y während des Aufstandes. Reise der Dp. Hans Meyer'schen Expedition USAMBARA. Von DR OSCAR BAUMANN. \ Ii«; 1^ WIEN UND OLIYIÜTZ 1890. VERLAG VON EDUARD HOLZEL. Neue Erscheinungen aus dem Verlage von Ed. Holzel In Wien und Olmütz. Eine afrikanische Tropeninsel FERNANDO PÖO und die Bube. Von Dr. Oskar Itaiuiiiiiui. Mit Illustrationen und -einer. Karte. 8". Preis fl. 1.50 = M. 2.50. Der bekannte Verfasser hat im Jahre 1886 eine mehrmonatliche Kxplorationstour durch die Insel Fernando Pöo unternommen und dabei mit scharfem Auge auf Land und Leute geachtet. Die Schilderung seiner Wanderung ist ausserordentlich lebendig und mit gutem Humor gewürzt, und die Charakteristik der vulcanischen Tropeninsel sowie ihrer interessanten Bube-Bevölkerung weist in sehr geschickter Weise auf alle wichtigsten Punkte hin. Die dem Buche beigegebene Karte beruht auf den Originalaufnahmen des Reisenden. VOM NEWASTRAND NACH SAMARKAND. Durch Russland, auf neuen Geleisen nach Inner-Asien von Dr. Max y. Proskowetz. Mit einer Einleitung von H. Vambdry, einem Anhang, 53 Original-Illustrationen von R. Hausleithncr u. A., zum Theil nach Skizzen des Verfassers, einer Notenbeilagc und 4 Originalkarten, ein stattlicher Band in 8° von XXVI u. 534 Seiten. Preis brosch. fl. 7.— = M. 12.—. In angenehmer, feuillctonistischer Art schildert der Autor, ein vielgereister Mann, die Ii in -drücke, die sich ihm auf seiner Reise durch das europäische und centralasiatische Russland boten. Mit den gewichtigsten Empfehlungsbriefen und officiellen Beglaubigungsschreiben ausgerüstet, konnte Dr. v. Proskowetz Einblicke in gesellschaftliche, landwirthschaftlichc, militärische und andere Verhältnisse nehmen, wie sie dem Reisenden nur in den seltensten Fällen vergönnt sind und diesem Umstände ist es wohl auch zuzuschreiben, dass das viel des Anregenden und auch Belehrenden enthallende Werk viel des Neuen über Russland bietet. Noch vor zwei Decennien gelang es dem bedeutenden Gelehrten Prof. Vambery nur mit unsäglicher Mühe, als Derwisch verkleidet, nach Samarkand vorzudringen. Wie es heutzutage möglich ist, diese ausgedehnte Reise in angenehmer Gesellschaft mit möglichstem Comfort im Eisenbahncoupe auszuführen und auf diese verhältnissmässig leichte Weise die Reste der früheren Pracht und Cultur in Centrai-Asien in Augenschein zu nehmen, das schildert der zweite Theil des obigen Werkes in einer jeden Gebildeten und Freund der Krdkunde fesselnden Weise. Professor Vambery sagt in einer dem Buche beigegebenen Einleitung: „Der Verfasser besitzt die glückliche Gabe eines brillanten und fesselnden Styles, seine Schilderungen sind treu und meisterhaft." IN DEUTSCH-OSTAFRIKA WÄHREND DES AUFSTANDES. IN DEUTSCH-OSTAFRIKA WÄHREND DES AUE STAND ES. Reise der Dr. Hans Meyer'sclien Expedition in ÜSAMBARA Dr, Oscar Baumann, Mit 18 Illustrationen von Ludwig Hans Fischer und Franz Zimerman nach Skizzen des Verfassers, sowie nach Photographien, und einer Originalkarte. WIEN UND OLMÜTZ EDUARD HOLZEL. 1890. Alle Rechte vorbehalten. K. k. Uofbuclidrockerel Carl Fromme in VViun- Vorwort. W enn ich in die Lage komme, nachfolgend die Ergebnisse meiner Reise in Ostafrika zu veröffentlichen, so verdanke ich dies vor Allem zwei Männern: in erster Linie dem Mäcen der Expedition, meinem lieben Freunde Dr. Hans Meyer, der in glühender Begeisterung für die Wissenschaft und die deutsche coloniale Sache bereits mehr als einmal nicht nur seine reichen Mittel, sondern auch Leben und Gesundheit dafür in die Schanze geschlagen hat. Ferner danke ich es dem Herrn k. englischen Generalconsul Colonel C. B. Euan-Smith in Sansibar, dem das scheinbar Unmögliche gelungen ist, meine geraubten Tagebücher und Schriften den Aufständischen wieder zu entreissen. "Wohl bin ich mir klar bewusst, dass der wissenschaftliche Theil meiner Arbeit von Vollständigkeit weit entfernt ist. Doch möge man zur Entschuldigung dessen bedenken, dass unsere Expedition vielfach unter traurigen, ja verzweifelten Umständen reiste, dass unsere gesammten naturhistorischen und ethnographischen Sammlungen in Verlust geriethen und dass besonders meine Aufmerksamkeit durch die topographische Aufnahme in Anspruch genommen wurde. Diese aber war in dem verwickelten Gebirgsterrain Usambaras sehr mühsam, so dass für andere Beobachtungen wenig Zeit blieb. Wie weit es mir gelungen ist, meiner Hauptaufgabe, der Herstellung einer brauchbaren Karte, gerecht zu werden, möge das dem Buche beigegebene Blatt zeigen. In dem Schlusscapitel glaubte ich, über den Rahmen des Buches hinausgreifend, auch meine westafrikanischen Erfahrungen VI Vorwort. mit heranziehen zu dürfen, um ein vollständigeres Bild des Handels und Plantagenbaues im tropischen Afrika zu liefern. Zuletzt sei es mir gestattet, allen jenen Gönnern und Freunden meinen herzlichsten Dank auszusprechen, die in Afrika und Europa meinen Arbeiten ihre Förderung angedeihen Hessen. Darunter seien die Herren Maler Ludwig Hans Fischer und Franz Zimer-man genannt, welche die grosse Güte hatten, ihre künstlerische Kraft meiner bescheidenen Arbeit in liebenswürdigster Weise zur Verfügung zu stellen. Wien, am 15. October 1889. Dr. Oscar Baumann. Inhalt. Seite I. Capitel. An der Ostküste Afrikas............... i Ausreise (i). — Aden (3). — Im Südwest-Monsun (8). — Lamu (9). — Mombas (l5). — Sansibar (18). — Bagamoio (29). II. Capitel. Von Pangani nach Haschatu..............36 Pangani (37). — Pombue (40). — Die deutsche Tabaksfarm Lewa (42).— Trennung von der Hauptkarawane (43). — Unsere schwarze Mannschaft (43). — Das Leben am Marsche (47). — Magila (54). — Im südlichen Usambara (56). — T>ie Felsenfeste Mkalamu (58). - Der Kombolabcrg (62). — Hundu und der Urwald des Nielo (G4). - Die Kumbamulde (65). — Campinenland (66). — Ueber den Dassöiberg nach Haschatu (69). — Die afrikanischen Wegweiser (70). III. Capitel, Von Haschatu nach Masinde und Kwambugu........74 Makania (75). — Trostloses Campinenland (75). — Mlalo und der Häuptling Kiniassi (78). — Durch die Bergwaldrcgion nach Mbaramu (84). — Die Semtula Nyika (88). — Gondja (90) — Nachrichten von der Hauptkarawane (90). — Nach Kihuiro und dem Mkomasi (92). — Desertionen (93).— Nachtmarsch durch die Steppe nach Mkumbara (94). — Masinde und König Sembodja (96). — Verlassen mit vier Mann (99). — Wuga Kimueri's (100). — Die vier neuen Askari (ioi). — Gale und Kwambugu (104). — Nach Mlalo und zurück nach Masinde (107). IV. Capitel. Von Masinde nach Pangani..............113 Verrätheiei Sembodja's (114). — Tarawanda (115). — Korogwe (119). — Miuasi (120). — Die Räuberbande Djahasi's (122). — Der Ueberfall bei der Mundofarm (128). — In Gefangenschaft (130). — Verhandlungen mit Bu-schiri (135). — Pangani während des Aufstandes (142). — Heimreise (147). V. Capitel. Land und Volk von Usambara.............140 Das Usambara-Gebirge (149). — Geographische und geologische Uebcr-sicht (149). — Vegetationsgebiete (152). — Flüsse (156). — Klima (156). — Die Waschamba: (159). — Die Wakilindi (169). — Die Wambugu (170). — Erforschung des Landes (172). — Aussichten Usambaras (174). VI, Capitel. Handel und Plantagenbau im tropischen Afrika.......178 Der Handel in Westafrika (179). — Lebensweise der Kaufleute (182). — Die einzelnen Küsten platze (187). — Der Congohandel (190). — Ostafrika (193). — Dampferlinien (193). — Europäische, arabische und indische Kaufleute (196). _ Plantagenbau in Westafrika (204). - Plantagenbau in Ostafrika (210). — Notwendigkeit der Zwangsarbeit (216). Seite Anhang.......................... 2I8 Vertrag Dr. Hans Meyer's mit dem Indier Sewah Hadschi. Kartenbeilage. Original-Karte von Usambara (I : 400,000) nach eigenen Aufnahmen coustruirt und gezeichnet vom Verfasser. Illustrationen. Lamu (nach einer Photographie von de Joux)............. j I Schamba auf Sansibar (nach einer Photographie von de Joux)....... 25 Reis stampfende Weiber (gez. von F. Zimerman) ........... 57 Mkalamu (gez. von Ludwig Hans Fischer).............. 59 Wasserträgerin (gez. von F. Zinicrman)............... 66 Gruppe von Waschamba (gez. von F. Zimerman)............ 79 Mbaramu (gez. von Ludwig Hans Fischer).............. 85 Wambugu (gez. von F. Zimerman)................. 105 Mlalo (gez. von Ludwig Hans Fischer)............... 107 Waffen und Geräthe der Waschamba" (gez. von F. Zimerman)....... 112 Sembodja (gez. von F. Zimerman)................. 114 Dorf Korogwe (nach einer Photographie von Dr Hans Meyer) *)...... 117 Dorfthor von Mruasi (nach einer Photographie von Dr. Hans Meyer)*) .... 121 Zusammentreffen mit Buschiri (gez. von F. Zimerman).......... 133 Tabakspfeife der Waschamba (gez. von F. Zimerman).......... 161 Kimueri's Wuga (gez. von Ludwig Hans Fischer)........... 163 Hühnerträgerin (gez. von F. Zimerman)............... 167 Geräthe der Waschamba (gez. von F. 7imerman)............ 217 Titelbild (gez. von F. Zimerman). () Während Dr. Meyer's erster Reise in Ostafrika aufgenommen. I. Capitel. An der Ostküste Afrikas. Ausreise. — Aden. —- Im Südwest-Monsun. — Lamu. — Mombas. — Sansibar. — Bagamoio. Es war im Winter 1887, als ich, von meiner Reise am Congo und auf Fernando Pöo zurückgekehrt, Dr. Hans Meyer in Leipzig kennen lernte und später mit ihm in Berlin und Wien zusammentraf. Dr. Meyer hatte eben seine erste Reise nach dem Kilima-Ndscharo vollendet und war im Begriffe, eine grössere Expedition ins Innere Ostafrikas auszurüsten. Die gemeinsamen Interessen, die gemeinsame Vorliebe für das afrikanische Forschungsfeld brachte uns bald einander näher, und zu Beginn des Jahres 1888 stellte mir Dr. Meyer die Frage, ob ich nicht Lust hätte, mich seiner Expedition als Geograph anzuschliessen. Da auch Dr. Wilhelm Junker in Wien unseren Plan gut hiess, so zögerte ich nicht, eine so ausgezeichnete Gelegenheit zu benützen und den Antrag Dr. Meyer's anzunehmen; denn es war zweifellos, dass unser Unternehmen offenbar mit den besten Aussichten auf Erfolg Europa verliess. Unsere Ausrüstung, sowohl in wissenschaftlicher als praktischer Beziehung war eine mustergiltige, die Geldfrage, sonst ein wunder Punkt bei vielen Expeditionen, kam bei uns erst in zweiter Linie in Betracht, da Dr. Meyer in höchst liberaler Weise für alle Kosten aufkam. Auch an der nöthigen Erfahrung fehlte es uns Beiden keineswegs, denn Dr. Meyer hatte schon manches Tropenland der alten und neuen Welt kennen gelernt und war auch in Centraiafrika kein Fremdling mehr, während ich fast zweijährige Wanderungen auf afrikanischem Boden aufzuweisen hatte. Ausserdem war Dr. Meyer in photographischen Aufnahmen geübt, und mir standen Erfahrungen in astronomischer BAUMANN, In Dcutsch-Oat.frik» wahrend des Aufutandes. I Ortsbestimmung, Terrainaufnahme und geologischen Forschungen zu Gebote, so dass wir hoffen konnten, auch in wissenschaftlicher Hinsicht Ergebnisse heimzubringen. Dennoch wurden unsere Hoffnungen bitter enttäuscht; statt grösserer Erfolge, die wir erstrebt hatten, müssen wir uns noch glücklich schätzen, die Beobachtungen und Aufnahmen des unerforschten Gebirgslandes von Usambara gerettet zu haben, während ein grosser Theil unserer naturhistorischen Sammlungen, die unersetzbaren Photographien Dr. Meyer's und das gesammte Ausrüstungsmaterial der Expedition für immer verloren ging. Dies Alles liess das gütige Schicksal, welches die Zukunft mit undurchdringlichen Schleiern verhüllt, uns nicht ahnen, als wir froh und voll Zuversicht am i. Juni 1888 Triest verliessen und durch die blaue Adria südwärts dampften. Bei herrlichstem Wetter war das Mittelmeer bald durchkreuzt, und nach zwei am Ufer des Nils angenehm verlebten Wochen bestiegen wir in Suez den Norddeutschen Lloyd-Dampfer „Preussen". So reich und eigenartig sich auch das orientalische Leben in Aegypten entwickelt, in gewisser Hinsicht ist das Land der Pyramiden doch nur eine Vorstadt von Europa, und erst wenn man das Deck des überseeischen Dampfers betritt, fühlt man sich, um einen zeitgemässen Ausdruck zu gebrauchen, in die Interessensphäre ferner tropischer Länder versetzt. Die Einrichtung des prächtigen, weissgetünchten Dampfers zeigt freilich europäischen Luxus und Comfort, doch ist Alles den Erfordernissen heisser Zonen angepasst. Besonders fiel mir die in Westafrika völlig unbekannte Panka auf, jener Luftschirm, der von der Decke des Speisesalons herabhängt und von einem langbezopften Sohne des himmlischen Reiches in steter Bewegung erhalten wird. Die Gesellschaft entbehrt allerdings jener völligen Uebereinstimmung der Gefühle, welche auf westafrikanischen Dampferlinien zu herrschen pflegt, wo die gemeinsame Aussicht auf Fieber und möglichen raschen Tod eine Art von Galgenhumor hervorbringt, doch trifft man dafür manchen besonders in Ostasien vielerfahrenen Mann an. Da giebt es deutsche Kaufleute aus China, Japan und Siam, Tabakpflanzer aus Sumatra, englische Kaffeepflanzer aus Ceylon und Andere, die nach kurzer Erholung in der Heimat wieder fernen Küsten zustreben. Auch Damen weilen an Bord, darunter die liebenswürdige, heitere Gattin eines deutschen Consuls in Holländisch-Ostindien, die durch eine leichte Beimischung javanischen Blutes an Zauber noch gewinnt. Die unvermeidliche Zunft der Vergnügungsreisenden war durch einen dicken Deutsch-Amerikaner vertreten, der sich beteits orientali-sirt, d. h. mit Fez und gelbem indischen Talar versehen hatte, die zunehmende Hitze aber doch über das „Vergnügen" zu finden schien. Höhere Ziele verfolgte ein Hamburger Marinemaler, Herr Erwin Günter, der sich gleich uns nach Sansibar begab und mit dem wir bald nähere Freundschaft schlössen. Die ungebrochene Glut der Junisonne strahlte auf die fast spiegelglatte Fläche des Rothen Meeres; mit der Oase an der Mosesquelle war die letzte Vegetation verschwunden und wo überhaupt Land sichtbar wurde, da war es der wüste Abfall des afrikanischen Festlandes und Arabiens, oder eine öde, trostlose Felsinsel. In Schweiss gebadet weilten die Passagiere auf der möglichst luftigsten Stelle des Hinterdecks und widmeten sich der Vertilgung eisgekühlter Getränke, während der Schiffsarzt immer neue Nachrichten von Hitzschlägen bei Heizern und Mannschaft brachte. Dies hinderte jedoch die halb entkleidete Bordmusik keineswegs, zur vorgeschriebenen Zeit ihre wenig erbaulichen Klänge in die glutathmende Luft hinauszuschmettern. Erst gegen Abend, nachdem der feurige Sonnenbali mit herrlicher Farbenpracht in den Seespiegel getaucht war, konnte man etwas Bewegung machen, und bald kam auch ein allgemeines, fröhliches Gespräch in Gang, welches oft bis tief in die Nacht fortgesetzt wurde. Am 23. Juni machte sich eine etwas kühlere Brise bemerkbar, wir waren aus dem Rothen Meere in den Golf von Aden gelangt und näherten uns immer mehr den kahlen, wildzerzackten Felsbergen des „glücklichen Arabiens". Um 11 Uhr warfen wir vor Steamer-Point, dem Hafenplatze von Aden, Anker. Sofort war das Schiff von mehreren Canoes umringt, aus welchen uns braune Somali-Jungen mit heller Stimme zuriefen, Geldstücke ins Wasser zu werfen, nach welchen sie mit unfehlbarer Geschicklichkeit tauchten. Bald erschien auch der kleine Dampfer des Lloydagenten 1* und wir verabschiedeten uns von den Reisegefährten auf der „Preussen", um gemeinsam mit Herrn Günter an Land zu fahren, wo wir einige Tage auf den Anschluss nach Sansibar zu warten hatten. Die Häuser von Steamer-Point schmiegen sich halbkreisförmig an die braunen Steilwände der Berge, deren Gipfel einzelne Forts krönen, und umrahmen gegen die See zu einen freien Platz. Man sieht ganz hübsche Gebäude im indischen Stile, welche von Dampferagenten, Consulaten verschiedener Nationen, reichen Parsis und Hotels eingenommen werden, welch letztere sich meist durch hochtrabende Titel wie „de l'Europe" und „de l'Univers" auszeichnen. Weniger grossartig als die Titel pflegt die Bewirthung selbst zu sein, doch hatten wir im Hotel „de l'Europe" keinen Grund, ernstlich darüber zu klagen. „Des Teufels Punschkessel" nennt der Engländer Aden und er hat wahrhaftig nicht Unrecht, denn besonders im Sommer scheinen die kahlen Wände der Berge förmlich zu glühen. Obwohl ich kein Neuling in den Tropen war, hatte ich doch niemals ähnliche Hitze wie im Rothen Meer und in Aden erlebt. Auch ein alter westafrikanischer Factorist, der viele Jahre lang in den Urwäldern Sierra Leones zugebracht und den ich bei der Firma Woodly kennen lernte, fühlte sich gar nicht behaglich. Man kann sich aber auch kaum einen grösseren Gegensatz vorstellen, als die feuchten, üppigen Wälder der Guineaküste und die kahlen Felsen Adens, auf welchen kaum ein Grashalm gedeihen kann. Da mochte denn freilich dem alten Westafrikaner, der sich so plötzlich in des Teufels Punschkessel versetzt sah, die Sehnsucht nach seinen kühlen, schattigen Tropenwäldern ankommen, obwohl in derem Dunkel gar oft der Fiebertod lauert, während Aden das gesündeste Klima der Welt besitzt. Der einzige Spaziergang Adens ist der von Steamer-Point nach der eigentlichen Stadt und den Wasserreservoirs. Man benützt dazu die netten einspännigen Wägen, welche von schwarzen oder arabischen Kutschern geleitet werden. Ein niedriges Joch überschreitend, gelangt man in einen weiten Kessel mit flacher Sohle. Derselbe ist einerseits von wilden, zackigen Bergkämmen umgeben, deren Hänge seichte Wasserrunsen durchfurchen, und grenzt andererseits gegen das Meer, dem einige steile Felsriffe entsteigen, gewissermassen die Umrahmung des Kessels abschliessend. Der Obertheil der Berge und Riffe besteht aus horizontal geschichteten Tuffmassen, welche braunen vulcanischen Gesteinen aufgelagert sind, so dass man den Eindruck gewinnt, die Sohle einer mächtigen Kraterruine zu durchqueren. Der Boden ist kahl, nur selten bemerkt man ein paar niedrige Sträucher, die kümmerlich ihr Dasein fristen. Auf den Kämmen und Abhängen der Berge sind die gezackten Bastionen und die Vorwerke der englischen Befestigung wahrnehmbar. An der Strasse liegt ein Dorf, ein ausgedehnter arabischer und ein kleinerer jüdischer Friedhof. Auf letzterem wurde gerade ein Grab geschaufelt, wobei immer zwei Mann thätig waren, während der dritte im schmalen Schatten — des Sarges ausruhte. Am jenseitigen Rand der Mulde steigt die Strasse steil in Schlangenlinien an und man erreicht einen Engpass, der durch ein Sperrfort gesichert ist. Davor halten langbärtige indische Soldaten mit ihren eigenthümlichen, halb europäischen, halb orientalischen Uniformen Wache. Jenseits geht es steil bergab und bald erblickt man abermals eine Mulde und darin die ausgedehnte Stadt Aden mit ihren blendend weissen Häusern und flachen Dächern, mit ihren regelmässig rechteckig verschneidenden Strassen, das Ganze eingerahmt von der dunkelbraunen, öden Bergmauer des Hintergrundes. Die Stadt selbst sieht freilich recht nüchtern aus und von schönen Gebäuden und malerischen Moscheen ist nicht viel zu bemerken, desto grössere Aufmerksamkeit verdient jedoch das Volksleben. Der auffallendste, eigentlich aufdringlichste Typus ist der Somali, dem gegenüberliegenden Festlande, Berbera oder Zeila entstammend. Meist sieht man hochgewachsene, schlanke Bursche mit oft auffallend hübschen, intelligenten Gesichtszügen, das Haar steil aufgekämmt und röthlich bemalt. Sie tragen einen weissen, malerischen Ueberwurf, einen langen Stock an Stelle des Speeres (der in Aden verboten ist) und verschiedenartige Amulette, unter welchen Bernstein häufig auffällt. Den eigentlichen Bewohner des Landes, den untersetzten, dunkelfarbigen Araber sieht man in seinem Elemente am Kameelmarkt, wo Kaffeesäcke und andere Producte des Innern verladen werden und sich eine Art lärmende Waarenbörse entwickelt. Scheu und bescheiden schleicht der dürre, braune Jude durch die Strassen, mit weissem Kaftan, kahlem Schädel, Ohrlocken, und einem Gesichtstypus, der dem seiner Glaubensgenossen in Gali-zien aufs Haar gleicht. Er beschäftigt sich mit allerlei Kleinhandel, verkauft Straussenfedern oder Fische und treibt sich als Wechsler mit grossem Geldbeutel am Rücken herum. Offenbar kommt er jedoch auf keinen grünen Zweig, da die Parsis und Indier ihm zu grosse Concurrenz machen, welche man in ihren reinlichen, lichtfarbigen Kleidern durch die Menge schlendern oder in ihren Buden kauern sieht. Europäer bemerkt man wenige in Aden, nur manchmal hebt sich der feuerrothe Rock eines englischen Soldaten scharf von den grell beleuchteten, weissen Wänden der Häuser ab. Das weibliche Geschlecht ist, wie meist im Orient, nicht allzustark auf den Strassen vertreten, doch pflegen Somaliweiber und Abessinierinnen ihre oft auffallend schönen Züge unverschleiert zu tragen und erregen auch durch ihre Gestalt und ihre malerische Kleidung unsere Aufmerksamkeit. Ueberall wimmelt es von munteren Kindern aller Racen und Hautschattirungen, die meist in adamitischer Nacktheit unserem Wagen nachlaufen und den Ruf nach „Bahschisch" ertönen lassen. Das Ziel aller Spazierfahrten sind die Wasser-Tanks (Reservoirs), die am Ende der Stadt in einer tief eingerissenen Thalfurche gelegen sind. Sie bestehen aus einer stufenförmigen Folge mächtiger Becken, die ein hohes Alter besitzen, doch erst von der englischen Regierung auscementirt wurden. In diesen riesigen Cisternen fand sich bei unserer Anwesenheit nur wenig schmutziges Wasser, welches arabische Arbeiter unter eintönigem Gesänge in ledernen Gefässen emporhissen und in Leitungsröhren giessen. Dieselben münden am Ausgange der Thalfurche, wo das Wasser an die Bewohner von Aden verkauft wird. Doch ist es gerade nicht bester Qualität, und das Wasser, welches von der Firma Woodly in Steamer-Point künstlich aus der See gewonnen wird, immer noch vorzuziehen. Aber auch dieses kostet Geld, so dass im Sommer in Aden Niemand trinken kann, der kein Geld hat. Um die Tanks herum gedeihen einige dürftige Bäumchen, der sogenannte Garten von Aden, in welchem zahlreiche Tafeln vor jeder Beschädigung warnen. Derjenige müsste auch wirklich ein Unmensch sein, der diese Anlagen beschädigen wollte, die allein dem Bewohner von Aden den Begriff „Baum" versinnlichen können. Den Rückweg nach Steamer-Point nimmt man gewöhnlich durch ein Felstunnel, welches unterhalb des Sperrforts den Berg durchsetzt. Doch ist dies nicht empfehlenswerth, da der Aufenthalt darin durch Staub und Hitze unerträglich wird und Wägen auch nicht ausweichen können. Neben diesen Spazierfahrten und den Abendspaziergängen in den mondbestrahlten Strassen, in welchen buntes, orientalisches Treiben wogt, waren wir auch mit dem Anwerben einiger Somah-Leute beschäftigt. Doch wurden so unverschämte Preise verlangt, dass wir schliesslich nur zwei Jungen engagirten, Achmed Ali (von uns Ali genannt) und Achmed Abdi, Beide aus Berbera. Ali war ein recht anstelliger, aufgeweckter Bursche, der gut englisch sprach, Achmed dagegen konnte von Anfang an nichts Anderes als sein hübsches aber nicht gerade geistreiches Gesicht zu einem freundlichen Lächeln verziehen. Später erwiesen sich Beide als völlig unbrauchbar, da sie in der Nahrung höchst anspruchsvoll, an Strapazen nicht gewöhnt waren und auch viel an Fiebern litten. Am 4. Juli bestiegen wir den Dampfer „Oriental" der British -India-Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche damals noch allein den Verkehr mit Sansibar vermittelte. Der hohe Passagepreis könnte auf ein schönes, bequem eingerichtetes Schiff schliessen lassen, um so grösser ist die Enttäuschung, wenn man einen kleinen, aber fabelhaft schmutzigen Kasten betritt. Das Schiff ist schon viele Jahre lang in den Tropen, daher wimmelt es von Kakerlaken und anderem Ungeziefer, und im „Salon" und den umliegenden Kabinen herrschen die unmöglichsten Düfte. Auch auf Deck sieht es wenig erbaulich aus, da man überall Schäden und Mängel entdecken kann. Die Officiere sind Engländer, die Mannschaft jedoch besteht aus Indiern, die vor Schmutz förmlich klebrig aussehen. Die Bedienung besorgen Goanesen in nie gewaschenen Hemden, die vor dem Essen die einzelnen Speisen mit ihren nie gewaschenen Fingern herzurichten pflegen. Die Deckpassagiere waren ebenfalls Indier, die dicht aneinandergepresst das Vorderdeck erfüllten. Am Hinterdeck herrschte das wenig sympatische englische Missionswesen vor. Man pflegt auf der „Oriental" stets auf Deck zu schlafen, da die Luft im Räume zu schlecht ist. Doch sollte uns dies nur bis Cap Guardafui gestattet sein. Sobald wir die steilen, grauen Wände dieses Vorgebirges hinter uns hatten, ergriff uns ein heftiger Südwest-Monsun, der die „Oriental" wild umherschleuderte. So mussten wir denn, eng zusammengepfercht, zwei Tage bei nahezu bestialischer Atmosphäre in den Kojen zubringen. Fortwährend kamen Sturzseen über Bord, die durch die Luken in den Raum drangen und Alles durchnässten, so dass bald kein trockener Faden mehr in den Kojen war und man im Salon bis an den Knien im Wasser stand. Dabei dröhnte und kollerte die schlecht verstaute Ladung, Teller und Gefässe klirrten, ein Kind und eine Katze schrien unaufhörlich, eine Missionärin betete laut und ein paar Engländer riefen fluchend nach den Stewards. Dazwischen erschollen ununterbrochen die erhebenden Laute der Seekrankheit. Die Lage war eine recht ungemüthliche; Dr. Meyer, der doch schon alle Meere durchfahren, behauptete, Aehnliches noch nicht mitgemacht zu haben, und selbst der unverwüstliche Künstlerhumor Günter's schien für den Augenblick erloschen. Am i. Juli schlug endlich die Stunde der Erlösung: der Wind Hess nach und wir konnten unserem Kerker entsteigen und an Deck gehen. Dort sah es traurig aus, ein Mast war zertrümmert, die Hälfte der Schafe, die den Proviant bildeten, über Bord gewaschen, und es schien kaum glaublich, dass kein Mensch bei den unaufhörlichen Sturzwellen ihr Geschick getheilt. Immer noch wehte ein scharfer Wind und warf hohe, prachtvolle Wellen auf, die lebhaft zu dem klaren, durch kein Wölkchen getrübten Himmel con-trastirten. Von da ab hatten wir eine ziemlich ruhige Fahrt, waren aber doch froh, als wir am 7. Juli bei Lamu wieder Land in Sicht bekamen. Es war die Küste der Manda-Insel, welche in korallinischen Steilwänden abfällt, an denen die Brandung schäumt und auf der sich schöne Baobabs und Schirm-Mimosen zeigen. Dies gab der Landschaft ein so bezeichnendes Gepräge, dass man als alter Afrikaner sich förmlich angeheimelt fühlen musste. Gegenüber Manda ragen hohe, weisse Dünenhügel auf, welche die Einfahrt in die tiefe Bucht von Lamu bezeichnen und deren höchster am Gipfel einen Flaggenstock trägt. Bei Betrachtung mit dem Fernglase kann man zahlreiche menschliche Gebeine auf der Düne verstreut sehen, die von einer Schlacht herstammen sollen, welche die einfallenden Maskat-Araber den Eingeborenen etwa um 1807 lieferten. Jenseits der Düne, und theilweise an dieselbe gelagert sieht man das malerische, braune Häusergewimmel des Dorfes Schellah mit seinem plumpen Lehm-Minaret, das einen glanzenden Halbmond trägt. Auf einem Vorgebirge erhebt sich das kleine, ruinenhafte Fort von Schellah, umrankt von üppigen Schlinggewächsen und überragt von schlanken Cocospalmen. Gegenüber sieht man auf Manda einzelne niedrige Hütten mit Maisfeldern und ein anderes altes Festungsgemäuer mit ehrwürdigen, rostigen Kanonen. Kurz nachdem der Anker gefallen, fuhren wir im Boote des Dampfers nach der Stadt Lamu. Man fährt erst ganz knapp an wSchellah vorbei, dessen Hütten aus rothem Lehm errichtet und mit Palmblättern gedeckt sind, was mir lebhaft ein Bild aus dem Herzen Afrikas, das Lager Tippo-Tips an den Stanley-Fällen des Congo, ins Gedächtniss rief, umsomehr, als die Gestalten der Sua-hiü in ihren weissen Llemden dieselben waren. Nur einige Häuser, darunter die englische Mission, sind in Schellah gemauert. In der letzteren haust gegenwärtig ein Sierra Leone-Neger, der auch die Stationen am Tana-Flusse verwaltet. Man hat noch einige steile Felsen am Schellah-Cap zu umschiffen, bevor sich der Blick auf Lamu eröffnet, welches sich von weitem als ein Chaos zahlreicher brauner Hütten darstellt, überragt von dem massigen Bau der Festung, auf welcher das rothe Banner Sansibars weht. Man fährt noch längere Zeit längs des Südufers, das durch reizende Haine von Cocospalmen verschönt wird, während das Nordufer der Bucht, der Insel Manda angehörig, immer mehr trostlosen Mangrove-Charakter annimmt. Merkwürdigerweise wird behauptet, dass das Wasser der Manda-ßai keinerlei Süsswasser-Beimengung besitze, was jedoch das Gedeihen einer niedrigen Mangroveart nicht hindern soll. Ob diese Art wirklich die Fähigkeit besitzt, im reinen Seewasser zu gedeihen, oder ob doch Süsswasseradern der Manda-Bai zufliessen, was das Wahrscheinlichere scheint, ist ungewiss. Zuletzt legte unser Boot an dem schmutzigen Strande von Lamu an, und be-grüsst von dem landesüblichen „Jambo" betraten wir wieder centralafrikanischen Boden. Die Gassen von Lamu sind eng, von hohen Mauern eingeschlossen, die theils aus rothem Lehm, theils aus Korallengestein aufgeführt sind. Häufig sind die Strassen überdeckt, so dass man im Dunkeln gehen muss, was insoferne unangenehm, als der Strassen-schmutz vielfach ein unergründlicher ist. Oefters sieht man viereckige, einfache Moscheen ohne Minaret mit maurischen Fenstern und Thoren, durch welche man in den Hof und das Innere des Bethauses blicken kann. Nicht selten ist der Steinboden von Moos überwuchert, was kein gutes Zeichen für den Eifer der Gläubigen ablegt. Die von den Arabern erbaute Feste von Lamu ist ein massiges, ziemlich verfallenes Gebäude, in welchem der Vali (Statthalter) des Sultans residirt. Darin sind auch die Gefängnisse und eine Garnison von Hadramaut-Arabern untergebracht. Die Hauptmasse der Einwohner Lamus bildet jene Mischbevölkerung, welche die Küstenstädte des tropischen Ostafrika bewohnt und nur durch den Gebrauch der Suahili-Sprache ein einheitliches Gepräge erhält. Doch ist es fast unmöglich, die Grenze zu unterscheiden, wo der Neger aufhört und der Araber beginnt, zu erkennen, wer noch als reiner Suahili und wer bereits als Maskat-Araber bezeichnet werden muss. Manche Typen freilich lassen keinen Zweifel aufkommen. So wird wohl Niemand in die Lage kommen, jene schwarzbraunen Bursche mit meist munteren, freundlichen Negergesichtern, die in den Strassen Lamus herumschlendern, für Abkömmlinge des Propheten zu halten. Sie tragen meist das lange Sansibarhemd, den rothen Tarbusch oder die hübsche, weiss gestickte Kappe und ein gekrümmtes Spazier-stöckchen in der Hand und sind zum Schwätzen und Lachen geneigt. Mit diesen sicher nicht zu verwechseln sind die ernsten, bärtigen Gestalten mit lichter Hautfarbe und echt semitischem Typus der reinen Maskat-Araber. Sie kleiden sich in einen schwarzen oder braunen Talar mit Goldstickereien, der an der Brust offen steht und das lange weisse Hemd zeigt, führen einen gekrümmten, silberbeschlagenen Dolch im Gürtel und oft ein Schwert in der Hand. Aber zwischen diesen Haupttypen giebt es zahllose Zwischenformen, Leute mit schwarzer Hautfarbe und arabischem Typus, andere die völlig lichtfarbig sind, aber von der Sprache des Korans keine Ahnung haben, andere (allerdings seltener) mit reinem Negertypus, die sich jedoch als Vollblut-Araber aufspielen und fast nur arabisch sprechen, und zahlreiche andere Mischungen, die alle in dem weiten Begriff Suahili umfasst werden. An Fremden sieht man in Lamu untersetzte, braune Hadra-maut-Araber mit wallendem Haar, die das glatte Buckelrindvieh durch die Strassen treiben, und die Bewohner der Hinterländer, Somali und Galla. Wie in allen Küstenplätzen Ostafrikas, so machen sich auch hier die Indier breit und erfüllen mit ihren behäbigen Persönlichkeiten die Verschlage der kleinen, schmutzigen Bazars. Die dunkelfarbige Damenwelt Lamus geht ausnahmslos un-verschleiert, trägt Silberringe in den Nasenflügeln und hüllt sich nach Sansibar-Mode in grell gemusterte Baumwollzeuge. Wenn man noch die Esel sowie die wenigen Pferde und Kameele anführt, so dürfte man die „Strassenfiguren" von Lamu so ziemlich erschöpft haben, welche in ihrer Gesammtheit ein lebhaftes, anziehendes Bild geben. Das schönste tlaus in Lamu, ein zweistöckiges, luftiges und weissgetünchtes Gebäude gehört der deutschen Witu-Gesellschaft, die bei meiner Anwesenheit einen einzigen Vertreter, Herrn Kurt Toeppen, besass. Der Plantagenbau im Witulande, die eigentliche Hauptaufgabe der Gesellschaft, war noch nicht in Angriff genommen worden, und Herr Toeppen beschäftigte sich mit Handelsgeschäften in Lamu, wozu ihn seine langjährige Erfahrung und seine vorzügliche Kenntniss der Suahili-Sprache befähigten. Die Producte Lamus bestehen aus Kautschuk, etwas Elfenbein, Kopra, Sesam und Flauten für den weiteren Export, und Sorghum (Ntama) sowie Matten für den Localhandel nach Sansibar. Ausser Herrn Toeppen lebten noch zwei Deutsche in Lamu, welche sich mit Handel und etwas Plantagenbau beschäftigten. "Was mir bei den wenigen Europäern in Lamu besonders gefiel, war die Zufriedenheit mit ihrer Lage. Während man sonst in Centrai-Afrika fast überall Klagen über die traurige Existenz der Weissen, das schlechte Klima u. s. w. vernimmt, waren alle Ansiedler von Lamu darüber einig, dass es sich in ihrem Wohnsitze ganz nett leben lasse. Sie hatten auch wirklich Grund, dies zu behaupten, denn das Klima von Lamu ist ein für Central-Afrika wahrhaft begnadetes, Fieber sind dort fast unbekannt, die Blattern zwar bei Eingeborenen häufig, bei Weissen aber unerhört. Dabei stehen die Deutschen mit den Eingeborenen vortrefflich, und zu Zeiten, wo im Süden bereits der Aufruhr tobte, herrschte in Lamu tiefster Friede und ungetrübte Eintracht. Diese günstigen Umstände veranlassten schon einmal den Versuch, deutsche Ansiedler nach Lamu, beziehungsweise nach dem Witulande zu verpflanzen. Dieser Versuch scheiterte zwar vollständig, grossen-theils wegen der Mittellosigkeit der Ansiedler, doch steht zu hoffen, dass dem vielversprechenden Lamu-Gebiet in dieser Hinsicht noch eine Zukunft bevorsteht. Allerdings muss hier, wie überall, vor allzu rosigen Floffnungen gewarnt werden.*) Am 8. Juli erholten wir uns in dem gastlichen Hause des Herrn Toeppen von den Strapazen der Seereise und besuchten eine alte Moscheeruine im Osten der Stadt. Dieselbe ist ganz umrankt von üppiger Vegetation, in welcher zahlreiche Tausendfüsser ihr Wesen treiben. In der Gebetnische, die schöne, maurische Formen aufweist, sieht man arabische Inschriften, welche für den Kundigen vielleicht Interesse besitzen mögen. In den Nischen hingen zahlreiche Fledermäuse, die bei unserem Nahen gezwungen waren, in das verhasste Tageslicht zu flattern. Um 2 Uhr bestiegen wir wieder die „Oriental", auf welcher sich das Bild inzwischen etwas verändert hatte. In Lamu war eine solche Menge von Matten als Fracht für Sansibar aufgenommen worden, dass ein Theil derselben an Deck verstaut werden musste. Auf und zwischen den hochgethürmten Mattenbündeln lagerten neue Passagiere, Suahili und Araber, die der ostafrikanischen Capitale zustrebten. Unter Letzteren befanden sich Vor- *) Nach den neuesten Nachrichten ist Lamu in englischen Besitz übergegangen. Die Zukunft wird lehren, ob und in welcher Weise die Witu-Gesellschaft, deren Gebiet nun allseits von englischem Besitze umschlossen ist, ihre Thätigkeit fortsetzen wird. nehme, sogar Verwandte des Sultans, welche es aber doch nicht verschmähten, dritter Classe, d. h. auf Deck zu reisen. Am Nachmittag des 9. Juli erblickten wir erst niedriges Vorland, hinter welchem zackige Berge sich erhoben, dann trat die Küste von Mombas schärfer hervor. Auch hier fällt das Land in braunen, korallinischen Wänden ab, deren Fuss die Brandung theilweise unterwaschen hat, während von den Höhen ein grünes, verschlungenes Laubgewirre herabhängt. In diese Küste schneidet die Bai von Mombas ein. An der Südseite erhebt sich auf hoher Rampe die altberühmte Stadt Mombas, gekrönt von der ausgedehnten, düsteren Festung. Aus deren verwitterten Schusslöchern blicken Kanonen, deren kriegerisches Aussehen durch eine vorwitzige Vegetation sehr gemildert wird, welche die ehernen Rohre und das Gemäuer der Feste umrankt. Daran schliesst sich die Stadt mit flachen Dächern, im Osten in ausgedehnten Gärten sich verlierend, wo braune Negerhütten im Schatten tiefgrüner Mangobäume gelagert sind. Am Nordufer der Bai dehnt sich eine Farm des Sultans aus mit zahllosen, prachtvollen Cocospalmen. Den Hintergrund der herrlichen Bucht von Mombas bildet das leicht ansteigende Gebiet der englischen Mission Freretown mit ansehnlichen, weissgetünchten Gebäuden. Im Hafen fanden wir den Dampfer „Barawa" des Sultans von Sansibar, mit dessen biederem deutschen Capitän wir bald bekannt wurden. Die Strassen von Mombas gleichen im Allgemeinen jenen von Lamu, nur sind sie etwas breiter und freundlicher. Neben den in Ostafrika gewöhnlichen Typen bemerkt man einzelne Wakamba aus dem Hinterlande, die, mit Bogen und Pfeil bewaffnet, als schmutzige, fast unbekleidete Gesellen die Rolle der „Wilden" spielen. Ihre Sitte oder Unsitte, mächtige Plolzcylinder oder Papierrollen im ausgedehnten, durchlöcherten Ohrläppchen zu tragen, haben sich aber auch viele Suahili-Weiber angeeignet. Von der Nähe betrachtet, wird die Feste, das „Gasr Mombas", völlig zur Ruine, deren Besatzung aus einer Schaar Suahili-Mädchen zu bestehen scheint, deren grell roth gemusterte Tücher ans allen Luken leuchten, die in kleinen Gruppen auf den Kanonen kauern und lachend über die „Wasungu" (Europäer) Bemerkungen machen. Trotzdem wurde uns nicht gestattet, näher an die Feste heranzutreten, damit wir nicht in die Lage kämen, ihre strategischen Geheimnisse irgend einem Kriegsungethüm „Ulaias" (Europa) zu verrathen. Am Morgen des 10. Juli folgten wir einer freundlichen Einladung des Capitäns der „Barawa" und fuhren in seinem Boote nach Freretown. Seine Rudermatrosen waren Indier, und es konnte auffallend erscheinen, dass der Sultan von Sansibar, einer Insel, deren Bewohnern in der Schifffahrt so wohl erfahren sind, indische Matrosen benützt. Später freilich fanden wir darin nichts Merkwürdiges mehr, der Sultan kennt eben seine Leute zu genau. In kurzer Zeit hatten wir das Ende der Bai erreicht und genossen einen prächtigen Rückblick auf die malerische Stadt und das blaue, leuchtende Meer. Unser Weg führte durch einen schattigen Mangohain der Mission zu. Deren Eingang ist durch eine Glocke bezeichnet, die beim Eintritt jedes Fremden geläutet wird, was einen recht komischen Eindruck macht. Die Missionsgebäude sind sehr hübsch mit Wellblech gedeckt, jedoch in einem nahezu wüsten Terrain verstreut. Von Gartencultur ist fast nichts zu bemerken und das Wenige besorgen nicht etwa die Zöglinge, sondern bezahlte Weiber, die auch Wasser tragen müssen. Doch sieht man zahlreiche Jungen und Mädchen herumlaufen, alle in er bezeichnenden Kleidung, die mir vom Westen her bekannt war und mit jenem selbstbewusst unverschämten Benehmen, das englischen Missionszöglingen leider so häufig anhaftet. Ein weisser Missionär führte uns in die Schule, wo eine Anzahl von Schülern und Schülerinnen unter Leitung eines schwarzen „Gentleman" geistlos im Chorus Bibelverse herableierte. Die grosse Mehrzahl der Kinder bummelte aber unthätig herum, sah sehr wohlgenährt aus und arbeitete gar nichts. Wir glaubten vielleicht zufällig einen Ruhetag getroffen zu haben, doch wurde uns ausdrücklich erklärt, dass diese Mission, wie überhaupt fast alle englischen Missionen, das System habe, die Kinder nichts arbeiten zu lassen. Wie weit sie mit diesem „System" kommen, kann man daraus sehen, dass im Allgemeinen kein Europäer einen englischen Missionsjungen in seine Dienste nimmt. Dieselben sind schlechte Arbeiter und glauben durch ihr bischen Christenthum und ihre holperige Kenntniss des Englischen und der Elementargegenstände schon so gut wie Weisse geworden zu sein. Diese Abneigung gegen Alles, was aus der Mission kommt, geht so weit, dass man in Sansibar bereits jeden Neger misstrauisch ansieht, der englisch spricht. Unter wenig erfreulichen Betrachtungen über dieses vielleicht ideale aber sicher wenig praktische Missionssystem stiegen wir zum Strande hinab, übersetzten einen schmalen Seearm und traten eine reizende Wanderung durch die Gartenviertel von Mombas an. Die Suahilileute, die in den einfachen Lehmhütten wohnen, machen einen angenehmen Eindruck. Nach den Hosenniggers der Mission ist der Anblick dieser malerischen Gestalten in kleidsamer Tracht und der munteren nackten Kinder ein wahres Labsal. Die Vegetation war herrlich entwickelt, die Baobabs, so häufig nur kahle abenteuerliche Astgerippe, standen in schönster Blätterprachr, üppig wucherte das Unterholz und die unendlich zierlichen Schlinggewächse rankten sich von Ast zu Ast. Die afrikanischen Culturgewächse, Bananen, Maniok, süsse Kartoffel und andere begrüssten uns gleich alten Bekannten. Scharf zeichneten sich die Schatten am Hintergrunde ab und die südliche Sonne, welche dem Europäer anfangs wie ein fremdes Gestirn erscheint, ergoss ein Meer von Licht über die Landschaft und über die weite, tiefblaue See. Wir sind in den Tropen! Wessen Herz, der einmal den Zauber dieser Striche gefühlt, würde nicht höher schlagen, wenn er sich wieder dahin versetzt sieht? Denn die Tropenwelt ist eine Circe, wer einmal in ihren Bann getreten, den verlässt die Sehnsucht nach ihr nicht mehr, er muss wieder in das Land der Sonne zurückkehren und sei es, wie der Engländer sagt, „um seine Knochen dort zu lassen". Gegen Abend verliessen wir Mombas und kamen bei ruhiger, leicht gekräuselter See rasch vorwärts. Noch bevor die kurze Dämmerung der Aequinoctien völliger Dunkelheit Platz machte, konnten wir die flachen Ufer von Pemba am Horizont auftauchen sehen. Wir schliefen mit dem angenehmen Bewusstsein ein, die letzte Nacht an Bord der „Oriental" zu verbringen und fanden uns am Morgen des n. Juli bereits an der Küste Sansibars dahin dampfend. Ich war sehr gespannt, Sansibar, die Perle des Ostens, kennen zu lernen, von welcher ich nicht nur von Europäern HAUMANN, Iii Deutnch-0„tainka wiiluvml dca AufaUndea. in Schrift und Wort so viel gehört hatte, sondern welche mir auch die Araber und Suahili-Leute am Oberen Congo als irdisches Paradies priesen. „Ungudja" (Sansibar) spricht der Suahili im Innern Afrikas etwa mit derselben schwärmerischen Betonung, wie der Portugiese „Lisboa", der Franzose „Paris*' in der Fremde auszusprechen pflegt. Von den herrlichen Düften, die dem Fremden entgegen wehen sollen, der sich der ostafrikanischen Gewürzinsel nähert, konnte ich allerdings nichts bemerken, der Anblick der Insel jedoch war ein sehr vielversprechender. Das nahezu flache, nur von niedrigen Bodenschwellungen durchzogene Eiland macht den Eindruck eines ausgedehnten, prächtigen Parks. In steter Folge erblickt man die schönsten Vegetationsbilder, dichte Haine von Mangos, zahllose schlanke Cocospalmen und viele Plantagen von Gewürznelken. Meist hart an der Küste, öfter aber auch auf dem Gipfel der Hügel, sieht man die ansehnlichen Gebäude der Landgüter (Schambas), vielfach dem Sultan gehörig. Manche sind alte arabische, vielleicht selbst portugiesische Häuser mit starken, gelbrothen Mauern, die oft auch den Haremgarten dicht umschlossen halten. Andere nähern sich europäischem Stile, die meisten jedoch sind in jener praktischen, luftigen Weise mit weiten Veranden erbaut, die aus den indischen Tropen herstammt. Der Geschmack der Besitzer dieser Landgüter trägt oft sonderbare Blüten. So kann man durch das Fernrohr erblicken, dass an jedem Pfeiler der Veranda eines der hübschen Bungalows eine Hänguhr angebracht ist, so dass das Haus von einem Kranze von Hänguhren umgeben ist. Wenigstens braucht der Eigenthümer dieser Villa nie darüber im Zweifel zu sein, wie viel es bei ihm geschlagen hat. An den Vorsprüngen ragen die schlanken, weissen Säulen der Leuchtthürme empor, deren Wärter bei unserer Annäherung eilig die Signalflaggen hissten, um die Ankunft der Post nach Sansibar zu melden. Am Ufer schaukelten zahlreiche Fischercanoes mit Ausliegern, und viele arabische Dhaus mit malerisch geschwungenem Dreiecksegel und blutrothem Wimpel durchfurchten schäumend die blaue Fläche des Sansibar-Canals. Wir kommen an einer Boje und einigen kleinen Inseln vorbei und nach und nach taucht die Stadt Sansibar aus dem Dunst der Ferne. Erst erblickt man den hohen Leuchtthurm mit der blut-rothen einfachen Flagge von Oman und Sansibar, dann die europäischen Dampfer und die zahlreichen arabischen Segler im Hafen, später werden die Umrisse des ansehnlichen, luftigen Sultanspalastes und das massige alte Fort sichtbar und bald liegt die Stadt mit ihren zahllosen flachen Dächern in der Umrahmung üppiger Vegetation vor uns. Zwar ist das Bild landschaftlich nicht so schon wie der Anblick von Mombas, doch macht die Stadt Sansibar einen sehr stattlichen und bedeutenden Eindruck. Kaum war der Anker gefallen, so erschienen auch mehrere deutsche Herren, Vertreter des Consulates, der Handelshäuser und der verschiedenen Gesellschaften, um Dr. Meyer, der in Sansibar viele Freunde besass, zu begrüssen. Im Boote gings an Land, dem Zollhause zu. Dort herrscht ein unglaublicher "Wirrwarr; in dürftigen, theil weise ungedeckten Buden liegen ganze Berge von Kisten, Ballen und Säcken, zwischen welchen tobende, in Schweiss gebadete Neger herumhantieren. Dem Ausgange zu bewegen sich zahlreiche Hammali (Lastträger), die zu den Strassentypen Sansibars gehören. Meist sind es Uniamwesi-Sklaven mit untersetztem Körperbau und prachtvoller Muskelentwickelung, die an gebogenen Stangen ganz unglaubliche Lasten im kurzen Trab befördern. Sie pflegen dabei zu singen, sind immer guter Dinge und fordern Jedermann durch ein keuchend ausgestossenes ,,Simile!" zum Ausweichen auf. Zuletzt gelangt man zu den indischen Zollbeamten, die mit behäbiger Ruhe das allgemeine Chaos überblicken. Der I'remde wird gewöhnlich nicht viel belästigt und wir konnten bald auf die Strasse treten, die sich vor dem Sultanspalaste dahinzieht u^d nach dem Hauptplatze der Stadt führt. Letzterer ist vom alten dreistöckigen Palaste des Sultans, vom Harem und Zollgebäude eingeschlossen und gegen die See zu offen. Dr. Meyer wohnte im Hause eines liebenswürdigen deutschen Consulatsbeamten, das im Centrum der Stadt, in einer engen, schattigen Strasse gelegen ist. Ich begab mich vorerst ins „Grand Hotel Afrique Centrale", ein altes, kühles, arabisches Gebäude am Strande, wo man recht gut aufgehoben war. Die Stadt Sansibar bedeckt eine Halbinsel, die einerseits vom Meer, andererseits von einer Lagune begrenzt wird, welche bei Ebbe fast völlig austrocknet. An der Stelle, wo die Lagune mit der See in Verbindung steht, wird sie von einer steinernen Brücke übersetzt, welche die Vorstadt Malindi mit dem reizenden Negerviertel Ngambo verbindet. Die eigentliche Stadt hat ein durchaus orientalisches Gepräge, ein europäisches Viertel existirt nicht und auch die Weissen wohnen in arabischen Häusern. Am ehesten kann noch der grosse, vierstöckige Palast des Sultans mit seinen breiten Veranden an europäisch-tropische Gebäude erinnern. Besonders bei Mondschein oder wenn das elektrische Licht des Leuchtthurms ihn bestrahlt, macht der blendend weisse Palast mit seinen arabeskenverzierten Gesimsen einen sehr schönen Eindruck, so dass es ganz begreiflich wird, wenn die Eingeborenen ihn als wahren Feenpalast betrachten. Die Strassen sind meist eng und gewunden, wodurch die Orientirung erschwert und besonders in Bazarvierteln den Geruchsnerven viel zugemuthet wird. Allerdings wird dabei durch Schatten die Hitze vermindert. Mit der Strassenreinigung sieht es schlecht aus und die Strassenbe-leuchtung liegt völlig im Argen. Von architektonisch schönen Bauten sieht man leider nur wenige in Sansibar und die wenigen sind meist Ruinen, zwischen welchen die Vegetation wuchert. Auch die zahlreichen Moscheen sind einfach und schmucklos, der Boden mit gelben Matten bedeckt. Dennoch gewährt es viel Vergnügen, in den Strassen Sansibars zu wandeln, da das Volksleben unerschöpfliches Interesse gewährt. Die gewöhnlichsten Typen sind auch hier die dunkelfarbigen Suahili, unter welchen man oft wirklich anziehende und hübsche Gesichter sieht. Sie tragen meist die weisse, zierlich ausgenähte Mütze am kahlrasierten Schädel, ein weisses Hemd und einen eben solchen Lendenschurz, der unten schön orangegelb gesäumt ist. Ich fand unter diesen Leuten bald viele Bekannte, die früher auf den Stationen des Congostaates gedient und mich dort gesehen hatten. Freilich waren die Sansibaris, die ich am Congo als halbnackte, unermüdliche Arbeiter in der Wild-niss kennen gelernt, in diesen stäbchenschwingenden Dandies kaum wieder zu erkennen, doch Hess ihre Kenntniss der Congo-sprachen oder gar des entsetzlichen westafrikanischen Neger-Englisch keinen Zweifel über ihre Identität aufkommen. Suahili-Weiber sind auf den Strassen auffallend zahlreich und stets unverschleiert zu sehen. Sie sind sehr häufig wohlgebaut, besitzen zwar selten den feinen Gesichtsschnitt der Abessinierin, aber um so öfter einen freundlichen, munteren Ausdruck, den selbst ein strenger Kritiker als „hübsch" bezeichnen müsste. Da sie auch meist zierliche Extremitäten und eine sammtweiche, angenehm braune Haut haben, so ist man in Ostafrika so ziemlich darüber einig, dass die Sansibar-Mädchen ihren guten Ruf verdienen. Allerdings bezieht sich letzterer nur auf das Aeussere, denn die Moralität dieser Damen ist eine nach unseren Begriffen unerhört schlechte, eigentlich gar keine. Doch sind sie freundlich und stets guter Laune, auch ziemlich willig und arbeitsam. Ihre Kleidung besteht meist aus rothem Zeuge, welches abenteuer lieh mit Elephanten, Schirmen, Helmen oder anderen weissen Mustern verziert ist. Ein solches Zeug pflegen sie unterhalb der Schultern festzuknüpfen und werfen manchmal noch einen Ueberwurf um die Achseln. Um das Gesicht schlingen sie Strähne blauer Baumwolle, die am Scheitel durch eine silberne Schnalle zusammengehalten werden. Von dieser hängt ein dreieckiges schwarzes Tuch zopfähnlich über den Rücken herab. Sie färben die Fingernägel häufig mit Hennah gelb, tragen hübsche Armbänder von Glasperlen und hohlen silbernen Nüssen (Timbi), Halsbänder von Glasperlen und dicke silberne Fussringe. Die Hnsitte, sich die Nasenflügel zu durchbohren und einen Ring durchzuziehen, beginnt leider aus Indien Verbreitung zu finden. Auch die Kunst, sich unter den Augen blau zu bemalen, ist den braunen Schönen Ungudjas bereits sehr bekannt, wodurch sie denselben „schwärmerischen" Ausdruck bekommen, wie die europäischen Modedamen. Besonders hübsch sehen die Gruppen von Weibern aus, welche um die zahlreichen Brunnen der Stadt versammelt sind, wo sie ihre Krüge füllen und singend in malerischen Stellungen den Kübel aus der Tiefe hissen. Da sie dabei stets Scherz und allerlei Schabernack treiben, so geschieht es nicht gar selten, dass eine in den Brunnen fällt, was grosse Aufregung und Entsetzen verursacht, bis die Verunglückte meist ganz unversehrt unter allgemeiner Begeisterung wieder ans Tageslicht befördert wird. Einen traurigen Eindruck könnten die zahlreichen Sträflinge machen, meist schmutzige, verrissene Gesellen, die durch Halseisen und Ketten miteinander verbunden sind, doch sind auch diese stets heiter und scheinen sich recht wohl zu befinden. Sie ziehen unter Aufsicht eines Arabers in den Strassen umher und verrichten verschiedene Arbeiten. Die vornehmen Araber, deren man ziemlich viele sieht, bewegen sich mit Stolz und Würde durch die Menge. Weniger imposant sehen die armen Maskater oder Hadramauter aus, doch sieht man gerade unter diesen schön geschnittene, energische Gesichter. Sehr zahlreich sind in Sansibar die Indier, die man als elende Krämer in den Bazars und als Millionäre in Equipagen dahinrollend sehen kann, und die fast den ganzen Handel und den Gewerbestand an sich gerissen haben. Sie machen einen wenig sympathischen, schlaffen Eindruck, der auch für ihre Weiber bezeichnend ist, obwohl man unter diesen sehr lichtfarbige und auffallend zierliche Gestalten erblickt. Dies gilt nur von den Mohammedanern und Kuhanbetern, dieParsis (Feueranbeter) und die christlichen Goa-nesen sind in ihrem Aeusseren von Europäern kaum zu unterscheiden. Die Goanesen sind als Handwerker, Wäscher und Kaufleute „für Alles" den Europäern sehr nützlich. Eunuchen sieht man selten und die arabischen Damen, die Abends verschleiert ausgehen, werden nicht von solchen begleitet. In Sansibar wird sehr viel zu Fuss gegangen. Nur selten sieht man ein Pferd, einen schonen Maskat-Esel, der oft mit Hennah roth bemalt wird, oder einen kleinen, ausdauernden Uniamwesi-Esel. Die wenigen Kameele des Sultans scheinen mehr aus Pietät für die arabische Heimat, denn des Nutzens halber gehalten zu werden. Equipagen und einen grösseren Marstall besitzen nur der Sultan und einige reichere Indier. Ersteren kann man öfters, umgeben von seiner rasselnden Leibgarde-Cavallerie, spazieren fahren sehen. Sein Factotum Pira Dautschi, ein Indier, der zugleich Kammerdiener und Admiral ist, pflegt dabei am Bock zu sitzen. Der Sultan Seid Khalifah, ein hochgewachsener, auffallend dunkelfarbiger Mann, kam sich damals noch recht neu und unge-müthlich auf dem Throne seiner Väter vor. Es kann dies nicht Wunder nehmen, denn sein Bruder und Vorgänger Se't'd Bargasch hatte ihn längere Zeit in der Feste gefangen gehalten und dann auf ein Landgut verbannt, um ihm etwaige Aufstandsgelüste zu vertreiben. Nach dem plötzlich erfolgten Tode Seid Bargasch's sah er sich unvermittelt aus einer gänzlich unbedeutenden Stellung zum Sultan von Sansibar, zum Besitzer vieler Millionen erhoben. Man fürchtete bei dem Thronwechsel grössere Volksaufläufe, und es wäre auch zu solchen gekommen, wenn der Commandant der regulären Truppen, General Matthews, nicht mit grosser Umsicht und Energie vorgegangen wäre. Ueberhaupt sind diese Regulären, fast durchaus schwarze Suahili, eine wirklich ganz annehmbare Truppe und entschieden die Elite der Armee Sansibars. Sie bestehen aus sechs Compagnien Infanterie und sind in einer Kaserne im Westen der Stadt bequartiert. Ihr Hauptdienst ist die Ausübung einer Polizeiwache in der Stadt, und ihnen ist es zu verdanken, dass die persönliche Sicherheit in Sansibar mindestens eben so gross ist wie in europäischen Städten. Ein Weisser, der von einem Schwarzen bestohlen oder sonst irgendwie beschädigt wird, braucht nur den nächsten Schutzmann anzurufen, Und das betreffende Individuum wird auf unbestimmte Zeit eingesperrt, ohne dass von Gerichtsverhandlung oder Zeugenverhör die Rede wäre. Die Uniform der Soldaten ist weiss, sie tragen Mützen im Stile der englischen Cavallerie, einzelne auch Stiefel. Ihre Bewaffnung besteht aus einem Snyder-Gewehr und einem Säbel. ^n Bezug auf Paradeausbildung darf man an diese Soldaten natürlich nicht entfernt europäischen Massstab anlegen, und uiancher deutsche Marine-Unterofficier sah wohl schaudernd, wie ein Suahili-Infanterist sich beim Präsentiren vor dem Sultan mit einer Hand hinter dem Ohr kratzte u. dgl. Doch werden Auf-barsche immerhin ganz gut ausgeführt und auch der Schritt ist 2lemlich taktfest. Dazu trägt freilich eine Musikbande bei, welche mit Pfeifen, Trommeln und Tschinellen den Suahili-Soldaten vorangeht. Neben diesen Kerntruppen, die sich auch im Felde, zum Beispiel gegen den aufständischen Araber Mbaruk gut hielten, besitzt der Sultan noch eine Leibgarde von Beludschen, welche täglich die Palastwache beziehen. Sie tragen graue Anzüge und schwarze Kappen und erinnern mit ihrem glänzend schwarzen Haar an jene Slovaken, die sich als Hausirer und Kesselflicker in Wien herumtreiben. Sie bestehen aus drei Compagnien Infanterie und etwa zwanzig Cavalleristen und machen einen recht unmilitärischen Eindruck, sollen aber dem Sultan treu ergeben sein. In das Departement der Leibgarde gehört wohl auch eine Sammlung alter Feuerrohre aller Systeme, die in einem Schuppen am .Strande untergebracht ist. Ein dritter, nicht unwichtiger Bestandteil der Armee sind die Viroboto (Flöhe), so genannt wegen der hüpfenden Tänze, die sie auszuführen pflegen. Es sind Irreguläre, meist aus Südarabien, die sich selbst bekleiden und bewaffnen müssen. Sie thun den Polizeidienst in der Umgebung des Palastes und dürften auch im Ernstfalle in Betracht kommen. Etwas sehr Gewöhnliches sind in Sansibar Ausrückungen der ganzen Armee, welche Freitags, sowie an anderen arabischen Festtagen Vormittags, beim Neumond jedoch gegen Abend stattfinden. Voran zieht dann die erste Musikcapelle, bestehend aus bärtigen Goanesen mit Korkhelmen, die mit mächtigem Lärm, aus dem eine Marschmelodie kaum zu entnehmen ist, heranrasseln. Sie sind dicht umdrängt von zahlreichen Faullenzern und Tagdieben, deren es in Sansibar genug giebt, und für welche die goanesische Capelle die Stelle der Wiener Burgmusik einnimmt. Das verschlissene, aber rein gewaschene Hemd hoch aufgeschürzt, dass die schwarzen Beine sichtbar werden, die Kappe kühn aufs Ohr gerückt, so marschiren sie mit demselben taktfesten Schritt neben der „Banda" einher, der ihre Collegen am Wiener Pflaster in so hohem Grade auszeichnet. Dahinter folgen Beludschen und Suahili-Soldaten mit noch zwei Musikbanden. Sie nehmen am Hauptplatze Stellung, der von einer Corona farbiger Zuschauer umgeben ist, unter welchen die schwarzen Kindermädchen eine grosse Rolle spielen. Dann stimmt die Musik die Nationalhymne an, man präsentirt, so gut es gehen will, und der Sultan zeigt sich seinem Heere von der Veranda. Hierauf rücken die regulären Truppen ein und die Viroboto tanzen in kleinen, enggeschlossenen Gruppen auf den Platz. Sie sind phantastisch gekleidet, pflegen ihre Schwerter zu schwingen und wilde, arabische Schlachtenlieder zu singen. Vor dem Palast angelangt, knallen sie einzeln ihre Gewehre los. Neben diesem grösseren militärischen Schauspiel giebt es m Sansibar noch täglich eine kleine Platzmusik, die bei Sonnenuntergang stattfindet. Dann spielt die Musik die Nationalhymne, ein Schuss wird abgefeuert und einige wilde Thiere: Löwen, Leoparden und Tiger, die in kleinen Käfigen am Strande gehalten Werden, erheben ein furchtbares Geheul. Schamba auf Sansibar. Der gewöhnliche Spaziergang der Europäer ist der nach der Mnasimoja, auf breiter Strasse beim Westende der Stadt hinaus und zu jenen Palmen und Mango-Gruppen, in welche der Deutsche Club reizend eingelagert ist. Leider ist derselbe zwar sehr schön ungerichtet, aber besonders Nachts durch die umliegenden Sümpfe ungesund, so dass man vor Sonnenuntergang wieder nach der Stadt eilen muss. Im Juli und August bereitete die herrliche zartrosa-Beleuchtung des Abendhimmels, die prachtvollen Formen der Cocospalmen und der dunklen, reichbelaubten Mangos einen so entzückenden Anblick, dass der Landschafter Günter in förmliche Begeisterung gerieth. Auf die Dauer wird die Mnasimoja und der Deutsche Club aber doch langweilig und ich zog es vor, mit Herrn Günter oder Dr. Reinhart, dem arabischen Consulats-Dolmetsch, das reizende Negerviertel Ngambo zu durchstreifen. Diese Vorstadt mit den röth-lichen Lehmhütten und kleinen Vordächern, die in prächtiger Vegetation eingelagert ist, mit ihren indischen Bazars, wo es zwar nach Fischen riecht, aber ein buntes, farbenprächtiges Leben wogt, mit ihren vielen eigenartigen Typen gehört entschieden zu den schönsten Theilen Sansibars. Hier entfaltet sich die natürliche Heiterkeit der Suahili am schönsten. Die schattigen Alleen durchziehen scherzende Gruppen brauner Wasserträgerinnen, aus den Hütten rufen reizende Kinder mit blitzenden Augen und komisch bemalten Gesichtern uns ihr übermüthiges „Jambo" zu und wo die Trommel klingt, da ist bald eine Schaar von Tänzern versammelt. .In trippelnden, aber nicht unschönen Sprüngen bewegen sie sich im Kreise und singen dazu jene wohlklingenden, einförmigen Lieder mit schwermüthigem Tonfall, die durch den weichen Klang der Suahili-Sprache einen eigenartigen Reiz bekommen. Ich konnte stundenlang diesen melodischen Gesängen lauschen, dies muntere, bewegte Bild betrachten, und die Stunden, die ich in Ngambo verbrachte, sind die schönsten meines Aufenthaltes in Sansibar. Einen anderen hübschen Spaziergang unternahm ich mit dem Hamburger Zoologen Dr. Stuhlmann, der bei Hansing sein Laboratorium aufgeschlagen hatte und mit Eifer das unerschöpfliche Feld mikroskopischer Forschung bebaute. Wir gingen am Westende der Stadt hinaus und über jenen schmalen Landstreifen, der sich zwischen dem Ende der Lagune und der offenen See ausdehnt. Man durchzieht anfangs einen arabischen Friedhof, dessen unscheinbare Grabmoschee durch eine auffallend schöne Palmengruppe gehoben wird, und gelangt dann auf ein wüstes, buschbedecktes Land, wo bisher die Europäer beerdigt wurden. Dann führt der Weg längs des Strandes, wo bald ein grauer, mit Seebildungen überzogener Sandstein zu Tage tritt, der zu Riesentöpfen und Zacken verwaschen ist. Später fällt die Uferrampe, auf deren Höhe das schöne weisse Gebäude der englischen Mission liegt, steil zum Strande ab und an demselben weiterschreitend erreicht man eine Stelle, wo der Abfall durch eine kesseiförmige Vertiefung unterbrochen wird. Man gelangt nach derselben nur durch eine enge Schlucht und erblickt gardinenförmige, gezackte Rippen, welche sich von der Höhe herabziehen. Sie sind in steile, spitze Kegel gegliedert und durch tiefe Furchen getrennt, so dass man ein wüstes Gebirge im Kleinen vor sich zu sehen glaubt. Die Grate, welche offenbar der Erosion ihre Entstehung danken, bestehen äusserlich aus hartem Sande, besitzen jedoch einen Laterit-kern. Wir erkletterten die Höhe der Rampe und zogen durch Maniokfelder und Gärten nach der Mnasimoja und heimwärts. Im Uebrigen kam ich in Sansibar nicht viel zu Spaziergängen, da unsere Zeit durch das Packen und Anwerben der Mannschaften sehr in Anspruch genommen war. Dr. Meyer hatte €in grosses arabisches Haus gemiethet, in welches ich übersiedelte und mich afrikanisch, aber wohnlich einrichtete. Besonders angenehm war ein Aussichtsthurm, auf dem ich Morgens nach dem üblichen kalten Bade mein Frühstück einnahm und den prächtigen Fernblick über die Stadt mit ihrer üppig grünen Umgebung, auf den Plafen und das blaue Meer genoss. Gar oft Waren bei schönem Wetter auch die fernen Hügelketten des Festlandes sichtbar. In dieses Haus hatten wir unsere Tausch-Ur,d Ausrüstungs-Gegenstände gebracht und begannen eifrig, sie in Lasten von 65 bis 70 englische Pfund für die Inlandreise zu verpacken. Die persönlichen Diener und Köche waren bald gefunden und nach den Zeugnissen und dem allgemeinen Eindruck der Person angeworben worden. Weit schwieriger war es, die Askari (Soldaten), deren wir etwa 30, und die Pagasi (Träger)) deren wir 150 benöthigten, anzuwerben. Wir mussten uns wegen dieser in Verhandlung mit dem reichen Indier Sewah Hadschi (in Sansibar „Soah" genannt) setzen, der die Vermittlung bei Trägeranwerbungen geschäftsmässig betreibt und kaum zu umgehen ist, weil er die Suahili-Leute durch Wucher fast alle in seine Hand gebracht hat. Die Verhandlungen fanden im deutschen Consulate statt, dessen Suahili-Dragoman als Dolmetsch diente. Es war wirklich interessant, den dicken Indier mit goldgesticktem Turban, schwarzem Bart und stechenden, schwarzen Augen zu beobachten, wie er scheinbar unaufmerksam und gelangweilt den Worten des Dragomans zuhörte, dabei aber fortwährend Einwände und Vorschläge machte, die von erstaunlicher Verschlagenheit zeugten. Nach mehreren Tagen brachten wir ihn so weit, dass er den im Anhange abgedruckten Vertrag mit Dr. Hans Meyer abschloss und sich mit einer Bezahlung von 7 Dollars per Mann und Monat zufriedenstellte. Die Punkte des Vertrages schienen allerdings sehr bindend für ihn und die Mannschaften, hatten jedoch, wie sich später zeigte, praktisch gar keine Wirkung. Neben unseren Arbeiten pflegten wir auch den Verkehr mit der deutschen Colonie, dem Generalconsulat, den Handeishäusern und den Vertretern der Ostafrikanischen Gesellschaft, deren Leitung eben Consul Vohsen ergriffen hatte. Das deutsche Element war damals in Sansibar obenan, die Escadre lag im Hafen und in stolzer Zuversicht hoffte man das beste von der Ausführung des Zollvertrages, der mit dem Sultan abgeschlossen worden war. Derselbe räumte der Ostafrikanischen Gesellschaft nicht nur das Zollrecht, sondern die Ausübung aller souveränen Rechte im Küstengebiete im Namen des Sultans ein und sollte binnen Kurzem in Kraft treten. Am 4. August unterbrach ich meinen Aufenthalt in Sansibar durch einen Ausflug nach Bagamoio. Ich unternahm denselben hauptsächlich, um diesen in der Geschichte der Afrika-Forschung so berühmten Ort kennen zu lernen, verfolgte dabei jedoch die prosaische Nebenabsicht, UniamwTesi-Esel für unsere Expedition anzukaufen. Ich nahm zu diesem Zwecke nicht nur meinen Privatjungen Tschansi mit, sondern auch den Muiniampara*) Muinikambi, einen alten Bekannten von Leopoldville am Congo, und sechs Mann. Die Abfahrt sollte Früh stattfinden, doch wunderte sich Niemand, dass wir erst um 1 Uhr Nachmittags dazu kamen, die arabische Dhau zu besteigen, welche nach Bagamoio bestimmt war. Wir betraten ein ziemlich elendes Fahrzeug, welches einem Hindu gehört, die englische Flagge führt und von *) Muiniampara = Überaufseher. einem schwarzen Capitän befehligt wird. Unter lautem Gesang wurde von Matrosen und sämmtlichen Passagieren das Segel gehisst, der Schiffer ergriff den Steuerbalken und wir fuhren ab. Unter der Gesellschaft an Bord fielen besonders ein paar hochgewachsene Neger-„Fürsten" aus dem Hinterlande von Bagamoio auf, die braune Burnusse und hohe bunte Mützen trugen. Ihre Sklaven, die sehr urwüchsig aussahen, kauerten am Bug und trommelten und pfiffen unaufhörlich, um den guten Wind herbeizurufen. Weniger angenehm war die Lage einiger Weiber, die auf den Waarenbündeln im Räume sitzen mussten und nur manchmal unter dem Blätterdach hervorlugten. Die waldigen Ufer der Insel und das Häusermeer der Stadt verschwand immer mehr, während die Küstenhügel des Festlandes deutlicher sichtbar wurden. Unter Trommeln, Flintenschüssen und lautem Jubel passirten einige Dhaus an uns vorbei, und die Stimmung an Bord war eine sehr gehobene, als leider ein widriger Wind einsprang und den Schiffer zum Kreuzen zwang. Ein alter Soldat Tippo Tip's, der behauptete, mich vom oberen Congo her zu kennen, beschwor zwar den Wind auf Kinyema und Kiniamwesi, die „Fürstendiener" aus dem Hinterland pfiffen sich die Lunge aus, um die gute Brise heranzulocken, doch dies Alles nützte nichts, wir mussten in der Dunkelheit Segel reffen und vor Anker übernachten. Die Nacht auf e'ner Matte war gerade nicht angenehm, doch bekamen wir gegen borgen leichten Wind und steuerten langsam auf das niedrige Ufer zu, aus dessen Buschmassen einzelne Dumpalmen hervor-ragen. Gegen Mittag erst erhob sich eine kräftige Brise und bald lagen wir vor dem Steilufer, das sich im Norden von Bagamoio erhebt. Trotz der regnerischen Witterung machte das Städtchen mit seinen Palmen und Negerhütten, aus welchen sich einzelne weisse Häuser erheben, einen angenehmen Eindruck. Wir landeten und ich begab mich nach dem Hause Sewah Hadschi's, Welches im Centrum der Stadt gelegen ist und von einem recht unverschämten Hindu verwaltet wird, der mir widerwillig ein Zimmer anwies. Dasselbe war sehr schmutzig, zeigte jedoch in verrissenen Prunkmöbeln, halb zerbrochenen geschnitzten Tischen und staubbedeckten Glasvasen „Spuren früheren Wohlstandes". Auch später benahm sich dieser Indier so unfreundlich und niedrig misstrauisch, dass ich wieder einmal zur Ueberzeugung kam, die arischen Racenbrüder in Ostafrika seien doch vielfach ein recht elendes, schmutziges Gesindel, was man von den Semiten dieser Striche, den Arabern, keineswegs sagen kann. Die Stadt Bagamoio ist zwar recht ausgedehnt, gleicht jedoch einem grossen Dorfe und trägt viel weniger städtischen Charakter als Mombas. Die meisten Häuser sind Lehmhütten mit Blätterdächern, nur im Süden erhebt sich aus einem Palmenhain das massive Haus des Vali, welches in den späteren Kämpfen einige Berühmtheit erlangte. Im Uebrigen sind nur einzelne Häuser vermögender Araber und Indier, sowie die ziemlich zahlreichen ärmlichen Bethäuser aus Stein gebaut. Die Bevölkerung trägt ungefähr denselben Charakter wie in Sansibar, nur herrscht das Negerelement stärker vor und erhält durch die Anwesenheit zahlreicher Waniamwesi-Leute und andere Inlandstämme mehr Ursprünglichkeit. Diese Leute kommen als Karawanenträger aus dem Innern und wohnen theils in offenen Häusern, theils lagern sie in primitiven Zelten auf den Plätzen und Strassen der Stadt. Sie sind mit dem Lendenschurz bekleidet, nur einzelne Anführer tragen feuerrothe Mäntel. Sie flechten ihr Haar in verschiedener AVeise, pflegen sich durch dicke Narbenwülste zu verunstalten, zieren sich mit Muscheln und Glasperlen und sind sehr schmutzig. Sie erinnerten mich an die Bakongo-Träger an den Livingstone-Fällen, nur kennen diese erst Steinschlossgewehre, während die Waniamwesi bereits allgemein Kapselflinten führen. Sie tragen Lasten bis zu 90 Pfund, die sie an drei Stöcke zu binden pflegen. Den Kupfer- und Messingdraht vertheilen sie in zwei Bündel, die an die Enden einer Stange gebunden werden. Ihren Tabak nähen sie in lange, wurstförmige Bastsäcke und verkaufen ihn vielfach. Dem Geschmacke dieser Leute entsprechend sieht man in den zahlreichen indischen Buden Bagamoios viel Glasperlen, Messingdraht und andere von Centraiafrikanern begehrte Gegenstände. Ueberau sind auch, ähnlich wie in Sansibar, kleine Garküchen errichtet, denen die unmöglichsten Fischgerüche entsteigen. Weit mehr erfreut der Anblick zahlreichen, schönen Buckelrindviehs, dem Bagamoios Reichthum an guter Milch zu danken ist. Die grösste und nahezu einzige Sehenswürdigkeit Bagamoios ist die katholische Mission der „Congregation du Saint Esprit". Für mich bot dieselbe ganz besonderes Interesse, da ich die Missionen derselben Gesellschaft in Westafrika, Gabun, Landana, Borna und Linzolo kennen und als wahre Musteranstalten schätzen gelernt hatte. Nachdem man die letzten Hütten der Stadt hinter sich gelassen, tritt man in eine prachtvolle Cocospflanzung, welche bereits zur Mission gehört. Ueberau sieht man hübsche Wege, die mit Ananas eingefasst sind, und unter den vertrauten Formen der Cocospalmen erblickt man vereinzelt fremdartige amerikanische Palmenarten. Nach etwa 20 Minuten erreicht man das Eisengitter, Welches die Missionsgebäude und den Garten einzäunt. Vor dem Eingange steht eine Christusstatue aus Bronze, welche die Eingeborenen „Kambi Mbaia" nennen, weil sie nach ihrer Ansicht einem Manne dieses Namens ähnlich sieht. In einer Statue des heiligen Joseph, die im Garten aufgestellt ist, glauben sie einen Negerhäuptling aus Unianiembe zu erkennen und bezeichnen sie daher als „Sultani Unianiembe". Es war Sonntag und der wohlklingende besang der Missionskinder tönte aus der Kirche, so dass der alte Thürhüter, ein Türke aus Mesopotamien, meinte, ich thäte besser, erst morgen wiederzukommen, da heute Ruhetag sei. Dennoch konnte ich nach der Messe die freundlichen Patres und Laienbrüder begrüssen und wurde zu ihrem einfachen aber trefflichen Frühstück eingeladen. Die Missionäre sind fast sämmtlich aus Elsass-Lothrin-gen und sprechen fast alle deutsch. Das eigentliche Getriebe der Mission lernte ich allerdings erst am nächsten Tage kennen, wo Alles in voller Thätigkeit war. Da sieht man freilich keine feinen, zierlichen Boys, wie in den englischen Missionen; die Jungen in Bagamoio sehen an Wochentagen recht verrissen und schmutzig aus, müssen aber auch von Früh bis Abends tüchtig arbeiten, und Criquet spielende Faullenzer sind hier gänzlich unbekannt. Was mit solchen Kräften unter tüchtiger, verständiger Leitung geleistet werden kann, das bezeugt die ganze, grosse Missionsanstalt. Sehr interessant und lehrreich ist der Garten, welcher künstlich bewässert wird7 und wo nicht nur alle Culturgewächse des tropischen Ostafrikas gedeihen, sondern auch manche europäische, und wo selbst mit Producten ferner Tropenländer, wie Cacao und Vanille, gelungene Versuche gemacht werden. Der Friedhof, der unter Cocospalmen hinter dem Garten liegt, beweist, dass die Mission schon viele Verluste erlitten hat. Für die Unterkunft der Jung-en sind lange, ebenerdige Häuser errichtet worden, in welchen sie auf Holzpritschen schlafen; Matten sind aus Reinlichkeitsgründen verpönt. Die Jungen sprechen unter sich Suahili und werden auch in dieser Sprache unterrichtet, während in den westafrikanischen Missionen der französische Unterricht strenge durchgeführt wird. Die Patres meinten, dass es ihnen, falls dies von der deutschen Regierung verlangt werden sollte, keineswegs schwer fallen würde, ihre Mission in eine deutsche zu verwandeln. Sie würden dann eben nur die vorgeschritteneren Jungen statt im Französischen,imDeutschen unterrichten, was umsoweniger Schwierigkeiten hätte, als die Nationalität der meisten Patres ohnehin deutsch ist. Unter liebenswürdiger Führung des Priors Pere Etienne besah ich dann auch den Viehpark, wo Rindvieh, Esel und zwei Strausse um ein paar prächtige Bambussträucher grasen, die Schmiede und Tischlerei, wo, mit Eifer und Geschick gearbeitet wird, und zuletzt das Kirchlein. Letzteres ist zwar nicht sehr grossartig, aber dadurch bemerkenswerth, dass es ausschliesslich aus dem Erlös von Insectensammlungen erbaut ist. Aehnlich wie bei den Patres sieht es bei den Schulschwestern aus, bei welchen die Mädchen erzogen werden. Zwar schien es mir, als ob die Ordnung und besonders die Reinlichkeit in der älteren Mission von Landana (Westafrika) noch grösser seien, doch bekam ich im hohen Grade den Eindruck, dass hier etwas geleistet werde. Von der vielfach auf äusseren Schein berechneten Humanitätstünche der englischen Mission war nichts zu bemerken, die Jungen werden strenge zur Arbeit angehalten und zu tüchtigen oder wenigstens arbeitsamen Menschen herangebildet. Das System ist dasselbe wie in Westafrika. Die Kinder werden als Sklaven von den Eingeborenen angekauft, oder besser gesagt losgekauft, und in der Mission erzogen. Hierauf werden sie unter einander verheiratet und in der Umgebung der Mission in christlichen Dörfern angesiedelt. Aus diesen wieder werden Colonisten als Kern für christliche Gemeinden der Zweigmissionen in Nguru und Usagara entnommen. Abgesehen von dem reinen Bekehrungserfolg, der im Ver-hältniss zur Masse der Bevölkerung natürlich noch kein bedeutender Sem kann, ist der moralische Einfluss gar nicht hoch genug zu schätzen, den ähnliche Missionen auf die Eingeborenen ausüben. Die neuen und zweckmässigen Methoden des Feld- und Gartenbaues, der Handwerke und Fertigkeiten, welche sie pflegen, die Erfolge, welche sie damit erzielen, die ärztliche Hilfe, welche sie bereitwillig jedem Neger gewähren, dies alles wirkt auf die Schwarzen viel stärker und nachhaltiger, als jahrelanges Predigen und Ermahnen. Welch hohe Achtung die Mission in Bagamoio geniesst, zeigte sich am deutlichsten beim jetzigen Aufstande, wo ^ie arabischen und schwarzen Insurgenten während der wüthend-sten Kämpfe um Bagamoio die nahezu wehrlose Mission völlig Ungestört Hessen und ihren Boden nur als letzte Zuflucht benützten. Nachdem ich derart Bagamoio kennen gelernt und sechs nette Eselein gekauft hatte, die unsere Leute nach Pangani schaffen SüHten, fuhr ich am Morgen des 7. August zeitlich früh wieder ab- Das Wetter war herrlich, die junge Sonne bestrahlte das reizend im Grünen gelegene Bagamoio, während unsere stark besetzte Dhau rasch vor dem Winde dahinflog. Leider Hess letzterer bald nach und wir lagen mehrere Stunden mit völlig schlappem Segel in der Sansibarstrasse. Dieselbe ist manchmal So seicht, dass man den weissen, sandig-en Grund mit einzelnen grünen Algenparcellen wahrnimmt. Doch scheint man darüber hinwegzufliegen, so stark ist die Strömung im Canal. Die Schwarzen an Bord richteten sich bereits ganz häuslich ein und begannen uut Erfolg zu fischen, als sich endlich eine Brise erhob und uns rasch dem grünen, leichtgewellten Sansibar zutrug. Um 4 Uhr Nachmittags langten wir im Hafen an. Die Tage in Sansibar vergingen in gewohnter Thätigkeit 1Tut fast täglichen Spaziergängen nach Ngambo. Eine traurige Abwechslung brachte der Tod eines österreichischen Landsmannes, es Herrn Spielmann, der plötzlich einem Leberleiden erlegen war ■VT"JMANN, In noutsch-Oatiifrikft wiUirend d«s AuAUnde*. 3 und nun als erster am neuen deutschen Friedhof in den verhängnissvollen „rothen Boden" Afrikas gesenkt wurde. Der Verstorbene, der sich als Agent in Sansibar sehr nützlich gemacht hatte, hinterliess sein Vermögen dem deutschen Spital. Gegen Mitte August bekam ich das Fieber, welches sich nach jedem Ausfluge ans Festland pünktlich einzustellen pflegt. Ich übersiedelte ins deutsche Spital, das sehr schön gelegen und wohnlich eingerichtet ist und in welchem ich mich dank der Pflege der gütigen Leiterin bald erholte. Zufällig war eben gar kein schwer Kranker im Hause und das Hospital wurde für uns ein recht fideles Gefängniss. Am 18. August begann das mohammedanische Neujahrsfest, der Sikuku. Schon in der Nacht badeten alle Schwarzen in der See und durchzogen singend die Strassen. Eine Schaar Weiber stellte sich vors Hospital und machte einen solchen Höllenlärm, dass wir ihnen einige Kübel Wasser über die Köpfe gössen, worauf sie lachend und kreischend auseinanderfuhren. Ich zog wieder in meine Wohnung zurück und hatte' Gelegenheit, das bunte Feiertagstreiben der nächsten Tage zu beobachten. Alle Consulate waren befiag-gt, die Kriegsschiffe und Sultansdampfer prangten ebenfalls in Flaggengala und durch die Strassen wogte die festlich geschmückte Menge. Ein Hauptbelustigungsort war der arabische Friedhof, wo mit Weihrauch geräuchert und Essen feilgeboten wurde. Zwischen den Gräbern bewegten sich Araber in feiner Kleidung mit ihren schönsten Waffen und ausgelassen lustige Suahili. Unter den Palmen lagerten reichgekleidete Indier, dem Saitenspiel eines nationalen Barden lauschend, der irgend ein indisches Heldengedicht vortrug. Besonders hoch ging es an diesen Tagen in Ngambo her, wo zahlreiche tanzende Gruppen sich vereinigten und die Lustbarkeit ihren Gipfel erreichte. Am 20. August empfing der Sultan die Vertreter der europäischen Staaten, um ihre Glückwünsche zum Jahreswechsel entgegenzunehmen. Am Hauptplatze war die Armee in höchster Parade angetreten und bei Annäherung der Consuln wurde die betreffende Nationalhymne gespielt und präsentirt. Die Consuln und die sie begleitenden Marineofficiere waren in voller Uniform, die Unterthanen, denen auch wir uns anschlössen, hatten zerknitterte Fracks oder sonstige dunkle Kleidungsstücke aus den Tiefen ihrer Koffer geholt und sich möglichst fein gemacht. Am Eingange des neuen Palastes empfingen uns einige vornehme Araber und geleiteten uns durch den Vorsaal, wo einige Salutgeschütze aufgestellt waren, die der deutsche Kaiser dem Sultan geschenkt. Dann stiegen wir eine Treppe hinan, an deren oberem Ende der Sultan mit einem prächtigen Gefolge reich gekleideter Araber stand und jedem Europäer mit orientalischer Höflichkeit die Hand gab. Voranschreitend geleitete er uns in den schönen anglichen Thronsaal, dessen Wände reich mit Arabesken geziert, dessen Boden mit prachtvollen Teppichen belegt ist. An der einen Langseite Hessen sich die Araber nieder, während wir an der anderen auf rothen Möbeln Platz nahmen. Der Sultan sass an der Schmalseite auf einem Throne und sprach durch den Dolmetsch mit dem Consul. Man setzte uns Scherbet, arabische Süssigkeiten Und schwarzen Kaffee vor, wobei der Ober-Eunuch die Bedienung ieitete, dann tropfte das Factotum Pira Dautschi jedem etwas Rosenöl aufs Schnupftuch und die Audienz war zu Ende. Abermals reichte der Sultan jedem Europäer die Hand und wir eilten heim, froh der lästigen Frackplage überhoben zu sein. Den Ober-Eunuchen hatte ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal gesehen. Er mag von seiner Wichtigkeit viel eingebüsst haben, da der Plarem des verstorbenen Sultans nach und nach aufgelassen wird und der neue, der überhaupt etwas knickerig sein s°n, bisher keine Lust zeigt, sich das fabelhaft kostspielige Vergnügen eines LIarems zu vergönnen. IL Capitel. Von Pangani nach Haschatu. Pangani. — Pombue. — Die deutsche Tabaksfarm Lewa. — Trennung von der Haupt-Karawane. — Unsere schwarze Mannschaft. — Das Leben am Marsche. — Magila. — Im südlichen Usambara. — Die Felsenfeste Mkalamu. — Der Kombolaberg. — Hundu und der Urwald des Nielo. — Die Kumbamulde. — Campinenland. — Ueber den Dasseiberg nach Haschatu. — Die afrikanischen Wegweiser. Inzwischen waren unsere Arbeiten in Sansibar vollendet, die Lasten lagen, abgewogen und in Matten genäht, bereit, die Mannschaften harrten unser in Pombue am Pang-aniflusse, und nichts hielt uns mehr in der Hauptstadt zurück. Die Uebernahme der Verwaltung durch die Ostafrikanische Gesellschaft hatte stattgefunden und gerade in Pangani war die Flaggenhissung mit Unruhen verbunden gewesen. Doch schienen die letzteren so unbedeutend und wurden durch die Kriegsschiffe so rasch niedergeschlagen, dass wir keinen Grund sahen, deshalb den Antritt unserer Reise aufzuschieben. Der 22. August wurde für die Abfahrt festgestellt. Die Leute Sewah Hadschi's, dessen Dhau wir benützen sollten, weckten mich schon vor Tagesanbruch; rasch wurden die letzten Bündel geschnürt, zwei Jungen, die sich nicht eingefunden hatten, wurden ganz wunderbar schnell von der Polizei zu Stande gebracht, am Strande drückten wir dem deutschen Vice-Consul noch die Hand und unter dem Hurrah der Sansibarleute gings in schwer beladenen Booten an Bord der Dhau. Das Segel, welches mit ungeheuren rothen S. H. (Sewah Hadschi) geschmückt war, wurde gehisst, die englische Flagge am Bug entfaltet und fort gings, dem ungewissen Schicksale am Festlande hoffnungsfreudig entgegen. Bei günstigem Winde flogen wir an der Küste der schönen Insel und den verschiedenen Leuchtthürmen vorbei und steuerten in die offene See. Bald war Sansibar ver- schwunden und die Festlandsküste mit einzelnen charakteristischen Bergformen tauchte auf. Um 5 Uhr Nachmittags fuhren wir in die Mündung des Panganiflusses ein, dessen Südufer in steilen Korallenfelsen abfällt, wahrend das flache Nordufer zahllose Cocospalmen bedecken, an welche sich die Häuser der Stadt Pangani anschliessen. Dahinter steigen flache Hügelkuppen an und weiter stromaufwärts tauchen höhere Bergzüge, die Vorberge von Usambara, auf. Am Strande von Pangani wehten auf ein paar niedrigen Stöcken die Sultansflagge und die Usagaraflagge. Unter ietzterer ist die Hausflagge der deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft zu verstehen, ein aus dem südlichen Kreuz und den deutschen Farben zusammengestelltes Phantasiebild. Ob es nicht einfacher gewesen wäre, nur die Sultansflagge zu hissen, statt durch die politisch nahezu werthlose Usagaraflagge den Unmuth der Bevölkerung wachzurufen, mag dahingestellt bleiben. Wir landeten beim Stationshause der Ostafrikanischen Gesellschaft, einem niedrigen Steinbau, wo uns die Vertreter der Gesellschaft be-grüssten, unter welchen sich auch mein Wiener Landsmann, Herr Siegl, befand. Sie waren mit Recht stolz auf eine Garnison von zwölf deutschen Matrosen, die zu ihrem Schutze in Pangani gelassen worden waren, und deren stramme Gestalten sich neben den Suahili-Leuten ganz prächtig ausnahmen. Wir erhielten ein Wohnhaus im Innern der Stadt angewiesen und verbrachten einen gemüthlichen Abend im Usagarahause, wo die Matrosen mit kräftigen Stimmen deutsche Volkslieder sangen. Obwohl die Stadt Pangani als Ausgangspunkt der Massai-Karawanen immerhin nicht unwichtig ist, macht sie doch einen ziemlich unbedeutenden Eindruck. In den schmutzigen, winke-ugen Strassen erblickt man nur wenige ansehnlichere Gebäude, die meisten Häuser sind niedrig, aus Lehm oder Korallenfels erbaut. Gegen Norden verliert sich die Stadt in ausgedehnten Cocos-Schambas. Bei unserer Anwesenheit war Pangani recht °de und menschenleer. Her Vali und fast alle Araber hatten die Stadt verlassen und in den Strassen waren nur Indier und Neger zu sehen. Doch wurde die Ruhe in keiner Weise gestört, Und unter dem Schutze der deutschen Matrosen begannen die Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft die Zügel der Verwaltung zu ergreifen. Sie besteuerten die ein- und auslaufenden Dhaus, hielten Gerichtstage, Hessen lange arabische Kundmachungen anschlagen, verboten das Waffentragen in der Stadt und begannen sogar eine Art Strassenpolizei einzuführen. Dies alles geschah so ungestört und ruhig, dass wohl Niemand das rasche Ende dieser Herrlichkeit und den Ausbruch eines so heftigen Aufstandes ahnen konnte. Auch als die Matrosen am 24, August wieder von ihrem Schiffe abgeholt wurden, blieb die Stadt völlig ruhig. Gegenüber von Pangani liegt das Suahilidorf Mambo Sassas, nach welchem man mit einem ziemlich regelmässig verkehrenden Ueberfuhrboote von der Stadt gelangt. Knapp hinter dem Dorfe steigen die steilen Wände der Randberge am rechten Pangani-ufer an. Durch eine Schlucht klettern wir über vielfach verwitterten rothen Madreporen-Kalkstein, in welchem sich viele recente Versteinerungen finden. Auf der Höhe des Plateaus, wo Bohnen und Papayas gedeihen, geniesst man einen schönen Blick auf die breite Panganimündung, die Stadt mit ihren Cocospalmen, die Niederung, welche der glänzende Fluss in zahllosen Windungen zieht, und die fernen Bergkämme des Innern. Am 25. fuhren wir mit dem Leiter der deutschen Station nach dem anderen Flussufer und stiegen unweit der Mündung aufs Plateau. Wir durchschritten grasiges, leicht gewelltes Land, in welchem Gruppen von Mangos und Dumpalmen verstreut Hegen und wo wir schöne Viehherden weidend fanden. Zuletzt erreichten wir unser Ziel, die Baumwollfarm Kikogwe der deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft. Die Baumwollfelder waren ausgedehnt und schienen sehr gut gehalten, auch waren die Beamten, ein Deutscher und ein amerikanischer Däne, mit dem Stande der Pflanzungen sehr zufrieden. Als Wohnhaus diente anfangs ein umfangreiches Steinhaus, welches sich aber als so feucht und unpraktisch erwies, dass es später nur mehr als Geräthe-schuppen benützt werden konnte. Die Weissen dagegen wohnten in einem hübschen, luftigen Palmblatthaus mit steilem Dach, von welchem man einen schönen Blick auf die See geniesst. Als besondere Merkwürdigkeit wurde uns in Kikogwe der „schönste Neger Afrikas" vorgestellt. Derselbe war allerdings ein auffallend hübscher, dunkelfarbiger Junge, aber kein Neger, sondern der Sohn eines Indiers und einer Halbblut-Suahili-Frau. Ein anderer hübscher Ausflug führte uns von Pangani durch die reizenden Cocoswaldungen im Norden der Stadt, in welchen einzelne Hütten verstreut liegen. Nach einer halben Stunde hat man die Schwemmzone des Flusses durchschritten und erreicht den nördlichen Plateauabfall, der in röthlichen Steilwänden ansteigt, in deren Schluchten prächtige, lianenumschlungene Baumgruppen gedeihen. Wir fanden in den Gesteinen viele Fossilien und erstiegen die Höhe des Plateaus, wo ziegelrother, anscheinend sehr fruchtbarer Boden aufliegt und eine frische Seebrise Weht. Ueberall gedeihen Mais, Bohnen und Maniok, zwischen Welchen einzelne Dumpalmen und Baobabs aufragen. Letztere Pflegen die Eingeborenen am Untertheil abzuschälen, um den Bast zu gewinnen, was jedoch das Wachsthum des Baumes nicht hindert. Auf dem Rückwege besuchten wir den netten Garten eines Arabers, wo schöne Blumen und früchtebeladene Granat-äpfelbäume uus erfreuten. Als Führer diente uns ein schwarzhaariger, krummnasiger, geckenhaft gekleideter junger Indier, der dem Leiter der deutschen Station mit kriechender Freundlichkeit begegnete. Es war Abdallah bin Abd el Kerim, dessen Vater sich später als Bankier Buschiri's und seiner Raubgenossen entpuppte und der wohl schon damals mit den Verschwörern in enger Verbindung stand. Am 27. August schloss ich die Reihe meiner astronomischen Beobachtungen, die den Zweck unseres mehrtägigen Aufenthaltes in Pangani bildeten, und wir konnten unsere Reise ins Innere antreten. Den Vormittag verlebten wir noch gemüthlich im Usagara-hause, um halb 2 Uhr drückten wir den deutschen Landsleuten die Hand, bestiegen eine kleine Dhau und fuhren, von Fluth und Wind getrieben, den ansehnlichen Panganifluss aufwärts. Am rechten Ufer steigen die Hügel fast unvermittelt an, an ihrem Fusse liegen die Weiler Gross- und Klein-Mbueni, letzteres die Niederlassung des bekannten Massaihändlers Jumbe Kimemeta. Das linke Ufer ist flach, theilweise versumpft. Wir bemerkten einige kleine Affen, die, unbekümmert um unser Boot, aus dem Flusse tranken, sonst war vom Thierleben wenig- zu ersehen. Schon bei Pangani hatte ich die altgewohnte, liebgewordene Beschäftigung der topographischen Aufnahme begonnen, während die Sansibaris jene eintönigen, aber oft melodischen Ruderlieder erschallen Hessen, die mir vom oberen Congo her so wohl bekannt waren. Der Fluss schlängelt sich in scharfen Biegungen durch das Land, bald treten am rechten, bald am linken Ufer die Berge nahe. Dieselben sind am Untertheile meist kahl und nur die Gipfel und die leicht gewellten Kämme sind bewaldet. Dazwischen sieht man viele Landgüter, Schambas der Araber, wo Mais und Zuckerrohr gebaut wird, und die Cocospalme, die schönste ihres Geschlechts, in reichen Gruppen die einfachen Wirthschaftsgebäude beschattet. Oefter erschallt vom Ufer lauter, munterer Gesang: es sind vSchwarze, die unter Aufsicht eines Arabers die Kurbel einer Zuckerpresse drehen. Dazwischen dehnen sich unbebaute, morastige Strecken aus, wo die .sumpfliebende Raphia und die zierliche, oben flaschenförmig aufgetriebene Arecapalme aus dem Gewirre von Buschwerk und Gras emporragen. An einer scharfen Flussbiegung warfen die Leute Kupfermünzen ins Wasser und baten uns, ein Gleiches zu thun, da der Scheitani, der Teufel, hier sein Wesen treibe ; es geschah. Der Scheitani scheint jedoch unser Opfer nicht mit Wohlgefallen aufgenommen zu haben, denn unfern von unserem Ziele fuhren wir auf eine Sandbank. Glücklicherweise bemerkten uns die Leute am Strande bald und schickten ein elendes Canoe, in welchem wir einen Seitenarm eine Strecke weit hinauffuhren, worauf wir landeten und nach wenigen Minuten Marsch die ärmlichen Hütten von Pombue (Pongwe) erreichten. Zwischen denselben wogte ein fröhliches Leben. Unsere Träger, meist mit rothen englischen Uniformröcken bekleidet, die Askari (Soldaten) mit netten blauen Matrosenanzügen, und einige Indier Sewah Hadschi's begrüssten uns lärmend; bald erhoben sich die lichtgrünen, doppelt bedachten Zelte am Dorfplatze und der Koch begann unser Mahl zu bereiten. Die Landschaft um Pombue ist typische Campine, hohes Gras mit eingestreuten Büschen, und erinnert lebhaft an einzelne Striche am unteren Congo. Als die Nacht hereinbrach und die Lagerfeuer aufleuchteten, als die Cicaden und Frösche ihren lauten Chor an- stimmten und fern am Horizont der Schein der Grasbrände glühte, da traten die unvergesslichen Nächte am Congo deutlich vor mein Gedächtniss und ich konnte mich mit dem glücklichen Be-Wusstsein zur Ruhe legen: Wieder im Busch! Am 28. bemühten wir uns einige Ordnung in den allgemeinen Wirrwarr zu bringen und verblieben zu diesem Zwecke in Pombue. Das fatale Geschäft des Lastenvertheilens hatten Sewah Hadschi's Indier zwar bereits besorgt, doch gab es unter den 2°o Trägern gar manchen, der mit seiner Last nicht zufrieden War und allerlei Einwände erhob. Auch mussten für die Privatlasten und Instrumente besonders kräftige und anscheinend verlässliche Leute ausgewählt werden. Auch die sechs Esel, die den Weg von Bagamoio hierher glücklich zurückgelegt hatten, mussten Packsättel und Treiberjungen bekommen. Dabei überbot sich Jedermann in Versicherungen seines Muthes und seiner Treue, Und die Askari standen rein zum Vergnügen unaufhörlich Posten. Die Buden der indischen und arabischen Krämer, welche Cocos-nusse, Cigaretten, Honig u. s. w. feilboten, wurden förmlich gestürmt und Alles schien voll lärmender Begeisterung und Unter-nehmungslust. Wir wussten freilich, dass diese Stimmung nicht allzuernst zu nehmen war. Am Morgen des 29. August wurde zum erstenmale mit der Karawane aufgebrochen und die bunte Linie der Träger mit r°then und weissen Röcken schlängelte sich über die Hügel. Anfangs erscholl lauter Gesang, sehr bald aber wurden die Leute stiller, als die Sonne höher stieg und die noch ungewohnte Last 2u drücken begann. Der Weg führte durch offenes Campinenland, in welchem einzelne gegabelte Dumpalmen verstreut standen; lrn Nordosten ragte der breite, waldige Rücken des Tongueberges auf. W[r kamen an einigen Dörfern vorbei, wo Suahili gemischt mit Waschensi wohnen, welche ziemlich ärmlich und verkommen aussehen. Die Weiber tragen Metalldraht an den Beinen und Schei-en im Ohrläppchen. Der Name dieses kleinen Stammes der Wa-schensi, die das nächste Hinterland von Pangani bewohnen, hat in der Suahili-Sprache geradezu die Bedeutung „Wilde" bekommen. eute wird jeder Eingeborene des Innern, sei er auch aus Manyema °der Uganda, als „Mschensi" (pl. Waschensi), Wilder, bezeichnet. Dann durchschritten wir Reisfelder und eine sumpfige Mulde und stiegen eine ziemlich steile, leicht bewaldete Anhöhe hinan, wo an mehreren Stellen die Gneisplatten zu Tage treten. Bald darauf erreichten wir unser heutiges Ziel, die Tabaksfarm Deutschenhof (Lewa) der Deutsch-ostafrikanischen Plantagen-Gesellschaft. Im netten, auf Pfeilern erbauten Wohnhause der Farm wurden wir von dem Director, Herrn Koch, aufs liebenswürdigste empfangen. Unsere Träger, welche dieser erste Marsch sehr ermüdete, kamen erst nach und nach an. Beim Abendaufrufe stellte es sich heraus, dass bereits einige Leute fehlten, was uns nicht in Erstaunen setzte, da Ausreisser beim Antritt jeder Reise vorzukommen pflegen. Ein Spaziergang durch die Farm lehrte uns diese bedeutende Anlage kennen, wo der Tabak überall sehr schön gedieh und zahlreiche Arbeiter, meist Eingeborene der nächsten Umgebung, emsig thätig waren. Die Leute bekamen als Taglohn etwa 20 Pesa. In dem neuen Magazin der Farm stand bereits die gewichtige Tabakspresse, deren Transport ganz ungeheure Anstrengungen erfordert hatte. Wahrhaft bewunderungswürdig war die Unermüdlichkeit, mit welcher Herr Koch und die übrigen Beamten der Farm ihrer Aufgabe oblagen. Wie wenig ahnten sie damals, dass ihre Mühe umsonst und sie bald gezwungen sein würden, als Flüchtlinge die Farm zu verlassen! In Lewa weht bereits eine kühlere Brise, so dass man nach dem Aufenthalt in den schwülen Strassen Sansibars förmlich auflebt. Mit Vergnügen gedenke ich der Stunden, die wir mit den Beamten der Farm auf der schönen Veranda des Wohnhauses verlebten. Dasselbe ist auf der Kuppe eines Hügels gelegen und gewährt einen Ueberblick auf die Farm mit ihren langen Reihen grüner Tabakspflanzen und dem Berge Tongue als Hintergrund. Auf dessen Gipfel erkennt man durch das Fernrohr ein verlassenes Fort des Sultans von Sansibar. An dem bewaldeten Abhänge sollen zahlreiche Dörfer verstreut liegen. Die erquickend kühle Luft und das angenehme Zusammensein mit Landsleuten brachte Abends bald eine gehobene Stimmung hervor, zu welcher unser „Expeditions-Orchester", eine Spieldose mit auflegbaren Scheiben, nicht wenig beitrug. Am 30 August Hessen wir unsere ganze Karawane antreten und eröffneten den Leuten unseren Entschluss, mit 50 Trägern Und 10 Askari eine Tour durch das grossentheils unerforschte Usambara-Gebirge zu unternehmen. Die übrigen Leute sollten unter Anführung des arabischen Muiniampara Hassani auf der Karawanenroute nach Gondja am Pare-Gebirge ziehen, wo wir mit ihnen zusammentreffen wollten. Dieser Vorgang war keineswegs ein ungewöhnlicher, da die Karawanenrouten den Leuten sehr genau bekannt sind und Träger unter Anführung eines arabischen Aufsehers sehr oft schon viel weiter geschickt wurden, als von Lewa nach Gondja. Andererseits war es uns unmöglich, in ein Unhekanntes Gebirge, von welchem wir voraussetzen durften, dass die Wege sehr schlecht und die Nahrung vielleicht spärlich wäre, eine Karawane von 250 Mann (einschliesslich der Reserveträger) "utzunehmen. So wählten wir denn die 60 Leute für Usambara aus und hiessen die übrigen am Morgen des 31. August abziehen. Unter Flintenschüssen und lauten „Kuaheri"-Rufen brachen Sle in langer Kette auf, die untersetzten, schwer bepackten Pagasi (träger) verloren sich nach und nach im Gebüsch und bald bog aUch der letzte Askari, sein Gewehr schwingend, um eine Waldecke. Dumpf verhallte der Lärm der Karawane und das Singen der Träger im Busch. Wir haben die Leute nie wieder gesehen ..... Doch auch wir verweilten nicht mehr lange in Deutschende^ sondern zogen, begleitet von den Glückwünschen des Herrn °ch und seiner Collegen, mit unseren 60 Leuten ab. Bevor ich auf die Beschreibung unserer Reise übergehe, seien einige Worte der schwarzen Mannschaft gewidmet, von welcher in der nächsten e*t unser WTohl und Wehe hauptsächlich abhing. Am nächsten standen uns natürlich die persönlichen Diener, a s Welche Dr. Meyer sich die beiden Somali ausgewählt hatte, fahrend ich mir in Sansibar zwei Jungen, Hamissi und Tschansi \ nanzy); anwarb. Die Somali entpuppten sich mit der Zeit als recht faul und indolent und zeigten sich von Anfang an ziemlich unbrauchbar. Ueber meinen Jungen Hamissi ist wenig zu sagen, er war ein echter Suahili aus Sansibar, heiterer Gemüthsart, aber Zlemlich faul und ungeschickt. AVeit mehr Aufmerksamkeit verdient Tschansi, ein Comoromann aus Angasidja, der schon ein recht bewegtes Leben hinter sich hatte. Er diente nämlich vier Jahre am Congo unter der strengen Zucht des Lieutenants Valcke und hatte zuletzt sogar iVntwerpen besucht. Tschansi (dessen Name vom General Chanzy herzuleiten ist) war ein äusserst anstelliger und wohlerzogener Diener, der Alles verstand und zu Allem brauchbar war, auch ziemlich gut Kikongo und Kru-englisch sprach, so dass ich mich von Anfang an mit ihm verständigen konnte. Ueber-mässig sympathisch war er allerdings nicht zu nennen, da er einerseits ein falsches, kriechendes Wesen zur Schau trug, das durch unmögliche Grimassen oft sogar komisch wirkte, andererseits zur Frechheit ziemlich geneigt war. Letztere Eigenschaft kam wohl am Congo nie zur Geltung, wo eine eiserne Disciplin und die völlige Unmöglichkeit, fortzulaufen, gerade die Sansibariten in guter Zucht hält. Man kann sich überhaupt für den Congo oder für sonst ein Gebiet, wo das Entspringen ausgeschlossen ist, gar keinen besseren Diener wünschen, als Tschansi, und ich würde keinen Augenblick zögern, ihn trotz seines unbedingt schlechten Charakters und der bewiesenen Treulosigkeit für solche Länder wieder anzuwerben. Anders freilich liegt die Sache in Ostafrika, besonders im Küstengebiete, wo das Fortlaufen ein allzubequemer und naheliegender Ausweg für unzufriedene oder unbotmässige Schwarze ist. Vielfach wirkte auch der Umgang mit einigen seiner Landsleute aus Angasidja schädlich auf Tschansi ein und machten ihn, den Begleiter Valcke's auf zahlreichen Zügen am Congo, schliesslich zu einem gemeinen Dieb und Verräther. Ein höchst wichtiges Paar waren der Mpischi mkubwa (der grosse Koch) und der Mpischi mdogo (der kleine Koch), besonders der erstere, der schon mehrere Reisen ins Innere mitgemacht und ein breites, gutmüthiges Gesicht besass, das an eine Flusspferd-Physiognomie erinnerte. Diese Suahiliköche verstehen es ganz vortrefflich, den lieben Gott zu copieren, d. h. aus nichts etwas hervorzubringen. Giebt es nun gar etwas, was in Usambara meist der Fall war, und ertheilt man den Leuten überdies noch einige Anleitung, so hat man sich über die Verpflegung ganz und gar nicht zu beklagen. In dieser Hinsicht ist Ostafrika dem Westen des Continents weit überlegen, wo meist irgend ein beliebiger Mann aus der Karawane zum Kochen befohlen werden muss, der dann an Ungeschicklichkeit das Höchste zu leisten pflegt. Allerdings müssen auch die Suahiliköche überwacht werden, um sie an Unreinlichkeit und Materialverschwendung zu hindern. Eine besondere Gruppe bildete der alte Präparator Mabruki mit seinen Leuten, ein Mann, der schon die Reisen Dr. Fischer's und andere Fahrten mitgemacht hatte und zu zoologischen Sammelzwecken angeworben worden war. Mabruki fühlte sich allerdings schon sehr als grosser Herr, führte sein eigenes geräumiges Zelt nüt und beschäftigte sich persönlich nur mit Jagd. Das Präpariren überliess er seinen Assistenten Mbaruk, einem ganz schändlichen Spitzbuben, der mir vom Congo her bekannt war, und Mabruki wadudu (Fliegen-Mabruki), einem halb verrückten Uganda-Jungen. Letzterer Bursche wusste sein Geschäft, Schmetterlingfangen, mit So vielem Ernst und so unnachahmlicher Würde auszuführen, dass er bald zum Karawanen-Narren aufrückte und durch sein komisches Auftreten und seine laute, bellende Stimme immer neue Lachstürme entfesselte. Er war übrigens gar nicht so dumm als er sich anstellte, und besorgte das Einfangen und Einlegen der Schmetterlinge mit vielem Eifer und Geschick. Das Oberhaupt der eigentlichen Mannschaft, war der Mui-niampara Muinikambi bin Hassani aus Pangani. Ich hatte denselben als Muiniampara (Oberaufseher) der schwarzen Arbeiter v°n Leopoldville am Stanley-Pool kennen gelernt und die gute Meinung, welche ich dortselbst von ihm bekam, fand auf unserer Reise ihre volle Bestätigung. Muinikambi ist ein langer, dürrer Bursche von tiefschwarzer Hautfarbe und hervorragender Ltässlichkeit, aber freundlichem und bescheidenem Benehmen. Lr besass zwar auch den Fehler der meisten Muiniamparas, sich kein gehöriges Ansehen vor den Leuten verschaffen zu können, doch war er in dieser Hinsicht immer noch weit besser als viele andere. Er selbst zeigte musterhaften Gehorsam und Willigkeit, esonders in seiner Hauptaufgabe, die Nachzügler und säumigen Träger anzutreiben. Er musste daher am Marsche immer am Ende der Karawane gehen und war für jeden fehlenden Mann verantwortlich. Muinikambi verlegte viele Aufmerksamkeit auf die Pflege seiner Person und stolzirte selbst in den elendsten Buschdörfern in blendend weissem Hemde und fein gesteppter Kappe, sein SpazierstÖckchen schwingend, umher. Auf ihn folgten im Range die Askari (Soldaten), Leute, welche keine oder nur eine kleine Last zu tragen haben und mit einem guten Hinterladergewehr ausgerüstet waren. Unter ihnen befanden sich auch drei echte Maskat-Araber, malerische Gestalten mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Wir hatten uns von diesen besonders viel erwartet, schliesslich entpuppten sie sich jedoch als vornehm thuende Faullenzer. Obwohl diese edlen Wüstensöhne von der Omänküste oft stundenlang zurückblieben und bei jeder Arbeit so thaten, als ob sie gar nicht zur Karawane gehörten, waren sie doch jederzeit bereit, in langen, salbungsvollen Reden ihre Vortrefflichkeit und Ueberlegenheit über die Suahili darzulegen. Im Gegensatze zu ihnen stand der alte Mgaia, ein Soldat Dr. Fischer's und Busenfreund des Präparators Mabruki, ein kohlschwarzer, hässlicher Neger, der aber vor keiner Arbeit zurückschreckte und den Esel auf unglaubliche Art über die Berge und durch die Wälder Usambaras lootste. Unter den Askari waren auch einige Comoroleute aus An-gasidja, die ziemlich häufig nach Sansibar kommen und sich im Aeusseren von den Suahili nicht unterscheiden. Sie sprechen jedoch unter sich eine eigene Sprache und pflegen die Suahili an Intelligenz, aber auch an Hinterlist und Charakterlosigkeit zu übertreffen. Die Hauptmasse der Mannschaft bildeten natürlich die Träger, welche in Lasten zu 65 engl. Pfund unser Privatgepäck, Munition, Instrumente und Tauschwaaren trugen. Jeder von ihnen war ausserdem mit einem Kapselgewehr und Pulverhorn ausgerüstet. Es waren grösstentheils Suahili, theils von der Insel, theils vom Küstengebiete. Der Trägerdienst ist diesen Leuten völlig zum Gewerbe geworden, jahraus, jahrein durchziehen sie die Hochebenen und Gebirge Innerafrikas theils mit arabischen, theils mit europäischen Karawanen. Unter ihnen finden sich auch Leute aus dem Innern, die theils als Sklaven, theils auf andere Art nach der Küste verschlagen wurden. Eine kleine, abgesonderte Gruppe bildeten die Waniamwesi, muntere, sehr kräftige Bursche, die unter lautem Gesang ihre Lasten am Kopf trugen und stets gemeinsam marschirten. Bei den Rasten pflegten sie in langgezogenen, weinerlichen Tönen zu jammern, was aber nicht ernst gemeint war. Die Verständigung mit allen diesen Leuten geschah auf Kisuahili, welche Sprache wir bald ziemlich fliessend sprechen lernten. Ich unterhielt mich anfangs mit den alten Congoarbeitern auf Kikongo, doch ist die Stammesähnlichkeit der Bantusprachen lne so grosse, dass ich bald fast unmerklich gänzlich ins Suahili gerieth, das mir von meinem Aufenthalte bei Tippo Tip her nicht fremd war. Eine besondere Stellung gewissermassen über den Parteien nahm unser schwarzer Clerk Ediston ein, von uns gewöhnlich „der C°mmerzienrath" genannt. Dieser, ein aus Makua (Mozambique) lammender junger Bursche, der vielleicht etwas indisches oder Portugiesisches Blut in den Adern hatte, wurde uns in Sansibar v°n Sewah Hadschi als Schreiber und Dolmetsch empfohlen. Da er sehr gut englisch sprach, Beinkleider und Stiefel trug, fühlten Wlr uns wenig zu ihm hingezogen, indem wir einen „Hosennigger'7 fürchteten. Er versicherte aber hoch und theuer, dass er niemals mit der englischen Mission etwas zu thun gehabt und seinen Unterricht in Bombay genossen habe, so dass wir ihn schliesslich annahmen. Er war uns von sehr grossem Nutzen. Alle jene lästigen und zeitraubenden Geschäfte, die der Weisse sonst selbst esorgen muss, das Abmessen und Vertheilen des Baumwollzeuges an die Mannschaften als „Poscho" (Wegzehrung), die ganze Buchführung über die Waaren u. s. w. besorgte er mit grossem Geschick. Grössere Diebstähle seinerseits waren dabei nicht gut m°glich, da er niemals Geld, sondern nur Waaren in die Hand °ekam, von welchen sich höchstens ganz kleine Partien auf die Seite bringen Hessen. Dabei vertrug sich der Commerzienrath vortrefflich mit den Leuten und war uns gegenüber von musterhafter escheidenheit und Anspruchslosigkeit. Auf unserer Reise von Lewa durch Usambara nach Gondja kamen keinerlei ungewöhnliche Ereignisse vor und die Marschtage verliefen so ziemlich in gleicher Weise. Bei Tagesgrauen ertönte täglich die helle Signaltrompete Muinikambi's, die Schläfer erbarmungslos aus ihren Träumen weckend. Unter unvermeidlichem Jammern und Klagen, das auch durch die Morgenkühle im Ge- birge veranlasst wurde, begannen die Träger ihre Lasten zu schnüren und ihre Turbans als Polster zu wickeln. Die Askari brachen eilig die Zelte ab und der Koch bereitete für uns Europäer ein leichtes Frühstück. Wir hatten unsere primitive Toilette rasch beendet und stärkten uns an einer Schale dampfenden Cacaos, einigen gebratenen Bananen oder etwas kaltem Fleisch. Aus den beiden eingeborenen Wegweisern, den Virongosi, wurde der anscheinend verständigere ausgewählt, der bei mir zurückblieb, um die Ortsnamen anzugeben, während der andere die deutsche Flagge ergriff und mit Dr. Meyer den Zug eröffnete. Die Träger luden nun mit Hilfe der Askari unter übertriebenem Ach und Weh die Lasten auf die Köpfe und zogen mit Jauchzen und Gesang ab. Doch brauchte es immer eine gute Weile und mancher Aufmunterung, bis Alle flott geworden und ich mich mit meinem Stabe, d. h. den Leuten, welche die Instrumente trugen, in Bewegung setzen konnte. Ein gutes Stück hinter uns erst folgte Muinikambi mit einigen Askari als äusserste Nachhut und der alte Mgaia mit dem Esel. An Reiten war natürlich bei den schändlichen Waldwegen gar nicht zu denken, und heute noch ist es mir räthselhaft, wie der alte Mgaia den grossen, kräftigen Esel über die unglaublichsten Terrainhindernisse und tiefen Gewässer geschafft hat. Oft fürchteten wir den guten Mgaia mit seinem „grauen Freund" nie mehr zu sehen, beide aber kamen immer wieder, oft freilich erst Stunden nach allen Anderen. Die Marschgeschwindigkeit ist besonders bei anstrengenden Wegen keine grosse, die Leute schreiten zwar ziemlich tüchtig aus, pflegen jedoch häufig kurze Rasten zu machen. Fast alle zehn Minuten trifft man auf kleine Gruppen von Trägern, die schwätzend und lachend um einen Bach im kühlen Waldesdunkel lagern und den antreibenden Msungu (Europäer) scheelen Blickes betrachten. Gewöhnlich pflegten wir gegen Mittag zu lagern und nur selten dehnten sich unsere Märsche bis 3 oder 4 Uhr Nachmittags aus. Der Lagerplatz, meist in der Nähe eines Dorfes, wurde durch Einstecken der Flagge in den Boden bezeichnet. Sofort begannen die Askari die Zelte aufzuschlagen, die Dienerjungen brachten das Feldbett in Ordnung und richteten in unseren Blechwannen ein Bad her. Die Lasten wurden zu einer Masse vereinigt und mit einer wasserdichten Decke verhüllt. Die Träger und Soldaten stellten um unsere Zelte herum ihre niedrigen Schutzdächer auf, unter welchen sie ihre Schlafmatten aufbreiteten. War ein geeignetes Gewässer in der Nähe, so ging fast Alles baden, denn die Körperreinlichkeit des Suahili ist selbst auf der Reise eine grosse, und für ein Stück Seife giebt er seine letzte Habe her. Bald brennen überall die Lagerfeuer und die einzelnen Gruppen der Träger kochen ihr Mittagmal. Auch unser Mpischi ist, bereits an der Arbeit und kocht heissen Thee und ein Frühstück, da die Hauptmahlzeit erst Abends folgt. Der Nachmittag vergeht unter fortwährender, freiwilliger und unfreiwilliger Beschäftigung. Nach dem Essen will man sich, vielleicht vom Marsche und dem Bade ermüdet, einen Augenblick der Ruhe gönnen; doch hat man seine Rechnung ohne Mabruki Wadudu gemacht. Kaum hat man sich niedergelassen, so scharrt es an der Zeltwand und eine rauhe Stimme ruft „Mbuana!" (Herr). £s ist Mabruki wadudu, der erschienen ist, um seine Ausbeute an Schmetterlingen vorzuweisen. Um seinen Eifer nicht zu entmutigen, fühlt man sich natürlich veranlasst, die Schmetterlinge sofort zu besehen, die bereits ganz nett in Papier eingeschlagen sind. Die Inspection, während welcher Mabruki die furchtbarsten Gesichter schneidet, ist zur beiderseitigen Zufriedenheit vollendet und wir winken dem schmetterlingfangenden Sohn Ugandas, uns ln Ruhe zu lassen. Aber er geht nicht. ,,'Taka kartassi, mbuana". (Ich brauche Papier, Herr.) „Schon wieder Kartassi, du hast doch gestern einen ganzen B°gen bekommen, der kann doch noch nicht aufgebraucht sein?" ,,'Taka Kartassi" lautet das Ultimatum. So heisst es^ denn aus den Koffern Papier hervorsuchen, welches Mabruki mit gelohnter Würde und der Versicherung entgegennimmt, damit mindestens einen Monat auslangen zu wollen. Mit der Ruhe ist es natürlich vorbei und die gewöhnlichen Nachmittagsbeschäfti-Sungen beginnen. Dr. Meyer nimmt einige Photographien von Personen und Landschaften auf und vertieft sich mit Ediston in Gespräche über den „inneren Dienst", über Poscho, Glasperlen, Weisses Zeug, blaues Zeug u. s. w. Dann lässt er die Mannschaft ^treten und visitirt die Gewehre, welche im Allgemeinen ziem- BAUMA.NN, I„ Dimtsch-Ogtafrika wlhrend S«l Aufstanden. lieh rein gehalten werden. Ich ersteige inzwischen mit meinem „Stabe" einen nahegelegenen Aussichtspunkt, um mein kartographisches Material zu ergänzen. Dann beaufsichtige ich mein Specialgebiet, die Küche, und sehe zu, ob Tschansi, der dazu besonderes Geschick besitzt, im Dorfe gut eingekauft hat. Später treten die „Gesellschaftlichen Pflichten" unabweislich an uns heran. Der Dorfchef hat seine Toilette vollendet und erscheint in einem unmöglichen Aufzuge mit riesigem Gefolge, um uns ein Schaf, ein Böcklein, oder gar einen Ochsen und Vege-tabilien zu übergeben. Natürlich wollen die Leute etwas zu sehen bekommen und die Drehorgel sowie das Bilderbuch erregen immer neue Lachstürme und Ausbrüche der Verwunderung. Kaum ist der Häuptling in sein Dorf zurückgekehrt, so heisst es, ihm den Besuch erwidern und ihm seine Geschenke überbringen, wobei das Dorf genau besichtigt wird. Nimmt man dann Tinte und Feder zur Hand, um das Tagebuch in Ordnung zu bringen, so giebt es fortwährende Störungen. Da erscheint der alte Mabruki, zornentbrannt den Vogelpräparator Mbaruk herbeiführend, und meint, der Junge wolle und wolle einmal nichts arbeiten. Mbaruk, der im Gesicht die Narbe eines prachtvollen Kurbatschhiebes trägt, wie solche nur am Congo ausgetheilt werden, bekommt seine fast alltäglichen Prügel und zieht mit seinem Vorgesetzten ab. Vorher dreht er sich aber noch um und sagt: ,,'Taka schindano ku schona wadege". (Ich brauche Nähnadeln, um die Vögel zuzunähen.) „Schindano? Ja, du hast ja erst heute Früh Schindano bekommen !" „'Taka schindano!" heisst es unerbittlich, und soll die Arbeit nicht ins Stocken kommen, so muss sein Begehren erfüllt werden. Auch er schwört natürlich, mit der erhaltenen Nadel jahrelang auslangen zu wollen. Inzwischen versammeln sich die Waniamwesi, welche mein Privatgepäck tragen und daher besondere Gunst geniessen, um meinen Feldtisch und beginnen mit vielen „I! I!" und der komisch langgezogenen Betonung, welche ihnen eigen ist, mir etwas vorzujammern. Ich verstehe zwar kein Wort, weiss aber der langen Rede kurzen Sinn und gebe ihnen Schnupftabak, worauf sie erfreut abziehen. Dann ist unter Um- ständen etwas Ruhe, man kann arbeiten und sich mit den Eingeborenen befassen, wohl auch einige anthropologische Messungen ausführen. Mit der Raschheit der Tropen ist die Nacht hereingebrochen, unser Magen beginnt gewaltig zu knurren, endlich ertönt der ersehnte Ruf des Mpischi: „Tschakula taiari!" (Essen fertig!). Wir setzen uns an den weissgedeckten Tisch, wo die freundliche Glaslampe leuchtet, und beginnen eben mit Hoch-genuss die ersten Löffel Suppe zu gemessen, da erscheint Mbaruk. »Was willst du?" lautet die wenig freundliche Ansprache. ,,'Taka Schindano". — „Zum T.....mit deinem Schindano !" und der vielgeprügelte Vogelabhäuter enteilt schleunigst. Nun wird die Kunst des Kochs aufs eingehendste gewürdigt. Manchmal lasst sie freilich zu wünschen übrig, dennoch erinnere ich mich niemals so genussvoll gespeist zu haben als auf meinen Reisen in Afrika, besonders in Usambara. Unsere Jungen lösten sich täg-]ich in der Tischbedienung ab. Einmal hatten die Somali Dienst, dann bekamen wir das Tischtuch zerknittert, das Geschirr schmutzig und die Speisen kalt oder halb verschüttet, konnten jedoch mit dem Bewusstsein essen, von ehrlichen und treuen Menschen bedient zu werden. Das nächstemal kamen die Suahili daran. Dann war Alles in schönster Ordnung und Reinlichkeit und Tschansi servirte rasch und mit affectiver Höflichkeit, die er wahrscheinlich den Kellnern in Antwerpen abgelernt hatte. Allerdings mussten wir uns sagen, dass wir von lügnerischen, falschen Schuften bedient wurden, was mir wenigstens den Appetit keineswegs schmälerte, so dass ich den Suahili-Tagen immer weitaus den Vorzug gab. Als Tischgetränk diente anfangs Rothwein °der Cognac und Wasser, später der nationale Pombe, den wir bald sehr zu schätzen wussten. Der schönste Moment des Tages war entschieden der, wo der schwarze Kaffee gebracht wurde und wir in unseren behaglichen Feldstühlen eine Pfeife oder Cigarette rauchten. Von den Lagerfeuern der Mannschaft erscholl Lachen und fröhliches Gezauder, die Waniamwesi Hessen die Kalebassen-Pfeife mit Haschisch kreisen, sogen sich die Backen voll des betäubenden Bauches und husteten dann taktmässig im Chorus, dass es durch die Nacht schallte. Wir aber gedachten in angenehmen Gesprächen der Wechselfälle unserer Reise, der Aussichten für die Zukunft und der fernen Heimat und verfielen oft auf Themen, die von der urwüchsigen afrikanischen Wirklichkeit himmelweit entfernt waren. Manchmal erschienen um diese Zeit auch einige Askari und verständigere Träger und kauerten sich im Halbkreise nieder, eine Ansprache erwartend. Dann plauderten wir mit ihnen oft längere Zeit und sie berichteten von den ungeheuren Zügen, die sie mit Dr. Fischer, mit Thomson oder verschiedenen Arabern bis ins Herz des Continents unternommen. Diese Unterredungen hatten wenigstens den einen Vortheil, dass wir dabei Suahili lernten. Manchmal fand sich auch der Dorfchef ein, dann wurde die Musikdose in Gang gesetzt und bereitete uns mit ihren heimatlichen Melodien mindestens eben so viel Vergnügen als den erstaunten Eingeborenen. Lange dauerten diese Symposien übrigens nie, um halb 9 Uhr war alles im Lager schon stille und die Müdigkeit Hess auch uns die Feldbetten aufsuchen. Eben hat man dann seinen letzten Rundgang durchs Lager vollendet und hüllt sich behaglich in die Wolldecke, die in den kühlen Gebirgen sehr nothwendig ist, als sich ein Kratzen an der Zeltwand vernehmen lässt. Man steckt den Kopf zur Spalte hinaus und erblickt Mabruki wadudu, das Schmetterlingsnetz in der einen, die Blechschachtel in der anderen Hand. „'Taka nini, Kumanina?" (Was willst du, Elender) — ,,'Taka Kartassi, mbuana". Sofort fliegt ihm der nächste erreichbare Gegenstand an den Kopf und unter der lauten Heiterkeit einiger Träger, die den Vorgang beobachtet, enteilt er in kühnen Sprüngen nach seinem Schlafplatze, um sich dort zu verkriechen, während seine Jagd-thiere, die Wadudu, ungestört um die verglimmenden Lagerfeuer schwärmen. Die Nacht verläuft ruhig, falls unser Esel nicht seine mächtige Stimme erhebt oder ein paar Köter ihr widriges Gekläff anstimmen, oder falls es nicht etwa gar den Ameisen einfallt, unser Lager in Schwärmen zu überziehen. In letzterem Falle freilich ist es mit der Nachtruhe fast völlig vorbei. Derart verlaufen die Tage am Marsch. Manchem wird ein solches Dasein vielleicht beschwerlich und hart vorkommen. Mir aber erschien das afrikanische Lagerleben selbst bei weit geringerem Comfort stets als ein herrliches und genussvolles und gerade die Tage, die ich in Usambara verlebt, gehören zu den schönsten meines Lebens. Ich kehre zu der Beschreibung der Reise zurück. Kurz nachdem wir die deutsche Plantage verlassen, gelangten wir an die Stelle, wo rechts der Pfad nach Magila, links die Karawanen-strasse nach Korogwe und Masinde abzweigt. Wir folgten dem ersteren und zogen durch wenig anziehendes Land, durch niederen Wald und steife, hohe Grasmassen nach Norden. Manchmal tauchte der Tongueberg, diese isolirte Fortsetzung der Usambara-berge, im Hintergrunde auf. Wie stets zu Beginn einer Reise marschirten die Leute noch sehr schlecht und machten häufig keuchend und mit Schweiss bedeckt kleine Rasten. Wir überschritten den Kwakohafluss, wahrscheinlich der Oberlauf des Ukumbine, dessen spärliches Wasser zwischen harten Gneisplatten rieselt. Die Dörfer sind bereits mit Stangengittern eingezäunt, doch zeigen die prächtigen Cocosgruppen, dass wir der Küste noch nahe sind. In einem Haine solcher Palmen liegt das Dörfchen Muhania, wo wir Lager schlugen und durch ein Bad und den köstlichen Inhalt einiger Cocosnüsse (Matafu) uns laben konnten. Denn auch dem Europäer, der durch die lange Seereise und den Küstenaufenthalt des anhaltenden Gehens entwöhnt wird, fallen die ersten Märsche etwas sauer, bis nach einigen Tagen die nöthige Uebung erlangt und das Reisen erst wahrhaft angenehm wird. Am i. September durchzogen wir bergigeres Land. Stets ist der Campinen-Charakter noch vorherrschend, doch nehmen die eingestreuten Waldgruppen an Ausdehnung und Ueppigkeit 2U- Zahlreiche kleine und grössere Gewässer durchfurchen das Land, welches einen freundlichen und fruchtbaren Eindruck macht. Am nördlichen Horizont treten die Waldberge Usambaras schärfer aus den bläulichen Dunstmassen. Man durchzieht viele Felder und berührt mehrere Marktplätze und Dörfer der Eingeborenen. Diese gehören zum Stamme der Wabondei, deren Sprache zwi-schen KischambE und Suahili stehen soll und welche bereits ziemlich urwüchsig aussehen. An Stelle des an der Küste ubh-chcn „Jambo!" vernahm man schon das Begrüssungs-Zwiegespräch: »Nihedi! - Hm, Hm - Niokai! - Hm Hm - Hm Hm", welches durch die fortgesetzten „Hm Hm" anfangs sehr komisch berührt. Beim Dorfe Tengue öffnet sich plötzlich der Blick auf die schöne Mulde von Magila. Dieselbe ist nach Norden durch die steile, oben waldige Masse des Magilaberges begrenzt. Am Fusse desselben dehnt sich die Mulde aus, durchzogen von mehreren Hügelreihen und reich bewässert vom Mkulumusi und einigen seiner Zuflüsse. Auf jedem der Hügel erblickt man die reizenden Palmengruppen und runden braunen Flutten eines Dorfes. In der Mitte dieses offenbar fruchtbaren und stark bevölkerten Gebietes erheben sich auf grünem Hügel die hohen, blendend weissen Gebäude der englischen Mission Magila. Bald darauf überschritten wir den klaren, rauschenden Mkulumusi und erstiegen einen der Hügel, um in dem hübschen kleinen Dorfe Ndumi, im Schatten hoher Cocospalmen unsere Zelte aufzuschlagen. Der Dorfchef, ein alter Knabe, auf dessen lumpigem rothen Fez ganze Humusschichten lagerten, begrüsste uns freundlich und brachte ein Schaf zum Geschenk. Die Eingeborenen bestehen aus einem Gemisch von Wabondei und Waschamba, selbst einige Wasegua-Colonien sollen in der Umgegend zu finden sein. Politisch untersteht das Land dem Häuptling Kibanga von Handei. Nachmittags besuchten wir die englischen Missionäre. Wir überschritten einen Bach auf einer Knüppelbrücke und stiegen auf gutem Wege die Anhöhe hinan. Die Gebäude der Mission, besonders die Kapelle, sind wirklich sehr schön. Sie wurden von Maurern aus Sansibar aus dem anstehenden Gestein erbaut, wobei ein in der Umgebung aufgefundener Urkalk als Bindemittel diente. Leider herrscht in Magila ein ähnliches Missionssystem wie zu Mombassa, und von ausgedehnteren Culturen ist nichts zu bemerken. Es verlautet, dass die katholische Mission von Bagamoio Magila zu übernehmen gedenkt. Dies wäre sehr erfreulich und es ist zweifellos, dass Magila bei seiner fruchtbaren und wasserreichen Lage unter den Händen der erfahrenen Patres und ihrer Zöglinge rasch zu einem kleinen Paradiese erblühen würde. Die englische Mission besitzt noch eine Zweigstation zu Msosue, östlich vom Mlingaberg, die von Einem Missionär verwaltet wird. ■ Abends hielten wir grossen Schauri mit dem Bondöi-Häupt-tinge Kibanga, der zufällig eben in Magila weilte. Zur Erklärung des Wortes „Schauri" sei angeführt, dass es im Osten Afrikas dieselbe Bedeutung hat, wie im Westen „Palaver". Es heisst also v°r allem ..Verhandlung, Berathung", in übertragener Bedeutung aber auch „Angelegenheit", ja selbst „Streit" und „Krieg", ist mit einem Worte ein äusserst dehnbarer Begriff. Kibanga ist ein hochgewachsener, sehr lichtfarbiger Mann, der dem Herrschergeschlecht der Wakilindi angehört und einen guten Eindruck macht. Er trug einen uralten, wettergebräunten europäischen Filzhut, ein braunes Hemd und ein langes arabisches Schwert. Unsere Verhandlung war dadurch sehr erschwert, dass Wlr Kibanga nicht recht begreiflich machen konnten, wo wir eigentlich hinreisen wollten, da die Karten uns im nördlichen usambara völlig im Stiche Hessen. Schliesslich erklärte er sich °ereit, uns zwei Wegweiser nach dem Dorfe Mkalamu zu geben, Welches, wie wir vermutheten, in unserer Marschrichtung gelegen War. Wirklich fanden sich am nächsten Morgen zwei speeretragende Wabondei ein, unter deren Führung wir den Weitermarsch antraten. Nach den vorhandenen Karten zu schliessen, sollten wir heute in das Usambaragebirge eintreten, eine Aussicht, die uns mit einiger Spannung erfüllte. Denn alle Reisenden, die den Süden des Landes oder selbst nur die umliegenden Ebenen durchzogen, smd voll des Lobes von Usambara. Die „ostafrikanische Schweiz" nennt es der Eine und Andere erklären es als ein wahres Paradies n Schönheit, Fruchtbarkeit, gesundem Klima und freundlicher evolkerung. Ohne die Angaben unserer Vorgänger im entferntesten zu bezweifeln, brachten wir denselben doch einiges Miss-rauen entgegen. Denn wie leicht kann Jemand, der wochenlang Ur°b wüste Steppen gezogen, veranlasst werden, ein nur massig bewaldetes und bewässertes Land als Paradies zu erklären! Auch hatten die älteren Forscher die centralen und nördlichen Theile des Landes, also den grösseren Theil desselben gar nicht kennen gelernt, während die dürftigen Notizen, welche über die neueren eisen deutscher Colonialapostel bekannt wurden, dem Verdachte all zn grossen Optimismus' unterlagen. Was wir jedoch im östlichen Usambara kennen lernten, war ganz dazu geeignet auch uns die höchste Meinung von dem Lande beizubringen, welches entschieden zu den schönsten und üppigsten gehört, welche ich in Centraiafrika kennen gelernt. Von Magila ausgehend durchzogen wir erst schönes Buschland und ausgedehnte Bananenpflanzungen mit vielen kleinen Dörfern am Fusse des Magilaberges, der theils bewaldet, theils trotz seiner Steilheit mit Pflanzungen bedeckt ist. Wir überschritten mehrere Gewässer und traten dann in die lange, von Höhenrücken durchzogene Thalfurche, welche der Sigi und seine Zuflüsse durchströmen. Zur Linken ragen die dunklen Waldkämme des Msasa-berges auf, zur Rechten erblickt man die felsgekrönten Häupter des Finga- und Mlingaberges, im Norden thürmen ferne Gebirge sich höher empor. Das Land ist grösstentheils mit prächtigem Walde bedeckt, mit welchem Gebüsch und Felder von Bohnen, süssen Kartoffeln, Bananen und Maniok wechseln. Auf den Hügeln sind die Dörfer mit ihren dichten Hecken und dem niedrigen, schachtähnlichen Eingangsthore verstreut. Die meisten derselben, in welchen noch zahlreiche Cocospalmen zu sehen sind, sind allerdings nur klein und zählen 10 bis 12 Hütten. Die Eingeborenen, Waschamba, sind in dunkles Zeug gehüllt und starren unsere Karawane verwundert an. Denn wenn auch die Waschamba öfters nach der Küste ziehen, um ihre Producte feilzubieten, und wohl auch manchmal ein Suahilihändler sich in ihre Berge verirrt, so ist doch eine grössere Karawane im Gebirge etwas Unerhörtes. Dies merkt man auch an den Wegen, die sich häufig an steilen Abhängen dahinziehen, und zwar nicht steinig, aber sehr schlecht und von Baumstämmen versperrt sind. Dadurch wurde unser Marsch sehr verlangsamt, was mir aber nur angenehm war, da meine Aufnahme'an Genauigkeit gewann. Je weiter wir nordwärts kamen, desto schöner wurde das Land und aus dem dichten Grün der Thalgründe erhob sich immer deutlicher der felsige Doppelgipfel des Geisterberges der Waschamba, des Mlinga. Wir lagerten im Dorfe Hewumu, welches auf einem Hügel am Fusse des Finga-berges gelegen ist. Auch am 3. September wanderten wir stets noch in der Thalmulde, welche vom Mlingaberge einerseits und von dem Msasa- und Makuelikamme andererseits eingeschlossen und von mehreren secundären Hügelketten durchzogen ist. Dazwischen fliessen zahlreiche kleinere und grössere Gewässer, unter letzteren auch der Hauptfluss, der klare, ansehnliche Sigi, den wir an einer Stelle überschritten, wo er in drei Arme getheilt ist. Die Vegetation ist stets reich, an den tief eingeschnittenen Furchen der Flüsse gedeihen schöne, aber junge Wälder, in den Mulden dichtverfilzte Krautpflanzen und Gräser, zwischen welchen der enge Weg in zahllosen Schlangenwindungen sich zieht. An bewohnten Dörfern kamen wir nicht vorbei, wohl aber an ver-iassenen Dorfstätten, von den letzten Kriegen der Eingeborenen herstammend. Dort hatten die ungebunden aufwuchernden Culturpfl anzen kleine, eigentümliche Vegetationsgruppen, Siedelhaine, gebildet, deren einer uns und den Leuten Gelegenheit zu einem improvisirten Gabelfrühstück mit Papaias und Cocosmilch gab. Des Mittags erreichten wir das Dorf Muemttndi, welches nahe am Wasser auf einem Hügel gelegen und von zwei Balkenzäunen und einer dichten lebenden Hecke umgeben lst- Trotz dieser Vertheidi-gungsmassregeln besitzt das Dorf nur zehn ärmliche, viereckige Lehmhütten, welche auf nacktem Lateritboden erbaut und um einige Felsblöcke gelagert sind. Der Leute wegen mussten wir in diesem wenig einladenden Orte einen Tag rasten. Die Eingeborenen benahmen sich anfangs recht scheu, und erst am zweiten Tage brachte der Dorfchef, ein ganz junger Mann, sein Geschenk, ein fettschwänziges Schaf, etwas Reis und ein Ei. Doch bekamen wir viele gute Kürbisse und Reis zu kaufen, den die Weiber durch Stampfen in grossen Holzmörsern von den Hülsen befreiten. Dennoch scheinen Mais und Maniok die Hauptnahrung der Leute, welche auch sehr schöne Tabakpflanzungen besitzen. Reis stampfende Weiber. Am 5. September zogen wir noch immer in der Sigimulde weiter, welche im Norden durch die hohen Gipfel der Gondja-berge und des Lukindo abgeschlossen erscheint. Die Wege sind durch die dichte Vegetation stets schwer gangbar. Wir kamen an einem Dorfe und an mehreren verlassenen Dorfstellen vorbei. Bei einer derselben waren mehrere, allerdings schon recht verkümmerte Cocospalmen zu beobachten. Von hier aus sahen wir zum erstenmale das Dorf Mkalamu, dessen Hütten hoch am Bergkamme an einem steilen Felsriff förmlich angeklebt erscheinen. Bald darauf verliessen wir das breite Thal und durchschritten eine waldumschlossene Lichtung, in deren Mitte eine runde Zauberhütte der Eingeborenen stand. Dann ging es steil durch Wald den Berg hinan. Mächtige, mit grünen Flechten bewachsene Felsblöcke lagen am Wege, zwischen welchen kleine Wasserfälle rauschten, die von hohen, lianenumschlungenen Bäumen beschattet werden. Auf einem Vorplateau des Mkalamukammes, bei den unbewohnten Hütten von Unter-Mkalamu schlugen wir Lager. Mehrere Signalschüsse lockten Eingeborene herbei und unter Führung eines alten, dürren Burschen stieg ich mit Tschansi und drei Askari weiter, um die Felsenfeste Mkalamu zu besuchen. Der Weg führt erst bergab und durch eine buschige Mulde, die von mehreren Bächen bewässert ist. Dort trafen wir eine köstliche Quelle, die unter einem überhängenden Felsblock hervorrauscht und uns bei der herrschenden Hitze eiskalt vorkam, obwohl sie 2i° C. Temperatur hatte. Dann gings sehr steil einen schattenlosen Hctng hinan, der mit dichter grasiger Vegetation bedeckt war, in welcher einzelne Bananen und schöne Bambusgruppen aufragten. Zur Linken sieht man den Kamm, der in senkrechten, leicht röthlichen Wänden abfällt und von dem Blocke, auf dem das Dorf liegt, gekrönt wird. Wir durchzogen dichten, prachtvollen Wald, in dessen Schatten abermals eine Quelle entspringt, wo die Einwohner von Mkalamu ihr Wasser holen. Aus dem Waldesdunkel hervortretend, erreicht man den Kamm und erblickt plötzlich, riesenhaft aus den Waldmassen auftauchend, die gewaltige, haushohe Granitmasse des Mkalamufelsens. Der mächtige, zerklüftete Block, in dessen Spalten grüne, wuchernde Vegetation Fuss fasst, die Hütten des Dorfes und die dunklen Gestalten der Eingeborenen, die schreiend in schwindelhafter Höhe sich bewegen, dies Alles bringt einen wahrhaft überraschenden Eindruck hervor. Der Felsen fällt nach drei Seiten in völlig senkrechten, wohl 30 Meter hohen Wänden ab, nur die Nordostseite ist gangbar und mit Lehm bedeckt. Dort befindet sich das Dorf. Der Pfad dahin, der Schwindeligen nicht zu empfehlen wäre, führt am steilen Südosthange, knapp am Fusse des Felsens, der hier von tiefen, finsteren Klüften zerrissen ist. Die Nordostseite ist durch einen kräftigen Balkenzauh versperrt, durch dessen Thor man ins Dorf gelangt. Dasselbe hat etwa 40 Hütten, die am steilen, lehmigen Abhang verstreut liegen. Jede derselben steht Mkalamu. auf einer festgestampften, rothen Lehmfläche, ist rund, niedrig, v°n Lehmwänden eingeschlossen und mit dickem Bananendach gedeckt. Vegetation ist auf der Höhe keine vorhanden, die Felder Uegen am Berge verstreut. Wie mir scheint, hat die Felseneste Mkalamu deshalb trotz ihrer verwegenen Lage selbst für afrikanische Verhältnisse keinen besonderen strategischen Werth, da sie sehr leicht von Nahrung und Wasser abgeschnitten Werden kann. Allerdings sind die Eingeborenen, die ihre Haussiere Nachts stets eintreiben und einen ziemlich organisirten Wachdienst am Thore halten, vor Viehdiebstählen und plötzlichen Überfällen gesichert. Die Bewohner waren auf unseren Besuch nicht vorbereitet, die Weiber verkrochen sich schreiend in den Hütten und brachten auch ihre Kinder rasch in Sicherheit. Einige Männer jedoch führten mich auf die Höhe des Felsens, wo nach drei Seiten der Abgrund gähnt und der nackte Steinboden in mächtigen Felsplatten zu Tage tritt. Dort hatte der Häuptling Kissatu mit seinen Aeltesten sich am Fusse eines Flaggenstockes malerisch gelagert. Er sah recht aufgeweckt aus und trug ein reinliches Sansibar-Hemd und einen Maskat-Turban, auch seine alten, meist förmlich verschrumpften Minister trugen zur Feier des Ereignisses Fez und Speere in den Händen. Kissatu empfing mich sehr freundlich, schenkte mir ein Schaf und liess mir eine Mahlzeit von gekochten Bananen bringen. Auch fragte er mich, ob ich ein Bruder des weissen Mannes (wahrscheinlich eines englischen Missionärs) sei, der ihn vor längerer Zeit besucht und so ausserordentlich gut behandelt hätte. Obwohl ich nur vermuthen konnte, wer mein A^orgänger gewesen, beeilte ich mich doch die Frage im orientalischen Sinne zu bejahen, umsomehr, als jeder Reisende, der an einem Orte ein gutes Andenken hinterlässt, an seinem Nachfolger wirklich wie ein Bruder handelt. Der Mkalamufelsen gewährte einen prächtigen Ueberblick über das südliche Usambara mit der charakteristischen Sigimulde, und ich machte mich sofort daran, eine trigonometrische Rundsicht aufzunehmen. Dabei gab mir Kissatu mit Bereitwilligkeit und mit dem Localpatriotismus eines Fremdenführers alle Namen mit verschiedenen Erläuterungen an und zeigte einen für einen Neger bemerkenswerthen Stolz auf die weite Aussicht von seiner Höhe. Freilich konnte er nicht mit Polykrates sprechen: „Dies Alles ist mir unterthänig", denn seine Flerrschaft reicht nicht viel über Mkalamu hinaus. Während ich die breiten Felsgipfel der Gondja-berge und des Lukindo anpeilte, erzählte er mir, dass dort viele Dörfer zerstreut lägen und sein Vater, ein mächtiger Häuptling, dort regiere, dem auch er unterthan sei. Alles Land jedoch erkenne die Oberhoheit Kimueri's, des Königs in Wuga, an, nur Handei und das südliche Sigithal hat Kibanga nach langen Kämpfen erobert. Früher gehörte Letzterem das Land bis Hudu, doch habe man ihn von dort verjagt. Obwohl gegenwärtig Frie- den herrsche, sei demselben doch nicht recht zu trauen und daher sehen sich die Waschamba der Grenzdistricte genöthigt, gleich wilden Thieren auf den unzugänglichsten Felsen zu hausen und die schönen Thäler brach liegen zu lassen. Inzwischen hatte sich der Himmel verdunkelt und im Thale ging ein starker Regen nieder. Bald hüllten sich die dunklen Waldkämme in Wolken und die kreisrunden, braunrothen Flecken, welche die Dörfer bezeichneten, verschwanden im Nebel. Nur die hohen Felsgipfel des Lukindo und Mlinga waren von der Sonne bestrahlt, so dass man zwischen ihnen hindurch in die Weiten Küstenniederungen bei Tanga blicken konnte, die ohne scharfe Grenze am Horizont mit dem blauen Ocean verschwammen. Von Kissatu und vielen Dorfbewohnern begleitet, stieg ich nach dem Lager ab, wo wir alles durchnässt fanden, während in Mkalamu kein Tropfen Regen gefallen war. Kissatu bekam sein Geschenk, bestehend aus 4 Rupies in Silber und einem Fez, worüber er sehr erfreut war. Er erbat sich noch eine Flagge für die Stange am Gipfel seines Felsens. Da Usambara vertrags-mässig zur deutschen Interessensphäre gehört, nahmen wir keinen Anstand, ihm eine deutsche Flagge zu schenken, obwohl wir im Üebrigen nicht daran dachten, unserer wissenschaftlichen Expedition einen colonialpolitischen Beigeschmack zu geben. Da Unsere Führer aus Magila hier entlassen wurden, so versprach Kissatu, uns zwei Wegweiser bis Hundu mitzugeben, die sich denn auch am nächsten Morgen pünktlich einfanden. Mit ihnen überschritten wir am 6. September erst eine Anhöhe und geengten zu dem ansehnlichen Semdoebach, der noch dem Sigi-gebiete angehört. Abermals überstiegen wir auf steilen Waldwegen einen Kamm und fanden in einer Mulde das Dorf Mko-kola, welches das übliche Stangengitter und etwa 20 Hütten besitzt. In der Mitte des Dorfes ragen ein paar steile Felsen auf, an welchen die nackte Dorfjugend fröhlich umherklettert. Wir bekamen etwas Honig und Zuckerrohr und sahen am nördlichen Hange einige magere Cocospalmen, die hier ihren äussersten Punkt landeinwärts erreichen. Ich wurde schon durch diese verhältnissmässig küstenferne Lage in Erstaunen gesetzt, da ich die königliche Palme in Westafrika nur knapp am Meer kennen gelernt habe. Allerdings gedeihen die Cocospalmen bei Mkokola offenbar nicht mehr gut. Dann begann die Hauptarbeit des Tages, die Ueberwindung des hohen Kombolaberges ; derselbe ist ganz mit dichtem Urwalde bedeckt, der mich in seiner Ueppigkeit vielfach an die Bergwälder Fernando Pöos erinnerte. Die mächtigen Waldriesen, deren oft blendend weisse Stämme sich erst im Obertheil zur dichten Laubkrone verzweigen, sind von grossblättrigen Lianen umschlungen und von zahlreichen parasitischen Pflanzen überwuchert. Darunter gedeiht auf dem feuchten, nur leicht röthlichen Boden eine fast undurchdringliche Vegetation von Busch und Graspflanzen. Die Wege sind geradezu fabelhaft schlecht, die Träger mit ihren schweren Lasten kommen auf dem glatten, lehmigen Boden nur mit der grössten Anstrengung vorwärts. Der Hauptkamm wird erst nach Ueberwindung mehrerer steiler Vorberge erreicht, zwischen welchen klare Gebirgsbäche rauschen. Der Abstieg zu denselben, so grossen Reiz er auch durch den Einblick in die herrlichen Vegetationsmassen gewährte, war doch für uns wahrhaft qualvoll, da die Träger nur Schritt für Schritt vorrücken konnten. Beim Aufstiege wurde mir in einiger Entfernung der Siedelhain des Dorfes Kiserui gezeigt, welches Krapf 1852 besuchte und das heute längst verlassen und verödet liegt. Kurze Rast hielten wir an einem überhängenden Felsen, den die Eingeborenen Kang^angoroka nennen. Von dort ging es im letzten Anstiege sehr steil bergan und mit fröhlichem Jauchzen erreichten wir, aus dem Walde hervortretend, den grasigen Kamm des Kombolaberges. Zu unseren Füssen erblickten wir, gegen Süden sich erstreckend, die weite Thalmulde des Luengera, welche bei Korogwe, dessen Lage durch einige spitze Hügel bezeichnet wird, ins Panganithal einmündet. Dieselbe ist vorzugsweise grasig, theilweise aber auch bewaldet, von Hügelketten durchzogen und von hohen, dunklen Waldbergen eingeschlossen, deren einzelne, wie der Lutindi, steile, bezeichnende Felsgipfel tragen. Braune Dorfstätten mit ihren ringförmigen, grünen Hecken sahen wir nur wenige im Thale, durch die Kriege ist es fast ganz verödet und dient den räuberischen Schaaren der Massai als bequemes Einbruchsthor ins Panganithal. Mit der Erreichung dieses Gipfels glaubten wir das Schwerste überstanden zu haben, doch war der Abstieg so steil und der ^7eg so feucht und glatt, dass die Träger sich nicht aufrecht erhalten konnten und zur Fortbewegung einen Körpertheil benützten, auf dem man im Allgemeinen mehr zu sitzen als zu gehen Pflegt. Endlich erreichten wir das niedrige Waldjoch zwischen Lutindi und Kombola, welches die Wasserscheide zwischen Luen-gera (Pangani) und Wadiri (Umba) bildet. Wir hatten noch ein gutes Stücknach Seite des letzteren abzusteigen, bevor wir mit sinkender Sonne das Dorf Nkisara erreichten, wo Dr. Meyer mit der Vorhut schon seit Stunden angelangt war. Die Träger waren mit Koth und Schlamm bedeckt und sehr ermüdet, nur das Versprechen »Kescho ta schinda" (Morgen wird gerastet) konnte sie zu einem schwachen Jubelgeschrei begeistern. Nkisara liegt auf einer Stufe des Wadirithales, welches vom Kombola- und Hunduberg eingeschlossen ist. Thalauswärts blickt man in die dürre, graubraune Steppe, durch welche das Vegetationsband des Flusses sich schlängelt und wo Abends mächtige Grasbrände auflodern. Das Dorf hat etwa 30 ärmliche Hütten, doch sieht man schöne Ziegen und Schafe und die Bewohner, deren Hauptnahrung Bananen und Bohnen sind, sehen kräftiger aus als die Waschamba des Sigigebietes. Der Rasttag in Nkisara verlief ruhig, wir vertheilten zum erstenmale Poscho (Zehrgeld) in Baumwollenzeug. Bisher hatten wir den Leuten Kupfergeld gegeben, welches auch in Nkisara, ja fast überall in Usambara gangbar ist. Da dies aber nicht vorauszusehen war, hatten wir nicht genügende Mengen Kupfergeld mitgenommen. Am Morgen des 8. September fand sich, dass zwei Träger fortgelaufen waren, was jedoch keinen weiteren Aufenthalt verursachte. Wahrscheinlich waren die Leute durchs Luengerathal nach Korogwe entflohen. Wir verfolgten den Abhang des Hundu-thales und stiegen, am kleinen, neuen Dorfe Scheschuhi vorbei durch dichten Wald leicht abwärts. Vielfach bemerkten wir darin Bambus und wilde Orangen, manchmal überschritten wir abgeholzte und bebaute Strecken, wo viel Tabak und Zuckerrohr ^dieh. Das Hunduflüsschen ist ein sehr schönes, klares Berg-Wasser, welches unter hohen Bäumen über die Steinplatten rauscht. Am jenseitigen Thalliange ging es sehr steil bergan. Die Wege waren stellenweise recht gut, meist aber wie gewöhnlich schlecht und durch Felsplatten versperrt. Es war erstaunlich, wie rasch unsere Träger, die doch im Allgemeinen in solchen Bergwanderungen nicht geübt waren, sich eingewöhnt hatten und mit welcher Leichtigkeit sie bereits stiegen. Am Tage nach dem Poscho pflegten viele sich's freilich bequem zu machen und einen Eingeborenen zu engagiren, der die Last schleppte, während der Träger als grosser Herr nur mit dem Gewehr hinterherschlenderte. Freilich war das Zehrgeld für solchen Luxus nicht bemessen und wenn es am letztem Tage nichts mehr zu essen und auf den Feldern nichts zu mausen gab, so wurde eben der Gürtel strammgezogen und — gefastet. Höher oben nahm der Boden eine grell ziegelrothe Farbe an und erschien mir als typischer Laterit. Die Vegetation war dem ungeachtet eine sehr reiche, einzelne Palmen erhoben sich zwischen reizenden Pandanus ähnlichen Pflanzen und die Laubbäume waren stark mit Bartflechten bewachsen. Stets ist das Dorf Hundu sichtbar, welches, das Land beherrschend, auf steilem Felsvorsprunge am Hange gelegen ist. Schon um 10 Uhr Morgens durchschritten wir gebückt die Thore der beiden Balkenzäune, welche die einzig zugängliche Seite von Hundu versperren. Das Dorf besitzt etwa 20 Hütten, die auf der Höhe des schmalen Felsvorsprunges auf gelbrothem Boden verstreut liegen. Die äusserste Ecke wird ähnlich wie in Mkalamu von gähnenden Abgründen gebildet, an deren Fuss das Dörfchen Unter-Hundu und das Wadirithal gelegen ist. Wir hatten herrlich klares Wetter und der Blick konnte ungehemmt über das weite Panorama Süd-Usambaras schweifen. DieFelspyramide derLutindi und die dunkle, breitschulterige Masse des Kombolaberges lagen vor uns, dahinter tauchten die felsgekrönten Waldkämme des Sigithales, Mlinga, Mkalamu und Lukindo auf, bereits wohlbekannte Gestalten. Zur Linken erhob sich, in die Ebene vorgeschoben, der flache Doppelgipfel des Kingongoi. Einen grossartigen Eindruck machte jedoch der Anblick der weiten Nyikasteppe, auf welche wir wie von einer hohen Insel herabsahen. In scheinbar unendlicher Grösse dehnt sich die graubraune Fläche mit eingestreuten Gebüschen, nur unterbrochen von den Galeriewäldern der Flüsse und von °den Bergkuppen, die gleich wüsten Eilanden aus dem dürren Grasrneer sich erheben. Unter diesen bemerkten wir die unbewohnten Grevi- (Jerewi) Berge, welche Von der Decken und ■^ersten vor Jahren überschritten und auf ihrer Karte verzeichnet haben. Im fernen Nordosten leuchtete die blaue Fläche des Meeres auf, während im Norden die Ebene am Horizont in scharfer Linie abschloss. Der Dorfchef von Hundu war sehr lichtfarbig und hatte halb arabischen Typus, gehörte also jedenfalls dem ^Vakiündi-Geschlechte an. Er benahm sich nicht übermässig freundlich. Am Morgen des g. September war es recht empfindlich kalt und ein scharfer Wind brachte Nebel, der bald Alles mit seinem grauen Schleier verhüllte. Die Schwarzen sind in solchen Fällen 0rrnlich unzurechnungsfähig und kaum in Bewegung zu setzen, da nichts so ungünstig auf sie einwirkt als Kälte und Regen. Wir stiegen sehr steil durch den Wald bergan, zu beiden Seiten rauschten frische Bergwässer. Je höher wir kommen, desto mehr nirnrnt die Vegetation afrikanischen Gebirgscharakter an. Der Wald lichtet sich, aus dem dichten Gewirre des Unterholzes erheben sich vereinzelt die prachtvollen, hohen Laubbäume, noch dichter als im Unterland von Lianentauen und Schmarotzerpflanzen Urnschlungen. Nesselgewächse werden auffallend häufig und auch der König des tropischen Bergwaldes, der herrliche Baumfarn, tritt in einzelnen Exemplaren auf Besonders schön sind die Wilden Bananen mit riesigen, unzerschlissenen, saftgrünen Blättern. einigen Stunden erreichten wir die Höhe des Nieloberges, wo Jedoch der Wald jeden Ausblick hemmte. Auch beim Abstieg ging es zuerst durch einen förmlichen Hohlweg zwischen Laub-mauern, wo der laute Gesang der Waniamwesi-Träger ganz eigentümlich hallte. Erst von einer Lichtung konnten wir die neue Welt überblicken, über deren Beschaffenheit die vorhandenen * achrichten keinerlei Aufschluss gegeben hatten. Abermals lag eine tiefe, weite Thalmulde unter uns, jenseits Welcher der felsige Grat der Mschihuiberge sich erhob, der sich nach Nordwesten zu den höheren, zerklüfteten Kämmen der rauhen Jaschatuberge aufthürmt. Diesen vorgelagert war die niedrigere, NAUMANN, In Deutseh-Ostufrika wKhrcnd des Aufatandus. 5 breite Masse des Ula. Nahe, aber abgrundtief unter uns dehnte sich die trostlose Nyika gleich einem erstarrten braunen Ocean aus. Als wir den Berg weiter herabstiegen, änderte sich plötzlich der Landschaftscharakter und fast schien es, als ob auf das „glückliche Usambara" ein „steiniges Usambara" folgen sollte. Steinig war der Boden allerdings noch nicht, doch an Stelle des Waldes und der saftigen grünen Weiden, die wir bisher durchzogen, trat steifes, hartes Gras mit eingestreuten verkrüppelten Büschen. „Saua-saua Vivi" (ganz wie bei Vivi), sagten die Sansibariten, die früher am Congo gedient hatten, und wirklich, die Aehnlichkeit war eine auffallende. An den Gewässern freilich gedeiht dichterer Busch, aber auch dieser hat ein fremdartiges Aussehen und ist besonders durch die abenteuerlichen, kronleuchterartigen Formen der Baumcacteen und der mächtigen Euphorbien ausgezeichnet, bei welchen die kleinste Verletzung einen wahren Springquell weissen, ätzenden Saftes hervorruft. Die Thalmulde selbst, obwohl allerseits von trostlosem Campinenland umgeben, ist jedoch fruchtbar und wir durchschritten in derselben schöne Pflanzungen von Zuckerrohr, Bananen, Bohnen, Kürbissen, Tomaten, Reis, Maniok und Pa* paias, bevor wir das kleine Dorf Mschindi mit etwa 15 Hütten erreichten. Obwohl mir nicht bekannt ist, dass jemals ein Weisser vor uns Mschindi besucht, zeigten sich die Eingeborenen doch gar nicht sehr überrascht durch unsere Ankunft, woraus wir schlössen, dass sie häufigen Verkehr mit der Küste unterhalten. Dies wurde "Wasserträgerin. auch dadurch bestätigt, dass die Leute uns bald Kupferpice brachten, um dieselben gegen Rupien umzutauschen. Im Uebrigen liess sich's in Mschindi sehr gut leben, ein ■^orfchef machte zwar nicht seine Aufwartung, doch bekamen Wlr ausserordentlich reichliche und billige Nahrung, so dass der Koch ein wahrhaft lucullisches Mahl bereiten konnte. Am 10. September durchzogen wir die völlig flache Kumba-raulcle, welche allerdings fruchtbar und wasserreich, sogar theil-VeiSe versumpft ist, aber im Charakter ihrer Vegetation der ^igltnulde in keiner Weise ähnelt. Besonders sind auch hier die acteen und Euphorbien in erstaunlicher Grösse entwickelt, und niedrige, knorrige Lianen verschlingen sich in den unglaublich-s en Windungen zu wahren gordischen Knoten. Durch letztere, Ufch dicke, gefallene Baumstämme und sumpfige Stellen war as fortkommen sehr erschwert und die Träger konnten sich es vielersehnten Flachgehens nicht recht erfreuen. Um 9 Uhr kamen wir an eine Stelle, wo ein Bach eine lehmige Thalstufe überwindet und als kleiner Wasserfall in einen Tümpel stürzt. r tritt aus einem kleinen Schilfsumpf, der die Bäche aufnimmt, Welche den drei Felsbergen Mavumbi, Nigale und Ibumba ent-strörnen und den District von Mschihui bewässern. Bald darauf erreichten wir das Hauptdorf desselben, Mascheua, mit etwa Ranzig Hütten, die auf einem kahlen Hügel gelegen sind, von Reichem man die genannten Felsberge und einen Theil der umbarnulde mit den einzelstehenden Massen des Ula und Kongoi Uberblicken kann. Schon in Mschindi hatten wir. allerlei Wunder von dem grossen Maseuasee gehört, der in der Kumbamulde gelegen sein '^ute. Wir massen diesen Angaben allerdings keinen besonderen erth zu, da ein wirklich grösserer See von den Bergen zu Sehen gewesen sein müsste, hielten es aber doch für unsere lcht, die Sache in Augenschein zu nehmen. Geführt von einem ^geborenen verfolgten wir den sogenannten Massaiweg, d. h eir»en der Pfade, welchen die Massai benützen, um aus den nörd-nen Ebenen ins Luengenathal zu gelangen. Derselbe war durch lchtes Dornengestrüpp nahezu ungangbar, so dass wir nur schwer rcbkamen. Schliesslich trafen wir auf eine offene Stelle und auf zahlreiche Flusspferdspuren, wodurch unsere Erwartung etwas höher gespannt wurde. Um so grösser war unsere Enttäuschung, als schliesslich ein waldumgebener Schilfsumpf als der berühmte Maseuasee bezeichnet wurde. Mühsam drangen wir am rechten Abhänge eine Strecke weiter, um einen Ueberblick zu gewinnen-Von dort sahen wir, dass der Maseua etwa eine Stunde lang und 30 Minuten breit ist und nur wenige offene Stellen besitzt, von welchen man das tiefe Grunzen der Flusspferde vernimmt, die hier wahrscheinlich eine alpine Sommerfrische besitzen. Der Ausfluss, der recht ansehnlich sein soll, fliesst als Kumba dem Luengera zu. Nach Mascheua zurückgekehrt, fanden wir die Eingeborenen zahlreich versammelt und bereits in inniger Freundschaft mit unseren Trägern. Sie sahen viel unverfälschter und weniger von Cultur angehaucht aus als die bisherigen Waschamba und hatten scharfgeschnittene, oft auffallend jüdische Gesichtszüge, auch häufig Kinnbärte. Sie führten wenige Gewehre, sondern meist Bogen und Pfeile und rauchten aus langen Pfeifen entsetzlichen Usambara-Knaster, dessen „Aroma" der afrikanischen Tabakcultur ein trauriges Prognostikon stellen lässt. Einige alte Pierren mit Hakennasen, rothen Mützen und dunklen Ueber-würfen, die ohneweiters als schwarz gefärbte polnische Juden gelten konnten, wurden uns als die Häuptlinge von Mschihui vor* gestellt. Vor diesem „Parterre von Königen" gaben wir denn unsere übliche Vorstellung mit Spieldose, Magazingewehr und Bilderbüchern und erregten grosse Begeisterung. Unsere Leute kauften inzwischen sehr viele Lebensmittel und besonders guten Flonig. Letzteren bekamen wir überhaupt so häufig, dass wir unsere Getränke u. s. w. nur mehr damit süssten. Der Jumbe (Häuptling) von Mascheua zeigte übrigens etwas sonderbare Rechtsbegriffe. Er brachte nämlich eine Ziege als Geschenk und empfing sein Gegengeschenk. Am nächsten Morgen jedoch wusste er im Tumult des Aufbruches die Ziege wieder verschwinden zu lassen und ins Dorf zu bringen. Leider erfuhren wir den Vorfall zu spät, sonst hätten wir, um das Princip zu wahren, die Ziege, die einmal unser Eigenthum geworden, energisch zurückverlangt. Unser Weg führte durch theilweise verbranntes Campinenland in den Mulden des Kumba und Mgambo, stets in Sicht der steilen Felsberge Jamba, Gombello und Fuschi. Im Graslande zerstreut liegt der Dorfcomplex von Magoda mit etwa 30 Hütten, -^er sehr beschränkte Wegweiser, welcher an der Spitze der Karawane ging, leitete dieselbe auf einen falschen Pfad, der nach Wuga Kimueri's führt. Mein Kirongosi Katta aus Hundu merkte dies zwar sofort, doch dauerte es geraume Weile, bis alle Träger auf den richtigen Pfad zurückgekehrt waren. Durch diese Ver" Zogerung waren wir genöthigt, in dem elenden Dorfe Hankuni Uut zehn kleinen Hütten zu verbleiben. Doch fanden wir einen Schönen Lagerplatz am Ufer des kühlen Mgamboflusses im Schatten eines grossen Baumes, der mitten in einem Kürbisacker ^ag, wo es von Grillen wimmelte. Den Hintergrund bildete die schlanke Felspyramide des Gombello. Am i2. September legten wir einen längeren Marsch durch recht traurige Gegend zurück. Fast überall herrscht Campinenland vor, die Thaler sind häufig versumpft und der Wald, falls °n einem solchen gesprochen werden kann, besteht fast nur aus Euphorbien und Dorngestrüpp, welches das Gehen erschwert. "^is oberhalb des Dorfes Kitivo, das in verbranntem Graslande li e8"t, zogen wir im Thale, dann verfolgten wir einen kleinen Wasserlauf, der in einem breiten Hochkessel, einem Kaar, wie ^an in den Alpen sagen würde, entspringt. Allerseits ragen che steilen, öden Hänge auf, von wilden Felsgraten gekrönt, Unter welchen der Gomeniberg und der Gombello hervorragen. j1 scharfem Anstieg führte der Weg den sonnbestrahlten Plang uinan. Der Boden war mit spärlichen Gräsern und einzelnen, Verkümmerten Büschen bedeckt, zwischen welchen zahllose weisse 0 -Uarz- und glänzende Glimmersplitter verstreut lagen. Das war ein «steiniges Usambara", wie es nicht schöner gedacht werden konnte. Auf der Höhe des Dassetberges grüssten uns kühlere Lüfte Und ein weiter Ausblick entschädigte uns für unsere Mühen. Wir blickten in eine Mulde hinab, die in ihrer Trostlosigkeit den isherigen schönen Thälern freilich wenig glich. Jenseits der-Selben, 1111 Süden und Südosten ragten Kongoi und andere ferne Bergkämme auf, die freundlicheres, grünes Ansehen hatten, und über welche, wie man uns angab, der Weg nach Bumbuli und Wuga Kimueri's führt. Ein anderes AVuga, jenes des Häuptlings Jaschatu, lag nördlich von uns, ebenfalls den Blicken nicht sichtbar und von uns getrennt durch die hohen, charakteristischen Felsberge des Gomeni und Haschatu. Beim Abstiege überschritten wir zahlreiche trockene Wasserrisse und erreichten schliesslich Nachmittags das Dorf Flaschatu, welches auf einem niedrigen Hügel in der Mulde liegt und etwa zwanzig Hütten besitzt. Eigentlich hätte am nächsten Tage gerastet werden sollen, doch war das Dorf so elend, das Wasser so schlecht und weit entfernt, ferner die ganze Gegend so trostlos und arm, dass die Träger aus freien Stücken erklärten, hier nicht bleiben zu wollen. Zufällig war gerade der Häuptling Jaschatu anwesend, der von Kimueri völlig unabhängig sein soll, wahrscheinlich weil Letzterer es sehr vernünftigerweise nicht der Mühe werth findet, ihn im Besitze seines Steinlandes zu stören. Jaschatu, der sich bald bei uns einfand, ist ein grosser, schön g-ebauter Mann mit intelligenten, energischen Gesichtszügen. Er erschien ohne Gruss, starrte uns einige Zeit schweigend an und zog dann plötzlich wieder ab, ein Geschenk für uns zurücklassend. Da wir eine solche Behandlung denn doch nicht gewöhnt waren, wiesen wir dasselbe zurück und erklärten, den Häuptling Jaschatu nicht zu kennen. Se. Hoheit fühlte sich dadurch veranlasst, wieder zu erscheinen, er benahm sich diesmal etwas freundlicher, so dass wir die Ueberzeugung bekamen, dass seine Zurückhaltung nur auf angeborener Schüchternheit und Scheu zurückzuführen war, da das Erscheinen von zwei Weissen in seinen Erblanden ihm doch ein zu neues Ereigniss sein mochte. Zuletzt gab er uns ein Schaf, eine Ziege und Honig und erhielt eine Pistole von uns, so dass die Freundschaft wieder hergestellt war. In Haschatu schied zu meinem grossen Bedauern Katta, der Wegweiser aus Hundu, einer der wenigen vernünftigen Wegweiser, die ich in Afrika besessen. Für den Reisenden, dem es sich nur darum handelt, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist freilich irgend ein Eingeborener, der den Weg kennt, als Führer genügend; für den Topographen jedoch, dem das Erfragen def Nomenclatur und der directe Verkehr mit den Eingeborenen von höchster Wichtigkeit ist, kann der Besitz eines guten Wegweisers eine wahre Lebensfrage genannt werden. Denn im Allgemeinen sind die Naturvölker, nicht nur in Afrika, sondern selbst im europäischen Orient, abgeneigt, die Ortsnamen ihrer Heimat dem Reisenden anzugeben. Sie verstehen nicht warum er so eifrig nach Allem fragt und vermuthen irgend eine üble Absicht. Es ist daher nicht gut thunlich selbst zu fragen, und ich Hess die Namen stets durch meine schwarzen Diener in meiner Gegenwart in Erfahrung bringen. Auf den Wegweiser allein sich zu verlassen, wäre unvorsichtig, da man nicht verlangen und erwarten kann, dass derselbe alle Namen auf Tagreisen weit kennt. Das Fragen der Diener war jedoch in unserem Falle dadurch sehr erschwert, dass Erstere das Kischambä nicht sprachen, während viele Eingeborenen fast nichts Kisuahili verstehen. Als Wegweiser wurde natürlich wo immer möglich ein Mann ausgewählt, der Kisuahili sprach. Auf dessen Verständigkeit im Ausfragen der Eingeborenen kam es in hohem Grade an. Darum bekleidete der „Klrongosi" mir gegenüber immer eine Ausnahmsstellung. Seine Wünsche wurden, wo irgend möglich sofort erfüllt, und selbst ein Benehmen, welches bei den eigenen Leuten als bodenlose Frechheit strenge bestraft worden wäre, wurde beim Kiron-gosi als gelungener Scherz belächelt, um diesen wichtigen Mann hei guter Laune zu erhalten. Im Allgemeinen theile ich die Wegweiser in vier Gruppen: die Verständigen, die Dummen, die Diensteifrigen und die Boshaften. Das Ideal eines Menschen ist der verständige Wegweiser. Er kennt vor Allem das Land genau und wartet nicht, bis man ihn zehnmal fragt, sondern sagt die Namen von selbst, ja macht den Reisenden auf manche Terrainobjecte aufmerksam. Er kann sich mit dem Reisenden und seinen Dienern vollkommen verständigen. Er giebt nie einen falschen Namen an ; weiss er einmal etwas nicht, so sagt er dies ungescheut und fragt den nächsten begegnenden Eingeborenen in unauffälliger Weise. Leider sind solche Perlen höchst selten, ich habe in Afrika eigentlich nur zwei, den Stromführer Saladjum von Wangata am Congo und den Jungen Katta von Hundu als solche kennen gelernt. Der dumme Wegweiser weiss anfangs erst gar nicht, was man eigentlich von ihm will. Er fasst die Fragen des Reisenden als müssige Neugierde oder schlechte Witze auf und starrt entweder verwundert oder grinst, ohne zu antworten. Niemals sagt er einen Namen von selbst, und die Frage: „Wie heisst dies, wie heisst jenes ?" muss bis zum Ekel wiederholt werden. Ueber-haupt weiss er sehr wenig und die fehlenden Namen müssen durch die Diener mühsam von Eingeborenen erfragt werden, da der Führer dazu unbrauchbar ist. Mit sehr viel Geduld bekommt man auf diese Art eine lückenhafte, aber doch im Allgemeinen richtige Nomenclatur. Der dumme Wegweiser ist der normale. Viel gefährlicher als er ist der „Diensteifrige". Dieser weiss meistens gar nichts, will aber seine Unkenntniss um keinen Preis zeigen und erfindet mit erstaunlicher Phantasie die unglaublichsten Namen. Freilich ist er sehr leicht zu überführen, wenn man ihn nach einiger Zeit um den Namen eines schon früher bezeichneten Objectes fragt. Er giebt dann regelmässig einen anderen Namen an, weil er den zuerst erfundenen bereits wieder vergessen hat. Zum Ausfragen der Eingeborenen ist er nicht zu brauchen, da er niemals zugeben will, dass ein von ihm genannter Name falsch sei. Er fragt deshalb immer ob ein bezeichnetes Object nicht so oder so heisse, worauf die Eingeborenen unabänderlich mit „Ja" antworten. Dieses lügenhafte Wesen vieler Wegweiser entspringt meist nicht aus Böswilligkeit, sondern gerade aus dem Gegentheil; er will dem Weissen Vergnügen machen, indem er ihm recht viele Namen angiebt. Diese Art Wegweiser verursachen unsägliche Mühen und man kann noch froh sein, wenn es gelingt, sie in einfach dumme Wegweiser zu verwandeln. Am ärgsten sind natürlich die „Boshaften", die aus Aberglauben oder Schlechtigkeit absichtlich falsche Angaben machen und die Eingeborenen zu solchen verleiten. Glücklicherweise kommen sie aber nur selten vor, da Leute, welche eine solche Abneigung gegen Weisse besitzen, sich im Allgemeinen überhaupt nicht als Wegweiser hergeben. Aus dem Genannten ist zu ersehen, welch grosse Wohlthat ein vernünftiger Führer für den Topographen ist, der durch Routenaufnahme, astronomische und barometrische Beobachtungen, Winkelmessungen und andere Arbeiten ohnehin fortwährend in Athem erhalten wird und dann wenigstens das übliche Repertoire von Kniffen und diplomatischen Künsten ruhen lassen kann, um eine richtige Nomen-°iatur zu erfahren. Mit grossem Bedauern entlässt man daher einen anstelligen Burschen, wie den guten Katta aus Hundu, und betrachtet seinen Nachfolger mit der bangen Frage: „Zu welcher blasse magst du wohl gehören?" III. Capitel. Von Haschatu nach Masinde und Kwambugu. MaUania. — Trostloses Campinenland. — Mlalo und der Häuptling Kiniassi. — Durch die Bergwaldregion nach Mbaramu. — Die Semtula-Nyika. — Gondja. — Nachrichten von der Hauptkarawane. — Nach Kihuiro und dem Mkomasi. — Desertionen. — Nachtmarsch durch die Steppe nach Mkumbara. — Masinde und König Sembodja. — Verlassen mit vier Mann. — Wuga Kimueri's. — Die vier neuen Askari. — Gale und Kwambugu. — Nach Mlalo und zurück nach Masinde. Am Morgen des 13. September herrschte trübes, nebeliges AVetter, welches sich bald darauf in Regen verwandelte. Dies rief bei den Bewohnern von Haschatu grossen Jubel hervor, da seit fünf Monaten kein Tropfen Regen gefallen war. Allgemein schrieb man diesen günstigen Witterungsumschlag unseren segensvollen Zauberkünsten zu und wir fanden es nicht für gut, diesem Gerücht, welches für uns so vortheilhaft war, ernstlich zu widersprechen. Weniger freundlich als die Menschen, schienen die Bienen gegen uns gesinnt, denn sie fielen in wahren Schwärmen über uns her, während wir unser Frühstück verzehrten. Uebrigens ist ihr Stich nicht sehr empfindlich. Unser Weg führte in der Thalmulde aufwärts durch welliges, sehr trostloses Campinenland. welches fast völlig abgebrannt ist. Nach etwa zwei Stunden, während welcher man die Wasserscheide zum Umba überschreitet, wird die Vegetation etwas reicher und man passirt einige trockene Wasserläufe. Unter einem mächtigen, überhängenden Felsen suchten die Träger für einige Zeit Schutz vor Regen und Kälte Unser neuer Kirongosi erzählte dabei allerlei Mordgeschichten von dem arabischen Bandenführer Mbaruk aus Mombas, der seine Raubzüge bis in dieses Gebiet auszudehnen pflegte und der Schrecken des Landes war. Schliesslich besiegte ihn der Sansibar-General Matthews und heute soll er ein friedlicher Unterthan Seid Khalifah's sein- An einer Quelle vorbei, deren Temperatur i8° C. betrug, stiegen wir durch schöne Bananen- und Tabakpflanzungen zur Höhe des Dorfes Kasita mit etwa 15 Hütten. Dasselbe gehört zum Complex von Makania, dessen Ortschaften auf den benachbarten Bergen verstreut liegen, und untersteht noch dem Häuptlinge Jaschatu. Von dem Dorfe, welches über 1300 m hoch liegt, erblickt man in der Ferne die hohen Centraiketten Usambara, darunter den waldigen Baga und den Magamba, den ich später näher kennen lernen sollte. Nach abwärts sieht man einerseits in die öde Thalmulde von Haschatu, andererseits gewährt ein Sattel im Randgebirge Ausblick nach der unermesslichen Nyika-steppe, deren häufiger Anblick aus bedeutender, schroff aufragender Höhe einer Usambarareise so eigenartigen Reiz verleiht. Die Leute kamen in grossen Mengen und brachten viele Lebensmittel zum Verkauf, so dass die Träger den Rasttag am 14. September gehörig geniessen konnten. Weniger war dies bei mir der Fall, da ich von einem lästigen Fieber geplagt wurde. Der Marsch am 15. September führte durch ödes, mit dürrem Gras bedecktes Land, aus dem die blattlosen, halb verkohlten Bäumchen hervorragen. Wir überschritten mehrere Höhen, von welchen man zum erstenmale die tief einschneidende, weite Sucht erblickt, welche die Steppe in dem nördlichen Steilabfalle des Gebirges bildet. Der östliche Randpfeiler derselben ist der Kimbo, eine zerklüftete, kahle Felsmasse, im Norden ragt als äusserster Vorsprung Usambaras die ferne, spitze Felspyramide des Mbaramu-berges auf. Ausser vielen trockenen Wasserrissen überschritten wir auch einen fliessenden Bach und kamen gegen Mittag in eine Mulde, die von dem versumpften Kitivo bewässert wird, frort liegt das ärmliche Dorf Uandani, umgeben von elenden, halbvertrockneten Pflanzungen, am Fusse des steil aufragenden Herges, der das Felsdorf Mnola trägt. Unfreundlich wie das Land waren auch seine Bewohner, eine schmutzige, scheue Gesellschaft, die bei unserer Annäherung das Dorfthor verrammelte und Niemand einlassen wollte. Da wir jedoch Nahrung kaufen und deshalb mit den Leuten in Verbindung treten mussten, so suchten wir durch längeres Verhandeln bei verschlossener Thür die Schwarzen von unserer Harmlosigkeit zu überzeugen, was schliesslich auch gelang. Uandani gehörte nicht mehr zu Jaschatu's Gebiet, sondern leistete wieder Kimueri von Wuga Gehorsam. Bereits in den letzten Tagen war die Kälte besonders Morgens sehr empfindlich geworden, in Uandani jedoch fiel das Thermometer am Morgen des 16. September gar auf die für Centraiafrika unerhörte Temperatur von -f- 5 0 C. Die halbnackten Träger kauerten zitternd an den Feuern und waren nur mit Mühe vom Fleck zu bewegen, obwohl gerade das Marschiren sie am ehesten erwärmen konnte. Dann ging es steil zu einem hohen Bergkamm an, von dem aus man abermals einen schönen Blick auf die weite, braune Ebene mit ihrer steilen Umrahmung geniesst. Im Norden taucht der breite Kegel des Kisigao im Taitalande auf. In der Höhe ist das Land etwas besser; besonders die ziemlich zahlreichen Wasserrisse, in welchen Tümpel oder schmale Rinnsale zu finden sind, ermöglichen reichere Vegetation an ihren Ufern. Nachdem wir einige Zeit am Steilabfalle gegen die Ebene gewandert, stiegen wir abermals landeinwärts zu einer Mulde ab, wo das kleine Dorf Kihitu am Fusse eines schroffen Felsens gelegen ist, der die Aussicht nach der Ebene versperrt. Das Erklettern desselben mittelst einiger Spalten und Wurzeln, ein kleines alpines Kunststück, scheint ein Lieblingssport der löblichen Dorfjugend, die sehr erstaunt war, als ich ihr dasselbe nachmachte und sogar meine „Zauberwerkzeuge" (Instrumente) hinaufhisste, um eine trigonometrische Rundsicht herzustellen. Auch hier waren die Eingeborenen scheu und zurückhaltend, waren noch schmutziger und rauchten noch schmählicheren Tabak als anderswo. Wie fast überall im Campinenlande Usambaras war die Nahrung spärlich und so theuer, dass wir uns veranlasst sahen, eine Rakete steigen zu lassen, worauf die Preise etwas fielen. Seit drei Tagen zeigte sich kein Häuptling mehr und der übliche Geschenkaustausch schien gänzlich aus der Mode gekommen. Unsere Stimmung war gerade keine glänzende, denn zwar bereisten wir ganz unerforschtes Gebiet, aber dasselbe war so trostlos und unfruchtbar, dass wir uns fragen mussten, ob es denn überhaupt der Mühe werth sei, derartiges Land zu entdecken und aufzunehmen. Schon fürchteten wir, dass das ganze nördliche Usambara trauriges Campinenland sein mochte und dass die gute Meinung, welche frühere Reisende von der „ostafrikanischen Schweiz" verbreitet hatten, nur für den Süden des Landes Berechtigung habe. In dieser pessimistischen Stimmung verliessen wir am *?. September das ungastliche Kihitu. Schon zu Beginn des Marsches wurden wir jedoch durch die breiten, auffallend guten Wege angenehm berührt, die meist in den steilen Hang eingeschnitten sind, der in mehreren Absätzen nach der Ebene abfällt. Die Bäche, die wir überschritten, waren wasserreicher, die Bananen- und Tabakfelder, zwischen welchen einzelne Hütten verstreut liegen, verloren etwas von ihrem verdorrten Aussehen. Ueberhaupt wurde das Land zweifellos freundlicher. Erst fanden wir noch einige schlanke Palmen, je höher der Pfad jedoch den Komascharuberg hinanführt, desto mehr nehmen Farnkräuter und dichtes, niedriges, wohlriechendes Gestrüpp überhand, zwischen welchem feines, an die Heimat erinnerndes Gras spriesst. Stets schweift der Blick ungehemmt über die weite Steppe, in welche die wilden Felsberge Usambaras gleich Vorgebirgen unvermittelt einschneiden. Alles Wasser fliesst hier dem Umba zu, dessen grüner, geschlängelter Vegetationsstreif tief unten in der Ebene zu verfolgen ist und uns Von der Decken und seiner Gefährten gedenken liess, die von dort aus vor fast 30 Jahren die Höhen zuerst erschaut haben, auf welchen zu wandeln uns nun vergönnt war. Steil führte der lateritrothe Pfad zur Höhe des Randberges hinan und deutlich konnte man die ganze Karawane überblicken, welche, der Kirongosi mit der deutschen Flagge voran, dem Kamme zustrebte. Kaum hatte der Vortrab denselben erreicht, als die ersten Träger ihre Lasten niederlegten und in ein wahres Freudengebrüll ausbrachen. Wir im Nachtrab wurden natürlich neugierig und begannen den Hang förmlich hin anzulaufen. Als wir auf der luftigen Höhe standen, konnte auch ich mich nicht enthalten, den prächtigen, überraschenden Anblick, der sich uns bot, mit einem kräftigen Juh-Schrei zu begrüssen. Alle Befürchtungen, dass das ganze nördliche Usambara sich als trau-riges Campinenland erweisen könnte, waren durch einen Blick aus dem Felde geschlagen; es war kein Zweifel, das „steinige Usambara" lag hinter ans und wir traten in ein neues, schöneres „glückliches Usambara". Für unsere Leute bedeutete dies ein Ende der Hungertage, für uns die Entdeckung eines unbetretenen, vielversprechenden Gebietes in Deutsch-Ostafrika. Umgeben von schönen Bergzügen, deren Gipfel theils bewaldet sind, theils in steile Felsthürme auslaufen, dehnte sich eine weite wellige Mulde zu unseren Füssen. Unter den Hügeln, die in derselben verstreut sind, nimmt sofort ein abgestutzter Kegel unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Er ist sehr steil, im Obertheile felsig, am Hange mit niederer Farnvegetation und dichten "Waldgruppen bedeckt. Auf seinem nach Nord geneigten ebenen Gipfel liegen dicht aneinander gereiht die Hütten des Dorfes Mlalo, etwa 150 an der Zahl, vom ringförmigen Gitterzaune eingefasst. Der Anblick dieser zahlreichen, bienenkorbähnlichen Hütten auf der steilen Felskuppe, mit den breiten Flächen der Berghänge als Hintergrund, muss eben so eigenartig als malerisch genannt werden. Die ganze Mulde jedoch ist ziemlich dicht bewohnt und bildet den District Scheie. Ueberau sieht man ein Netz rother, vom Vieh breitgetretener Pfade über die Hänge sich schlängeln, ausgedehnte, wohlgepflegte Pflanzungen von Bananen, Tabak, Zuckerrohr und anderen Culturgewächsen sind zu sehen, und das glatte braune Buckelrindvieh, sowie Ziegen und Schafe treiben sich auf den Weiden umher. Mehrere mit grünen Hecken umgebene grössere Dörfer liegen auf den Hügeln der Mulde und einzelne Hütten-complexe in grosser Zahl sind bis an die Bergkämme hinan zu erkennen. Zahlreiche Bäche rieseln von den Höhen und vereinigen sich in dem Umba, der in einem theilweise versumpften Thalriss der Mulde entspringt, den Hügel von Mlalo umfliesst und der Ebene zueilt. Rasch stiegen wir in die Mulde hinab, kamen an einem netten Steg des Umba vorbei und erklommen auf gutem Pfade den Mlalohügel zur Hälfte, wo wir auf schöner Grasterrasse lagerten. Schon bei unserem Abstiege hatte sich in Mlalo das Leben eines gestörten Ameisenhaufens bemerkbar gemacht. Als wir von der Komascharuhöhe herabblickten, waren nur wenige Menschen durch das Fernrohr im Dorfe zu sehen. Als aber die Karawane, von deren Nahen man offenbar nichts wusste, bemerkt Gruppe von Waschamb war, änderte sich rasch der Schauplatz. Aus allen Hütten stürzten dunkle Gestalten und liefen eilig im Dorfe umher, man sah Speere blitzen und das dumpfe Brausen zahlreicher Menschenstimmen drang bis zu uns. Auf allen Pfaden sah man Männer und Weiber aus den Feldern rasch und schweigend dem schützenden Weichbilde des Dorfes zueilen. Als wir unseren Grasplatz erreicht hatten und die Zelte aufschlugen, waren die Felsen um das Dorf herum buchstäblich mit Menschen bedeckt, die schreiend und mit wilden Bewegungen das unerhörte Ereigniss besprachen. Einige unserer Leute stiegen zum Dorfe hinan und wollten einkaufen, doch fanden sie alle Thore geschlossen und die Eingeborenen riefen ihnen zu, sie könnten mit uns nicht in Verkehr treten, bevor lnr grosser Sultan Kiniassi dies nicht gestattet hätte. So musste sich denn Muinikambi in eine weisse Toga hüllen und rothe Schuhe anziehen, fünf nette Askari wurden so fein als möglich ausgestattet und zogen als Gesandtschaft feierlich zur Residenz des »grossen Sultan" hinan. Da die diplomatischen Verhandlungen sich ln die Länge zogen, begann ich Circummeridianhöhen der Sonne Zn messen und Dr. Meyer las wie gewöhnlich die Chronometer ab. Eben waren wir zu Ende, als oben ein furchtbarer Lärm sich erhob und eine förmliche Procession den Schlangenweg herabzog. Voraus zog das Orchester des Sultans, bestehend aus einem Burschen, der eine alte Schiffsglocke unaufhörlich wüthend schwang, Mehreren Leuten, die Plolzpfeifen bliesen, und Einem, der einer Ziehharmonika die entsetzlichsten Töne entlockte. Dahinter schritt der Sultan, beschattet von einem uralten Regenschirm, und ihm folgten etwa 50 Leute in kriegerischem Schmuck, die fortwährend pewehre losschössen. Wir wollten einem solchen Empfange gegenüber natürlich nicht zurückstehen und befahlen unseren Trägern, Jeder drei Schüsse abzufeuern. Sie thaten dies mit allerlei Sprüngen und Geschrei, und bald hallten die Bergwände von den Schüssen, deren Knallen die wimmernde Schiffsglocke kaum übertonen konnte. Der ganze Aufzug wirkte so komisch, dass wir Uns nicht enthalten konnten, dem „grossen Sultan", der schliesslich bei uns erschien, ins Gesicht zu lachen, was diesen in grosse Verlegenheit brachte, so dass er sich hilflos nach allen Seiten umblickte. Bald jedoch endete der Lärm und wir fanden B^UMANX, In Deutucu-Oitafrika wllhrend dp» Aufetamlca. 6 uns wieder in jenen feierlichen Ernst, der bei solchen Gelegenheiten in Afrika unerlässlich ist. Der alte Kiniassi machte einen sehr guten Eindruck. Es ist ein dürres, schmächtiges Männlein mit schwarzer Hautfarbe, Kinnbart und kleinen, gutmüthig dreinblickenden Augen. Er trug einen bunten Turban und ein braunes Maskat-Hemd, schien sich aber in dieser Kleidung etwas fremdartig vorzukommen. Neben ihm sass sein Sohn, ein auffallend hübscher und aufgeweckter, etwa sechzehnjähriger Junge mit blitzenden Augen und feinen Extremitäten. Letzterer hatte zwar auch dunkle Hautfarbe, aber fast europäische Gesichtszüge, wie man dies in Usambara nur bei den Wakilindi antrifft. Möglicherweise war seine Mutter ein Mkilindiweib, denn der alte Kiniassi konnte als geradezu typischer Mschambä bezeichnet werden. Mit längerer Ansprache, welche ein Mlalomann, der lange an der Küste gewesen, ins Suahili übertrug, begrüsste uns Kiniassi als erste Weisse in seinem Gebiete und überbrachte als Geschenke einen schönen Buckelochsen, ein Schaf, sowie Zuckerrohr, Bananen und andere Feldfrüchte, worauf er wieder nach seinem Dorfe abzog. Nun war die Freundschaft besiegelt und in hellen Haufen kamen die Eingeborenen vom Dorfe herab, darunter auch viele ganz hübsche junge Weiber und niedliche aber schmutzige Kinder. Sie brachten Lebensmittel aller Art in grossen Mengen und zu lächerlich billigen Preisen, so dass die Leute wieder einmal schwelgen konnten und auch unserem Koch Gelegenheit gegeben war, seine Kunst zu zeigen. Darin liegt eben der hohe Reiz des Buschlebens: heute hungrig in trostlosem Gebiet und bei unfreundlichen Eingeborenen, morgen im Ueberfluss schwelgend in schönem, gastlichen Lande, ein abwechslungsreiches, herrliches Dasein! Nachmittags stieg ich zur Höhe des Dorfes hinan. Das Gitter besteht aus zähen Palmstämmen und besitzt zwei starke Thore. Auch die Hütten sehen] gut aus, sie haben solide Lehmwände und dichte Blätterdächer, die weit herabreichen. An der höchsten Stelle ist eine Felsgruppe aufgelagert, aufweiche ich mein Stativ stellte, um nach den verschiedenen Punkten der Mulde Peilungen auszuführen. Bald erschien Kiniassi im Hauskleide, mit Lendenschurz, hoher Korbmütze und langer Usambara-Pfeife, aus der er qualmende Wolken blies, während er und einige seiner schmutzigen Minister mit zu Zöpfen geflochtenen Kinnbärten mir bereitwillig alle Ortsnamen nannten. Später kam Dr. Meyer mit den Hauptleuten unserer Karawane und wir begaben uns in den Hüttencomplex Kiniassi's zur officiellen Gegenvisite. Dabei gaben wir die übliche Vorstellung, wobei die „Hofdamen" aus allen Spalten und Ritzen der Hütten hervorlugten und sich um Kiniassi's grimmiges Drohen mit der langen Pfeife wenig kümmerten. Dann wurde geheimnissvoll ein dicht verhülltes und verschnürtes Bündel mit den Geschenken herbeigebracht und von Muinikambi mit absichtlicher Wichtigthuerei und Langsamkeit ausgepackt, so dass die allgemeine Spannung aufs höchste gedieh. Schliesslich kamen denn die Herrlichkeiten zum Vorschein: ein Paar rothe Schuhe, eine kleine Drehorgel, Ringe mit „Edelsteinen", „goldene" Ketten, Blechteller und andere Gegenstände jener Art, die der Küstenkaufmann als „fancy articles" bezeichnet. Der alte Kiniassi wollte erst ein etwas enttäuschtes und gleichgiltiges Gesicht machen," wie dies bei afrikanischen Potentaten gewöhnlich ist, als aber Sein Sohn sein Entzücken unverholen äusserte und auch aus dem Hintergrunde die begeisterten Ah! und Oh! der Hofdamen erklangen, da fiel auch er aus der Rolle und zitterte förmlich vor Freude, wie ein Kind bei der Christbescherung. Und doch hatte Alles, was wir brachten, in Europa zusammen nicht einmal 4 Mark gekostet! Nun wurde Kiniassi sehr gemüthlich, man brachte trefflichen, erfrischenden Zuckerrohr-Pombe herbei und eine kleine Verbrüderungs-Kneiperei begann, bei welcher der „Kronprinz" v°n Mlalo, unser besonderer Freund, sich sogar das deutsche »Prosit!" aneignete. Dann führte uns der Häuptling an das Nordende des Dorfes, wo man einen weiten Blick auf die Ebene und die fernen Taiitaberge geniesst. Kiniassi beklagte sich bitter, dass die Massai und Watäi'ta fortwährend räuberische Einfälle in sein friedliches Thal machten, was er hauptsächlich dem Mangel einer kräftigen Zauberflagge zuschrieb. Er bat uns dringend um eine solche und versprach, ihr einen hohen Flaggenstock errichten Ur*d sie in Ehren halten zu wollen. Wir gaben ihm denn auch ein mächtiges schwarz-weiss-rothes Banner und wollten ihm sogar einen Oeldruck Bismarcks als kräftigen Zauber schenken. Diesen 6* wies er aber energisch zurück mit der Begründung, dass ihm der Mann nicht gefiele, so dass wir mit unserem Bismarck beschämt abziehen mussten. Kiniassi untersteht zwar nominell dem Häuptling Kimueri von Wuga, doch scheint die Autorität desselben eine sehr geringe zu sein. Abends hüllte dichter, undurchdringlicher Nebel unser Lager ein, während wir behaglich im Zelt sassen und bei einem Glase Pombe diesen ereignissvollen Tag besprachen. Am nächsten Morgen war es wieder sehr kalt und wir brachen rasch auf, nachdem wir dem alten Kiniassi unsere Grüsse hinterlassen. Der Weg führt am jenseitigen Abhänge des Mlalohügels bergab nach dem Umbaflusse, der hier schon recht ansehnlich und mit zwei glatten, dünnen Baumstämmen überbrückt ist, deren Ueberschreitung mit den Lasten und mit dem Esel gerade nicht einfach war. Letzterer, der Esel, hatte in Usambara bereits hohe Berühmtheit erlangt, da er der erste seines Stammes im Gebirge war, und nach uns, den weissen Männern, entschieden am sensationellsten wirkte. Unterhalb der Stelle, wo man den Umba überschreitet, bekommt derselbe bald ein sehr starkes Gefälle und dürfte in Katarakten die Randstufe nach der Ebene überwinden. Der Hügelzug, der sich zwischen Umba und einem starken Nebenbache ausdehnt, ist mit Pflanzungen bedeckt und durch ein ausgebildetes Bewässerungssystem bemerkenswerth. Dann geht es auf gutem Pfade den Hang hinan, den die niedrige Farn Vegetation bedeckt, unterbrochen von vielen Feldern und Hüttencomplexem Zuletzt gelangt man in eine Hochmulde, die sich zwischen dem Felskopf Semauscha und einem anderen felsigen Berge ausdehnt. Von der Jochhöhe geht es jenseits in das tiefe Thal des Bagai-baches, an dessen Rand sich prächtige Vegetation und zahlreiche Baumfarne angesammelt. Weiter führt der Pfad abermals steil einem Kamme zu, durch schöne Grasfelder, auf welchen zahlreiche reizende Ericas spriessen, was lebhaft an die Alpen erinnert. Von der Flöhe erblickt man rückwärts die wüsten Jaschatuberge und im Norden, inselartig der Ebene entsteigend, den regelmässigen Kegel des Kisigao. Dann stiegen wir steil zum Uateuebache ab, an dessen Ufern wir Lager schlugen. Derselbe ist von üppiger Waldvegetation eingesäumt und so klar und kalt, dass ein Bad darin ganz herrliche Erquickung gewährte. Die Eingeborenen des Dorfes Teue, welches nicht allzuweit entfernt ist, kamen bald in grossen Mengen und brachten Lebensmittel, darunter auffallend viel Yams zum Verkauf. Am 19. September legten wir einen sehr beschwerlichen Marsch durch die Waldwildnisse des-Schagaiuberges zurück. Gleich jenseits des Uateuebaches versperrte ein grosser Baumstamm den Weg, ein Hinderniss, dessen Ueberwindung mit der Karawane eine volle Stunde Zeit raubte. Dann hatten wir einige Bäche zu überschreiten, an welchen besonders schöne Baumfarne und wilde Bananen auffielen, und steil ging es den Berg hinan. Der Wald ist üppig, aber von etwas anderem Charakter als am Kombolaberge. Das Unterholz ist viel weniger dicht und verfilzt, die- Bäume stehen einzelner, dennoch greifen ihre dichten Laubkronen derart iri einander, dass oft nur ein Dämmerlicht auf den Boden fallen kann. Sehr alte, mächtige Waldriesen, wie sie besonders am Nieloberg häufig waren, sind am Schagaiu seltener, doch verzerren oft gestürzte Stämme den Weg, und mehr als einmal hörten wir das Krachen eines fallenden Baumes. Nicht selten sind die Bäume von schönen, grossblätterigen Schlingern umrankt, doch bemerkt man die langen Bartflechten Weniger. Nach langem, mühsamen Anstieg auf den unwegsamen, M b a r a m u. steilen Waldpfaden erreichten wir nach Ueberwindung- mehrerer Vorkuppen um i Uhr die Kammhöhe und stiegen abwärts. Um 2 Uhr traten wir plötzlich aus den Walde und erblickten vor uns das Thal des Mbaramubaches, auf dessen äusserster, gegen die Ebene vorgeschobener Randkuppe das Dorf Mbaramu mit etwa 60 Rundhütten und zwei starken Gitterzäunen gelegen ist. Dahinter dehnte sich die Ebene und am Horizonte ragten die Kämme des Pare- und Uguenogebirges auf. Noch mussten wir steil zum Mbaramubache absteigen, der dem Umba zufliesst, um hierauf wieder ansteigend auf rothen, in den Laterit der Hänge eingeschnittenen Pfaden unser Lager unterhalb des Dorfthores von Mbaramu zu erreichen. Man schien in Mbaramu von unserer Ankunft und guten Absichten bereits unterrichtet, denn Alles kam uns freundlich entgegen, und der Dorfchef, ein dicker, gemüthlicher Herr, machte bald seine Aufwartung. Er erinnerte sich noch ganz wohl, dass zwei Weisse (Von der Decken und Kersten) vor vielen Jahren, als er noch ein Junge war, am Fusse des Mbaramuberges in der Ebene lagerten. Die beiden Forscher hatten ein gutes Andenken hinterlassen, welches uns — nach 26 Jahren — noch sehr zu statten kam. Der Fläuptling brachte als vorläufiges Geschenk eine mächtige Kalebasse mit Zuckerrohrwein, der uns nach dem langen Marsch sehr erquickte. Am 20. September hielten wir Rasttag in Mbaramu, den die Leute sich in den Bergen reichlich verdient hatten. Vom höchsten Punkte des Dorfes, wo der Hüttencomple* des Lläuptlings gelegen ist, machte ich Peilungen nach den verschiedenen Bergen. Rechts, jetzt in nächster Nähe, ragte die Pyramide des Mbaramu-Felsberges steil aus der Ebene, mit dem waldigen Schagaiu verbunden durch einen hohen, grasigen Kamm, auf den das Dorf Pungule wie ein Adlernest geklebt ist. Zu unseren Füssen sind einige Dörfer und das Gewirr von Galeriewäldern der Umbazuflüsse sichtbar, die, sich einend, um das Nordende des Felsberges dem Plauptflusse zustreben. Dahinter liegt unabsehbar die graubraune, sonnenbestrahlte Steppe, die nirgends so frei und grossartig sichtbar ist, wie von Mbaramu-Die fernen Kämme und Kuppen, die gleich grauen Luftgebilden aus der Einförmigkeit der Ebene tauchen, erhöhen noch den Eindruck der Unendlichkeit, den diese hervorbringt. Leider verhüllte der Kilima-Ndscharo, der von Mbaramu sonst deutlich zu sehen ist, sein Haupt in dichte Dunstmassen und es war mir nicht vergönnt, den König der afrikanischen Berge auch nur von ferne zu schauen. Die angenehme kühle Luft und die unvergleichlich grossartige Aussicht Hessen uns den Rasttag in Mbaramu froh gemessen, umsomehr als auch für unser leibliches Wohl reichlich gesorgt war. Denn der Häuptling brachte einen schönen grauen Ochsen, ein Schaf, etwas Honig, Milch, Pombe und selbst Reis; er erhielt dafür eine Kinderpistole, einige Messer, Messingketten, Schnupftabak und rothe Schuhe, womit er sehr zufrieden war. Unsere behagliche Ruhe in Mbaramu wurde einzig durch den Gedanken getrübt, dass wir morgen diese prächtigen Höhen verlassen und nach der heissen, wasserarmen Ebene steigen sollten. Denn unsere geplante Durchkreuzung Usambaras war vollendet und überraschend gut gelungen. Ohne besondere Schwierigkeiten, als jene, welche das Terrain bot, hatten wir 20 Tagreisen auf fast völlig unerforschtem Boden zurückgelegt und genaue Aufnahmen ausgeführt. Wer Afrika kennt, der weiss, wie ausserordentlich selten die genaue Durchführung selbst eines bescheidenen Reiseplanes möglich ist. Uns ward dieses seltene Glück in Usambara zu Theil. Konnten wir dies als günstiges Omen für unsere weiteren Pläne nehmen oder hatten wir vielmehr den Zorn der Götter zu fürchten? Die Zukunft sollte es lehren. Am 21. Morgens fanden sich die versprochenen Wegweiser nicht ein und wir ,mussten zu unserem Bedauern den Häuptling aus seinem Harem rufen lassen. Der würdige Potentat erschien sehr verschlafen und im tiefsten Neglige, beschaffte aber doch °ald zwei wegkundige Leute. Dann ging es sehr steil in Serpentinen den Berg hinab, an einigen kleinen Hüttencomplexen vorbei. Je tiefer man kommt, desto wärmer wird es, desto mehr nimmt die Vegetation des Hanges trostlosen Steppencharakter an. Immerhin sind noch Pflanzungen sichtbar, die durch abgedämmte Rinnsale des Mbaramubaches bewässert werden. Gegen 10 Uhr hatten wir den Abstieg vollendet und erreichten die Ebene, die jedoch hier ein ziemlich freundliches Aussehen hat, da sie von drei Bächen durchzogen wird, an deren Ufer Galeriewälder gedeihen. Dazwischen sind einige Dörfer verstreut. Während im Osten die wohlbekannte Masse der Mbaramuberge nun himmelhoch über uns aufragte, erblickte man am nördlichen Randkamme des Pondethales auf steiler, oben breiter Felskuppe das merkwürdige Bergdorf Mti, welches höher als Mbaramu gelegen ist. Es hat mindestens 150 Hütten, die auf lateritrother Terrasse dicht beieinander liegen. Wir hielten am Pondebache Mittagsrast, an einer Stelle, wo offenbar Karawanen zu lagern pfleg"en, wie durch Aschenhügel und das Gedeihen einzelner verwilderter Cultur-pflanzen bezeugt wurde. Hier wurde die sogenannte „telekesa" gemacht, das heisst alle Leute kochten ab und füllten die Kalebassen und sonstigen Gefässe mit Wasser, da sich bis Gondja nur wasserlose Einöde dehnt. Etwas nördlich von unserem Rastplatze dürfte Von der Decken gelagert haben, doch gab es damals in der Ebene noch keine Niederlassung, während inzwischen mehrere, zu Mbaramu gehörige Dörfer errichtet worden sind. Um 2 Uhr p. m. zogen wir weiter, in die flache, trostlose Nyika hinaus, über die der' Weg sich als hellrothe Schlange zieht. Ich bestieg unseren grauen Freund, den trefflichen Langohr, der auf den fetten Weiden Usambaras trotz der schlechten Bergpfade förmlich dick geworden war und nun die öde Steppe mit missbilligendem Geschrei begrüsste. Der Unterschied war aber auch zu grell. Wohin man blickte, war nichts zu sehen als halbhohes, dürres und theilweise verkohltes Gras, Stachelgestrüpp undSucculenten. Einzelne Dumpalmen,Tamarinden und »Schirmmimosen, mit breitem tischartigen Wipfel, die dem Rande der Steppe etwas mehr Leben gaben, verschwanden weiter draussen vollständig. Wir zogen erst längs des Randes des Usambaragebirges, das in ungeheuren, trostlosen Steilhängen mauerartig zur Ebene abfällt, nicht ahnen lassend, welch' reiche Fülle prächtiger Thäler und Berge sich hinter diesem wenig einladenden Walle ausdehnt. Bald verliessen wir den Fuss des Usambara-Abfalles, der hier zu den wilden, steilen Felsmassen des Mbalu-Distric.tes sich aufthürmt, und zogen in die offene Steppe hinaus, aus der einzelne steinige Hügel hervorragen, während im Norden und Westen die Höhen des Paregebirges als dunkle Mauern sichtbar werden. Ich hatte so viel von dem ungeheuren Wildreichthum dieser Ebene gehört und gelesen, dass ich fortwährend nach den Hunderten von Giraffen, Tausenden von Zebras und zahllosen Antilopen ausblickte. Leider war die Jahreszeit eine so ungünstige, dass ich auf unserer mehrtägigen Wanderung in demselben Gebiete, wo Johnston fabelhafte Massen Wild erblickte, auch nicht eine Klaue zu sehen bekam. Nur einmal glaubte ich eine Antilope oder etwas Aehnliches zu erblicken, doch stellte sich dasselbe bei näherer Betrachtung als unser Somali-Junge Achmed heraus. Desto mehr machte sich das niedere Thierleben in Gestalt der bissigen, schwarzen Ameisen bemerkbar, welche unsere Nachtruhe störten. Abends schlugen wir in der Semtula-Nyika bei einigen viereckigen Wildgruben das Lager auf und verzehrten unseren einfachen Imbiss, während der Mond die öde Steppe und die dürren Formen der Stachelbüsche unheimlich beleuchtete. Bei Tagesanbruch wurde am 22. September der Marsch fortgesetzt. Das Land nimmt stellenweise förmlichen Wüstencharakter an, der nackte mit Quarzknollen bestreute Lateritboden liegt offen zu Tage. Nach zwei Stunden, als wir an einer steinigen Hügelkette vorbeikamen, erblickten wir bereits an der dunklen Bergwand des Paregebirges den leuchtenden, weissen Streifen des Thornton-Falles, der nach dem verdienstvollen Geologen der Von der Decken'schen Expedition benannt ist und das Wahrzeichen von Gondja bildet. Bei der überhandnehmenden Hitze konnten viele Leute sich nicht enthalten, ihr Wasser auszutrinken, worauf sie bald darauf vom Durst geplagt wurden und erschöpft hegen blieben. Sie mussten später von Askari, die ihnen Wasser entgegenbrachten, abgeholt werden. Der Erste, der umfiel, war der Somali Ali, von dem man doch am ehesten Gewöhnung an Wassermangel erwarten konnte, da das nördliche Somaliland gerade auch nicht übermässig feucht sein soll. Ein paar tüchtige Stockschläge, die auch auf manchen Träger belebend einwirkten, hätten ihn wohl auf die Beine gebracht, doch sind solche Mass-regeln bei dem rachsüchtigen Charakter der Somali nicht anzurathen. Gegen Gondja zu wird der Boden dunkler, von Rissen durchfurcht und das Dorngestrüpp dichter. Erst um halb i Uhr erreichten wir den Lagerplatz beim Dorfe Majanga (District Gondja), wo alle Leute sich mit dem kühlen Wasser des Flusses erquicken konnten. Die Eingeborenen sind Wapare, die Sem-bodja von Masinde unterstehen und welchen man es wohl anmerkt, dass ihr Dorf an der grossen Karawanenstrasse liegt. Die Männer tragen weisse Sansibar-Hemden, die Weiber buntes Zeug, grosse Ohrklötze und viele Glasperlen um den Hals. Proviant ist in Gondja reichlich zu bekommen. Unsere erste Frage galt natürlich der Hauptkarawane, die schon längst hier durchgekommen sein sollte und die wir nächsten Tages in Kisuani zu treffen hofften. Zu unserem »Schrecken erfuhren wir, dass Niemand eine solche Karawane gesehen habe und dass die Leute in Masinde, der Residenz des Usambara-Königs Sembodja, aufgehalten worden seien. Angeblich hatte der Sultan von Sansibar dem Sembodja einen Brief geschrieben, in welchem er ihm befahl, unsere Leute nach der Küste zurückzuschicken. Dies schien uns sehr unwahrscheinlich und wir vermutheten, dass eine der in Ostafrika so häufigen Massendesertionen eingetreten war. So unangenehm dies auch schien, so fassten wir es doch keineswegs als Unglück auf, da Expeditionen, die schliesslich die grössten Erfolge erzielten, wie jene des Grafen Teleki und Schiffslieutenant v. Höhnet, anfangs unter ähnlichem Missgeschick zu leiden hatten. Vor Allem galt es, nach Masinde zu ziehen, um die Sachlage klar zu sehen, dann mussten wir eben, ähnlich wie unsere Vorgänger in solchen Fällen, nach der Küste zurückkehren und neue Träger anwerben. Davon, dass ein heftiger Aufstand ausgebrochen war, der unsere Pläne end-giltig durchkreuzen sollte, hatten wir natürlich keine Ahnung. So hiess es denn am nächsten Morgen statt landeinwärts dem Kilima-Ndscharo zu weiterzureisen, unsere Schritte nach Süden, gegen Masinde zu lenken. Der Thorntonfall war anfangs noch schön sichtbar, ebenso ein Dorf Mlato, das ähnlich wie iP Usambara hoch am Berggrate gelegen ist. Wir kamen noch an mehreren Dörfern des Gondja-Districtes vorbei, durchzogen Pflanzungen und Waldland und traten schliesslich wieder in die offene Nyika, die knapp ans Gebirge heranreicht. Der Steilabfall desselben hat ein recht ödes, aber malerisches Aussehen und gleicht auffallend jenem Usambaras. Wahrscheinlich erstrecken sich auf der Höhe ebenfalls schöne, wasserreiche und bewohnte Bergländer, die aber noch gänzlich unerforscht geblieben sind. Die Nyika am Fusse der Berge kann als „gemässigte" Steppe bezeichnet werden, man sieht viele schöne Dumpalmen und die Trostlosigkeit ist Weniger auffallend. Schon um 10 Uhr Früh erreichten wir abermals Humusland, wo ein starker Zufluss des Mkomasi aus den Bergen tritt und die Ebene erreicht. Das Wasser dieses Flusses, über den ein dicker, runder Baumstamm als Brücke führt, ist in zahlreiche Canäle abgeleitet, welche die Felder bewässern. An einem solchen Wassercanal beim Thore des Dorfes Ndungu lagerten wir unter zwei grossen, schattigen Bäumen. Die Wapare, die bald zahlreich erschienen, um Nahrungsmittel zu verkaufen, haben spitzgefeilte Zähne und rasieren ihr Kopfhaar rund ab oder tragen einen Schopf. Sie sind schmutzig und sehen ziemlich verwildert und stumpfsinnig aus. Ihr Schmuck besteht aus Messingdraht und eisernen Kettchen aus Madschame (Dschagga), die vielfach im Ohr getragen Werden, und aus allerlei Fetischkram. Die Weiber sind häufig dick, nicht gerade hässlich, aber mit Messingdraht und Glasperlen über-iaden. Als Waffen sieht man gut gearbeitete Bogen und Pfeile, Schwerter von der in Ostafrika weit verbreiteten lanzettförmigen Form und breite Massai-Speere. Auch hübsch gearbeitete Holzkeulen Und solche aus Rhinozeroshorn sind den Massai abgelernt. Eine Bande der letzeren lagerte oben unweit des Dorfes und machte sich durch Viehdiebstähle unangenehm bemerkbar. Das Dorf ist mit zwei Gittern aus korbartig geflochtenen Zweigen umgeben, die lange nicht die Festigkeit der Balkenzäune Hsambaras besitzen. Die Hütten sind sehr elend, rund mit hohen Lehmmauern. Das Dorf Ndungu untersteht ebenfalls dem Fläupt-ung Sembodja, dessen Autorität sich auf das ganze südliche Pare-gebirge zu erstrecken scheint. Er mag hier sogar mehr Macht besitzen als im nördlichen Usambara, wo man sich um Sembodja und Kimueri recht wenig kümmert. Dies erhellt schon daraus, dass die Mbaramuleute fortwährend in Streit und Krieg mit denWa-Pare von Gondja leben, obwohl sie beide Sembodja unterthan sind. Auf den Bäumen unweit unseres Lagers kletterten zahlreiche graue Affen munter umher. Gegen Abend erhoben die Frösche in den Sümpfen und Canälen ein lautes, streng taktmässiges Quakconcert. Denselben Sümpfen entstiegen auch Moskitos, Plagegeister, deren wir in Usambara bereits ganz entwöhnt waren. Am 24. September zogen wir in dem schmalen Nyikastreifen weiter, der sich zwischen Pare und Usambara ausdehnt und der Länge nach von einigen wüsten Hügelketten durchzogen ist. Wir hielten uns auf der Seite von Pare, dessen Kämme und Felskuppen klar sichtbar sind, während die dunkle, scharf gezackte Linie des Usambaragrates sich am östlichen Himmel abzeichnet. Zwischen beiden steil abfallenden Gebirgen ragt im Südosten die ansehnliche Masse des Lassaberges aus der Ebene, von Norden gesehen einer spitzen Pyramide gleichend. Beim Ende der Hügelkette Makokani überschritten wir einen Wasserriss, der selbst jetzt, in der trockensten Zeit des Jahres, einige Tümpel enthielt. Die Nyika behält ihren gewöhnlichen Charakter, doch bei der vollständigen Flachheit und den wenig gewundenen Wegen legt man in kurzer Zeit weite Strecken zurück. Gegen Mittag kamen wir an dem grossen Waseguadorfe Kihuiro (Kwa Kihungui) vorbei, das in der offenen Ebene abseits vom Wasser gelegen ist. Es hat etwa 60 Hütten, ist von einem viereckigen Zaune umschlossen und macht in der vegetationslosen Umgebung einen eigenthümlichen Eindruck. Die Hütten besitzen die gewöhnliche Rundform, jedoch mit Vordächern, unter welchen die Berathungen abgehalten werden. Man sieht im Dorfe schönes Vieh und Geflügel, auch scheinen die Eingeborenen trotz der traurigen Lage ihres Dorfe gute Felder in der Nähe zu besitzen, da sie nicht nur Milch und Butter, sondern auch reichlich Feldfrüchte zum Verkauf brachten. In Kihuiro halten sich stets viele Suahili und Halb-Araber auf, die sofort mit unseren Leuten fraternisirten, was den übelsten Einfluss auf Letztere ausübte. Noch hatten wir etwa 20 Minuten zu gehen, bevor wir schönen Baumwuchs und den Fluss Mkomasi erreichten, jenseits welches wir lagerten. Leider stellte sich dort heraus, dass vier Mann während des Marsches entflohen waren. Unser gezwungener Rückzug sowie die Nachrichten aus Masinde wirkten sehr demoralisirend auf die Leute, besonders da es hiess, dass ein Befehl ihres Oberherrn, des Sultans von Sansibar, die Hauptkarawane zurückgerufen habe. Unser Menu erhielt Abends eine Abwechslung durch die Fische, die wir im Mkomasi angelten. L>a bis Mkumbara auf eine sehr weite Strecke kein Wasser zu finden ist, sollte am nächsten Tage Telekesa gemacht und die Nacht hindurch marschirt werden. * Am 25. September stellte ich, wie stets an solchen Rasttagen, mein Instrument auf und begann eifrig Zenithdistanzen der Sonne zu messen, während Dr. Meyer die Uhrzeiten ablas und *Q8 Manuale eintrug, was ebenfalls vollste Aufmerksamkeit erfordert. Wir waren in unsere Arbeit ganz vertieft, als Muinikambi weinend und verstört herbeikam und meldete, dass die *7 Waniamwesiträger vor Kurzem am hellen Tage entlaufen seien. Die Waniamwesi? Nicht möglich! Die Waniamwesi, denen keine Last zu schwer, kein Berg zu steil und keine Arbeit zu yiel, die durch ihre Unermüdlichkeit und ihr harmlos munteres Wesen schon längst eine begünstigte Stellung in der Karawane annahmen — gerade sie sollten fortgelaufen sein? Doch da war nichts zu ändern. Kurz bevor wir zu beobachten anfingen, kamen einige Waniamwesi und bettelten in ihrer gewöhnlichen naiven Art um Schnupftabak. Als wir dann durch die Beobachtung gänzlich in Anspruch genommen waren und die übrigen Leute die Geisse Mittagszeit meist verschliefen, schlichen sie einzeln davon, ^griffen ihre Gewehre, die sie wohl schon des Nachts draussen versteckt hatten, und liefen hinaus in die weite Steppe. An Verfolgung war nicht zu denken, denn wir hatten weder eine Ahnung, wohin diese unermüdlichen Steppensöhne sich gewandt hatten, noch konnten wir wagen, die vorhandenen Mannschaften Unter solchen Umständen allein zu lassen. Es galt also, Eingeborene anzuwerben, und Muinikambi und der alte Mabruki brachten auch nach langen Verhandlungen eine Anzahl wüst aussehender Wasegua mit Bogen, Pfeilen und Gewehren, die sich bereit erklärten, gegen die hohe Löhnung von 5 Doti Merikani (weisses Baumwollen zeug) per Mann die Lasten bis Mkumbara 2u tragen. Als die Verhandlung schon geschlossen schien, stellten sie plötzlich noch unverschämtere Forderungen und entfernten sich schliesslich bis auf drei Mann. Die Lage war eine recht un- angenehme. Alle Lasten waren verschnürt und für uns war es von höchster AVichtigkeit, Masinde bald zu erreichen, um nicht vorher durch neue Desertionen völlig lahmgelegt zu werden. Alles was tragen konnte, Askari, Köche, Jungen und Präparatoren, wurde belastet, selbst die Herren Somali mussten sich bequemen, auch einmal ernstlich mitzuthun. Dennoch blieben schliesslich 12 minder wichtige Lasten liegen, die wir unter Aufsicht Muini-kambi's und des alten Dr. Fischer'schen Askari Mgaia zurück-liessen; sie sollten in wenigen Tagen nachkommen. „Mbote, mfumu, mbasi takwisa!" (Lebe wohl Herr, morgen komme ich!) rief mir Muinikambi auf Kikongo beim Abschied zu. Ich habe den Mann nie wiedergesehen. Inzwischen war es fast 6 Uhr geworden und der Abend breitete seine Schatten über die Öde Steppe, in die wir, ein Häuflein von kaum 40 Mann, eilig hinauszogen. Dr. Meyer musste seine schwere Elephantenbüchse tragen und ich besorgte neben der topographischen Aufnahme, die später bei Laternenschein und Mondlicht nach Kräften fortgesetzt wurde, das Geschäft eines Aufsehers beim Nachtrab. Mit der Plötzlichkeit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und die rasch ausschreitenden, schweigenden Träger sahen mit ihren weissen, flatternden Hemden ganz gespensterhaft aus. Auch die Einsamkeit und Oede der Natur in der Nyikasteppe mit ihren abenteuerlichen, stachelige» und knorrigen Büschen und mit den fernen Bergmassen, auf welchen die Grasfeuer glühten, machten bei diesem fluchtartigen nächtlichen Marsch einen ergreifenden Eindruck. Oefter verloren wir den Weg und mussten schliesslich in völliger Finsterniss eine Stunde warten, bis der Mond aufgegangen war. Bei Tagesgrauen hatten wir schon den Lassaberg weit hinter uns und erreichten das Gebiet der Dumpalmen. Dort sahen wir zwei schlanke, langbeinige Gestalten mit einem Hunde durch die Ebene auf uns lossteuern. Es wTaren Massai, und ich freute mich schon sehr, Angehörige dieses berühmten Stammes kennen zu lernen, als sie plötzlich Kehrt machten und eben so rasch, als sie gekommen waren, wieder verschwanden. Später, zwischen den verästelten Dumpalmen, sahen wir aber noch einen ganzen Trupp Massai mit etwa 20 Eseln. Die Männer waren durchwegs El-Moran (Krieger), mit breiten, scharfen Speeren und Schwertern bewaffnet. Sie hatten scharfgeschnittene, wilde aber nicht unschöne Gesichter, eine hohe, schöne Gestalt und ein freies, höchst ungezwungenes Benehmen. Als Kleidung trugen sie kleine Mäntelchen aus Ochsenhaut, die von einer Schulter herabhingen und etwa bis an den Nabel reichten. Sie trugen Öschagga-Kettchen oder Stäbchen im Ohr und hatten das Haar meist zu kurzen, dicken Zöpfen vereinigt, mit Fett und rothem Lehm beschmiert. Am Scheitel steckten öfters einzelne Federn. Die Weiber sind mit Ochsenfellen bekleidet, haben kahlen Schädel, Massen Eisen- und Messingdraht-Reifen um den Hals und ganz Unglaubliche Gewichte von Eisenkettchen und Messingdraht-Spiralen in den Ohren, deren Läppchen wohl 15 cm weit herabhängen. Die Leute, welche dabei fabelhaft schmutzig sind, machen einen höchst urwüchsigen Eindruck, mehr als irgend ein Stamm, den ich bisher in Centraiafrika kennen gelernt, mit Ausnahme der Bube von Fernando Pöo. Wir hatten uns inzwischen dem Abfalle des Usambaragebirges genähert, erreichten aber erst gegen 10 Uhr, erschöpft von dem Nachtmarsche, wieder Wasser bei dem ärmlichen Wakambadorfe Mkumbara, knapp am Fusse der Bergwand. Die Eingeborenen, eine wenig anziehende Gesellschaft, sehen sehr suahilisirt aus. Sie leben anscheinend mit den Massai im besten Einvernehmen ünd besitzen viele Esel. Am Morgen des 27. September bemerkten wir mit Schrecken, dass fast sämmtliche Askari mit den guten Hinterladergewehren, meine Diener Tschansi und Hamissi und alle Träger mit Ausnahme v°n sieben fortgelaufen waren. Auch der Koch und Küchenjunge Waren verschwunden und hatten den grössten Theil des Proviants und Geschirrs mitgenommen. Am Abend vorher hatten die Leute ruhig und ordnungsmässig ihren Dienst verrichtet und durch keine Andeutung ihre Absicht kundgegeben, uns zu verlassen. Man wird vielleicht den Vorwurf gegen uns erheben, dass wir unter den gegebenen Umständen Nachts nicht selbst Wache hielten. Doch hätte dies keinen Zweck gehabt, denn wenn einmal eine Karawane, die Askari inbegriffen, sich fest in den Kopf gesetzt hat, fortlaufen, so sind zwei Weisse entschieden nicht im Stande, sie endgiltig daran zu hindern. Wir Hessen denn unser Häuflein antreten, um uns zu überzeugen, wer eigentlich noch da war. Da war der alte Mabruki und Mabruki wadudu, der, unbekümmert um alle Ereignisse, Schmetterlinge fing und „Kartassi" verlangte, da waren die beiden unbrauchbaren arabischen Askari, die ebenfalls unbrauchbaren Somali, der „Commerzienrath" und die wenigen Träger, die theils von Muinikambi abhängig, theils vielleicht wirklich besser geartet waren. Daneben lagen hoch aufgeschichtet die verwaisten Lasten. Um diese fortzuschaffen mussten Eingeborene aufgeboten werden, die gegen schweren Lohn sich bereit erklärten, das kleine Stück bis Masinde zu tragen. Der Weg führt im theilweise versumpften Mkomasithale, stets am Steilabfalle des Gebirges, das scheinbar senkrecht aufragt und von den wilden, malerischen Felsthürmen der Masindeberge gekrönt ist. Die Dörfer in der Ebene sind theils von Wakamba, theils von Wasegua bewohnt und machen einen recht ärmlichen Eindruck. Mehrfach begegneten wir Trupps von Massaikriegern, die in ihren breiten Sandalen eilig daher gelaufen kamen. Es waren interessante, dreiste Bursche, die meine Uhr, meinen Compass und Alles was sonst noch an mir war, mit naivem Staunen besahen und besprachen. Als sie zuletzt meine weisse Brust erblickten, fuhren sie ganz entsetzt zurück, riefen „Ngai" (Geist) und machten sich aus dem Staube. Bei dem merkwürdigen frechen Benehmen dieser Bursche den Eingeborenen des Landes gegenüber bekommt man wirklich den Eindruck, Leute vor sich zu haben, die einfach thun können, was ihnen beliebt, was selbst der grösste Herrscher Europas nicht von sich sagen kann. Am Sangataflüsschen angelangt mussten wir längere Zeit warten, bis Sembodja, der Häuptling von Masinde, uns Erlaubnis zum Betreten seines Dorfes gab. Dasselbe liegt an der steinigen Berglehne und hat zwei starke Gitterzäune, innerhalb welcher etwa 100 Rundhütten dicht aneinander gedrängt stehen. Dazwischen erblickt man einige im viereckigen Sansibarstil sehr schecht erbaute Lehmhütten, mit besonderen Gittern, die kleine Höfe ein-schliessen: die Residenz Sembodjas. Einige niedrige Cocospalmen sind zu sehen und an der höchsten Stelle des Dorfes steht ein Flaggenmast, wo alle Freitag das rothe Banner von Sansibar gehisst wird- Der alte Sembodja empfing uns auf einem Bette sitzend in seiner Hütte, umgeben von seinen Ministern in Sansibar-Kleidern und einigen Massai-Kriegern. Er ist ein sehr lichtfarbiger, kleiner und ausgemergelter alter Bursche mit zusammengekniffenem Gesicht und kleinen, verschmitzten Augen, der fortwährend Betel kaut und den Boden mit dem rothen Saft vollspuckt. Er trug einen Tarbusch, eine rothe Weste und einen Lendenschurz, und sprach ein sehr gutes Suahili. Er theilte uns mit, dass die Träger der Plauptkarawane sämmtlich abgezogen seien, wozu sie angeblich ein Brief des Vali von Pangani an Sembodja veranlasste. Als wir nach einem Briefe des Sultans von Sansibar fragten, erklärte er erst, keinen solchen zu haben, und später, ihn nicht herzeigen zu wollen. Wir kamen dann mit unserer politischen Weisheit und erklärten ihm, dass sein Land durch den Vertrag, den er selbst mit der deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft geschlossen, deutsches Schutzgebiet geworden sei und dass kein vali und kein Sultan das Recht habe, unseren Leuten das Fortlaufen zu befehlen. Auch erinnerten wir ihn daran, dass ja das ganze Küstengebiet gegenwärtig unter deutscher Verwaltung stehe. La lachte uns Sembodja einfach ins Gesicht und bat uns sehr Unumwunden, ihn mit solchem Unsinn in Ruhe zu lassen, er kenne keine „wasungu" (Europäer) und „wadatschi" (Deutsche), sondern nur den Sultan und die Araber, die seit jeher die Herren des Landes gewesen. Wir verstanden diese Reden umsoweniger, als wir von den unglaublichen Erfolgen, welche die Aufständischen au der Küste täglich errangen, eben keine Ahnung hatten, und nicht wissen konnten, dass der Insurgentenchef Buschiri bin Salim der Urheber jener verhängnissvollen Briefe an Sembodja war. Sembodja führte uns dann zu den Lasten, welche die Träger zurückgelassen, und die, wie wir uns überzeugten, ziemlich unversehrt waren. Wir schlugen dann unser Lager unter den Hütten des Dorfes auf und während der Somali, der jetzt den Koch spielen musste, wohl oder übel etwas zusammenbraute, besprachen wir, Was weiter zu thun wäre. So viel war uns schon klar geworden, dass wir es hier nicht mit einer der gewöhnlichen ostafrikanischen Desertionen zu thun hatten, sondern dass höhere, arabische Eingüsse von der Küste im Spiele waren, mochten dieselben welcher NAUMANN, In Deutsch-OstafrikB iviil.n'ud dos AufKtandes. Art immer sein. Wir hofften zwar durch unsere Anwesenheit an der Küste die Angelegenheit wieder regeln zu können, doch schien dies immerhin nicht völlig gewiss und der Gedanke lag nahe, dass wir an der Ausführung unseres Reiseplanes überhaupt gehindert sein könnten. Für diesen Fall hielten wir es für unsere Pflicht, die begonnene Erforschung Usambaras durch eine Querroute von Masinde nach Mlalo zu vollenden, um wenigstens ein abgerundetes Resultat, die Karte von Usambara, heimzubringen. Wir eröffneten daher unseren erstaunten letzten Getreuen, dass wir vorerst nicht nach der Küste gehen wollten, sondern beabsichtigten, unter Umständen selbst ohne Mannschaft, von hier wieder ins Gebirge zu ziehen. Schweigend zogen sich die Leute zurück und wir dachten nichts anders, als dass sie über Nacht fortlaufen würden. Zu unserem Erstaunen waren sie aber am nächsten Morgen doch noch da und hielten, bei einander kauernd, endlose Berathungen. Die Eingeborenen von Masinde sind der Hauptmasse nach Waschamba, doch stark mit Wakamba und Wasegua-Elementen durchsetzt, auch sprechen fast alle Suahili. Auffallend sind die lichtfarbigen Wakilindi, ausnahmslos nahe Verwandte Sembodja's, unter welchen man sehr schöne, wohlgebaute Frauen und ganz reizende, schwarzäugige Kinder sieht. Nachmittags fanden sich unsere sämmtlichen Suahilileute, ausser zwei, ein und erklärten, mit Mabruki als Sprecher, morgen Früh fortgehen zu wollen. Der Sultan von Sansibar sei ihr Herr und da dieser befohlen habe, nicht mehr weiter zu reisen, so müsse es geschehen. Gegeneinwendungen waren fruchtlos. Der Clerk Ediston, wirklich ein guter Bursche, beschwor uns nun mit ihnen zurückzukehren und nicht allein und verlassen in den Bergen umherzuziehen. Doch wir hielten es einmal für unsere Pflicht, die Aufnahme Usambaras zu vollenden und waren entschlossen zu reisen, sei es nun mit oder ohne Mannschaft. Von den Küstenleuten erklärten nur zwei bei uns bleiben zu wollen: Sadiki, ein einäugiger Bursche aus Kiloa, und Wadi Mamba, ein unscheinbarer, stiller Junge aus Bondei. Ersterer schwächte den Eindruck seiner Treue durch unverschämte Geldforderungen ab, Letzterer jedoch erklärte, es sei ihm alles gleich- gütig, er habe einmal sein Angeld bekommen und werde unter allen Umständen bei uns ausharren. Daneben waren noch die beiden Somali, die laut jammerten, als sie hörten, es ginge wieder ins Gebirge, und gerne fortgelaufen wären, wenn sie dies in dem fremden Lande gekonnt hätten. Am Morgen des 29. September brachten die Leute ihre Gewehre, sagten uns ihr „Kuaheri" (Lebewohl) und zogen ab. So waren wir denn mit vier Leuten in Masinde zurückgelassen, gänzlich abhängig von der Willkür eines gemeinen, habsüchtigen Negerhäuptlings. Zwar benahm sich Sembodja noch sehr freundlich, hatte aber doch schon Dr. Meyer sein gutes Jagdgewehr abgepresst und sandte uns so elende Geschenke, dass wir wohl sahen, er hielte uns besonderer Aufmerksamkeit nicht werth. Auch im Uebrigen war der Aufenthalt in dem engen, drückend heissen und von Ameisen wimmelnden Masinde gerade kein Vergnügen, und wir strebten eifrig nach den Bergen. Zum Glück Hess sich Sembodja herbei, uns 12 Leute als Träger zu geben, mit welchen wir unseren Marsch am nächsten Morgen antraten. Zelte, Badewannen und ähnliche Luxusartikel blieben natürlich zurück, was mir wenig Schmerzen verursachte, da ich im westafrikanischen Busch derartiges doch nie gekannt hatte. Köche waren die beiden Somali, die nicht nur faul, sondern auch wirklich sehr herabgekommen waren, da sie sich in ihrer Nahrung anspruchsvoll zeigten und daher mitten im Ueberfluss förmlich verhungerten. Liener und Askari waren Sadiki und Wadi mamba. Ersterer war zwar recht willig, aber höchst ungeschickt, Letzterer bei allen seinen trefflichen Eigenschaften ein völliger Wilder, der fast gar nichts Suahili verstand und kaum zu gebrauchen war. Die Träger, die Sembodja uns geliefert, waren Waschamba, Wasegua, Wa-kamba, Wambugu und Wapare, ein zusammengewürfeltes Gesindel, der Abschaum von Masinde, eben so schlechte und faule, als ^verschämte Bursche. Disciplin war in die Leute natürlich nicht hineinzubringen, denn wir mussten dem Himmel danken, wenn sie s° freundlich waren, nicht fortzulaufen. Der beste unter ihnen ^ar der Wegweiser, der wenigstens guten Willen zeigte. Der Weg führte erst längs des Steilabfalles der Usambara-berge durch jenen Nyikastreifen, der sich zu beiden Seiten des n * sumpfigen, träge fliessenden Mkomasiflusses ausdehnt. Jenseits ragte die breite, waldige Kuppe des Mafiberges auf. Die Hitze war eine drückende und in Schweiss gebadet langten wir Mittags an den schattigen Ufern des Momboflusses an, wo ein Bad uns erquickte. Dann ging es sehr steil den nahezu kahlen Hang hinan, dessen steiniger Boden eine wahre Glut ausstrahlte. Erst am grasigen Kamme wehte kühlerer Wind und die Vegetation begann mehr und mehr den schönen Weideland-Charakter anzunehmen, der uns aus der Umgebung von Mlalo wohlbekannt war. Unser Weg zog sich am steilen Abhang einer Thalmulde, wo mehrere Giessbäche dem tief eingeschnittenen Mombo zuströmen. Ueberau sieht man kleine Canäle abgedämmt, welche die Bananen- und Bohnenpflanzungen bewässern, die an der Berglehne zerstreut liegen. Im Hintergründe erblickt man Wuga, die Königsstadt Usambaras, deren zahlreiche Hütten den breiten Gipfel eines Berges bedecken. Dahinter ragt die dunkle Masse des Kwamongoberges auf. Der Weg, auf dem wir anstiegen, ist wohlerhalten und besitzt sogar Abzugsgräben für das Regenwasser. Es begann schon zu dämmern, als wir den klaren Giessbach Nkosoi überschritten, der etwas höher aus sumpfiger Bergwiese entspringt und schäumend in steinigem Bett dem Mombo zueilt Dann ging es steil über farnbedeckte Halden auf vielbetretenem Gewirre lateritrother Viehwege der Höhe des Wugaberges Schon hatten wir die ersten, ausserhalb einer Umzäunung gelegenen Hütten des Dorfes erreicht, als uns eine grosse Volksmenge entgegen kam, unter welcher wir sofort den König' Kimueri, den Sohn Sembodja's, erkannten. Er ist sehr lichtfarbig"? hat fast ganz südeuropäischen Typus, aber Kraushaar, und macht einen angenehmen, weit besseren Eindruck als sein Vater Sembodja. Er trug eine schwarze europäische Jacke und eine hohe? abgestumpfte Mütze aus Korbgeflecht. Er reichte uns mit vielen „Jambo!" und „Jambo sana!" die Hand, erklärte aber, dass e? uraltes Gesetz sei, dass kein Fremder, möge er nun schwarz oder weiss sein, die Königsstadt Wuga betreten dürfe. Er wies un^ daher einen Lagerplatz in einem Bananenhain jenseits des Nkosoi-baches an, den wir erst bei Dunkelheit erreichten. Auch schickt0 Kimueri einen Hammel und Pombe als vorläufiges Geschenk- Len nächsten Tag verbrachten wir rastend bei dem Hütten-complex gegenüber Wuga, eigentlich einem Viehstall, wo zahlreiche prächtige Rinder Abends von den Wasegua-Hirten untergebracht wurden. Im Laufe des Tages besuchten wir abermals den König Kimueri, der uns schon frühzeitig reichliche und treffliche Nahrungsmittel geschickt hatte. Er führte uns auf eine Anhöhe unweit Wuga, von welcher wir den Ort vollständig überblicken konnten. Er besteht aus etwa 200*) Rundhütten und besitzt nicht wie die meisten anderen Dörfer rings um das ganze Dorf ein Gitter, sondern nur einzelne eingezäunte Complexe. Am Westende steht eine grosse Hütte mit Lehmmauern zur Unterbringung Fremder aus Usambara. Wir brachten Kimueri sein Geschenk, eine Doppelflinte, worüber er sich sehr freute, obwohl er zahlreiche Gewehre, darunter selbst Winchester- und österreichische Werndl-Karabiner besitzt. Auch seine Unterthanen sind schon ziemlich suahilisirt, so tragen fast alle Zeugkleider und Flinten. Mitten in der Nacht wurden wir in unserem Lager durch Lärm geweckt und erblickten drei Askari unserer Hauptkarawane, Muiniamani, Salimu und Hassani, die eben eingetroffen waren. Die Leute waren uns im Auftrage Sewah Fladschi's den ganzen Weg aber Magila und Mbaramu nachgerannt, um uns den Brief eines Consulatsbeamten zu überbringen. Wäre dieser Brief klar und vernünftig gehalten gewesen, so hätte er uns wohl schweres Unheil für später erspart, leider erging er sich aber nur in allgemeinen Redensarten und enthielt nichts Thatsächliches über die *-age an der Küste. Unser Aerger über das unnütze Schreiben, Welches den Ueberbringern so grosse Mühen verursacht hatte, Wurde sehr durch den Umstand gemildert, dass wir eben in diesen drei Askari einen sehr schätzbaren Zuwachs zu unserer ständigen Mannschaft erhalten hatten. Ein ganz vorzüglicher Bursche war vor Allem Muiniamani aus Tangata, ein schlanker, hübscher Suahili von einigen zwanzig Jahren. Er war einer jener ewigen Vagabunden, wie man sie an der ostafrikanischen Küste nicht selten antrifft, hatte Dr. Fischer auf seiner Reise nach Kawirondo begleitet und sonst noch allerlei *) Burton spricht 1857 von 500 Hütten. Züge ins Innere mitgemacht. Dabei sprach er alle möglichen Sprachen, von jener der Massai bis zum Kipare und Kischambä, welch letzteres uns augenblicklich am wichtigsten war. Freilich soll der gute Muiniamani, wie ich später erfuhr, bei einer anderen Expedition allerlei böse Streiche verübt haben, die ihm auch wohl zuzutrauen waren, wir aber haben ihn bis zum letzten Augenblick als brauchbar, willig und zuverlässlich kennen gelernt. AVie so viele Suahili hatte auch Muiniamani die Eigenschaft, immer nett auszusehen. Seine ganze Garderobe.bestand aus einem Fez, einem weissen Sansibar-Hemde und einem Stück rothem Zeug. Letzteres benützte er einmal als Turban, einmal als Lendenschurz oder Schärpe und hielt seine paar Lumpen stets rein und sauber gewaschen. Ein wahrer Typus war der Askari Hassani, ein echter San-sibarite, ein Kind des glücklichen Ngambo, mit breiten Schultern und sehr kräftigem Körperbau, mit Kinnbart und dickem, gut-müthigen Gesicht, das unter dem alten hohen Fez hervorlachte. Denn anders als lachend und vergnügt habe ich Hassani nie gesehen-Er sang von Morgen bis zum Abend, oder trug förmliche Rha-jjsodien vor, die zwar kein Versmass, aber einen deutlichen Reim hatten, was in der weichen Suahilisprache ganz hübsch klang. Er behandelte darin, unbekümmert ob ihm Jemand zuhörte oder nicht, allerlei Ereignisse der Reise, die glückliche Wiederkehr u. s. W> Abends, besonders wenn ihn etwas Pombe gelabt hatte, zog er seine Pfeife (Ndjo scheitani) hervor und blies recht geschickt eintönige Lieder in Moll, die für den, der an Negermelodien gewöhnt ist, ganz anziehend sind. Hassani hatte bereits Dr. Meyer's erste Reise mitgemacht und war zwar weniger geschickt und brauchbar als Muiniamani, aber ein guter, heiterer Junge, der bald unsere besondere Gunst erwarb. Am wenigsten sympathisch war der dritte Askari Salimu, ein älterer, etwas bequemer und geschwätzt' ger Mann, der aber das Einkaufen von Lebensmitteln gut verstand-Er trug einen schwarzen europäischen Ueberzieher und liebte es. sich grosses Ansehen zu geben. Verstärkt durch diese drei Leute, die durch ihren Gewaltmarsch allerdings sehr ermüdet waren, brachen wir am 2. October auf, umgingen den Berg von Wuga und verfolgten den AVagamC" bach, der schönes Weideland mit eingestreuten Hütten und Bananenhainen durchströmt. Dann ging es stundenlang am steilen, linken Abhänge des Simuiubaches, den wir zuletzt an einer Stelle überschritten, wo er in reizenden kleinen Wasserfällen eine Thalstufe überwindet. Hier pflegen die Eingeborenen ihr zahlreiches, schönes Vieh zur Tränke zu treiben. Am Marsche begegneten wir mehreren Wambugu, Angehörige jenes merkwürdigen Hirtenstammes, der im Herzen Usambaras wohnt. Die Leute glichen im Aeusseren sehr den Massai, nur sahen sie viel weniger wild als diese aus. Eine weite kahle Mulde durchziehend, erreichten wir schliesslich das Dorf Kugulunde mit etwa 15 ärmlichen Hütten, die am Bergkamme geigen sind. Die Eingeborenen wiesen uns eine schöne, vorne offene Versammlungshütte als Wohnhaus an und brachten köstliche saure Milch. Sie scheinen mit Eifer Bienenzucht zu betreiben Von der Höhe erblickt man weithin die grünen Berge Usambaras mit ihren Waldgruppen und Felspartien und in der Tiefe die %ika, aus der die breite Masse des Mafiberges aufragt. Abends gewährte der Sonnenuntergang einen farbenprächtigen, erhabenen Anblick. Von Kugulunde ging es am 3. October hinab in das dorf-und bananenreiche Kwasindothal, dessen klaren, rauschenden Bach wir fast bis zur Quelle verfolgten. Im Oberlaufe durchfiiesst er eine schöne Grasmulde, die von waldigen, felsgekrönten Höhen Umschlossen ist. Darin sind gleich Almhütten die runden Behausungen der Wambuguhirten verstreut, die hier König Sem-hodja's Heerden weiden. Mit Kuhmist gefestet sind die Lehmwände der blätterbedachten Hütten, zwischen welchen man die schlanken, anbekleideten Gestalten junger Wambugu sieht, die mit gellendem pfeifen das glatte, prächtige Buckelvieh vor sich her treiben, beizende kleine Staare fliegen zwischen den Thieren einher und befreien die behäbigen Wiederkäuer von dem lästigen Ungeziefer. Dann führt der Weg steil zur Höhe des Galeberges hinan. Bei einigen Hütten erreicht man den Kamm, hat jedoch noch den steilen Felsen zu umgehen, auf dem das Dorf Gale gelegen ist. Dasselbe hat etwa 50 Hütten, die jenen der Wambugu gleichen, Und ist, nach drei Seiten an'schroffe Abstürze grenzend, nur von der vierten Seite zugänglich, die durch einen starken Balkenzaun geschützt wird. Die Galeleute sind Waschamba, nur der Jumbe, ein freundlicher, aber etwas einfältiger Bursche, scheint, nach seiner lichten Hautfarbe zu schliessen, Mkilindi zu sein. Wir sind wieder im echten Usambara: Gewehre verschwinden mehr und mehr und Bogen und Pfeile nehmen die erste Stelle als Waffen ein. Von der Höhe des Felsens blickt man in die prächtige Mulde unterhalb Gale, die von wahren Bananenwäldern bedeckt ist, zwischen welchen die runden Complexe der Dörfer hervorleuchten. Im Hintergrunde ragen die hohen Kämme Central-Usambaras auf, darunter der waldige Bagaberg, ein alter Bekannter von unserer Nordroute. Wir bekamen zwei schöne Hütten etwa 20 Minuten von Gale angewiesen, in deren dunklem Innern wir uns ganz behaglich fühlten. Ueberhaupt war der Mangel an vielen Bequemlichkeiten auf dieser Tour weit weniger empfindlich als wir vorher gedacht hatten und wir fühlten es als Erleichterung, von dem lästigen Tross der Trägerkarawane befreit zu sein. Die wellige, wohlbebaute Mulde unterhalb des Galeberges durschreitend, deren Gewässer dem Luengera zufliessen, kamen wir unweit des kleinen Dorfes Jamba vorbei und stiegen dann steil zu einem Passe an, der zwischen felsigen Gipfeln hindurchführt. Jenseits erblickt man eine Aufeinanderfolge grasiger und bewaldeter Hügel, der Alpendistrict Kwambugu. Wir überschritten den ansehnlichen Mkusufluss und wanderten dann meist an Abhängen oder in Mulden, die von langsam fliessenden, oft leicht versumpften Bächen bewässert werden, durch schöne, kühle Wald-und Weidegebiete. Geschlossene Dörfer giebt es in Kwambugu ebensowenig wie in den Hochthälern Tirols; einzeln in den Thälern und an den Hängen liegen die Weiler weit verstreut durch das Land. Doch weniger mit den Höfen als vielmehr mit den Almhütten Tirols lassen sich die Wohnsitze der Wambugu vergleichen. Nur dass dem Tiroler Bauern einzig der kurze Sommer den schönen, fröhlichen Aufenthalt auf der Alm ermöglicht, während in der Heimat der glücklicheren Wambugu ewiger Sommer herrscht. Zu allen Jahreszeiten tönt dort der Ruf des Hüterjungen und das Brüllen der Rinder durch die herrlichen? kühlen Hochweiden. Unter diesen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, wenn die Viehzucht trefflich gedeiht und man auf Schritt und Tritt grossen Heerden stattlicher Buckelrinder begegnet, wie ich schönere niemals in Afrika gesehen. Alle Bedürfnisse, Kleidung und Nahrung liefert den Wambugu das Vieh, selbst die Lehmwände ihrer Hütten haben Kuhmist als Bindemittel. Sie bauen daher nichts anderes an als etwas "Wambugu. Zuckerrohr, um daraus den erfrischenden Pombe zu bereiten, und Wuschen den nöthigen Tabak und die Waffen gegen Milch, Butter und Häute von den umwohnenden Waschamba ein. In ihrem harmlosen Wesen und ihrer völligen Unberührtheit von jeder Cultur erinnerte das Hirtenvolk der Wambugu mich lebhaft an die Bube von Fernando Pöo, und ich bedauerte sehr, durch die Umstände verhindert zu sein, mich länger bei ihnen aufzuhalten, um ihre Sitten und Gebräuche näher kennen zu lernen. Bei starkem Regen erreichten wir die Schäferhütten von Buma, in deren rauchigem Innern wir Unterkunft fanden. Während wir Nachmittags unsere Notizen ordneten und mit dem ältesten Mbugu der Niederlassung, einem langen, gemüthlichen Burschen, nähere Freundschaft schlössen, erschien plötzlich ein Paremann als Abgesandter Sembodja's und überbrachte unseren eingeborenen Trägern den Befehl, sofort nach Masinde zurückzukehren. Als Vorwand wurde angegeben, dass ein Brief aus Sansibar für uns angekommen sei. Der Versuch, die Leute dennoch zum Weitergehen zu veranlassen, blieb natürlich erfolglos. Einerseits konnten wir die Lasten, worunter sich auch Dr. Meyer's photographische Platten befanden, nicht im Stiche lassen, andererseits wTar es uns von höchster Wichtigkeit, Mlalo zu erreichen und damit den Anschluss an unsere nördliche Route herzustellen. Wir kamen denn überein, dass Dr. Meyer möglichst langsam nach Masinde ziehen sollte, während ich mit Muiniamani, Hassani, Sadiki und Wadimamba den Weg nach Mlalo fortsetzte. Am Morgen des 5. October wartete ich, bis Dr. Meyer mit Salimu, den beiden Somali und sämmtlichen Trägern abgezogen und machte mich mit den vier Leuten und einer Last auf den Weg nach Mlalo. Bald fanden wir einen Eingeborenen, der uns als Wegweiser diente und durchschritten die endlose Reihenfolge waldiger Hügel und grasiger Thäler Kwambugus raschen Schrittes. Leichte Nebelstreifen zogen über die Grashalden, und die Hirten, welchen wir begegneten, hüllten sich frierend in ihre Ledermäntel. Bei den vereinzelten Hüttencomplexen, die wir antrafen, rief Muiniamani die Weiber an und scheu, aber freundlich pflegten sie herbeizukommen und uns köstliche Milch zu bringen. Setzte der Regen stärker ein, so kauerten wir uns wohl auch in die warmen, russigen Hütten der Wambugu und rösteten an ihrem Feuer die Bananen, die wir als Proviant mitführten. Ich fühlte mich lebhaft nach der schönen Insel Fernando Pöo versetzt, die ich ebenfalls mit wenigen Leuten, im steten nahen Umgange mit den Eingeborenen durchwandert — eine Reiseart, die zwar gerade nicht bequem, aber ungleich lehrreicher, sorgloser und genussvoller ist als jene mit einer grossen Karawane. Nach vielstündigem Marsch erreichten Wir Nachmittags die Höhe des Schegescheraiberges und be-grüsst'en mit Freude die schöne, gegen die weite nördliche Steppe °ffene Mulde von Mlalo, die zu unseren Füssen lag. Der Dorfhügel stellte sich hier als spitzer Kegel dar, auf dessen höchstem Gipfel, umgeben von den braunen Rundhütten, das schwarz-weiss-fothe Banner an langem Mäste wehte. Unser Freund, der alte Häuptling Kiniassi, hatte also sein Versprechen gehalten und die hlagge aufgehisst. Beim Abstieg kamen wir durch einen kleinen Mlalo. Markt, wo Waschamba und Wambugu ihre Produkte austauschen. Dort empfing uns eine gemüthliche, etwas angeheiterte Gesellschaft mit stürmischer Freundlichkeit und bot uns guten Zuckerrohrwein in. halben Kalebassen. Während wir das sumpfige Quellthal des Hmba abwärts verfolgten, liefen mehrere Leute eilig voraus, um dem alten Kiniassi die Botschaft unserer Ankunft zu bringen. Kaum hatten wir unseren Lagerplatz unterhalb Mlalo erreicht und uns in der halb verfallenen Strohhütte, die dort stand, halbwegs häuslich eingerichtet, als unser trefflicher alter Freund erschien, hegleitet vom Kronprinzen und sämmtlichen Ministern, und gefolgt von nicht weniger als sechs Jungen, die ungeheure Kalebassen mit Pombe trugen. Andere brachten Vegetabilien, Milch und Honig, sowie einen Ochsen, dessen Annahme wir aber verweigerten, weil wir ihn augenblicklich nicht brauchen konnten. Dafür erhielt Kiniassi eine kleine, doppelläufige Pistole, worüber er buchstäblich Thränen der Freude vergoss. Muiniamani spielte mit Geschick den Koch, Hassani blies unermüdlich die Flöte und ich sass behaglich mit dem alten Kiniassi auf der Matte, im frohen Bewusstsein, mein Ziel, den Anschluss an die frühere Route, erreicht zu haben. Alles stärkte sich von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Pombe. Leicht war es gerade nicht, das Kauderwälsch von Kischambä und Suahili zu verstehen, welches Kiniassi sprach; doch brachte ich so viel heraus, dass er mir dringend abrieth, nach Masinde zu Sembodja zu gehen, dem er gar nicht gut gesinnt scheint. Er wollte mich vielmehr überreden, entweder bei ihm zu bleiben oder nach Norden zu, gegen TaTta, weiterzureisen. Auch sein hübscher, freundlicher Sohn bat mich sehr, nicht nach Masinde zu gehen. Natürlich konnte ich ihren Rathschlägen nicht folgen, da ich doch wusste, dass Dr. Meyer bei Masinde auf mich und die Leute wartete. Durch fleissigen Pombegenuss wurde mein alter Freund immer gerührter und zärtlicher, und schliesslich mussten wir ihn mit sanfter Gewalt aus der Hütte entfernen, um uns die noth-wendige Nachtruhe auf einigen Grasbündeln zu sichern. Trotz der empfindlichen Morgenkälte erschien der freundliche Häuptling doch wieder bei Tagesgrauen und brachte nicht weniger als drei kräftige Wegweiser mit, die uns bis Masinde begleiten und das Gepäck tragen sollten. Rüstig schritten wir mit diesen denselben Weg zur Schegescheraihöhe bergan, den wir gestern herabgekommen waren. Ueber die hohen Waldberge von Mlalo und über die weite, graubraune Umba-Nyika glänzte herrlich blauer Morgenhimmel. Ein wehmüthiges Gefühl überkam mich, als ich dieses schöne, friedliche Thal verlassen musste, um unsicheren Schicksalen im dumpfen Tieflande entgegenzugehen. Wohl wenige Punkte wären zur Gründung einer Station, sei es nun durch die Ostafrikanische Gesellschaft, sei es durch eine praktische Mission, so sehr geeignet, wie Mlalo. Der Ort ist durch die Ebene fünf Tagen von Wanga aus erreichbar, dennoch ist die zahlreiche Bevölkerung von der Cultur noch sehr wenig berührt und würde einen Europäer sicher mit Freude begrüssen. Das Klima ist köstlich kühl und sehr wahrscheinlich auch gesund, da die einzigen Winde, welche in Mlalo Zutritt haben, von der trockenen, gesunden Steppe herkommen. Der viel bebaute, wasserreiche Boden ist von seltener Fruchtbarkeit, alle Hausthiere, besonders aber Prächtiges Rindvieh, in erstaunlicher Menge vorhanden. Wie leicht könnte ein deutscher Beamter oder Pater der französischen Mission hier ein kleines Paradies schaffen und bei klugem Vorgehen auch massgebenden Einfluss auf die Eingeborenen erlangen! Unter solchen Gedanken überstieg ich den Kamm des Schegescherai und trat wieder ins Kwambuguland ein, wo feuchter Nebel und Sprühregen uns entgegenschlug. Vom alten Wege abzweigend durchzogen wir in fast endloser Folge schöne Grasmulden, wo gewundene oder leicht sumpfige Bäche sich schlängelten, und dicht bewaldete Höhen. Selten sieht man eine Hütte, häufiger begegnet man einem Mbugu, der, die lange Pfeife schmauchend, den Bogen und Speer neben sich im Grase, unter einem Baume gelagert, die ruhig grasenden Rinder hütet. Nachmittags erreichten wir den einsamen, im entlegenen Hochthale verstreuten Weiler Kinko, wo der Dorfchef uns dicke, köstliche Milch darreichte. Dann ging es sehr steil zur Höhe des Mägamba-herges an, der von allen Punkten unserer Route in Usambara am höchsten ansteigt und 2000 m erreicht. Dunkler, schattiger Urwald und dicht verfilztes Unterholz bedecken seinen Gipfel. Der Nebel und Sprühregen, der uns den ganzen Tag begleitet hatte, verwandelte sich nun in einen heftigen Regenguss und es war gerade kein Vergnügen, unter diesen Umständen auf glatten, steilen Wegen durch diese nasse Wildniss zu ziehen. Endlich lichtete sich der Wald am jenseitigen Abhänge und eilig liefen Wir über theilweise verbrannte Grashalden, denn schon senkte sich der Sonnenball sehr bedenklich. Wir überschritten auf schmalem Stege den Mkusu in seinem Oberlaufe und stiegen üher einen grasigen Sattel nach der schönen Mulde von Rusotto ab- Rasch war es dunkel geworden und bald wandelten oder taPpten wir bei stockfinsterer Nacht auf den feuchten Wegen, während wahre Wasserfälle unaufhörlich vom Himmel auf uns herabstürzten. Die drei Führer aus Mlalo sagten fortwährend: „Musi hahaha" (Kischambä, „hier ist ein Dorf), aber das Musi wollte immer nicht kommen. Wir plätscherten durch tiefe Bäche, stolperten über Steine und Wurzeln und schlugen uns durch Wälder und dichte hohe Grasmassen, bis schliesslich die drei Führer ihr „Musi hahaha" aufgaben und nach längerer Berathung erklärten, sie wüssten den Weg nicht mehr. Da sassen wir denn bei strömendem Regen in finsterer Nacht zwischen nassen Farnkräutern und Hessen uns von den schwarzen Ameisen zerbeissen. Zwei Führer gingen aus, den Weg zu suchen, Muiniamani verwünschte den dritten auf Kischambä, nur Hassani blieb unerschütterlich und begann uns leise singend eine lange Romanze von „Rupia arbamia" (2000 Rupien) und „Manamuke angu" (Mein Mädchen) vorzutragen. Endlich sahen wir einen leuchtenden Feuerbrand herannahen, den die Führer fortwährend schwangen, um ihn brennend zu erhalten. Sie hatten eine Wambuguhütte gefunden, deren Insassen sich bereit erklärten, uns Obdach zu geben. Als wir die Hütte bald darauf erreichten, schien man es sich wieder anders überlegt zu haben, denn die Holzthür war fest verrammelt. In den schmei-chelndsten Tönen suchten Muiniamani und die Mlaloleute es den Wambugu begreiflich zu machen, dass wir unmöglich im Reg-enguss draussen übernachten könnten. Als aber drinnen kein Laut hörbar wurde, brach unsere Geduld und wir stemmten uns gegen die Thür, auf welche Muiniamani mit der Küchenaxt und ich mit dem geologischen Hammer wüthend loshieben. Als zuletzt noch das trigonometrische Stativ als Sturmbock benützt wurde, sprang die Thür krachend entzwei und über ihre Trümmer drangen wir ins pechschwarze Innere der Hütte. Wir wateten im weichen Brei; ein wohlbekannter Geruch und schnaubender, feuchtwarmer Athem drang uns entgegen, wir waren im Kuhstall. Als wir Licht angebrannt hatten, fanden wir einen zweiten Theil der Rundhütte mit Ziegen angefüllt und im dritten, einem Holzverschlage, hatten sich die angsterfüllten Bewohner verschanzt. Ich richtete mir auf den Trümmern der Thür mitten unter Buckelrindern mein Lager her und hörte eben noch, wie ein alter Mbugu mit den Mlal°_ leuten zu unterhandeln begann, bevor ich in tiefen Schlaf sank. Was die Buckelrinder anbelangt, so muss ich gestehen, dass dieselben an feiner Lebensart ihre unbebuckelten Vettern in Europa Weit überragen. Wer jemals auf der Alm über dem Kuhstall geschlafen, der weiss, wie das europäische Rindvieh durch fortwährendes Stampfen und heftiges Schnauben die nächtliche Ruhe 2u stören pflegt. Die Rinder der Wambugu aber lagen die ganze Nacht so sittsam und still, dass man wohl merkte, sie seien es gewohnt mit dem LIerrn der Schöpfung im selben Raum zu leben. Allerdings schienen meine Schlafgenossen grosse Frühaufsteher 2u sein, denn als der Tag kaum zu dämmern begann, erhoben sie Slch und gaben mir durch einige wohlgemeinte Tritte zu verstehen, dass es Zeit zum Aufstehen sei. Da wir jedoch seit Kinko keinen -Bissen gegessen, frühstückten wir erst möglichst ausgiebig, bevor Wir unseren Marsch wieder antraten. Vorher lernte ich noch den Herrn der Hütte, einen alten Mbugu, kennen, der erklärte, er habe uns für — Massai gehalten, die gekommen seien, um das Vieh zu stehlen. Dann setzten wir unsere Wanderung an den Hängen der Schönen Thalmulde von Rusotto fort, durch welche man in der Lerne den hüttengekrönten Berg von Wuga erblickt. Am Wa-schambidorfe Heniangu vorbei stiegen wir auf einen Kamm und ln ein anderes Thal, in welchem mehrere Sumpfbäche dem Mombo 2nfliessen, die sämmtlich den felsigen Masindebergen entströmen, Welche am Ende des Thaies aufragen. Die rechte Thalwand bildet der Randkamm Usambaras gegen die Nyika am Mkomasi, auf dessen grasiger, grüner Höhe das Dorf Mlago mit runder Flecke gelegen ist. An geknickten Zweigen und Spuren eines Stiefels lfn feuchten Boden erkannten wir, dass Dr. Meyer hier vor nicht langer Zeit durchgekommen, und stiegen daher rasch zur Höhe des Randkammes an. Dort fanden wir uns am steilen Absturz, Uber dessen felsige Hänge der Pfad in vielen Windungen bergab führt. Leichter Nebel umhüllte die Höhe, auf der wir standen, doch häufig zerriss der Wind die Dunstmassen für Augenblicke Und gewährte uns reizvolle Ausblicke auf die abgrundtief unter Uns liegende, sonnbestrahlte Ebene und auf die schroffen, wilden Lelsabstürze der Masindeberge zur Rechten. Mühsam und sehr steil ging es dann; einem felsigen Wasserriss folgend, in die Tiefe. Von einem Felsblock erblickten wir das Dorf Kwamba, dessen Hütten eine Vorkuppe des Hanges krönen und kreisförmig" um zwei hohe, grüne Bäume gelagert sind. Dort sahen wir die deutsche Flagge wehen, überschritten den schmalen Kamm, der nach der Kwambakuppe führt und begrüssten Dr. Meyer, der schon am Tage vorher in Kwamba angelangt war. In diesem Dorfe, welches etwa in halber Hohe des Absturzes gelegen ist, befanden wTir uns schon unterhalb der Nebel und konnten frei das breite Mkomasithal, den Mafiberg und im Nordwesten die blaue, glänzende Fläche des Mangasees erblicken. "Wir stiegen an den Gewässern des Hokoibaches abwärts, der klar und rauschend den Berghöhen entströmt und sich erst in der Ebene in einen Sumpfbach verwandelt, um träge in vielen Windungen dem Mkomasi zuzufliessen. Bald hatten wir den leicht bewaldeten Untertheil des Absturzes überwunden und traten hinaus in die glühende, schattenlose Ebene, durch welche wir in kurzer Zeit Masinde erreichten. Waffen und Geräthe der Waschamba. IV. Capitel. Von Masinde nach Pangani. ^errätherei Sembodja's. — Tarawanda. — Korogwe. — Mruasi. — Die Räuberbande ^jahasi's. — Der Ueberfall bei der Mundofarm. — In Gefangenschaft. — Verhandlungen mit Buschiri. — Pangani während des Aufstandes. — Heimreise. Die Tage, welche wir nun in Masinde verlebten, gehören zu den peinlichsten, die ich in Afrika mitgemacht. Schon früh Morgens erschien Sembodja und quälte uns unausgesetzt mit allerlei Erpressungen. Sassen wir bei Tisch, so verlangte er unsere Gabeln, beobachteten wir die Sonne, so forderte er den Theodoliten und betrachtete überhaupt jeden Gegenstand unseres Besitzes mit gierigen Blicken. Nichts war seiner Habsucht zu gering, selbst ein paar gemeine Cocosstricke, mit welchen wir unsere Bündel 2n schnüren pflegten, erregten seine Begierde. Fortwährend umband eine dichtgedrängte Volksmenge unser Zelt, das wir in einem engen Dorfwinkel errichten mussten, und beobachtete scharf jede unserer Bewegungen. Glaubte Einer einen neuen Gegenstand °der sonst etwas Auffallendes bei uns bemerkt zu haben, so lief er sofort zu Sembodja, der dann mit empörender Unverschämtheit herbeikam, um uns abermals zu belästigen. Das Widerlichste dabei war das Gefühl gänzlicher Ohnmacht, welches wir diesem gemeinen Neger gegenüber hatten, denn ein Neger mit all' seinen niedrigen Gesinnungen ist Sembodja trotz seiner lichten Hautfarbe. Täglich ergossen sich starke Regenschauer über Masinde und ekelhafte Dünste entstiegen dem Boden des engen, unreinlichen °rtes. Dabei litten wir empfindlichen Nahrungsmangel, da Sem-hodja gar nicht mehr daran dachte, uns mit Lebensmitteln zu Versehen. Doch versprach er uns 30 Leute zu geben, mit welchen wir nach der Küste ziehen wollten, um eine neue Karawane an- BAUMANN, In Deutech-Ostufrika während des Aufutandes. zuwerben. Denn vom Ausbruche eines ernstlichen Aufstandes hatten wir noch immer keine Ahnung. Sembodja, der von Allem genau unterrichtet war, hütete sich wohl, uns etwas mitzutheilen, und das Geschwätz der Neger klang so widerspruchsvoll, dass wir daraus nicht klug wurden. Am 9. October sollte denn unsere Abreise von Masinde stattfinden. Am Tage vorher war Kimueri in schöner arabischer Tracht mit grossem Gefolge von Wuga gekommen, um seinen Vater zu besuchen. Wir begaben uns dann zu Sembodja, der wie gewöhnlich am Bette in seiner Hütte sass, und baten ihn, jetzt die versprochenen 30 Träger zu stellen. Da meinte er höhnisch, seine Leute seien beschäftigt, wir könnten weder heute, noch morgen noch überhaupt jemals Träger von ihm bekommen. Die schwarzen Höflinge und Jungen um ihn herum lachten laut. Wir versuchten unser Glück bei Kimueri, doch erklärte dieser, in Masinde nichts zu befehlen zu haben. Wir hatten also nur sieben Mann und fünf Esel, von welchen vier mit der Hauptkarawane gekommen waren. Diese bepackten wir mit dem Nöthigsten und mussten mit schwerem Herzen alles Uebrige, darunter auch die unschätzbaren photographischen Platten Dr. Meyer's zurücklassen. Alle Güter und Waffen, die ganze kostspielige und sorgfältig gewählte Ausrüstung der Expedition, die meisten Privatkoffer blieben in den Händen des schuftigen Negers Sembodja. Wir dachten ernstlich daran, die Sachen vor das Dorf zu tragen und dort so viel als möglich zu vernichten, doch war ja unsere Hoffnung immer noch nicht geschwunden, mit neuer Karawane später wieder Alles abzuholen. So begann den bei strömendem Regen unser trauriger Rückzug nach Pangani. Voran ging Dr. Meyer mit Salimu, Wadimamba und Hassani, dann folgten die störrigen Esel, die alle Augenblicke ihre Lasten abwarfen und querfeldein jagten, dem trefflichen Muiniamani, der das Eseltreiben übernommen hatte, grosse Mühen verursachend. Den Schluss bildete ich mit Sadiki, der die Instrumente trug, denn die topographische Aufnahme wurde trotz aller fatalen äusseren Umstände fortgesetzt. Weit hinterher humpelten die beiden Somali, jammernd und klagend und immer mehr in Stumpfsinn und Unthätigkeit versinkend; Einer derselben, Achmed, war durch sein fortwährendes freiwilliges Hungern so herabgekommen, dass er kaum mehr gehen konnte. Wir zogen auf unserer alten Route zum Mombo, überschritten denselben jedoch an anderer Stelle und lagerten in einer Grasbütte beim Dorfe Kissangä. Zwar mussten wir am Boden schlafen Und waren entblösst von allen Bequemlichkeiten, dennoch aber fühlten wir uns glücklich, dem entsetzlichen Masinde entronnen zu sein. Bei meist strömendem Regen zogen wir am 10. October durch jenen schmalen Nyikastreifen, der sich zwischen dem versumpften Mkomasilauf und dem hier sanfteren Abfall des Usam-baragebirges ausdehnt. Der Koth war überall unergründlich, doch bot die Nyika ein freundlicheres Bild, da das Gras allerseits zu spriessen begann. In den Dörfern am Wege, unter welchen Schigeiru das grösste ist, wohnt ein Gemisch von Waschamba und Wasegua, die alle Sembodja gehorchen. Mittags kamen wir nach der Stelle, wo eine buchtartige Vertiefung im Usambaraabfalle zu sehen ist, an deren Ende der Wururi, der Bach von Bumbuli, als "Wasserfall herabstürzt. Er bildet dann einen ausgedehnten Sumpf in der Ebene, der durch die letzten Regen besonders angeschwollen war. Kaum hatten wir diesen durchschritten, als wir auf den grossen, fast eine Stunde breiten Madumu (Hantanga) Sumpf stiessen, dessen Ueberschreitung durch hohes Gras und Schlamm-nassen sehr erschwert wurde. Jenseits liegen einige kahle Hügel, auf welchen die Dörfer des Complexes Tarawanda verstreut sind. Der Ort, bei welchem wir lagerten, hat drei Balkenzäune Und grosse Rundhütten, deren uns eine mit zwei ganz netten Negerbetten angewiesen wurde. Die Eingeborenen sind Wasegua, doch fast völlig suahilisirt. Aehnlich wie in Kwa Kihungui halten sich auch in Tarawanda stets Leute von der Küste in grösserer Zahl auf. Darunter fanden wir auch einen Jungen, der ziemlich gut englisch sprach und früher Dr. Jühlke's Diener gewesen war. Von diesen Leuten erfuhren wir zum ersten-male, dass sämmtliche Europäer aus Pangani, Tanga, Magila und 8* Lewa fortgegangen seien. Als Grund wurde uns angegeben, dass der Sultan dies so befohlen, und die Weissen durch General Matthews hatte abholen lassen. Wir mussten nun allerdings ganz aussergewöhnliche Vorgänge an der Küste vermuthen, waren aber noch weit entfernt von der Wahrheit. Denn wie konnten wir denken, dass es einem Haufen aufständischer Araber und Neger gelingen konnte, angesichts der deutschen Flotte, Deutsche einfach aus dem Lande fortzujagen! Jedenfalls erheischte die Lage besondere Vorsichtsmassregeln, die allerdings schwer zu treffen waren, da wir so ziemlich im Dunklen tappten. Wir beschlossen denn unseren Askari Ilassani nach Pangani zu senden mit einem Briefe an den Agenten Sewa Hadschi's dortselbst, in welchem wir diesen ersuchten, uns sofort genaue Nachricht und eventuell eine Dhau nach Pombue (Pongwe) entgegenzuschicken. Um diesem Manne einen Vorsprung zu gewähren, blieben wir einen Tag in Tarawanda. Während desselben stellte sich uns ein alter, weiss-bärtiger Suahilihändler aus Pangani vor, der zwar eine widerlich krächzende Stimme hatte, aber im Ganzen keinen schlechten Eindruck hervorbrachte. Derselbe machte uns das Angebot, unsere Lasten durch seine Leute nach Pangani schaffen zu wollen. Da die Esel zum Tragen kaum mehr verwendbar waren, da ferner der alte Suahili erklärte, erst dann einen Lohn zu beanspruchen, wenn wir glücklich und mit allen Lasten in Pang-ani angelangt wären, nahmen wir sein Angebot an und Hessen die Esel in Tarawanda zurück. Letztere holte sich später Muiniamani, dem wir sie in Sansibar schenkten, und brachte sie nach seiner Vaterstadt Tangata. Vermindert um den sangesfrohen Hassani und um die treuen Grauthiere zogen wir am 12. October weiter. An Gesang sollte es uns dennoch nicht fehlen, denn die Träger des Suahtlimannes, meist Leute vom .Stamme der Waschensi, sangen an den Rast-und Lagerplätzen so hübsche, mehrstimmige Lieder, wie ich sie noch selten in Afrika gehört habe. Wir hielten uns am Marsche ziemlich nahe am Abfalle Usambaras, der hier weniger steil und mit Wald bedeckt ist. Dann wird die Mulde etwas hügelig und man nähert sich der Gegend, wo der Mkomasi in den Ruvu (Pangani) einmündet. Den letzteren, der als graues, rasch flies-sendes Bergwasser zwischen Felsufern dahinströmt, erreicht man Korogwe. (Nach einer Photographie von Dr. Hans Meyer.) bei dem reizenden Dorfe Maurui, wo wieder zahlreiche Cocospalmen auftreten. Dasselbe zerfällt in einzelne Complexe, zwischen welchen Arme des Flusses strömen. Alle sind mit primitiven, aber festen Stegen überbrückt, da die zahlreichen Krokodile ein Durchwaten unmöglich machen. Die Hütten sind zwar noch rund, aber grösser und solider gebaut als weiter im Innern, Von Maurui ab geht es mehrere Stunden im Thale und häufig in Sicht des Panganiflusses, an dessen Ufern ein schmaler Vegetationsstreifen sich dahinzieht. Nach starkem Marsche erreicht man zuletzt die hügelumschlossene Mulde von Korogwe, Wo die Usambaraberge sich zum weiten Luengerathale öffnen, an dessen fernem Ende wir die wohlbekannten Gestalten des Lutindi- und Kombolaberges erblickten. Das grosse Dorf Korogwe, von Wasegua bewohnt, zieht sich sehr schön zu beiden Seiten des reissenden, etwa 20 Schritte breiten Ruvu dahin. Die schöne Ufervegetation und die zahlreichen prächtigen Cocospalmen, die sich über den Fluss neigen, die originelle, primitive Brücke und das Gewirr der runden Hütten, zwischen welchen die Eingeborenen in Suahilitracht und viele Kinder zu sehen sind, vereinen sich zu einem schönen, lebhaften Bilde. Wir fanden in einem abseits gelegenen Complexe eine gute Hütte, mit einem Grasplatze und weichem, fast europäischem Grase davor, sowie reichliche Nahrung und frische Milch. Lange Weilten wir bei prächtigem Mondschein vor der Hütte, bequem hn Grase gelagert, den silberglänzenden, pfeilschnellen Ruvu und die rauschenden Palmen betrachtend, deren schönes Schattenbild sich scharf am nächtlichen Sternenhimmel abzeichnete. Leider war unser Somali-Junge Achmed nicht mit in Korogwe eingetroffen, er war durch seine unsinnige Enthaltsamkeit von aller Nahrung, die nicht gerade nach dem Somaligeschmack war, derart entkräftet, dass er am Wege zurückblieb. Obwohl wir unsere Leute sehr nöthig hatten, fühlten wir uns doch verpflichtet unseren besten Mann, Muiniamani zurückzusenden, um den Jungen zu geleiten. Am Morgen des 13. October kamen wir nahe bei den Ruinen der Station Korogwe der deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft vorbei. Auf einem niedrigen, rings von Sümpfen mit quakenden Fröschen umgebenen Hügel sieht man die kärglichen Reste rother Lehmmauern. Diese, sowie einige Baumwollsträucher als Ueberbleibsel von „Plantagen", sind Alles, was noch von der berühmten Station Korogwe übrig geblieben ist. Der Typus der „verlassenen Station" ist übrigens in Centraiafrika bereits ein so häufiger, dass es sich für den Kartographen bald der Mühe lohnen wird, ein eigenes Zeichen dafür zu erfinden. Habe ich doch mit eigenen Augen 23 verlassene europäische Stationen gesehen, von welchen allerdings 19 auf den Congostaat entfallen, wo gar manche Station bereits wieder verödet lag, während ihre Gründung noch in europäischen Blättern mit Posaunenschall verkündet wurde. Auch in dieser Hinsicht wahrt Afrika seinen Ruf als „Land der Contraste", im Nilthale birgt es die ehrwürdigen, unzerstörbaren Ueberreste grauer Vorzeit und im Tropengürtel wird es mit jenen jungen Ruinen der Neuzeit, den verlassenen Stationen, besäet, die rasch, wie sie entstanden, wieder in Trümmer sinken. Bei Korogwe mochte man allerdings weniger bedauern, dass es verlassen wurde, als dass man es jemals gegründet hat. Denn die ganze Umgebung ist so versumpft und fieberschwanger, dass es für uns, die wir die herrlichen Hochländer Usambaras kennen gelernt, nicht leicht begreiflich war, wie man hier eine Station errichten konnte. Der Grund lag wohl in der Nähe des stattlichen Dorfcomplexes, welcher sich weithin am rechten Ufer des Pangani dahinzieht und durch Brücken auf gabeligen Baumstämmen mit unserem Wege verbunden ist. Eine solche führt auch über den sehr ansehnlichen Luengera, der im Schatten hoher Bäume rauscht und von Krokodilen wimmeln soll. Bald nachdem wir diesen überschritten, traten wir in welliges, mit hohem Grase und lichtem Walde bedecktes Land ein. Mittags badeten wir in dem schönen, klaren Niusubache und zogen dann durch stets leicht gewelltes Land weiter, bis wir um 4 Uhr Nachmittags bei dem Dorfcomplex von Mruasi anlangten. Die einzelnen Weiler desselben liegen zerstreut auf einigen Hügeln und sind von schönen Feldern, besonders Bananenpfianzungen, umgeben, aus welchen die schlanken Stämme der Papaias hervorragen. Wir zogen nach dem Hauptdorfe, das einen starken, von prächtigen Schlingern umrankten Balkenzaun im Usambara-Stil besitzt, und bekamen von der gemüthlichen alten Königin, einer Freundin Dr. Meyer's von dessen erster Reise, eine schöne Hütte angewiesen. Die Eingeborenen sind Wasegua, gemischt mit Wa-schensi. Ihre Hütten haben runden Grundriss und bestehen aus zwei Räumen, die sich concentrisch umschliessen. Der Innenraum *st mit Lehm ausgemauert, der Aussenraum ebenfalls nicht selten, häufiger aber nur umgittert und als offener Wohnraum dienend. Dorfthor von Mruasi. (Nach einer Photographie von Dr. Hans Meyer.) Durch hügeliges, hoch begrastes und anscheinend fruchtbares Land zogen wir am nächsten Morgen weiter. Der Pfad war durchwegs sehr kothig und versumpft und führte an ziemlich vielen eingezäunten Waschensidörfern vorbei. Auf halbem Wege begegnete uns eine Schaar von etwa 30 scharf bewaffneten Suahili-leuten. Diese begrüssten uns mit lauter, übermässiger Freund-hchkeit, drückten uns bieder die Hand und erklärten, sie seien Soldaten des Vali von Pangani und beauftragt, uns sicher nach der Küste zu bringen. Das schien uns nun sofort sehr unwahrscheinlich, denn ein abenteuerlicheres Gesindel war mir so leicht nicht vorgekommen. Ihr Anführer war Djahasi (auch Muinihasi genannt), ein Comoro-Mann aus Angasidja, der uns sofort in dem charakteristischen westafrikanischen Negerenglisch ansprach, so dass ich erkannte, dass er früher am Congo gedient hatte. Die übrigen Leute trugen Korkhelme, Jägerhemden, Matrosenjacken oder andere Kleidungsstücke, welchen man ansah, dass sie Europäern gestohlen worden seien. Sie hatten nur wenige Kapselgewehre, die meisten trugen Mauser-Büchsen oder Flinten unserer entlaufenen Askari. Auch die blaue Uniform der Letzteren war häufig vertreten. Fast Alle waren wüst und verwegen aussehende Bursche, besonders ein herkulischer Uniamwesi-Mann Simba, der im Gesicht mit Narbenwülsten bedeckt war und das Haar bis auf einen breiten, raupenhelmähnlichen Streifen ausrasirt hatte, sah wild und abenteuerlich aus. Die Gesellschaft zeigte sich übrigens ganz diensteifrig, brachte uns stets frische Cocosnüsse und reife Papaias, die sie in den umliegenden Feldern stahlen, und suchten sich auf jede Weise angenehm zu machen. Nachmittags erreichten wir das Dorf Lewa, dessen alter, behäbiger Häuptling uns freundlich empfing, eine Hütte anwies und mit Nahrung versorgte. Die Bande Djahasi's hauste in Lewa nach Gutdünken. Sie schlugen Cocosnüsse von den Bäumen, rissen ungescheut Bananen ab und verlangten ausserdem noch von dem alten Jumbe Essen-Dieser war derart eingeschüchtert, dass er kaum zu sprechen wagte, Hess unsere Fragen betreffs der Leute unbeantwortet und blickte uns nur scheu und traurig an. Als es dunkel wurde, zündeten die Banditen Feuer an, nur einzelne umschlichen die Hütte, in welcher wir lagerten, und führten einige Diebereien aus. Unsere Stimmung war eine recht gedrückte und wurde erst etwas verbessert, als Muiniamani mit Achmed erschien, welcher sich wieder erholt und den weiten Weg bis hierher zurückgelegt hatte. Der findige Muiniamani traf unter unserer verdächtigen Begleitung" gleich ein paar alte Bekannte und konnte uns bald sicher mit' theilen, was für uns ohnehin nicht mehr zweifelhaft war, dass man nämlich Böses im Schilde führe. Als der Mond die braunen Hütten und reizenden Palmengruppen Lewas zauberhaft beleuch' tete, begannen die Leute einen Tanz, der bei den tollen, halb europäischen, halb orientalischen Kleidungen der Bursche einen wilden, phantastischen Anblick bot. Ihr eintöniger Gesang tönte °is tief in die Nacht; manchmal stiess Simba, der rohe, halb thierische Uniamwesibursche, einen wilden Schrei aus. Zuletzt brach Lärm und Streit im Dorfe aus, da die Kerle stürmisch vom Jumbe Betten verlangten — ein Anspruch, der nach ostafrikanischen Begriffen geradezu unerhört ist, ihnen aber schliesslich doch gewährt werden musste. Am nächsten Morgen (15. October) war der Askari Salimu verschwunden und die Zahl unserer Leute auf fünf zusammengeschmolzen. Dagegen hatte sich die Zahl unserer verdächtigen Begleitung über Nacht noch vermehrt und wohl 50 gut bewaffnete, bandfeste Neger liefen vor und hinter uns einher. Nachdem wir einige Stunden durch welliges, hoch begrastes und theilweise bewaldetes Land gezogen und mehrere Wasserläufe überschritten hatten, erreichten wir die Stelle unserer früheren Wegabzwei-gung nach Magila. Damit war unsere Rundtour durch Usambara vollendet und ich konnte meine Aufnahme abschliessen. Kurz darauf betraten wir die deutsche Tabakplantage Lewa (Deutschenhof). Der Gegensatz zwischen jetzt und früher war ein tief betrübender. Nicht mehr erblickte man lange Reihen von Arbeitern, die mit fröhlichem Gesänge die Spitzaxt führten oder anderen Beschäftigungen oblagen; todt und still lag die weite Farm vor uns. Das grosse Magazin, in welchem die Tabakpresse stand, schien un-versehrt, dagegen lag das nette Wohnhaus, in welchem wir mit Herrn Koch gemüthliche Stunden verlebt, fast ganz in Trümmern Und zeigte Spuren eines Kampfes. Am wehmüthigsten stimmte der Anblick des Tabaks, dessen üppige, saftgrüne Pflanzen die Weiten Gehänge der Farm bedeckten und zu erstaunlicher Pracht Ur»d Fülle gediehen waren. Trotz des eigenen Elends blutete uns das Merz, diese herrliche, erste deutsche Ernte in Ostafrika dem unrettbaren Verfaulen preisgegeben zu sehen. Was müssen erst jene Männer empfunden haben, die jahrelang um den Erfolg der Pflanzung gekämpft und gerungen hatten und zuletzt, der zwingenden Nothwendigkeit gehorchend, nach heldenmüthiger Gegenwehr Alles im Stiche lassen mussten! Ich suchte Djahasi über die Vorgänge auf der Farm auszufragen, doch antwortete er ausweichend und erging sich nur in Schmähungen auf Njundo, den deutschen Chef von Pangani, der Alles verschuldet habe. Doch wurde er später gesprächig und erzählte mir in einem eigenthümlichen Gemisch von Englisch, Kikongo und Kisuahili, dass er jahrelang Bootsjunge unter .Stanley gewesen sei. Er war auch in jenem Canoe, welches seinerzeit mit dem österreichischen Lieutenant Kallina bei dem nach Letzterem benannten Cap am Stanley Pool umkippte. Kallina ertrank dabei im Congo und von der Mannschaft rettete sich nur Djahasi und ein anderer Comoromann aus Angasidja. Ich musste wirklich das Geschick beklagen, welches einen tüchtigen Ofncier auf so traurige Weise enden Hess, während es den Gauner Djahasi, für den der Congo gerade tief genug gewesen wäre, uns zum Unheil erhielt. Der Sumpf zwischen Lewa und Pombue war jetzt,;' zum Beginn der Regenzeit, stark angeschwollen und mühsam zu durchwaten. Wir hatten bereits die Küstenniederungen erreicht und die Sonnenglut war fast unerträglich, so dass wir einige Zeit unter einem schattigen Baume lagerten. Wir waren uns schon vollständig klar darüber, dass die Absicht vorliege, uns auszurauben, und konnten höchstens über die Art und Weise, Wie dies geschehen sollte, im Zweifel sein. Es lag mir nun vor Allem daran, meine mühsame Aufnahme des Usambaragebirges sowie überhaupt meine wissenschaftlichen Aufschreibungen, die ich selbst in einer Reisetasche trug, zu retten. Ich begann daher in auffallender Weise meine Tasche, in der die Räuber natürlich Gold vermuthet hatten, auszupacken, und zeigte den Leuten, die mit gespannter Aufmerksamkeit zusahen, jedes einzelne Notizbuch und Kartenblatt. Ich packte dann Alles wieder ein und erklärte ihnen, dass diese Schriften für Schwarze zwar völlig werthlo5 und nicht einmal einen Pesa (Kupfermünze) werth, dem Weissen aber geradezu unschätzbar seien. Ich konnte auf diese Art hoffen* die Sachen entweder behalten zu dürfen, oder doch einen etwa1' gen Dieb zu bewegen, sie aufzubewahren und später zu verwertnem statt sie als nutzlos fortzuwerfen. Die letztere Voraussetzung zeig"te sich denn auch als richtig, wie spätere Erfahrung lehrte. Wir hegten immer noch eine wenn auch schwache Hoffnung, dass die Sendung Hassani's nach Pangani erfolgreich gewesen sein möchte und wir bei Pombue ein Boot Sewah Hadschi's fänden, eilten daher diesem Orte mit einiger Spannung entgegen. Am Fusse des Hügels von Pombue suchten uns Djahasi und seine Genossen mit lautem Geschrei zu bereden, ihnen gleich nach einer Farm zu folgen, wo sie uns ein Boot für Pangani und sonst noch allerlei Herrlichkeiten versprachen. Wir bestanden jedoch darauf, erst nach Pombue zu gehen und erreichten denn auch bald die ärmlichen Hütten des Ortes, in welchem ein paar Indier und Araber ihren elenden Kram feilhielten. Der Ort selbst hatte sich in den Monaten unserer Abwesenheit nicht verändert, und doch, welch' trauriger Unterschied herrschte zwischen damals Und jetzt! Damals erscholl aus allen Hütten der Gesang und das Lärmen unserer Träger und zahlreiche Gruppen derselben belebten das Dorf. Am Hauptplatze erhoben sich unsere schönen Zelte, unser Koch war eifrig für das leibliche Wohl bestrebt, ünd zahlreiche, gut bewaffnete Askari machten sich ein Vergnügen daraus, Wache zu stehen. Jetzt lag Pombue öde und leer in der glühenden Mittagssonne, nur einzelne verdächtige Gestalten schlichen durch die Hüttenreihen. Unsere Träger, Soldaten, Diener und Köche hatten uns in treuloser Flucht verlassen, unsere Zelte lagen in Masinde, und unter dem Vordache eines arabischen ■Krämers verzehrten wir ein paar Cocosnüsse, ängstlich beobachtet v°n einer Schaar von Räubern,- die jeden Augenblick geneigt Schien, uns unserer letzten Habe zu entledigen. Von einem Boote oder einer Nachricht Sewah Hadschi's War keine Rede, rettungslos waren wir der Willkür der Bande Djahasi's preisgegeben. Die beiden Somali lagen erschöpft und gleichgiltig am Boden, auf sie war nicht zu zählen. Sadiki war durchaus unverlässlich und selbst der treue, ehrliche Wadimamba War zu ängstlicher Natur, um im Ernstfalle in Anbetracht zu kommen. Muiniamani allerdings war ein entschlossener, muthiger Bursche, doch war er sicher viel zu klug, um sich zwecklos für ein paar Weisse aufzuopfern. Denn welche Aussicht konnte ein ^ampf von zwei Europäern gegen eine stündlich anwachsende Horde gut bewaffneter und ziemlich disciplinirter Räuber haben, deren Selbstbewustsein durch die Erfolge von Pangani, Kikogwe und Lewa masslos gesteigert war? Es blieb uns also nichts anderes übrig, als den Dingen, die da kommen sollten, mit Geduld und orientalischem Fatalismus entgegenzusehen. Die Räuber hielten es in Pombue für gut, sich uns wieder einmal mit auffallender Freundlichkeit zu nähern. Djahasi zeigte die am Congo übliche bescheiden-demüthige Haltung, Magongo, ein sauber gekleideter, wohlgenährter und ganz hübscher Bursche, erschöpfte sich in Liebenswürdigkeit, und selbst Simba verzog sein scheusslich tätowirtes Gesicht zu einem Grinsen und stiess freundlich sein sollende Thierlaute aus, obwohl der lauernde Blick seiner kleinen, funkelnden Augen nicht recht dazu passen wollte. Alle bemühten sich, uns zu veranlassen, mit Ihnen nach der Mundo-Schamba (Farm) zu ziehen, wo uns ein herrliches Mahl u. s. w. in Aussicht gestellt wurde. Auch der alte Suahili krächzte uns in seiner widerlichen Kapaunstimme dasselbe zu und theilte uns sogar „im Vertrauen" mit, die Leute seien wirklich Soldaten des Vali von Pangani. Da in einem Lande, wo der Unterschied zwischen Räubern und Soldaten nicht sehr gross ist, eine solche Möglichkeit immerhin nicht vollständig ausgeschlossen war, da es uns ausserdem gleichgiltig sein konnte, ob wir in Pombue oder Mundo ausgeraubt wurden und wir wenigstens näher ans Meer kamen, so beschlossen wir nach kurzer Berathung mit den Leuten aufzubrechen. Der Weg führte erst über einige steinige Hügel, dann durch die stark versumpften Waldungen im Alluvialgebiete des vielgewundenen Panganiflusses. Später traten wir in hohen, schattigen Tropenwald ein, der sich am Flusse selbst dahinzieht Gegen 4 Uhr Nachmittags lichtete sich derselbe allmählich; ausgerodete Stellen und einzelne Zuckerrohrfelder wurden si cht- bar, zuletzt betraten wir einen offenen Platz, der von vier oder fünf niedrigen viereckigen Hütten im Sansibar-Stile umgeben ist-Er lag etwa hundert Schritte vom Flusse, an dessen Ufern reizende Gruppen von Cocospalmen und Papaias sich hinzogen. Wir hatten die Mundo-Schamba erreicht. Unter der Veranda der grössten Hütte stand ein in Ostafrik» gerade nicht häufiges Möbel, eine Holzbank, auf die wir uns, von neunstündigem nahezu ununterbrochenem Marsche ermüdet, nieder-Hessen. Bald erschien der Verwalter der Farm, der alte Nubi, der nn Gegensatze zu den Galgengesichtern Djahasi's und seiner Genossen, ziemlich vertrauenerweckend aussah. Er benahm sich scheu und wusste offenbar den rechten Ton uns gegenüber nicht zu finden. Die Absicht, uns auszuhungern, schien jedenfalls nicht zu bestehen, denn man brachte ein schönes Huhn, Reis und Honig, worauf Ali ans Kochen ging, während wir den ersten Durst mit köstlicher Cocosmilch löschten. Trotz dieser Freundlichkeit behielten wir doch die Waffen in Bereitschaft, da der Umstand, dass kein Weib Slchtbar war, unsere Besorgniss aufrecht erhielt. Auch unsere Fragen betreffs des Bootes nach Pangani wurden nur ausweichend beantwortet. Während wir unsere Mahlzeit mit sehr grossem Appetit verzehrten, entstand unter den Leuten Aufregung und es hiess Muiniamani sei mit dem guten Jagdgewehre, welches er *rug, fortgelaufen. Wie wir später erfuhren, hatten die Leute ihn hinter eine Hütte gelockt, überfallen, an der Hand ziemlich stark Verwundet und gefesselt, um ihn von vorneherein unschädlich zu ^a-chen. Bei den Somali, die todtmüde in der Hütte lagen, sowie hei Sadiki und Wadimamba, die träge am Geschirr herumscheuerten, hielten sie ähnliche Vorsichtsmassregeln offenbar für überflüssig. ^Vir wurden übrigens in keiner Weise gestört und konnten ruhig zn Ende essen, unseren Thee trinken und einige Cigarretten buchen, wobei wir noch aufs Aufmerksamste bedient wurden. Als die Sonne untergegangen war und der Mond den breiten Ffuss und die malerischen Palmen mit seinen ersten Strahlen heleuchtete, verlangten wir nachdrücklicher das Boot und erklärten, felis keines zu haben sei, zu Fuss nach Pangani gehen zu wollen, "^ie ganze Gesellschaft Djahasi's hatte sich scheinbar unbefangen Urn uns versammelt. Ich sass knapp an der Thür des Hauses, Dr. Meyer rechts von mir, an einen Pfosten der Veranda gelehnt, ^eben mir lag die Tasche mit meinen Schriften auf der Bank, ^n Thürrahmen stand der Uniamwesimann Simba und ein anderer ^Ursche, vor mir machte Magongo sich mit ein paar Cocosnüssen 2u schaffen. Neben Dr. Meyer stand Fundi Seleman, ein hochgewachsener, bärtiger Neger, sowie ein widerlich, blatternarbiger Bursche in gewürfelter Jacke, und ein ganz junger Bursche in Matrosentracht und Tarbusch. Der alte Suahili von Tarawanda, sowie eine ganze Menge abenteuerlicher Gestalten trieben sich auf dem mondbestrahlten Platz der Schamba herum. Der Moment an sich hatte für uns nichts Beunruhigendes, da die Kerle sich stets um uns herumzudrängen pflegten. Das Bewusstsein drohender Gefahr kam mir erst, als ich merkte, dass Djahasi, der schräg vor mir auf einer Kiste sass, dem hinter mir stehenden Simba ein Zeichen der Beruhigung gab. Unwillkürlich griff ich nach dem Revolver, doch bevor ich die Waffe erfassen konnte, sprang Djahasi auf und ich fühlte mich plötzlich von rückwärts mit Riesenkraft umschlungen, während Simba mich würgte und Magongo mir Faustschläge ins Gesicht versetzte. Natürlich versuchte ich mein Bestes, mich loszureissen und die Waffe zu ergreifen, da ich glauben musste, man wolle uns ermorden. In diesem Augenblicke der höchsten Noth, halb erwürgt durch den bestialischen Simba, erblickte ich Dr. Meyer in gleicher Situation und mit dem Burschen im gewürfelten Rocke und einigen anderen ringend, während Djahasi ihm ein Gewehr vorhielt, und hörte das „ Allah"geschrei der Somali aus der Hütte. Man hatte also auch diese überfallen-Um meinen Widerstand zu brechen, schlugen mir die Leute mit Keulen auf den Hinterkopf und ins Gesicht, so dass ich bald stark blutete. Da der alte Nubi, der unwillkürlich mein Vertrauen erweckt und die Leute auch von Rohheiten abzuhalten suchte, mir zurief: „Akuna kufua, ku funga tu" (Du sollst nicht sterben, nur gebunden werden"), gab ich jeden nutzlosen Widerstand auf- Die Leute begannen sich nun förmlich um mein Eigenthum zu balgen, Magongo „zog" mir mit erfahrener Hand die Uhr, während die Anderen, die zu ungeschickt waren, um in die Taschen zu greifen, mir Rock und Beinkleider stückweise vom Leibe rissen-Ob der Schleuderthermometer und die Boussole, die sie dabei erbeuteten, dieser Anstrengungen werth waren, mag dahingestellt bleiben. Bezeichnend ist, dass sie erst ganz zuletzt daran dachten, mir den Revolver abzunehmen. Da ich sah, dass eine augenblickliche Lebensgefahr nicht vorlag, erfasste mich sofort der Gedanke an meine wissenschaftlichen Aufschreibungen und icri begann laut darnach zu verlangen und Nubi aufzufordern, sie zu verwahren. Nubi machte ein Zeichen der Gewährung und zeigte mir die betreffende Tasche, Djahasi jedoch schien dies für ein neues Zeichen des Widerstandes meinerseits zu betrachten und hielt mir unter Drohungen im unmöglichsten Englisch Dr. Meyer's Mauser-Magazingewehr vor. Ich forderte ihn schliesslich auf Kikongo auf, sich nicht lächerlich zü machen, da er ja dieses Gewehr doch nicht benützen könne, und fügte hinzu, er möge sich schämen, als alter Soldat Stanley's derart gegen einen Sohn Bula Matadi's (Stanley's) vorzugehen. Denn wie alle Schwarzen hielt er mich, da ich früher am Congo thätig war, für einen ehemaligen Beamten des Congostaates, für einen „Sohn Bula Matadi's". Djahasi zeigte sich von da ab nur mehr wenig und wagte es nicht, uns, die wir wehrlos und gefesselt waren, ins Auge zu blicken. So tief ist selbst den schlechtesten und rohesten Negern, die unter Stanley am Congo gedient, der Stempel seiner eisernen, auf strengen Rassenunterschied gegründeten Disciplin aufgeprägt! Man hatte uns längst von unserer Bank auf den Boden befördert und die Arme mit Cocosstricken zusammengefesselt. Nun brachte einer mächtige Halseisen, die durch eine circa 2 m lange, schwere Eisenkette verbunden waren und uns mittelst Vorhängeschlösser angelegt wurden. Ein Schwarzer fand es dabei für noth-Wendig, mir meine Schnürstiefel auszuziehen. Dann wurden mir •Fusseisen angelegt, welche durch einen Eisenstab verbunden waren. Der alte krächzende Suahili gab dabei die Anleitung und führte den Hammer. Er hatte sich in Dr. Meyer's Regenmantel gebullt und kam mir viel verächtlicher und hassenswerther vor als die eigentlichen Räuber, die jedenfalls in höherem Auftrage handelten, wenn sie auch ihre Aufgabe mit der natürlichen Gemeinheit und Verrätherei der Neger erfüllten. Man rief mir dann zu, aufzustehen. Ich hielt dies für eine gute Gelegenheit, von den sehr schmerzhaften Armfesseln loszukommen und erklärte, nicht gehen zu können : ein Weisser könne °hne Schuhe nicht gehen. Die Räuber glaubten dies wirklich und begannen mir die Schnürschuhe wieder anzuziehen, was ihnen natürlich nicht gelang. Sie banden mir denn die Arme los und nnterliessen es später, mich wieder zu fesseln. Man führte uns ln die Hütte hinein, wo auf einem Lehmpodium zwei ganz be- BAUMAJ»f, In Deutsch-Ostnfnka wllhrend des Aufstände«. 9 t queme Kitandas (Negerbetten) standen, auf welchen wir uns niederliessen. Der Raum war ziemlich hell erleuchtet und ich hatte Gelegenheit, meinen Leidensgefährten, an den mich das Geschick mit mehreren Kilogramm schweren Ketten gefesselt, näher anzusehen. Er hatte zwar die Arme noch gebunden, trug jedoch ziemlich ganze Kleider und sah viel weniger zerprügelt, überhaupt weit anständiger aus als ich, der ich mit meinen aufs Aeusserste zerfetzten und mit Schlamm bespritzten Lumpen, mit dem blutigen Gesichte und der mächtigen Kette um den nackten Hals als Prototyp eines gefesselten Raubmörders gelten konnte. Wir wechselten nur einige Worte über unsere traurige Lage, dann sah ich eben noch, wie man Dr. Meyer's Armfesseln löste und schlief gänzlich erschöpft ein. Ich sollte aber nicht lange Ruhe haben. Bald ging draussen ein Höllenlärm los, da die Räuber in der Theilung unserer Habseligkeiten begriffen waren. Simba kam ganz wüthend herein und fragte, wo unsere Rupies seien, was uns einiges Vergnügen bereitete, da wir eben kein Geld hatten. Später erschienen die Weiber, darunter auch einige ganz hübsche, und begannen uns regelrecht zu „verhöhnen". Sie sagten, nun brauchten sie nicht mehr Wasser zu tragen und Holz zu hacken, dies sei unser Geschäft u. s. w. Weit unangenehmer als dieser „Hohn" berührte uns das Mitleid, mit welchem Magongo und einige andere gemeine Seelen uns jetzt nachträglich belästigten. Diese verrätherischen Schufte heuchelten nun, nachdem sie uns ausgeraubt und misshandelt hatten, tiefes Bedauern, um für den möglichen Fall einer späteren Entgeltung auf Nachsicht rechnen zu dürfen, was so recht die Feigheit und Niedrigkeit dieser Neger bezeichnet. Wh wandten uns mit Verachtung ab und fanden, dass Simba, der halb verthierte Wilde/ der seine Abneigung wenigstens offen kundgab, noch der charaktervollste dieser Gesellschaft sei. Wir waren eben wieder eingeschlafen, als neuer Lärm und das Eintreten zahlreicher Leute uns erweckte. Das Licht fiel voll auf eine schlanke, aufgerichtete Gestalt, die uns sofort klar machte, welche Feinde die eigentlichen Urheber unserer Gefangennahme seien. Vor uns stand in weissem Sansibar-FIemde mit silbergesticktem Dolchgürtel, aufs Gewehr gestützt, ein junger Araber- Er war offenbar kein Vornehmer und kam nur im Auftrage eines Höheren. Als wir ihn fragten, wie man dazu käme, harmlose, fremde Reisende in Ketten zu legen, antwortete er „testuri" (Landessitte) und zog ab, es uns überlassend, über diese hübsche Landessitte culturhistorische Betrachtungen zu machen. Uebrigens gab er den Befehl, uns unsere Wolldecken zu geben und Hess auch einen Theil unserer Sammlungen in die Hütte bringen. Meine Fusseisen sollten mir abgenommen werden, doch hatte der alte Suahili sie derart angehämmert, dass dies nur theilweise gelang. Dann brachte man uns und die Betten in den hinteren Raum der Hütte, welcher ganz fensterlos und sehr ungemüthlich War und wo wir den Rest der Nacht verschliefen. Am Morgen des 16. October konnten wir wieder in den lichten Raum treten und bekamen Waschzeug. In der Farm herrschte auffallende Ruhe, die ganze Schaar von Leuten, welche Nachts gelärmt und getobt hatte, war verschwunden, es hiess, sie seien nach Pangani gegangen. Ein „Wächter" lag schlafend vor der Thür, ein Bursche Namens Hamis, der offenbar früher einmal bei Weissen gedient hatte, nahm sich unseres leiblichen Wohles einigermassen an, einige braune Kinder betrachteten uns scheu mit ihren glänzend schwarzen Augen. Die Ketten begannen uns höchst lästig zu werden, da sie uns durch ihr Gewicht das Sitzen und Stehen unleidlich machten und uns zwangen, fast den ganzen Tag am Rücken zu liegen. Bei Dr. Meyer trat noch der unangenehme Umstand hinzu, dass man ihn seiner Brille beraubt hatte, so dass er fast nichts sehen konnte. Die Betrachtungen, die wir über unsere Lage anstellten, Waren auch nicht sehr erfreulicher Natur. Vor Allem kam es uns darauf an zu wissen, in welchen Händen wir seien. Dass Djahasi uud seine Genossen den Streich nicht aus eigenem Antrieb gewagt, schien uns zweifellos, sie hätten sich sonst sicher nicht des Vergnügens beraubt, uns umzubringen. Wir waren also Gefangene eines mächtigen Arabers. Nach dem, was wir bei Sembodja erfahren, mussten wir glauben, vom Vali von Pangani planmässig verfolgt zu werden und schrieben diesem die Veranlassung des Ueberfalles zu. Von dem Bestehen eines organisirten Aufstandes, der sowohl gegen Deutschland als gegen den Sultan 9* gerichtet war, war uns zwar nichts bekannt, doch wussten wir nun schon, dass Kämpfe zwischen Deutschen und Eingeborenen stattgefunden und dass unser Leben daher immer noch in grosser Gefahr sei. Immerhin war es uns eine Beruhigung, es mit einem Araber zu thun zu haben. Denn ein Araber, möge er auch reich an Fehlern sein, ist doch Vernunftsgründen zugänglich, besitzt eine gewisse Ritterlichkeit, ist mit einem Worte ein Mensch, während dem Neger in moralischer Beziehung wenigstens diese Bezeichnung nur sehr bedingungsweise zukommt. Von unseren Leuten war Niemand mehr zu sehen. Die Somali waren nach dem Ueberfalle verschwunden, entweder hatte man sie in einer anderen Hütte gefesselt, oder sie entkommen lassen. Sadiki hatte sich rechtzeitig gedrückt, und was aus Wadimamba geworden, ist mir bis heute unbekannt. Dieser gute Junge verlangte zu Pombue seinen schwer verdienten Lohn, den wir ihm denn auch, unsere letzten Gelder zusammenscharrend, ausfolgten. Hoffentlich ist es ihm gelungen, sich und sein Eigenthum in Sicherheit zu bringen und nach seiner Heimat Bondei zurückzukehren. Obwohl er geistig zurückgeblieben und ein Schmutzfink ist, bleibt er für mich doch der beste Neger, den ich jemals kennen gelernt. Gegen Mittag erschien die Frau Nubi's und brachte uns Reis und recht schmackhaft in Gewürzsauce nach arabischer Art bereitete Fische. Frau Nubi hatte sich zwar auch bei der „Verhöhnung" am Abend betheiligt, heute war sie jedoch ganz Mitleid und Rührung und sprach uns mit weicher Stimme wie kleinen Kindern Trost zu. Als wirksamere Beruhigungsmittel brachte sie auch Tabak und Thee. Dr. Meyer bezeichnet diese unsere Nährmutter in seinen Schriften als „alte Negerin", was wohl seiner Brillenlosigkeit zuzuschreiben ist. Denn in Wirklichkeit war sie keineswegs alt, sondern eine ganz nette und angenehme Dame, was zu ihrer Ehrenrettung hier angeführt sei. Sie theilte uns mit, dass die Farm und damit auch die Verfügung über unsere Personen einem mächtigen arabischen Kriegsmann Namens Buschiri bin Salim gehöre, dessen Sklaven ein grosser Theil der Räuber seien. Ich erinnerte mich dunkel, den Namen dieses Arabers in Reiseberichten über Uniamwesi gelesen usammentreffen mit Buschiri. zu haben, doch konnten wir uns über seine Person nicht klar Werden. Den ganzen Tag über kamen Durchziehende in die Hütte, um uns anzustaunen, was insoferne nicht unangenehm war, als wir hoffen konnten, dass die Nachricht unseres Schicksals sich dadurch rasch verbreiten und auch nach Sansibar dringen werde. Abends erschien ein gut aussehender Suahili, der uns einige Biscuit-büchsen und andere Conserven aus Pangani brachte und uns mit grosser Zungengeläufigkeit meldete, dass man uns morgen loslassen, unser Eigenthum zurückstellen und uns sonstige Wohl-thaten erweisen werde. Natürlich glaubten wir kein Wort und waren bereits in recht trüber Stimmung, umsomehr, als über den Verbleib meiner Schriften nichts Sicheres zu erfahren war. Nachts hiess es wieder in den dumpfigen hinteren Raum gehen, doch blieb Alles ruhig und unser Schlaf wurde nur durch das Schnarchen unseres Wächters gestört. An Flucht war natürlich nicht zu denken, da unsere rasselnden Ketten dieselbe unmöglich machten. Nach der Stille der Nacht wirkte es um so erschütternder, als plötzlich noch vor Tagesgrauen Waffenlärm und der Klang vieler Stimmen draussen vernehmbar wurde. Erschreckt fuhren wir aus dem Schlafe auf und hörten eine befehlende Stimme, die energisch nach Nubi und den anderen Farmleuten rief. Gleich darauf drang heller Lichtschein in unser Gefängniss und durch die niedere Thür trat, gefolgt von der ganzen Djahasi'schen Räuberbande, eine Gruppe Araber ein. Unter diesen fiel uns sofort ein greiser, untersetzter und sehr lichtfarbiger Mann auf. Er trug einen schönen Maskat-Turban, einen goldgestickten, etwas verrissenen Burnus von braunem Comorozeug über das dünne Weisse Hemd, einen Revolver im Gürtel, in der Hand ein gutes Jagdgewehr, und blickte uns mit grossen, tiefschwarzen Augen kalt und ruhig an. Wir fühlten, dass der entscheidende Augenblick gekommen sei. Der Mann vor uns war offenbar Buschiri bin Salim, und sein trotziges Aussehen sowie das seiner arabischen Begleiter, unter welchen ein bärtiger, langer Maskater auffiel, Hess uns nichts Gutes hoffen und unsere letzte Stunde nicht mehr ferne glauben. Etwas beruhigte uns der Anblick eines un- bewaffneten alten Mannes mit weissem Bart, der einen weissen Turban trug und den wir erst auch für einen Araber hielten, bis er sich als mohammedanischer Indier Namens Abd-el-Kerim vorstellte. Nun wussten wir, dass Indier zwar vor den schmutzigsten Geschäften nicht zurückscheuen, wohl aber sich schwerlich an einer offenen Gewaltthat persönlich betheiligen würden. Es handelte sich also um Geld, um eine Erpressung. Als wir Buschiri aufforderten, unsere Ketten zu lösen, antwortete er „Inschallah" und verliess mit seiner Begleitung den Raum, uns mit dem alten Indier allein lassend. Dieser begann nun eine längere Rede zu halten, in welcher er seine Sorge um unser Wohl, seine Liebe zu uns u. s. w. ins rechte Licht setzen wollte. Wir unterbrachen ihn etwas ungeduldig, worauf er uns mittheilte, Buschiri sei entschlossen, uns umzubringen, „ku tschindscha, ku piga bunduki", abzuschlachten, mit dem Gewehr zu erschiessen. „Lakini a na taka fesa", aber er braucht Geld. Dieser Zusatz zeigte uns sofort, dass unser Leben nicht in Gefahr sei, und Dr. Meyer fragte, mit wie viel Geld dem trefflichen Buschiri denn gedient sei ? Dies erfuhren wir aber nicht so ohne-weiters, sondern Abd-el-Kerim erörterte erst des Längeren, wie es nur seinen edelmüthigen Bemühungen gelungen sei, den Blutdurst Buschiri's zu bezähmen und ihn zu veranlassen, sich aul Lösegeld-Verhandlungen einzulassen. Zuletzt betonte er no ch seine Uneigennützigkeit und nannte die Summe von 10.000 Rupies, welche er, wie er hinzufügte, Dr. Meyer gegeneine Anweisung credi-tiren und sofort an Buschiri auszahlen wollte. Wenn man bedenkt, wTelch ungeheure Summen südeuropäische Banditen als Lösegeld zu verlangen pflegen, so war die genannte Summe keine allzuhohe, und Dr. Meyer zögerte unter den gegebenen Umständen nicht, auf diese Bedingung einzugehen. Buschiri trat darauf wieder ein und gelobte sofort nach Unterzeichnung des Bons, unsere Ketten zu lösen, uns heute noch sicher nach Pangani zu bringen und freizulassen. Die Sache war allerdings bedenklich und wir äusserten offen unseren Verdacht, man wolle Dr. Meyer die Anweisung durch Versprechungen ablisten und uns dann doch ermorden. Da wies Buschiri auf seinen Bart und erklärte, mit weissen Haaren sei er zu alt geworden, um zu lügen. Ein Junge brachte hierauf bereit gehaltene Tinte, Papier und Feder und Dr. Meyer stellte die Anweisung aus, zahlbar durch die Firma Hansing in Sansibar an Abdallah bin Abd-el-Kerim, den Sohn des alten Indiers. Dann wurden uns die Halseisen abgenommen und den vereinten Anstrengungen mehrerer Männer gelang es auch, mich von den scheusslichen Fusseisen zu befreien, so dass wir uns wieder bewegen konnten, ohne durch eine Kettenlast behindert zu sein. Buschiri reichte uns hierauf die Hand, bat uns das Vorgefallene durch die Kriegsverhältnisse und seine Feindschaft gegen Deutsche zu entschuldigen und empfing uns mit orientalischer Höflichkeit als seine Gäste. Immerhin waren wir noch so gut wie Gefangene, denn als wir später in einem hellen, klaren Tümpel unweit der Farm badeten, zeigte sich stets ein Wächter in der Nähe. Vom Bade zurückgekehrt, fanden wir in der Farm den alten verrätherischen Suahili von Tarawanda, der seiner Gemeinheit die Krone aufsetzte, indem er uns einen Ziegenbock anbot Und uns mit widerlichem Grinsen zu versöhnen suchte. Natürlich würdigten wir den Schuft keiner Antwort und gingen zu Buschiri der es sich inzwischen im inneren Hofe der Schamba unter einer Veranda bequem gemacht hatte. Er war bis auf einen Lendenschurz völlig unbekleidet und trug selbst den kahlrasirten Schädel ent-blösst. Dennoch konnte man sich ihm gegenüber eines Gefühles der Achtung und der Ueberzeugung nicht entschlagen, mit einer über das Mittelmass hinausragenden Persönlichkeit, mit einem zielbewussten, energischen Manne zu thun zu haben. Seine Gestalt War eben nicht imponirend, er war eher klein als gross, neigte zur Wohlbeleibtheit, hatte eine angenehm lichtgelbbraune Hautfarbe, zierliche Extremitäten und einen etwas trippelnden Gang. Sein Gesicht zeigte einige Aehnlichkeit mit dem des verstorbenen Sultans Seid Bargasch von Sansibar und war von einem schnee-Weissen Barte umrahmt. Das Merkwürdigste waren seine Augen, die trotz ihrer tiefen Schwärze etwas Adlerartiges hatten und mich an den eigenthümlich kalten, man möchte sagen grausamen Blick der albanesischen Bergbewohner erinnerte. Als wir zu ihm traten, spielte Buschiri eben mit einem kleinen ■^egerkinde Nubi's und begann dann in fliessendem, sehr deut- lichem Suahili eine Unterredung mit uns. Zuerst berichtete er mit einer gewissen Behaglichkeit über sein Vorgehen gegen uns. Kein Vali von Pangani, sondern Buschiri war es gewesen, der die Briefe an Sembodja geschrieben und unsere Leute zur Flucht veranlasst. Er fing alle Briefe von Sansibar an uns ab und schickte schliesslich verschiedene Streifcorps, darunter auch Djahasi und seine Leute uns entgegen. Wie er sagte, habe er diesen befohlen, uns einfach gefangen zu nehmen und die Waffen und Werthgegenstände abzunehmen, sonst aber Alles zu belassen und uns nicht zu misshandeln. Er habe Djahasi, wegen Nichtbefolgung letzteren Befehles gezüchtigt, meinte aber, dass diese von schwarzen Sklaven uns zugefügten Misshandlungen zwar schmerzen, aber ebensowenig beleidigen können, als etwa der Biss eines Hundes. Dennoch hielt ich ihm vor, dass der mir wohlbekannte Tippo Tip (Hamed bin Mohammed) in einem solchen Falle doch ritterlicher gehandelt hätte und dass der ganze Vorgang unserer Gefangennahme mir gemein und eines vornehmen Arabers und Moslems unwürdig erscheine. Buschiri schob jedoch alle Schuld auf die Neger. Im weiteren Gespräche erklärte er, dass es in Ostafrika nach seiner Ueberzeugung nur drei tapfere und bedeutende Araber gäbe, nämlich Tippo Tip, der allmächtige Beherrscher ungeheurer Gebiete am obersten Congo; Mbaruk, vom Stamme der Msara, der jahrelang gegen Said Bargasch gekämpft, und er selbst, Buschiri bin Salim, der Besieger Mirambo's und jetziger Anführer des Aufstandes im Küstengebiete. Er erzählte sodann von seinen bis* herigen Erfolgen, wie es ihm gelungen sei, die deutschen Beamten zu Pangani in ihrem Flause abzuschliessen, und wie letztere, besonders „Njundo", nur durch Vermittlung des Sansibar-Generals Matthews mit dem Leben davongekommen seien. „Dieser (Matthews)" meinte er, „wollte in Pangani bleiben, ich aber befahl ihm zu gehen, und er ging." Wir äusserten unser Erstaunen, dass er es wage, einen General seines Sultans derart zu behandeln-„Was kümmert mich der Sultan", sagte er verächtlich, „ich hasse ihn und habe seine Stadt Sansibar seit 20 Jahren nicht betreten, da man mich dort sofort köpfen würde. Jetzt erkenne ich ihn noch weniger an, da er sich nicht schämt, unser Land an Fremde zu verkaufen. Sagt mir einmal, was wollen eigentlich die Deutschen hier in Ostafrika und warum bleiben sie nicht daheim in Deutschland?" „Deine Frage ist sonderbar, was wollten denn eure Väter, die Araber, in Ostafrika und warum blieben sie nicht daheim in Arabien ?" „Du hast recht", sprach Buschiri lächelnd, „meine Väter verfolgten dasselbe Ziel, welches jetzt die Deutschen verfolgen: sie Wollten Ostafrika in Besitz nehmen. Sie gingen aber dabei denn doch ganz anders vor. Zu Tausenden kamen sie von Arabien, eroberten das Land in blutigen Kriegen und setzten sich in demselben fest. Die Deutschen aber kamen wehrlos und ohne Soldaten, nur mit einem Briefe, des Sultans, der uns leerer Schall War. An einen Ort kamen zwei, an den anderen drei oder höchstens vier Beamte. Würden diese Wenigen mit Freundlichkeit gekommen sein, sich auf den Zolldienst beschränkt und Alles aufgeboten haben, um uns, die herrschende Partei der Araber, 2u gewinnen, so sässen sie wohl heute noch ruhig in den Küstenstädten. Doch diese schutzlosen Leute benahmen sich trotz ihrer Ohnmacht völlig rücksichtslos, rissen Flaggen herab und hissten andere auf, gaben uns Befehle und Vorschriften, und benahmen sich überhaupt, wie wenn sie die Herren des Landes und wir Alle ihre Sklaven seien. Wir sahen der Sache eine Weile zu, dann jagten wir die Weissen einfach fort, wie man übermüthige Jungen fortjagt. Ja die Engländer, das mag ein reiches und mächtiges Volk sein, aber die Deutschen scheinen mir wohl nur jjWadogo dogo" (ganz klein). In unserer Lage konnten wir natürlich nicht daran denken, Uns mit Buschiri in eine ziemlich unfruchtbare politische Debatte einzulassen. Es lag übrigens manches Wahre in seinen Worten, nur die Schlussfolgerung von der Machtlosigkeit der Deutschen War eine falsche und sollte er gar bald eines Anderen belehrt Werden. In dieser Hinsicht besass Buschiri offenbar nicht jenen klaren und weitsehenden Blick, der Tippo-Tip in so hohem Grade auszeichnet und ihn stets die Freundschaft der Europäer suchen lässt. Doch ist es zweifellos, dass die Araber eine bedeutende, im Innern Afrikas nahezu unüberwindliche Macht bilden, Welcher mit den Waffen ziemlich schwer, mit Geld und guten Worten aber verhältnissmässig leicht beizukommen ist.*) Der Congostaat hat mit dem „Sklavenhändler" Tippo-Tip erst gekämpft und ihn dann zum Gouverneur einer Provinz ernannt. Es wäre vielleicht nicht der schlechteste Plan, wenn die deutsche Colonialverwaltung in Ostafrika Buschiri erst bekämpfen und dann den Wilddieb zum Oberförster, den Insurgentenchef zum Vali einer Küstenstadt oder eines Districtes im Innern ernennen würde. Trotz des vielen Ungemachs, welches Buschiri uns plan-mässig bereitet, konnte ich doch gegen ihn keine persönliche Abneigung hegen. Er gefiel mir als entschlossener Kriegsmann und auffallend kluger Kopf und ich würde es bedauern, ihn ein schmähliches Ende durch Henkershand nehmen zu sehen. Während wir uns derart mit unserem „Feinde" unterhielten, brachten Weiber eine vortreffliche arabische Mahlzeit, der wir gemeinsam mit Buschiri alle Ehre erwiesen. Nach dem Essen wurde Buschiri immer gemüthlicher, fand sogar Dr. Meyer's Brille auf und gab sie ihm, und Hess uns auch einige unserer Koffer zurückstellen, allerdings ausgeräumt. Dann erkundigte er sich eingehend um Masinde, die Lage des Ortes, die Zahl der Gewehre, *) In der Generalversammlung der englischen Ostafrikanischen Gesellschaft a® 6. Juni 1889 sprach der Director derselben, Mr. Mackenzie, folgende Worte: „Die Sklavenfrage, jenes wichtige Problem, wird auf verschiedene Weise betrachtet. Im Allgemeinen wird der Araber als ein alles menschlichen. Gefühles ent-blösstes, grausames und blutdürstiges Wesen dargestellt. Ich werde mir nicht erlauben, den Erklärungen vieler verdienter Männer zu widersprechen, welche bei ähnlichen Angaben glaubten, dass sie durch die Thatsachen gerechtfertigt und auf Wirklichkeit begründet seien. Ich beeile mich aber festzustellen, dass meine persönliche Erfahrung eher das Gegentheil beweisen könnte. Und doch habe ich 15 Jahre unter Arabern gelebt und zähle unter ihnen meine besten Freunde und Bundesgenossen. Ich pr°" testire gegen jene eben so gefährliche als unausführbare Lehre, deren Zweck die Organisation eines Kreuzzuges gegen die Araber in Centraiafrika ist. Der Araber ist ein Kaufmann von vollendeter Geschicklichkeit, der die Sklaverei nur vom Handelsstandpunkte im Auge hat. Die Sklaverei muss fieilich noth-wendigerweise unterdrückt werden, aber nicht durch Gewaltmassregeln. Eine Institution, die auf Gesetze und Sitten des Landes gegründet ist, kann nicht von einem Tag aut den anderen entwurzelt werden." Wie sehr stehen diese bemerkenswerthen Worte eines gründlichen Kenners des ()rients und Ostafrikas im Gegensatze zu den schwärmerischen Projecten moderner Antisklaverei-Apostel, wie sehr haben die bisherigen Erfolge der englischen Ostafrika' nischen Gesellschaft, deren Leiter in Afrika Mr. Mackenzie ist, gelehrt, dass die von ihm ausgesprochenen Grundsätze die einzig richtigen seien! den Besitz Sembodja's u. s. w., so dass wir sahen, er wolle seinen jetzigen Verbündeten später bekämpfen und unterwerfen. Wir gaben ihm nach besten Kräften Auskunft, da es uns ein besonderes Vergnügen machen würde, den elenden Sembodja recht gehörig gezüchtigt zu sehen. Buschiri meinte dann, wenn wir wieder nach Ostafrika kämen, mögen wir nicht mit Sewah Hadschi, sondern mit ihm einen Vertrag schliessen, falls er nur Geld bekäme, wäre er bereit, uns bis ins Herz Afrikas zu führen. Ich glaube wirklich, dass man dabei nicht schlecht fahren würde, wie ja auch die Erfolge anderer Reisender, die sich arabischen Karawanenführern anvertraut haben, lehren. Betreffs meiner Bücher und Aufnahmen, versprach Buschiri Nachforschungen anzustellen und den Dieb zur Herausgabe derselben aufzufordern. Es scheint, dass er sein Wort auch darin gehalten hat. Im Laufe des Nachmittags erschien Abdallah bin Abd-el-Kerim, der Sohn des alten Indiers, ein widerlicher indischer Geck mit Lackschuhen, weissen Kleidern und Goldkäppchen, einen unangenehmen Parfumduft verbreitend. Er erzählte uns, dass er der Schwiegersohn des Millionärs Taria Topan sei und flunkerte Uns noch Allerlei vor, worauf er schliesslich erklärte, sein Vater könne die Summe von 10.000 Rupies nur gegen Erhalt von 2000 Rupies Zinsen erlegen. Obwohl sehr entrüstet über diesen Sucher, musste Dr. Meyer nothgedrungen doch eine zweite Anweisung auf 2000 Rupies ausfertigen. Vor Sonnenuntergang trat Buschiri völlig gerüstet vor das Haus und führte uns an den Fluss, wo ein schönes, den Deutschen ahgenommenes Boot unser harrte, welches wir gemeinsam mit den beiden Arabern und Abdallah bestiegen. Die Strömung und antretende Ebbe förderte unsere Fahrt, wir flogen förmlich durch die vielen Windungen des Ruvu und bekamen bald die Stadt ^angani zu Gesicht. Vom Gesänge der Ruderknechte fiel mir auf, dass derselbe sich hauptsächlich mit „Njundo", dem ehemaligen Chef der deutsch-ostafrikanischen Station Pangani, beschäftigte und aenselben als wahres Ungeheuer darstellte. Wir erreichten Pangani bei Eintreten der Dunkelheit und harten schon von weitem Schüsse und Geschrei aus der Stadt tönen, an deren Strand bewaffnete Gestalten mit rothen Hemden herumliefen. Wir landeten und waren sofort von Leuten umringt, die Buschiri ehrfurchtsvoll begrüssten, während sie uns gerade nicht liebevolle Blicke zuwarfen. Die Stadt, bei unserer letzten Anwesenheit öde und leer, bot jetzt ein Bild wilden, bewegten Lebens. Phantastisch gekleidete Araber und Neger, in Waffen starrend, tauchten überall auf, aus allen Läden blitzten Gewehre und Schwerter, und mit lautem Kriegsgesange und krachenden Flintenschüssen zogen aufständische Banden durch die engen Strassen. Wohl entfuhr manchem Krieger ein Schrei des Hasses und der Wuth, als er plötzlich zwei Europäer erblickte, doch alle traten scheu und ehrerbietig vor unserem Geleitsmanne Buschiri zurück, der ziemlich gleichmüthig durch diese erregte Menge schritt. Das Usagarahaus, an welchem wir vorbei kamen, stand leer und ausgeplündert, das Zollhaus war halb zerstört und ein mächtiger Mast für die arabische Flagge aufgerichtet worden. Buschiri führte uns in sein Haus, ein ziemlich grosses Gebäude mit dicken Steinmauern. In der Vorhalle sassen etwa 4° gut gekleidete arabische Soldaten, die sich bei der Ankunft ihres Gebieters schweigend erhoben, und Raum zum Durchgange nach der engen Wendeltreppe eröffneten, welche in den Oberstock führte. Wir fühlten uns nicht sehr behaglich und bekamen den Eindruck, in eine Mausefalle zu gehen. Der Raum im ersten Stock war auch gerade nicht beruhigend, es war eine ziemlich grosse Halle mit kahlen, schmutzigen Steinmauern, durch ein flackerndes Lämpchen düster beleuchtet: die Räuberhöhle, wie sie im Buche steht. Von der Strasse tönte wüthender Lärm herauf. Um uns für den Nothfall wenigstens einen Anhaltspunkt zu sichern, ergriffen wir den Indier Abdallah und erklärten, dass dieser wenig-' stens unter allen Umständen mit uns zugrunde gehen müsse, wenn man uns etwa noch nachträglich ermorden wollte. Der feige Indier zitterte am ganzen Leibe und schrie fortwährend, er habe Leibschmerzen, er müsse hinaus, worüber Buschiri sich halb todtlachen wollte. Letzterer gab uns übrigens erneuerte Zusicherungen betreffs unserer Sicherheit und versprach uns m kurzer Zeit nach dem Hause des Indiers Abd-el-Kerim zu bringen; welches als Eigenthum eines englischen Unterthans uns viel mehr Vertrauen einfiösste. Doch sollten wir noch recht wilde Scenen lrn Hause Buschiri's mit ansehen.- Erst stürzte Djahasi und seine Bande bewaffneter Neger herein, um Buschiri eine Meldung zu erstatten. Diese schien ihn keineswegs zu befriedigen, denn er hieb mit einer Flusspferd-peitsche tüchtig auf die Kerle ein, was uns viel Vergnügen bereitete. Dann kam eine Anzahl vornehmer Araber, welche stehend mit Buschiri eine stürmische Berathung abhielten. Die bronzefarbigen, bärtigen Gesichter, aus deren scharfen Zügen und blitzenden Augen wilde Erregung sprach, das Glänzen rd). ^reb fa. fT. 5.- - 1». 8.-. (Srnft ü. ."öeffe=2öartegg, feit 3abren ju ben Bctiebteften mtb gelefenfteit Steife* fcfjriftftellern bc§ beutfdjen SSolfeS gä^Ienb, Gilbert in feinem neuen Sßer!e in ber fpanuenbften imb ansieljetibften SBeife feine großen Steifen burd) gang «Wejico Don (Saliforuieu big gjucatan. ©ein burd) satjlreidje Reifen in berfd)iebeneu äOSelttljeilen ge* fäjärfter 23licf unb feine berüorrageube 23eobad)tungSgabe Bewahren fid) in bem neuen SBcrfe toieber aufs ©iänjcnbfte. ©r gibt bariu ein anfd)auIid)cS 23ilb beS heutigen 9tterico, ber großen Staublungen, toeId)e baS ßnub burd) bie $erfteHung eines ausgebreiteten ©Ifen* BaBmtcfeeS erfahren t)at, ber «Regierung, ber fcauptflabt beS SanbeS unb ber Seilte. ©r fdjtlbert feine Begegnung mit ben 3tyaä>3nbianew eBcnfo foannenb, toie ben (Saruebal in SJucatan, feine JBeftetanng beS Sßobocatebeti, eines ber pdjfien 23erge ©entral* SKmertfaB, toie ben Sefud) ber alten fJtiihienfiäbte oon Urmal unb 3aamal; er ift in ben trobifd)eu llrtoälbern ebenfo w §anfe, toie in beu umoirtblidjcu (SactuS=2Büfteu bon GbiBitatma ober in ben mejicanifdjen SierrnS, in ben großen §nubtftäbteu, lote in ben ©ilberminen unb auf beu Sßlautagen. £>abet berfäumt er eS nid)t, aud) beu allgemeinen ©tnriäjtunflen, beu Steiferouten, Rotels, ©ebcuStoiirbigfetteu aller SCrt 2C. 9ted)nuug ju tragen, fo baß baS 233er! gleichseitig ein nufeItä)cS unb uucntbebrlid)e§ 3letfc= banbbud) für jeben 23efnd)er SDtcricoS Bilbet. SDcm 2öerfe ift eine ©ifeuBaljttfarte, bie erfte unb üoUftänbigfte Sarte iljrer 2lrt, beigegeben. $ie ©cfjreibtoeifc erfreut fid) berfclben Üebcttbigteit unb Unmittelbarfeit, bie beu früheren SSJerfeu beS StutorS 31t fo grofjeu (Srfolgen berfyalf. Neue Erscheinungen aus dem Verlage von Ed. Hölze! in Wien und Olmütz. --------- Steifen in Jlfrtßct 1875......1886. ©vflur $anb (1875-1878.) Bad; fernen Qlaaeüüdjern imfer öer IDtfroirRimg tum ~$i\c§axb ^8ud?fa B}erau5gcgebcn i?cm bem >&£i)'£Ufr£U» RH 38 Sollbübern, 125 3Uuftratioueu im £erl wnb 9 harten, ^reis brofdj. fl. 5.60 = 3«. 9.50, geb. in Sßrodjtbanb fL 7.- - «. 12.-. SDaS SBerf. erfdjetnt in 3 SSäubeu ober circa 50 Lieferungen. S)ie 9Mitd)ener „SUIgem, 3ettuiiß" Str. 819 botu 10. Stobember 1889 urteilt über baS SBerf in einer längereu S3cfprcd)ung u. 9t.; „ . . . . SDtan mirb baS Urtt)eil bal)in faffen tonnen, baß baS 23nd) eincä ber liebenStoürbigften unb lefenSroertljeften, bor SMllem aber eines ber beft unb reid)ft illuftrirteu ift, loeld)e über Slfrifa gefdjrteben njorben ftub. 2>er Skrfaffer tritt ntdjt mit feljr großen, gelebrtett Sßrätenfioneu auf. (5r fdjilbert aber mit fo frfjlidjter fJtatiirtidjfeit unb Slnfd)auliä> fett, mit feinem ©tun für baS (Sl)arattcrtftifd)e an ber Saubfdjaft unb für bie Situation, baß mau gerabe uad) biefer Stiftung bie racrtfpoUftc 23clel)ruug empfängt. 2>te pcrföu= lirifjen ©efaljren unb (Srlebniffe fiub "mit gutem Xattt gerabe fo toett mitgetfjeilt, als eS für bie ScennaeWjtmng unb baS S3erftänbmß ber Situation nötl)ig ift. 3ft es bod) gerabe in biefer 3fid)ttmg fo fd)iocr, bie redete 2JHtte jjn treffen, &enn eS laun letd)t gefdjeljen, baß ber ßefer ber cnblofcn 3ntriguen unb Sjcrfmubluugen mit gabllofcu 2Jtenfd)en, toie fic gerabe bei afrifanifdjen Reifen fo bäufig fiub, ebeufo uulbe rotrb, als iljrer ber Stcifenbe eiuft geworben ift; mäbrenb umgefebrt eine Steifebcfcbreibuug, bie fid) alles perfönlidjen (dementes entfleibet, fid) bamit and) beS roirffamften (SbaraftertftrungSmittelS beraubt, £aft unb guter GJcfdjmacf muffen fjter eben baS 9tid)tige treffen, tote bei febem Settnft* merf. Unb als foldjeS mirb eine gute 3teifebcfd)reibung lool)l gelten bürfeu. SBenigftenS ift mau berechtigt, aud) biefeu üötaßftab an fic -m legen. 6o mirb alfo baS 23ud) trefftirf) bapt btenen, bie loeiten Stäumc ber Starte, bie 3)r. 3nnfer über feine Steife in „Sßetermann'S SJtittbeilungeu" beröffeutlidjt fjat unb bie einen anfelmlidien Xl)dl (Seutral^lfrifaS in ungetoöfjnlict) großem 3JJafeftabc barftelli, triti tüirfltdjeu Jöorftcllungeu bou betu 9tuSfeI)en unb bem Söefen ber ©egenbeu unb Hölter ausfüllen. SDaß bie ^al)Ireid)eu äJtittljeUimgeu über bie guftäube ber SJSrooins, über ibre Scrtualtuug, über tfl)arafter unb fäaublmigSroeife ber beteiligten ^ßcrföulid)fetten, bor Sutern ©orbon'S, (Smiit'3 unb ©effi'S gerabe jefct bon pdjftem 3»ttcreffe ftub, berftet)t fiel) und) bem Obengefagten bon felbft. (Sine befonbere (£rtoäl)uitug berbienen bie febr sablreidien SHuftratiouein 2>aS 3öert ift in biefer Stiftung ein babubredjenbeS m nennen. Soor Mein burd) baS aufgeteilte Sßriucip, nur Slbbtlbuugen oou Siinfttcrtjanb 311 bringen. Stenn mau muß fid) nur erinnern, )oeld)c Dualität bou Silbern gerabe in retcl) illuftrirten SJceifcruerfeu uns bargeboten »u werben pflegt: £)iuge, bei beneu mau fid) oergeblid) fragt, ob beim bie .^ünftler, loeldje Steutfdjlaub betanntlid) in fo großer $al)l probucirt, nur für illuftrirte $ettfdjrifteu unb Söanberbüber, niemals aber für ernftljafte 33üd)er 31t Ijaben fiub? SDaS „billig unb fd)lcd)t" bat eben aud) auf biefem (Mcbiete gu lauge geberrfdjt. 3» beut oorliegenben S3ud)c ftub alle Sttuftrationen birecte Steprobuctionen nnd) Origiual^eidjuu.ugeu bou Stüuftlern. 3?ür baS 5tuge, baS geioobnt ift, au SlBerfe ber bilbeuben Sunft, unb Jüäreu fie uod) fo un^ bebeutenb, aud) tüuftlerifdje Sluforberungen zu ftelleu, ift es eine mat)re ©rbotuug, Ijier uirgcubS ber medjanifeben 9lrbeit irgenb eines JöoIäf^neiberS, fonbern überall bem ©trid) eines betoußt fdjaffenbeu StüuftlerS 31t begegnen. Siad) 3nl)alt unb SluSftattmig mirb mau fomit 3nnfcr'a Steifen unter bie f)croor= ragenbfteu (5rfd)eiuungen ber beutfd)cu sJteifc=Stteratur redjncu bürfeu." K. 1«. HnrhiiclMlrucfcprel Cnrl Froinran In W14U,