichte etwas un­gemein Anziehendes. Der alte Herr, ein hagerer, aber noch fester Fünfziger ungefähr, war zu dem Fräulein ge­treten, um! ihv den Reisemantel abzunehmen, und führte sie dann nach einem gebrechlichen Rohrsopha, das im Zimmer stand. Der graue Bart verlieh seinenstarren Zügen ein sehr düsteres Ansehen, man sah jedoch aus jeder Bewegung, daß ihr Unterwürfigkeit zu Grunde liege. Die Dame war ein­fach, aber geschmackvoll in Grau gekleidet, welches ihren ohnehin herrlichen weißen Teint noch mehr erhob. Sie trug keinerlei Schmuck zur Schau, als eine einfache Schnur von Perlen um den Hals, die aber wohl ausgezeichnet groß und schön waren. Nachdem ein Felleisen und ein Koffer nebst einigen andern Kleinigkeiten auf das Zimmer gebracht worden wa­ren, öffnete die junge Dame das erste Mal den Mund, um für sich ein kleines Nachtmal zu bestellen, der Herr war indesi hinuntergegangen, wahrscheinlich, um wegen der Weiterreise am andern Morgen Anordnungen zu treffen.— I m ebenerdigen Geschosse in der ziemlich weiten, feuch­ten Wirthsstube saßen um einen runden Tisch, der in einem Winkel dem Kamin gegenüber stand, fünf sonderbare Ge­stalten. Sie hatten über ihre Westen und Jacken eine Art Paletots mit Halbärmeln an, und zwar Alles von rauhen, aus gleichem Stoffe, unter denen lange, todtenbleiche, ver­gelbte Gesichter unheimlich hervorsahen. I n einer Ecke lehnten fünf blanke Aexte und eben so viele lange Stocke, die dem Wanderer in diesen sumpfigen Gegenden gleichsam als dritter Fuß dienen. Ein irdener Weinkrug stand am Tische und statt des Brotes sah man die Männer von Zeit zu Zeit Kastanien aus den Säcken hervorholen und essen, die geröstet zu sein schienen, denn Brot ist in diesen Ge­genden etwas Seltenes. Als vorhin der Wagen angefahren kam, waren die Männer an die Fenster getreten und sahen die Fremden in's Haus gehen, und als der Begleiter der jungen Dame in der Wirthsstube dem Posthalter auftrug, Alles anzuordnen, daß man früh um 6 Uhr aufbrechen könne, beglotzten die halbwilden Gestalten den Fremden von allen Seiten, dann singen sie an, in einem eigenen kauder­welschen Dialekt zu reden und mitunter heftig zu gestikuliren. Foulques brachte endlich Stroh herbei und machte das Lager für die Holzhacker, die vorgaben, gegen Orthez auf Arbeit zu ziehen. Diese kleine Stadt liegt an dem AbHange einer Anhöhe, deren niedrige Fortsätze bis zu den Ufern des Gave de Pau fortlaufen. Die Gegend ist treff­lich angebaut, und liegt schon ganz hinter den Wüsten des Departements „äo» Iauäe8" im Bezirke der Unterpyre­näen; die Wälder ringsum bestehen meist aus Korkeichen und Pinien und die Vegetation erinnert schon an die spa­nische Flora. Nach diesem Städtchen ging auch die Reise der jungen Dame und ihres Begleiters. Der Posthalter von Captieux, der durch seinen langjährigen Aufenthalt zu Bordeaux sich Menschenkenntniß gesammelt hatte und einen gewissen Takt besaß, sah auf den ersten Augenblick, daß der alte mürrisch aussehende Fremde seine gastwirthliche Neugierde, wer die schöne Reisende sei, schwerlich befrie­ digen würde, daher schwieg er und gebot auch seiner Ehe­ hälfte, alles unbescheidene Forschen zu unterlassen. Die Fremden hatten zu Nacht gegessen. Sie blieben ziemlich einsylbig und eine sanfte Melancholie und Trauer blieb fortwährend über das schöne Antlitz der Dame ausgegossen, was sie noch schöner erscheinen ließ. braunen Schaffellen. Ihre barettartigen Mützen bestanden 378 »Ich habe mich hier im Vorzimmer eingerichtet, um die wenigen Stunden bis zu unserer Abreise zuzubringen, und wünsche Ihnen wohl zu ruhen, Fräulein!" sprach der Alte aufstehend und die Hand seiner Reisegefährtin küssend; „die Rechnung war nicht überhalten und ich hätte nicht gedacht, daß man in dieser Steppe so erträglich speist und wohnt." »Schlafet wohl, Herr Lecornu!" erwiederte die Dame, mit einer sanften Handbewegung ihn entlassend, »ich wünsche nichts, als ein Mal an dieser Reise Ziel zu kommen." »Es soll nun bald geschehen!" brummte im Abgehen der Alte leise für sich. Das Geräusch im Hause war verstummt, die Lichter waren ausgegangen, nur in den Gemächern der Fremden brannte schwach das Nachtlicht und ein Fenster des Erd­geschosses schimmerte noch in die allmählich mondlos gewor­dene, unheimliche Nacht hinaus. Auf einer breiten Ma­trazze, über die eine Hirschhaut geschlagen war, lag Herr Lecornu ausgestreckt; er hatte sich nicht ausgezogen, auch schien es, als ob er für dies Mal mit dem Schlaf sich nicht befreunden wollte, denn er stützte den einen Arm halb­aufgerichtet unter den Kopf und bot so die Stellung eines Nachdenkenden oder die eines aufmerksamen Horchers. Endlich murmelte er kaum vernehmlich: „Ob mich die wilden Bursche wohl erkannt haben mögen? Die Lümmels thaten da unten so dumm, daß man irre werden konnte an diesen halbwilden Todtenkopfen. — Es ist jetzt Alles still — ich muß hinun­ter — die Sache ist zu wichtig — muß Gewißheit haben." Der Sprecher stand dann leise auf, blies die tiefgebrannte Kerze in seinem Gemache aus und schlich sich, nachdem er seinen Mantel umgeworfen, geräuschlos durch die unver­schlossene Thür hinaus. Er hatte beim Heraufgehen nicht bemerkt, daß neben der Thüre seiner Stube in einer langen Nische ein Bett stehe. Auf diesem Bette lag Foulques , der Hausknecht, dem Leser schon bekannt. Dieser Mensch wollte hinter dem finstern Fremden gleich beim ersten An­blicke, als er ihn vom Wagen steigen sah, etwas Unheim­liches bemerkt haben und beobachtete ihn daher so gut sich dies thun ließ. Er hatte jetzt durch eine zufällige Spalte der Thüre dem Treiben des Fremden zugesehen und ihn behorcht. Als der Alte aufstand, den Mantel umwarf und das Licht auslöschte, kroch Foulques behende in sein Nest und verhielt sich möglichst ruhig. Jetzt tappte und griff sich der räthselhafte Wanderer an ihm vorüber und über die niedere Treppe hinab. Der Hausknecht, dem bei diesem Vorgänge das Blut zum Kopfe stieg, besonders als er unten die Thüre der Wirthsstube leise aufgehen hörte, verließ ebenfalls ganz still sein Lager und tappte mit bloßen Füßen ohne Geräusch dem Schleicher nach. An der Thüre ange­kommen, die vorhin so vorsichtig geöffnet, und zur Vermei­dung des Geräusches halb offen gelassen worden war, drückte er sich an die Mauer und erwartete den Ausgang des Abentheuers. Er dachte so: dem Postmeister und seinem Hause wird der Angriff, wenn es einen geben sollte, schwer­lich gelten; er ist als verschuldet überall bekannt; sollte ein Anschlag das Leben der jungen Frauensperson bedrohen, was hier äußerst seltsam wäre, so springe ich behend über das Fenster neben dem Hausthore, mache Lärm und komme mit den andern Knechten der Reisenden zu Hülfe. Er horchte. Außer einem sehr leisen Flüstern war kein Ge­ räusch zu hören. Nach Verlauf einer Viertelstunde ver­ nahm er das näher kommende Tappen eines Menschen, der leise die Thür öffnete und gegen die Stiege sich fortgriff. Es war der Fremde der ersten Etage, dies blieb außer Zweifel. Foulques getraute sich nicht, seinen Platz zu verlassen, obschon es ihn ungemein fror. Als nach einer vollen halben Stunde sich in der Stube nichts rührte, ver­ suchte er, den Schlüssel der Thüre umzudrehen, was ihm auch ohne Aufsehen gelang. Darauf machte er eben so leise die Hauspforte auf, schlich sich auf die Scheune, weckte drei rüstige Knechte und zwei Maurer, die zufällig gerade in Captieur anwesend waren, bewaffnete sie mit allerhand Wirthschaftsreqnisiten und paßte dann auf die Etwickelung des Drama's. Stunde um Stunde verrann, doch Alles blieb lautlos. Endlich schlug die hölzerne Uhr der Wirths­ stube vernehmlich Vier, was die unwillige Patrouille drau­ ßen trotz der zugemachten Fenster deutlich vernahm. »Es ist die Stunde," sprach Foulques , »in welcher die ver­ dächtigen Holzknechte aufgeweckt sein wollen, um fortzu­ gehen. Versteckt euch, ich will sie wecken und dann beob­ achten, denn ich sehe, daß ich mich wahrscheinlich geirrt habe." Der Hausknecht machte nun Licht und weckte die fünf Gäste in der Wirthsstube, die denn auch sogleich auf­ standen, das Nachtlager mit einigen Sou's bezahlten und ohne Zögern ihren Weg fortsetzten. »Wie man sich doch irren kann!" rief Foulques kopfschüttelnd den Abgehen­ den nach. — (Fortsetzung folgt.) An der Tafel des Herrn von Greiner *). Genre-Bild von Franz Gräffer. Alringe r schwang das Rheinweinglas mit den Wor­ten: Es lebe Karoline**), die Blume unseres edlen, herzlichen Wirthes, meine gelehrige Schülerin! Und auch die meinige, setzte Haschka hinzu. Alringer fortfahrend: Wie sie den Cornelius liefet, den Virgi l rezitirt! Von Greiner: Leicht, gute Schülerin sein, bei sol­chem Meister! Wenn man Homer und Virgi l auswen­dig kann, wie Sie, lieber Alringer, die französischen, italienischen und englischen Klassiker im kleinen Finger hat — Und mit den Heroen der deutschen Literatur in freund­schaftlichem Briefwechsel steht, fügte Haschka schmeichelnd bei. Sich an die Gesellschaft wendend, fuhr er fort: Heute zu gleicher Zeit Postbriefe von Wieland, Geßner, Gleim und Adelung. Blu m au er wird unruhig, wetzt auf dem Sessel 1 Äui den »Sonntagsblattern,« einem der gehaltoollsten Journale Wien'ö, welches mit Recht immer größere Würdigung findet. Die Redaktion. »») Caroline (der Leser weiß wohl) ist die nachmalige Fr»» Pichler. 3V9 hin und her, schlürft fort und fort Tokayer, gleichsam, sich den Mund zu stopfen, tunkt er unaufhörlich Zuckerbrot» ein. Den Kopf dreht und wirft er herum, daß der lange Zopf die Nachbarn anschnellt. Länger jedoch kann er sich nicht bezähmen. Ich bitte Euch, ruft er Hasch ka an, prahlt nicht immer mit einem berühmten Freunde. Von Charlotte ist die Rede. Dieses Kind hat hundert Mal mehr Talent, wenn es nur die Feder anrührt, als Ih r mit Euerem Reim­ geklingel, das so hohl, so trocken und so heiser ist, wie Euere unheimliche Stimme. Von Greiner und Alling er vertraten den geschla­ genen, zorngährende», düsteren Haschka, der matte Blitze auf den Spötter schosi. Karoline und ihr Haus! rief Vlumauer, aufste­ hend, ein frisch gefülltes Glas erhebend. Alles stimmte ein. Der ehrwürdige Deni s machte Miene, zu sprechen. Jedermann schwieg. Karolinen, sagte der lorbeerumrauschte Barde, pro­ phezeihe ich eine glänzende Laufbahn. Als achtenswerthe Schriftstellerin wird ihr gepriesener Name von Dauer sein,, selbst bei fremden Völkern. Er machte mit der Hand eine Bewegung, die aus­ sah, wie eine Segenspende. EnthusiastischerIubel folgte diesem weihenden Ausspruche. Von Grein er reichte dem edlen Sined die Hand Und umarmte ihn feurig. Die hohe, steife Gestalt Retzer's that dasselbe. Die Anderen wagten solche Vertraulichkeit nicht, nur Mastal i er schien sich dazu anschicken zu wollen. Denis nahm wieder das Wort: Ich will nicht sagen, daß ich Divination besitze, aber ich combinire, ich ahne. Deshalb ist es mir lieb, daß Nicola i das Wunderblümlein gar nicht zu sehen bekam. Wer weiß, auf welche Art er es in seiner Reisebeschreibung würde figuriren lassen, etwa in einem Glase Wasser. Oder in dem Knopfloche seines apfelgrünen Frackes, lispelte Vlumauer . Laut aber sagte er: Oder in einem Herbarium, zwischen zwei Blättern Fließpapier. Ist dieser Nicola i wirklich schon abgereiset? Das ist er, heute Mittag, berichtete Retzer. Ich selbst habe ihn zur Diligence begleitet. Ueberhaupt, Sie haben sich für ihn aufgeopfert, sagte Mastali er, fast, ich möchte sagen, wie ein gedungener Cicerone. Nein, wie ein förmlicher Leiblakei, polterte Blumauer heraus. Verzeihen Sie, Freund, aber ich glaube, Sie ge­hen in Ihrem Diensteifer gegen Ausländer zu weit. Ba­ron Gebier, der bei solchen Vermittlungen selbst an der Spitzesteht, wird solch' unterthänige Rollen nicht lieben. Ist es denn wahr, daß Sie dem Berliner das Parapluie getragen? Alles lachte. Retzer, keinen Spaß verderbend, erwiederte: Nicht nur das, sondern aufgespannt, daß er nicht naß werde, während ich mit bloßem Kopfe neben ihm herging, zur Linken. Nur nicht lahm sein, Voltaireaner, ermahnte Ma­stalier. Dafür kommt unser liebe Retzer auch in das Reise­buch, bemerkte von Grei n er lächelnd. Ratschky: Als vierte Merkwürdigkeit seines Ge­burtsortes Krems: Kremser-Weiß, Kremser-Senf, Kremser-Schmied. (Beschluß folgt,) Gine Anekdote von Raimund. Was wir hier niederschreiben wollen, ist nicht, wie so Vieles, was von berühmten Menschen erzählt wird, müßi­ges Erfindungsspiel, sondern, den Mittheilungen eines Freun­des entnommen, buchstäbliche Wahrheit. — Vielleicht gab es nie ein Gemüth, welches weicher, zarter, poetisch tiefer gewesen wäre, als das Raimund's, des unglücklichen ge­nialen Dichters. Seine Seele war eine Aeolsharfe, vom leisesten Lufthauche bewegt und oft milde, melodische Klänge ausströmend, aber eben so oft in schrille Schmerzenstöne ausbrechend, wenn der Sturm die Saiten packte und schüttelte. — I n der Nähe Wiens, auf seinem Landgute Guttenstein, verbrachte Raimun d einen Theil des Jahres. Das harmlose, kindliche Dichterherz glaubte hier in einer idyllischen Welt zu leben, in einer Welt, wohin die Sitten­verderbniß und Entartung der großen Stadt noch nicht gedrungen war. ,I n den schlichten Bauern, mit denen er verkehrte, sah er moralischfleckenlose Geschöpfe, das goldene Zeitalter glaubte er hier zurückgekehrt und allen Freunden, deren Besuch ihm ward, verkündete er, hier sei die Sage von jenem glücklichen Thal, welche uns das Mährchen be­richtet, Wirklichkeit geworden. — Raimun d hatte eben einen werthen Besuch aus Wien, machte mit diesem einen Gang in's Freie und rühmte wie gewöhnlich seine Nach­barn, die Bauern von Guttenstein, in begeisterter Weise und malte in blendenden Farben den Gegensatz, welchen sie zur Moralität der Städter bilden. I n demselben Moment kommt den Lustwandelnden taumelnd und fluchend ein trun­kener Bauer entgegen. Der Dichter wird blaß und ruft fast entsetzt: »Was der Tausend, Hansel, bist denn wirk­lich betrunken?" — Der Mann, welcher sich kaum auf den Füßen erhalten kann, steht nichtsdestoweniger respektvoll Rede und erzählt unter grimmen Flüchen, wie sein Vater ihn bei der Theilung eines Ackerfeldes zu übervortheilen gedenke, und nun wolle er, der Sohn, zum Gericht, um den alten Hallunken von Haus und Hof jagen zu lassen. Und nach diesem Bericht taumelt der Bauer seines Weges weiter. — Raimun d aber stößt einen Schmerzensschrei aus und stürzt, den nachrufenden Freund ohne Antwort lassend, nach Hause. Hier schließt er sich in sein Zimmer ein, wirft sich schluchzend zur Erde und bleibt den ganzen Tag, die Nacht, bis spät am folgenden Morgen einsam, in der finstersten Melancholie. — Sein schöner Traum, seine acht dichterische Phantasie von der patriarchalischen Sitten­reinheit seiner Guttensteiner Bauern war ihm zerstört, und der arme Poet weinte händeringend seinen vernichteten Illusionen nach. 38» Wiener Gisenbahnbriefe. Von 3l. G. Naske. Mitte November 1844. I n jüngster Zeit erst w«r wieder einmal Wien der Schauplatz eines sehr traurigen Ereignisse«. Ein Gemeiner eine« hier stationirte» Infanterie-Re­giment«, ward »n einem Unteroffizier-zum Mörder und büßte sein Verbrechen «uf dem Richtplaye. Wie man allenthalben vernimmt, soll der Unteroffizier ein sehr braver Mann gewesen sein und mit seinem Mörder nie in dienstlichen Berührungen gestanden haben, so da« man ocrmuthen könnte, tyrannische Be­handlung habe diese» schrecklichen Fall hervorgerufen» Der Mörder war ein Mensch von 23 Jahren und erst seit Mai d. I . Soldat; hat aber während dieser kurzen Dienstzeit und schon früher «l« Flcischhoueraeselle einen so hohen Grad von moralischer Verworfenheit bewiesen das «Ne ihn Kennende» ihm «in traurige« Los prophezeiten. Als er befragt wurde, was ihn zu diesem schrecklichen Entschluß« bewegen konnte, erwicderte er, daß er seines Lebens «berdrüßig geworden sei, jedoch nicht zum Selbstmörder habe werden wollen, und «m sich von einem lästige» Dasein zu befreien, habe er dieses Mittel er» dacht. Der unglückliche Unteroffizier diente erst zwei Jahre und war ein Mann von der ausgezeichnetsten Conduite. Er saß eben arbeitend «n einem kleinen Tischchen, »ls der erwähnte Gemeine, um nicht bemerkt und gestört zu werden, die Muskete übe« die obere Lehne de« Bettes legte, sie nach dem Unteroffiziere richtete und abfeuerte. Der Schuß drang dem Unglücklichen in die linke Seite und rief nach wenigen Stunden einen schmerzvollen Tod herbei. Der Mörder wurde sofort ergriffen, wehrte sich aber mit Hülfe eine« Messers dergestalt, daß e« nur schwer ward, ihn zu bändigen. Zwei Unteroffiziere und mehrere Gemeine sprangen herbei und sicher- wäre der Mörder der ««ge­meinen Entrüstung »um Opfer geworden, wenn nicht ein Offizier, welcher den Schuß gehört hatte, herbei gekommen wäre, und sogleich die Uebergabc des Mörders in die Hände des Profusen angeordnet hätte. D» sich dieser traurige Fall nun schon öfter wiederholte, so fanden es die obersten Behörden für gut, eine schleunige gerichtliche Procedur anzuordnen, und die Hinrichtung de« Mörder« fand binnen wenigen Tagen nach verübter Th»t, unter einem Zulauf von wenigsten« 30.NNN Menschen Statt. Unser liebes Wien verschönert sich mit jedem Tage und die industriellen Fortschritte erscheinen so rühmlich, daß es bald mit den großen Weltstädten Paris und London «iualisiren wird. Die Erzeugnisse de« vaterländischen Ge­werbsfieißes, die hier gerechte Würdigung finden, erregen auch im benachbar­ten Auslande schon Bewunderung und haben keine Rivalität zu fürchten. Auch da« Aeußere unserer Plätze und Straßen gewinnt sowohl durch neue Pracht­bauten, «l« durch herrlich verzierte Kaufläden, täglich an Schönheit. Das Palais Coburg auf der Bastei nächst dem Carolincnthore schreitet seiner Voll­endung entgegen und wird gewiß in kürzester Zeit den Merkwürdigkeiten Wien'« beigezählt werden können. Auch die Vorstädte, namentlich die Polizei­bezirke Ioscphstadt und Wicden haben in den letzten zwei Jahren eine Menge «euer und prachtvoller Gebäude aufgeführt. I n der Iosephstadt, zunächst dem Glaci« eröffnete Herr Kappelmaye r ein neues Kaffeehauslocale, welche« unstreitig das schönste von ganz Wien genannt werden kann, und dessen über­aus reiche Verzierungen an die elegantesten Pariser Cafsies erinnern. I m Innern der Stadt wurde Schlegel'« Kaffechau« »m Graben ne» decorirt und stößt selbst den anwesenden Fremden Bewunderung ein. Auf dem Kohlmarkte, unfern der Wallnerstraße, der Hcrrngaße und dem belebten Michaeliplatze wurde ein prachtvoller Modewaaren-Salo n fü r Herren eröffnet, dessen Aushangschild »zum Mandarinen« heißt. Dieser Salon befindet fich im ersten Stockwerke de« Haust« und nimmt in seinen geräumigen Hallen Alles auf, was zur Eleganz der männlichen Toilette und zur Befriedigung aller Ansprüche des Luxus, der Mode und der gewöhnlichen Garderobe-Bedürfnisse nöthig ist. Ein ähnliches Institut, dessen Tendenz und innere Einrichtung näher zu beschreiben ich mir vorbehalte, hat Wien noch nicht aufzuweisen gehabt, und die Organisirung desselben macht der hiesigen Industrie wirklich viel Ehre. Der Reisende, der «ach Wien kommt und nicht seine ganze Garderobe mit sich führen will, w»« doch in der Regel sehr un­bequem ist, braucht sich nur, in de» erwähnten Salon zu begeben, um sich da­selbst in kürzester Zeit zu adonisiren, oder in die höchste Gall» zu werfen. Für den Wiener ist diese Anstalt von noch größerer Bequemlichkeit, und besonders für unsere Fashionabe!« von unschätzbarem Werthe. Der Aushängschild, von Meisterhand gemalt, könnte jeder GaUerie zur Zierde dienen; die reichen go­thischen Verzierungen, welche die «anze Breite de« Hauses, und beinahe den ganzen Raum zwischen dem ersten und zweiten Stockwerke einnehmen, ge­währen einen höchst imposanten Anblick und machen sich des Abends < von zwei herrlichen Gaslaternen erleuchtet, nur «och imposanter. Fremden, die nach Wien kommen, müssen wir diese« Etablissement zu besuchen, wärmsten« empfehlen. I n der Musikwelt Wien'« wird's bald sehr lebhaft werde«; de«« wir haben nicht wenjger »ls vier neue Opern zu gewärtigen, »n denen gegenwärtig Titl, Fr. ». Suppi, Fahrbach und —.Binder componircn. Die Text­bücher hiezu haben Fr. u. Told und C. Elmar geliefert. Zwei andcrwcite neue Opern von Proch und dem Hoforganistcn S. Sechter gehen schon in den nächsten Tagen in die Scene. — Die neu aufgetauchten Walzerheroen Fr. Schröder, I. A. Adam und Ioh. Strauß Sohn, entzücke» fortwäh­rend die tanzlustige Welt; unter diesen jedoch hat Schröder allein eine künstlerische Bedeutung. Der große Treffer der zuletzt gezogenen Perissutti'schen Lotterie fiel einen, armen Israeliten, Namen« Jakob Pollat, zu, der Pächter eine« Nrantweinhause« zu Czernahor» nächst Brunn ist. Diesmal hat doch wenig­stens die Glücksgöttin auch den Schein der Parteilichkeit »ermieden. Möchte sie es auch demnächst bei David Pollak's Lotterie st machen! Vaterländische Schaubühne. Am 19. d.M. sahen wir zu wiederholten Male« dcn»3»ube«schleicr«, romantisch-komisches Feenspiel mit Gesang, Tanz und Gruppiruugen in 3 Abtheilunge» und 4 Aufzügen von Fr. X. Told und am 20. Doktor Ernst Raupach'« »Schule des Leben««, Schauspiel in 5 Aufzügen. Was das Erstere anbelangt, müssen wir mit Bedauern bemerke«, daß das Arrangement desselben jener der ersten Vorstellung weit zurückstand, ob­wohl sich die Mühe der Mitwirkenden, indem besonders die Gesangstücke recht ausgezeichnet vorgetragen worden sind, nicht verkennen läßt. Da« zahlreich versammelte Auditorium Hai sich darüber durch den mehrmaligen Applaus »l« befriediget ausgesprochen. Aller lobcn«werthen Erwähnung »erdient hingegen die Darstellung der »Schule des Lebens«. Wie bei der eisten, so auch bei dieser Vorstellung waren Dlle. Hoppe (Donn« Isaur») und Herr Engelbrecht (Sancho Perez) die Sterne erster Große. Dlle. Hoppe war unübertrefflich