101790 ♦ Ueber Ortsnamen tv un( * Ortsnamenforschung mit besonderer Riicksicht auf Karnten. Vortrag im karntnerisehen Gesehiehtvereine von A. v. Jaksch, Archivar des Vereinos. Klagenfurt. Verlag von Ferd. v. Klein mayr. 1891 . Ueber Ortsnamen umi Ortsnamenforschung mit besonderer RiiCksiclit auf Ivarnten. Vortrag im karntnerischen Geschiehtvereine von A. y. Jaksch, Archivar dos Vereincs. Klagenfurt. Verlag von Perci. v. Kleinmajr. 1891. /čVTiV / 101.79 O Vorrede. Indem ich die folgende Abliandlung der Oeffentlichkeit iibergebe, bin ich mir wohl bewusst, etwas Unvollkommenes, eigentlich mehr Skizzenhaftes auf den Biicliermarkt zu schicken. Zwei Umstande jedoch bestimmten mich. die Veroffentlichung nicht langer hinausschieben zu sollen. In Oesterreich ist ebeu eine Volkszahlung im Schwuuge, bei welcher Gelegenheit die Ortsnameu aufs neue controliert werden. Die folgenden Beispiele werden, glaube ich. zur Geniige darthun, \vie in Karaten Ortsnameu kiinstlich gemacht worden sind und vielleicht aucli nocli gemacht werden. Hiezu kommt, dass toponomastische Untersuchungen jetzt formlich Mode sind. In allen Landern so ziemlicli regt es sich und Schriften iiber Ortsnamen erscheinen jetzt zahlreicher, als je. Im Folgenden wird nun das erstemal die Methode durch praktisclie Beispiele illustriert, nach welcher die geographischen Eigennamen Karntens zu untersuchen sein werden. Dass ich als Nichtphilologe auch manches Philologische mit hineingezogen habe, rechne man mir nicht als Dilettantismus an, da ich da meist nur meinen Gewahrsmannern Forstemann und v. Miklosich gefolgt bin. Sonst benutzte ich fur das Mittel- hochdeutsche Miiller’s und Zarnke’s Worterbuch, fur die neu- slovenische Sprache A. J. Murko’s Handworterbuch (Graz 1833). Man glaube nicht, dass folgende Auseinandersetzungen etwa yon heut auf morgen geschrieben worden sind. Dieselben haben sicli vielmehr als Frucht bei meinen nunmehr acht- jahrigen archivalischen Arbeiten in Karaten, speciell bei Ab- fassung des Ortsrepertoriums liber die Urkunden des Geschicht- vereines herausgebildet. Klagenfurt, im Janner 1891. A. v. Jaksch. W enn sicli die folgenden Ausfiikrungen mit Bezug auf Karaten — und um dieses soli es sicli hier in erster Linie handeln — nur auf die Untersucliungen der Ortsnamen im engeren Sinne als Namen der menschlichen Wohnstatten — (und auch da niclit auf die Untersuchung aller Ortsnamen, denn von vielen Gegenden des Landes fehlen uns nocli die nothwendigen Quellen und Hilfsmitteln) — griinden, wobei nocli der Name des Landes. die Namen seiner grosseren Gebirgszuge und Gewasser beriicksiclitigt werden sollen, so mag der Umstand, dass daneben die Ortsnamen im weiteren Sinne, also das ganze grosse Gebiet der geographischen Eigennamen, die Namen der Berge und Thaler, Fluren und Walder und kleinen Gewasser nicht herangezogen wurde, damit entschuldigt werden, dass es eben nocli keine wie immer gearteten vollstandigen oder unvollstandigen Sammlungen dieser bei dem Karntner Volke iiblichen Namen gibt, wahrend die Reihen der eigentlichen Ortsnamen uns in officiellen Ortsrepertorien. meist Resultaten der Volkszahlungen, und zwar aus den Jahren 1860, 1870 und 1880 vorliegen. 1 ) Man konnte dagegen einwenden, dass ja in der neuen, vom osterreichischen Generalštabe herausgegebenen Specialkarte V75000 die ge- sammten geographischen Eigennamen ziemlich vollstandig verzeichnet sind. Dem ist gegeniiber zu halten, dass, so ein- heitlich und vollendet diese Aufnahmen auch sonst, was das kartographische Moment anlangt, sind, gerade die Namen- gebung noch vielfache Verbesserung erheischt. Es bringt dies die Vielsprachigkeit der osterreichisch-ungarischen Monarchie mit sich. Man denke nur, wie ein Mappeur, dessen Wiege in Ungarn oder Bohmen stand, die ihm von einem Karntner Landbewohner vorgesagten Namen zu Papier bringen wird. Z. B. heisst die Ruine Greifenfels bei Ebenthal in der Specialkarte Reichenfels, der aussichtsreiche Gaisbauerstein bei S. Paul Kaspar-Stein u. a, m. Die Central-Commissiou fiir deutsche Landeskunde liat einen Preis von 400 Mark fiir die Nachweisung der Irrthiimer in den Wortformen der neuesten Specialkarte des deutschen Reiches ausgesetzt. Haben sicli in einem einsprachigen Lande Mangel bemerkbar gemaclit, um wie viel mehr werden diese in Oesterreich vorhanden sein. Daber ist es mit Freude zu begriissen, dass Professor Eduard Richter in den Mittheilungen des deutsch - osterreichischen Alpenvereines (1890, S. 251) mit Riicksicht auf die neue, der Vollendung entgegengehende Reambulierung der oster¬ reichischen Specialkarte wenigstens die Anregung gegeben hat, dass jene Personen, welche Dialect- und Localkenntnisse besitzen, die Fehler in der nun aufliegenden ersten Auflage der Specialkarte sammeln und dem k. und k. militar- geographischen Institute, welches solche Mithilfe stets geru entgegennimmt, zukommen lassen sollen. Es ware dies mit Riicksicht auf Karaten von um so grosserer Wichtigkeit, als nur ein von Jugend auf an die Klange der heimatlichen Sprache gewohntes Ohr im Stande sein wird, die einzelnen Feinheiten innerhalb der deutschen und slavischen Dialecte auseinander zu halten. Ja, mit Riicksicht auf die slovenischen Ortsnamen miissen wir es als die dringendste Nothwendigkeit bezeichnen, endlich einmal an das Volk zu appellieren, um zu rvissen, welche slavische Ortsnamen dasselbe gebraucht; denn wir werden aus dem Folgenden sehen, was fiir slovenische Ortsnamen in das officielle Ortslexikon hineingeschmuggelt rvorden sind, Orts¬ namen, welche urspriinglich nie im Volke entstanden sein konnen, Ortsnamen, die heute noch dem Volke, sofern es nicht schon zu diesem Z\vecke beeinflusst worden ist, fremd sein miissen. Ortsnamen sind historische Quellen von besonderer Wichtigkeit. Schriftliche Nachrichten beginnen erst in spaterer Zeit, aber die Sprache ist so alt, wie das Volk selbst. 2 ) Tacitus erzahlt uns in der Germania des heutigen Bohmens, wo einst die Bojer gewohnt, gedenkend: Noch erhalt sicli der Name Boihemum als ein Denkzeichen der alten Geschichte der Gegend, wenn auch ihre Beuvohner andere geAvorden sind. Diesem Gedanken gibt auch Humboldt Raum. wenn er schreibt: Durch die Ortsnamen, die altesten und dauerndsten Denk- maler, erzahlt eine langst vergangene Nation gleichsam selbst ihre eigenen Schicksale und es fragt sich nur, ob ihre Stimme 7 uns no eh verstandlich bleibt. 3 ) Wenu ) Einige Erklarungen karntischer Namen nach Obermiiller’s: Deutsch- keltisch-geschichtl.-geograph. Worterbuch finden sich „Carinthia“ 1874, S. 37. 12 ) Handbuch d. Gesch. des Herzogthums Karaten 2, 337. 13 ) Denkschriften der Wiener Akademie (Philosophisch - historische Classe) 23, 163. 14 ) Denkschriften 23, 187. 15 ) Mon. Germ. Diplomata 2, 344. Original in Munchen. ' 6 ) Schroll: Urkundenbuch d. KI. S. Paul in Fontes rerum Austriac. 7 39, 80. lr ) Langobarden-Geschichte, 5. Buch, 22. Cap. ls ) Bohmer-Muhlbacher Karolinger-Regesten Nr. 448. 19 ) Egli: Gesch. d. geographischen Namenkunde 41. 20 ) Kammel 1. c. 106. 4 42 al ) Karamel 1. c. 128. 22 ) Vgl. Oehlmann: Die Alpenpasse im Mittelalter im Jahrbuch fur Schweizerische Geschichte 4, 242. 23 ) Wird Mer und im Folgenden Tceine Quelle fur die urkundlichen Belege angefuhrt, so sind dieselben den im Archive des kdrnl- nerischen GescMchtvereines aufbewahrten Original-Urkunden oder Urbaren entnommen. 24 ) Denkschriften 1. c. 28, 205. 25 ) Wattenbach: Deutschlands Geschichtsquellen (1877), 1, 41; Kammel 1. c. 138, Anrakg. 2. 26 ) Egli 1. c. 203 ff. 27 ) Acta Tirolensia 1, 73. 2S ) Denkschriften 1. c. 23, 233. 29 ) Vgl. Richter in den Mittheilungen des Institutes f. Oe. G. 5, 149. 30 ) Gymnasial-Programme v. Leitmeritz u. Eger 1889 und 1890. 31 ) Bohmer-Ficker: Regesta imperii V. n. 32. 32 ) Denkschriften 1. c. 23, 157. 33 ) Herr Dr. Tschauko in Kirschentheuer war so freundlich, mich auf diese Erklarung aufmerksam zu machen. 34 ) Acta Tirolensia 1, 79. 3 “) Schroll: Urkunden-Regesten v. Eberndorf 116. 3li ) Denkschriften 1. c. 23, 154 nach Jarnik’s Erklarung. 37 ) Egli 1. c. 23, 89. 38 ) Denkschriften 1. c. 14, 1. 3S> ) I. Denkschriften 1. c. 21, 75 ff.; II. 1. c. 23, 141 ff. Beides im Folgenden citiert als Miki. I, II. 40 ) Miki. I. 96. 41 ) Es sind folgende: Ueber die Namen einiger Stadte in Karnten von P. A. E. „Carinthia“ 1816 n. 21—22. — Etvmologie der Flussnamen Karntens, „Carinthia“ 1831, S. 67. — Rauschenfels : Vorkommen romanischer Orts-, Local-und Bergbenennungen, „Carinthia“ 1871, S. 236. — Eine neue Erklarung des Namens Karnten, „Carinthia“ 1874, S. 37. 42 ) Mon. Germ. SS. 11, 11. 43 ) Kammel 1. c. 239. 44 ) Bohmer-Miihlbacher 1. c. n. 1760. 45 ) Ankershofen Handbuch 2, 440. 46 ) Ankershofen Handbuch 2, Reg. 84. 47 ) Urkundenbuch v. S. Paul, S. 6. 48 ) Mild. I. 98 ff. * 9 ) S. Pauler Urbar v. 1641 im Stiftsarchive. 50 ) Acta Tirolensia, 1, 34. ■>') Miki I, 90. 52 ) Personalstand der Sacular- und Regular-Geistlichkeit der Diocesc Gurk, 1889. 53 ) Acta Tirol. 1, 82. 54 ) Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit, IX/14, 63. 43 65 ) Bohmer-Miihlbacher, Reg. n. 1736, 1737. 56 ) Schroll, Regesten v. Eberndorf, 113, nach dem Copialbucke. 57 ) Miki. II, 158. Ebenda 184 flndet sich das Appellativum Koryto, von dem Ortsnamen in Steiermark nnd Krain abzuleiten sind. Miki. fiihrt auch Korito (ur Trogern in Karnten an, \veil er eben nicht weiss, wann der Name Korito gemacht wurde. 58 j Die urkundlichen Belege bei Schroll: Regesten v. Eberndorf. 69 ) Schmeller : Bayerisches Worterbuch, 2, 455 ; Schroll, Urkundenbuch y. S. Paul, S. 59 u. 227. *°) Hagn: Urkundenbuch v. Kremsmunster, S. 126, „ecclesia Sulk sub castro Himelberc." Original im Stiftsarchive. 61 ) Vgl. Programm des k. k. Gyinnasiums zu Znaim 1890, S. 4. 62 ) Im Archive des Geschichtsvereines. 6S ) Forstemann, die deutschen Ortsnamen, S. 7. 64 ) Egli: Nomina geographica. 65 ) Jabornegg-Altenfels: Karntens romische Alterthumer, S. 164. 66 ) Acta Tirol. 1, 45; vgl. Umlauft,: Geograpb. Namenbuch, S. 44. 67 ) Krones: Besiedlung der 8st. Alpenlander, S. 41. 68 ) Mittbeilungen d. Central-Commission fur Kunst, N. F. 16, 34. 69 ) Jabornegg-Altenfels 1. c., S. 110, 158. 70 ) Vgl. Tangi im Archiv f. Kunde osterr. Geschichtsquellen, 19, 53. 71 ) Acta Tirol. 1, 70 ff. 72 ) Mon. Germ. Dipl. 1, 254, 303; 2, 230. — Czoernig ist (Zeitschrift d. Ferdinandeums 3. F. 31, 161) wobl zu weit gegangen, wenn er eine Urkunde K. Ottos III. v. J. 993, welche einen pagus Croudi und eine Ortschaft Douplachi in demselben errvabnt, als Beleg dafur anfiihrt, dass der Croatengau sich bis ins Pusterthal erstreckte, weil Douplachi = Toblach ist. Felicetti-Liebenfels, rvelcher zuerst (Beitrage zur Kunde steierm. Geschichtsquellen, 5. Jabrg.) eigentlich die Existenz eines Croatengaues wissenschaftlich begriindet hat, dessen Arbeit aber Czoernig nicht kennt, hat diese Urkunde bei seinen Untersuchungen wohlweisslich bei Seite gelassen. Schlimm ist es nur, dass Unterforcher (Jahresbericht des Gymnasiums in Eger 1890, S. 10 — 11) Czoernig blindlings gefolgt ist. Der Gleich- klang von Douplachi und Toblach zeigt wieder, rvie man sich durch solclie Zufalligkeiten nicht irre machen lassen soli. 73 ) Archiv f. Gesch. und Topographie, 14, 22. 74 ) Miki. II, 146. 75 ) Muchar; Gesch. d. h. Steiermark, 2, 27 ; Biidinger: Oesterr. Ge- schichte, 160. 76 ) Riezler; Geschichte Baierns 1, 138. ") Miki. II, 223. 78 ) Ueber deutsche Volksethymologie in Kuhn’s Zeitschrift f. ver- gleichende Sprachforschung, 1, 1—25, citiert nach Egli: Gesch. d. Namenkunde, 91. 79 ) Archiv f. Gesch. u. Topographie, 1, 133. s0 ) Hohenauer : Die Štadt Friesach (1847), S. 7 — 9. 44 — SI ) Hermann: Klagenfurt, wie es war und ist, S. 11 ; Fouriner: Abt Johann v. Victring, S. 1—2. 82 ) Ankershofen : Handbuch, 2, 538. s:i ) Ankershofen : Karntens alteste kirehliche Denkmalbauten, 45. u ) I)er Dienst der geographischen Namen im Unterrichte in Seibert’s Zeitschrift fnr Schulgeographie 1, 243 ff. Im gleichen Verlage erschieH: Die dentschen Sprachinseln im Siiden des geschlossenen deutechen Sprachgebieties in ihrem gegenwartigen Zustande von Carl Freiherrn v. Czoernig, k. k. Hofrath. Preis 45 kr. 6. W. = Mk. — 90. „Fortsclireitende Bedrangung des deutschen Sprach- gebietes in der bsterreichisch-ungarischen Monarchie hat den Gleichmuth der dortigen Bevolkerung erschiittert und ihre Ohren den Klagen der zunachst Betroffenen geoffnet. Man unterrichtet sich naher tiber den Bestand und die Aussichten des Deutschthumes und priift, dureh welehe Mittel diese Abbrockelung verhindert werden kann. Zu den lehrreiehsten Schriften, welche diesem Ziele dienen, geliort t.rotz ihres geringen Umfanges die Broschure des jiingeren Czoernig, Sohnes des beriihmten Statistikers gleichen Namens. Er behandelt darin die tlieils ganz ver- lorenen oder in sicherem Untergange begriffenen, theils nocli zu rettenden altdeutschen Niederlassungen in Italien, der Siidselnveiz und den osterreicliischen Alpenlandern. Mit Be- niitzung von Werken J. Manso’s, Zenss’, Albert Schatt’s, Manzano’s, J. Peck’s, 8chnoer’s, Ignaz v. Zingerle’s, H. Bresslau’s, W. Tomaschek’s, Bart. Malfatti’s, A. Galanti’s, und L. Neumann’s zielit er die gegenwartige Sprachgrenze und stellt charakteristische Thatsaehen recht iibersichtlich zusammen. Manche der letzteren hat er personlich unter- sucht.“ Zeitschrift des k. preuss. statistischen Bureaus.