Wanderungen RrllktklMii K. v. GutmanSthsl Lsibach isil Südöstliche Wanderungen Aeiseskizzen von W. V. KutmcrrrstHcrL. Laibach 1911. Buchdruckrrri Ig. v. Kleinmayr & Fed. Bsmbrrg. IrrHcttt. Seite I. Nach Palästina. 5 II. Fayum. 91 III. Wie eine Reise nach dem Sudan ausfallen kann 127 IV. «Hagion Oros», die Mönchsrepublik.1S1 l - I. Wach Palästina. 19. April. Welch süßer herrlicher Duft weht uns entgegen! Jst's wirklich der erste Gruß vom Heiligen Lande, den uns, noch so weit Entfernten, die Morgenbrise aus Orangengärten herüberbringt? Und da, wirklich er¬ scheint Jaffa auf felsigem Meeresufer malerisch ge¬ lagert, umgeben von Felsblöcken, welche vor dem Hafen in dichter Reihe die Einfahrt umständlich, ja zuweilen sogar gefährlich machen. Vor Jaffa ist das Meer fast beständig stürmisch bewegt und gingen auch jetzt trotz des sonst heiteren, ruhigen Wetters die Wogen recht hoch, so daß das Ver¬ lassen des Schiffes für den Ungeübten sich nicht ganz einfach gestaltet. Man muß den richtigen Augenblick ab¬ warten und wenn eine Welle das Ruderboot recht hoch hebt, sich dann hineinstürzen, wobei einem die arabi¬ schen Bootsleute behilflich sind. War es der Einfluß des neuen parlamentarischen Regimes oder die Protektion unseres liebenswürdigen k. u. k. Konsuls in Jaffa, der mit uns angekommen war und meinen Reisegefährten, den hochwürdigen Herrn D. und mich unter seine Fittiche genommen hatte, die Lan¬ dung ging ganz glatt von statten und wurden wir weder wegen Paß noch wegen Reisegepäcks irgendwie belästigt. 8 Zuerst begaben wir uns in die Agentur des Öfter, reichischen Lloyd, welche am Kai gelegen ist. Aus den Fenstern der Agentur blickt man auf das unbegrenzte, tiefblaue und ewig brandende Meer und hat dabei ganz den Eindruck, sich auf einem großen Schiffe zu befinden. Es wurde uns ein Kaffee serviert, dann eilten wir die Stadt zu besichtigen, da der Zug nach Jerusa¬ lem um 2 Uhr fährt, unsere Zeit also sehr knapp be¬ messen war. Unter der Führung eines Konsulats-Kawassen, der uns durch das auf und ab steigende Labyrinth von male¬ rischen Gäßchen und Treppen führte, besuchten wir zuerst das Haus Simon des Gerbers. Eine der liebenswürdigen Eigentümlichkeiten des Orients ist, daß sich Dinge im Laufe der Jahre wenig verändern. Alles wird so lange wie möglich im status guo gelassen und wenn die Verwüstungen, die der Zahn der Zeit anrichtet, Neuerungen erheischen, so werden dieselben ganz im Geiste des Gewesenen bewerkstelligt, so daß mit der willkommenen Patina einer verhältnis¬ mäßig kurzen Spanne Zeit das Neue dem Alten auf ein Haar gleichsteht und die Illusion eine vollkommene ist. Es mag nun sein, daß das Haus Simon des Gerbers nicht mehr dasselbe ist, in welchem der Apostel¬ fürst zur Zeit seines Aufenthaltes in Jaffa gewohnt hat, die Lage des Gebäudes ist zweifellos dieselbe, dieser Stadtteil ist noch gegenwärtig von Gerbern be¬ wohnt und wenn man sich auf dem flachen Dache des Hauses befindet, von welchem der Blick auf das blaue Meer und die terrassenförmigen Dächer der Stadt vor 9 zweitausend Jahren zweifellos fast derselbe war, so kann man sich ganz gut vorstellen, wie der heilige Petrus, auf diesem Dache ruhend, die Erscheinung des Tuches mit den „unreinen" Tieren hatte. Wir besuchten die Franziskanerkirche, welche dem heiligen Petrus geweiht ist, wanderten noch durch die Stadt und Bazare, wobei es mir auffiel, wieviele alte Gebäude mit Spitzbogen noch vorhanden waren, wahr¬ scheinlich alles Überreste aus der Zeit der Kreuzfahrer, und fuhren dann durch herrliche Orangengärten, welche in voller Blüte standen und zum Teil noch mit riesigen Früchten behangen waren, beim hübschen von Syko- moren beschatteten Brunnen Abu Nabut zum Grab der Tabitha. Die Russen besitzen dort ausgedehnte Gärten und eine Kirche, welche dem Andenken des Wunders der Auferweckung Tabithas durch den hei¬ ligen Petrus geweiht ist. Wie rührend erzählt die Apostelgeschichte: „Und es standen um ihn her alle Witwen und weinten und zeigten ihm die Kleider, welche ihnen Dorcas (Tabitha) gemacht hatte!" Vom hohen Turme der russischen Kirche genießt man eine wunderbare Aussicht: Im Westen Jaffa mit dem breiten Bande des Mittelländischen Meeres von ganz unglaublicher Bläue, im Süden goldgelbe Sand¬ dünen, gegen Norden die deutsche Templerkolonie, gegen Osten in noch weiter Ferne die Gebirge von Judäa und zu unseren Füßen ein dunkelgrünes Meer von blühenden Orangenbäumen, welche ihren betäuben¬ den Duft bis zu uns heraufsandten. Lange konnten wir uns nicht von dieser herrlichen, im heiteren Sonnen¬ glanze des Südens strahlenden Aussicht losreißen. 10 Doch nun mußte an das Mittagsmahl gedacht werden, zu diesem Zwecke fuhren wir zur unweit ge¬ legenen deutschen Kolonie, welche von Württembergern im Jahre 1860 gegründet worden war. Dort besichtigten wir vorerst das sehr interessante Privatmuseum von Altertümern aus Palästina des Barons Ustinow und nahmen dann an der tadle ck'dot« des in einem sehr schönen Garten gelegenen „Hotel du Parc" teil. Das Essen war nicht schlecht und der Wein aus der Gegend sehr gut. Nun hieß es sich beeilen, denn der einzige Zug nach Jerusalem fährt um 2 Uhr und nachdem wir in Jaffa alles Sehenswerte besichtigt hatten, wäre ein Ver¬ säumen desselben für uns eine Katastrophe gewesen, doch wir kamen zurecht. Die Fahrt von Jaffa nach Jerusalem ist weder sehr anziehend, noch sehr interessant. Die Ebene S a r o n, durch welche man zuerst lange Zeit fährt, ist zwar sehr fruchtbar, aber von ermüdender Eintönigkeit. Dann tritt der Zug ins Gebirge von Judäa, das Tal macht zahllose Windungen, durch die sich die schwache Lokomotive pustend und keuchend emporschiebt. Jeden Augenblick glaubt man, sie wird nicht weiter können und doch fährt sie immer weiter, langsam aber sicher. Das Tal wird nun wildromantisch und hinter jeder Windung erhofft man endlich einen Ausblick auf die heilige Stadt, doch nein, wir müssen noch weiter aufwärts, um die Höhe Jerusalems, 784 Meter über dem Meeresspiegel, zu erreichen. Längs der Straße blühen viele rote Blumen: Wilder Mohn, Ranunkeln und Anemonen, alle in derselben dunkelscharlachroten Farbe. Es ist, als ob Judäa mit Blut besprenkt wäre! Endlich auf der 11 rechten Seite erblicken wir eine Ortschaft mit finsteren, turmartigen Gebäuden aus dunklem Stein mit je einem Doppelfenster an der Fassade. Das ganze überraschte uns durch seinen malerischen, burgartigen Anstrich. Es war ein typisches judäisches Dorf, wie wir dann noch viele ähnliche sahen. Dieses hieß Bittir; in dessen Nähe wurden im Jahre 135 n. Ehr. 500.000 Juden unter Bar Cochba von den Truppen Kaiser Hadrians getötet, von welchem Zeitpunkte an die Juden auf- hörten, eine Nation zu bilden. Und endlich erblicken wir ein stattliches Gebäude, eine Kirche mit Kuppel und Turm, es ist die Dormi- tionskirche an hervorragendster Stelle des Berges Sion, und nun liegt ganz Jerusalem vor uns in den Strahlen der Abendsonne gebadet. Man mag ja mit Recht sagen, daß eine Eisenbahn als solche dem heiligen Lande viel von seinem Reiz nimmt und daß eine Pilgerfahrt per Bahn keine rechte Pilgerfahrt mehr sei; aber ganz abgesehen von der großen Bequemlichkeit und relativen Raschheit der Reise, ist diese schmalspurige Eisenbahn so wenig störend als möglich. Klein und bescheiden, ja fast demütig, schlän¬ gelt sie sich durch die ehrwürdigen, historischen Gegenden nur einmal im Tage und in ehrfurchtsvoller Entfer¬ nung von der heiligen Stadt bleibt der Zug stehen, so daß die Heiligtümer weder durch den Geruch, noch durch den Lärm und den Anblick dieser so unästhetischen Er¬ rungenschaft der Neuzeit profaniert werden. Am Bahnhofe erwartete uns Dr. Z., ein liebens¬ würdiger junger Priester unserer Diözese, welcher der¬ zeit in Palästina zum Zwecke des neutestamentlichen 12 Bibelstudiums weilt. Er stellte sich uns ganz zur Ver¬ fügung und fanden wir auch an ihm einen charmanten und sehr unterrichteten Cicerone. Wie ich bereits erwähnte, liegt der Bahnhof ziem¬ lich weit außerhalb der Stadt, so daß dessen prosaische Häßlichkeit das malerische Gesamtbild derselben absolut nicht verunzieren kann. Dr. Z. teilte uns mit, daß, nach¬ dem das österreichisch-ungarische Hospiz ganz mit Pil¬ gern aus Oberösterreich besetzt sei, wir im deutschen Pilgerhause untergebracht würden. Die Fahrt dorthin ist ziemlich lang und dauerte ungefähr 20 Minuten. Das deutsche Pilgerhaus liegt außer der Stadtmauer in der Nähe des Damaskus¬ tores. Es ist ein stattliches Gebäude ganz aus Quader¬ steinen mit „Zyklopen"-Mauern und mit großer Raum¬ verschwendung gebaut. Von außen gleicht es eher einer Festung, von innen machen die breiten, leeren Gänge und Säle einen noch etwas unbewohnten Eindruck, es ist aber erst seit vier Jahren vollendet. Die Leitung und Direktion der Anstalt ist den Patres Lazaristen an¬ vertraut und die Wirtschaft wird von Schwestern, Boro- mäerinnen, geführt; wir wurden vom Rektor Pater E. Schmitz auf das freundlichste willkommen ge¬ heißen. Doch es war schon spät und wir wollten unbe¬ dingt noch die Grabeskirche, welche gleich nach Sonnen¬ untergang geschlossen wird, besuchen. Wir stürmten also davon durch Gassen und Gäßchen und Bazars mit Lebensmitteln und Devotionalien angefüllt, in welchen noch ein reges Leben herrschte. Endlich nach vielen Win¬ dungen stiegen wir eine Treppe hinunter und befanden uns auf dem Platze vor der Grabeskirche! Vor uns lag 13 das ehrwürdige Monument bereits in der Abenddäm¬ merung. Die letzten Strahlen der untergehenden süd¬ lichen Aprilsonne vergoldeten noch mit rötlichem Schimmer die Kuppeln und über dem Platze schwirrten zahllose Schwalben in stetem Kreise zwitschernd umher. Eilends traten wir durchs gotische Tor an den türkischen Wachen, welche links vom Eingänge auf einer Art Bühne mit breitem Divan lagerten, vorüber. Quer vor dem Eingangstore, wenn man in das Innere der Kirche tritt, liegt der „Salbungsstein" und gleich hinter demselben befindet sich die Wand des Chors der Grie¬ chen, so daß man beim Eintreten absolut keinen Über¬ blick über die Grabeskirche gewinnt. Gleich rechts beim Eingänge steigt eine schmale Treppe mit 18 Stufen zum Kalvarienberge hinauf. Dort begannen wir unseren Rundgang und verrichteten unsere Andacht vor den katholischen Altären, auf der Stelle, wo Christus ans Kreuz genagelt wurde, und an der Stelle des Stadat insisr, ferner an der Kreuzigungs¬ stelle, welche sich in den Händen der Griechen befindet. Dann stiegen wir hinab in die Rotunde, wo sich der von den Griechen im Jahre 1810 gebaute Kiosk befindet, welcher das Grab unseres Herrn in sich schließt. Mit tiefer Rührung betraten wir die Kapelle des heiligen Grabes, in welcher sich gerade ein griechischer Geistlicher befand, der uns mit geweihtem Rosenwasser besprengte. Dann besuchten wir noch die Kapelle der Erschei¬ nung Christi, wo sich auch der Chor der Franziskaner befindet und das Allerheiligste aufbewahrt wird, und machten noch einen Rundgang durch die übrigen Ka¬ pellen, stiegen hinunter in die St. Helenakapelle und 14 Lis zur Stelle der Kreuzauffindung. Inzwischen war es beinahe dunkel geworden in der mächtigen Basilika und so mußten wir uns denn schweren Herzens von derselben trennen und, eine eingehendere Besichtigung auf einen anderen Tag verschiebend, zum Nachtmahl eilen. Dieses wurde in einer großen gothischen dreischiffigen Halle ser¬ viert, in der ein paar hundert Menschen leicht Platz finden könnten. Wir waren kaum zehn Personen und verloren uns förmlich am äußersten Ende eines der langen Tische. Ein Araber besorgte die Bedienung. Der hochwürdige Pater Rektor sprach das Tischgebet vor und nach der Mahlzeit und leitete während derselben die Konversation in liebenswürdigster Weise. Ich erklärte beim Abendessen, die Fahrt nach Jericho — TotesMeer — Jordan so bald wie möglich unternehmen zu wollen, um diese ermüdenste Partie absolviert zu haben und dann ruhig Jerusalem genießen zu können. Auch schien es mir angezeigt, das kühle Wetter zu benützen, um diesen sonst sehr heißen Ausflug in eine Tiefe von 400 Metern unter dem Meeresspiegel zu unternehmen. Wir beschlossen also, am Donnerstag den 21. April früh zu fahren. 2 0. April. Dieser Vormittag sollte dem Besuche des Ölberges gewidmet werden. Wir machten uns frühmorgens auf und wanderten durch das St. Stephanstor ins Kidrontal hinunter und jenseits am Ölberge hinauf. Je höher wir stiegen, desto Ib öfter mußten wir stehen bleiben, um uns nach der schönen, aus Bildern so wohl bekannten Aussicht auf Jerusalem umzusehen. Tief drunten lag das Tal Josaphat mit seinen unzähligen Gräbern, welche in der heiteren Morgensonne gar nichts Schauerliches hatten. Dann die Stadtmauer mit der „Porta Aurea", welche von den Arabern im Jahre 810 vermauert wurde, weil eine Prophezeiung sagte, daß durch dieses Tor ein christlicher Feldherr einst in Jerusalem einziehen würde, welcher der Osmanischen Herrschaft daselbst ein Ende bereiten würde. Darüber dann der Tempelplatz mit der dunkeln Omar-Moschee und das übrige Jerusalem mit seinen flachen Dächern, seinen zahlreichen Kuppeln, unter denen die Grabeskirche als die mächtigste hervortrat. Und plötzlich da sehen wir eine ungeheuere Schar Störche, es mögen wohl an 500 gewesen sein, über unseren Köpfen fliegen, aus der Richtung Ägyptens kom¬ mend und gegen das Tal Jordan hinziehend. Oben angelangt, besuchten wir zuerst die Himmel¬ fahrtsstelle. Es ist ein unregelmäßiger, offener Hof, in dessen Mitte eine reizende kleine achteckige Kapelle steht, welche, von den Kreuzfahrern erbaut, die Stelle des Felsens in sich schließt, von welcher Christus in den Himmel aufgefahren ist und die auch den Abdruck seines Fußes trägt. Die Kapelle sowie der sie umgebende Hof sind ganz leer und ohne irgend welchen Schmuck. In der leuch¬ tenden Morgensonne gebadet, wirkt sie dennoch tief durch die Weihe des Ortes und dem hübschen edlen Stil des Gebäudes. Obwohl dieses Heiligtum sich im Besitze der 16 Türken befindet, ist es doch den Katholiken gestattet, darin die heilige Messe auf tragbaren Altären zu lesen. Am Eingänge des Hofes steht ein Minarett, von dem wir eine prachtvolle Aussicht genossen über I u d ä a bis hinunter in das J o r d a n tal, die Ebene von I e - richo, auf die blaue Fläche des Toten Meeres und jenseits derselben auf das Gebirge von M o ab. Daneben befindet sich in einem Garten eine russische Kirche mit einem sehr hohen Glockenturme, der die ganze Gegend beherrscht und bis weit über das Tote Meer hinaus sichtbar ist. Die Russen hatten gerade Gottes¬ dienst und lauschten wir eine Weile ihrem herrlichen Gesänge. Im Kirchengesange haben Wohl die Russen in Palästina den Vorrang vor allen anderen Nationen. Dann stiegen wir hinunter nach Bethphage, etwa zehn Minuten weit, am östlichen Abhange des Öl¬ berges. Es ist die Stelle, wo Christus das Eselsfüllen bestieg zu seinem feierlichen Einzuge nach Jerusalem am Palmsonntage. Die Franziskaner haben dort eine Nieder¬ lassung; in der Kirche befinden sich interessante Fresken auf der sogenannten Stele von Bethphago. Ein freundlicher spanischer Mönch labte uns mir einem Glase kühlen Weines eigener Fechsung. Wir kehr¬ ten nun abermals auf die Höhen des Ölberges zurück, um das Kloster der Karmeliterinnen zu besuchen, auf der Stelle erbaut, wo Christus zum zweitenmal seinen Jün¬ gern das Vaterunser gelehrt haben soll. An den Wänden des Kreuzganges ist das Gebet des Herrn in 35 Sprachen angebracht. Weiters besuchten wir die Krypta, wo die Apostel, bevor sie sich in alle Weltgegenden zerstreuten, das Apo- 17 stolische Glaubensbekenntnis verfaßt haben sollen. Von da stiegen wir hinunter zur Stelle, wo die Ruine eines Kirchleins den Ort bezeichnet, an dem Christus über Jerusalem geweint hat und der „Dominus Flevit" genannt wird, und nach dem Besuch des Gartens Getsemani, der von den Franziskanern sehr gut gepflegt wird und in dem sich viele Blumen und einige uralte Olivenbäume befinden, gelangten wir zur Kirche des Grabes Mariens, welche schon fast ganz an der Sohle des Kidrontales liegt. Die Kirche selbst ist unterirdisch und vom Eingangstore muß man eine breite Treppe mit 48 Stufen hinuntersteigen, um zur eigentlichen Grab¬ kapelle zu gelangen. Das Innere der Kirche ist gegen¬ wärtig nur durch das spärliche Licht, welches vom Tore hinunterdringt, und durch zahllose Wachskerzen und Öl¬ lämpchen erleuchtet. Die Fassade der Kirche mit ihrem mächtigen Spitzbogentor macht einen sehr ehrwürdigen, harmonischen Eindruck und ist, sowie die ganze gegen¬ wärtige Gestalt der Kirche, ein Werk der Kreuzfahrer. Trotzdem sind jetzt die Armenier die Herren in der¬ selben und haben die Griechen, Syrier und Abessinier ;e einen eigenen Raum für ihren Gottesdienst, nur den Katholiken, oder wie sie hier genannt werden, den „Lateinern", ist es verwehrt, in dieser Kirche die heilige Messe zu lesen! Neben dem Grabe Mariens bemerkt man einen Mihrab mit Gebetsraum, wo die Mohammedaner ihre Andacht beim Grabe der „Sitti Marjam" verrichten kommen. Dies ist bezeichnend für die Verehrung, welche sie der heiligen Jungfrau widmen, wovon man im Abendlande keine Ahnung hat. s 18 Wenn man aus dem Vorplatz der Kirche gegen die Kidronbrücke geht, muß man eine Treppe emporsteigen, an deren Rande eine lange Reihe von Aussätzigen ge¬ lagert ist. Der Anblick dieser Unglücklichen ist ein wahr¬ haft erschütternder und einige unter ihnen haben kaum mehr ein menschliches Aussehen. Bei den einen ist das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit vom Aussatz zerfressen, bei den anderen sind Arme und Beine gräulich verstüm¬ melt und alle legen die kranken Stellen ihres Körpers bloß, um das Mitleid der Vorübergehenden zu erwecken, in der Hoffnung auf ein größeres Almosen. Eine Frau hatte einen Fuß, der, vom Aussatz zerfressen, mit dem Beine nur mehr durch einen Fleischfaden zusammen¬ hing, was sie jedem Passanten zeigte! Man sagte mir übrigens, daß sowohl der türkische Staat als auch die Privatwohltätigkeit in verschiedenen Leprosenanstalten reichlich für diese Unglücklichen sorge. Im Kidrontale, nahe bei dem Garten Getsemani und der Marien-Grabeskirche, erhebt sich auch eine russische Kirche mit vergoldeten Kuppeln, ganz im russisch-tartarischen Stile der moskowitischen Kirchen gebaut. Es ist unter allen, von Len Russen in Palästina erbauten Gebäuden, welche sich ausnahmslos durch ihre plumpe Häßlichkeit auszeichnen, das einzige hübsche, obzwar es auch vermöge seiner Bauart besser im Mos¬ kauer Kreml oder an den Ufern der Newa und der Wolga am Platze wäre, als an den Mauern Jerusalems. Nun traten wir unseren Heimweg an durch das St. Stephanstor und besuchten zum Schlüsse noch die St. Annakirche, in deren Krypta sich die Geburtsstätte der heiligen Jungfrau Maria befindet. Diese Kirche, IS Besitz der weißen Väter des Kardinals Lavigerie, von den Kreuzfahrern im romanischen Übergangsstil gebaut, wurde in der Folge zerstört und ganz verlassen, um dann Anfang der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit feinem Kunstverständnis in seinen ursprünglichen Zu¬ stand wieder hergestellt zu werden. Jetzt waren wir wirklich vom vielen Sehen er¬ schöpft. Das menschliche Auffassungsvermögen hat ge¬ wisse Grenzen und über dieselben hinaus lassen die inter¬ essantesten Dinge gleichgültig. Auch war es bereits Mittag und wir eilten zur sehr willkommenen Mahlzeit. Am Nachmittage wurde ein paar Stunden der Ruhe gepflogen, aber um 3 Uhr traten wir einen neuen Rund¬ gang an. Diesmal galt es, den Berg Sion und seine interessantesten Heiligtümer zu besuchen. Auf dem Wege dorthin hielten wir uns einen Augenblick in der Kirche der Soeurs de Marie Räpara- trice auf, welche auf mich einen tiefen Eindruck machte, obwohl es ein ganz neuer Bqu ist, der absolut kein ge¬ schichtliches Interesse hat; aber der Kontrast zwischen diesem Heiligtum und dessen Umgebung ist ein zu packen¬ der, um übersehen zu werden: Ganz Jerusalem als asia¬ tische orientalische Stadt und Sammelplatz der wildesten Völker, ist natürlicherweise lärmend, sehr schmutzig, seine Gassen eng, unordentlich und schlecht gehalten und selbst die Grabeskirche und die meisten anderen heiligen Orte, welche allen christlichen Völkern zugänglich sind, tragen natürlicherweise den Stempel orientalischen Mangels an Ordnung und Reinlichkeit. Ganz anders ist es jedoch in dieser Kirche: Der Fußboden ist glänzend geputzt, die Vergoldungen fun- 2* 20 kelnd, die Wände makellos, auf dem Altar stehen Vasen mit den herrlichsten frischen Blumen, alles zeugt darin von einer gediegenen Pracht und einer liebevollen Pflege. Der dem Publikum zugängliche Teil der Kirche ist durch ein Gitter von der eigentlichen Kirche getrennt. In dieser herrscht feierliche Stille; am Hochaltar ist das Aller¬ heiligste beständig ausgestellt. Vor dem Hochaltar stehen zwei Betstühle, an denen zwei Klosterfrauen Tag und Nacht in Anbetung vor dem hochwürdigsten Gute ver¬ sunken sind. Jede Stunde erscheinen zwei neue Schwestern in weißem, wallendem Kleide mit langer Schleppe, blauem Gürtel, weißen Schuhen, Kops und Oberkörper mit einem dichten, Weißen Schleier ganz verhüllt. Die zwei Knienden erheben sich, lassen ihre Schleier fallen und entfernen sich lautlos und ebenso lautlos knien die eben Erschienenen wie die früheren nieder, schlagen ihre Schleier vor dem Allerheiligsten zurück und versinken in Anbetung. Wie überirdische Wesen scheinen sie herein und hinaus zu schweben. Niemand erblickt ihre Gesichts¬ züge und niemals verlassen sie die Mauern ihres Klosters, außer wenn sie auf höheren Befehl in ein anderes Kloster versetzt werden. Wenn eine der Schwe¬ stern zum erstenmal nach Jerusalem kommt, darf sie in schwarzen Gewändern, „wie eine Witwe gekleidet", die heiligen Stätten einmal besuchen, bevor sie sich dauernd in das Kloster einsperrt. Es sollen zumeist Damen aus den besten Familien Europas und Amerikas sein, welche auf diese Weise für ihre Sünden und die Sünden anderer genug tun. Von dort gingen wir durch das Armenische Stadt¬ viertel zum vornehmsten Heiligtum auf Sion, dem „Co enaculum". 21 Vor allem muß ich bemerken, daß der „Berg" Sion keineswegs ein wirklicher Berg, ja kaum ein Hügel genannt zu werden verdient. Gegen Süden und Westen fällt er allerdings ziemlich steil gegen das Hinnomtal ab, aber gegen Norden, wo die Stadt Jeru¬ salem liegt, bildet er eine kaum merkliche Bodenerhöhung. Auch muß ich erwähnen, daß sich die Lage der Stadt im Laufe der Jahre bedeutend verschoben hat, so kommt nun Sion, welches seinerzeit den vornehmsten Teil der Stadt bildete, außerhalb der jetzigen Sarazenischen Stadtmauer zu liegen, wogegen G o l g o t h a und das Heilige Grab, welche zur Zeit Christi außerhalb der damaligen Stadtmauer lagen, jetzt gewissermaßen das Zentrum der Stadt bilden. Auch hat die moderne Stadt stets die Tendenz, sich gegen Nord- und Nordwest auszudehnen, in welcher Gegend sich auch fast alle neueren Institute und Nieder¬ lassungen befinden. An der Stelle, wo Christus mit seinen Aposteln das letzte Abendmahl feierte, wo er das allerheiligste Altar¬ sakrament einsetzte, wo die Fußwaschung stattfand, wo d?r Herr seinen versammelten Jüngern nach der Auf¬ erstehung bei verschlossenen Türen erschien und ihnen schließlich am zehnten Tage, nachdem er die Erde ver¬ lassen, den heiligen Geist herabgesendet hat, war bereits in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung eine große Basilika errichtet worden, welche später von den Sarazenen zerstört, von den Kreuzfahrern wieder aufgerichtet und 1219 abermals zerstört wurde. Im 14. Jahrhundert ging der Besitz dieser heiligen Stätte in die Hände der Franziskaner über, unter denen sie die 22 gegenwärtige Gestalt erhielt und deren Guardian nebst dem Titel „Custode di terra Santa" auch den eines „Wächters des Berges Sion" bis zum heutigen Tage behalten hat, doch Vertrieb sie Sultan Soliman II. im Jahre 1523 aus diesem mit schweren Opfern erworbenen, von verschiedenen Sultanen verbrieften Besitz, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, daß König David, der von den Mohammedanern als Heiliger verehrt wird, unter dem Coenaculum begraben liege. Aus diesem Grunde weigern sich die Türken seither auf das hartnäckigste, irgend einer christlichen Religion ein Recht auf dieses ehrwürdige Gebäude einzuräumen. Es ist jedoch gestattet, gegen Bakschisch einen in gotischem Stile gehaltenen Saal zu besuchen, der sich an der Stelle des Coenaculums befindet. Daneben ist ein Raum mit einem kolossalen Sarkophag mit bunten Tüchern bedeckt, der den Ort bezeichnet, wo unterhalb König David begraben sein soll. Nächst dem Coenaculum erhebt sich die schöne Dor- mitionskirche, auch „Mariä Heimgang" genannt, die zwar schon eingeweiht, aber noch etwas zu neu und leer ist, sie verspricht jedoch, bei vollendeter innerer Dekorie¬ rung sehr schön zu werden. Es ist eine Rotunde im Stile der Krönungskirche zu Aachen. Besonders gefiel mir die Krypta, welche die Stelle bezeichnet, wo die seligste Jungfrau Maria entschlafen sein soll. Daneben steht der Glockenturm, welchen ich wegen Les starken Windes und weil ich sehr müde war, nicht besteigen wollte. Im eben¬ falls nebenstehenden Kloster wurden wir von den Bene¬ diktiner Mönchen, welche in der Dormitionskirche die Seelsorge haben, auf das freundlichste empfangen und 23 mit schäumender Limonade gelabt. Ihr Empfangs¬ zimmer, der sogenannte „Divan", ist ein sehr schöner ungemein gemütlicher Raum, wie ein elegantes Klub¬ zimmer, mit bequemen Möbeln und schönen Teppichen. Das Kloster besitzt auch ein sehr reichhaltiges Museum von Antiquitäten, welche im Lande gefunden wurden. Der Grund, auf welchem die Kirche und das Kloster gebaut sind, wurde dem Kaiser Wilhelm II. anläßlich seines Besuches in Jerusalem im Jahre 1898 vom Sul¬ tan Abdul Hamid geschenkt, doch sind solche Schenkungen in der Türkei nicht ganz kostenlos und hatte Kaiser- Wilhelm eine Summe von ungefähr 120.000 Mark an die Familien, die ein Anrecht auf diesen Grund zu haben behaupteten, zu entrichten, worauf er diesen Besitz den Katholiken Deutschlands schenkte. Die Gebäude wurden auf Kosten des deutschen Palästinavereines, der seinen Sitz in Köln hat, gebaut. Von dort aus besuchten wir das Haus des Cai- Phas mit dem sogenannten Kerker Christi, ein Raum, der so klein ist, daß ein Mensch sich darin kaum um¬ wenden kann. Es ist armenischer Besitz. Zum Schlüsse traten wir auch in die armenische Kathedrale oder Jakobskirche ein, die mir durch ihre Farbenwirkung und ihre mit alt aussehenden Gemälden ganz bedeckten Wände ungemein gefiel. Nun aber hatten wir genug gesehen, hatten an diesem einen Tage das Unglaublichste geleistet und der nächste Tag versprach auch sehr ermüdend zu werden. 24 2 1. A P r i l. Der Wagen nach Jericho, für 6 Uhr morgens bestellt, war natürlich nicht zur bestimmten Stunde da. Erst um 7 Uhr kam er ganz ruhig daher und der Kutscher nahm mit dem größten Gleichmut unsere heftigen Vor¬ würfe ob seiner Unpünktlichkeit entgegen. Es ist wahr, daß er sich dann in unseren Augen vollständig rehabili¬ tierte, denn er fuhr ausgezeichnet und wir kamen in Jericho früher an, als wir gerechnet hatten. Aber immerhin bleibt es doch eine Fahrt von min¬ destens vier Stunden. Der Weg von Jerusalem nach Jericho ist öde und ohne Schatten. Nur felsiges Land, ab und zu ein Gerstenfeld, sonst aber nur Gerölle und Weiden, auf denen Herden zahlloser Schafe und schwarzer Ziegen sichtbar sind. Aus der ganzen Strecke sah ich nur drei Bäume, recht verkrüppelte, halb vertrocknete Öl¬ bäume. Durch steinige Täler und Schluchten führt die übrigens recht gute Straße, deren einziges Interesse die erhabenen historischen Erinnerungen sind, welche sich daran knüpfen. In dem spärlichen Grase rechts und links blühen die blutroten Blumen. Zuerst ein kurzer Auf¬ enthalt beim Apostelbrunnen. Zweifellos hatten die Apostel aus diesem Brunnen Wasser geschöpft, denn Brunnen sind seltene Gottesgaben in diesem Lande und dieser ist weit und breit der einzige. Dann, aus halbem Wege, hielten wir bei der Herberge des „barmherzigen Samariters"; diese ist auch zweifellos dieselbe, welche in der Parabel gemeint war, denn im Orient ändert sich selten etwas und stets befand sich an d i e s e m Orte die einzige Herberge zwischen Jerusalem und Jericho. Der 25 Wirt, ein Spaßvogel, der, obwohl ein Araber, voll¬ kommen geläufig deutsch spricht, jeden Fremden duzt und mit größter Vertraulichkeit behandelt, empfing uns mit großem Enthusiasmus, der jedoch eine Abkühlung er¬ fuhr, als er sah, daß wir nicht aussteigen und seine schmutzigen Gastzimmer betreten wollten. Und weiter geht der öde Weg durch die Wüste Judäa und immer abwärts windet er sich, immer tiefer fährt man hinunter. Jerusalem liegt auf einer Höhe von 784 Meter über dem Mittelländischen Meere, das Tote Meer jedoch 400 Meter unter dem Niveau desselben, so mußten wir auf diesem Wege 1184 Meter abwärts fahren. Bei der Abfahrt von Jerusalem wehte ein ziem¬ lich empfindlicher, kühler Wind und fiel ab und zu leichter Regenschauer. Nun wurde es allmählich wärmer und die Sonne brach durch die Wolken. Unterwegs begegneten wir zahlreichen Pilgern, welche vom Jordan heimkehrten: Cook-Neisende in guten Kaleschen, minder Bemittelte in großen Gesellschafts¬ wagen eingepfercht, Karawanen christlicher Beduinen mit ihren Familien auf Pferden und Eseln, und am zahl¬ reichsten russische Bauern, echte Pilgergestalten, welche, Hitze und Kälte, Regen und Sonne ertragend, der Müdigkeit trotzend, den langen, endlosen, trostlosen, be¬ ständig aufwärts führenden Weg zu Fuß wandern wollten, wie einst unser Herr Jesus C hristus. Die russischen Pilger in Palästina sind wahrhaft bewundernswert. Sie gehören fast ausschließlich dem Bauernstände an. Familienväter, die ihren Acker und ihr Vieh verlassen haben, ohne Sprachkenntnisse, ohne 26 Barmittel, ziehen sie hinaus in die Fremde, endlose Steppen zu Fuß durchwandernd, trotzen sie Wind und Wetter, unternehmen die weite ungewohnte Seereise in das wilde unbekannte Land, doch wie die Weisen einst zur Krippe zu Bethlehem, führt sie ein schöner glänzender Stern, dieser Stern ist ihr fester Glaube, ihre innige Liebe zu Christus. Und die armen Frauen Rußlands, zahllos begegnet man ihnen, wie in den Straßen Jerusalems, hingestreckt vor dem Heiligen Grabe oder auf Kalvaria, ebenso hier von ihrer Pilgerung zur Taufstelle Christi am Jordan heimkehrend. Sie sind alle gleich gekleidet, ein hoch¬ geschürztes Kleid, ein großes wollenes Tuch um Kopf, Hals und Brust geschlungen, zumeist Bastschuhe an den Füßen, auf dem Rücken ein Bündel mit ihrem ganzen Reisegepäck und einigem Proviant, in der Hand einen langen Pilgerstock, ziehen sie in langen Reihen die staubige, steinige Straße nach Jerusalem emporwankend. Alle scheinen sie in demselben Alter, zwischen 50 und 60 Jahren, zu stehen und alle haben so sehr denselben Typus und Gesichtsausdruck, daß man nur staunt, wie bei der Heimkehr der Pilgerzüge die zurückgebliebenen Ange¬ hörigen jede einzelne in der Schar der übrigen unter¬ scheiden können. Endlich gegen 11 Uhr zeigt sich uns die weite Fläche des Toten Meeres und Jericho, die Oase in der Wüste Judäa. Aber wir müssen noch eine lange, steile Strecke bergab fahren. Links von uns liegt ein tiefer, steiler, felsiger Abgrund, „Ouadi el Kelt", und tief drunten rauscht und sprudelt das klare Wasser eines Flüßchens der Tiefebene zu. 27 Wir verließen den Wagen, um uns dem Rande des Abgrundes zu nähern und erblickten am entgegengesetzten Ufer der breiten Schlucht, tief unter uns, an mächtigen Felswänden hängend, ein uraltes kleines griechisches Kloster, welches uns von keiner Seite zugänglich er¬ scheint. Unter demselben, an den Ufern des Flüßchens, das sich schäumend durch mächtige Felsblöcke dahin¬ schlängelt, wachsen Orangenbäume, Gemüse, Blumen und etwas Getreide. Das ganze Bild war so lieblich und zugleich so wildromantisch, daß wir uns nur schwer davon trennten. Wir näherten uns nun Jericho. Ab und zu fiel zwar ein leichter Regen, aber es war schon recht warm geworden. Von allen Seiten murmeln Bäche klaren Wassers, welche, vereint mit dem, dank der tiefen Lage, sehr warmen Klima, um Jericho eine üppige, fast tropische Vegetation aufsprießen lassen. Palmen, Oran¬ gen und Granatbäume, Musas usw. gedeihen hier in üppigster Pracht. Nachdem uns noch bis zum Mittagmahle genügende Zeit blieb, besuchten wir vorerst die Elisäusquelle, dann die Stätte des alten Jericho, wo gegenwärtig Aus¬ grabungen gemacht werden. Von dort unternahmen wir zu Fuß den Ausstieg zum Quarantaniakloster. Es ist der Ort, wo Christus vierzig Tage gefastet hat, als er sich auf sein Lehramt vorbereitete. Jetzt befindet sich dort ein griechisches Kloster in ödem Fels hineingefügt. Der Weg hinauf ist sehr steil und sehr heiß. Die Mönche sagten uns, daß fast niemand ihn zu Fuß macht, sondern 28 daß sich die Besucher fast immer von Maultieren oder Eseln hinauftragen ließen. Die Aussicht von oben über Jericho, das Jordantal und dasT o t e M e er ist ganz herrlich. Nach einer kurzen Rast in den engen Klosterräumen stiegen wir wieder hinunter und eilten in das Hotel, um uns dort zu stärken. Das Mittagmahl war wohl nicht glänzend: Hammelfleisch und schlechtes Fett machten es für mich beinahe ungenießbar. Aber wir hatten auch etwas Proviant vom Hospiz mitgenommen, die köst¬ lichen Jaffa-Orangen bekommt man ja dort überall, und wenn der Geist so angeregt wird, ist der Körper auch bald befriedigt. Um 1Z4 Uhr fuhren wir ab nach dem Toten Meere. Vorerst verließen wir bald die Oase und kamen in eine Gegend von Sanddünen mit stacheligen Ge¬ wächsen spärlich bewachsen. Und immer öder wird die Gegend. Es fiel ein leichter Sprühregen und wehte ein warmer Wind. Schließlich hört jede Vegetation auf, der Boden ist bestreut mit weißlichem Salz und endlich, nach einstündiger Fahrt, stiegen wir am Ufer des Toten Meeres aus. Es mag sein, daß die bewegte, verhältnismäßig kühle Luft den eigentümlichen Charakter dieser Gegend veränderte, aber ich konnte absolut nichts von dem schauerlichen, düsteren, drückenden Eindruck konstatieren, den andere Reisende an den Ufern des Toten Meeres empfunden haben. Schön und erhaben ist der Blick auf diese weite Wasserfläche, deren südliche Ufer nicht mehr sichtbar sind. Am Strande ist kein Sand, sondern kleine Kieselsteine. 29 Zahlreiche Stücke Silex liegen herum. Der Wellenschlag war so stark, daß das Wasser zu unseren Füßen auf¬ spritzte. Von einem üblen Geruch des Wassers fand ich keine Spur. Allerdings ist alles tot um das „Tote Meer", kein Grashalm, keine Pflanze, keine Muschel, kein Fisch, kein Vogel, kein Insekt sind in dessen Nähe sichtbar. Aber das brandende Meer rauschte so lieblich, die öden Gebirge von Moab gegen Osten, wo die wilden räuberi¬ schen Beduinen Hausen, hatten eine so schöne violette Färbung angenommen und die Sonne, welche siegreich aus den Wolken hervorgebrochen war, vergoldete so glänzend diese Gegend des Fluches und des Todes, daß eine düstere Stimmung dabei ganz undenkbar war. Und nun erblickte ich gar einen einsamen weißen Schmetter¬ ling über die bitter salzigen Wellen flattern, wie hatte sich wohl das arme Tierchen hieher verirrt! In den unruhigen Fluten des Toten Meeres ein Bad zu nehmen war ungemein einladend und obwohl das An- und Ausziehen auf dem mit klebrigem Salze bedeckten Strande kein Vergnügen ist, so entschädigte uns die angenehme Temperatur des Wassers und dessen Dichtigkeit, welche das Schwimmen so sehr erleichtert, reichlich für die gehabte Mühe. Natürlich ist am Ufer des Toten Meeres keine menschliche Behausung, mit alleiniger Ausnahme einer Holzbaracke, wo ein unternehmendes Ehepaar in der Frühjahrssaison Kaffee und Getränke ausschenkt und Badekostüme leiht. Gerne hätten wir noch länger den Anblick dieses einzigartigen Wüstensees im herrlichen Farbenspiel der 30 Abendsonne genossen, aber wir mußten weiter und so fuhren wir wieder über die salzigen Sanddünen zur Taufstelle am Jordan, was wieder ein Stündchen in Anspruch nahm. Und als wir dort ankamen, welcher Kontrast! Die Ufer des Jordans find ein wahres Para¬ dies. Üppige Vegetation prangte in frühjahrlichem Grün und in den buschigen Pappeln und Weiden herrschte das regste Leben, zahllose Vögel nisten dort und die Nach¬ tigallen lassen sich von allen Seiten hören. Eine kühle Brise weht über die Wellen des Flusses und nichts verrät, daß man sich fast 400 Meter unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres befindet. Leider ist das Jordan¬ wasser gelblich trüb, was vom lehmigen Boden kommt, und uns die Lust benahm, auch hier zu baden. Am Ufer sind zwei Boote, in welchen Araber die Pilger um einen ganz übertriebenen Preis herumführen. Doch jeder denkt sich, „es ist ja doch wahrscheinlich das einzigemal, wo ich auf dem Jordan fahren kann!" und so willigten auch wir ein und machten eine sehr genußreiche kurze Bootfahrt. Nun fuhren wir zurück nach Jericho in unser Hotel und pflegten der wohlverdienten Ruhe. Es war indessen Abend geworden, wir waren müde und hungrig. Da trugen wir einige bequeme Lehnsessel aus die Terrasse des Hotels, von wo man die herrlichste Aussicht auf die Ebene von Jericho, das Tote Meer und die von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne geröteten Berge von Mo ab genießt. Wir packten unseren Proviant aus, labten uns an den köst¬ lichen Jaffa-Orangen und plauderten von dem Ge¬ sehenen und noch zu Sehenden. Der Mond stand schon 31 hoch vor uns, dicht an der Terrasse stand ein Baum ganz bedeckt mit violetten fliederartigen Blüten, die einen berauschenden Duft ausströmten. Es war so friedlich, so still, so angenehm kühl, so weltabgelegen und so schön auf dieser Terrasse des Hotels von Jericho, etwa 400 Meter unter der Meeresfläche, und bildet diese Abendstunde eine der schönsten, stimmungsvollsten Er¬ innerungen meiner ganzen Reise! Das Nachtmahl unten im Hotel-Restaurant war wohl herzlich schlecht, aber im Heiligen Lande lernt man auf solche physische Genüsse wenig Wert zu legen. Vom Fenster meines Zimmerchens sah ich beim Schlafen¬ gehen ferne am Berge Quarantania in der Wüste das Licht, welches die griechischen Mönche die ganzen Nächte brennen lassen an der Stelle, wo Christus vierzig Tage fastete. Unter dem Schutze dieses Lichtes, das wie ein Sternchen zu mir herunterleuchtete, schlief ich ruhig ein. 2 2. A P r i l. Heute mußten wir sehr früh aufbrechen, um noch vor dem Mittagessen in Jerusalem einzutreffen. Und vor¬ her noch wollten meine beiden Reisebegleiter in der kleinen, winzigen katholischen Kapelle Jerichos die hei¬ lige Messe lesen. In Jericho residiert kein katholischer Geistlicher und das Kapellchen dient nur den Bedürf¬ nissen der reisenden Priester. Zwar befinden sich darin zwei bescheidene Altäre, da jedoch nur e i n Ministrant aufzutreiben war, mußte, nachdem die beiden Herren zur selben Zeit zelebrierten, der Ministrant gleichzeitig an beiden Altären ministrieren. 32 Zurück ging es nun stetig bergauf und wurden wir erst gewahr, wie steil die Straße sei. Auf dem steinigen Gelände längs der Straße spazierten zahlreiche Störche, wahrscheinlich dieselben, welche wir vor zwei Tagen über den Ölberg fliegen sahen und die nun hier Jagd nach Schnecken, Schlangen und Eidechsen machten. In der Herberge des „barmherzigen Samariters" kehrten wir diesmal ein, verzehrten aber nur von un¬ serem mitgebrachten Proviant, denn der Schmutz dieser Herberge ist unbeschreiblich. Ich kaufte beim witzigen Wirte einige „Rosen von Jericho", ^uastatioa üioro- oüoiUwa, und sogenannte „Sodomsäpfel", Früchte einer in dortiger Gegend wachsenden Solange. Auf der Heimfahrt hielten wir auch in Be¬ thau i a, wo wir den Ort besuchten, an dem das Haus von Martha und Maria stand, sowie auch das Grab des Lazarus, das noch recht gut erhalten ist und wohl vor neunzehn Jahrhunderten ebenso ausgesehen haben mag. Diese beiden Stätten sind Eigentum der Franziskaner. Im übrigen jedoch erschien mir Bethanien nur mehr als eine Art Trümmerhaufen, von ein paar hundert Arabern bewohnt, und ohne Spuren seiner früheren Lieblichkeit. Je mehr wir uns Jerusalem näherten, desto mehr fiel uns das ganz ungewöhnliche Leben auf, welches längs der Straße herrschte und im Cedrontale bis zum Stephanstore wurde die Menschenmenge ganz kompakt. Auf den Mauern und Abhängen längs der Straße lagerten zahllose mohammedanische Frauen und Kinder und schienen auf etwas zu warten. Züge von Reitern und Fußgängern kamen aus der Stadt. Man sagte uns. 33 das Volk erwarte die Prozession des „Nebi Musa" oder „Propheten Moses", dessen Fest die Mohammedaner jetzt feiern und zu welchem Zwecke sie sich in großer Zahl mit Musik und Fahnen nach einem Heiligtume in der weiteren Umgebung Jerusalems begeben, um ihre An¬ dacht zu verrichten und von dort in acht Tagen, das ist am nächsten Freitage, wieder prozessionell heimzukehren. Wir waren glücklich im St. Paul-Hospiz heim¬ gekehrt, hochbefriedigt von unserem Ausfluge und nach dem Mittagmahle pflegten wir der wohlverdienten Ruhe. In diesen südlichen Ländern ist die Siesta etwas ganz Selbstverständliches und wird sie bei jeder Zeiteinteilung berücksichtigt. Es war Freitag und da hieß es, die Kreuzweg¬ andacht verrichten, was an jedem Freitage um 3 Uhr unter Aufführung der Franziskaner geschieht. Wir waren pünktlich am Platze, aber die Franziskaner erschienen nicht. Nachdem wir eine Weile vergebens gewartet hatten, hieß es. Laß wohl wegen des mohammedanischen Nebi Musa-Festes und dem damit verbundenen Men- schengewoge in den engen Straßen die franziskanische Via Crucis-Andacht Wegfällen dürfte. Da sich aber eine Menge Pilger zu dieser Andacht eingefunden hatten, erbot sich ein freundlicher Benediktiner-Pater vom Dor- mitionskloster, die Anführung und das Vorbeten zu übernehmen. Die erste Station befindet sich im Hofe einer tür¬ kischen Kaserne, von dort aus besucht man die Sta¬ tionen nach der Reihe, zum Teile auf den Wegen, die unser Heiland gegangen ist, und wo dies wegen spä¬ teren Umbauten nicht möglich ist, durch die nächste 3 34 Straße. Bei gewissen Stationen muß man im Staube oder im Kote der schmutzigen Straße knien, bei anderen riskiert man, während seiner Andacht von Lastträgern oder Tragtieren niedergerannt zu werden. Auch sind ein¬ zelne Stationen in sehr volkreichen Punkten des Bazars gelegen, aber das stört den Pilger nur wenig, denn in der Nähe der heiligen Orte ist das religiöse Gefühl in ihm so lebhaft, daß falsche Scham und Menschenfurcht gar nicht aufkommen können. Auch muß man sagen, daß man in Jerusalem wegen der äußeren Betätigung seiner Frömmigkeit von keiner Seite weder dem Spott noch der Mißbilligung ausgesetzt ist, Religion wird hier von allen als die Hauptsache im menschlichen Leben an¬ erkannt und nur cynischer Unglaube und Verletzung der religiösen Überzeugung eines anderen würden hier von jedermann auf das schärfste verurteilt werden. Die letzten Stationen befinden sich natürlich im Innern der Grabeskirche. Kaum hatten wir unsere Kreuzwegandacht beendet, als man uns sagte, nun beginne die Franziskaner-Pro¬ zession, welche täglich unter Gesang und Orgelspiel (die Katholiken sind die einzigen Besitzer einer Orgel in der Grabeskirche) sämtliche heiligen Orte innerhalb der Basilika besucht. An dieser Prozession wollten wir auch teilnehmen und so erhielten wir Wachskerzen und Büchlein, in welchen die betreffenden Gebete und Ge¬ sänge enthalten sind. Nachdem die Prozession zwölf Orte in der Grabeskirche besucht und sich überall eine Weile aufhält, so waren wir zuletzt ganz furchtbar müde. Als wir heimkehren wollten, sagte man uns, wir sollten doch die sogenannte Klagemauer besuchen, es sei 35 der Vorabend der jüdischen Ostern und da würde sie sehr besucht sein. Die Klagemauer ist ein Stück der Mauer, welche das Fundament bildete, aus welchem der Salomonische Tempel stand. Vom Tempel selbst ist, wie Christus es vorausgesagt hat, kein Stein auf dem an¬ deren geblieben. Aus diesem Stück Grundmauer hat sich jedoch im Laufe der Jahre (wahrscheinlich seit dem siebenten Jahrhundert) ein besonders verehrtes Heilig¬ tum der Juden herausgebildet, wo sie sich bei allen größeren Festen und am Vorabende derselben zahlreich versammeln, um zu klagen über die versunkene Pracht Jerusalems, die Zerstörung des Tempels und den Unter¬ gang des jüdischen Königreiches. Nachdem sich jedoch ein ziemlich starker Regen eingestellt hatte, fanden wir, gegen unser Erwarten, nur einen einzigen alten Juden, zur Mauer gewendet, betend vor. So suchten denn auch wir ein schützendes Dach auf, welches wir im österreichischen Hospiz fanden, in welchem gegenwärtig 100 von den oberösterreichischen Pilgern untergebracht waren. Trotz der Überfüllung machte das Gebäude auf uns doch einen überaus gemütlichen, sym¬ pathischen Eindruck. Die Kapelle mit ihren schönen roma¬ nischen Altären und prachtvollen Mosaiken gefiel uns ungemein und der große Gang im ersten Stock mit den Wappen aller adeligen österreichischen und ungarischen Jerusalem-Pilger interessierte mich sehr. 3* 36 2 3. A Pri l. Wir begannen vormittags mit dem Besuch der fran¬ ziskanischen Pfarrkirche San Salvatore. Es ist eine schöne, im Jahre 1885 gebaute Kirche im Re¬ naissance-Stil, die bedeutendste der katholischen Kirchen Jerusalems. Dann gingen wir zur Grabeskirche, in welcher wir schon zweimal gewesen waren, ohne sie jedoch eingehender besichtigen zu können. Nun machten wir die Sache ganz gründlich. Bis zur Zeit Kaiser Hadrians wurden die heiligen Stätten von Len ersten Christen in ihrer ursprünglichen Form verehrt. Kaiser Hadrian beschloß, um das Christen¬ tum gänzlich auszurotten und selbst das Andenken an Christus zu verwischen, über das Heilige Grab und Gol¬ gatha einen Jupiter und Venus geweihten Hain zu Pflanzen und wurde zu diesem Zwecke durch Zuführung von Schutt und Erde im Jahre 130 n. Chr. eine Espla¬ nade geschaffen. Dadurch erreichte er jedoch nur. Laß die heiligen Stätten durch weitere 200 Jahre unversehrt blieben, bis Kaiser Konstantin und Kaiserin Helena den ganzen Schutt wegräumen und eine prachtvolle Basilika errichten ließen, welche das Heilige Grab sowie die Kreuzigungsstätte in sich schloß. Dieses Wunderwerk konstantinischer Baukunst wurde jedoch schon im Jahre 614 n. Chr. durch die Perser unter Chosroe zerstört, dann durch Abt Modestus teilweise wieder hergestellt, im Jahre 936 und 969 n. Chr. wieder verwüstet und nur notdürftig wieder hergestellt, bis end¬ lich die Kreuzfahrer die Basilika erbauten, die trotz spä- 37 teren wiederholten Verwüstungen und wesentlicher Ver¬ änderung doch so ziemlich bis zum heutigen Tage erhalten wurde. Verhängnisvoll für die heilige Grabeskirche war ein Brand, welcher aus unbekannter Ursache in derselben im Jahre 1808 ausbrach und einen großen Schaden an¬ richtete. Besonders die Rotunde, welche in ähnlicher Ge¬ stalt seit Kaiser Konstantin das Heilige Grab umgab, wurde gänzlich zerstört. Die politiche Situation in Europa brachte es mit sich, daß um jene Zeit keine der katholischen Mächte geneigt war, sich der heiligen Stätten anzunehmen. Diesen Umstand benützten die Griechen, um die Katho¬ liken aus dem bisher unbestrittenen und alleinigen Besitz der Grabeskirche, welchen sie mit Strömen von Blut und schweren Geldopfern bezahlt hatten, zu verdrängen, indem sie sich vom Sultan die Erlaubnis verschafften, a ll e indie Basilika wieder aufzubauen. Dabei bemäch¬ tigten sie sich der hauptsächlichsten Heiligtümer, ver¬ unzierten das ehrwürdige Gebäude mit geschmacklosen Ornamenten, trachteten, alle Spuren, welche das latei¬ nische Königtum hinterlassen hatte, verschwinden zu machen, wobei sie die Grabmäler der Könige von Jeru¬ salem vernichteten, und verunstalteten das ganze Innere der Kirche durch den Bau des sogenannten „Chor der Griechen", welches, wie eine Kirche in der Kirche, das Innere derselben ausfüllt, finster macht und die Zirku¬ lation in derselben unendlich erschwert. Die von den Griechen gebaute Kuppel über die Grabesrotunde drohte schon nach fünfzig Jahren ein- 38 zustürzen, ste wurde im Jahre 1869 auf Kosten der Kaiser von Rußland und Frankreich gemeinsam durch eine neue eiserne ersetzt. Nun sind die Zubauten der Griechen keineswegs schön, aber sie entbehren trotzdem nicht eines gewissen barbarischen Reizes, so daß die Grabeskirche zwar durch sie ziemlich verdorben wurde und ihre Einheitlichkeit verloren hat, aber doch nichts absolut Häßliches in sich schließt, um so mehr, als alle griechischen Skulpturen und Gemälde bereits nach einem Jahrhundert ein ganz hieratisches Aussehen erhalten haben. Was jedoch entschieden am meisten das ästhetische Gefühl verletzt, ist die russisch-französische Kuppel über die „Anastasis"- oder Grabesrotunde! Für ein Aqua¬ rium oder einen Ausstellungspavillon wäre ja dieser eiserne Bau ganz geeignet, aber über die ehrwürdigste Stätte der ganzen Christenheit nimmt sie sich aus wie eine Profanation. Dazu ist sie von innen mit einer blauen Farbe bemalt, welche sich allmählich loslöst und an zahlreichen Stellen weiße Flecken und herabhängende Farbenfetzen zeigt! In das Heilige Grab konnten wir diesmal nicht gelangen, denn es war zu sehr von Pilgern belagert. Wir besuchten alle die zahlreichen Kapellen und Kapellchen der verschiedenen christlichen Riten und das Franzis¬ kanerkloster, welches seinen einzigen Ein- und Aus¬ gang durch die Grabeskirche hat, so daß die Mönche nachts buchstäblich eingesperrt sind. Sie haben eine sehr nette, ganz kleine Küche, wo jedoch wegen Raummangel nicht gekocht wird, so daß sie ihre Kost vom San Sal- vatorkloster beziehen. Die Existenz der armen Fran- 39 ziskaner in diesem kleinen Kloster, ohne Licht und Lust, muß recht schwierig gewesen sein, bevor Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser ihnen gelegentlich Seiner Jerusalem-Pilgerfahrt im Jahre 1869 eine Terrasse über dem Kloster schenkte, wo sie nun Luft schöpfen und einige Blumentöpfe halten können. Die Gräber der Familie des Josef von Arimathia, das Gefängnis Christi und die Adamskapelle, welche sich unter Golgotha befindet und wo der Sprung im Felsen, welcher „bis zum Mittelpunkt der Erde reicht", zu sehen ist, besuchten wir; was auf mich jedoch den schönsten Ein¬ druck machte, ist die Kapelle der heiligen Helena. Sie ist der noch besterhaltene Rest der Konstantini- schen Basilika, der diese Kapelle als Krypta diente. Man steigt zu ihr 29 Stufen hinunter. Vier mächtige Säulen tragen die Wölbungen dieses kleinen Heiligtums, das zum Teile im lebenden Felsen gebaut ist und sein Licht von der kleinen Kuppel erhält. Es ist armenischer Besitz; die zwei Altäre darin sind sehr alt. Rechts und links der Eingangstreppe befinden sich hölzerne Tribünen, in denen die Pilger übernachten können, was bei dem Mangel an Licht, Luft und Reinlichkeit recht ungemüt¬ lich sein muß. Neben dem Hauptaltar, welcher der heiligen Helena geweiht ist, befindet sich ein alter kleiner Balkon aus Marmor, welcher in einen schwarzen gähnenden Abgrund blickt und auf welchem eine Person sitzen kann. Dies soll der Platz gewesen sein, von wo aus die Kaiserin Helena die Ausgrabungen behufs Auffindung des heiligen Kreuzes leitete und beaufsichtigte. Wenn man sich die greise Monarchin vorstellt, angetan mit den 40 Gewändern einer byzantinischen Kaiserin, von ihrem er¬ habenen Sitze, glühend von Glaubenseifer, die von ihr gedungenen Arbeiter anfeuernd und unterweisend, bis endlich das Kreuz, an dem unser Heiland gelitten und gestorben, zum Vorschein kam, so erhält die an sich so schöne Kapelle einen noch höheren Reiz. Um zu der Kreuzauffindungsstelle zu gelangen, muß man im Hintergründe des linken Schiffes der Kapelle noch weitere 13 recht ungleiche schlüpfrige Stufen hinuntersteigen, wo man sich in einer Art unregelmäßi¬ ger, in den Felsen gehauenen Grotte befindet. Diese war einst eine leere Zisterne hinter dem Golgothahügel, wo, wahrscheinlich wegen des kommenden Festtages, das Kreuz Christi, der beiden Schächer sowie sämtliche Passionswerkzeuge am Karfreitag-Abend hineingeworfen wurden. Die Kapelle der Kreuzausfindung ist franziskani¬ sches Eigentum und ist der darin befindliche Altar ein Geschenk des Kaisers Maximilian von Mexiko. Trotz der griechischen Verunstaltungen macht doch die Grabeskirche einen mächtigen Eindruck. Die Über¬ reste der Konstantinischen und der Kreuzfahrer-Basilika sind schön und harmonisch, die vielen Kapellen und Altäre, die stets brennenden Silberlampen und Wachs¬ kerzen, das stete Gemurmel von Gebeten, der Klang eines frommen Chores aus der Ferne und die Menge der frommen Pilger aus aller Herren Länder, welche sich zu jeder Stunde herbeidrängt, um vor dem Heiligen Grabe und der Kreuzigungsstelle niederzuknien und seine 41 inbrünstigen Gebete zu verrichten, alles dies gibt den Eindruck eines innigen, lebendigen Glaubens und reißt auch den skeptischesten, frivolsten „Freidenker" mit. Auf dem Heimwege besuchten wir noch die Kirche des lateinischen Patriarchats, welche in modern-gotischem Stile gebaut ist. Unseren Nachmittagsrundgang begannen wir mit der neuerbauten armenisch-unierten Kirche, welche auf der Stelle steht, wo Christus auf dem Wege zur Kreuzi¬ gung seine heilige Mutter begegnete. Als man die Grundmauern für die neue Kirche legte, fand man einige Pflastersteine der alten Via Dolorosa sowie ein Mosaikpflaster aus dem 6. Jahrhundert, aus welchem die Stelle, wo die heilige Jungfrau gestanden ist, mit zwei kleinen Sandalen bezeichnet erscheint. Leider konn¬ ten die unierten Armenier aus Mangel an Mitteln die Kirche nicht vollenden. Dann gingen wir in das Kloster von Notre Dame de Sion, das eine sehr besuchte Mädchenschule in sich schließt. Die französischen Schwestern, die uns mit ganz exquisiter Freundlichkeit empfingen, beklagten sich über Raummangel, es sei aber nach keiner Seite möglich sich auszudehnen, da sich die Gebäude auf der einen Seite in griechischen Händen befänden, welche nicht ver¬ kaufen wollten, auf der anderen Seite seien indische Der¬ wische, da sei schon gar nicht an einen Ankauf zu denken. Ihre schöne Kirche, auch „Loo« llomo"-Kirche genannt, wurde im Jahre 1868 gebaut und enthält manches inter¬ essante Mauerstück aus der Zeit Christi, welches sehr geschickt in den Bau der neuen Kirche eingefügt wurde. Das Hauptstück bildet ein römischer Bogen, welcher ein 42 Seitenbogen des sogenannten „kitaos lloinc»"-Tores ist, welches sich über die benachbarte Straße schwingt. Dieser finstere, römische Bogen mit der Marmorstatue des dornengekrönten Erlösers darüber umrahmt den Haupt¬ altar und wirkt in der in Heller Farbe gehaltenen Kirche sehr effektvoll. Dann wurden wir auf die Terrasse am Dache des Klosters geführt, von wo aus man den schönsten Überblick auf Len Tempelplatz mit der Omar-Moschee und der El Aksa-Moschee hat. Leider mußten wir uns mit diesem Blick von weitem begnügen, denn während der Nebi Musa-Woche ist der Tempelplatz für Christen unzugänglich. Das Äußere der Omar-Moschee ist wirklich sehr schön, die blau-grünen Farben der Emailplatten- Verkleidung geben ihr ein ganz ungewöhnliches Aus¬ sehen und kann man dieses Gebäude kaum mit einem anderen in der ganzen Welt vergleichen. Was überdies dessen Wirkung noch ungemein erhöht, ist, daß es sich in Jerusalem, wo alle Gebäude in fast beängstigender Weise innerhalb der Stadtmauern zusammengedrängt sind, ganz einsam mitten auf der ungemein weiten Esplanade steht, aus welcher sich einst der Tempel Salomos befand, von dem „kein Stein auf dem anderen" gelassen wurde. Das Innere der Moschee soll noch weit herrlicher sein, doch da mußte ich mich auf einen späteren Besuch Jerusalems vertrösten. Dann führte uns eine Schwester in die unterirdi¬ schen Lokalitäten des Klosters, wo man Ausgrabungen bis zum Niveau der alten Via Dolorosa gemacht hat, durch welche der Heiland geführt wurde. Ein Teil dieses Souterrains soll das alte Lithostratos gewesen sein und findet sich noch, im Stein des Pflasters eingegraben, ein 43 „Mühlfahren"-Spiel, mit welchem sich wohl die wache¬ habenden Soldaten des Pilatus die Zeit vertrieben. Zum Schlüsse wurden wir noch in ein Zimmer geführt, wo allerlei Andenken an Jerusalem zum Ver¬ kaufe ausgestellt waren. Wir ergriffen mit Freuden diese Gelegenheit, uns gegen diese lieben Klosterfrauen er¬ kenntlich zu zeigen und ihr so wohltätiges Werk zu för¬ dern. Viele der verkäuflichen Gegenstände, wie Malereien, Stickereien usw., sind im Kloster selbst verfertigt und mußten wir ja schon darauf bedacht sein, allen Freunden und Verwandten daheim fromme Andenken aus dem Heiligen Lande mitzubringen. Nun besuchten wir noch die benachbarte Geißelungs- Kapelle der Patres Franziskaner, hierauf den Leich Bethesda, von dem es im Evangelium Joh. 5, 2 heißt: „Es ist aber zu Jerusalem der Schafteich, welcher auf Hebräisch Bethsaida (Bethesda) heißt und fünf Hallen hat.... ein Engel des Herrn stieg zur bestimmten Zeit in den Teich hinab und das Wasser kam in Be¬ wegung. Wer nun zuerst in den Teich hinabstieg, der ward gesund." Infolge der wiederholten Zerstörungen Jerusalems hat sich der Schutt überall dermaßen übereinander ge¬ lagert, daß das Niveau der alten Stadt tief unter dem des jetzigen Jerusalems gesucht werden muß. So kommen die Überreste des Schafteiches oder „Piscina Probatica" gegenwärtig tiefer unter dem Erdboden zu liegen und gleicht diese weite unterirdischeWasserfläche jetzt eher einer großen Zisterne, als einem Teiche. Jedoch sind in jüngster 41 Zeit sowohl die fünf Hallen als auch eine darüber er¬ baute kleine Marienkirche aus dem 6. Jahrhundert ent¬ deckt worden. Am Eingänge zu diesen Ausgrabungen ist das Evangelium Johannis, welches das von Christus hier gewirkte Wunder berichtet, worauf er die ganz deutliche und ausführliche Verkündigung seiner Gottheit folgen läßt, in fast allen bekannten Sprachen geschrieben, an¬ gebracht. Ein deutschsprechender Pater der weißen Väter der Wüste, der uns führte, zeigte uns auch das recht inter¬ essante und reichhaltige Museum, welches dfe Mönche in ihrem Kloster haben. Jetzt traten wir aus dem benachbarten Stephans- tor und gingen außerhalb der Stadt bis zu den so¬ genannten Königsgräbern, das ist eine Vertiefung in ziemlich ebenem, felsigem Terrain, zu der man über eine breite, in den Fels gehauene Treppe hinuntersteigt. Unten angelangt, öffnet sich ein sehr geräumiger, offener vier¬ eckiger Hof, ganz aus dem Fels gehauen, in dessen einer Wand ein schönes Portal mit einer breiten Öffnung, wie eine Bühne, sichtbar ist. Das ist der Eingang zu den Gräbern und macht dieser Felsenhof einen großartigen Eindruck. In der linken Ecke des bühnenartigen Raumes befindet sich eine niedrige Öffnung, welche zu einer ganzen Gruppe von Grabkammern führt. Was mich be¬ sonders interessierte, war der Verschluß des Eingangs¬ tores der Grabkammern, der für alle altjüdischen Gräber 45 typisch ist: Ein runder Stein, einem Mühlstein ähnlich, steht vor dem niedrigen Eingänge und wird nach Bedarf auf die Seite gerollt, wobei er sich in einer Steinrinne bewegt. Nun verstand ich die Stelle des Evangeliums Mark. 16, 3: „Und sie (die heiligen Frauen) sprachen zueinander, wer wird uns wohl den Stein von der Türe des Grabes wegwälzen?" Man vermutet, daß hier das Familiengrab der herodianischen Königsfamilie gewesen sei. Auf dem Rückwege über die Damaskusstraße be¬ suchten wir noch die anglikanische HIZd Olluroll, Sankt Georgskirche, worin mir besonders auffiel, daß in der Taufkapelle neben einem Taufsteine, wie in unseren katholischen Kirchen, auch eine Art Badewanne in den Boden eingelassen ist, in die man mittelst einiger Stufen hineinsteigen kann, im Falle, wo ein Neubekehrter den Wunsch haben sollte, auf griechische Art, mittelst Immer¬ sion, getauft zu werden. Also für jeden Geschmack ist da gesorgt. Zum Schlüsse besichtigten wir noch die schöne große St. Stephanskirche, welche genau nach dem Plane einer i. I. 455 von der Kaiserin Eudoria dortselbst erbauten Basilika errichtet wurde und den Ort bezeichnet, an welchem der Erzmärtyrer St. Stephan gesteinigt wurde. In der Kirche, welche Dominikanern gehört, befinden sich prachtvolle Mosaiken, Überreste der ursprünglichen Basilika. 46 2 4. April. Der heiligen Messe wohnte ich in der „Loos llomo"- Kirche bei. Dann traf ich meine beiden geistlichen Freunde, mit welchen ich einen Ritt um die ganze Stadt¬ mauer unternehmen sollte, doch forderten sie mich auf. vorher nochmals die Klagemauer zu besuchen, da es hieß, daß eben sehr viele Juden wegen des Osterfestes dort seien. Wir eilten also hin und richtig sanden wir den kleinen Platz ganz dicht gedrängt voll, zumeist mit sehr häßlichen, alten mageren Juden mit Seitenlöckchen, Pelz¬ mützen und langen Kaftans aus Plüsch oder Samt in recht bunten leuchtenden Farben. Doch sah ich auch unter ihnen einige schöne kräftige malerische Erscheinungen, dann wieder einige wenige elegante europäische Juden, wahrscheinlich Touristen, welche ebenfalls hier ihre An¬ dacht verrichteten. Und alle waren sie gegen die heilige Mauer gewendet, in deren Fugen kleine Öllämpchen brannten, und sangen ein jeder für sich ihre Klagelieder. Nun bestiegen wir Esel und ritten an dem mäch¬ tigen französischen Hospiz „Notre Dame de France" und am Jaffatore vorüber, hinunter durch das Gehennatal zum Hiobsbrunnen und den sogenannten Königsgärten, wo gegenwärtig Feigenbäume und Artischocken in üppi¬ ger Fülle gedeihen, dann durch das ganze Tal Josaphat, an der Marienquelle und den schönen, aus dem Felsen gehauenen Gräbern Zachariae, Jakobus und Absolons vorbei, dann hinauf zu der neuen deutschen protestan¬ tischen Augusta Viktoria-Stiftung. Dieselbe enthält eine protestantische Kirche und soll darin, wie ich höre, auch ein Sanatorium errichtet werden. 47 Die Deutschen können wahrhaftig mit ihren Be¬ sitzungen in Jerusalem sehr zufrieden sein: Die Dor- mitionskirche begrüßt den in Jerusalem Ankommenden vor jedem anderen Gebäude, das Paulus-Hospiz steht in schönster Lage vor dem Damaskustore trotzig wie eine Festung da, der Gebäudekomplex der Augusta Viktoria- Stiftung, auf einer Kuppe des Ölberges stehend, über¬ ragt die ganze Stadt, und, wenn es wahr ist, daß dessen Glockenturm, der noch nicht vollendet ist, höher sein wird als jener der russischen Kirche am Ölberge, da wird dieses deutsche Wahrzeichen weit über Judäa und das Tote Meer hinaus sichtbar sein! Zurück ritten wir über die „Kaiserstraße", das ist eine schöne Fahrstraße, welche hergestellt wurde für den Besuch des deutschen Kaisers im Jahre 1898. Auf dem Wege begegneten wir einem arabischen Hochzeitszuge. Der Bräutigam ritt voran, umgeben von Männern und Jünglingen zu Fuß, von denen einige von Zeit zu Zeit Freudenschüsse abgaben. Die Braut folgte ebenfalls zu Pferd, dicht verschleiert und von zahl¬ reichen Frauen, in den buntesten Kleidern angetan, gefolgt. Die Tracht dieser Frauen erinnerte mich ein wenig an die der kroatischen Bäuerinnen im Sonntags¬ staate. Besonders tragen jene wie diese kurze Jacken in den lebhaftesten Farben gestickt. Auf dem Kopfe tragen die Frauen aus der Um¬ gebung Jerusalems gewöhnlich eine dicke Wulst, welche aus großen türkischen Münzen aus sehr schlechtem Silber besteht, „Beschlik" genannt, welche einen Wert von etwas über einen halben Franks jedes hat. Dieser Kopfschmuck, von dem man sagt, daß er die ganze Mitgift der Frau 48 darstelle, muß furchtbar schwer und unbequem zu tragen sein. Trotzdem sah ich Frauen damit in der größten Sonnenhitze auf den Feldern arbeiten und sah ganz kleine Mädchen schon damit Herumlaufen. Am Nachmittage beschloß ich, dem katholischen Patriarchen von Jerusalem, für den ich zwei Empfeh¬ lungsschreiben hatte, meine Aufwartung zu machen. Das Patriarchal-Palais ist ein schönes, mächtiges Ge¬ bäude mit geräumigem Hofe und breiter Treppe. Ein Kawaß empfing mich und ging mich Seiner Exzellenz anmelden. Ich mußte eine Weile warten, dann erschien der Patriarch. Er ist eine hohe imponierende Erschei¬ nung, ganz der Typus des italienischen Kirchenfürsten aus vornehmer Familie, von dem er auch die feinen Manieren und die große Liebenswürdigkeit besitzt. Wir ließen uns in seinem Thronsaal nieder, der Kawaß brachte den im Orient obligaten Kaffee und Zigaretten und wir plauderten ein halbes Stündchen auf das an¬ genehmste und interessanteste. Von dort zog es mich mächtig wieder zur Grabes- kirche hin, die auf jeden Christen stets einen unend¬ lichen Zauber ausübt. Es war der Palmsonntag der Griechen, viele Menschen drängten sich zu den heiligen Stätten und wie immer, rührte mich diese Atmosphäre von Frömmigkeit und gläubiger Hingebung auf das tiefste. Heute ging ich früher nach Hause, weil ich mich für meine Andacht vorbereiten wollte, die ich am nächsten Tage am Heiligen Grabe zu verrichten vorhatte. 49 2 5. April. Dieser Tag war der wichtigste und zugleich der freudigste meiner ganzen Reise! Bei der 5 Uhr-Messe sollte ich am Heiligen Grabe die heilige Kommunion empfangen und so begab ich mich denn schon um 41/2 Uhr auf den Weg. Zwar hatte ich bereits viermal die Grabeskirche besucht, aber gewöhn¬ lich in Gesellschaft, und das Labyrinth der Straßen Jerusalems, die zu dieser frühen Tagesstunde ein ver¬ schiedenes Aussehen hatten, verwirrte mich derart, daß ich meinen Weg nicht finden konnte und ohne der Hilfe von zwei bekannten Herren, denen ich zufällig begegnete, niemals zu meinem Ziele gelangt wäre. Trotz der frühen Tagesstunde war das Heilige Grab schon von Gläubigen umlagert. In der Grabkapelle können Lateiner, Griechen und Armenier Messe lesen, damit jedoch keine Unordnung entstehe, vereinigen sich jeden Abend die Kirchendiener dieser drei Hauptreligionen und bestimmen die Gottes¬ dienstordnung für den folgenden Tag. Den Katholiken fallen gewöhnlich die ersten Morgenstunden zu, vom Augenblick an, wo die türkische Wache die Kirche öffnet. In der Nacht, das ist nach Sonnenuntergang, wird die Eingangspforte nur unter ganz besonderen Umständen geöffnet und bedarf es großer Protektion und eines großen Bakschisch, um es zu erreichen. Die Grabkapelle ist so klein, daß, wenn ein Priester darin die heilige Messe liest, außer dem Ministranten niemand darin Platz hat. Die Andächtigen drängen sich in die ebenfalls ganz kleine Engelskapelle, so genannt, 4 50 weil es der Raum ist, wo Maria Magdalena nach der Auferstehung den Engel sitzen sah, „dessen Anblick war wie der Blitz und dessen Gewand weiß wie der Schnee". Von dieser Kapelle zur Grabeskapelle führt eine kleine Türöffnung, so niedrig, daß man nur ganz tief¬ gebeugt durch dieselbe schreiten kann. Vor dieser Öffnung nun knieten wir alle, die wir Christum im heiligen Sakramente zu empfangen wünschten, und bei der Kom¬ munion empfingen wir nach der Reihe durch diese niedere Pforte den Leib unseres Heilandes aus der Hand des Priesters. Diesen Augenblick wird wohl nie¬ mand vergessen können! Um 8 Uhr holte uns ein Wagen ab, um nach Ain Karim oder „St. Johann im Gebirge" zu fahren. Es ist dies die Heimat des heiligen Johannes des Täufers und besaßen seine Eltern dort zwei Häuser, eines in der Stadt, woselbst Johannes das Licht der Welt er¬ blickte, und ein Weingartenhaus im Westen der Stadt, wo sich Elisabeth laut Evangelium Luk. 1, 24 durch die erste Zeit ihrer Schwangerschaft verborgen hielt. Dort empfing sie auch den Besuch ihrer Base, der heiligen Jungfrau Maria. Vor allem gingen wir in die Kirche des heiligen Johannes des Täufers im Osten des Städtchens, in der die Stelle verehrt wird, wo der Vorläufer Christi ge¬ boren wurde. Diese Kirche, die den Franziskanern gehört, stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, aber bereits im 5. Jahrhundert waren schon eine Kirche und ein Kloster dort gestanden. Dann besuchten wir die Niederlassung der „Dames de Sion", die sich in einem Garten voll Blumen und 51 blühenden Orangenbäumen befindet. Es wurde uns das kleine Häuschen und das Zimmer gezeigt, in dem der Pare Alphonse Marie Ratisbonne sein frommes Leben beschloß. Mit tiefer Rührung erzählte uns die ehrwürdige Mutter, die uns führte, welche ihn gekannt und seinen letzten Stunden beigewohnt hatte, von seinem Dahin¬ scheiden im Jahre 1884. Von jüdischer Abstammung, hatte er sich infolge einer Erscheinung der Gottesmutter im Jahre 1842 zum Katholizismus bekehrt und sich aus¬ schließlich der Bekehrung seiner früheren Glaubens¬ genossen, der Juden, gewidmet, zu welchem Zwecke er auch den Orden von Notre Dame de Sion gründete. Wir besuchten auch sein Grab und hinter dem Kloster verweilten wir aus einer von alten Bäumen beschatteten Terrasse, von welcher man eine wunderschöne Aussicht hat in das Terebinthental gegen die Wüste zu, wo der heilige Johannes gelebt und sich auf seine Mission als Vorläufer des Messias vorbereitet hat. Die Legende sagt, daß zur Zeit, als Herodes alle Kinder bis zum zweiten Jahre ermorden ließ und der heilige Josef das Christkindlein und dessen Mutter nach Ägypten entführte, sich Elisabeth mit ihrem Sohne in die Wüste geflüchtet hatte. Nach Herodes Tode wurde der Heiland nach Nazareth zurückgebracht, Johannes aber blieb in der Wüste und lebte dort in Entbehrungen und Kasteiungen, bis die Zeit kam, wo er die Wege des Herrn vorzubereiten hatte. Gegenüber des Klosters von Notre Dame de Sion, am westlichen Abhange des Städtchens, liegt das Kirch¬ lein der Heimsuchung Mariens, auch Magnifikat-Kapelle 4* SZ genannt, an der Stelle, wo das Landhaus Zachariens gestanden und wo sich Elisabeth aufhielt, als Maria sie besuchen kam. Dazwischen im Tale fließt die sogenannte Marienquelle. Dort wurden wir von einer Schar von Kindern umringt, die uns anbettelte: „Bakschisch, Bak- schich, Hajdi!" riefen sie, das erinnerte mich, daß wir nun, wo wir Pilger zu den heiligen Stätten waren, bei den Christen des Orients den Titel „Hajdi", das ist „Heilige", erworben hatten. Das ganze Ain Karim ist eine Idylle, gewisser¬ maßen eine Oase im steinigen unwirtlichen Judäa. Gegen Mittag kehrten wir nach Jerusalem zurück und fuhren direkt zum österreichischen Hospiz, wo uns der liebenswürdige Herr Rektor, Prälat Dr. Ehrlich, zum Essen eingeladen hatte. Die Pilger waren bereits alle abgereist und so speisten wir denn in ganz kleinem Kreise und genossen ungemein die liebenswürdige Gesellschaft und die vor¬ zügliche österreichische Küche. Am Nachmittage um 2V2 Uhr holte uns wieder ein Wagen ab zu dem Ausfluge nach Bethlehem. Auf dem Wege besuchten wir das Spital des Malteser-Ordens in Tantur, welches von überaus freundlichen barmherzigen Brüdern aus Österreich geleitet wird. Dann fuhren wir an dem von Sir Moses Montefiore restaurierten Grabmal Rachels vorüber. Die Stadt Bethlehem liegt an einem steilen Abhange und hat man von überall eine schöne Aussicht gegen Osten. Es leben darin fast ausschließlich Christen, unter denen die Katholiken hier in der Mehr¬ zahl sind. Trotzdem haben die Griechen im Jahre 1757 die „Kirche der Geburt Christi" oder „Marienkirche" 53 durch Bestechung der Türken ganz an sich gerissen. Diese von Kaiser Konstantin und Kaiserin Helena vor 326 gebaute prachtvolle Basilika ist die einzige in ganz Palä¬ stina, die aus dieser Zeit fast tadellos erhalten ist. Der Anblick dieser über 57 Meter langen, fünfschiffigen 'Kirche und ihrer 44 Marmorsäulen mit korinthischen Kapitälen müßte imposant sein, hätten nicht die Griechen mit einem unbegreiflichen Mangel an Schönheitssinn im Jahre 1842 mitten in der Kirche eine Querwand aus¬ geführt, welche dieselbe in zwei Teile teilt und die ganze Wirkung des herrlichen Raumes verdirbt. An den Wänden sind noch bedeutende Spuren von byzantinischen Mosaiken vorhanden. An der Fassadenseite der Basilika ist ein Vorraum oder Narthex, in welchem man einst von außen durch eine mächtige Pforte trat. Jetzt ist diese Pforte ver¬ mauert und nur eine ganz kleine niedere Öffnung ist darin gelassen worden, durch die ein Erwachsener nur gebückt eintreten kann. Dies ist fetzt der Haupteingang von außen in die Basilika! Der Grund dieser Verkleine¬ rung des Einganges ist, in diesem Lande, wo Christen¬ verfolgungen Periodisch wiederkehren, das plötzliche Heranströmen von Truppen oder feindlichen Volksmassen zu erschweren und die in der Kirche befindlichen Christen in den Stand zu setzen, sich durch rasches Schließen der kleinen Pforte gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Die Grotte der Geburt Christi befindet sich gerade unter dem Hochaltar der griechischen Basilika. Nachdem die Katholiken durch die Tücke der Griechen aus der Marienkirche hinausgedrängt wurden, haben die Fran¬ ziskaner im Jahre 1882 anstoßend an dieselbe die 54 hübsche St. Katharinenkirche im Barockstil erbaut, wozu Seine Majestät unser Kaiser auf die großmütigste Weise beigesteuert hat. Von dieser Franziskanerkirche kann man jedoch auch nicht direkt in die Geburtsgrotte hinunter gelangen. Daß die Geburtsstätte eine Grotte ist, steht durchaus nicht im Widerspruche mit dem Evangelium Lukas 2, welches einen Stall als Geburtsort des Hei¬ landes annehmen läßt, denn in Palästina, wo das Ge¬ birge so reich an natürlichen Grotten und Höhlen ist, werden dieselben gewöhnlich als billiger, natürlicher Unterkunftsort für das Vieh benützt. Dies scheint nun hier der Fall gewesen zu sein, was nicht hindert, daß ein Gebäude vor dieser Grotte angebaut gewesen sein mag, wie es jetzt noch bei vielen Stallungen und Wohn¬ gebäuden der Fall ist. An der Stelle, wo der Heiland das Licht der Welt erblickte und vor welcher wir niederknieten, um unsere Andacht zu verrichten, ist auf dem Marmorboden ein vergoldeter Stern angebracht mit folgender Inschrift: „Hio äs Vii'K'inc- Maria ässus Ollristus natus — 1717." Aus Haß gegen die lateinischen Katholiken hatten die Griechen Mitte des 19. Jahrhunderts diese Inschrift von der Geburtsstelle entfernt, jedoch bewog die fran¬ zösische Regierung den Sultan Abdul Medjid, den Be¬ fehl zu erlassen, daß dieselbe wieder an Ort und Stelle angebracht werden müsse. Das Pilgerhaus „Oasa nova" der Franziskaner steht vor der Katharinenkirche. Wir wurden dort mit Wein und Brot gelabt, aber sämtliche Mönche waren in der Kirche, so daß ich keinen zu sehen bekam. Vom Dache SS des Franziskanerklosters genießt man eine wunderschöne Aussicht auf Bethlehem und Umgebung. Ich ließ mir aus der Entfernung das sogenannte „Feld der Hirten" zeigen, wo in der ersten Christnacht die Engel den Hirten die Geburt des Heilandes verkündeten. Unweit der Geburtskirche befindet sich die so¬ genannte Milchgrotte, welche jeden Gläubigen mit inniger Rührung erfüllen muß. Es ist ein unregel¬ mäßiger, in den Fels gegrabener Raum, dessen Wölbung und Wände aus einer in Wasser sehr leicht löslichen Kreide bestehen. Dieser Raum ist ein Heiligtum, welches nicht nur von allen christlichen Riten, sondern auch von den Mohammedanern hoch verehrt wird. Die Legenden, die sich an diese Kapelle knüpfen, sind zahlreich. Es heißt, die heilige Mutter Gottes habe sich darin aufgehalten und in derselben das Jesuskind gestillt. Deshalb widmen die jungen Mütter aller Kon¬ fessionen diesem Heiligtume die größte Verehrung und nehmen bei Krankheitsfällen ein wenig von diesem kreide¬ ähnlichen Gestein und lösen es im Wasser auf, was eine milchähnliche Flüssigkeit gibt, die, eingenommen, von wundertätiger Wirkung sein soll. Jetzt wollten wir die verschiedenen Läden besuchen mit hübschen Devotionalien, deren in Bethlehem eine ganze Menge verfertigt werden. Bemerkenswert sind die Skulpturen in Perlmutter und stammen alle dergleichen Gegenstände, welche in Jerusalem verkauft werden, aus Bethlehem. Nachdem meine beiden Reisebegleiter am nächsten Morgen in der Geburtskapelle die heilige Messe lesen 56 wollten, blieben sie zurück und ich fuhr allein nach Hause. Auf dem Heimwege stieg in Tantur der Herr Rektor Dr. Ehrlich in meinen Wagen und als ich während der Fahrt gesprächsweise erwähnte, wie leid es mir tue, nicht in unserem Hospiz Wohnung gefunden zu haben, for¬ derte er mich in liebenswürdigster Weise auf, jetzt, wo die Pilger abgereist seien und das österreichische Heim wieder vollständig geputzt und in Ordnung sei, für die noch übrigen Tage meines Aufenthaltes in Jerusalem zu ihm zu ziehen. Ich nahm diese Aufforderung mit Enthusiasmus an und beschloß, sofort am folgenden Tage unsere Über¬ siedlung zu bewerkstelligen. Dieser Tag war der interessanteste, aber auch viel¬ leicht der ermüdenste meiner ganzen Reise gewesen. Ich habe immer gesunden, daß große körperliche Anstren¬ gungen weniger ermüden als mäßige Anstrengungen mit seelischen Emotionen verbunden und vieles Interessante sehen, viele neue Eindrücke aufnehmen, die größte Ab¬ spannung hervorruft. 2 6. April. Nach der heiligen Messe in der Kapelle des Sankt Paul-Hospiz wanderte ich wieder in die Grabeskirche, die eine stete unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich ausübt. Dann machte ich einige Einkäufe, wobei ich einen kleinen armenischen Antiquitätenhändler entdeckte, der viel Hübsches und Interessantes sowie billige Preise hat. Nachdem wir unsere letzte Mahlzeit im deutschen Hospiz eingenommen hatten, siedelten wir hinüber ins 57 österreichische Pilgerhaus, wo wir mit viel Herzlichkeit empfangen wurden. Es ist dort so heimlich und gemüt¬ lich, man hat dort wirklich das Gefühl der Heimat. Im Laufe des Nachmittags besuchten wir den Ezechiasteich. Es ist ein sehr großes viereckiges Bassin, gefüllt mit schmutzigem Wasser, mitten im belebtesten Stadtteil, ganz von arabischen Gebäuden umgeben und er steckt so in den Häusern, daß man ihn gar nicht findet, wenn man nicht hingeführt wird. Wir mußten in ein kleines türkisches Kaffeehaus eintreten, von dessen inneren Fenstern man auf den „Teich" blickt, der einen höchst malerischen Anblick bietet. Das Wasser desselben soll zum Bespritzen der Straßen Jerusalems dienen. Dann bummelten wir noch herum, kauften Ansichts¬ karten und machten noch einige Besorgungen. 2 7. A p r i l. Für diesen Tag trennte ich mich von meinem Be¬ gleiter, der El-Kuböbß (Emaus) besuchen wollte, wäh¬ rend es mich zum Besuche des Klosters Mar-Saba zog. Um 8 Uhr morgens brachen wir auf. Der Herr Vizerektor des Hospizes war so freundlich, mich auf meiner Expedition zu begleiten. Der Weg ist unfahrbar, Pferde konnten wir an diesem Tage keine bekommen, doch wurde mir die Mauleselin des Hospizes „Zariffa" angeboten und der Herr Vizerektor sowie der Kawaß Ali, der uns führte, ritten auf Eseln. Die ganze Partie war eine recht anstrengende. Der Ritt bis Mar-Saba nimmt gute drei Stunden in 58 Anspruch, der Tag war der wärmste, den wir bisher in Palästina erlebt hatten. Die südliche Aprilsonne brannte, weit und breit war nur Fels und kümmerliche Weide zu sehen, kein einziger Baum. Der Weg führt immer längs des gänzlich ausgetrockneten Kidronbaches, immer bergab, denn er hat die Richtung des Toten Meeres. Von der wilden Einförmigkeit dieses trostlosen Tales macht man sich schwer einen Begriff. Ab und zu sieht man auf den Bergen Heerden schwarzer Ziegen mit Hirten, die wie Banditen aussehen, und sonst gar nichts. Die Tiere sind nur schwer zu einem Trab zu bewegen und dann sind ihre Bewegungen so stoßend und er¬ müdend, daß man sie gerne bald wieder Schritt gehen läßt. Dadurch, daß wir immer tiefer gelangen, wird es auch stets wärmer, die Mittagsstunde nähert sich, die Sonne brennt und noch keine Spur von Mar-Saba. Endlich öffnet sich zu unserer Linken eine tiefe felsige Schlucht, deren riesige, abgrundhohe Kalkstein¬ wände tiefe Löcher und Höhlen zeigen, welche einst von Anachoreten bewohnt waren. Gegenwärtig ist das fromme Völkchen, welches einst dort in Gottesfurcht von Entbehrungen und Kasteiungen lebte, verschwunden und nur Raubvögel, Schakale und Hyänen nisten in diesen verlassenen Felsen. Wenn auch die Gegend von da an nicht lieblicher geworden ist, sie ist doch hochinteressant, so daß wir Hitze und Hunger vergessen und die letzte halbe Stunde unseres Rittes rasch vergeht. Und jetzt, fast unvermittelt, stehen wir vor dem Eingänge des Klosters, welches am Abhange der Schlucht gebaut ist und an dessen oberstem Rande wir uns 59 befinden. Von oben sieht es mit seinen zwei mächtigen Türmen wie eine mittelalterliche Festung aus. Die Pforte ist geschlossen und keine lebende Seele zeigt sich, alles ist wie ausgestorben. Doch endlich, nach wiederholtem Klopfen, öffnet sich die kleine Pforte und wir werden eingelassen. Ein Mann im Mönchsgewande führt uns in einen größeren Raum, ganz von türkischen Divans umgeben, wo mich alles lebhaft an die Athosklöster er¬ innert, nur daß man dort aus den Fenstern und Bal- konen in eine herrliche paradiesische Vegetation blickt, mit dem blauen Meere im Hintergründe, wogegen hier nur felsige Abhänge und das trockene Bett des Kidron uns entgegenstarrt. Dieses Kloster vom heiligen Sabas, um das Jahr 500 gegründet, hatte oft Feindseligkeiten und Belagerungen von feiten der Araber zu bestehen, weshalb ihm auch das festungsartige Aussehen gegeben wurde. Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht hatten, unternahmen wir eine Wanderung durch das ganze Kloster. Es ist ein Auf- und Absteigen über Stiegen und Gänge, ein solches Durcheinander von Kapellen, Höfen, Wohnungen der Mönche und Gärten am Felsen¬ abhange, daß man sich nur schwer darin zurechtfinden kann. Zuerst besuchten wir eine Kapelle, in der der Leichnam des heiligen Sabas beigesetzt war, bevor er nach Venedig übertragen wurde, dann die Grotte, in der der heilige Mann über fünfzig Jahre gelebt hat, dann die Kapelle des heiligen Johannes Damascenus, neben welcher sich die Grotte befindet, in welcher er gewohnt hat und begraben wurde, bevor sein Körper nach Moskau gebracht wurde, dann die Kirche des 60 Klosters und die Kapelle des heiligen Nikolaus, welche sehr alte und interessante Heiligenbilder (Ikone) enthält, schließlich stiegen wir Lis zur Talsohle hinunter, um einen Überblick über das ganze Felsenkloster zu haben. Mitten in diesem Konglomerat von unzusammen¬ hängendem Mauerwerk ragt ein grüner Palmenwedel empor, in dieser dürren, baumlosen Gegend weit und breit der einzige seiner Art. Dies ist die wunderbare Palme, die der heilige Abt Sabas selbst gepflanzt haben soll. Stirbt sie, so wächst sofort eine neue aus der Wurzel der alten heraus und das Merkwürdigste an diesem Baume ist, daß er Datteln trägt, welche keinen Kern haben. Ich hatte schon davon gehört, wollte nicht recht daran glauben und ließ mir von den Mönchen dort einige dieser Datteln geben und in der Tat, sie waren alle ohne Kern, innen ganz leer! Wir hatten wohlweislich Proviant mitgenommen, denn die armen Mönche leben unglaublich frugal und außer scharzem Kaffee, Wein, Zisternenwasser und höch¬ stens etwas hartes Brot hätten sie wohl nichts bieten können. Unsere „kalte Küche" aus dem Hospiz mundete nun köstlich und die behagliche Ruhe im kühlen Divan¬ zimmer des Klosters tat uns ungemein wohl. Die Mönche des Klosters, mit welchen wir in Be¬ rührung kamen, fanden wir, nachdem sie die erste Scheu überwunden hatten, von einer fast naiv-kindlichen Liebenswürdigkeit. Es sind magere, aszetische Gestalten mit schwarzem Barte und gelber Gesichtsfarbe. Sie sollen besonders gütig gegen Tiere sein. Schon die Legende erzählt von einem zahmen Löwen, der die Einsamkeit des heiligen Sabas durch viele Jahre teilte. Die Amseln 61 des heiligen Sabas werden heute noch dort gefüttert und selbst gegen Wölfe und Schakale sind die guten Mönche voll Erbarmen. Heiß und endlos war der Rückweg und noch müh¬ samer als der Hinweg, denn es ging nun bergauf. Es hatte sich uns ein holländischer Priester angeschlossen, den wir in Mar-Saba getroffen hatten. Wir waren froh, als wir den Russenturm und die ersten Häuser Jerusa¬ lems erblickten. Nachdem wir gerade daran vorbeiritten und ich sie noch nicht gesehen hatte, besuchte ich noch die „Todesangst-Grotte", in welcher Christus zweifellos am Vorabende seines Kreuztodes geweilt hat. Dann hielt ich mich einen Augenblick in der mir so sympathischen Marien-Grabeskirche auf und kamen wir gerade zum Abendessen ins österreichische Hospiz zurück. Die Abende brachten wir zum Teil auf der Ter¬ rasse am Dache des Hospizes zu, von wo die Aussicht über Jerusalem sehr schön ist, oder im großen gemüt¬ lichen Salon rauchend und plaudernd, in bequemen Lehn¬ stühlen sitzend. Es fällt niemandem ein, nach dem Abend¬ essen noch ausgehen zu wollen und um 9 Uhr ist jeder schon froh, nach den Strapazen des Tages sein Nacht¬ lager aufzusuchen. 2 8. April. Unser letzter Tag in Jerusalem. Ich machte meinen Abschiedsbesuch beim Patri¬ archen, holte mir bei der Banque Ottomane das Nötige zur Weiterreise und besuchte die Grabeskirche. 62 Nachmittags zog die Nebi Musa-Prozession, vom Mosesheiligtume in der Gegend des Toten Meeres heimkehrend, am Hospiz vorüber, so daß wir sie bequem vom hochgelegenen Garten übersehen konnten. Es war ein recht wildes Schauspiel: Türken und Araber zu Pferd und zu Fuß mit zahlreichen Fahnen zogen gruppenweise einher, dann kam wieder eine Bande, die sich wie die heulenden Derwische benahm. Einer stellte sich in die Mitte und führte einen wilden Tanz auf mit allen möglichen Kontorstonen, die anderen stellten sich im Kreis um ihn, klopften in die Hände und heulten rhythmisch dazu, dann gingen sie weiter und kam eine Blechmusikbande und Militär und so defilierten sie ein paar Stunden lang vor uns. Der Tag war recht warm geworden, die Leute schwitzten gewaltig, doch dies schien ihren Fanatismus und Glaubenseifer nur noch zu ver¬ mehren. Im Laufe des Nachmittags wollten wir die abessi¬ nische Kathedrale besuchen, sanden sie aber leider ge¬ schlossen. Die Abessinier, die ich in Jerusalem sah, machten auf mich einen sehr guten Eindruck. In der Grabeskirche zeichneten sie sich stets aus durch ihr frommes, weihevolles Benehmen. Sie sind zumeist sehr groß und ungemein schlank, ihre pechschwarzen Gesichter haben sehr feine regelmäßige Züge. In weiße Woll¬ gewänder gehüllt, gehen sie schweigsam und fast teil¬ nahmslos ihrer Wege. Wir durchschritten die russische Kolonie, welche im Nordwesten von Jerusalem einen großen Stadtteil für sich bildet. Er schließt in sich die russische Kathedrale, zwei Pilgerhäuser für Männer und eines für Frauen, 63 welche zusammen über 3000 Pilger fassen können, ein Spital, das russische Generalkonsulat usw., alles dies steht in den Gartenanlagen und ist von einer Mauer mit Gitter umgeben. Außerdem haben die Russen noch im Innern von Jerusalem, unweit der Basilika vom Heiligen Grabe, eine große Kirche, welche von nüchterner Häßlich¬ keit ist. In den unterirdischen Lokalitäten derselben befinden sich bedeutende Überreste der alten Stadtmauer aus der Zeit Christi und eines Stadttores, welche einen neuerlichen Beweis liefern, daß die Orte, welche von jeher als das Heilige Grab und als Golgotha verehrt werden, wirklich zur damaligen Zeit außerhalb der Stadtmauer gelegen waren. Wir wohnten noch dem Segen bei den „Repara- trices" bei und besuchten dann ihr Verkaufslokale, wo allerlei fromme Andenken, zumeist im Kloster selbst ver¬ fertigt, verkauft werden. Die Schwestern, die uns dort empfingen, waren ganz charmante, ungemein distin¬ guierte Damen. Wir kauften eine Menge für die Freunde daheim. Nun wollten wir zum letztenmal die Grabeskirche besuchen. Wir legten alle die gekauften Devotionalien auf die heiligen Stätten, ihnen dadurch die gehörige Weihe verleihend, besuchten noch alle die uns so lieb gewordenen Punkte der weiten Basilika und dann hieß es scheiden, jedoch mit dem innigen Wunsche, wieder¬ zukehren. Am Abend nach dem Essen sahen wir vom Balkon des Hospizes den schönen Feuerwerken zu, welche zu Ehren der Rückkehr der Nebi Musa-Prozession ab¬ gebrannt wurden. 64 2 9. A P r i l. Ich wohnte noch der heiligen Messe in der hübschen Hospizkapelle bei und um 7 Uhr kam der Wagen, der uns nach Haifa führen sollte. Es war eine Art primitiv-offener Ollur L dkMW mit einem festen Dache gegen die Sonne. Der verlangte Preis für diese Fahrt war zwar ein sehr hoher, aber die Pferde waren gut und der Kutscher, der leider nur arabisch sprach, hatte sich verpflichtet, uns in zwei Tagen nach Haifa zu bringen mit einmaligem Übernachten in Naplus. Ungern schied ich vom österreichischen Hospiz und den lieben Menschen darin. Das Haus ist so hübsch, bequem und behaglich, so angenehm gelegen, der hoch¬ würdige Herr Rektor sorgt wie ein Vater für alle die Pilger, die sich ihm anvertrauen, die Frauen, welche die Bedienung besorgen, sind gute fromme Österreicherinnen. Küche und Wirtschaft sind den Schwestern Boromäe- rinnen anvertraut und die Schwester Köchin, obwohl eine Norddeutsche, hat sich so die österreichische Kochart angewöhnt, daß es einen förmlich anheimelt. Der Herr Prälat Ehrlich zeigte mir das ganze Etablissement bis in das kleinste Detail: Küche, Keller¬ räume, die großen Zisternen für Trink- und Nutzwasser, den Blumen- und den Gemüsegarten, das Nebenhaus, wo die Schwestern wohnen, das Geflügel, die Vorrats¬ kammern, den Schweinestall, alles sah ich an und konnte mich überzeugen, mit wieviel Umsicht und prak¬ tischem Sinn alles eingerichtet ist. Ich glaube kaum, daß man irgendwo in ganz Jerusalem so gut aufgehoben ist, als im österreichischen Hospiz! 65 Leider, wie bei allen österreichischen Unterneh¬ mungen im Auslande, fehlt es auch da an Mitteln, um das Unternehmen sich gehörig entwickeln zu lassen und in der Heimat mangelt es an Verständnis und Interesse für dergleichen Institute, besonders wenn sie einen reli¬ giösen Anstrich haben. Dem sollte aber nicht so sein, da ja, abgesehen vom religiösen und charitativen Zwecke, eine solche Anstalt das Ansehen Österreichs im Orient im höchsten Grade zu heben geeignet ist. Das österreichische Hospiz, welches durch die Almosen aus ganz Österreich gegründet wurde, ist die älteste und beste derartige Anstalt in Jerusalem, sie ist aber auch das einzige österreichische Institut in Jerusalem. Was ist jedoch dieses kleine Pilgerhaus neben den Riesen¬ gebäuden, die Rußland, Frankreich und in neuester Zeit Deutschland zur Aufnahme von Pilgern errichtet haben? Das freimaurerische Frankreich, die politische Wich¬ tigkeit der katholischen Missionen erkennend, hat trotz der Kirchenverfolgung im Innern das Protektorat der Katholiken im Oriente keineswegs aufgegeben, sondern läßt ihnen ihren Schutz im Auslande nach wie vor an¬ gedeihen. Die antiklerikale italienische Regierung entwickelt im Oriente die größte Tätigkeit und hat längst die italienischen Missionen als die Pioniere italienischer Politik und Kultur anerkannt. Die zahlreichen Fran¬ ziskaner, Salesianer und anderen Ordens- und Welt¬ geistlichen italienischer Nationalität, wenn sie auch nicht mit der jeweiligen Richtung und dem Geiste ihrer s 66 Regierung einverstanden sind, im Grunde bleiben sie doch immer Italiener, sie wirken und arbeiten im Interesse ihrer Nation und finden bei ihrer Regierung die kräf¬ tigste ausgiebigste Unterstützung. Das protestantische England besitzt in Jerusalem zahlreiche Missionen, Schulen und Spitäler. Von den großartigen Besitzungen der schismatischen Russen haben wir bereits oben gesprochen, ebenso wie von der mäch¬ tigen Position der Griechen, welche, durch russische Macht und russische Gelder unterstützt, darnach trachten, die katholische Religion in Palästina immer mehr zu ver¬ drängen. Und das katholische Österreich, welches seiner Tra¬ dition und geographischen Lage nach berufen wäre, im Oriente eine führende Rolle zu spielen, welcher ist sein Besitzstand in Jerusalem? Einzig und allein das Pilger¬ haus, welches im Falle der Not kaum 100 Pilger fassen kann! Wenn doch wenigstens die Mittel aufgebracht wür¬ den, um auf dasselbe einen zweiten Stock aufzubauen, damit die österreichischen Pilger in ihrem eigenen Heim Platz finden und bequemer und zahlreicher untergebracht werden könnten! „Vergeß ich dein, Jerusalem, So werde meine Rechte vergessen. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, Wenn ich dein nicht gedenke!" An diesen Psalm dachte ich, als ich auf der Damas¬ kusstraße gegen Naplus dahinfuhr. 67 Es war ein schöner, Heller Frühjahrsmorgen und das rasche Dahinfahren im Sonnenschein gegen das grüne Galiläa, die Erwartung des vielen Schönen, was uns noch bevorstand, machte den Abschied von der heiligen Stadt ein bißchen weniger schwer. Je mehr wir uns von Jerusalem entfernten, desto lieblicher und fruchtbarer wurde die Gegend. Zuerst ließen wir Rama rechts liegen, dann Bethel, wo Jakob im Traume die Leiter erblickte, die zum Himmel reichte, und wo der Prophet Elisäus von den bösen Knaben ver¬ spottet wurde. Die Gegend erinnerte mich dort an ein Tal in Unterkrain. Bei einem arabischen Khan hielten wir Mittagsrast und fuhren dann wieder weiter durch endlose Gerstenfelder, in ganz unbewohnter Gegend. Selten erblickten wir ein lebendes Wesen, nur ab und zu sprengte ein Reiter an uns vorüber in reichem, buntem arabischen Kostüm, die Büchse auf der Schulter, auf einem hübschen Pferde, reich gezäunt und behangen mit Schnüren und bunten, zumeist roten Troddeln. Endlich gegen 4 Uhr erblickten wir den Berg G a ri z im und hielten wir beim Jakobsbrunnen, wo Christus das Ge¬ spräch mit der Samariterin hatte. Vom vierten Jahrhundert an ist immer dort eine Kirche gestanden, deren Krypta den Brunnen in sich schloß. Jetzt ist über den Brunnen nur mehr eine einfache Wölbung, die als Kapelle dient, und herum sieht man die Ruinen der Kirche, welche im Laufe der Jahrhunderte oft zerstört und wieder aufgebaut wurde. Seit dem vorigen Jahrhundert sind die Griechen die Eigentümer dieses Heiligtums. 5* 68 Naplus liegt eingezwängt zwischen den Bergen Hebal und Garizim, ungefähr an der Stelle des alten Sichem, welches seinerzeit die Hochburg der Sekte der Samariter war. Diese wurden im Laufe der Jahre teils von den Römern getötet und zerstreut, teils traten sie zum Christentum oder zum Islam über, so daß gegen¬ wärtig nur mehr ungefähr 200 Samariter existieren, welche in Naplus eine Synagoge besitzen, in der sie ein uraltes Exemplar des Pentateuch aufbewahren. Im übrigen zählt Naplus 25.000 Einwohner, fast ausschließlich Mohammedaner. Wir ließen uns direkt zum katholischen Pfarrer führen, der eine kleine Herberge für Pilger hält. Er ist ein Dalmatiner und heißt Don Giorgio Golubovw. Eine ehrwürdige Erscheinung mit weißem Barte, emp¬ fing er uns sehr freundlich und wies uns zwei nette, reinliche Zimmer an. Wir wünschten sofort einen Rund¬ gang durch die Stadt zu machen und baten um einen Führer. Als solcher wurde uns ein unglaublich zer¬ lumpter, alter Mann mitgegeben, der kaum ein paar Worte italienisch verstand. Zuerst wollten wir die Sama¬ riter besuchen und ihren Pentateuch sehen, aber wegen des Passach-Festes waren si,e alle mit Weib und Kind auf den Gipfel des Berges Garizim gezogen und hatten das wertvolle heilige Manuskript mitgenommen. Dann wurden wir zur Wasserleitung der aus den Abhängen des Garizims hervorsprudelnden reichen Quellen geführt. Von dort aus hatten wir einen schönen Überblick über die Stadt, welche höchst romantisch liegt und, dank des großen Wasserreichtums, förmlich in einem Dickicht 69 üppigster Vegetation steckt. Welch ein Unterschied mit Jerusalem, wo es ja nur Zisternen gibt und ein Glas Wasser saft kostbarer ist als ein Glas Wein! Die Stadt, die unendlich malerisch ist und die einen ziemlich regen Handels- und Jndustrieverkehr hat, besitzt mehrere Seifenfabriken, aber ungeachtet dieses Reichtums an Seife und Wasser habe ich niemals eine schmutzigere Stadt gesehen. Trotzdem machten wir mit Todesverachtung unseren Rundgang weiter. In den Bazars, wo es übrigens nichts Interessantes gab, spottete der Schmutz auf den Straßen jeder Beschreibung. Die Moscheen durften wir nicht betreten, weil das Volk hier sehr fanatisch ist und wurden wir auch mit feindseligen Blicken verfolgt. Die große Moschee, in der ehemaligen St. Johanneskirche eingebaut, besitzt ein Portal, welches ganz ähnlich ist mit dem der Grabeskirche zu Jerusalem. Zum Schlüsse besuchten wir das kleine Kloster der Schwestern vom heiligen Rosenkränze. Es sind deren drei, eine alte Oberin und zwei junge Schwestern. Sie sind alle eingeborene Araberinnen, sprechen aber gut französisch und halten eine Schule für die Töchter der wenigen katholischen Familien, welche hier vorhanden sind. Die armen Schwestern führen ein recht elendes Dasein. Ihre Wohnung besteht aus drei kleinen Zimmern, welche Licht und Luft nur aus einem ganz kleinen inneren Hofe beziehen. Darin müssen sie schlafen, arbeiten, kochen, leben! Außerdem haben sie noch einen Lehrsaal, wo nur 16 Mädchen Platz haben, und wenn sich mehr melden, können sie sie nicht aufnehmen. Auch finden die Eltern der Kinder oft, daß die Schule der armen Schwestern nicht hygienisch genug ist und alle diese 70 Mädchen werden mit offenen Armen in der englischen protestantischen Missionsschule ausgenommen, wo für die Hygiene des Körpers reichlich gesorgt ist. Im Pfarrhofe war inzwischen ein Wagen mit einem Amerikaner und einem englischen Ehepaar angekommen. Sie wollten durch den Pfarrer Reittiere für den fol¬ genden Tag nach Nazareth über Sebaste und Djenin besorgen lassen, doch da sie nur englisch sprachen, Don Giorgio nur italienisch, arabisch und französisch ver¬ steht, so wußte keiner, was der andere sagte. Da bot ich mich als Dolmetsch an, was die drei Touristen sehr er¬ freute, worauf mir der Amerikaner sagte: „Vielleicht könnten Sie uns alle drei in Ihrem Wagen mit¬ nehmen!" Diese echt amerikanische Unverfrorenheit ver¬ blüffte mich, doch schlug ich ihm sein Begehren rund¬ weg ab. Es begann Abend zu werden und der Garten des Pfarrers war voll Duft und Blumen. Mitten unter Gemüsen, blühenden Orangenbäumen und Rosensträu¬ chern war eine Art Rondeau, dessen Mittelpunkt ein Bassin mit einem kleinen Springbrunnen bildete, rings¬ herum standen Bänke. Dort ließen wir uns nieder, um die Ruhe und herrliche Abendluft zu genießen. Bald gesellte sich zu uns ein Beamter der Tabakregie, der ein Katholik ist, im Pfarrhofe wohnt und seine ganze freie Zeit dort zubringt. Der Pfarrer kam ab und zu mit uns zu plaudern. Da erschien die Oberin der Schwestern vom heiligen Rosenkranz mit ihren beiden jungen Schwestern, um hier die gute Luft zu genießen, welche ihnen in ihrer düsteren Wohnung versagt ist. Die Nichte des Pfarrers, ein kränkliches Mädchen aus Italien, welche auf Besuch 71 bei ihrem Onkel weilte, kam auch herbei und schließlich traten in den Garten zwei französische barmherzige Schwestern mit ihrer italienischen Oberin, welche ein neues Krankenhaus am Fuße des Hebal haben. Don Giorgio hatte offenbar seinen Empfang und die Spitzen der katholischen Gesellschaft von Naplus waren da ver¬ sammelt in diesem hübschen Gärtlein an der Peripherie einer fanatischen, rein mohammedanischen Stadt, in der ein Christenmassacre eine Möglichkeit ist, mit der man jederzeit rechnen muß! Trotzdem genossen diese frommen Seelen die Ruhe dieses schönen Abendes nach den Arbeiten des Tages mit echt christlicher Heiterkeit. Man saß um den kleinen Springbrunnen und plauderte mit naiver Sorglosigkeit und lachte über jeden Scherz. Am vorhergehenden Sonn¬ tage scheint Don Giorgio mit der ganzen Gesellschaft einen Ausflug auf Eseln unternommen zu haben, auch die arabische Oberin, die ungefähr 60 Jahre alt und ziem¬ lich beleibt ist, mußte mitreiten, sie stürzte jedoch und verletzte sich leicht am Arme. Darüber wurde sie nun geneckt und es gab Späße ohne Ende. Während des Ge¬ spräches hörte ich aus einiger Entfernung ein Geheul, welches wie das von kleinen Kindern klang. Man sagte mir, es seien Schakale, die auf den kahlen Abhängen des Berges Hebal Hausen. Die Dämmerung kam allmählich und die Besucher Don Giorgios empfahlen sich und kehrten heim. Inniges Mitleid empfand ich für die armen Schwestern, wenn ich an ihr elendes, trauriges Heim dachte, ohne Licht, ohne Aussicht, ohne Lust! Ich sprach mit dem Pfarrer davon. Er sagte mir, er wollte ihnen gerne eine 72 Behausung auf seinem Grund und Boden bauen lassen, doch bedürfe er dafür einer Summe von mindestens 5000 Franken und diese besitze er nicht. Fände sich doch ein Millionär, der diese Summe für die Herstellung einer anständigen Behausung für die armen Schwestern und eines geräumigen Schullokales widmen wollte! Er täte wohl ein sehr gutes Werk! Das Abendmahl, von einem Araber gekocht, war wider Erwarten wirklich sehr gut, die Engländer und der Amerikaner aßen mit uns. 3 0. April. Wir mußten um 4 Uhr von Naplus abfahren, damit wir noch an demselben Tage in Haifa eintreffen konnten. Es war noch dunkel und recht empfindlich kalt, doch nach Sonnenaufgang erwärmte sich rasch die Luft. Zuerst erblickten wir in der Entfernung zur rechten Seite Sebaste mit den Ruinen seines Augustustempels. Die Gegend, immer sehr fruchtbar, beginnt etwas monoton zu werden. Ungeheuere Flächen, mit Getreide spärlich be¬ baut, sonst nichts und fast keine Bevölkerung. Längs des Weges blühen prachtvolle rosa Malven in solcher Schön¬ heit, Größe und Menge, wie ich sie noch nirgends gesehen hatte. Ich bemerkte davon zwei verschiedene Gattungen, die Malva Sylvestris, welche auch bei uns vorkommt, nur ist sie hier viel größer und von leuchtenderer Farbe, und die sogenannte Stockrose (ross ti-smisrs), welche bei uns in Gärten blüht, hier aber überall in Feld und Wald in Prachtexemplaren wild gedeiht. 73 Die roten Blümchen, mit welchen Judäa ganz über¬ seht war, sind hier gänzlich verschwunden. Mittagsrast hielten wir in der Judenkolonie Zam- marin, die wohl das Scheußlichste ist, was man sich vor¬ stellen kann. Die Häuser in gerader Linie, längs der Straße gebaut, sind etwa zwei Dezennien alt, zeigen aber bereits bedenkliche Spuren von Verfall. Die Men¬ schen in modernen europäischen Kleidern passen absolut nicht in diese Gegend und in diese Häuser, die mehr wie häßliche Hütten aussehen. Man sagte mir zwar, diese Kolonien seien blühende, ich fand jedoch, daß sie den Eindruck des Niederganges machen. Und das „Grand" Hotel, in dem wir uns aufhielten, ist auch ein kleines Häuschen, ziemlich anspruchsvoll eingerichtet, aber von diesem Schmutz macht man sich gar keinen Begriff. Bei Türken und Arabern hatte ich auch schon viel Unreinlich¬ keit erlebt, aber sie war da stets malerisch und interessant, hier jedoch war es der prosaische Schmutz, den man eben in diesem Maße nur bei Juden finden kann. Wegen des Passahfestes spazierte die Bevölkerung auf den Straßen und ich bemerkte, daß sie zumeist ara¬ bisch miteinander sprachen. Wir hatten zum Glück Proviant mitgenommen, denn beim bloßen Gedanken an die Küche des „Grand" Hotel von Zammarin könnte einem übel werden. Von hier geht die Straße sehr stark bergab. An einer Hecke von blühenden Mimosen (Gagia) entlang erblickt man dann in der Ebene prachtvolle, gut gehaltene Weingärten, welche auch der Judenkolonie gehören. Allmählich nähern wir uns dem Meere, welches 74 wir bald in der Ferne erblicken und weit vor uns taucht eine Gebirgskette aus der Ebene empor, sollte es schon der Karmel sein? Vor Zammarin passierten wir einen Fluß mit klarem, reichlichem Wasser, wo unsere Pferde getränkt wurden, es ist das „Crocodilon Flumen" des Strabo und Plinius, in dem noch in jüngster Zeit Krokodile vorgekommen sein sollen. Nun sind wir schon ganz nahe am Meere. Die Straße ist im Felsen durch Menschen¬ hand eingeschnitten. Jetzt erblicken wir links am Meeres¬ ufer das große Dorf Tantura und weiter nördlich ein Vorgebirge, welches die großartigen Ruinen der mittelalterlichen Festung Athlit trägt, der Punkt, an dem sich die Kreuzfahrer am längsten behauptet haben. Gar zu gerne hätte ich diese imposanten Überreste ver¬ gangener Macht näher besichtigt, aber leider drängte die Zeit und wir mußten vorwärts eilen. Schon begann man das Kloster am ersten Gipfel des Karmels zu unterscheiden, dahinter mußte Haifa liegen, in einer Bucht, an deren nördlichem Ende in weiter Ferne St. Jean d'Acre erraten werden konnte und ganz im Hintergründe erschien uns nun der schnee¬ bedeckte Gipfel des großen Hermon. Gegen 6 Uhr kamen wir in der deutschen Kolonie von Haifa an und stiegen in der Herberge der deutschen Schwestern (Boromäerinnen) ab. Unsere Ankunft war angekündigt worden und wurden wir freundlich emp¬ fangen und in zwei nette reinliche Zimmer einquartiert. Unser Kutscher hatte Wort gehalten, er war aber an einem Tage dreizehn Stunden gut gefahren und hatte seinen Bakschisch ehrlich verdient. 75 Das Meer wiederzusehen, war mir eine Wonne und ging ich sofort am Strande spazieren. Dann setzte ich mich auf die Veranda mit der Aussicht auf den schönen blühenden Garten des Hauses und plauderte mit dem Rektor Kandier, einem geborenen Tiroler. Das Nachtmahl war sehr gut. 1. Mai. Nach der heiligen Messe in der Hauskapelle fuhren wir zum Kloster am Berge Karmel. Die Straße hinauf ist prachtvoll angelegt. Sanft aufsteigend, geht sie am Abhange empor zwischen Pinien, Lorbeer und allerlei immergrünen Gewächsen und allmählich entwickelt sich eine schöne Aussicht über Haifa und dem Meerbusen von Akka. Als wir in die Kirche, in der das Gnadenbild unserer lieben Frau vom Skapulier steht, eintraten, hatte gerade das Hochamt begonnen, dem wir bis zum Ende beiwohnten. Dann baten wir, das Kloster besichtigen zu dürfen und ein alter Pater übernahm es bereitwillig, uns zu führen, wir fanden jedoch, daß es nichts besonders Be¬ merkenswertes enthält. Das ganze Gebäude ist neueren Datums, die Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Unter dem Hauptaltar zeigt man die Grotte, in der der Pro¬ phet Elias gewohnt haben soll. In einem der Gänge steht ein Glasschrank, der eine Sammlung von so¬ genannten „Melonen des Elias" in sich schließt. Diese „Melonen" sind kugelförmige Steine, welche im Innern einen leeren Raum enthalten, der mit quarzartigen 76 Kristallen belegt ist, so daß das Ganze eine gewisse Ähn¬ lichkeit mit einer kandierten Melone hat. Das Kloster, welches von französischen Karmeliter- mönchen bewohnt wird, hat einen sehr ausgedehnten Grundbesitz ringsherum, Wald, Feld und Weingärten, der in seiner ganzen Ausdehnung mit einer Mauer um¬ schlossen ist. Unten, in der Nähe des Meeres, liegt das große Kloster der Karmeliterinnen. Nach Haifa zurückgekehrt, machten wir noch einen Rundgang durch die Stadt, die recht uninteressant und unrein ist, kauften Ansichtskarten, dann war es Zeit zum Mittagessen, das sehr gut gekocht war, wie überall, wo der österreichische Einfluß maßgebend ist. Rektor Kandler ist ein gelehrter Botaniker mit äußerst anregender Kon¬ versation. Um 1 Uhr fuhren wir nach Nazareth ab. Die Straße wird immer interessanter, je mehr wir uns von Haifa entfernen. Links von uns hatte sich die Erschei¬ nung des großen Hermon, die wir gestern gehabt hatten, mit Nebel verhüllt, rechts lag die Bergkette des Karmel, die wir beständig verfolgten, bis wir dessen äußerste und zugleich höchste Spitze erblickten. Dieselbe ist durch das Opfer des Elias bekannt, welches vom Feuer des Himmels verzehrt wurde, worauf König Achab die 450 Priester des Baal als Verführer zur Ab¬ götterei an den Ufern des Kison töten ließ. An dem Ort, wo letzteres geschehen war, fuhren wir auch vorüber. Die Stelle des Eliasopfers wird bis heute noch vom Volke „El Moukhraka", das ist „Das Opfer", genannt. Gern hätte ich diese Bergspitze be¬ stiegen, doch dazu reichte unsere Zeit nicht. 77 Lange fuhren wir auf gebirgigem Terrain, als sich plötzlich eine Aussicht von berückender Schönheit vor uns eröffnete: es war die fruchtbare Ebene Esdrelon mit dem kleinen Hermon und der ganzen Karmelkette im Hintergründe. Die Ebene war gänzlich mit Ge¬ treide bewachsen, in allen Schattierungen von Grün, wie ein gestreifter grüner Samt und die Berge dahinter waren mit einem feinen Nebel leicht verschleiert, welcher der Gegend eine lichte, irisierende Färbung verlieh. Wir waren sprachlos vor Bewunderung. Nun führte die Straße in die Höhe längs dieser herrlichen Ebene, bis wir wieder ins Felsengebirge eindrangen. Da zur Rech¬ ten erblickte ich in einer Art Mulde ein dichtes, üppiges Wäldchen von lauter Feigenbäumen und nun waren wir auch unvermittelt in Nazareth, welches sich hinter einer steil aufsteigenden Felsenmauer verschanzt und in einer Art Amphitheater liegt. In der Casa nuova, dem franziskanischen Pilger¬ hause, stiegen wir ab, wo wir mit dem englischen Ehe¬ paare aus Naplus wieder zusammentrafen. Es war erst 5^4 Uhr und so verloren wir keine Zeit und besuchten sofort die Kirche Maria Verkündigung sowie die Werk¬ stätte des heiligen Josef, wobei uns ein holländischer Franziskaner als Cicerone diente. Die Werkstätte sowie der Ort der Verkündigung sind Grotten. Vor der letz¬ teren ist noch der Platz genau zu erkennen, auf dem das daran angebaute Haus der heiligen Familie einst ge¬ standen ist, welches jetzt in Loreto verehrt wird. 78 Zuletzt wurden wir in das kleine Museum des Fran¬ ziskanerklosters geführt, in dem sich eine Reihe von gotischen Kapitalen mit figuralen Darstellungen befin¬ den, die zu den schönsten Mustern gotischer Bildhauer¬ kunst gehören, die ich je gesehen habe. Die Skulpturen der Sainte Chapelle in Paris sollen von ähnlicher Schönheit sein, doch kann ich mich nicht mehr genau an dieselben erinnern. Diese Kapitale, welche vor nicht langer Zeit auf den Gründen der Franziskaner bei der Verkündigungskirche gefunden wurden, stammen aus dem 12. Jahrhundert und müssen für einen vorzunehmen¬ den Bau vorbereitet gewesen sein, denn sie sind ganz tadellos erhalten und tragen keine Spuren, welche eine Benützung derselben in einem Bauwerk erkennen ließen. Leider konnten wir keine Photographien von diesen Prachtstücken erhalten. Das Abendessen nahmen wir in einem langen Saale mit den Engländern ein. Von den Franziskanern bekamen wir gar keinen zu sehen und scheinen sie hier prinzipiell den Verkehr mit den Pilgern und Touristen aus dem Wege zu gehen. Wir hatten den der Gottesmutter geweihten Monat gut angefangen: Unsere Morgenandacht hatten wir am Berge Karmel verrichtet und am Abende an der Stelle der Verkündigung gekniet. Jetzt stand ich am Balkon der Herberge und dachte, daß daheim zu dieser Stunde sich alle Hausinsassen zur ersten Maiandacht in der Kapelle versammeln. 79 2. Mai. Um 7 Uhr las mein Reisegefährte eine heilige Messe für mich in der Verkündigungskapelle, dann unter¬ nahmen wir auf Pferden den Ritt auf den Tabor. Die Gegend, die wir durchritten, ist steinig und öde, nur einige Schaf- und Ziegenherden und ein Paar Araber auf ihren reich gezäumten, mit Troddeln behängten hübschen kleinen Pferden begegneten wir, aber keiner ein¬ zigen menschlichen Behausung. Da erschien vor uns die imposante, abgerundete, regelmäßige Bergkuppe des Tabor, die einen erhabenen Eindruck macht, weil sie ganz einsam dasteht. Der Weg hinauf ist steil, aber doch so gut, daß wir hinauf und hinunter reiten konnten, immer¬ hin war es eine recht heiße Tour. Von Nazareth bis zum Gipfel brauchten wir 2V2 Stunden. Oben wurden wir von einem sehr gebil¬ deten und sympathischen preußischen Franziskanerpater empfangen, der uns zur Verklärungsstelle führte; diese ist von Ruinen umringt, so daß man von dort keinerlei Aussicht genießt. Wie auf den meisten heiligen Stätten Palästinas, stand hier zuerst eine Basilika aus dem 4. Jahrhundert. Links und rechts von deren Eingang standen die Moses- und Eliaskapellen. Dieses Heiligtum wurde in der Folge zerstört und in den Kämpfen zwischen Kreuz und Halb¬ mond wurde der Gipfel des Tabor bald der Sitz einer sarazenischen Festung, bald einer frommen Mönchsnieder- lassung. Später wurde der heilige Berg ganz verlassen, bis im Jahre 1631 die Ruine dauernd in den Besitz der Franziskaner überging, welche neuester Zeit beabsichtigen, 80 sobald sie die Mittel dazu gesammelt haben werden, die ursprüngliche Basilika wieder in ihrer ersten Gestalt auf¬ zubauen. Um eine freie Aussicht zu genießen, muß man auf die Ruinen des im Südosten der Basilika erbauten Turmes klettern, von wo aus der Blick ein unendlich lohnender ist. Zum erstenmal erblicken wir den See Genezareth mit dem Gebirge des H a ur a n, dann können wir fast den ganzen Lauf des Jordans bis zum Toten Meere verfolgen, gegen Westen die ganze Ebene Esdrelon mit dem Höhenzug des Karmel und in weiter Ferne das Mittelländische Meer liegen sehen. Das Mittagmahl in dieser abgelegenen franzis¬ kanischen Pilgerherberge hatte ich mir höchst frugal, wenn nicht ganz ungenießbar vorgestellt, nun wurde ich angenehm überrascht: es war eine der besten Mahl¬ zeiten, die ich bisher auf meiner Reise genossen hatte. Auf dem Tische stand ein großes Stück frischer Tee¬ butter, in diesen Ländern die größte Seltenheit. Als llons cl'cEuvrs bekamen wir famose konservierte Spargel und so weiter, bis zuletzt ein Ananaskompott erschien. Zum schwarzen Kaffee kamen der Pater Guar¬ dian, ein Spanier, und der Pater, der uns herumgeführt hatte, um mit uns zu plaudern. Nach dem Essen legte ich mich ein Stündchen in einem der freundlichen Fremdenzimmer hin, um auszuruhen, dann bestiegen wir unsere Pferde und um b Uhr waren wir bereits wieder in Nazareth. An dem Marienbrunnen, der die ganze Stadt mit reichlichem klaren Wasser versorgt, waren wir vorbei¬ geritten. 81 Trotzdem unser Tag recht ermüdend gewesen war, fand ich noch keine Ruhe: Ich wollte durchaus den so¬ genannten „Präcipiz" sehen, wo die Juden Christum hinunterstürzen wollten (Luk. 4, 29). Nachdem wir nun keinen Führer mithatten, verirrten wir uns, wanderten lange herum und konnten nicht den bestimmten Ort finden, den die diesbezügliche Tradition bezeichnet. Wir gelangten jedoch auf einen Felshügel, der gewisser¬ maßen den Rand des Kessels bildet, in dem Nazareth liegt und der nach außen eine fast senkrechte Felsmauer gegen die Ebene E s d r e l o n bildet. Zu irgend einem Punkte an diesem Abgrunde müssen die Juden Christum geführt haben, um ihn zu verderben, aber seine Stunde war noch nicht gekommen, deshalb konnten sie ihm nichts anhaben und „er schritt mitten durch sie hin und ging hinweg". Der Rückweg führte uns durch eine Allee von Kaktusfeigen, die eine hohe Wand bilden. Noch nie hatte ich sie so hoch und dicht gesehen! Nazareth ist zumeist von Christen bewohnt und hat gegen 2500 Katholiken. Seine Frauen sind schön und haben etwas Vornehmes, Hoheitsvolles. Sie tragen faltenreiche Beinkleider, die sich wie ein weiter Rock drapieren. Aus dem Kopfe tragen sie eine Art Schärpe, die sie wie eine Krone um den Kopf, dann hinter einem Ohr unter dem Kinn nach dem anderen Ohr schlingen, was besonders für alte Frauen ungemein kleidsam ist und würdevoll aussieht. Während der heiligen Messe in der Verkündigungskapelle kniete in der dunkeln Ecke, wo der Engel erschien, eine alte Frau vom Volke, die mir wie eine Erscheinung der Kaiserin Helena vorkam. Leider 6 82 verunstalten sich die Frauen in Palästina oft durch Täto¬ wierung im Gesichte, was jedoch nicht unbedingt immer häßlich ist. Einmal begegnete ich einem jungen Mädchen, dem an den Mundwinkeln zwei kleine Flügel tätowiert waren. Es stand ihr ganz reizend! Freilich war das Kind auch überhaupt bildhübsch. Das Stadtbild Nazareths ist gänzlich verdorben durch die schauderhaften englischen und russischen Bauten, welche in neuerer Zeit dort aufgeführt worden sind. Warum muß denn ein Gebäude, weil es groß und neu ist, durchaus scheußlich sein! 3. Mai. Wir sollten um 7 Uhr nach Tiberias aufbrechen. Ich ging noch rasch die Synagoge besuchen, wo Christus gelehrt hat und die jetzt den unierten Griechen gehört, dann fuhryn wir ab. Unterwegs hielten wir in C a n a, wo unser Heiland sein erstes Wunder wirkte. Hier haben die Franziskaner ein hübsches Kirchlein gebaut, an dem Orte, wo einst eine uralte Basilika gestanden ist, von welcher noch bedeutende Bruchstücke vorhanden sind. Diese Ruinen alter Heiligtümer aus Konstantini- scher Zeit, welche auf den meisten der heiligen Stätten Palästinas vorgefunden werden, sind die wichtigsten Be¬ weise der Authentizität der Orte, welche bis heute von der Christenheit, als durch das Leben und Wirken unseres Heilandes geheiligt, verehrt werden. Damals lagen zwi¬ schen der Zeit, wo die Kaiserin Helena das Heilige Land besuchte und die vielen Kirchen erbaute, deren Bruchteile 83 man heute noch bewundert, weniger als drei Jahrhun¬ derte und waren für die damaligen Zeitgenossen die Ereignisse, welche auf das irdische Dasein des Gottes¬ sohnes Bezug hatten, relativ neue Begebenheiten, deren Tatort sich jedenfalls noch leicht bestimmen lassen konnte. Am Ufer eines ziemlich großen Teiches rasteten unsere Pferde. Viele Herden ruhten dort und wurden getränkt, Pferde wurden gebadet und die Hirten schwam¬ men darin herum. Das Bild war recht malerisch, aber das Wasser ganz entsetzlich schmutzig. Weiter fuhren wir an der Stelle vorüber, wo die Apostel mit dem Korn vom Felde ihren Hunger stillten, dann am Djebel Korun Hattin und am Orte der Ver¬ mehrung der sieben Brote und einiger Fischlein und plötzlich senkt sich der Boden vor uns und tief drunten liegt der herrliche See Genezareth, das Galiläische Meer! In weiten Serpentinen geht die Straße nach Ti¬ berias, das man tief drunten am Ufer des Sees erblickt und das sich von außen recht stattlich ausnimmt. Die Stadt hat noch die alte Umfassungsmauer aus der Zeit der Kreuzzüge mit mächtigen Türmen, sie sind aber von Erdbeben stark hergenommen worden. Bei der Časa nova der Franziskaner am Ufer des Sees kehrten wir ein. Es war Mittagzeit und wurde uns bald ein Mittagessen serviert im Speisesaal, an dessen Wänden eine Serie von sehr guten, altdeutschen Bildern hängt, eine Stiftung des Professors Sepp. Sofort nach dem Essen ließen wir ein Ruderboot kommen, um nach Capharnaum zu fahren. 6* 84 Der See Genezareth ist ein vom Jordan durch¬ floffenes und von dessen Gewässern gebildetes Riesen¬ becken, von hohen felsigen Bergen eingeschlossen. Es liegt 250 Meter unter dem Mittelländischen Meere und hat eine Oberfläche von 170 Quadratkilometern. Die Strecke von Tiberias nach Capharnaum ist die geschicht¬ lich interessanteste. Man fährt an Magdala, Bethsaida, dem Berge der Seligkeiten und dem der Vermehrung der fünf Brote vorüber, doch was ist aus all den blühen¬ den Städten an den Ufern des Galiläischen Meeres geworden? Trotz der Schönheit der Gegend, trotz der Milde des Klimas und der Fruchtbarkeit des Bodens, mit Ausnahme von Tiberias, sind sie alle verschwunden und kaum ein paar elende Hütten bezeichnen den Ort, an dem einst dieselben gestanden sind! Es war ganz windstill und recht warm geworden, die arabischen Ruderer, sechs an der Zahl, mußten stark schwitzen und schöpften ab und zu von dem lichtgrünen, süßen Wasser des Sees, um sich damit zu laben. Ich kostete auch davon, es war wirklich gut, nur ziemlich warm. Ein Bad darin wäre köstlich gewesen, doch nir¬ gends sah ich einen zum Baden geeigneten Ort, auch ging es uns mit der Zeit nicht recht zusammen. Endlich erhob sich eine ganz leichte Brise, so daß wir mit Segel weiter fahren konnten. Nach guten zwei Stunden kamen wir in Capharnaum an und hatten die halbe Länge des Sees durchfahren. Der arabische Name für Capharnaum ist Tell- Houm. Die Franziskaner besitzen dort den Grund, auf dem sich die bedeutendsten Ruinen befinden. Die Haupt- 85 sehenswürdigkeit ist das imposante Ruinenfeld der Syna¬ goge, welche dieselbe sein soll, in welcher Christus gelehrt und den Besessenen geheilt hat. Im Evangelium heißt es, daß sich daselbst ein heid¬ nischer Hauptmann befand, der den Juden sehr gewogen war und ihnen sogar auf seine Kosten eine Synagoge hatte erbauen lassen. Diese Synagoge soll es nun sein, deren mächtige Trümmer wir vor uns liegen sahen. Und gar verschwenderisch hat der heidnische Haupt¬ mann den Bau ausgeführt, davon zeugen die herrlichen Skulpturen, welche noch in vollständig wohlerhaltenem Zustande Herumliegen. Fast alle Stücke des Gebäudes sollen vorhanden sein, so daß die Franziskaner beabsich¬ tigen, dasselbe aus den ursprünglichen Bestandteilen wiederherzustellen. Die Ursache der Zerstörung ist ein Erdbeben gewesen. Hinter der Synagoge steht ein kleines ebenerdiges Häuschen, in dem ein Franziskaner, der sich seit vielen Jahren ganz dem Ausgraben und Erforschen dieser Ruinen gewidmet hat, ein wahres Einsiedlerleben führt. Der Ort ist schön und interessant, aber das Klima soll an diesem Punkte nicht gesund sein. Von dort begannen wir unsere Rückfahrt mit einem Aufenthalte in el Tabha, einer deutschen Niederlassung der Lazaristen. Nur einen der Väter fanden wir daheim, welcher uns mit einem Glas Bier labte. Das Haus ist sehr hübsch, bequem und von dem Altan genießt man eine wunderbare Aussicht auf den See. Der Garten ist wohlgepflegt und umgibt das Haus mit hohen, schat- 86 tigen Bäumen. An Wasser fehlt es hier nicht, in nächster Nähe stürzen sich mächtige Quellen in den See bei den Ruinen von alten verlassenen Mühlen. Hinter Tabha, auf einem Hügel, liegt eine italie¬ nische Kolonie, welche jedoch rm Niedergange begriffen ist. Magdala gehörte vor kurzem noch einer deutschen Kolonie, die auch nicht prosperierte und schließlich ihren Besitz an Juden verkaufte. Jetzt, wo wir näher am Rande des Sees fuhren, bemerkten wir, daß die Ufer überall mit Oleanderbüschen üppig bewachsen sind, die gerade wundervoll blühten, und man kann sagen, der ganze See sei mit einem Kranze von blühendem Oleander umgeben. Die Rückfahrt begann sehr schön, die Sonne neigte dem Untergange zu und gab dem See und seinen Ufern eine wärmere Färbung, die Temperatur war angenehm und die Brise hatte sich verstärkt, so daß wir recht flott vorwärts kamen. Doch allmählich wurde der Wind immer stärker, hohe Wellen gingen, das Segelboot legte sich ganz auf die Seite. Dazu war es bereits dunkel geworden und wir begriffen nun ganz die Apostel, welche in einer ähn¬ lichen Lage Christum, der im Boote schlummerte, weckten und sprachen: „Meister, wir gehen zugrunde!" Doch Gott sei gelobt, wir gingen nicht zugrunde und kamen schließlich glücklich nach Tiberias zurück. Wir hatten noch Zeit, einen Rundgang durch die Stadt zu machen. Im Jahre 1620 lebte in Tiberias nicht ein einziger Jude mehr und jetzt sind deren bereits wieder 4000 bis 5000 vorhanden. Dies ist der von Sir Moses Monte- fiore, Baron Hirsch und Rotschild mit reichlichen Geld- 87 Mitteln unterstützten Sionistenbewegung zuzuschreiben, welche den Zweck hat, auf friedlichem Wege Palästina für die Juden wiederzuerobern. Es wird von vielen bereits die Verwirklichung des Traumes von einem jüdi¬ schen Königreiche und einem Wiederaufbaue des Salo¬ monischen Tempels, als im Bereiche der Möglichkeit liegend, angenommen. Mehrere Zeitungen werden in hebräischer Sprache herausgegeben und dieses Idiom, welches durch viele Jahre als eine tote Sprache angesehen wurde, soll jetzt in Jerusalem und anderen Teilen von Palästina schon von der jüngsten Generation als Um¬ gangssprache benützt werden. Der Hauptzweck der reichen Patrone dieser Juden¬ kolonien, diesem Volke wieder Lust und Liebe zur Land¬ wirtschaft einzuflößen, scheint jedoch bisher noch nicht gelungen zu sein, denn ich hörte, daß in allen Sionisten- kolonien Palästinas die Juden sich damit begnügen, die ihnen reichlich zufließenden Unterstützungen einzustecken und damit Araber zu bezahlen, damit dieselben für sie die Bodenarbeit besorgen. Es wurde mir auch gesagt, hier in Tiberias hätten sich zumeist alte Juden aus verschiedenen Teilen Euro¬ pas angefiedelt, um im Lande ihrer Vorfahren ihr Leben zu beschließen. Nun, diese ehrwürdigen Greise müssen doch noch genügende Lebenskraft aus Europa mit¬ gebracht haben, nach der großen Menge von Kindern zu urteilen, die man hier überall sieht. Im Vorübergehen blickte ich in mehrere der Wohn¬ häuser. Überall zeigte sich mir derselbe Anblick: ein kleiner offener Hof, der, wahrscheinlich für die Feiertage, frisch in lichtblauer Farbe getüncht worden war. Am Boden 88 lagerten auf Matten, nach orientalischer Art, eine oder mehrere Frauen und Kinder balgten sich um sie herum. Zum Nachtmahl hätte ich gar zu gerne einen der berühmten und vorzüglichen Fische aus dem See gegessen, doch es waren zufällig keine gefangen worden. Vor dem Schlafengehen wollte ich noch einige Zeit auf der prächtigen Terrasse des Klosters verweilen, von welcher man den ganzen See übersieht, aber der Wind wehte so stark, daß das Verweilen im Freien keinen Genuß gewährte. Dabei war es ein heißer, ersticken¬ der Wind, als blase er aus einem Backofen. Im Zimmer war es unbedingt kühler und ich legte mich schlafen, konnte aber nur kurze Ruhe finden, denn der heiße Sturm tobte draußen und rüttelte an Türen und Fensterbalken, dazu plagte mich der Gedanke: Wenn der heftige Sturm andauert, wie kommen wir da nach Semak, wo wir den Zug nach Damaskus am nächsten Morgen erreichen sollten! 4. Mai. Nach Semak kann man nur auf einem schlechten Fußweg oder mit Ruderboot gelangen. Doch nach der unruhigen schlaflosen Nacht brach ein schöner Morgen an. Der Sturm hatte sich gelegt und wir konnten mit Genuß unsere Bootfahrt zur Bahnstation zurücklegen. Sie nahm immerhin zwei volle Stunden in An¬ spruch. Bald nach Tiberias, gegen Süden, zeigt sich das von Eingeborenen besuchte Thermalbad Khirbed el Hammam, dann ist die Küste ödes Gestein, nur am Ufer des Sees wuchern überall die blühenden Oleander. 89 Unsere arabischen Bootsleute begleiteten ihre Ruder¬ schläge mit monotonem rhythmischen Gesänge; dann wurde das Segel gespannt und die Männer konnten ruhen und plaudern, wobei ich bemerkte, daß sie die ganze Zeit nur von Geld sprachen und daß beständig Zahlen und Geldsummen genannt wurden. In der Nähe der Stelle, an welcher der Jordan den See verläßt, liegt Semak, ein ganz arabisches Dorf, mit einer Station der Zweigbahn, welche sich bei Deraa an die Hedjas-Bahn anschließt. Zwei Wochen hatte meine Wanderung durch Palä¬ stina gedauert, sie waren vergangen wie ein schöner Traum. Ich hatte diese Zeit wie in höheren Sphären gelebt, von denen alles Niedrige, Gemeine und Alltäg¬ liche ferne lag. Die weihevolle Stimmung, die mich bei der Ankunft in Jaffa ergriffen hatte, war mir bis zuletzt geblieben und fühlte ich, als wenn sich ein Hauch davon auf den Rest meines irdischen Daseins breiten solle. Von den Enttäuschungen, die mir von mancher Seite angekündigt worden waren, hatte ich nichts emp¬ funden, im Gegenteil, alles war mir so weihevoll, har¬ monisch erschienen und die wenigen Schattenseiten hatten nur beigetragen, die herrlichen Lichtseiten um so glän¬ zender leuchten zu lassen. Die Existenz von Eisenbahnen, Automobilen, Fabriken, elektrischer Beleuchtung usw. hatte ich bei¬ nahe vergessen. Nun sollte uns das Dampfroß allmählich wieder dem mordernen Leben entgegenführen. II. Jayurn. „Wollen Sie schießen Schakal, Herr Baron, Herr- Doktor?" „VdU von M out sllootinA IQ tlltz clesoi-t? Vola v mi« visltor las Nosc>uoes? Dss tomolx» das OaUkos?" Diese und hundert andere Anerbieten kann man hören, wenn man in Kairo gegen Abend auf dem Boulevard zwischen Hotel Shepheard und Hotel Konti¬ nental spazieren geht. „Do ^ou Maut to malls L trix to Da^um?" So wurde ich eines Abends von einem Men¬ schen angeredet, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hatte nichts von der kriechenden Unterwürfigkeit, die den gewöhnlichen Fremdenführern von Ägypten eigen ist. Er war ein älterer Mann von sehr hoher hagerer Gestalt, etwas vorgebeugt, sein energisches Gesicht besaß ein Paar funkelnde schwarze Augen, welche unter den buschigen schwarzen Augenbrauen recht wild blicken konnten, jetzt aber einen gutmütig lächelnden Ausdruck hatten, sein großer Mund zeigte eine Reihe tadelloser Llendendweißer Zähne, ähnlich denen eines Raubtieres, trotzdem hatte doch der Ausdruck seines Gesichtes etwas Vertrauenerweckendes. Er trug die Tracht der Beduinen, ein faltiger, langer, brauner Mantel hing von seinen Schultern herab, auf dem Kopfe hatte er einen reich mit gelber Seide gestickten Turban. Sein Anerbieten brachte er mehr wie die Einladung eines Drauck smAuoui- als wie einen Dienstantrag vor. 94 Seitdem ich Pierre Lotis „Le Desert" gelesen hatte, träumte ich stets von einer Reise durch die Wüste. Um die Expedition von Kairo nach Jerusalem über Sinai, Akabah und der Wüste von Petra zu untemehmen, hatte ich weder genügend Zeit noch Geld, vielleicht nicht ein¬ mal genügend Unternehmungsgeist, dagegen eine Reise nach Fayum mit einer Karawane durch die Wüste schien mir ein in jeder Beziehung realisierbares Projekt. Nun erwachte meine Lust nach Abenteuern und meine Sehn¬ sucht nach der Wüste wieder. Ich blieb stehen und fing an, mit dem Beduinen eine eventuelle Reise nach dem Fayum zu besprechen. Währenddem wir sprachen, näherte sich uns alles mögliche Gesindel, die einen, um zu betteln, die anderen, mir irgend eine Ware zum Kaufe anbietend, andere schließlich einfach aus Neugierde, um etwas von unserem Gespräch zu erlauschen. Über diese zudringliche Menge ungeduldig geworden, jagte ich sie mit energischen „Emschi!" davon. Da sagte mir der Araber: „Sie sollen nicht ,Emschi' sagen, das sagt man nur den Hunden, Menschen sagt man „Jalla". Diese Zurechtweisung nahm ich dankbar an, beschloß, niemals Menschen „Emschi" zu sagen und nahm „Jalla" in meinen sehr spärlichen ara¬ bischen Wortschatz auf. Doch ich hatte beschlossen, mit meinem Freunde A. am folgenden Tage unsere Reise nach dem oberen Nil anzutreten, auf die wir uns beide sehr freuten, wer weiß, ob wir bei unserer Rückkehr von dort noch Zeit, Lust und Geld für eine Tour nach dem Fayum übrig haben wür¬ den! Auch mußten vorher Erkundigungen über die Ehr¬ lichkeit und Verläßlichkeit dieses wilden Sohnes der Wüste eingezogen werden. Ich hatte zwar schon früher 95 dm Wunsch gehegt, diese größte und fruchtbarste Oase Ägyptens zu besuchen, hatte sogar schon diesbezüglich Be¬ sprechungen mit einem mir sehr empfohlenen Dragoman gepflogen, aber der Mensch hatte ein so widerliches ver¬ schlagenes Spitzbubengesicht, daß ich nicht wieder auf seine Dienste reflektieren wollte. Diesem Beduinen gegen¬ über hatte ich das Gefühl, daß wir uns ohne Bedenken seiner Führung überlassen könnten. Ich vertröstete ihn aber auf die Zeit nach unserer Rückkehr aus Oberägypten. Er gab mir seine Karte (sein Name war Mohammed) und verabschiedete sich mit Grandezza, ohne mir seine Dienste weiter aufzudrängen. Wie herrlich war die Reise in Oberägypten! Welches Leben herrscht in diesem gesegneten Lande, welche Typen, welche Trachten! In jedem Dorfe, das man passiert, scheint Jahrmarkt zu sein, überall bietet das Volk ein buntes, heiteres Bild. Bei jeder Station wird der Zug von einer malerischen bunten Menge empfangen, aller¬ hand gute, einfache, gesunde Lebensmittel, wie Datteln, Orangen, harte Eier und Zuckerrohr, werden den Reisen¬ den angeboten, alle diese hübschen, intelligenten Gesichter find bereit, den geringsten Scherz mit heiterem Gelächter aufzunehmen, der ihre schönen, blendend weißen Zähne bloßlegt. Die Frauen verhüllen nicht mehr so sorgsam ihr Angesicht wie in Kairo und man erblickt ganz reizende Gesichtchen, die nur leider zumeist durch Tätowierung verunstaltet sind. Und wie gut lebt sich's in Oberägypten! Welch ein Komfort herrscht in diesen vorzüglichen Hotels! Das so gemütliche „Grand Hotel" in Luxor mit seinen Palmen¬ hainen und seiner lieblichen Terrasse an den Ufem des 96 Nils wird an Glanz und Eleganz vom „Savoy-Hotel" in Assuan übertroffen, wo man, beinahe im Innern Afrikas, ein Diner bekommt, wie im besten Pariser Re¬ staurant, und von den schwarzen Waiters in ihrer male¬ rischen weißen Tracht besser bedient wird, als in irgend einem europäischen Hotel. Die imposanten Überreste des alten Theben, die Tempel von Luxor und Karnak, die Kolosse, das Ra- messeum, Medinet Abu, die Gräber der Könige und Deir- el-Bahari mit seinem Hintergründe von großartigen Felsen, alles dies hinterläßt einen bleibenden, tiefen Eindruck und erscheint mir nun in der Glorie der ägyp¬ tischen Abendbeleuchtung wie ein schönes Bild meiner Phantasie, weit eher als wie etwas in Wirklichkeit Er¬ blicktes und Genossenes. Bei Assuan hatten wir einen kleinen Vorgeschmack einer Reise durch die Wüste. Der Weg von der Stadt zu der nunmehr durch die neuen Stauwerke zum Teil in die Fluten des Nils versenkten reizenden Insel Phylae führt an den Granitbrüchen vorüber durch ein bißchen sehr malerischer Wüste. Den Rückweg machten wir zum Teile auf einem der behaglichen Nildampser und konnten die erhabene Ruhe und den Frieden der Nillandschaft, nur durch die mono¬ tone Musik der Tausende von primitiven Pumpwerken an den Ufern belebt, auf uns wirken lassen. Die zahl¬ losen Fellachen, die dabei beschäftigt waren, nahmen sich von weitem wie Gruppen von Bronzefigürchen aus. Ab und zu erblickt man gegen Abend Sandbänke, welche mit 97 Wasservögeln ganz bedeckt sind, dann einsame Silber¬ reiher, die nachdenklich am User stehen. Von Krokodilen natürlich keine Spur mehr. Kom-Ombo, Edfu, Esneh mit ihren prachtvollen Tempeln, so wunderbar erhalten und den Jahrtausenden trotzend, waren die Stationen unseres Schiffes, und überall wieder Jahrmarkts- und Volksfeststimmung, und hier, wie von der Nilmündung bis zum ersten Katarakt, überall der Ruf: Bakschisch! Bakschisch! Zum Schlüsse machten wir noch den Ausflug nach Dendera von der Station Keneh aus, wobei man mit einer höchst primitiven Fähre den Nil überschreitet. Dann reitet man noch eine halbe Stunde durch wogende Ährenfelder zum wunderbar erhaltenen Tempel. Auf dem Wege dorthin hätte man meinen können, es sei ein warmer Junitag, so heiß schien die Sonne und so grün waren Wiese und Feld, so lustig schmetterten die Lerchen, und doch zeigte der Kalender erst den 2. März. Die schönste Erinnerung, welche ich von Oberägypten mitnahm, bleibt aber die Färbung des Himmels nach Sonnenuntergang. Diese ist nirgends, ja nicht einmal in Kairo und in Fayum, auch nur annähernd so schön wie in Oberägypten und speziell bei Luxor konnten wir sie von der Höhe des Riesenpylonen des Tempels von Karnak bewundern. Die Sonne geht hinter den Höhen der Libyschen Wüste am Ufer des Nils herrlich und glänzend unter, jedoch ohne besondere Farbenpracht¬ entfaltung, aber bald nach Sonnenuntergang fängt der Himmel sich zu färben an und macht die ganze Farben¬ skala durch, vom Hellgelb Lis zum Dunkelrot, die gro߬ artigen Ruinen des Hunderttorigen Theben sind alle 7 98 rosenrot, ebenso wie die Wüste, die auf allen Seiten den Horizont begrenzt, und der Mond erscheint in dieser Orgie von warmen Tönen beinahe grün. Immer glän¬ zender und immer wärmer färbt sich der Himmel und die überaus reine, durchsichtige Luft gestattet dem Auge, die zartesten Tinten, die feinsten Umrisse von schlanken Palmen und Tempelruinen in der größten Entfernung zu unterscheiden; doch nun, als ob die Beleuchtung die äußerste Grenze des Glanzes und der Wärme erreicht hätte, fängt die violette und blaue Farbe an, überhand zu nehmen, das Mondlicht gewinnt an Kraft und be¬ leuchtet die Ruinen, die Wüste und den Strom mit seinem sanften Licht, es ist Nacht, doch lange noch bleibt der westliche Himmel mit warmem Purpur übergossen. Glücklich die Menschen, die in jenem Lande leben und dieses entzückende Schauspiel täglich genießen können! Am 3. März frühmorgens trafen wir wieder in Kairo ein. Unsere Reise hatte genau sieben Tage in An¬ spruch genommen und wir kehrten zurück, voll Bewun¬ derung über den englischen Geist, der in verhältnis¬ mäßig so kurzer Zeit dieses Land von Wilden so weit in der Zivilisation gebracht hatte, daß man darin rascher, billiger, mit mehr Sicherheit und mit mehr Komfort reisen kann, als in irgend einem Lande Europas! Doch nun waren wir zurück und hatten noch Zeit vor uns, da wir erst mit dem österreichischen Lloyd- dampfer am 14. März nach Europa wollten. Nachdem wir in Oberägypten ohne Intervention irgend einer Reisegesellschaft oder eines Dragomans gereist waren, 99 blieben uns genügende Mittel übrig und unsere Sehn¬ sucht nach der Wüste und der Oase Fahum war nur noch größer geworden. Jetzt hieß es Erkundigungen über Mohammed ein¬ ziehen und sich mit ihm ins Einvernehmen setzen. Die Auskünfte, die ich über ihn erhielt, lauteten sehr günstig, sowohl was seine Ehrlichkeit als seine Intelligenz und Geschicklichkeit betrifft, und an demselben Abende be¬ gegnete ich ihm mit seiner stolzen Gleichgültigkeit am Boulevard spazierend. Ich sagte ihm, daß wir am Donnerstag früh unsere Wanderung unternehmen woll¬ ten, möglichst viel in der Wüste zu sein wünschten und am Montag abends bereits zurück in Kairo sein müßten. Betreffs der Route nach und durch Fayum ließen wir ihm vollständige Freiheit, nur setzte ich als Bedingung, daß ich am Sonntag früh in Medina, der Hauptstadt Fayums sein wolle, um in der dortigen katholischen Kirche der heiligen Messe beizuwohnen. Dies schien zwar Mohammed nicht recht zu sein, aber er mußte sich darein fügen. Seinerseits nannte er den Preis, für den er uns führen und uns mit Reit- und Tragtieren, Zelten, Be¬ dienung und vollständiger Verpflegung versehen wollte. Der Preis schien mir ein mäßiger und so willigte ich ein und am nächsten Tage unterzeichneten wir einen dies¬ bezüglichen schriftlichen Vertrag vor dem Direktor eines Kairenser Hotels, der uns beiden bekannt war. Ich ver¬ langte noch, daß uns Mohammed ein Gewehr zur Ver¬ fügung stelle. Nachdem er trotz seiner Grandseigneur¬ allüren und seiner ziemlich reichen Sprachkenntnisse in 7* 100 keiner Sprache der Schriftzeichen kundig war, setzte er auf das Dokument den Abdruck eines arabischen Pet¬ schaftes, das er immer bei sich trug. Für Getränke hatten wir selbst zu sorgen. Die Hälfte der bedungenen Summe mußten wir ihm sofort aus¬ folgen, angeblich, damit er für die Reise Einkäufe be¬ sorge. Am Mittwoch abends kam er unser Gepäck und unsere Reisevorräte an Bier, Wein und Kognak über¬ nehmen und am Donnerstag früh machten wir uns auf den Weg. Wir sollten Mohammed bei den Pyramiden von Giseh treffen, dorthin fuhren wir mit der Tramway. Bei der Endstation erwartete uns unser imposanter Führer und im Schatten der prächtigen Allee lagerten schon unsere Kamele mit ihren bunten, mit Quasten und Schnüren behangenen und mit Glaskugeln verzierten Sätteln und Zäumen. Es waren ihrer zwei mit ihren Treibern, die übrigen zur Karawane gehörigen Tiere mit Gepäck und Menschen waren bereits vorausgezogen. Mohammed selbst ritt einen feurigen schönen weißen Esel. Wir setzten uns auf, und nun verließen wir die Zivilisation, um uns in den goldgelben Wüstensand zu vertiefen. Das Wetter war Prachtvoll, gar nicht zu heiß, wir ritten in südlicher Richtung am äußersten östlichen Rande des Niltals, das wir am ersten Tage nicht aus den Augen verloren. Links entrollte sich die grüne, fruchtbare Ebene zu beiden Ufern des Stromes, begrenzt durch die kahlen Gebirge der arabischen Wüste, rechts defilierten der Reihe nach die Gruppen der Pyramiden von Giseh, Abufir, Sakkara, Lischt, Daschur usw. usw.. 101 hinter uns lag Kairo, überragt von der Alabaster- moschee, der Zitadelle und dem zerklüfteten Mokattam- gebirge als Folie, ein zauberhaftes Bild, welches in seinen lichten, glänzenden Farben immer märchenhafter und reizvoller wirkt, je mehr man sich davon entfernt. Lange blickte uns der Riesensphinx Har-em-cha mit seinen ausdruckslosen Augen nach. Bald, nachdem wir Mena House verlassen hatten, ritten wir an einem Be¬ duinendorfe vorüber, außerhalb dessen sich eine zahlreiche Versammlung von verschleierten und in dunkle Gewänder gehüllten Frauen befand, welche eine dichte Gruppe bil¬ deten. Sie bewegten sich rhythmisch, indem sie Laute von sich gaben, die wie zwischen Geheul und Gesang klangen, auch machten sie Gesten, als ob sie sich gegen¬ seitig schlagen würden, und doch hatte das ganze Bild nicht die spontane Lebhaftigkeit eines bis zu Tätlich¬ keiten gesteigerten Streites. Ich frug Mohammed, was das zu bedeuten habe, ob diese Weiber etwa einen Natio¬ naltanz aufführten, worüber er in Gelächter ausbrach: Nein, es sei ein Mann dieses Stammes gestorben und die Frauen brächten ihm die Totenklage dar. Bald dar¬ auf erblickten wir an der Seite des Weges eine Gruppe von Arabern um ein liegendes Kamel geschart. Man sagte uns, eine Kamelstute habe dort soeben ein Junges bekommen. Natürlich interessierte es uns sehr, das Tier¬ chen zu sehen, und wir wollten unsere Tiere sofort hin¬ lenken. Als die Araber dies bemerkten, erhoben sie ein großes Geschrei und machten uns von ferne Zeichen, weiterzureiten. Da erklärte uns Mohammed, sie fürchten, daß, wenn Fremde ein eben geborenes Tier ansehen, es 102 demselben Unglück bringen könne. Dies erinnerte mich lebhaft an die Gewohnheit, welche bei uns in Krain herrscht, eben geworfene Ferkel, welche man zum ersten¬ mal ansieht, anzuspucken, gegen den bösen Blick. Gegen Mittag holten wir unsere Karawane mit Gepäck bei einem Brunnen ein, neben dem wir unter einer uralten Sykomore Mittagsrast halten sollten. Wenn ich vom Brunnen spreche, so war es eigentlich nur eine Zisterne mit einer arabischen Kuppel bedeckt und mit Nilwasser gefüllt, welches recht frisch sein sollte, ich zog aber vor, nicht davon zu kosten. Quellen gibt es ja eigentlich in ganz Ägypten keine, und da der Nil allein das ganze Land mit Wasser versorgen muß, so ist über¬ all, wo er und seine Kanäle nicht hingelangen, Wüste, wo man aber das Nilwasser hinleitet, sprießt sofort üppigste Vegetation hervor. Zu düngen braucht der Fellache kaum, dieser Mühe ist er enthoben, dafür aber muß er stets und angestrengt arbeiten, um seine Felder feucht zu erhal¬ ten, denn sobald ein Feld trocken wird, ist sofort die ganze Kultur durch die Sonnenglut verdorrt. Die Sykomore, unter der wir lagerten, war gerade an der Grenze zwischen dem bebauten Lande und der Wüste. Im Osten, gleich neben uns, lag ein arabisches Dorf, im Westen ein Hügel von goldigem Wüstensand, im Norden, schon in weiter Ferne, erblickte man noch den Mokattam und die Mina¬ retts der Alabaster-Moschee. Der Ort wäre reizend ge¬ wesen, wenn uns wegen der Nähe der menschlichen Wohnungen die Fliegen nicht geplagt hätten. Mohammed zog aus einer Kameltasche einen kalten Imbiß zum Lunch, bestehend aus harten Eiern, Büchsen mit Fisch- 103 konserven, kaltem Braten, Butter, Brot, Käse, Orangen und Äpfeln, dazu von unserem Bier und Wein. Wir ließen es uns köstlich schmecken, denn das Kamelreiten und die Wüstenlust geben Appetit. Nachdem wir uns gesättigt hatten, gingen wir ein wenig im naheliegenden Palmenhain spazieren, wo wir ein reizendes, ganz kleines Kamel, welches mit seinem Riesenhöcker altklug neben seiner Mutter einhertrabte, begegneten. Es war schneeweiß und hatte lange, gekrauste Wolle, wie bei uns die Schafe. Aber womöglich noch herziger war ein kleinwinziges Eselchen, welches wir ebenfalls dort sahen. Es war auch ganz weiß und strup¬ pig und hatte durchlöcherte und umgebogene, gebundene Ohren. Ich sah dasselbe bei den meisten ganz jungen Eseln in Ägypten, doch konnte ich nicht erfahren, weshalb man das tue. Unsere Gepäckskamele waren indessen schon weiter gezogen, um am bestimmten Orte unser Nachtlager vor¬ zubereiten. Man mußte ihnen einen Vorsprung lassen, auch ist die Siesta in diesen Ländern eine Sitte, der man sich nicht entziehen kann. Mohammed und unsere beiden Kameltreiber lagen schon mit verhüllten Köpfen und schliefen, was blieb uns denn übrig, als auch dasselbe zu tun. A. hatte längst den Wunsch ausgesprochen, sich einmal im warmen Wüstensand wälzen zu können, wie es die Esel und auch die Kamele so gerne tun. Nun konnten wir es nach Herzenslust. Dieser schöne, goldige, reine, jungfräuliche Sand, eigentlich kleine Quarz¬ körnchen, die nicht schmutzen, sich sofort von den Kleidern abschütteln lassen und sich nicht auf die Lunge legen, wie süß läßt es sich darauf ruhen! Ich für meinen Teil konnte 104 nicht schlafen, ich konnte nur den Eindruck der ganzen Situation in mir aufnehmen und die Freude genießen, nun endlich einmal mit der Wüste inniger bekannt zu werden. Gegen 2 Uhr bestiegen wir wieder unsere Kamele, mit denen wir bereits ganz vertraut geworden waren. Es waren zwei Stuten, wie Mohammed sagte, von seltener Güte. Die meine hieß „Princeß", die A.s „Adela". Es ist ganz unmöglich, sich den Bestien liebens¬ würdig zu erweisen, denn wenn man sie am Kopf streicheln will, so lassen sie eine Reihe von so gräßlichen, unharmonischen Tönen erschallen, daß man erschrocken zurückprallt. Dasselbe tun sie gewöhnlich beim Aufstehen und sich Niederlassen, aber sie meinen es gar nicht so schlecht und sind eigentlich gutmütige Tiere. Es war inzwischen ziemlich warm geworden und die Stimmung war eine eher schläfrige. Um uns auf unserer Weiterwanderung zu unterhalten, sagte Mohammed einem unserer Treiber, er möge uns etwas Vorsingen, da er famoser Sänger sei. Ich konnte jedoch an diesem Ge¬ sänge keinen Geschmack finden. Er war eigentümlich und Paßte allenfalls in den Charakter der ganzen Umgebung, aber ein musikalischer Genuß war er nicht. Der Bursche legte seine rechte Hand an seine Schläfe und stieß gellende Falsettöne aus, die sich zu einer ge¬ dehnten rhythmischen monotonen Weise gruppierten, immer furchtbar hoch und sehr laut und dazu machte er eine höchst jämmerliche Miene, aber von Melodie war keine Spur. Das Thema dieses Liedes war die Klage eines unglücklich Liebenden und die Sehnsucht nach der Geliebten, dabei hatte es zahlreiche Strophen und nach 105 jeder Strophe brachen Mohammed und der andere Treiber in ein langgedehntes „Aaah!" aus, das das Zeichen des Beifalles sein sollte. Mohammed war ent¬ zückt und stellte gewiß diesen Gesang weit höher, als den der ersten europäischen Sänger, wenn er denselben ge¬ kannt hätte. Netter klangen die heiteren Lieder mit Be¬ gleitung von Händeklatschen. Endlich gegen Abend, die Sonne wollte schon unter¬ gehen, da erblickten wir Zelte mitten unter den Feldern des Niltales. Das sollten unsere Zelte sein? Dort sollten wir übernachten, auf Ackerland, in der Feuchtigkeit, die Beute der Fliegen, Mücken und anderen Getiers und nicht in der Wüste, nach der unser Sehnen ging? Ich war empört. Zum Glück teilte Mohammed meine Em¬ pörung. Es scheint, daß ihn seine Leute nicht verstanden oder eigenmächtig gehandelt hatten. Er hieß uns in die Wüste vorausreiten und stürmte wutentbrannt gegen das kleine Lager zu. Wir ritten indes bis zu einem Punkte, wo eine Sandwelle die Aussicht gegen das Niltal zu versperrte und wo man sich ganz in der Wüste fühlte, da stiegen wir ab und warteten. Und richtig, nach einer geraumen Weile erschien Mohammed wieder und eine Zeit darauf die ganze übrige Karawane. Hätte ich damals eine Ahnung gehabt, was es für eine Mühe kostet, die Zelte aufzuschlagen und das Lager wieder abzubrechen, ich hätte nicht das Herz gehabt, den armen Leuten an einem Abend zweimal diese Arbeit zu geben. Nun waren sie da und in einer großen flachen Mulde, von niedrigen Sandhügeln umgeben, wurde das Lager endgültig hergerichtet. Indessen nahm A. das 106 Gewehr und wir untemahmen einen Spaziergang, bis unser Diner gekocht sei. Der ganze Wüstensand war mit den hübschesten und sonderbarsten Mineralien bestreut: blendend Weiße glänzende Alabasterstücke, Kieselsteine in allen Farben und Zeichnungen und dann diese fast schwarzen, ölig glänzenden runden Steine, mit denen die ganze Sandwüste dieses Teiles von Afrika besät ist. Wir sammelten die schönsten dieser Steine, dann wurde es immer dunkler, wir entfernten uns immer mehr vom Lager, der Mond leuchtete mit einer in Europa unbekannten Kraft und zeigte uns die ganze Großartig¬ keit und Majestät der Wüste. Unser Lager hatten wir aus den Augen verloren und wir konnten uns vorstellen, wie es Menschen zu Mute ist, die sich in der Wüste ver¬ irrt haben. Dieser Gedanke und der leichte Wind, der über den Wüstensand dahinstrich, verursachte uns ein gewisses Frösteln. A. schoß in die Luft, um in Ermange¬ lung jeglichen lebenden Wesens sein Gewehr zu ent¬ laden und wir kehrten zurück in der Richtung der Zelte. Bald sahen wir Mohammed atemlos uns entgegenlaufen; er hatte den Schuß gehört und glaubte uns mindestens mit einem erlegten Schakal kommen zu sehen. Das Lager war bereits vollkommen organisiert, es bestand aus drei großen Zelten, Schlafzelt, Eß- und Empfangszelt und Küchenzelt. Die Kamele lagen bereits im Kreise, die Köpfe gegen einander gewendet und an einem großen Haufen frischen Luzerneklees kauend, es waren ihrer sechs. Unser ganzes Gefolge bestand aus neun Personen: Mohammed, zwei Kameltreiber für uns, vier Treiber für die Gepäckskamele, ein Koch und ein Waiter. 107 Es ist unglaublich, welchen Komfort diese wilden Menschen uns in der Wüste herzauberten und wiederum mußten wir die Engländer bewundern, deren Verdienst es ist, daß man selbst in der Libyschen Wüste bester lebt, als in den meisten Hotels des europäischen Kontinents. Unser Koch war ein schmieriger, alter, kleiner Ägypter, einem Bettler in den Straßen von Kairo nicht unähn¬ lich, der immer barfuß an der Spitze der Karawane allein einherging, ohne mit irgend jemand ein Wort zu wechseln. Aber was für köstliche Mahlzeiten uns dieses armselige Männchen bereitete! Wir setzten uns zu Tisch und in dem erleuchteten und mit bunter Stickerei verzierten Zelte wurde uns ein voll¬ ständiges Diner mit vier Gängen und Dessert serviert, wie in einem erstklassigen Restaurant. Gegen Ende des Diners kam Mohammed zu uns und ich lud ihn ein, ein Glas Wein mit uns zu trinken, doch lehnte er entschieden jedes geistige Getränk ab, indem er sagte, seine Religion verbiete es ihm und er würde nicht ein Glas Wein trinken, selbst wenn wir ihm 500 Pfund dafür zahlten. Ich konnte nicht umhin, ihn zu loben wegen dieser skrupu- - lösen Beobachtung der Vorschriften seiner Religion. Bald nach dem Essen zogen wir uns in unser Schlaf¬ zelt zurück. Mohammed führte immer einen Revolver mit sich. Schon vorher hatte er A. um das Gewehr er¬ sucht, weil die Kameltreiber damit abwechselnd während der Nacht Wache halten sollten. Nun wollte er auch noch meinen Revolver haben, um noch einen seiner Leute zu bewaffnen. Diesen jedoch verweigerte ich ihm, indem 108 ich sagte, daß ich mich nie davon trenne, worauf sich Mohammed ironisch lächelnd zurückzog und uns gute Nacht> wünschte. Dieses Planmäßige Abverlangen aller unserer Waffen mußte uns unwillkürlich peinlich berühren. Wir befanden uns in der Wüste, weit und breit keine mensch¬ liche Behausung, umgeben von einer Bande wilder Kerle, die sich ein Vergnügen daraus gemacht hätten, uns auf einen Wink Mohammeds zu massakrieren und zu be¬ rauben, und bis man in Kairo davon eine Ahnung haben konnte, wo hätten da die Missetäter nicht schon sein können! Wir legten uns also in ziemlich unruhiger Stim¬ mung zu Bett und trösteten uns nur damit, daß wir mit oder ohne Waffen doch nichts gegen neun starke Kerle in der Wüste ausrichten könnten, also besser schlafen und das taten wir auch. Am nächsten Morgen erwachten wir um 6 Uhr, um 8 Uhr sollten wir aufbrechen. Es war recht frisch geworden, doch wärmte bereits die schöne ägyptische Sonne. Mohammed kam an unsere Zelttüre, erkundigte sich nach unserem Befinden, holte die Befehle ein und er¬ zählte, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, um über unsere Ruhe und Sicherheit zu wachen. Wir hatten dem armen Kerl offenbar unrecht getan und ver¬ trauten ihm von nun an vollständig, aber er hatte sich recht ungeschickt benommen und dadurch unser Mißtrauen gerechtfertigt. Nun wurde uns ein guter Milchkaffee mit Toast, Jam und Butter serviert. Dann kam der Waiter und sagte mir, das Bad sei im Speisezelt für mich hergerichtet. 109 Und richtig, ich fand im Speisezelt eine Badewanne, ge¬ füllt mit warmem Wasser, daneben ein großes englisches Badetuch und ein Stück pears soap. Ein warmes Bad in der Wüste, o'sst nn aoradlk! Ich hätte natürlich nie ge¬ träumt, alle diese rakllimumuts äk oomckortz von Mo¬ hammed zu begehren, aber die englischen Reisenden, denen er vor mir als Reisemarschall gedient, hatten schon seine Erziehung diesbezüglich vorbereitet. Inzwischen war es Zeit geworden, unsere Kamele zu besteigen. Ich war schon mit meiner „Princeß" ganz befreundet, aber am Kopfe berühren ließ sie sich noch immer nicht und bei jedem Versuche meinerseits, sie zu streicheln, brachte sie die gräßlichsten gutturalen Töne hervor. Heute war es die wirkliche Wüste, die wir durch¬ ritten. Das Niltal war bereits längst hinter uns ver¬ schwunden und weit und breit nur Sand und zerklüftetes Gestein, kein Gräschen, kein Laut, kein lebendes Wesen, erhabene Ruhe herrscht in dieser toten Natur. Der frische Morgenwind fegte spielend den Sand von den mit schwarzen runden Kieselsteinen besäten Hügeln. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne fing an zu brennen. Zuerst bewegte sich unser Zug zwischen abge¬ rundeten Sandhügeln, dann stieg der Weg und wir blickten von unserem erhöhten Standorte tief in die Libysche Wüste hinein. Von der Großartigkeit dieses Anblickes kann man sich kaum eine Vorstellung machen, es ist die Majestät des Todes und im Mangel jeglichen Lebens liegt die Hauptschönheit der Wüste. Denkt man sich dieselbe 110 Gegend bewaldet, bebaut und bewässert, wo bliebe da ihr eigentümlicher Reiz und wo ihre Großartigkeit? Es wäre eine liebliche Gegend wie tausend andere. Nun ging die Straße bergab und mein Kamel nahm heitere Allüren an, die mir recht ungemütlich wurden, aber gottlob ich behielt das Gleichgewicht, denn ein Sturz von solcher Höhe müßte höchst Peinlich sein. Jetzt traten wir in einen Raum, welcher die Form einer genau abgezirkelten Ellipse hatte und ganz einem römischen Riesenamphitheater glich, mit je einem Eingänge an beiden Enden und von etwas defekten Sitzreihen um¬ geben, aber bei näherer Besichtigung waren die Sitz¬ reihen nur Felsen und die ellipsenförmige, mit Sand gleichmäßig bestreute Arena nur ein Spiel der Natur. Aus diesem traten wir in ein zweites ähnliches, nur viel größeres Amphitheater und von diesem in ein drittes noch größeres, welches auf der gegenüberliegenden Seite offen war und dort . . . was glitzert dort in der Ferne? — es ist Wasser, in dem sich Berge spiegeln, Vegetation, es kann doch noch nicht der See Karoon sein? Doch nein, es war eine Fata Morgana, an welche wir, mit diesem seltsamen Schauspiele unvertraut, anfangs gar nicht recht glauben wollten, bis sie vor unseren Augen sich in nichts auflöste. Es war Mittag geworden und wir sollten Rast halten, Mohammed war den ganzen Vormittag mißmutig und verstimmt gewesen, er ritt voraus und alle fünf Minuten band er sich den Turban auf andere malerische Weise. Er hatte Kopfweh. Nun lagerten wir uns auf einem kleinen Felshügel und er packte den kalten Imbiß für uns aus. Die Sonne brannte schon recht tüchtig und 111 nachdem wir uns gestärkt hatten, kroch ich unter einen Felsenvorsprung, um dort Siesta zu halten, die anderen lagerten sich in der Sonne. Der Ritt am Nachmittag ging durch etwas mono¬ tonere Teile der Wüste, dafür aber war eine kleine Kara¬ wane von Fellachen, welche sich uns anschloß, für unsere Eskorte eine Quelle großer Unterhaltung. Sie hatten ein ganz junges ungesatteltes Kamel mit und jeder von unseren Arabern versuchte es, auf demselben zu reiten und wurde regelmäßig abgeworfen. Sogar der ernste imposante Mohammed verschmähte nicht diesen kindlichen Sport. Gegen Sonnenuntergang fingen wir an, in weiter Ferne das bebaute Land des fruchtbaren Fayum zu er¬ blicken und unsere Zelte wurden, zwar noch auf dem Wüstensande, aber in der Nähe von Baufeldern, auf¬ geschlagen. Nach eingenommenem ucktsrnoon t«u nahmen A. und ich das Gewehr und unternahmen einen Spazier¬ gang, um diese herrlichste Stunde des Südens zu ge¬ nießen, wo das rötlich-violette Dämmerlicht noch mit dem fahlen Schein des Mondes wetteifert. Wir kamen in die Nähe der Äcker und erblickten ein finster aussehendes Gebäude ganz ohne Fenster. Neugierig zu wissen, ob es bewohnt sei, näherten wir uns behutsam. Da plötzlich erscholl furchtbares Gebell und ein Hund stürzte uns entgegen. A. wollte schon darauf schießen, als eine mensch¬ liche Stimme ertönte. Es war ganz Nacht geworden und im Mondschein erkannten wir die Silhouette eines Mannes in europäischer Kleidung mit Tarbusch, der uns auf französisch ansprach. Er forderte uns auf, in das Haus zu treten und Platz zu nehmen und servierte uns 112 Kaffee und Branntwein. Das Innere des Hauses war sehr einfach, beinahe ärmlich; unser Wirt jedoch schien ein ganz anständiger Mensch, er sprach leidlich französisch und war ein Ägypter, der als Repräsentant eines Konsor¬ tiums von Grundbesitzern wirtschaftete. Bei der Tür des Nebengemaches sahen wir weibliche Gestalten vorüber¬ huschen, da das Gemach jedoch von einem sehr übelriechen¬ den Petroleumlichte höchst mangelhaft erleuchtet war, konnten wir nicht ausnehmen, zu welcher Altersklasse sie gehörten. Wir verabschiedeten uns von dem freundlichen Manne, der sichtlich erfreut war, mit gebildeten Leuten zusammengekommen zu sein, und machten uns nun auf den Rückweg zu den Zelten. Der Vollmond strahlte, die Wüste lag lautlos da, unser Zelt schimmerte uns, gemüt¬ lich innen erleuchtet, entgegen. Das Diner war fertig. Ich hatte, da es Freitag war, um ein Fastenessen ersucht, das mir auch richtig serviert wurde. Nach dem Essen kam Mohammed, um zu sehen, wie wir zufrieden seien, und frug, ob es uns recht wäre, wenn uns die Kameltreiber Vorsingen und tanzen würden. Wir gestatteten dies mit Freuden, und da kamen alle diese schwarzen Kerle und setzten sich im Halbkreise am Boden zu unseren Füßen. Einer von ihnen stellte sich immer abwechselnd in die Mitte und machte mit einem Stock oder mit einer Schärpe gewisse rhythmische Kontorsionen, die die an¬ deren mit Singen und Händeklatschen begleiteten, wobei sie mitunter in eine förmliche Ekstase gerieten, die ein wenig an die heulenden Derwische erinnerte. Natürlich amüsierte uns das ungemein, und erst gegen 11 Uhr ent¬ ließen wir die Bande und gingen schlafen. 113 Unser nächster Vormittagsritt war der beschwer¬ lichste und am wenigsten lohnende der ganzen Reise. Der Weg ging an der Grenze der Oase und der Wüste, durch holprige zerrissene Auen von blühenden Tamarix- büschen über Bächlein und durch Pfützen. Ich war mit dem Kamelreiten bereits ganz vertraut geworden und meine „Princeß" hatte sich sogar einige Galopptempos erlauben dürfen, ohne mich aus der Fassung zu bringen. A. ging es jedoch schlechter, er hatte sich am vorigen Tage wund geritten und war nun gezwungen, den Esel Mohammeds zu nehmen und ihm sein Kamel zu überlassen. Doch war er mit seinem Tausch sehr zufrieden, der Esel, ein äußerst temperamentvolles Tier, setzte über Gräben wie ein Rennpferd und hielt unermüdlich Schritt mit den Kamelen. Ich glaube, Mohammed war seines Weges nicht ganz sicher, aber trotzdem brachte er uns nach manchem Hin- und Herirren glücklich, aber recht müde, hungrig und erhitzt zum Ufer des Sees Birket-el-Karun, wo wir Mittagsrast hielten. Der See ist eine Wasser¬ fläche von der Größe des Bodensees, sein Wasser hat salzigen Geschmack. Er liegt 40 Meter unter dem Niveau des Mittelländischen Meeres zwischen der Oase Fayum und der Libyschen Wüste. Das südöstliche Ufer ist ganz flach und dicht mit Schilf bewachsen, während das nord¬ westliche Ufer nur steile Hügel, goldig schimmernde, star¬ rende Felsen und einzelne spärliche grüne Gräser auf¬ weist. Auf dem See schwimmen Unmassen von Wildenten und Pelikane, welche aber so scheu sind, daß man nicht zum Schuß kam. Er soll auch sehr fischreich sein und wird von englischen Liebhabern der Fischerei stark besucht. 8 114 Ich muß schon gestehen, daß die Mittagssiesta am sumpfigen, heißen Seeufer nicht sehr gemütlich war und wir sehnten uns zurück nach dem Wüstensande. Wir waren also recht froh, als Mohammed das Zeichen zum Aufbruch gab. Nun kamen wir auf gute gebahnte Wege und drangen in das Innere des Fayum, das wir bisher nur an seiner äußeren Peripherie kennen gelernt hatten. Von der Fruchtbarkeit dieses Landes kann man sich kaum eine Vorstellung machen, diese ist bedingt durch den außerordentlichen Wasserreichtum. Überallhin fließen Kanäle und überall prangen grüne üppige Felder. A. schoß und verwundete einen wunderschönen, türkisblauen Eisvogel. Ich wollte, daß einer der Kameltreiber ihn vollends töte, damit er nicht leide, er aber begriff nicht dieses Erbarmen mit einem Vogel, den er für schädlich zu halten schien, denn er sagte: „Us is a cksvit!" warum, konnte ich nicht erfahren. Unser musikalischer Araber stimmte ab und zu seinen gräßlichen Gesang an und erzielte damit eine große Wirkung. Aus allen Araber- und Fellachenhütten nah und fern stürzten sämtliche Frauen hervor und ließen durch lautes Geschrei ihr Entzücken über diese melodi¬ schen Weisen erkennen. Um uns zu laben, pflückten die Treiber von den Feldern grüne Bohnen und brachten sie uns. Selbst ver¬ zehrten sie Unmassen davon. Gegen Abend erreichten wir Sennores, eine blü¬ hende Handelsstadt mit ganz ägyptischem Anstrich. Zu¬ fällig war gerade Markttag, und so machten wir, bevor wir unsere Zelte aufsuchten, einen Ritt durch die Stadt und den Markt. Ich kaufte Zuckerrohr für uns alle, 115 A. kaufte Kartuschen für das Gewehr und einen kleinen Spiegel, denn wir hatten keinen und wollten sehen, in welchem Zustand unsere Gesichter waren infolge des hef¬ tigen Sonnenbrandes und der Ausstrahlungen des heißen Sandes. Wir waren feuerrot, die Haut des Ge¬ sichtes löste sich auf der Nase und am Kinn und zeigte schon wunde Stellen und die ganze Gestchtshaut schmerzte ziemlich empfindlich. Mit dem für unsere Zelte ausgewählten Platze war ich diesmal nicht sehr einverstanden. Sie standen zwar in einem Haine von riesigen Palmen, aber hart an der Straße, auf welcher eine Menge Volk und Viehherden vorüberzogen und Wolken von Staub aufwirbelten. Auf einer Anhöhe in der Nähe stand ein stattliches Gebäude, das Haus des „Scheichs", von dem uns Mohammed Wunderdinge erzählte. Kaum hatten wir uns etwas ausgeruht, als uns der jüngere Sohn des Scheichs angemeldet wurde, der uns seine Aufwartung zu machen wünschte. Wir emp¬ fingen ihn im Freien, ließen Kaffee servieren und boten ihm Zigaretten an. Er war ein Jüngling von 17 Jahren und hatte einen Kaftan aus dem herrlichen ägyptischen Seidenstoff, gestreift mit metallischen Reflexen, und einen ganz besonders hohen Tarbusch. Kurz, er war ein ägyp¬ tisches Gigerl. Doch weder er noch der alte Mann, der ihn begleitete, kannten ein anderes Wort als arabisch, so beschränkte sich denn unsere Konversation auf ver¬ bindliches Lächeln, Grüßen und ab und zu ein Wort aus dem Lexikon. . Da sehen wir von der Höhe einen anderen jungen Mann von etwa 25 Jahren, ebenfalls mit einem Be- 8* 116 gleiter gegen uns zu heruntersteigen: es war der älteste Sohn des Scheichs. Der jüngere Bruder empfahl sich, sobald der ältere sich nahte. Wieder ließen wir den obli¬ gaten schwarzen Kaffee kommen, der stets bereit und stets famos ist. Mit unserem neuen Besuch ließ es sich recht angenehm verkehren, denn er sprach gut englisch und war recht gebildet. Er erzählte, er sei verheiratet und habe einen Sohn von sechs Jahren, auch lud er uns ein, ihn im Hause seines Vaters zu besuchen, was wir mit Freude an¬ nahmen. Wir machten uns sofort auf den Weg, von Mo¬ hammed begleitet. Es waren bis zum Hause des Scheichs kaum 6 Minuten zu gehen. Oben angelangt, traten wir zuerst in eine kleine Halle, wo der Herr des Hauses ge¬ rade Audienzen erteilte. Er war ein stattlicher, korpu¬ lenter Herr von etwa 50 Jahren, mit braunem Voll¬ bart. Er und einige alte Männer, sämtlich natürlich, wie überhaupt jedermann hierzulande, in ägyptischen Kostü¬ men, saßen auf den türkischen Diwans, die den Raum umgaben, andere standen vor ihm und schienen ihm Be¬ richt zu erstatten. Als wir eintraten, stand er auf, kam uns entgegen und hieß uns mit einigen verbindlichen Worten willkommen, dann führte er uns durch ein euro¬ päisch eingerichtetes Zimmer mit Glasveranda in einen zweiten Salon, der wieder den landesüblichen Diwan ringsum längs der Wand hatte. Da wurden wir ein¬ geladen Platz zu nehmen, und wurde uns natürlich Kaffee serviert. Hierher waren uns nur der Hausherr, sein ältester Sohn und Mohammed gefolgt, die übrigen Männer warteten draußen und sahen durch die offene Tür herein. Wir plauderten eine Weile über Land und 117 Leute und ich trachtete zu erfahren, welcher für uns der beste Weg sei und was für Sehenswürdigkeiten wir noch in Fayum besuchen sollten. Dann sagte ich, man habe mir erzählt, bei dem Hause des Scheichs sei ein so schöner Garten, ob wir ihn wohl besuchen dürften? Das wurde uns gerne gestattet und der junge Hausherr führte uns, doch dieser Garten war eine große Enttäuschung. Er bestand aus einer Sammlung europäischer Obstbäume, die natürlich um diese Jahreszeit keine Blätter haben, und dieser Garten war denn der einzige Punkt in diesem irdischen Paradiese, wo wir fast kein Grün sahen. Auch waren die Wege schlecht gehalten. In der Mitte stand ein Bassin mit einem kleinen Spring¬ brunnen, um welches herum wir uns eine Weile setzten. Der Abend war recht schwül und ich fragte, ob in der Nähe nicht irgendwo ein Schwimmbad sei, doch sagte der Haussohn, daß das Baden im Freien hierzulande bei den höheren Klassen nicht üblich sei, diese baden nur in den Badeanstalten oder zu Hause, draußen bade nur das niedere Volk. Ich drückte mein Erstaunen darüber aus und erzählte, daß in Europa kein solches Vorurteil bestehe. A. fügte hinzu, daß bei uns oft im Seebade Herren und Damen zusammenbaden. Darob war der züchtige Mohammedaner ganz entsetzt! „Is it not rnvkul!" sagte er zu mir gewendet. Nun verabschiedeten wir uns von der ganzen Scheichfamilie, von der sich auch einige kleine Mitglieder der dritten Generation zu uns gesellt hatten, und ver¬ ließen dieses gastfreundliche Haus, um uns zu unseren Zelten zurückzubegeben, wo uns unser Diner erwarten mußte. 118 Es war inzwischen dunkel geworden, die Herden und Menschen hatten aufgehört, den Staub der Straße aufzuwirbeln, die Lust war angenehm kühl, die Sterne funkelten durch die Zweige der hohen Palmen und unser Lager mit seinen schmucken bunten Zelten, den im Kreise liegenden Kamelen und den schwarzen, weißgekleideten Arabern in Abendbeleuchtung unter den riesigen Palmen¬ säulen schien wie eine Episode aus einem orientalischen Märchen. Nach unserem guten Diner legten wir uns früh nieder, denn wir hatten einen besonders anstrengenden Tag hinter uns. Sonntagsmorgen! Mohammed sollte uns vertrags¬ mäßig um 10 Uhr zur katholischen Kirche von Medinah bringen. Er hatte diese Bedingung ungern angenommen, nicht etwa aus Haß gegen einen fremden Kultus — denn von Fanatismus habe ich bei den Arabern in Ägypten nicht viel bemerkt —, und was das Volk Ägyptens auch von den Fremden und ihren Religionen denken mag, sie geben ihm doch so viel zu verdienen, daß es sich wohl hüten wird, feindliche Gesinnungen zu zeigen. Es war aber Mohammed unangenehm, durch die Bedingung, um 10 Uhr in Medinah eintreffen zu müssen, in seinem Programme gestört und gebunden zu sein. Der Weg von Senorres nach Medinah führt durch den fruchtbarsten Teil der Oase und die Üppigkeit der Vegetation ist in diesem Landstrich geradezu ver¬ blüffend. Die Palmen erreichen dort eine Höhe und einen Umfang, die man selten anderswo erblickt. Der Feigen¬ kaktus wächst dort hoch und üppig und allenthalben IIS wogen Gerstenfelder, dazwischen rieseln zahlreiche Bäch¬ lein, denen die Natur ihren geradezu märchenhaften Reichtum verdankt. Unterwegs besichtigten wir zwei Sockel aus Riesen¬ steinblöcken, welche einst Kolossalstatuen von Pharaonen getragen haben sollen. Um 10 Uhr, wie es bedungen war, legten sich unsere Kamele vor den Eingang der katholischen Kirche in Medinah, der Hauptstadt des Fayum, gerade vor Anfang des Gottesdienstes. Die Kirche ist ganz neu gebaut und steht unter österreichischem Protektorat. Die Seelsorge ist italienischen Franziskanern anvertraut, welche auch neben der Kirche eine Schule haben. Das Innere der Kirche ist noch sehr kahl und leer, nur die Altäre sind mit Gemälden geschmückt, welche dem Pinsel zweier wohltätiger Damen, Baronin Bechtoldsheim und Fürstin Leopoldine Wrede, aus München entstammen. Der gute Pater, mit dem ich nach der heiligen Messe das ganze Etablissement besichtigte, konnte nicht genug die „dimim si^nors" loben, welche aus so weiter Ferne für den Schmuck der armen Gotteshäuser in den Missionen sorgten. Nach der heiligen Messe setzten wir uns wieder auf unsere Tragtiere und ritten durch die Stadt, die reizend malerisch ist, hinaus aufs Land, um einen passenden Platz ausfindig zu machen, wo wir uns zu unserem Früh¬ stücke lagern könnten. In der Nähe der Ruinen der alten Stadt Krokodilopolis am Ufer eines murmelnden Baches unter buschigen Palmen fanden wir ein reizendes Plätzchen. 120 Mohammed störte es gar nicht, daß der von uns gewählte Platz bebaut und eigentlich ein Gerstenfeld war. Rücksichtslos zertrat er die Ähren, breitete Decken dar¬ über aus für uns als Lagerstätte und schien meine dies¬ bezüglichen Bedenken gar nicht begreifen zu können. Überhaupt fand ich, daß der Araber gegen bebaute Felder sehr rücksichtslos vorgeht; wenn es ihm paßt, wird er durch wogende Gersten- oder reife Bohnenfelder mit einer ganzen Karawane reiten und in den wenigsten Fällen kommt es dabei zu Protesten von feiten des Eigen¬ tümers. Nach dem Essen folgte die obligate Siesta. Moham¬ med entfernte sich, um im Bach zu baden. Uns wäre bei der großen Hitze ein kühles Bad auch sehr willkommen gewesen, aber die Etikette gestattete nicht, daß wir im Freien baden, wir hätten bei unseren Führern jedes Ansehen eingebüßt. Das arabische Dampfbad in Me¬ dina war aber so schmutzig, daß wir bei dessen Besich¬ tigung entsetzt zurückfuhren. Die Ruinen von Krokodilopolis wurden auch be¬ sichtigte Von denen läßt sich nur sagen, daß sie großartig in ihrer Ausdehnung sind, da jedoch die Häuser aus¬ schließlich aus ungebrannten Ziegeln gebaut waren, so ist nicht viel mehr davon zu sehen, als unförmliche Trümmer. In der Mitte derselben erhebt sich ein Hügel, ähnlich dem Monte Testaccio in Rom, ganz aus Ton¬ scherben gebildet. Wie diese unglaubliche Menge von Scherben dort zusammen kam, ist mir ein Rätsel. Nun suchten wir unsere Zelte auf, welche von der inzwischen eingetroffenen Dienerschaft in der Nähe des Bahnhofes aufgeschlagen worden waren. Die Nähe des 121 Bahnhofes beleidigte zwar mein ästhetisches Gefühl und eine Eisenbahn in der Oase Fayum war mir ein Greuel. Ich konnte die Eisenbahn ihrer großen Bequemlichkeit wegen eventuell unter Protest benützen, aber in nächster Nähe derselben kampieren, das war hart! Doch nun war das Lager bereits aufgeschlagen und so mußte ich mich in mein Schicksal ergeben. Bei Abschließung meines Vertrages mit Moham¬ med hatte ich ausgemacht, daß alle Trinkgelder an die Kameltreiber, Dienerschaft usw. von ihm zu bestreiten seien. Diese Abmachung wurde natürlich nicht eingehal¬ ten. Nach jeder verbrachten Nacht mußte ich dem Wächter des betreffenden Distriktes ein Geschenk geben. Jetzt kam Mohammed und sagte mir, es sei Sitte, daß der Herr der Karawane am letzten Abende den Leuten einen Hammel zum Nachtessen kaufe. Ich wußte zwar nichts von dieser Sitte, fügte mich jedoch und schenkte ihnen den gewünschten Hammel. Nun machten wir uns zu Fuß unter Anfühmng Mohammeds auf, um die Stadt zu besichtigen. Sie ist sehr lieblich, voll Bäume und Gärten und vom Bar Jusuf, einem Arm des Nil, durchflossen, der die ganze Oase Fayum berieselt, um sich schließlich in den See Karoon zu ergießen. Wir besuchten die Bazars, den Zuckerrohrmarkt, die griechische Kirche, den Stadtteil, wo die Ghawasis (ägyptische Tänzerinnen) wohnen, und ließen uns rasieren. Als wir gerade einen der Haupt¬ plätze der Stadt passierten, erblickten wir über unseren Köpfen einen großen Geier. Mohammed forderte A. auf, den Vogel zu schießen und so erlegte er ihn mitten in der Stadt Medina-el-Fayum! 122 Indessen war es wa rini« geworden und wir kehrten zu unseren Zelten zurück. Nach dem Tee entfernte sich Mohammed, angeblich um in der Stadt einiges für uns zu besorgen. Da beschlossen wir, die Stadt auf eigene Faust eingehender zu besichtigen. Die Bazars waren noch voll Leben. Als wir zum westlichen Teile der Stadt gelangten, wo sich ein größerer Teich befindet, ging die Sonne gerade hinter demselben blutrot unter und übergoß diesen ärmeren Stadtteil mit magischer Beleuch¬ tung. Wir passierten gerade die Straße der Ghawasis, und wem begegneten wir da, majestätisch dahinschrei¬ tend .. . unseren Mohammed! Er behauptete, er sei hie- hergekommen, um für uns Musikanten für den Abend aufzunehmen, doch für diesen Kunstgenuß dankten wir, von der ägyptischen Musik hatten wir bereits genug ge¬ habt und ließen Mohammed seine Wege weiterziehen. Es war inzwischen ganz Nacht geworden, was ja im Süden sehr rasch geht, und der Weg durch die ganze Stadt, den wir zurücklegen mußten, um zu unseren Zelten zu gelangen, war ziemlich weit. Die Straßen in Medina sind zum Teil gar nicht, zum Teil äußerst not¬ dürftig beleuchtet. Nach dem Sonnenuntergänge sind die Gassen wie ausgestorben, nur ab und zu steht man ein¬ zelne hohe schweigsame Gestalten in lange, dunkle, wal¬ lende Gewänder gehüllt, lautlos vorüberschreiten. Sind es Gespenster? Sind es Menschen so wie wir? Und die Stadt dehnt sich immer weiter aus, sie war uns bei Tag nicht so groß erschienen! Die Straßen kommen uns so unbekannt vor, es wird immer stiller, die dunklen Gestalten werden immer seltener. Wo sind denn all die Menschen, die der Stadt bei Tag eine 123 heitere Jahrmarktstimmung verliehen? Aus den Häusern dringt kein Laut, kein Zeichen von Leben, unheimliche Stille herrscht überall, und es beschleicht uns ein leichtes Gruseln. Um uns zu zerstreuen, fangen wir zu streiten an. Jeder möchte den anderen beschuldigen, den unrich¬ tigen Weg geführt zu haben, denn es ist gewiß, wir haben uns verirrt und immer tauchen neue Gassen und Gäßchen auf. Aber wir sind doch gewiß in der Richtung unseres Lagers gegangen! Was tun! Fragen ist ausgeschlossen bei unserer Unkenntnis der arabischen Sprache, auch war weit und breit keine Seele mehr! . . . Da, auf einmal ertönt in nächster Nähe der Pfiff einer Lokomotive. Nun wußten wir, welche Richtung wir einnehmen sollten, wir waren gerettet! Das verhaßte Dampfroß hat doch auch mitunter seine guten Seiten! Im Lager angelangt, fanden wir bereits unser famoses Diner, welches auf uns wartete. Nach dem Essen kamen die Kameltreiber herbei und trachteten, sich für den gespendeten Hammel durch Gesänge und Tänze zu revanchieren. Am Montag früh sollten wir uns von der Kara¬ wane trennen, welche direkt nach Kairo zurückkehrte, während wir noch einen Ritt durch die Wüste machten, über Hawara, um dann nachmittags die Station in der Wüste zu erreichen und per Bahn zum Abendessen in Kairo einzutreffen. Da kam Mohammed ziemlich verlegen zu mir: Die Kameltreiber bäten um einen Bakschisch. Ich er¬ widerte, es sei doch ausgemacht worden, daß ich kein Bakschisch zu geben habe und daß Mohammed alle Auslagen samt Trinkgeldern bestreiten werde. Natür- 12t lich, meinte er, es hänge ja nur von meiner Güte ab, ob ich etwas geben wolle und sie würden ja mit allem zufrieden sein. Und ich gab, da die Leute im ganzen recht brav gewesen waren, aber sie waren doch nicht zu¬ frieden und wollten mehr haben. Da wurde ich wirklich böse und jagte die Bande davon. Nun bestiegen wir unsere Kamele und ritten fort. Zuerst durch die fruchtbaren Felder der Oase, dann be¬ gann allmählich die Wüste, die wir nun schon als alte Bekannte begrüßten. Dann ging es durch das zerklüf¬ tete Tal des Bar Jusuf und schließlich gegen 11 Uhr gelangten wir zum Fuße der Pyramide von Hawara. Diese, ganz aus Nilschlammziegeln gebaut, welche, durch die Jahrtausende verwittert, ihre regelmäßige Form be¬ deutend eingebüßt hat, gleicht einem gewöhnlichen Hügel in der Wüste und läßt sich ganz leicht besteigen. Oben lagerten wir, um unseren Lunch einzunehmen, und erfreuten uns an der schönen Wüstenlandschaft, welche, in der Mittagssonne gebadet, sich uns darbot. Fayum lag schon in einiger Entfernung, aber noch ganz gut sichtbar da und in der Richtung vom Niltal er¬ blickten wir das Profil der Pyramide von Jllahoun, welche ebenfalls aus rohen Ziegeln gebaut ist und kein besonderes Interesse bieten soll. Zu unseren Füßen lag das „Labyrinth", welches halbkreisförmig die Pyramide von Hawara umgibt. Strabo bezeichnet es als eines der sieben Weltwunder; mag sein, aber was heute davon übrig bleibt, läßt auf keine besondere architektonische Pracht schließen. Die einzige Spur eines edlen Baumaterials ist ein papyrus- förmiges Kapitäl aus rosenfarbigem Granit. Alles andere 125 sind Trümmer von Mauern und unförmlichen Gebäu¬ den aus schwärzlichen ungebrannten Ziegeln, welche leb¬ haft an die Ruinen von Krokodilopolis erinnern. Die Pyramide, auf der wir uns befanden, stammt aus dem zwanzigsten Jahrhundert v. Chr. und war das Grabmal des Königs Amenemhet III. aus der zwölften Dynastie und seiner Tochter Ptah-no-frou. Ursprüng¬ lich war der rohe Ziegelbau, dessen Kern ein natür¬ licher Fels bildet, ganz mit Kalkstein verkleidet, doch davon ist längst keine Spur mehr vorhanden. Das Innere der Pyramide wurde von Flinders Petrie im Jahre 1889 zum erstenmal eröffnet und untersucht. Nun noch unseren letzten Ritt durch die Wüste. Es war sehr heiß geworden und Luftspiegelungen zeigten deutlich vor uns Wasser und Vegetation, wo nur heißer Sand lag. Bei der Bahnstation angelangt, verabschiedeten wir uns von unseren Reitkamelen und ihren Treibern, welche durch übertriebene Anhänglichkeits- und Dankbarkeits- Lezeigungen ihre Geldgier von vorhin wieder gut machen wollten. Auch der Koch und der Waiter fanden sich zum Abschiede noch ein und mußten natürlich noch ein Extra- Bakschisch erhalten. In Wasta, wo wir den Zug wechseln mußten, kaufte A>, der sehr hungrig geworden war, einen gebratenen Nilfisch von einem Araber. Er schmeckte ihm köstlich und er wollte, ich solle auch davon essen, was ich zum Glück nicht tat, denn kaum hatten wir die Station ver¬ lassen, als dem armen A. schrecklich übel wurde und der Fisch .. . blieb in der Wüste. III. Wie eine Weife nach dem Sudan uusfull'en kann. Wie anders sollte ich meinen Winter verbringen, als ich es mir gedacht hatte! Wie mit glühenden Farben hatte ich mir den Aufenthalt in meinem geliebten Ägyp¬ ten und eine Reise nach dem mir noch unbekannten und so interessanten Khartoum ausgemalt und wie freudigen Herzens hatte ich mich in Triest zu dieser Reise ein¬ geschifft. Es wäre meine Stimmung eine bedeutend weniger gehobene gewesen, hätte ich gewußt, was meiner auf der „Terra Ägyptiaca" harrte, doch ich hätte unrecht gehabt, denn gewiß waren die schweren Tage, welche ich in Ägypten durchmachte, für mich weit heilsamer, als wenn ich die Zeit in Lust und Freude verlebt hätte. Die erste Enttäuschung, die mich erwartete, war das Wetter. Ich kannte in Ägypten nur mildes, trockenes Klima, dieses wieder zu finden, war ich hingefahren, doch in diesem Jahre war es anders. Es war Ende Jänner, ich war noch niemals so früh dort gewesen. Sei es nun, daß der Jänner immer kühler ist oder war dieser Winter ein besonders kalter, ich fand ein ganz infamesWetter und Kälte mit strömendem Regen durch mehrere Tage hinter¬ einander. Da in den Häusern absolut keine Heizvorrich¬ tungen bestehen, fror ich den ganzen Tag, ja sogar nachts konnte ich mich, trotz Anhäufung von Reisedecken und Mänteln auf meinem Bette, nicht erwärmen. 9 130 Da beschloß ich, um der Kälte zu entgehen, den Ausflug nach Khartoum sofort anzutreten. Ich fand einen charmanten Reisebegleiter in der Person des Barons U. Wir schifften uns in Suez ein, um über Port Sudan nach Khartoum zu fahren. Das Schiff „Minieh", das uns dahin bringen sollte, war gräßlich schmutzig und langsam. Am zweiten Tage meiner Reise begann ich mich unwohl zu fühlen. Dieses Gefühl war mir höchst unheimlich, denn, falls sich mein Leiden ver¬ schlimmerte, war nun keine Möglichkeit mehr, sofort zurückzufahren, ich mußte die begonnene Tour fortsetzen und da konnte ich vor elf Tagen unmöglich in Kairo zu¬ rück sein! Doch warum gleich das Ärgste voraussetzen, mein Leiden konnte ja vielleicht nur eine Kleinigkeit sein und in ein paar Tagen vergehen! Je weiter wir im Roten Meere fuhren, desto wärmer wurde es. Am zweiten Tage in der Frühe er¬ blickten wir das großartige Gebirgspanorama der Sinai- Halbinsel, dann verschwanden allmählich beide Ufer und wir sahen nur mehr das dunkle Blau des Roten Meeres, das stets ziemlich bewegt war, und darüber das hellere Blau des südlichen Himmels. In Port Sudan ange¬ kommen, fanden wir die Hitze schon drückend, doch war der schöne, bequeme Zug mit den geräumigen reinlichen Schlafcoupss und dem famosen Restaurationswagen eine Wohltat nach der Unbequemlichkeit und dem Schmutz des Steamers der Khedivial Mail Cy. Bald nach Port Sudan fährt der Zug durch eine großartig schöne Gebirgsgegend. Es ist zwar Wüste, aber die Monotonie der Wüste ist durch ziemlich dichte Bestände von dornigen Bäumen und Sträuchern unter- 131 brochen, dazwischen Rudeln von Gazellen vom Zuge aus sichtbar und die Berge von dunkel-rötlicher Färbung. Bei Sonnenuntergang und darausfolgendem Mondschein war es bezaubernd. Nach 24 Stunden näherten wir uns Khartoum, schon erblickte man von weitem die ersten Häuser, doch sie schienen im Wasser zu stehen, ebenso die Palmen in deren Nähe. Wasser überall, alles stand im Wasser und spiegelte sich in den Fluten. Meine Reisegefährten staunten darüber und meinten, es müsse eine Überschwem¬ mung sein. Mit den Eigentümlichkeiten der Wüste be¬ kannt, sagte ich ihnen, das sei nur Luftspiegelung, was sie mit ungläubigem Kopfschütteln aufnahmen, aber in der Tat, wie wir näher an Häuser und Bäume heran¬ kamen, standen sie nur in heißem gelben Wüstensand. Nun war ich in der Hauptstadt des Sudan, der Stadt der schönen Gärten, der großen Entfernungen und wo alles den Eindruck des Aufstrebenden, jedoch Unvollendeten macht. Das ziemlich komfortable Grand Hotel mit guten Badezimmern und die geregelte Lebensweise in Khar¬ toum bewirkten einen gewissen Stillstand in meinem Un¬ wohlsein. Vor vier Tagen ging kein Zug nach Wady Halfa und dann brauchte die Fahrt nach Kairo mindestens vier Tage, also konnte ich im besten Falle erst in acht Tagen zu einer guten ärztlichen Pflege gelangen, doch wie viel besser war ich dran als ein polnischer Edelmann, der bei einem Jagdausfluge am „Blauen" Nil einen wilden Büffel anschoß und dessen rechtes Bein von oben bis unten von der verwundeten Bestie aufgeschlitzt wurde. Sein arabischer Führer vernähte ihm die Wunde, so gut 9* 132 er es mit seinen primitivsten Mitteln konnte, und nun mußte der Unglückliche mit hohem Fieber unter unsäg¬ lichen Schmerzen 14 Tage am Kamel reiten, bis er zum Schiff gelangte, das ihn stromabwärts bringen sollte. Slatin Pascha bildete für mich den Hauptcharme von Karthoum, ich speiste zweimal bei ihm in seinem „Rowdy Home" und ist er bei weitem die interessanteste und populärste Persönlichkeit in Khartoum. Wer hat nicht sein „Feuer und Schwert im Sudan" gelesen. Ihn nun an der Spitze seiner mit allem euro¬ päischen und orientalischen Luxus servierten Tafel zu sehen, in hohen Ämtern und Würden, umgeben von einer glänzenden Gesellschaft, mit ungetrübtem Humor die Honneurs seines reizenden Heimes machend, muß jedes und besonders jedes österreichische Herz erfreuen. Seine langjährige Gefangenschaft unter dem Mahdi und Kalifen, verbunden mit unsäglichen Physi¬ schen und moralischen Qualen, haben nichts über diese prächtig organisierte gesunde Natur vermocht. Es ist im vollen Sinne des Wortes eine „mons saus, in oorxors Savo". Seine jetzige hohe Stellung ist ihm absolut nicht zu Kopf gestiegen, er ist der lustige, gemütliche Öster¬ reicher geblieben, stets gefällig, gastfreundlich und stets mit einem guten Witz bei der Hand. Auch ist er von jedem Menschen in Khartoum, ja im ganzen Sudan und ganz Ägypten gekannt, geliebt und geachtet. Der Besuch Omdurmans war mir in meinem gegen¬ wärtigen Zustande sehr mühsam, doch konnte ich ihn nicht unterlassen, besonders weil ich schon längst die Be¬ kanntschaft des Pater Ohrwalder zu machen wünschte. Ich hatte sein so ergreifendes Werk „Aufstand und Reich 133 des Mahdi" mit größtem Interesse gelesen und war der Autor desselben für mich ein Hauptanziehungspunkt im Sudan. Ganz tief drinnen im Herzen von Omdurman liegr die sehr bescheidene Misston der zentral-afrikanischen Väter. Das Kirchlein ist höchst ärmlich aus Nilschlamm¬ ziegeln gebaut mit einem Plafond aus Palmenstämmen. Pater Ohrwalder war mit einer häuslichen Arbeit be¬ schäftigt, jedoch kam er sofort und empfing mich aufs freundlichste. An ihm sind die Jahre der Leiden und der Gefangenschaft nicht spurlos vorüber gegangen. Er sieht vor der Zeit gealtert aus, sein Haar ist gebleicht und sein Blick erzählt von vergangenen Qualen. Doch hängt er mit ganzem Herzen an dem Lande, in dem er so namenlos gelitten hat, ebenso die armen Schwestern, die alle, soviele aus jener Zeit mit dem Leben davon¬ gekommen sind, wieder nach Omdurman zurückgekehrt sind, um dort weiter zu wirken, um dort zu sterben. Pater Ohrwalder erzählte mir, es seien in Om¬ durman nur etwa 300 Katholiken. Konversionen von Mohammedanern kämen fast nie vor. Er selbst scheint es zu bedauern, dem Martertode entkommen zu sein. Als wir von den Greueln der Mahdi- und Kalifenwirtschaft sprachen, wo kein Mensch, auch der eifrigste Mahdist und Mohammedaner in der Frühe sicher sein konnte, nicht abends von den Tyrannen ermordet zu werden, fragte ich ihn, ob denn nicht Dankbarkeit gegen die Engländer in der Bevölkerung vorhanden sei, für die Ruhe, Ordnung und Sicherheit, welche überall im Lande jetzt herrsche, für den Wohlstand und den wunderbaren Aufschwung, den das Land in dieser kurzen Zeit genommen, sowie für 134 den Schutz der persönlichen Freiheit und des Rechtes, welcher unter englischer Oberhoheit auch dem niedrigsten Sudanesen zuteil würde? „Nicht im geringsten", ant¬ wortete mir Pater Ohrwalder, „von Dankbarkeit ist hier gar keine Spur, und w'enn es darauf ankäme, so würde die ganze Bevölkerung wie ein Mann die Vertreibung der Engländer, respektive der Ägypter, und die Wieder¬ herstellung des ,Mahdistischen Regimes' unterstützen." Pater Ohrwalder ist ein Tiroler von Geburt, was aus seiner Aussprache deutlich zu erkennen ist. Wir Österreicher können auf diesen Landsmann stolz sein. Eine Nacht stand ich um 3 Uhr auf, um das „Kreuz des Südens" zu sehen, welches nur gegen Morgen am südlichen Horizont sichtbar ist. Die Nacht war lau, es krähten in der Ferne schon da und dort die Hähne, die Grillen zirpten, die Luft war voll Düfte tropischer Gewächse, am Himmel stand das schöne glänzende Stern¬ bild, das Zeichen des Heiles der Menschheit. Es war ein sehr ergreifender Anblick. Endlich kam der Tag der Abreise! Khartoum war sehr heiß gewesen, die Entfernungen sehr groß, die Be¬ förderungsmittel mangelhaft und primitiv, was mir bei meinem Unwohlsein recht peinlich war, und so war ich froh, gegen Kairo zu fahren, wo ich kühleres Wetter und Genesung zu finden hoffte. Schon in Wadi Halfa Wal¬ es viel kühler und in Kairo fand ich eine ganz europäische Temperatur. Mit der Gesundheit ging es jedoch nicht so, wie ich gehofft hatte. Zwar versprach mir Dr. T., der italie¬ nische Hausarzt meines Freundes S., dessen Gastfreund¬ schaft ich genoß, daß das Leiden eine Kleinigkeit sei. 135 welche bald behoben sein werde, trotzdem kurierte ich so über drei Wochen herum ohne Erfolg. Nun brachte mir Dr. T. seinen Kollegen, den Chirurgen Professor G., dieser erklärte, ich müsse mich einer Operation unter¬ ziehen. Damit war ich einverstanden unter der Bedin¬ gung, daß es in einem Spital und unter Chloroform- Narkose geschehe. Wir haben in Kairo zwar ein sehr gutes österreichisches Spital, da ich jedoch schon in den Händen italienischer Ärzte war, zu denen ich Vertrauen hatte, so wurde beschlossen, daß ich mich im italienischen Spital operieren lassen würde. Dr. T. meinte, ich könnte wahrscheinlich gleich nach der Operation, nach einigen Stunden Ruhe in das Haus S.s zurückkehren, anstatt dessen mußte ich über einen Monat im Spital bleiben! Das Übel war ein ernsteres als man geahnt hatte, die Operation eine recht schwere und die Heilung infolge¬ dessen eine sehr langsame! Das war nun der Winteraufenthalt in Kairo, auf den ich mich so sehr gefreut hatte! Ganz anders war er ausgefallen und doch, hätte ich im voraus geahnt, wie es kommen sollte, ich hätte mich doppelt darauf freuen sollen und mit mehr Recht, denn die Früchte dieses Leidenmonates für Herz und Geist waren weit größere, als wenn ich anstatt dessen alles, was mir Kunst, Wissen¬ schaft und Geselligkeit der ägyptischen Hauptstadt bieten, genossen hätte. Selbst leiden läutert die Seele und erweckt Mit¬ leid für das Leiden anderer. Der Einblick in das mensch¬ liche Elend, den ich im Spital bekam, zeigte mir die Nichtigkeit des menschlichen Lebens und der mensch¬ lichen Freuden deutlicher als die beste Predigt oder das 136 beste Andachtsbuch. Ich war noch nie in einem Spital gewesen, nun lebte ich, selbst schwer leidend, umgeben von Krankheit und Tod! Das italienische Spital liegt am äußersten Ende der Vorstadt Abassieh, eigentlich schon in der Wüste. Es ist erst vier Jahre alt, besteht aus vier größeren Pavillons, umgeben von einem ziemlich geräumigen Garten. Für mich war der östliche Flügel des vorderen Traktes hergerichtet worden: ein Zimmer für mich, da¬ neben eines für meinen Diener, davor eine Veranda mit Treppe nach dem Garten. Jenseits des Gartens die gelbe Wüste, im Hintergründe der Djebel Achmar oder „Rote Berg". Die farbigen Adjektiva in der Natur sind gewöhn¬ lich unrichtig: Das Weiße, Schwarze und Rote Meer ist weder weiß, noch schwarz, noch rot, der Blaue Nil und die blaue Donau find nicht blau, der Weiße Nil ist nicht weiß und „tlls Aoläsn (lutk" ist nicht golden, aber der Djebel Achmar ist wirklich rot. Freilich nicht wie ein Osterei, aber dunkel purpurn und das nicht nur im Glanze der untergehenden ägyptischen Sonne, sondern auch in der vollen Beleuchtung der leider in Kairo immer häufiger werdenden umwölkten Tage mit grauer Beleuchtung. Vom Garten aus erblickt man in der Ferne gegen Nordost die neuerstehende Stadt Heliopolis (Les Oafis), gegen Südwest die Gräber der Kalifen und weiter hin das Mokattamgebirge mit der Zitadelle und den schlanken Minaretts der Moschee Mohammed Ali. Im Spital wurde ich von der Oberin Suor Pia empfangen, einer würdevollen, jüngeren Frau mit edlen Gesichtszügen und wohlwollendem Ausdruck. Die Pflege 137 der Kranken des italienischen Spitals ist den Schwestern der zentralafrikanischen Mission „Suore della Negrizia" anvertraut. Sie sehen in ihrer kleidsamen schwarzen Tracht mit roten Knöpfen und dem wallenden schwarzen Schleier mit weißem Rande um das Gesicht sehr gut aus und sind wahre Engel des Himmels. Nachdem das Spital zumeist von Juden und „Freidenkern" gegründet und geleitet ist, so hatten die guten Schwestern anfangs einen schweren Stand, doch die Ärzte, die nicht gerade anti¬ religiös sind und ihnen Wohlwollen, nahmen sie in Schutz, und der Generalkonsul, der zufällig christlich ge¬ sinnt war, verhinderte, daß sie vertrieben wurden. Zu meiner speziellen Pflege wurde Schwester Anna bestimmt, eine junge, hübsche, sympathische Person, immer heiter und immer geduldig. Von der Operation weiß ich, dank dem Chloroform, nichts. Als ich aufwachte, lag ich bereits in meinem Bett, umgeben von meinem Freunde S., meinem Diener Johann, den Doktoren und der Schwester. Die Schmerzen waren mäßig und das Chloroform hatte ich so gut vertragen, daß ich sofort nach Kaffee, den man mir morgens vorenthalten hatte, und nach einer Zigarette verlangte, doch wurde mein Wunsch erst gegen Abend erfüllt. Nun kam für mich eine schmerzvolle Zeit: Außer den Leiden, die mir selbst beschieden waren, lebte ich die Qualen der übrigen Insassen des Spitals mit. Wenn man leidet, so ist die Zeit damit genügend ausgefüllt und braucht man nicht um 'Beschäftigung zu sorgen. Meine erste Nacht nach der Operation war eine sehr un¬ ruhige, ich konnte nicht schlafen, hatte heftige Schmerzen 138 und nur infolge Morphiumeinspritzung konnte ich ein paar Stunden Ruhe finden. So verging noch manche Nacht recht ruhelos. Die Einspritzungen ließ ich mir nur dreimal machen, sie verschafften mir zwar herrliche Stunden der Ruhe und des Wohlseins, aber ich wollte mich nicht daran gewöhnen. Während dieser schweren Nächte lernte ich die Schwester, die den Nachtdienst hatte, kennen und schätzen. Sie hieß Suor Giuseppina, war ganz klein und zart. Während der ersten Nächte kam sie fast jede Stunde nachsehen, wie es mir ging, reichte mir Getränke, sprach mir Trost zu, ermahnte mich zur Geduld, und wenn nichts half, machte sie mir eine Morphiumeinspritzung. Dieses kleine, schwächliche Geschöpf hatte bereits seit zwanzig Monaten den Nachtdienst, von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh. Während dieser Zeit war ihr die ganze Obhut über das Spital, in welchem oft über 70 Kranke lagen, anvertraut. Unter diesen Kranken waren Araber, heißblütige Italiener, die sich mit der Schwester grob und herausfordernd benahmen, Sterbende, Fieber¬ kranke, die im Delirium heftig wurden, aufstanden, das Haus verlassen wollten, und mit allen wurde sie fertig. Die ganze Nacht wanderte sie so durch die langen fin-- steren Gänge und Treppen des Spitals ohne ein Gefühl der Angst und Ermüdung, immer geduldig und heiter, aus Liebe zu Gott ihre schwere Pflicht erfüllend! Gegen 6 Uhr morgens wohnte sie mit den anderen Schwestern der heiligen Messe bei, empfing die heilige Kommunion, dann mußte sie in Begleitung eines arabi¬ schen Dieners in die Stadt einkausen gehen, dann hatte sie mit der Wäsche zu tun, die ihrer Obsorge anvertraut 13S war, und endlich um 2 Uhr durfte sie an Ruhe denken, die ihr nun bis 9 Uhr abends gestattet war. Eine Nacht, als ich nicht schlafen konnte, sprach ich mit Suor Giu¬ seppina über den Tod, ein Gesprächsthema, welches natür¬ lich im Spital voll Aktualität ist. Sie sagte mir, sie sei jederzeit bereit, mit Freuden zu folgen, wenn Gott sie rufen sollte, wolle aber anderseits auch gerne noch hun¬ dert Jahre den Nachtdienst im Spital weiter versehen. „Auch sofort, heute Nacht, bin ich bereit, zu sterben! Doch nein," verbesserte sie sich, „doch lieber morgen früh, denn wer würde die Schwestern zur heiligen Messe und Kommunion wecken und wer würde den Rest der Nacht nach meinen Kranken sehen! Und einer ruft mich bestän¬ dig und ich muß jetzt zu ihm!" Es war ein junger Mensch von 25 Jahren, im letzten Stadium einer unheilbaren Krankheit. Er war ganz gelähmt und litt doch an seinen gelähmten Gliedern große Schmerzen. Jede Lage war ihm nach kurzer Zeit schmerzvoll und unbequem und nur die Schwester konnte ihn Halbwegs bequem zurecht legen, doch nur auf kurze Zeit, dann rief er: „Sorella, So- rella!", bis die Schwester kam und ihn anders legte. Er wußte, daß er sterben müsse und war ganz ergeben. Seine Mutter, die ihn besuchte und an seinem Bette weinte, tröstete er: es sei ja das Beste für ihn zu sterben, er sei doch für nichts mehr gut, da werde er von allen Leiden erlöst sein in der himmlischen Glückseligkeit! Nach mehreren Tagen hörte ich bei Tag und bei Nacht seinen Ruf: „Sorella, Sorella!", dann etwas seltener und schwächer, dann gar nicht mehr und ich erfuhr, daß er hinübergeschlummert sei, mit dem Rufe: „Sorella, Sorella!" auf den Lippen! 140 Der Operationssaal war nicht weit von meinem Zimmer und ich konnte alles verfolgen, was dort geschah, und das Jammern und Schreien der Operierten oder Behandelten hören. Oft, wenn ich in den Operations¬ saal zur täglichen Behandlung kam, sah es darin wie aus einem Schlachtfelde aus, blutige Instrumente lagen herum, überall Blutspuren, die man noch nicht Zeit gehabt hatte, zu entfernen. Ein gewisser Eimer, der, wenn große Operationen vorangegangen waren, mit blutiger Gaze, Baumwolle und Stücken menschlichen Fleisches gefüllt war, machte mich erschaudern, zog aber trotzdem immer meine Blicke auf sich. Der Krankenwärter Antonio war der Spaßvogel der Anstalt. Er war ein braver, junger Mensch von un¬ gewöhnlicher Kraft. Wie ein Kind konnte er mich auf den Operationstisch heben. An Sonn- und Feiertagen mini¬ strierte er bei der heiligen Messe in der Kapelle, abends streifte er im Garten mit einer Pistole herum, um eine Turteltaube oder einen Mangoosh zu schießen. Für die düstere und tragische Seite des menschlichen Leidens und Sterbens hatte er absolut kein Verständnis, im Gegen¬ teil, Krankheit und Operationen schienen ihm einen Riesenspaß zu machen, denn er lachte über alles. Eines Tages, es war eben einer armen alten Frau ein Karzom operiert worden, ging ich an dem Operationssaal vor¬ über, wo er Putzte und reinigte. Er winkte mir lachend hinein und lüftete ein Tuch, unter dem ein schrecklicher blutiger Haufen lag. Es wär das Neugebilde, welches der unglücklichen Frau operiert worden war. Entsetzt schau¬ derte ich zurück, Antonio aber schüttelte sich vor Lachen, als hätte es sich um den besten Witz gehandelt. Einmal 141 frug ich nach einem Krankem von dem ich nichts mehr hörte: „Er ist gestern gestorben/' sagte er mir und lachte aus vollem Halse. Dabei konnte niemand eine Wunde so zart und schmerzlos behandeln, wie er es mit seinen derben Riesenhänden tat. Ein liebes, hübsches kleines Mädchen von drei bis vier Jahren erweckte mein besonderes Mitleid: es war ein Kind von italienisch-jüdischen Eltern. Die Mutter war ausgegangen und hatte das Kind unter der Obhut der Großmutter gelassen. Es spielte mit seinen Geschwi¬ stern vor dem Hause auf der Straße mit Kügelchen, ein Dienstbote sollte die Kinder beaufsichtigen. Ein Kügelchen rollte in das Geleise der elektrischen Tramway, und ehe man es daran hindern konnte, lief das Kind hin, um sein Kügelchen zu holen, gerade in dem Moment, als der Tramwaywagen heranfuhr. Es konnte nicht beizeiten gebremst werden, das Kind wurde überfahren und trug schwere Beschädigungen an der Hand und am Kopfe da¬ von. Die linke Hand mußte ihm amputiert werden, doch der Kopf wollte nicht heilen. Ich hörte das arme Kind bei der Behandlung stets heulen, es hatte immer hohes Fieber, wollte nichts essen und endlich nach einem Monat entschlossen sich die Ärzte zur Trepanation, da anzunehmen war, daß Ablagerungen von Eiter am Gehirn drückten. Die Operation gelang gut, jedoch reiste ich darauf ab und erfuhr nicht, ob das Kind gerettet werden konnte. Nach einer Woche konnte ich anfangen zu essen und ein bißchen im Garten zu spazieren. Was für jammer¬ volle Gestalten mir da begegneten! Unter anderen fiel mir eine alte Frau von kolossalem Umfange auf. Sie sah aus wie gewisse Figuren im Zirkus oder in Pantomimen, 142 ganz aufgebläht und ausgepolstert. Sie wäre mir unge¬ mein grotesk erschienen, wenn ich nicht erfahren hätte, daß sie schwer leidend mit Zuckerkrankheit sei. Am Nachmittage des dritten Tages meines Auf¬ enthaltes im Spital hörte ich plötzlich ungewohntes Leben in den Gängen, Hin- und Hergehen, laute Stim¬ men, Ächzen und Stöhnen. Ich frug nach der Ursache und erfuhr, daß bei dem heute stattgefundenen Automobil¬ rennen bei Heliopolis ein großes Unglück geschehen sei: 3 Tote, 17 Verwundete! Die Sache hatte sich folgender¬ maßen zugetragen: Beim dritten oder vierten Rennen war aus dem ersten Wagen, gleich nachdem er die Tri¬ büne Passiert hatte, ein Polster auf die Bahn gefallen. Ein Tschauisch (Polizeiwachmann) stand in der Nähe; es wurde ein Ruf laut: „Heb ihn auf!" und von anderer Seite: „Bleib ruhig! Achtung!" Der Tschauisch zauderte einen Augenblick, dann eilte er vor, um den Polster mit dem Fuße wegzustoßen. In demselben Moment aber sauste der nächste Wagen mit einer Geschwindigkeit von 80 bis 90 Kilometern heran. Der Chauffeur wollte dem Tschauisch ausweichen und gegen rechts fahren, doch es Ivar zu spät, der Unglückliche wurde auf die Seite ge¬ schleudert und fiel mit gebrochenem Rückgrat nieder. Der Wagen jedoch, der einen zu starken Impuls nach rechts erhalten hatte, fuhr direkt in die Menge der Zuschauer hinein, zerbrach die schwachen Schranken und richtete einen heillosen Schaden an. Es war ein blutiger Knäuel von Toten und Verwundeten, welch letztere sofort in die nächstliegenden Spitäler transportiert wurden. Einer derjenigen, welche in das italienische Spital gebracht wurden, war ein griechischer Chauffeur namens 143 Manoli, 19 Jahre alt. Er hatte schwere Verletzungen er¬ litten. Es wurden sofort Ärzte requiriert, welche den Unglücklichen operierten. Ich hörte ihn lange fürchterlich schreien, doch war er nicht zu retten und starb nach ein Paar Stunden. Mein Freund S. besuchte mich trotz der großen Entfernung täglich und war überhaupt von rührender Güte und Teilnahme. Auch mein Jugendfreund v. G. kam mich' mehrmals besuchen. Dann kamen auch einige Franziskaner aus Kairo, mit denen ich gut bekannt war. Padre Domenico Francesconi der zentralafrikani¬ schen Mission, der fast täglich im Spital die heilige Messe las, kam auch öfters auf ein Plauderstündchen, was mir sehr wohl tat, denn er ist ein wahrer Mann Gottes, schlicht, demütig, eifrig und ergeben. Nach jedem seiner Besuche fühlte ich mich getröstet und beruhigt. Mit der Lektüre ging es mir etwas schlecht und ward es mir schwer, etwas zu finden, was zu meiner gegenwärtigen Stimmung paßte. Wissenschaftliche Bücher ermüdeten mich, Philosophie mißfiel mir, mit traurigen Erzählungen meine ohnehin nicht rosige Stimmung zu verdüstern, war gerade nicht notwendig und Ro¬ mane und leichtsinnige Bücher verursachten mir Ekel. Wie selten sind doch gute, heitere, gesunde Bücher! Wer solche schreibt, ist ein Wohltäter der Menschheit zu nennen! Die Abende waren etwas mühsam. Zwar las mir Johann aufopferungsvoll stundenlang vor, aber ich mußte wegen der Wärme die Fenster offen lassen und es flogen, vom Lichte angezogen, unzählige Gelsen herein, die er¬ bärmlich stachen. 144 Die gute Schwester Anna kam oft auf einen kleinen Plausch. Es war rührend, wie dieses hübsche junge Ge¬ schöpf, welches dem Alter nach meine Tochter sein könnte, mich zur Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes ermutigte. Wie lieb und überzeugend wußte sie zu sprechen und mit welcher Opferfreudigeit sie der Welt und was sie bietet, entsagt hatte. Man sah, es war bei ihr nicht Enttäuschung des Lebens, sondern echte, wahre Vokation gewesen. Den Dienst im Operationssaale hatte außer An¬ tonio die Schwester Anna Maria, eine ältere, kräftige, energische Schwester mit mütterlich mitleidsvollem Wesen. Die vielen gräßlichen Leiden, die sie täglich, ja stündlich unter den Augen hatte, waren nicht imstande gewesen, ihr weiches Herz gegen das Mitgefühl mit den menschlichen Leiden zu stählen. Am Tage Mariä Verkündigung fühlte ich mich bereits wohl genug, um dem Segen um 2s4 Uhr nach¬ mittags in der Kapelle beizuwohnen. Außer den zehn Schwestern waren da alle Kranken versammelt, welche das Zimmer verlassen konnten. Die Kapelle war ganz voll, die Schwestern sangen wunderhübsch. Ich war zwar noch recht schwach, doch fühlte ich die Gesundheit all¬ mählich wiederkehren und die heilige Handlung ergriff mich ungemein. Die Griechen bauen sich in nächster Nähe des ita¬ lienischen Spitales ein geräumiges Krankenhaus nach allen Anforderungen der Neuzeit, es ist jedoch noch nicht vollendet und sind vorderhand noch viele griechische Pa¬ tienten im italienischen Spitale untergebracht. 14S Auch zahlreiche Araber werden im italienischen Spitale gepflegt, diese konnten mir die Ärzte als Pa¬ tienten nicht genug loben: sie vertragen die schwersten Operationen und die größten Schmerzen ohne zu schreien, ohne zu jammern, ohne zu murren: Es ist Allahs Wille und hat so kommen müssen, Allahs Name sei gelobt und gepriesen! Wie man sie ins Bett legt, so bleiben sie, so lange es verlangt wird, ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu verlieren und sind so gesunde Naturen, daß die gräßlichsten Wunden in überraschend kurzer Zeit bei ihnen heilen. Ein italienischer Unternehmer, Besitzer einer großen Tischlereiwerkstätte, hatte im Spital eine Lungenentzün¬ dung durchgemacht. Diese Zeit benützte sein Geschäfts¬ leiter, um zu entfliehen und ihm 9000 Pfund zu ver¬ untreuen. Der arme Mann wollte heimkehren, um seine Verhältnisse zu ordnen, doch ward er daran gehindert durch drei Abszesse, welche sich in Zwischenräumen von acht Tagen bildeten und operiert werden mußten. Ein anderer Herr, der neben mir wohnte, hatte sich einer Operation des Blinddarmes unterzogen. Man hatte ihm den Unterleib mit einer Alipineinspritzung unemp¬ findlich gemacht, jedoch behauptete er, trotzdem große Schmerzen empfunden zu haben. Überdies konnte er alles sehen, was mit ihm vorgenommen wurde, wie ihm das Eingeweide herausgenommen und wieder hineingelegt wurde, was auf ihn einen schrecklichen Eindruck machte. Er fürchtete sehr den Tod, da er eine zahlreiche Familie, welche ganz auf ihn angewiesen war, mittellos hinter¬ lassen würde. Schwester Anna tröstete ihn mit der Ver¬ sicherung, daß infolge dieser Operation fast nie jemand 10 146 sterbe. Darauf wollte er, sie solle ihm schwören, daß er nicht sterben werde, was sie natürlich nicht tun konnte. Ich hatte die Freude, diesen Herrn nach relativ kurzer Zeit vollkommen hergestellt von dannen ziehen zu sehen. Der Sonntag war großer Besuchstag und schien sich da zwischen 3 und 5 Uhr die ganze italienische Kolonie im Spital Rendezvous gegeben zu haben. Im Garten spielten die Kinder, jung und alt spazierte herum und von den Krankensälen drang ein Stimmengesumme wie aus einem Bienenstock. Ein Kranker, wahrscheinlich ein angesehenes, besseres Mitglied der Kolonie, empfing an einem solchen Sonntagnachmittag an fünfzig Besuche, was am Tage nach einer ernsten Operation und mit starkem Fieber unmöglich zuträglich gewesen sein kann. Ich frug die Schwester, warum man das erlaube, sie sagte, die Besucher ließen sich absolut nicht abweisen und es sei unmöglich, diesen Zudrang zu verhindern. Eines Tages bezog eine Dame mit ihrer Tochter ein Zimmer im Spital. Es war eine Gräfin S. aus Rom. Sie war eine unglückliche Frau. Von ihrem Gatten verlassen, mit zahlreichen Kindern, war es ihr zwar gelungen, mit großer Energie bei ihren geringen Mitteln, indem sie sich mit literarischen Arbeiten einiges verdiente, ihre Kinder zu erziehen und zu versorgen, ohne die Hilfe ihrer vermöglichen Verwandten in An¬ spruch zu nehmen. Nun war nur noch ihr jüngstes Kind, eine Tochter von 19 Jahren, hübsch und fromm wie ein Engel, bei ihr, diese kränkelte schon seit vielen Jahren, sie hatte ein Lungenleiden, und die Ärzte in Italien hatten gesagt, ein Winter in Ägypten könne sie ganz Her¬ stellen. Die Mutter brachte dieses schwere Opfer und 147 reiste mit ihr nach Kairo, doch ihre Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch, das arme Kind wurde täglich schwächer, weigerte sich gegen Aufnahme jedweder Nahrung und stellte sich auch hochgradiges Fieber ein. Dr. T. bewog die Damen, ins Spital zu ziehen, um die Kranke genauer beobachten und intensiver behan¬ deln zu können. Er hoffte, in der Lunge Wasser zu finden, bei der Untersuchung jedoch erwies sich dieser letzte Hoffnungsschimmer als trügerisch. Die arme Mutter war ganz verzweifelt, das Mäd¬ chen dagegen blickte dem Tode ganz gefaßt und gott¬ ergeben ins Auge, nur wollte sie nicht in der Fremde sterben und sehnte sich darnach, noch einmal die Heimat und die Geschwister zu sehen. Am 2. April hatte ich in der Kapelle eine heilige Messe lesen lassen und die heilige Kommunion wurde vom Priester, begleitet von vier Kerzen tragenden Schwestern, der kleinen S. ins Zimmer getragen. Es war dem Dr. T. gelungen, das Fieber bis 38 Grad herunter zu bringen und die Mutter benützte diese leichte Besse¬ rung, um ihr Kind nach Hause zu bringen. Ob es wohl daheim angelangt ist und seine Geschwister wieder ge¬ sehen hat? Je mehr sich mein Zustand besserte, desto mehr mußte ich Bewegung machen, um wieder Eßlust und Kräfte zu bekommen. Anfangs erstreckten sich meine Spaziergänge auf die nächste Umgebung des Spitals, doch hatte die Industrie und der sogenannte Fortschritt und Aufschwung Ägyptens auch diesen Wüstenstrich be¬ reits lärmend, schmutzig und unleidlich gemacht. Unweit des Spitals war schon eine Zementfabrik und eine Fabrik io* 148 feuerfester Ziegel entstanden, weiter wurde eben ein Eisenwerk eingerichtet. Der Lärm der Tramway und das Pfeifen der Eisenbahn tönte beständig aus nächster Nähe, und den ganzen Tag zogen endlose Reihen von Kamelen an der Gartenmauer vorüber, welche von den Stein- Lrüchen am Fuße des Djebel Achmar für die zahlreichen Neubauten der Stadt Steine auf ihren Rücken angebun¬ den herbeischleppen. Ein höchst langsames, primitives Beförderungsmittel! Nun war ich bereits so weit hergestellt, um täglich in die Stadt fahren zu können, meine Freunde zu be¬ suchen, in den Bazar zu gehen,um noch vor meiner Abreise einige Einkäufe zu besorgen und endlich kam der Moment, wo mir Professor G. nach endgültiger genauer Unter¬ suchung erklärte, ich könne ohne Gefahr die Rückreise nach Europa antreten. Genau einen Monat, nachdem ich in das Spital gezogen war, verließ ich es wieder. Frei¬ lich war ich glücklich, endlich wieder heimzufahren, und Gott vom ganzen Herzen dankbar für meine Genesung, aber der Abschied von dem Orte, an dem ich leiden und dulden gelernt hatte, wurde mir nicht ganz leicht. Hier hatte ich Gottes Hand schwer auf mir lasten gefühlt, hier hatte ich mich in Seinen Willen ergeben müssen und hier hatte ich nun auch Seine Güte und Milde erfahren. Die Leiden der Menschen hatten mich hier umgeben, Krankheit und Tod waren meine Genossen Tag und Nacht gewesen und da lernt man das Leben mit ganz anderen Augen ansehen. Wie nichtig kamen mir nun 149 die Leiden, Freuden und Sorgen und Unterhaltungen vor, die mein Leben bisher erfüllt hatten, und wie prekär erschien mir nun Leben, Gesundheit und Glück! Alles Illusionen! Nun noch herzlichsten Abschied genommen von den Ärzten, vom Personale des Spitals, von meinem Zim- merchen, meiner Veranda, wo ich so viele Stunden ge¬ legen war, von dem Garten, dessen Blumen mein Zimmer geschmückt hatten, vom Djebel Achmar und von den lieben Schwestern, Liesen Engeln in Frauengestalt, zurück ins Leben voll Illusionen und Enttäuschungen. IV. „Kccgion Hros" die Wönchsrrepubtik. Dienstag, den 4. Juni, sollte das Schiff der türki¬ schen Dampfschisfahrtsgesellschaft Maksusse um 4 Uhr nach dem Berge Athos (griechisch Hagion Oros) ab¬ dampfen, so war es in der Agentur angeschlagen. Das Schiff hieß „Kaplan", das heißt auf türkisch Tiger. Ich erwähne dies, um jedermann auf alle Zeiten zu warnen, jemals dieses Schiff zu benützen. Ich hatte zwar schon von der türkischen Schlamperei und Nonchalance viel gehört und selbst erfahren, aber da ich in Salonik nichts zu tun hatte und es mich sehr nach Hagion Oros drängte, so glaubte ich beinahe, näher dem Ziele meiner Reise zu sein, wenn ich mich auf das Schiff begebe, welches mich dorthin bringen sollte. Um halb 3 Uhr machte ich mich also auf den Weg, begleitet von meinem Dragoman und einem Konsulatskawassen. Es ist jedoch nicht so leicht, das türkische Festland zu verlassen. Trotz Kawassen, Teskere usw. mußten wir lange am sonnigen Meeresufer warten, bis man uns fortließ. Endlich nach 3 Uhr auf das Schiff angelangt, sahen wir, daß es mit der Abfahrt noch gute Wege hatte. Das Schiff selbst, ein alter, ehemals englischer Passagier¬ dampfer, nunmehr aber in einem unglaublich verwahr¬ losten Zustande, war ganz umgeben von Maonen (großen Barken), schwer beladen mit Tausenden und Tausenden ist von Petroleumkisten und allen möglichen anderen Waren, welche alle noch verladen werden mußten. Da hieß es also Geduld haben. Ich setzte mich auf die Kom¬ mandobrücke, wo der „Jmbatto" gerade angenehm wehte, nahm ein Buch zur Hand und . . . wartete. Doch als drei Stunden verstrichen waren, die riesigen Waren¬ ladungen der Maonen sich nicht zu vermindern schienen und immer noch weitere Maonen hinzukamen, wurde es mir doch zu arg, und ich begann ungeduldig zu werden, aber meine Ungeduld prallte ab an der türkischen Ruhe und Apathie. Wie langsam und ungeschickt die Waren verladen wurden, ist nicht zu beschreiben, die vier Krane alten Systems, verrostet und verwahrlost, wie alles auf diesem Schiffe, funktionierten recht mangelhaft und versagten oft ganz ihren Dienst. Die Sonne ging bereits unter und noch immer schienen die Warenberge in den Maonen nicht kleiner zu werden. Welche phantastische, alpdrückende Gestalt solche Tausende von Petroleumkisten annehmen können, versteht man gar nicht, wenn man in Ländern wohnt, wo die Schiffe zur festgesetzten Stunde abfahren und die Arbeit flink und pünktlich vor sich geht. Und was mich über alles in Wut versetzte, war die Gleich¬ gültigkeit und scheinbare Teilnahmslosigkeit der übrigen Passagiere. Allerdings war ihnen das Warten nicht angenehm und die unabsehbare Verspätung der Abreise höchst un¬ willkommen, aber keinem fiel es ein, heftig zu werden und aufzubegehren, wie ich es tat, es war eben „Kis- meth" und wurde mit Stoizismus getragen. Besonders aufgebracht war ich über meinen Dragoman, einen Öfter- 155 reicher, weil er nicht in meine Wutausbrüche einstimmte, aber er war eben auch schon durch langjähriges Leben im Oriente vom allgemeinen „Kes" angesteckt. Gegen halb 9 Uhr kam der Agent der Dampfschiff¬ fahrtsgesellschaft zu mir und erklärte, man könne mit dem Verladen nicht fertig werden und würde erst am nächsten Morgen gegen halb 10 Uhr abfahren, und dabei blieb es. Auf meine heftigen Bemerkungen über die sinnlose Art der Verladung der Waren zuckte er nur mit den Achseln, als ob das nicht seine Sache sei. Und nun, was tun! Nach Salonik zurückkehren, wo ich nichts zu tun hatte, mich dem Spotte meiner Bekannten aus dem Konsularkorps aussetzen, die es im Grunde ihres Herzens gewiß recht lächerlich sanden, daß ich mich so weit bemühte und so vielen Unbequemlich¬ keiten aussetzte, nur um einige alte, von Waldungen um¬ gebene Klöster zu besuchen; alle Schwierigkeiten mit den Zoll- und Polizeibehörden noch zweimal durchmachen und diesmal noch ohne Kawassen mein ganzes Gepäck ans Land und den nächsten Morgen wieder aufs Schiff schaffen, die damit verbundenen Auslagen und last bat not lsast: noch einmal die Couplets und Chansonetten im Restaurantgarten des Hotels „Colombo" anhören, die ich bereits auswendig kannte! Alles dies war mir zuviel des Guten, und ich beschloß, auf dem Schiffe zu übernachten. Vielleicht spielte auch dabei die recht törichte Hoffnung mit, daß, wenn alles verladen sein werde, das Schiff vielleicht doch früher abfahren würde. Obwohl das Schiff mit Passagieren recht schwach besetzt war, konnte ich es nicht erreichen, eine Kabine für mich allein zu haben. Außer meinem Dragoman, der auch 156 in meine Kabine einquartiert wurde, diente der eine Diwan in derselben auch den Dienern der ersten Klasse des Schiffes als Schlafstätte, welche abwechselnd darauf den beneidenswerten Schlaf des geborenen, kein Un¬ geziefer mehr fürchtenden Schmutzfinks schliefen. In allen Kabinen des Schiffes herrschte eine drückende Hitze und war keine Möglichkeit vorhanden, außer zwei kleinen Luken, die zur Erneuerung der Luft ganz ungenügend waren, irgend etwas zu öffnen. Ich hatte seit Mittag nichts gegessen und Proviant mit¬ genommen; darunter befanden sich harte Eier in einem Papiersack, wie ich dieselben aber aus meiner Kabine holte, fand ich, daß Mäuse den Sack durchgenagt und eines der Eier ganz aufgefressen hatten. Ebenso hatten sie in einen Laib Brot ein großes Loch hineingefressen. Wir nachtmalten frugal mit dem, was die Mäuse uns übrig gelassen hatten, und nun trat die Frage des Schlafengehens an mich heran. In meiner Kabine wollte ich nicht verweilen, da jedesmal, wenn man mit dem Lichte hineintrat, alles darin von Mäusen lebendig wurde, auch ekelte mich die Nachbarschaft des den Dienern geweihten Diwans. Am liebsten hätte ich mir auf der Kommandobrücke ein Lager, so gut es ging, hergerichtet, denn unten war die Schwüle geradezu unerträglich. Dies verwehrte mir jedoch ein freundlicher alter türkischer Militärarzt, der ganz Passabel französisch sprach und mit seinem Harem nach Konstantinopel fuhr — er meinte, ich könne mich erkälten und Fieber bekommen; so entschloß ich mich denn, auf einem der Diwans des „Salons" zu übernachten. Mein Dragoman folgte meinem Beispiele; außerdem 1S7 schliefen noch im Salon der türkische Arzt und ein griechisches Mädchen, das mit rührender Hingebung seine scheinbar totkranke Mutter Pflegte. Man stelle sich nun vor, draußen das beständige Rasseln der Ketten der Krane, die immer weiter arbeiteten, im Salon das Quitschen der Ratten und Mäuse und das Wimmern der armen alten Frau, die unter der immer ärger wer¬ denden Schwüle furchtbar litt; dies alles war nicht zum Schlafen einladend. Der Salon selbst erzählte von vergangener Pracht, alles mit grünem Wollsamt tapeziert, auf allen Seiten Spiegel, Vergoldungen, Palisander- und Mahagoniholz, aber in welchem Zustande. Unbeschreiblich! Und von dem Schmutz macht sich nur derjenige eine Idee, der im Orient gereist ist. Trotzdem legte ich mich nieder, nach¬ dem ich meinen Diwan mit einem Plaid bedeckt und reichlich mit Insektenpulver bestreut hatte, aber vergeb¬ lich, denn nach kurzer Zeit begannen die Wanzen ihre Arbeit. Wenn es zu arg wurde, mußte ich aufspringen und einen Vernichtungskrieg unternehmen, aber ich sah mich immer neuen Feinden gegenüber. Schließlich über¬ mannte mich doch die Müdigkeit, und ich schlief ein. Gegen 6 Uhr erwachte ich mit geschwollenem Auge, ge¬ schwollener Nase, Beulen am Halse und dem schrecklichen Bewußtsein, noch immer im Hafen von Salonik und um keinen Schritt dem Ziele meiner Reise näher gekommen zu sein. Trotzdem sämtliche Waren gegen 1 Uhr nachts be¬ reits verladen waren, regte sich nichts auf dem Schiffe; noch keine Spur von Vorbereitungen zur Abfahrt. Der alte Militärarzt und einige Türken vom Bord begaben 158 sich ans Land, um Einkäufe zu besorgen. Verkäufer aus Salonik kamen an Bord mit Erfrischungen, und aller- wärts dieselbe Gleichgültigkeit und Indolenz. Da be¬ mächtigte sich meiner eine wahre Verzweiflung: Wer weiß, ob wir auch heute noch abreisen würden? Eine zweite Nacht in diesem Wanzen- und Rattenheim wollte ich um keinen Preis mehr zubringen. „Eine schöne Ver¬ gnügungsreise!" dachte ich. Der mir für Hagion Oros vergönnte Zeitraum wurde auch immer kürzer, und fast hätte ich diesen ganzen Ausflug, über den ein böser Stern zu walten schien, aufgegeben und wäre mit dem nächsten-Dampfer nach Athen zurückgekehrt, da erinnerte ich mich des Ausspruches meiner verehrten Freundin Mmme. A. V., als ich auf eine solche Möglichkeit an¬ spielte: „vous N6 ksi-62 PAS tzA., 66 86rA.it uns borat«", und ich blieb. Um halb 9 Uhr kam endlich der Agent der Gesell¬ schaft wieder an Bord. Ich stürzte auf ihn zu, beschimpfte sein Schiff „o'ost rms ooolloimei-ik" und verlangte Auf¬ klärung, warum wir von 1 Uhr nachts bis 9 Uhr morgens untätig bleiben mußten, wo man doch in aller Frühe hätten abreisen können; doch da prallte ich wieder an der Mauer des orientalischen Gleichmutes ab; der Agent zuckte mit den Achseln, lächelte bedauernd verbind¬ lich, als ob ihn das alles nichts angehe, und dabei blieb es. Endlich um halb 10 Uhr, 18sch Stunden nach meiner Ankunft an Bord, lichtete der Dampfer die Anker, und wir dampften ab. Da mit einem Zauberschlage verließ mich das Ge¬ fühl der Verzweiflung, das sich meiner bemächtigt hatte. 159 Ich sah alles in rosigem Lichte, war ich ja doch auf dem Wege zu meinem Reiseziele und nicht zur Untätig¬ keit verbannt. Nun bemerkte ich wieder die Schönheit der Bucht von Salonik mit dem Olymp, der gerade aus den Wolken hervorgetreten war, und wandte auch meinen Reisegefährten mehr Interesse zu. Mit Ausnahme von mir, meinem Dragoman, den griechischen Damen und einem Albanesen waren ausschließlich Türken an Bord, Kapitän, Bemannung und Passagiere, doch hatte ich nicht einen Moment das Gefühl, mitten unter Ange¬ hörigen einer feindlich gesinnten Bevölkerung zu sein. Äald nachdem wir die Bai von Salonik verlassen und das Kap Tusla umschifft hatten, begann man den hei¬ ligen Berg in der Ferne zu unterscheiden, aber ganz weit, weit, in Nebel gehüllt, und wie eine Fata Morgana. Das Wetter war eher trübe, so wie ich überhaupt wäh¬ rend meiner ganzen Reise keinen ganz wolkenlosen Himmel sah. Dem verdanke ich auch, daß ich trotz der vorgerückten Jahreszeit gar nicht von der Hitze gelitten habe. Auch regnete es täglich wenigstens einmal, doch zum Glück immer zu Zeiten, wo ich mich unter Dach und Fach be¬ fand und es mich durchaus nicht störte. Den ganzen Tag an Bord, nährte ich mich und meinen Dragoman aus¬ schließlich von meinem mitgebrachten Proviant. Nachmittags wurde ich wieder auf das Verdeck ge¬ rufen, um den Berg Athos näher zu sehen, und da er¬ blickte ich ein bezauberndes Bild: Wir fuhren eben beim Golf von Kassandra vorüber, hinter uns die Halbinsel Kassandra, freundlich und fruchtbar, links in weiter 160 Ferne die klassischen Formen der Berge von Chalkidike, vor uns die Halbinsel Longos mit ihren schroffem steil ins Meer abfallenden Felsem und hinter Longos, das¬ selbe mächtig überragend, der heilige Berg in seiner ganzen Majestät, einer gigantischen Pyramide gleich, der Gipfel mit einer Wolkenkappe bedeckt, das Ganze von den durch Wolken brechenden Strahlen der Abendsonne beleuchtet! Da vergaß ich Wanzen, Mäuse, Ratten, die Mühen der Reise, den Arger des Wartens, den Schmutz des Schiffes, kurz alle kleinen Miseren der letzten vier¬ undzwanzig Stunden, ganz versunken in die Schönheit des sich mir darbietenden Bildes und in freudiger Er¬ wartung idealer Kunst- und Naturgenüsse, die meiner harrten. Erst gegen 10 Uhr abends liefen wir in der Bucht von Daphne ein. Das ganze Athosgebiet lag in tiefer Stille da; es war ganz dunkel geworden und nur der Schimmer des bald aufgehenden Mondes ließ die Umrisse der Halbinsel Athos erkennen. Einzelne Lichter am Ufer und auf der Höhe der Berge ließen die Stellen erraten, wo sich Klöster und Einsiedeleien befanden, aber wie sich das Schiff dem heiligen Berge näherte, wehten uns vom Lande die süßesten Wohlgerüche entgegen. Es war ein Gemisch von südlichem Nadelwaldgeruch, Traubenblüten und Duft des griechischen Blumenhonigs, der ganz be¬ zaubernd wirkte und die üppige Vegetation ahnen ließ, die uns die Finsternis verhüllte. Am Ufer wurde es unterdessen lebendig, einige Barken glitten wie Ge¬ spenster heran und Mönche, griechische und russische, kamen an Bord. 161 Nachdem ich herzlichen Abschied von den griechischen Damen und dem alten Türken genommen hatte, stieg ich mit Gepäck und Dragoman in ein Boot und fuhr ans Land. Da harrte meiner eine kleine Enttäuschung. Wegen der späten Stunde, es war bereits halb 12 Uhr gewor¬ den, konnte man keine Maultiere oder Pferde bekommen, um eines der Klöster zu erreichen, auch hätte uns kein Kloster zu so später Stunde ausgenommen, und so mußte ich mich wohl oder übel bequemen, die Nacht im Gast¬ hause in Daphne zuzubringen. Allerdings war es kein Gasthaus nach modernen europäischen Begriffen, son¬ dern eine Art Han oder Pilgerherberge; doch kränkte es mich, noch nicht die Gastfreundschaft der Klöster kennen lernen zu können. Ich schlief diese Nacht ziemlich schlecht, es juckte mich bedenklich; aber ich will nicht die Schuld daran dem Gasthause beimessen, denn wer weiß, was ich alles vom türkischen Schiffe mitgenommen haben mag. Donnerstag, 6. Juni. — Um 5 Uhr aufgewacht, stand ich bald auf und stürzte zum Fenster, von wo man den Golf von Hagion Oros, einen Teil der südwestlichen Küste des Athosgebietes mit den längs der Küste hin¬ gestreuten Klöstern Leropotamos, Rusfikon, Lenophon und Docheiarion erblickte. Es ist also doch wahr, endlich bin ich an das Ziel meiner Wünsche gelangt und trotz allen Zweifeln und Schwierigkeiten hatte ich meinen langjährigen Wunsch erreicht, Athos zu besuchen! — Die Ungeduld, nun bald mehr zu sehen, trieb mich an, mich rasch anzukleiden. Nachdem in meinem Zimmer keinerlei 11 162 Vorrichtung zum Waschen vorhanden war, mußte ich mich mit einer oberflächlichen Waschung bei der Wasser¬ leitung am Gange begnügen. Nun handelte es sich vor allem, nach Karyäs, dem Hauptstädtchen der Mönchsrepublik Athos, zu gelangen, um dem dort residierenden Kaimakan mein Empfehlungs¬ schreiben zu übergeben, dem heiligen Synod das Schrei¬ ben vom Metropoliten von Athen vorzulegen und dafür eine Zirkularempfehlung an alle athonischen Klöster zu erhalten, ohne welche ich in keinem Kloster empfangen werden und nichts sehen würde. Wir mieteten also Pferde und machten uns um halb 7 Uhr nach Karyäs auf. Der Weg bis Leropotamos war ganz entsetzlich, kaum ein Weg zu nennen, nur Fels und Geröll. Eine zweite kleine Enttäuschung war es mir auch, die Reise auf Pferden machen zu müssen; ich hatte mich auf Maultiere gefreut, da in diesen Gegenden Maultiere viel besser sind als Pferde und sie auch viel sicherer gehen. Das Pferd will gelenkt und geführt werden, angetrieben und zurück¬ gehalten, was auf Wegen, die man nicht kennt, und in Gegenden, deren Schönheit die ganze Aufmerksamkeit des Reiters in Anspruch nimmt, nicht immer leicht ist. Für jeden Fehltritt des Pferdes fühlt sich der Reiter verantwortlich. Bei dem Maultier ist es ganz anders; es strauchelt nicht, es fällt nie, ist nie erhitzt, nie müde, sucht sich die besten Stellen des Weges selbst aus und bei schwierigen und steilen Punkten ist es am besten, wenn man es ganz sich selbst überläßt und sich nicht anmaßt, 163 es führen zu wollen, was auch ganz unnötig wäre, denn es ginge doch nur nach seinem Kopf und seiner besseren Einsicht. Unterdessen kann man sich ganz frei und unge¬ stört der Bewunderung der Natur hingeben. Beim Kloster Leropotamos, an dessen Tor wir vor¬ überritten, wurde der Weg besser. Wie die meisten Wege im Athosgebiete, war er roh gepflastert. Auf der Höhe des Bergrückens angelangt, ritten wir beständig durch dichte Waldungen, die mich lebhaft an meine Wälder Unterkrains erinnerten. Je mehr wir uns Karyäs näher¬ ten, desto lieblicher wurde der Weg. Einmal ging er an einer Einsiedelei mit saftigen, grünen Wiesen vorüber, die ganz den Eindruck einer Alm im Hochgebirge machte. Endlich erschien eine Anzahl von reizenden Landhäusern, von Reben umrankt und von Wein-, Blumen- und Obst¬ gärten umgeben. Man sagte mir, es seien die Konaks der Repräsentanten der Hauptklöster bei der Zentralregie¬ rung in Karyäs. Dann gelangten wir in ein kleines, unregelmäßig gebautes Gäßchen mit Kaufläden, einem Seitengäßchen, von Athen oder Galata gleichend, es war Karyäs. Wir hatten den Weg hieher in zirka zweieinhalb Stunden zurückgelegt. Sofort ließ ich mich zum Kaimakan führen. Er war ein freundlicher alter Türke, der recht gut französisch sprach — und sogar französische Visitkarten besaß, worauf „Mehmed Husrev, Sous Gouverneur d'Aineros" stand. Diesem übergab ich meine Empfehlung vom Vali von Salonik, worauf Kaffee hereingebracht wurde. Beim il* 164 Kaimakan waren mehrere Mönche versammelt. Ich er¬ zählte den Herren meine Absicht, in dreieinhalb Tagen alle merkwürdigsten Punkte der Halbinsel zu besuchen, und entwarf mit Hilfe des Kaimakans auf einer Skizze der Halbinsel einen Reiseplan, wobei mir das Studium von Athlestan Rileys Buch sehr zustatten kam. Die an¬ wesenden Mönche verfolgten meine Aufzeichnungen mit dem lebhaftesten Interesse, behaupteten aber, es werde mir unmöglich sein, so vieles in so kurzer Zeit zu sehen. Um so größer ist nun meine Befriedigung, sagen zu können, daß ich mein damals festgesetztes Programm in allen Punkten eingehalten und noch überdies das Kloster Dyonisios besucht habe, was ich ursprünglich nicht vor hatte. Nun forderte mich der Kaimakan auf, ihm vor die versammelten Repräsentanten der Klöster zu folgen, und wir gingen in den Sitzungssaal, der in demselben Hause gelegen ist und einen ebenso einfachen, beinahe ärmlichen Eindruck macht, wie das ganze Gebäude und die Woh¬ nung des Kaimakan. Um jedoch das Weitere verständlicher zu machen, muß ich hier einige Worte über Geschichte und Organi¬ sation des Athoser Gemeinwesens sagen. Die Legende verlegt die Anfänge der athonischen Einsiedeleien in die erste Christenzeit. Erst um die Mitte des 9. Jahrhun¬ derts, unter dem byzantinischen Kaiser Michael III., ge¬ schieht der Waldeinsiedler auf Athos urkundlich Erwäh¬ nung. Jedenfalls aber haben Jahrhunderte vorher bereits fromme Ansiedler auf Athos existiert, die jedoch ohm feste, gleichförmige Regel in den Höhlen der Felsen und in Berghütten ein beschauliches, gottgeweihtes Leben führten. 16b Erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts gründete Athanasios von Trapezunt das erste geregelte geistliche Gemeinwesen, das Kloster Lavra, und führte Reformen im Mönchsleben ein, welche unter den frommen Bergbewohnern eine wahre Revolution ver¬ ursachten. Trotzdem drang St. Athanasios mit seinem Willen durch und kann als Begründer des Mönchsstaates in seiner gegenwärtigen Form angesehen werden. Fallmerayer sagt, daß die Erbauung der zwanzig Mönchsburgen, die man gegenwärtig aus Hagion Oros findet, zwischen die Jahre 970 und 1385 nach Christi fällt und St. Dyonis die jüngste und letzte sei. Die Sage und Legende verlegt jedoch die Grün¬ dung der meisten Klöster auf weit frühere Zeitpunkte. Jedenfalls sind diese Klöster von den byzantinischen Kaisern reichlich mit Gütern und Privilegien beschenkt worden, deren Urkunden (goldene Bullen) von den Mönchen so eifersüchtig gehütet werden, daß man sie nur sehr schwer zu sehen bekommt. Nachdem Salonik in die Hände der Türken ge¬ fallen war, das Oströmische Reich in allen Fugen krachte, die Mönche auf Athos den bevorstehenden Fall Kon¬ stantinopels voraussahen und bereits tatsächlich ihres kaiserlichen Beschützers beraubt waren, blieb ihnen nichts übrig, als sich dem türkischen Sultan zu unterwerfen, solange sie noch Bedingungen stellen und ihre Freiheiten und Privilegien retten konnten. So wurde denn das Athosgebiet ein Teil des türkischen Reiches, fünf Jahre vor dem Fall Konstantinopels, und wurde ihnen von 166 dem Sultan eine Autonomie garantiert, die noch aus¬ gedehnter war, als jene der einstigen Donaufürstentümer. Die Athosregierung zahlt einen sehr mäßigen Tribut an die Pforte, welche durch den Kaimakan in Karyäs repräsentiert wird, der, wie ich mich mit eigenen Augen überzeugte, eine sehr bescheidene Rolle dem heiligen Synod gegenüber spielt. Ferner sind ihm ein paar unter¬ geordnete Beamte beigegeben, zirka zehn Saptiehs und ein Finanzoffizier samt etlichen Wachen. Diese wenigen Leute repräsentieren die türkische Macht im Athosgebiete. Niemand darf sich im Gebiete des Hagion Oros nieder¬ lassen ohne Genehmigung des Synods. Der Synod in Karyäs wird zusammengesetzt aus je einem auf ein Jahr gewählten Vertreter eines jeden der großen Klöster (Antiprosopi), welche während ihres Amtsjahres den Konak des betreffenden Klosters in Karyäs bewohnen, und einem Sekretär. Der von Lavra entsendete Sekre¬ tär führt den Vorsitz. Der heilige Synod ist Parlament, sowohl gesetzgebender Körper als auch Gericht, und hat die gemeinsamen Finanzen zu verwalten. Der Mönchsstaat hat je einen Repräsentanten seiner Interessen in Konstantinopel und Salonik. Die Haupteigentümlichkeit des Städtchens Karyäs ist, daß es, wahrscheinlich die einzige Stadt der Welt, ganz ohne Frauen ist. Alles Weibliche ist aus dem Athos¬ gebiete verbannt und kein weibliches Wesen soll von der ausschließlichen Verehrung und dem Kultus der Gottes¬ mutter abwenden. Der Ausschluß alles Weiblichen geht so weit, daß sogar keine weiblichen Haustiere auf der ganzen Halbinsel geduldet werden. Die gänzliche Ab¬ wesenheit der Frau fällt einem aus einer türkischen Stadt 167 Kommenden weniger aus, da sich ja die Frauen in tür¬ kischen Stadtteilen wenig auf der Gasse zeigen. Auf¬ fallend ist es, daß es im ganzen Athosgebiete keine Hunde gibt, was mir von Mönchen zugegeben wurde, ohne einen besonderen Grund dafür angeben zu können. Kater dagegen besitzt jedes Kloster mehrere. Als ich mit meinem Dragoman und dem Kaimakan in das Sitzungszimmer eintrat, waren in demselben be¬ reits acht bis zehn Antiprosopi versammelt. Man wies mir den Ehrenplatz an und bald darauf kam der unver¬ meidliche Kaffee und Glyko (gewöhnlich Quittengelee). Die Gesellschaft war sehr schweigsam, man hörte nur das Klappern der Kombologii, das sind Schnüre von Holz-, Bernstein- und Perlmutterkugeln, mit denen die Orien¬ talen beständig spielen. Ich überreichte das Empfeh¬ lungsschreiben, welches mir der Metropolit von Athen gegeben hatte, und bat daraufhin um eine Empfehlung an die athonischen Klöster. Nach dem Austausche einiger Artigkeiten wurde mir vorgeschlagen, unterdessen die Kirche zu besichtigen, was ich mit großer Freude annahm. Hatte ich doch gelesen, daß sich in derselben die schönsten, besterhaltenen Fresken vom byzantinischen Meister Pan- selenos befinden. Und in der Tat, endlich konnte ich die ganze Tiefe und Würde der byzantinischen Kunst be¬ wundern. Bisher hatte ich nur schlechtere oder über¬ malte und stark restaurierte byzantinische Fresken ge¬ sehen und sie deshalb nie besonders geschätzt. Diese pracht¬ vollen Fresken in Karyäs sind zwar zum Teil verdorben und beschädigt, aber was da ist, ist so, wie es der Meister vor über 700 Jahren geschaffen hat, edel in der Zeich¬ nung, glänzend und harmonisch in der Farbe und von 168 ganz unglaublichem dekorativen Effekt. Manuel Pan- selenos aus Thessalonika soll im 12. Jahrhundert gelebt haben und muß, nach allen Werken, welche auf Athos allein ihm zugeschrieben werden, zu urteilen, ein äußerst fruchtbarer Künstler gewesen sein. Eigentlich ist er aber eine sozusagen mythische Figur und sein Name reprä¬ sentiert eher eine Epoche und Schule der byzantinischen Kunst als eine genau präzisierte Persönlichkeit. Zum erstenmal sah ich auch in der Kirche von Karyäs eine der großen byzantinischen Koronas, das ist ein Kron¬ leuchter, welcher aus einem, in der Mitte der Kirche sreischwebenden, reich durchbrochenen und gearbeiteten Reif besteht, dessen Durchmesser fast dem der Kuppel gleichkommt. Am oberen Rande sind Kerzen befestigt und am unteren Rande hängen zahlreiche Straußen¬ eier. Nach Besichtigung der Kirche ging ich wieder in das Konseilszimmer und sah, wie mein Empfehlungs¬ schreiben an die Klöster mit dem Staatssiegel versehen wurde. Dieses Siegel (Stempel), die Panagia (Mutter Gottes) darstellend, ist in vier Teile geteilt, wovon ein jeder einem Mitgliede des Synods zur Aufbewahrung übergeben ist. Bei Benützung desselben werden alle vier Teile zusammengeschraubt, und nur mit Zustimmung und in Gegenwart aller vier Siegelbewahrer kann ein Dokument rechtskräftig gestempelt werden. Nun ging ich ins Gasthaus, um mich für meine erste Etappe, den Ritt nach Vatopädi, zu rüsten, aber da fing es in Strömen zu regnen an und ich mußte wohl oder übel im Gasthause gedulden. Mein Dragoman ließ sich die griechischen Leckerbissen Kolokithakia (Kürbisse), mit 169 faschiertem Arnaki (Lammfleisch) gefüllt, köstlich schmecken. Ich konnte mich nicht entschließen, ein Stück¬ chen zu essen, und kaum hatte es ausgeregnet, bestiegen wir unsere Pferde und ritten davon. Es war ungefähr- halb 11 Uhr. Der Kaimakan hatte mir einen Saptieh als Eskorte mitgegeben, was mir der Sicherheit wegen ganz unnötig vorkam, aber zur Erhöhung meines Nim¬ bus in den Klöstern wesentlich beitrug; er hieß Achmed und hielt sich stets in meiner Nähe, um mich eventuell zu beschützen. Beim Verlassen eines jeden Klosters feuerte er einen Schuß aus seinem Martinigewehr als Abschieds¬ gruß ab. Wo er in den Klöstern wohnte und wie er sich die ganze Zeit verköstigte, weiß ich nicht, ich kümmerte mich weiter nicht um ihn. Anfangs war ich ihm wohlgesinnt, doch als ich in Lavra von den geschwätzigen Aufwärter- mönchen erfuhr, daß er den christlichen Glauben aus Dienstesrücksichten abgeschworen hatte und Mohamme¬ daner geworden sei, sank er tief in meiner Achtung. Die Umgebung von Karyäs ist ein wahres Para¬ dies, überall Weingärten, Feigenbäume, Obstgäten, hohe Haselnußstauden mit Früchten beladen, deren Kultur eine Spezialität von Karyäs ist, üppigste Vegetation und von überall rieseln Quellen und Bäche hervor. Wir sind hier ungefähr 700 Meter über der Meeresfläche, und nun geht es stets bergab bis Vatopädi. Kaum aus Karyäs herausgetreten, fällt der Blick auf die russische „Skiti" Serai oder St. Andrei. Die grünen Dächer und Kuppeln der russischen Gebäude, die Zypressen, die sanft gegen das Meer abfallende Berg- 170 lehne, mit reicher südlicher Vegetation bewachsen, und im Hintergründe das blaue Meer, es war ein liebliches, herrliches Bild. Nach Serai kamen wir in zehn Minuten und ich wollte es nur flüchtig besuchen. Serai ist eine „Skiti", das ist ein regelrecht organi¬ siertes Kloster, welches aber nicht selbständig ist, keinen Vertreter zum heiligen Synod nach Karyäs entsendet und von einem anderen Kloster abhängt. Serai oder Andreiewskii Skiti hängt von Vatopädi ab, obwohl es viel größer als das Mutterkloster ist und weit über dop¬ pelt so viel Mönche enthält. Von den russischen Nieder¬ lassungen auf Athos ist Serai noch die wenigst häßliche. Im allgemeinen jedoch, wenn man im Athosgebiete ein Gebäude sieht, welches modern, geschmacklos, aber äußerst gut erhalten und wohlhabend aussieht, kann man sicher sein, daß es von Russen bewohnt ist. Jedenfalls müssen dem Kunstfreunde und Manne von gutem Geschmack die häßlichen, großen, aufdringlichen Bauten der Russen auf Athos ein Greuel und ein Dorn im Auge sein. Mir kamen sie vor wie eine Profanation dieser herrlichen Gegend. Ein russischer Mönch, Vater Gerontii, empfing mich recht kühl. Ich wies ihm mein Empfehlungszirkular vom Synod in Karyäs vor, was auf ihn aber wenig Eindruck machte, da er nicht griechisch verstand. Mehr Ansehen verschaffte ich mir durch Vorzeigen von Empfehlungsschreiben der russischen Gesandtschaft in Athen, welche ich für das rus¬ sische St. Panteleimonkloster hatte. Vater Girontii, freundlicher geworden, führte mich in das Empfangs¬ zimmer, ein großes, europäisch möbliertes, recht prunk¬ voll, geschmacklos ausgestattetes Gemach mit glänzend 171 gewichstem Fußboden, die Wände mit Lithographien und Farbendruckbildern bedeckt, Porträts der russischen Kaiser¬ familie und anderer Potentaten, sowie wichtige politische Ereignisse darstellend. Nach dem Genüsse des unvermeid¬ lichen Kaffees und Glyko bat ich, die Kirche sehen zu dürfen. Dieselbe ist erst im Vorjahre fertig geworden und hat eine Fassade aus weißem Marmor. Beim Eintritte in dieselbe wird man sprachlos über den Reichtum, der sich einem darbietet. Der Boden dieser sehr großen Kirche ist parkettiert. Altäre und Verzierungen strotzen von Ver¬ goldung, die, in so reichem Maße angewendet, erdrückend wirkt. Die reichen silbernen Ikons sind zumeist Geschenke der russischen Zarenfamilie, und scheint sich Großfürst Alexei Alexandrowitsch ganz besonders für dieses Kloster zu interessieren. Bemerkenswert schien mir nur, daß an den Wänden große Bilder, die Stationen der Via Crucis darstellend, angebracht sind, was ich noch in keiner ortho¬ doxen Kirche gesehen hatte. Die Bibliothek ist schön und gut erhalten, bietet aber kein besonderes Interesse. Ich hatte gehofft, daß mir etwas Solideres als die landes¬ üblichen Erfrischungen serviert werde, da aber nichts zu kommen schien, empfahl ich mich, bekam noch vom Vater Gerontii ein Album mit Ansichten der Klöster, das mich sehr freute, und wir bestiegen wieder unsere Pferde, um uns nach Vatopädi zu begeben. Der Weg dorthin, zumeist auf dem Kamm des Bergrückens, war schattig und schön, immer unter Wäldern oder hohen Gebüschen. Ich kann jedoch die Ansicht Fallmerayers, daß es der schönste in Athos sei, nicht teilen, da der Weg von Nerokrio nach Hagia Anna alles andere an romantischer Schönheit über¬ trifft. 172 Nach dreistündiger Wanderung, um zirka halb 3 Uhr, erblickten wir vor uns das stattliche, reiche Vatopädi; von den griechischen Klöstern das reichste und mächtigste. Der „Agoyate" oder Treiber der Pferde ließ uns ab¬ steigen, bevor wir ganz in die Nähe des Klosters gekom¬ men waren, was gewissermaßen ein Akt der Courtoisie und Ehrfurchtsbeweis ist. Der Anblick Vatopädis entzückte mich und ich war glücklich, nun endlich das echte Klosterleben auf Athos kennen zu lernen. Wie die meisten der athonischen Klöster, ist Vatopädi eine Agglomeration zahlreicher Gebäude und Kirchen, von einem mächtigen Turme überragt, welche sehr an die alten Burgen unserer Alpenländer erinnern würde, wenn nicht zahllose Balkone, Terrassen und Ga¬ lerien aus Holz oder Fachwerk, aus den steinernen Mauern gleichsam herauswachsend, in verschiedenen Far¬ ben bunt bemalt und durch Spreizen aus Kastanienholz gehalten, dem Ganzen einen heiteren, orientalischen Cha¬ rakter verleihen würden. Ober dem Eingangstore, dem einzigen Zugänge zum Kloster, hängt, wie in den meisten Klöstern, ein Muttergottesbild in einem Glasschrein, vor dem es Sitte ist, sich beim Eintritte zu verneigen und das Zeichen des Kreuzes zu machen. Im Eingangstore, das wie die Einfahrt einer Ritterburg aussieht, sind billige Heiligenbilder, Rosenkränze, Schnitzereien der Mönche und einfache Lebensmittel zum Verkaufe für die Pilger ausgestellt, neben der Wohnung des Pförtners, aber man wird nie aufgefordert oder gar gedrängt, etwas zu kaufen. Vom ganzen Athosgebiete ist Habsucht und Bettelei aus¬ geschlossen; man nimmt zwar Gaben an, wird aber nie angebettelt und ist mit allem zufrieden. Einem der 173 Mönche, die im Tore weilten, übergab ich mein Empfeh¬ lungsschreiben aus Karyäs, das dann von Hand zu Hand bis zu den Obersten des Klosters gelangte und mir erst bei meiner Abreise wieder eingehändigt wurde. Dieser selbe Vorgang wurde denn auch in allen anderen Klöstern eingehalten. Das Empfehlungsschreiben selbst wurde stets mit der größten Ehrfurcht behandelt und das Siegel, die Panagia darstellend, häufig von den Mönchen devot geküßt. Ich wurde in Vatopädi sehr freundlich ausgenommen und in ein Zimmer mit schöner Aussicht geführt, wo Kaffee und Glyko, diesmal köstlich eingemachte grüne Nüsse, serviert wurden. Doch da ich seit dem vorigen Tage nur mit schwarzem Kaffee und Glyko gefüttert wor¬ den war und es nun 3 Uhr geschlagen hatte, so ward ich so frei, um ein wenig Brot und Wein zu bitten, um meinen mitgebrachten Proviant verzehren zu können. Das ließen sich die freundlichen Mönche nicht zweimal sagen, und bald erschien ein vorzüglicher Imbiß, bestehend aus Eiern, Sardinen, Käse, Brot und Wein. Nachdem ich mich gestärkt hatte, führte mich Vater Chrysanthemos zu den Vorständen des Klosters, wo ich wieder mit Kaffee, Glyko und Masticha bewirtet wurde. Dann empfahl ich mich und begann unter Vater Chry¬ santhemos Leitung eine genaue Besichtigung des Klosters. Bevor ich jedoch fortfahre, muß ich bemerken, daß es unter den Athosklöstern zwei Kategorien gibt, nämlich die Zönobien oder Kinovia und die Jdiorhythma Mona- stiria. Erstere sind monarchisch regiert mit einem auf Lebenszeit gewählten, mit absoluter Gewalt bekleideten Abt. In diesen Klöstern hat niemand ein Eigentum, alles 174 gehört dem Kloster; die Wohnungen der Mönche sind gleichartig und die Mahlzeiten sind gemeinschaftlich. Die Jdiorhythma Monastiria sind republikanisch regiert. Die Vorstände, drei bis vier an der Zahl, werden in denselben durch Stimmenmehrheit auf ein Jahr gewählt. Ein solcher Vorstand heißt Antiprosopos, welcher Titel ihm auch bleibt, wenn seine Amtszeit abgelaufen ist. Der erste unter ihnen heißt Proistamenos, hat aber keine besondere Ge¬ walt über die Mönche. Jeder Mönch lebt in solchen Klö¬ stern für sich nach Maßgabe seines Vermögens besser oder schlechter, richtet sich seine Wohnung beliebig ein, ißt für sich von seiner eigenen Küche und nur was Kleidung und Gottesdienst betrifft, muß er sich den allgemeinen Regeln unterwerfen. Die russischen Klöster auf Athos gehören zur ersten Kategorie, die größten und mächtigsten der griechischen Klöster jedoch zur zweiten, welche dem demokratischen Sinn der Griechen, die jeder Disziplin abhold sind, besser zu entsprechen scheint. Vatopädi gehört zu den republi¬ kanisch regierten Klöstern. Ursprünglich und im Geiste des heil. Athanasios waren alle athonischen Klöster Zönobien, was vielfach an der Bauart der Klöster und den zumeist prachtvollen gemeinschaftlichen Refektorien zu erkennen ist. Im 14. Jahrhundert jedoch kam in den meisten dieser Klöster die leichtere Regel der Jdiorhythma Monastiria zur Geltung. In neuester Zeit macht sich wieder eine Nei¬ gung zur strengeren Richtung der Kinovia bemerkbar. Das Zimmer, wo mich die Vorstände des Klosters empfangen hatten, war eine Art Klubzimmer, welches die Väter benützten, um bei Kaffee und Glyko die 175 Angelegenheiten des Klosters zu besprechen. Von der Ter¬ rasse, die sich an dieses Zimmer anschließt, genießt man die herrlichste Aussicht auf das Meer mit den Inseln Thasos und Samothraki am Horizont. Ich besichtigte die Kirche mit allen Reliquien, beson¬ ders den Gürtel der heiligen Jungfrau Maria; ich wurde hinter den Altar geführt, um die Reliquien zu betrachten, obwohl gerade Gottesdienst war. Ganz besonders fiel es mir auf, wie dort sowie in allen anderen athonischen Klö¬ stern wenig Umstände mit den heiligsten Reliquien ge¬ macht werden. Die Reliquiarien, meist prachtvolle Werke der Goldschmiedekunst und Geschenke der byzantinischen Kaiser und Kaiserinnen, werden in die Hand genommen und gehen von Hand zu Hand ohne alle Zeremonien. Doch bei einem Volke, wo der Diener mit aufgesetztem Hute in das Zimmer seines Herrn tritt, wie ich es mit eigenen Augen im Hause eines ehemaligen Ministers in Athen gesehen habe, und sich ohne Umstände an den Tisch seines Herrn setzt, muß auch die Verehrung der Heiligen not¬ wendigerweise viel von ihrer zeremoniellen Förmlichkeit einbüßen, was jedoch der Aufrichtigkeit und Tiefe dieser Verehrung durchaus keinen Eintrag tut. Im großen Turme von Vatopädi ist dessen reich¬ haltige Bibliothek in drei Stockwerken, möglichst geschützt gegen Feuersgesahr, aufgespeichert. Das Refektorium, Prachtvoll mit alten Fresken dekoriert und mit Marmor¬ tischen und -banken eingerichtet, dient nur fünf- bis sechs¬ mal jährlich für feierliche Bankette, die alle Kloster¬ insassen vereinigen. In Vatopädi sah ich zum erstenmal die Simantra, welche noch in allen byzantinischen Klöstern benützt 176 werden. Es sind dies zirka ein Zoll dicke, freischwebende Platanenbretter, welche zur Zeit, wo Glocken noch ein höchst teuerer, seltener Luxus waren, dieselben ersetzten. Man schlägt darauf mit einem hölzernen Klöppel, und obwohl nun jedes Kloster zahlreiche schöne Glocken besitzt, findet man doch in jedem mehrere Simantra, welche für minder feierliche Gelegenheiten benützt werden, um die frommen Väter zu versammeln. Die Kirche von Vatopädi enthält ein wundertätiges Muttergottesbild, von welchem die Legende folgendes erzählt: Die byzantinische Kaiserin Pulcheria (oder Plači¬ lna), welche besonders gerne in dieser Kirche ihre Andacht verrichtete, sei einst gerade in dieselbe getreten, als das Bild zu sprechen begann und sie fragte, was sie, ein Weib, hier suche; sie sei zwar eine Königin, hier sei aber eine andere, mächtigere Königin, worauf die Kaiserin die Kirche verließ, um sie nie wieder zu betreten, und die Mönche bauten ihr das Oratorium ober der Vorhalle der Kirche, von wo aus man dem Gottesdienste folgen konnte. Daraus habe sich allmählich das Verbot für die Frauen entwickelt, das ganze Athosgebiet zu betreten. Im Schatze der Kirche gefiel mir besonders eine in köstlich ziseliertem und vergoldetem Silber gefaßte Achat¬ schale. Im Hofe ist der schöne byzantinische, von eleganten Säulen umgebene Brunnen „Phiale" bemerkenswert. Nun bat ich Vater Chrysanthemos, den Hafen be¬ suchen zu dürfen. Natürlich begleitete er mich dahin, denn es gehört zur orientalischen Courtoiste, den Gast möglichst wenig allein zu lassen. 177 Am Strande zeigte mir Vater Chrysanthemos den Punkt, wo der kaiserliche Knabe Arkadius von der Pa- nagia (Mutter Gottes) auf wunderbare Weise dem Tode in den Wellen entrissen und unter einen Busch am Ufer gelegt worden ist. Diesem Ereignisse schreibt die Legende Len Namen und Ursprung des Klosters Vatopädi zu (auf griechisch heißt Vatos der Busch und Pädi der Knabe). Dann besichtigten wir die Orangen-, Zitronen- und Ge¬ müsegärten des Klosters, die Maultierstallungen und schließlich den Friedhof. Dieser ist sehr klein, jedoch genü¬ gend groß, da es in den byzantinisch-griechischen Landen Sitte ist, die Toten nach drei Jahren wieder auszugraben. Vater Chrysanthemos zeigte mir die Kapelle auf dem Friedhöfe, wo die Knochen der ausgegrabenen Toten aufgespeichert und die Schädel in langen Reihen aufge¬ stellt waren. Dieses Schauspiel, welches die meisten Men¬ schen eher ernst stimmt, erweckte im guten Vater Chrysan¬ themos einen Anfall der größten und, wie es mir schien, höchst unzeitgemäßen Heiterkeit. Er schüttelte sich förmlich vor Lachen, indem er mir die Honneurs aller dieser grin¬ senden Totenschädel machte. Ich fand es beneidenswert, sich dermaßen mit den Schrecken des Todes befreundet zu haben, um sogar darin Anregung zur Heiterkeit zu finden. Nur handelte es sich eben um den Tod der anderen. Dann setzten wir uns in ein Gartenhäuschen und genossen die Ruhe und den Frieden dieses schönen Erden¬ winkels. Vater Chrysanthemos erzählte Geschichten von Räuberüberfällen aus der Nachbarschaft. Die Sonne ging gerade unter, die Nachtigallen schlugen, die Abendluft wehte kühlend und brachte uns die Wohlgerüche der blühenden Reben. Und welch selige Ruhe in diesem 12 178 Klostergebiete herrschte! Kein Knarren der Räder, denn auf der ganzen Halbinsel gibt es kein Fahrzeug und sind Maultiere und wenige Pferde die einzigen Transport¬ mittel zu Lande, kein Streiten, keine betrunkene Men¬ schen, alles ruhig, anständig, würdevoll, ohne Lärm und Übereilung, man begegnet nur schwarzen, schweigenden Mönchsgestalten, die freundlich-ernst grüßen, und die bei den Klöstern verwendeten Arbeiter bemühen sich, den Anstand und die Würde der Mönche nachzuahmen. Einzelne Schafböcke weiden am murmelnden Bache und Scharen von Hähnen suchen sich im langen Grase ihr Futter. Weibliche Haustiere sind aus dem Athos- gebiete verbannt! Auf Athos kann man wohl sterben, niemals aber geboren werden, jedoch an jenem schönen Juniabende schien alles zum Leben aufzufordern und düstere Gedanken ließ diese herrliche, üppige Natur nicht aufkommen. Doch wir mußten heim, da sich das einzige Tor des Klosters bei Sonnenuntergang schließt und nachher für niemanden bis morgens öffnet. Das Nachtessen für mich und meinen Dragoman wurde serviert. Wir aßen allein in einem Zimmer, von einem Mönche bedient. Die Tisch¬ wäsche, wie dann überall in den griechischen Klöstern auf Athos, kam mir anfänglich unglaublich schmutzig vor, dann sah ich aber, daß sie hauptsächlich von rotem Weine stark fleckig sei und nicht gut gewaschen. Das Essen be¬ stand aus rohen Gurken, Eiern und Fischen, die, mit Worcester-Sauce, die ich mit hatte, genossen, ganz passabel waren, aber so oft Lamm- und Ziegenfleisch erschien, war es für mich ganz ungenießbar. Eier sowie Milch werden natürlich von auswärts importiert, sind aber zumeist frisch und gut. 17S Nach 10 Uhr wurde uns das Nachtlager hergerichtet, welches darin bestand, daß man für mich und meinen Dragoman je ein Kopfkissen mit bereits vielfach benütz¬ tem Überzüge und eine schwere, wattierte Decke brachte, die man auf den harten, mit Teppichen bedeckten türki¬ schen Diwan in dem uns angewiesenen Zimmer breitete. Von Leintüchern keine Rede. Wäsche spielt überhaupt auf Hagion Oros eine minimale Rolle. Ich war von den Strapazen des Tages recht müde und schläfrig geworden und freute mich auf die Nachtruhe auf was immer für einem Lager. Zum Glück hatte ich einen reinen Polster¬ überzug mitgenommen, die Decke legte ich beiseite und hüllte mich in meinen Plaid ein, den ich vorher der Sicherheit halber reichlich mit Zacherlpulver bestreut hatte. Nun hoffte ich schlafen zu können, doch welch ein Irrtum! Kaum hatte ich die Lampe ausgelöscht, als es mich fürchterlich zu jucken begann. Ich zündete das Licht wieder an und fand mich von Wanzen umringt. Massen¬ haft vernichtete ich sie, doch es war umsonst, kaum war das Licht ausgelöscht, kamen neue heran. Dazu war vor meinem Fenster eine Froschlache, wo die Frösche einen wahren Hexensabbat im herrlichen Mondschein auf¬ führten, und die Fenster schließen konnte ich nicht wegen der drückenden Schwüle im Zimmer. Das war wieder eine fürchterliche Nacht! Endlich gegen Morgen bemerkte ich, daß der Haupt¬ schlupfwinkel für die Wanzen ein Wandteppich über meinem Diwan sei. So legte ich mich dann auf einen anderen Diwan — und da fand ich trotz Froschkonzertes, das die ganze Nacht währte, ein paar Stunden erquicken¬ den Schlafes. Aber während meines ganzen Athosaus- 12' 180 fluges schlief ich nie mehr wie vier bis fünf Stunden täglich und das nur übermannt von Müdigkeit. Die Zeit des Schlafengehens war entschieden die Schattenseite meines herrlichen Ausfluges, aber diese wenigen Stun¬ den der Qual waren gleich vergessen, als ich wieder in dieser prachtvollen Natur erwachte, umgeben von so vielerlei Anregendem und Interessantem. Als ich am Freitag morgens aufstand, mußte ich mich abermals, wie in Daphne, bei der Wasserleitung auf dem Gange waschen, da Waschgeschirre auf Athos unbekannte Gegenstände sind. Daß hiebei die Waschungen immer sehr oberflächlich ausfallen, brauche ich nicht besonders zu be¬ tonen. Es wäre wohl ein Seebad sehr verführerisch gewesen, aber dazu hatte ich keine Zeit. Nach dem obligaten schwarzen Kaffee (Milchkaffee ist wegen gänzlichen Man¬ gels an weiblichen Haustieren nicht zu haben) verabschie¬ dete ich mich von den Mönchen. Ich fragte, was ich für Kost und Quartier schulde, sie sagten: gar nichts, es sei mir alles aus bloßer Gastfreundschaft und Nächstenliebe geboten worden. Darauf hinterließ ich ein Geldgeschenk für die Kirche und erhielt zum Andenken Ansichten des Klosters und von den Mönchen geschnitzte Gegenstände. Es ist auf Athos Sitte, daß die Reisenden vom Kloster, ebenfalls gratis, bis zum Kloster, das sie zu¬ nächst besuchen wollen, mit Maultieren oder mit dem Boote befördert werden. Diesmal hatte ich um ein Boot gebeten, um nach Jviron befördert zu werden. Wir schifften uns gegen halb 7 Uhr ein, das Wetter war angenehm kühl, der Himmel leicht umwölkt, es fielen sogar zeitweise leichte Regenschauer, die aber keineswegs 181 unangenehm waren. Gleich neben dem bunten, farben¬ prächtigen Konglomerat von altem Gemäuer, Türmen, Kuppeln, Balkons und Galerien, als welches sich Vatopädi von der Seeseite darstellt, erschien auf einer Anhöhe die nüchterne Silhouette der Ruine einer, Ende des 18. Jahrhunderts unter Eugenius Vulgaris blühen¬ den Akademie für junge Leute, welche sich für das Mönchs- leben auf Athos vorbereiten wollten. Da jedoch die An¬ sicht vorherrschte, daß den Mönchen Frömmigkeit und nicht Gelehrsamkeit nötig sei, das erstere nicht in Aka¬ demien erworben werden könne und sogar Gefahr laufe, durch Studium vermindert zu werden, wurde diese Hoch¬ schule dem Untergange geweiht. Die Ufer, an denen unser Kahn vorüberfuhr, waren großartig starrende Felswände mit Grotten und Ver¬ tiefungen. Auf den steilen Ufern erblickte man ab und zu alte Warttürme oder Einsiedeleien. Es eröffnete sich ein Einblick in das Innere des Landes, und da erschien die Skiti des Propheten Elias. Ich erriet sofort, daß es ein von Russen bewohntes Kloster sei wegen der augenfälligen Wohlhabenheit der ganzen Niederlassung und der hä߬ lichen, modernen, unmalerischen Architektur der Gebäude. Obzwar ich nun bereits 36 Stunden am Fuße des Berges Athos geweilt, hatte ich den heiligen Berg selbst noch nicht recht gesehen, nun aber umschifften wir ein kleines Vorgebirge, und es erschien der mächtige, 5000 Fuß hohe Kegel ganz rein vor mir. Zu seinen Füßen am Meeresufer gereiht die Klosterburgen Pantokratoros, Stavroniketa und Jviron; es war ein prachtvoller, ent¬ zückender Anblick und der zweitschönste Moment meiner ganzen Reise. 182 In Jviron kam ich nach 10 Uhr an. Das Kloster ist kleiner als Vatopädi, der Eingang aber, ein Portal mit Marmorsäulen geschmückt, recht großartig, wie das Tor eines modernen Palastes. Die Mönche von Jviron waren ganz besonders freundlich und zeigten mir alles Sehens¬ würdige. An der Fassade der Kirche fielen mir besonders die in die Wand eingemauerten alten Teller und Krüge auf, meist Rhodusware, aber auch italienische Fayencen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die Mönche be¬ haupteten steif und fest, sie stammen alle aus der Zeit der Erbauung der Kirchenfassade, das ist aus dem 14. Jahrhundert. Mein Besuch in Jviron galt besonders dem wunder¬ tätigen Muttergottesbilde daselbst, von dem ich seit meiner frühesten Kindheit so viel gehört hatte. Die Kopie desselben, welche in Moskau in hohen Ehren steht, hatte ich gesehen. Von dem Originale geht die Sage, daß es im 9. Jahrhundert von einem Bilderstürmer mit dem Schwerte durchbohrt worden war, gerade an der Wange der heiligen Jungfrau, und daß die Stelle zu bluten angefangen hätte. Darauf sei das Bild ins Meer ge¬ worfen worden und sei dann viele Jahre später am Ge¬ stade von Jviron, von einem Feuerschein umgeben, wieder zum Vorschein gekommen, wo die Mönche es prozessionell abholten und über das Tor des Klosters anbrachten, weshalb dieses Muttergottesbild auch „Portaitissa" ge¬ nannt wird. Jetzt hängt es in einer eigens dafür erbauten Kirche. Der Anblick dieses Bildes, welches unzweifelhaft aus den ersten Jahrhunderten der Christenheit stammt, dem so viele Wunder zugeschrieben werden und vor dem so viel Tränen gefloßen und inbrünstige Gebete 183 gesprochen worden sind, rührte mich tief, und selten habe ich mich so sehr zur Andacht gestimmt gefühlt, als vor diesem ehrwürdigen Bildnisse der unbefleckten Beschützerin dieses ihrem Kultus geweihten irdischen Paradieses. Die Mönche auf Jviron waren besonders freundlich und entgegenkommend. Das einzige, was ich hier sowie in Vatopädi nicht besichtigen durfte, waren die Goldenen Bullen der byzantinischen Kaiser. Sonst aber wurde ich überall hingeführt, sogar auf den Glockenturm, wo ich neben schönen aus Rußland stammenden Glocken einen großen hölzernen und einen eisernen, hufeisenförmig ge¬ bogenen Simandron fand. Nun wurde im Empfangszimmer das Mittagessen für mich serviert. Ich setzte mich mit meinem Dragoman zu Tisch in der Mitte des Zimmers und wurde von zwei Mönchen bedient, während vier bis fünf andere Mönche auf dem niederen türkischen Diwan, welcher sich an drei Wänden des Zimmers hinzog, saßen, mit ihrem Kom- bologii spielend, zusahen und mit uns lustig plauderten. Ich hatte mein Gepäck beim Pförtner gelassen und mit demselben auch die Worcester-Sauce, was mich nicht wenig erschreckte; doch das Essen erwies sich auch ohne Sauce als genießbar, nur spielte diesmal leider das Fleisch eine zu große Rolle. Fleisch durfte an diesem Freitage in allen Klöstern gegessen werden, weil es die Oktav nach den griechischen Pfingsten war. Zum Glück aß mein Dragoman für zwei und so konnte ich den guten Mönchen bis zuletzt den Widerwillen verbergen, den mir ihre Küche einflößte. Der rote Wein, Eigenbau, behufs Konservierung leicht mit Harz vermischt, war ganz angenehm. Zum Dessert 184 erschien ein weißer Wein in Gläsern, der etwas Besseres sein sollte, in der Tat aber recht minder war. Da standen alle Mönche auf, je ein Glas in der Hand, und der scheinbar im Range höchste brachte einen Toast auf das Wohl Sr. Majestät unseres Kaisers aus. Innig erfreut über die Aufmerksamkeit der guten Mönche rief ich „hoch", „Lto", worin die Anwesenden einstimmten, und trank dann auf das Wohl des Klosters Jviron und dessen gast¬ freundliche Mönche. Nach 1 Uhr mußte ich mich verabschieden, da mir noch eine lange Reise bevorstand. Die Mönche hatten keine Barke für mich, und da hieß es auf Maultieren Lavra noch vor Sonnenuntergang und Torschluß er¬ reichen, um dort zu übernachten. Zuerst war der Weg ziemlich sonnig und felsig. Nach einer halben Stunde kamen wir in die Nähe von Melos- potamos, wo der Expatriarch von Konstantinopel, Joachim, interniert war. Ich beschloß, ihm womöglich einen Besuch abzustatten. Der Weg dahin geht durch einen Olivenhain in einen schönen, blühenden Garten, gefüllt mit Lorbeerbüschen und duftenden Kräutern. Das Wohngebäude steht auf dem etwas erhöhten äußersten Punkte eines kleinen Vorgebirges und besteht aus einem alten, hohen Turme und einigen zusammen¬ hängenden Gebäuden, von welchen man die herrlichste Aussicht aus das Meer genießen kann. Das Ganze gleicht einem Bergschlößchen in unseren Alpenländern, dem je¬ doch der Reichtum an Blumen und südlicher Vegetation alles Finstere und Düstere benimmt. Leider machte Se. Heiligkeit der Patriarch gerade sein Nachmittags- I8S schläfchen, da ich Eile hatte, konnte ich nicht warten. An demselben Tage aber, an welchem ich ihn besuchen wollte, wurde seine Wiedereinsetzung auf den Patriarchenstuhl in Konstantinopel beschlossen und ich erfuhr schon in Lavra die Kunde davon. Er dürfte sich oft im Phanar mit Freuden an das sorgenlose Idyll von Melospotamos erinnern. Nach einer weiteren halben Stunde Weges, immer in der Nähe des Meeresufers, passierten wir eine Art Burgruine. Die Mauern und der hohe, viereckige Turm waren in bestem Zustande; das Gebäude sowie der Turm von tadellos erhaltenen Zinnen gekrönt, und wäre nicht durch die Fenster eine üppige Vegetation im Innern des Gebäudes zu erblicken gewesen, so hätte man das Ge¬ bäude für eine noch bewohnbare Ritterburg halten können. Es war eine verlassene Filiale des Klosters Caracalla. Und weiter zog sich der Weg nun immer ganz am Fuße des Athoskegels, den ich ab und zu zwischen Wolken beinahe senkrecht über unseren Köpfen hervor¬ blicken sah mit der kleinen Kapelle der Panagia auf seinem äußersten Gipfel, welche von unten wie eine weiße Mücke erschien. In seinen Schluchten glänzte noch Schnee. Unten war es ungemein warm, und der Weg stieg steil empor und ging wieder so steil gegen das blaue Meer hinunter, daß wir es vorzogen, den Abstieg zu Fuß zu bewerkstelligen. Wir ritten gerade durch Gegenden, welche vor zehn Jahren durch Waldbrand verwüstet wor¬ den waren. An vielen Stellen standen noch die verdorrten Baumleichen, da hatte die südliche Vegetation jedoch ihre Zeit nicht verloren, und das Gebüsch war dazwischen 186 emporgewachsen, doch werden wohl Generationen ver¬ gehen, bis der ehemals prächtige Hochwald wieder ersetzt sein wird. In einem Tale bei murmelndem Bache unter einem Platanenhain hielten wir Rast bei einem Bienen¬ züchter, der lange Reihen von Hunderten von Bienen¬ körben hatte, in nächster Nähe des Meeresufers. Von da an wurde der Wald höher und dichter und die Gegend immer lieblicher. Zwei Drittel des Weges gegen Lavra hielten wir bei der Quelle, welche, wie die Legende er¬ zählt, der heilige Athanasios auf Befehl der heiligsten Jungfrau durch einen Schlag seines Stockes gegen den Fels hervorsprudeln ließ. Es ist ein malerischer Punkt im dichten Walde, die Quelle ist eiskalt und fließt un¬ gemein mächtig aus einer kleinen Grotte. Daneben steht ein hölzernes Lusthaus und ein kleinwinziges Kirchlein, ganz offen und ohne irgendeinen Wächter. Doch die Wan¬ derer, welche möglicherweise diesen Weg gehen, können nur Mönche oder Pilger sein, wer möchte da wohl diesem Waldheiligtum irgend welchen Schaden zufügen! Das Wasser der Quelle ist in einer Holzrinne bis zum Wege geleitet, wo es von einer Höhe von beiläufig zwei Metern als eine kleine Kaskade herunterfällt. Zwei russische Mönche ruhten an diesem kühlen Orte aus. Ich knüpfte mit dem älteren gleich ein Gespräch an, über¬ glücklich, endlich wieder ohne Dragoman sprechen zu können. Der jüngere schien durch unsere Ankunft gestört zu sein. Als ich dann in der Umgebung der Quelle herum¬ spazierte und wieder zurückkehrte, fand ich, daß er meine Abwesenheit benützt hatte, um sich schnell auszukleiden und unter den kalten Wasserstrahl der Quelle zu stellen. 187 In der Meinung, es handle sich um ein einfaches Bad behufs Abkühlung, sagte ich ihm, er möchte doch lieber ins Meer baden gehen; der Mönch aber antwortete: „Nein, dieses Bad ist besser, denn dieses Wasser ist von der Mutter Gottes geheiligt." Das Kloster Lavra liegt auf einer Anhöhe in einiger Entfernung vom Meere. Es ist dem Range nach das erste Kloster auf Athos und seiner Gründung nach das älteste. Wir erreichten es gegen halb 7 Uhr. Der äußere An¬ blick des Klosters kann am besten mit einem Stück der Stadtmauern von Konstantinopel verglichen werden, etwa der „sieben Türme", mit zahlreichen Holzbalkons und Zubauten im byzantinischen Geschmack verziert. Der Eingang ist viel finsterer und schlechter gehalten als bei den anderen Klöstern, die ich bisher besucht hatte, und überhaupt ist besondere Unreinlichkeit der charakteristische Zug dieses Klosters. Aber das Innere entzückte mich! Dieses Gewirr von malerischen halbverfallenen Gebäuden, offene Gänge, überall Stiegen und Bögen, die nur als Zierde zu dienen scheinen. Kleine Höfe, gefüllt mit Blumen und Orangenbäumen, alles uralt, alles zu¬ sammengedrängt und übereinander gebaut, und beinahe ruinenhaft, aber wie wunderbar im Tone und in der Zeichnung! Das Auge kann sich an diesem Reichtum künstlerischer Motive, aus welchen ein Maler jahrelang stets Neues schöpfen könnte, gar nicht satt sehen. In ein großes Fremdenzimmer geleitet, übergab ich dem fettig glänzenden, freundlichen und geschwätzigen Aufwärter eine besondere Empfehlung, welche ich für den 188 Proistamenos des Klosters, Vater Alexander, hatte. In¬ zwischen wurde Kaffee und Glyko serviert, worauf mich Vater Alexander in seiner Wohnung empfing. Ich fand ihn, wie sehr oft die Menschen, denen man besonders empfohlen ist, eher kühl. Bei ihm bekam ich ein anderes Glyko und Masticha. Er war sehr höflich und nachdem ich sagte, daß ich wenig Zeit hätte und am nächsten Morgen früh aufbrechen wolle, führte er mich selbst alle Sehenswürdigkeiten des Klosters besichtigen, aber er war ein Mann, dem eine feinere Lebensart an¬ haftete und der nicht die einfache, harmlose Gutmütigkeit und Herzlichkeit, die ich bisher in den Klöstern gefunden hatte, zur Schau trug. Später erfuhr ich, daß er einer der wenigen griechischen Mönche auf Athos sei, der eine höhere Gelehrsamkeit besitzt, ja, daß er sogar schrift¬ stellerisch tätig sei. Die Bibliothek auf Lavra ist klein, aber sehr gut ge¬ halten und enthält Manuskripte mit herrlichen Minia¬ turen. Wie alle interessanten Bücher auf Athos, fast aus¬ schließlich Evangelien und Kirchenbücher. Aber gerade in der Lavraer Bibliothek sah ich ein dickes, uraltes Manuskript über Pflanzenkunde mit zahllosen Darstel¬ lungen von Pflanzen und Blumen. Ich gestehe jedoch, daß ich keine einzige der dargestellten Pflanzen erkannte. Die Hauptkirche ist schön und sehr alt, doch wenn man einige der griechischen Athoskirchen gesehen hat, so findet man, daß die eine genau so wie die andere aus¬ sieht, so zwar, daß man sie in der Erinnerung schwer auseinanderhält. Im Innern sind alle diese Kirchen mit byzantinischen Fresken bedeckt, nur sind die in der Haupt¬ kirche auf Lavra nicht von Panselenos, sondern stammen 189 aus späterer Zeit, und sind nur im Stile und Geiste des Meisters gemalt. Ein Teil der Wände rechts und links vom Ikonostas ist mit schönen Rhodusfayenceplatten ver¬ kleidet. Einige prachtvolle Reliquiarien wurden mir pro¬ duziert, doch wurde ich nicht hinter den Ikonostas geführt wie in Vatopädi und Jviron, sondern sie wurden für mich herausgebracht. In einer Nebenkapelle der Kirche befindet sich unter einem Baldachin das Grab des heil. Athanasios, des Gründers des Klosters; auf dem Grabe liegt der Stab, auf den er sich gewöhnlich stützte und mit dem er auf Befehl der Panagia auf den Felsen schlug, worauf die wunderbare Quelle aus demselben hervorsprudelte. Dieser Stab, den mir die Mönche in gewohnter Formlosigkeit in die Hand gaben, ist eine zirka anderthalb Meter lange, vierkantige, etwa anderthalb Zentimeter dicke Eisenstange, am oberen Ende mit einer Krücke ver¬ sehen. Vor der Kirche steht ein zierliches, von Säulen getragenes Tempelchen, welches den Weihbrunnen oder Phiale enthält; zu beiden Seiten desselben stehen die zwei kolossalen, üppigen, tausendjährigen Zypressen, welche der heil. Athanasios selbst gepflanzt hat. Das Schönste aber, was ich auf Lavra sah und was mir den größten Kunstgenuß auf meiner ganzen Reise bereitete, war das Refektorium, ganz mit Fresken von Panselenos bedeckt. Es ist ein großer Raum in Kreuzes¬ form, spärlich von oben beleuchtet, an den Wänden läuft ringsherum eine Reihe von grauen Marmortischen, von ebensolchen Bänken umgeben. Wenn man von draußen in dieses sonore Halbdunkel tritt, so schimmert einem von allen Seiten das Gold der Heiligenscheine entgegen. All- 190 mählich jedoch gewöhnt sich das Auge an das gedämpfte Licht dieser Halle, an der seit vielen Jahrhunderten nichts geändert wurde und die dadurch, daß sie äußerst wenig benützt wird (Lavra ist auch ein Monasterion Jdiorhyth- mon), vor Abnützung geschützt ist. Da erblickt man ganze Reihen von überlebensgroßen byzantinischen Kaisern in Rüstungen oder im Ornat, Kaiserinnen in ihren engen Kleidungen, Heilige, Engel, das Paradies, mit zahllosen Heiligenscheinen; eine ganze Wand nimmt der Stamm¬ baum Jesse ein. Doch nicht allein die Seligen sind in diesem Raume dargestellt, man erblickt auch das Jüngste Gericht mit seiner Höllenpein, und der Höllenrachen ist an verschiedenen Stellen durch den offenen, mächtig feuer¬ speienden Rachen eines walfischartigen Ungetüms ver¬ sinnbildlicht, in welchen die Verdammten hineinfallen. Diese Darstellungen befinden sich in der Nähe der Ein¬ gangstür. Im Hintergründe ist das Reich der Seligen dargestellt, als dessen Mittelpunkt ein großes Bild des Erlösers erscheint. Da funkelt es nur von Vergoldungen, denen die Zeit eine harmonische Patina verliehen hat, und die Würde und fromme Ruhe und Hoheit der Dar¬ stellungen macht einen mächtigen, feierlichen Eindruck. Jetzt bat ich, noch die Kirche der Panagia Kukuzelissa besuchen zu dürfen, wohin mich Vater Alexander auch führte. Die großen Athosklöster enthalten nämlich inner¬ halb ihrer Mauern zahlreiche Kirchen und Kapellen. Vato- pädi z. B. enthält ihrer an fünfundzwanzig. Jedem Heili¬ genbilde, welches besondere Verehrung genießt, wurde eine besondere Kirche gebaut, sowie auch jeder Heilige, der sich einer besonderen Vorliebe erfreut, in einer ihm geweihten Kirche verehrt wird. Die Kirche, welche ich gegenwärtig 101 besuchte, war für ein wundertätiges Muttergottesbild gebaut worden, welches, wie die Legende erzählt, mit dem kaiserlich byzantinischen Hofsänger Kukuzelis, welcher sich auf Athos zurückgezogen hatte, gesprochen haben soll. Nun empfahl sich Vater Alexander und zog sich in seine Appartements zurück; ich aber irrte im malerischen Hofe umher, immer neue reizende Punkte und Motive darin entdeckend, pflückte zum Andenken Zweige von den vom heil. Athanasios gepflanzten Zypressen, und schlie߬ lich schlenderte ich zum Sommerpavillon außerhalb des Klostertores, wo ich zahlreiche Mönche fand, welche die Kühle des Sonnenunterganges, umweht von balsamischen Lüften, genossen. Sie kamen mir freundlich entgegen, und zu meiner großen Freude fand ich einen alten Mönch, welcher in seiner Jugend in Amerika gewesen war und leidlich englisch sprach. Leider war diese Freude von kurzer Dauer, denn kaum waren wir in ein lebhaftes Gespräch vertieft und trachtete ich auf meine eigene Faust und ohne der lästigen Intervention des Dragomans Informatio¬ nen aus diesem alten Kaloger (so werden die Mönche auf Griechisch genannt) zu schöpfen, der auch hocherfreut schien, sein Englisch wieder einmal zu verwerten, als das Zeichen zur Rückkehr innerhalb der Klostermauern ge¬ geben wurde. Die Sonne war untergegangen und das Klostertor mußte folglich gesperrt werden. Ich verabschie¬ dete mich von dem guten alten englischredenden Vater und sah ihn nicht wieder. Vielleicht bin ich der letzte ge¬ wesen, mit dem er englische Worte gewechselt hat. Das Nachtmahl wurde in meinem Zimmer serviert, von dem ich aber nichts Rühmliches erzählen kann. Es war einfach gräßlich und wohl die schlechteste Mahlzeit, 192 die ich in meinem Leben genossen habe. Ich aß nur ganz wenig davon, denn, obwohl ich nicht besonders heiklig im Essen bin, die Brocken wollten trotz reichlichen Über¬ gusses von Worcester-Sauce nicht hinunter. Zum Glück waren weiche Eier und Kirschen da, und das übrige wurde von meinem Dragoman mit beneidenswertem Gleichmut anstandslos bis auf den letzten Bissen verzehrt. Die beiden Aufwärter waren sehr unsauber und geschwätzig. Nach den gemachten Erfahrungen und bei der in diesem Kloster herrschenden Unsauberkeit machte ich mich auf eine schreckliche Nacht gefaßt, und nur mit Schaudern legte ich mich auf den niederen, harten Diwan hin, in meinen stark mit Zacherlpulver eingestreuten Plaid ge¬ füllt: doch, o Wunder! Ich konnte unbehelligt die ganze Nacht durchschlafen und bemerkte diesmal nichts von Wanzen. Gestärkt und erfrischt erwachte ich gegen 5 Uhr, und nach der gewöhnlichen sehr oberflächlichen Toilette bei der Wasserleitung auf dem Gange und nach einge¬ nommenem schwarzen Kaffee mit Masticha nahm ich noch Abschied vom Vater Alexander, warf noch einen Blick in das prachtvolle Refektorium und machte mich auf den Weg. Ich wollte die nächste Nacht in Simopetra zubringen, welches mich durch seine in Bildern erblickte romantische Lage anzog. Simopetra liegt auf der Südseite der Athos- halbinsel und, um am Lande hin zu gelangen, muß man hohe, steile Abhänge erklimmen; allgemein wurde mir der Seeweg als der leichtere anempfohlen. Da mir aber besonders darum zu tun war, die Schönheit der Gegend und das Innere der Waldungen 193 kennen zu lernen, ich außerdem auch die Eremitendörfer Kerassia und Hagia Anna sehen wollte, ersuchte ich um Maultiere und beschloß, den Landweg bis Hagia Anna zu benützen. Und ich tat wohl daran, denn dieser Tag, Samstag, 8. Juni, war der genußreichste und interessan¬ teste meiner ganzen Reise, und niemals erinnere ich mich, solche Naturschönheiten genossen zu haben als auf den waldigen Höhen der Ostspitze der Athoshalbinsel. Anfangs führte der Pfad durch steinige, öde Gegenden. Lavra, von rückwärts gesehen, gleicht ganz einem Teile der Stadt¬ mauern von Konstantinopel oder Salonik. Ungefähr eine halbe Stunde nach dem Verlassen des Klosters erblickte ich in der Ferne gegen das Meer die walachische Skiti „Prodromos", welche sich recht stattlich und wohlhabend, aber ziemlich neu und uninteressant präsentiert. Dann stieg der Weg immer höher und höher, und an den steilen Abhängen des Athoskegels herum kamen wir in Regionen des dichtesten Urwaldes. Obwohl die Bäume zumeist der südlichen Vegetation angehörten, hatte die Gegend ganz den Charakter unserer Hochgebirge. Quellen und Sturzbäche überall; Baumriesen, die infolge Alters ganz mit Moos bewachsen waren, andere waren aus Altersschwäche umgestürzt, und niemand dachte weit und breit daran, das Holz zu verwerten. Uralte Platanen und Kastanienbäume bargen in ihren hohlen Stämmen Kammern, in welchen ein Mensch leicht hätte Unterkunft finden können. Und die riesigen Exemplare der Osxllaloniaa mit vor Alter halb vertrockneten und vermoosten Ästen, ganz wie die alten Tannen und Fichten auf den höchsten Almen unserer Hochgebirge. Und die herrlichen Büsche 13 194 wilder Rosen, über und über mit Blüten bedeckt, und andere zahllose Blumen, mir unbekannte aber auch be¬ kannte, nur an Pracht und Üppigkeit die Blumen unserer Wälder weit übertreffend. Mein Maultiertreiber war ein gelungenes Exemplar eines geschwätzigen Griechen aus Thasos. Er hieß Dimitri und hörte es gerne, wenn man ihn Hagi Dimitri nannte, weil er eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht hatte. Er hatte sich die Haare wachsen lassen und trug sie, in einen dicken Zopf geflochten, unter seiner hohen Filzmütze hin¬ aufgesteckt, ganz wie die griechischen Mönche, „um mehr Ansehen zu genießen". Er schritt beständig an der Spitze unserer kleinen Karawane und schwätzte die ganze Zeit, sei es mit meinem Dragoman, sei es mit dem Saptieh. Von sich hatte er eine sehr hohe Meinung und hielt sich für frömmer als sämtliche Mönche, wahrscheinlich auch für weiser. Über die katholische Religion stellte er unzäh¬ lige Fragen. Aus die Protestanten war er aber durchaus nicht gut zu sprechen: „Diese Menschen, die Geld und Bücher unter die Leute verteilen, um sie vom wahren Glauben abzubringen!" Wenn er einen solchen einmal treffen sollte, der mag sich vor ihm in acht nehmen! Über¬ haupt schienen mir die Protestanten auf Athos nicht be¬ liebt, und obwohl in allen byzantinischen Klöstern gegen Rom naturgemäß eine gewisse Animosität herrscht, zollen sie doch dem römisch-katholischen Glauben eine gewisse Anerkennung, besonders wegen der Verehrung der Pana- gia, welche die Katholiken mit den orthodoxen Griechen gemein haben. Ich weiß nicht mehr, in welchem der griechischen Athosklöster es geschah, daß der Mönch, der mich gerade 195 in der Kirche herumführte, von einem anderen Mönche befragt wurde, ob man mir etwas zeigen könnte. Ich ver¬ stand nicht, um was cs sich handelte, doch der erste Mönch sagte: „Nein", dann aber fragte er mich, ob ich katholisch sei; als ich dies bejahte, führte er mich in eine Seiten¬ kapelle und enthüllte ein kleines wundertätiges Mutter¬ gottesbild, wovon nur mehr die silbernen Teile die Dar¬ stellung erkennen ließen, die gemalten Teile jedoch nur eine schwärzliche unebene Kruste zeigten. Ich fand es ungemein rührend, daß die guten Väter dieses Bild, welches durch das Alter geradezu unkenntlich geworden war, aber dadurch in ihren Augen nichts an Ehrwürdig¬ keit verloren hatte, nicht der Kritik und vielleicht gar dem Spotte skeptischer Freigeister oder der Gegner ihrer Muttergottesverehrung preisgeben wollten. Gegen 10 Uhr hielten wir bei einer reichen, kristall¬ klaren Quelle, welche „Nero Krio" benannt ist, deren Um¬ gebung den ausgeprägtesten Hochgebirgscharakter trug. Dort Packte ich meinen Proviant aus und labte mich und mein Gefolge mit Käse, Brot und Schokolade und wir tranken dazu das köstliche Wasser der Quelle. Von da ab ritten wir weiter östlich, stets in einer Höhe von zirka 700 Metern über dem Meere und stets im dichtesten Walde. Hagi Dimitri bot sich an, mir als Führer zum Gipfel des Berges Athos zu dienen, doch leider reichte meine Zeit für diese Partie, welche einen ganzen und recht be¬ schwerlichen Tag in Anspruch nehmen würde, nicht hin. Der Weg von Nero Krio bis Hagia Anna ist ent¬ schieden der schönste, romantischeste und großartigste Teil 196 der Halbinsel. Zuerst kommt man an eine Stelle, wo man das Enstedlerdorf Kerassta in einer steil gegen das Meer abfallenden amphitheatralischen Bucht, zwischen zwei weit vorspringenden felsigen Vorgebirgen eingeschlossen, er¬ blickt. Den Besuch der Eremitagen mußte ich wegen Mangels an Zeit aufgeben, obwohl die freundlichen Häuschen, die, wie Schwalbennester, rebenumrankt am steilen Abhange zu kleben schienen, recht lieblich und ein¬ ladend aussahen. Sie sollen zumeist von Russen bewohnt sein; unter ihnen befindet sich eine größere Kirche; fast jedes Häuschen hat jedoch seine eigene, mit Kuppel ver¬ sehene Kirche und ist von terrassenartigen Gärten um¬ geben. Links von uns stieg das Kap St. George oder Papa Georgi, ein starrender, öder Felsblock, aus. Nachdem wir an diesem vorübergeritten waren, öffnete sich vor mei¬ nen Augen ein feenhafter Blick! Tief, tief drunten, fast senkrecht zu meinen Füßen das blaue Meer in allen Nu¬ ancen vom lichtesten Türkis bis zum dunkelsten Kobalt, links die turmhohen Felsen von Papa Georgi und am Horizont die Halbinsel Longos und das Festland von Chalkidike; alles dies aus einer Höhe von 700 Metern gesehen, von der Junisonne beleuchtet, umgeben von üppn gen, grünen Gebüschen, dazu der liebliche Sang der Vögel, welch ein unbeschreiblicher Zauber! Und weiter ging es an diesem lieblichen Abgrunde entlang, bis wir die Ostspitze der Halbinsel umgangen hatten und uns nun an der südlichen Küste oberhalb der Einsiedelei von Hagia Anna befanden. Von da führt ein unglaublich steiler Weg über Hagia Anna zur See in einer halben Stunde senkrecht durch Felsen und Geröll 197 hinunter. Vom Reiten ist da keine Rede, so stieg ich denn ab und stürmte, vom wachsamen Saptieh gefolgt, hin¬ unter. Mein Dragoman folgte mit Hagi Dimitri und der Bagage nach. Nachdem wir zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, gelangten wir zu den Häuschen der Einsiedler. Freundliche Häuschen am steilen Abhänge mit frucht¬ baren, wohlgepflegten Obst- und Gemüsegärtchen, wo das spärliche Erdreich durch Terrassen und Eskarpen auf diesem steilen Felsen zurückgehalten wurde. Jetzt hatte ich auch die Kirche von Hagia Anna erreicht, wo wir uns ein bißchen ausruhen sollten und von wo aus ein Boot zur Weiterreise bestellt werden mußte. Ich drängte sehr vor¬ wärts, weil ich hoffte, noch zum Mittagessen das Kloster Dionysios zu erreichen. Ich besichtigte also nur flüchtig die hübsche, freundliche, buntbemalte Kirche und wollte weiter. Doch so geht es im Byzantinischen Reiche nicht. Ich mußte noch den landesüblichen Kaffee und Glyko über mich ergehen lassen, mußte das endlose Fragen und Schwätzen der Mönche anhören. Das Boot sei noch nicht bereit, könne nicht so schnell fertig werden, ich solle doch etwas Kaffee nehmen, ob ich mich denn nicht im Zimmer ausruhen wolle, und trotzdem ich mich eher unfreundlich und ablehnend verhielt, nützte es nichts, man kam nicht weiter, es läutete Mittag, es begann leicht zu regnen, und noch immer kamen wir nicht weiter. Zuletzt riß mir doch die Geduld, ich ging davon zum Meeresufer, das ich in zehn Minuten erreichte. Mein Gefolge mußte mir wohl oder übel nachkommen, und so waren wir also am Strande bei den Booten, aber das Boot mußte noch zur Fahrt her¬ gerichtet werden! 198 Endlich gegen halb 1 Uhr wurden wir flott. Der Blick von der See auf Hagia Anna ist reizend. Wieder viele nette, malerische Häuschen, welche wie Schwalbennester am Felsabhange hingeklebt scheinen und einen höchst originellen Eindruck machen. Nach kurzer Fahrt erblickten wir vor uns eine Reihe der schönsten und mächtigsten Mönchsburgen des südlichen Athosufers. Zuerst St. Paul, welches etwas entfernter vom Ufer auf einer sanften Anhöhe steht und dadurch um so imposanter aussieht. Der Charakter einer Burg ist in diesem Kloster, überragt von einem mächtigen Turme mit Zinnen, ganz besonders ausgeprägt. Überhaupt sind die Klöster, die sich mir jetzt an diesem östlichen Teile der Südküste der Halbinsel zeigen, finsterer, weniger bunt und haben ein defensiveres Aussehen als die der Nord¬ küste, sowie auch die Ufer des Meeres hier weniger freund¬ lich und bewachsen, aber ungemein romantisch sind. Nach St. Paul erscheint St. Dionysios, St. Grego¬ rios und im Hintergründe erhebt sich majestätisch, alle anderen überragend, Simopetra. Der Regen hatte aufgehört und die Junisonne war siegreich und warm hervorgekommen. Obwohl es nun bereits 1 Uhr war, hoffte ich doch im Kloster Dionysios ein Mittagmahl zu finden und hegte den Wunsch, die Goldene Bulle des Kaisers von Trapezunt, des Komnenen Alexius, von der Fallmerayer eine so ausführliche, inter¬ essante Beschreibung gibt, zu sehen. St. Dionysios liegt auf einem schroffen Felsen über dem Meeresufer. In zehn Minuten hatte ich den steilen Weg zum Kloster erklommen. Es war das erste zönobische Kloster, welches ich betrat. Ich wurde von einem höchst 199 unfreundlichen Mönch, dessen Gesicht durch ein gräßliches Feuermal entstellt war, mürrisch empfangen; doch nach¬ dem ich wie gewöhnlich mein Zirkularempfehlungsschrei¬ ben vorgewiesen hatte, kam ein anderer Mönch, der mich mit der traditionellen athonischen Liebenswürdigkeit be¬ handelte. Es erschien schwarzer Kaffee und Glyko, ein mageres Mahl für hungrige Mägen! Ich sagte sofort: der Grund meines Besuches sei der Wunsch, die Goldene Bulle des Kaisers Alexius von Trapezunt zu sehen. Darob große Bestürzung des guten Mönches, es sei diese Bulle noch nie Fremden gezeigt worden, worauf ich ent¬ gegnete, es könne nicht richtig sein, da ich ausführliche Be¬ schreibungen derselben in Büchern fremder Zungen gelesen habe. Darauf wurden noch mehrere Schwierigkeiten ge¬ macht, doch als ich noch dringender bat, mich dieses kost¬ bare Dokument ansehen zu lassen, ich wolle ja nichts ab¬ schreiben oder nur berühren, entfernte sich mein Mönch, indem er sagte, es müsse eine Sitzung behufs Besprechung meines Wunsches zusammenberufen werden und er wolle sehen, was sich machen lasse. Nun wartete ich eine lange Zeit, während welcher ich immer hoffte, es werde etwas Eßbares erscheinen, doch vergeblich! Endlich nach langem Warten erschien wieder der frühere Mönch in Begleitung eines zweiten, eine Rolle tragend. Sie hätten mir aus ganz besonderer Gnade die Erlaubnis erwirkt, die Bulle zu sehen, und brachten mir sie nun her. Nachdem die zahlreichen Papiere entfernt worden waren, in welche es eingemacht war, erschien nun das kostbare Dokument in seiner grünseidenen Hülle. Trotz der vorhergehenden großen Schwierigkeiten durfte ich nun damit so ziemlich nach Belieben hantieren. Es ist 200 eine sehr lange (Fallmerayer sagt, sechzehn Fuß lange und eineinhalb Fuß breite) Rolle aus dünnem Perga¬ ment, ganz mit drei Zentimeter hohen, mir Laien ganz unleserlichen Schriftzeichen bedeckt. Der Name des Kai¬ sers, der sich im Text ost wiederholt, erscheint stets in Goldbuchstaben geschrieben. Die Bildnisse der trapezun- tischen Majestäten Alexius und Theodora sind ziemlich grob ausgeführte Miniaturen, welche wegen der Kostüme und der Farbenbehandlung von großem Interesse sind, jedoch keinen künstlerischen Wert Haben. Die Gestalten sind stilisiert und die Gesichter starr und ausdruckslos. Die beiden Jnsiegel, welche oberhalb des Textes rechts und links angebracht sind, haben ganz die Form und Dicke gewöhnlicher großer byzantinischer Goldmünzen und schien mir die Art und Weise, wie sie mit starken Seiden¬ fäden am Pergament befestigt sind, neueren Datums. Das Wunderbarste an dem Ganzen ist der außerordent¬ liche Erhaltungszustand, in dem sich dieses über fünf Jahrhunderte alte Dokument befindet. Nachdem ich nun meine Neugierde in dieser Rich¬ tung befriedigt hatte, wurde ich durch die übrigen Räume des Klosters geführt: Kirche, Bibliothek, Refektorium; im letzteren waren große Haufen frischer Brotwecken aufge¬ häuft, wovon mein Dragoman und ich je ein Stück zum Andenken erhielten. Nach 3 Uhr verabschiedeten wir uns und gingen zum Hafen hinunter, wo wir das Boot bestiegen, welches uns nach Simopetra bringen sollte. Im Boote holte ich den Rest meines Reiseproviants hervor, der in Käse, einer Büchse Schinkenkonserve und etwas Schokolade bestand, welche ich unter uns alle verteilte, dazu die auf St. Dio- 201 nysios erhaltenen Brote und ein Schluck Kognak, und wir konnten getrost und befriedigt den kommenden Er¬ eignissen entgegensetzen. Nach einer Fahrt von einer guten halben Stunde fuhr mein Boot in den kleinen Hafen von Simopetra ein. Am Hafen liegen ein Haus für die Boote und ein paar kleine Gebäude, darunter eine Herberge mit einer auf das Meer hinausragenden, weinumrankten Veranda, aus Holz gebaut, sehr wackelig und morsch, aber unend¬ lich malerisch und heiter. Beinahe senkrecht über dem Hafen in schwindelnder Höhe liegt das Kloster selbst. Das Wetter war Prachtvoll geworden, die Nachmittagssonne brannte. Unter diesen Umständen war ich ganz entschlossen, den etwa eine halbe Stunde weiten Weg hinauf nicht zu Fuß zurückzulegen, lieber hätte ich in der recht unreinlichen Herberge über¬ nachtet. Doch dazu kam es nicht. Die Mönche, welche am Hafen wohnten, konnten sich mittelst Sprachrohres mit dem Kloster verständigen und erklärten sich bereit, mir auf diese Weise Maultiere von oben zu verschaffen. Es wurde also hinaufgerufen, doch dauerte es eine Weile, Lis die Klosterbewohner auf den Ruf aufmerksam wurden. Endlich erschien eine schwarze Gestalt, ebenfalls mit einem Sprachrohr bewaffnet, auf einer der oberen Ga¬ lerien. Man möge uns drei Maultiere gleich herunter¬ senden, „Polykala" tönte die befriedigende Antwort aus dem oberen Sprachrohr herunter. Nun wurden wir aufgefordert, hereinzutreten; sie wollten uns mit Kaffee, Glyko und Masticha laben, doch hatte ich diese Süßigkeiten in den letzten Tagen so oft 202 genossen, daß ich einen förmlichen Ekel davor hatte, und während sich mein Gefolge daran labte, zog ich es vor, am Meeresufer im Schatten eines alten Maulbeerbaumes zu sitzen und dessen köstliche, dunkelroten und saftigen Früchte zu genießen, welche nichts gemein haben mit den färb- und geschmacklosen Maulbeeren, welche in unseren Gegenden vorkommen. Endlich nach langem Warten kamen die Maultiere und wir begannen den sehr steilen Aufstieg. Oben an¬ gelangt, stiegen wir ab, und ich wurde durch einen finsteren, aufwärts steigenden, engen Gang geführt, der am Fuße einer Treppe mündete, über die ich in den obersten Teil des Klosters gelangte. Dort wurde ich in das Empfangszimmer für Fremde geleitet, worauf der unvermeidliche Kaffee und Glyko serviert wurde und der Abt selbst erschien, um mich will¬ kommen zu heißen. Er ist ein hagerer, sehr alt und ge¬ brechlich aussehender, würdiger Greis, dessen Kleidung sich in nichts von der der anderen Mönche unterscheidet. Die Macht und das Ansehen eines solchen Abtes inner¬ halb des Klosters sind sehr groß und kein Mönch oder Laie nähert sich ihm, ohne vor ihm niederzuknien und ihm die Hand zu küssen. Er plauderte eine Weile mit uns ganz leutselig, dann wurde ich in die Kirche geführt, wo ich einen Mönch namens Joaniki fand, der geläufig russisch sprach. Überglücklich, endlich wieder jemanden zu finden, mit dem ich ohne Dragoman sprechen konnte, vertraute ich mich seiner Führung an und begann mit ihm eine detaillierte Besichtigung des ganzen Klosters. Simopetra ist, wie ich bereits erwähnte, auf der Spitze eines steilen Felskegels gebaut, und zwar so, daß 203 der Gipfel des Felsens gleichsam in das Gebäude hinein¬ ragt und das Kloster infolge der Unregelmäßigkeit des Felsens an einzelnen Stellen nur mit einem Stockwerke auf demselben ruht, an anderen Punkten jedoch bis sieben¬ stöckig ist. Das Kloster ist schon mehreremal, und zwar das letztemal vor ungefähr zehn Jahren, gänzlich durch Feuersbrunst zerstört worden. Das Mauerwerk ist natür¬ lich unversehrt geblieben, aber die zierlichen Holzgalerien, die sich längs der Fensterreihen eines jeden Stockes hin¬ ziehen, infolgedessen an gewissen Stellen sieben überein¬ ander schwebende Reihen von Balkons bilden, was dem finsteren Gemäuer der Mönchsburg etwas Bewohntes. Heimlicheres verleiht, mußten sämtlich erneuert werden. Die innere Ausschmückung der Kirche ging ganz zu¬ grunde; dieselbe ist gegenwärtig nur weiß getüncht und sehr einfach ausgestattet; auch die ganze Bibliothek wurde ein Raub der Flammen. Die gegenwärtig bestehende Büchersammlung ist nur aus einer geringen Anzahl Bücher, Geschenke und Anschaffungen der letzten Jahre, zusammengesetzt, doch genügt sie den Bedürfnissen des Klosters, da sich die Mönche wenig mit Lektüre befassen. In der Bibliothek fand ich einen Mönch mit dem Einbinden von Büchern beschäftigt und bewunderte die hübschen, geschmackvoll und exakt gearbeiteten Einbände, die er geschaffen hatte. Durch alle sieben Stockwerke des Klosters mußte mich Pater Joaniki führen. Im untersten, der nur aus einem einzigen Raume besteht, befindet sich die Werkstätte des Klosterschuhmachers, ebenfalls ein Mönch. Der Fels, auf dem Simopetra thront, ist mit dem dahinter liegenden hohen Berge durch einen Aquädukt 204 verbunden, dessen malerische Bogen den Reiz des Bildes von ferne bedeutend erhöhen. Leider wird jetzt im Kloster viel gebaut und hinzugefügt. Die eng zusammengedräng¬ ten Gebäude genügen nicht mehr den Ansprüchen des blühenden Klosters; es werden ein neues Refektorium, ein Spital und Wohnungen für mehr Mönche angebaut. Mögen diese neuen Bauten nicht dem ehrwürdigen alten Felsenneste seinen eigentümlichen, romantischen Charak¬ ter nehmen! Überall anders würde Simopetra nicht der Banalisierung durch den Neubau entgehen, aber im Byzantinischen Reiche wird ja immer noch bei Bauten an alten Traditionen festgehalten, und selbst das Neueste sieht dort nie ganz neu aus. Ich bestieg noch den Glockenturm und setzte mich dann auf den obersten Balkon oder äußeren Gang; dort war es herrlich schön. Das Ideal von dem, was Fall- merayer die „süße Schwärmerei" nennt. Alles so stim¬ mungsvoll, so ruhig, so weltentrückt, so duftig. Die Sonne war gerade im Untergehen, tieß tief drunten lag das Meer, still und dunkelblau, in den Büschen schmetterten Nachtigallen. Die Augenblicke, welche ich auf diesem Bal¬ kon von Simopetra verlebte, waren reinster Genuß und der Gipfelpunkt meiner ganzen Reise. Um 7 Uhr wurde ich zum Abendessen gerufen. An demselben nahmen teil außer mir und meinem Dragoman, Vater Joaniki und ein russischer Mönch von athletischer Gestalt, der schon längere Zeit auf Simopetra weilte, um griechisch zu lernen. Die Mahlzeit, die uns vorgesetzt wurde, war ent¬ schieden die beste, die ich auf Athos verzehrte. Zuerst kamen Eier, dann ganz vorzügliche, gebackene Fische mit famosem Gurkensalat. Die nächste Speise war mir aller- 205 dings eine arge Enttäuschung: es war eine große Schüssel Makkaroni mit Tomaten, welche sehr appetitlich aussahem mit Käse bestreut, doch beim ersten Bissen mußte ich die Gabel hinlegen, sie waren mit zu entsetzlichem Fett be¬ reitet und statt mit Parmesankäse mit Schafkäse bestreut! Dann aber kam noch eine sehr gute süße Speise; Käse und Obst, das Brot und der Wein waren vor¬ züglich, und so stand ich im ganzen sehr befriedigt vom Tische auf. Um 8 Uhr erklang der Simandron durch das ganze Kloster als Zeichen, daß der Abendgottesdienst beginne. Gewöhnlich müssen die Mönche täglich um Mitternacht in die Kirche, jedoch angesichts des morgigen Sonntags und der Oktav nach Pfingsten begann diesmal der Gottesdienst schon um 8 Uhr abends und sollte die ganze Nacht dauern und das Amt am Sonntag morgens den¬ selben fortsetzen! Ich plauderte noch lange mit dem russi¬ schen Mönche, der als Gast eine weniger strenge Obser¬ vanz befolgte. Dann begab ich mich auf den Balkon, er¬ götzte mich an dem herrlichen Anblick des Meeres und der Felsen in den Strahlen des Mondes gebadet und lauschte dem Gesänge der Nachtigallen. Es wurde mir schwer, mich von der lauen Mond¬ nacht zu trennen, um eine zweifelhafte Nachtruhe zu suchen. Und in der Tat, meine bösen Ahnungen verwirk¬ lichten sich. Das Lager, welches man mir auf einem Diwan im Empfangssalon bereitet hatte, erwies sich als eine Folterbank, auf welcher ich nur gegen Morgen, als sich meine Peiniger an meinem Blute gesättigt hatten, vor Müdigkeit auf ein paar Stunden einschlief. Bei meinem Erwachen nach 5 Uhr fand ich die Landschaft 206 ganz verändert. Der Himmel war umwölkt, das Meer stürmisch und hatte seine schöne Farbe verloren, ein kühler Wind wehte und es drohte zu regnen. Unter diesen Umständen fand ich es geraten, sobald wie möglich aufzubrechen, um vor einem etwaigen Sturme Daphne oder St. Panteleimon zu erreichen. Ich verab¬ schiedete mich von dem guten Abte, die übrigen Mönche waren noch in der Kirche. Nun ging es wieder mit Maultieren bergab zum Hafen, wo ein Boot für uns flottgemacht wurde. Beim Verlassen des Hafens feuerte mein Saptieh seinen Ab¬ schiedsschuß ab, worauf der eine Mönch der Hafen¬ herberge, ein Spaßvogel, seine Flinte herbeiholte und ebenfalls mit einem Schuß antwortete. Indessen hatte sich der Wind gelegt, und in einer guten halben Stunde legten wir bei Daphne an. Dort hatte mein Dragoman unsere Teskeres, ohne welche man im türkischen Reiche absolut nicht reisen darf, deponieren lassen. Ich gab unzählige Ansichtskarten von Athos, welche ich aus Salonik mitgebracht hatte, auf der russi¬ schen Post auf. Dann begaben wir uns wieder in unser Boot und ließen uns zu dem wieder etwa eine halbe Stunde entfernten russischen Kloster St. Panteleimon, auch „Russikon" genannt, rudern, wo wir gegen 9 Uhr ankamen. Der Anblick von St. Panteleimon von der See¬ seite ist der denkbar häßlichste und uninteressanteste. Das Kloster selbst verbirgt sich hinter einem kolossalen Neubau, welcher einem Fabriksgebäude gleicht und verschiedene Unternehmungen des Klosters sowie wirtschaftliche Räume enthält. Beim Eintritt in das Kloster übergab ich die Empfehlungsschreiben, welche ich von der russischen 207 Gesandtschaft in Athen erhalten hatte, und wurde in ein freundliches Fremdenzimmer geführt. Da glänzte alles von Sauberkeit und Ordnung. Auf dem neuen und rein¬ lichen Diwan ließe sich gut ruhen und wahrscheinlich ohne Ruhestörung durch Ungeziefer, aber wie Prosaisch und uninteressant waren diese frisch getünchten Gänge, diese frisch lackierten Boiseries, diese lichten Zimmer mit den neuen, weißen Vorhängen und neuen mit Cretonne über¬ zogenen Möbeln. Der Blick aus dem Fenster fiel auf einen wohlgepflegten Garten, aber welch ein Unterschied mit der wilden Romantik von Simopetra! Diesmal wurde Tee und Eingesottenes serviert, eine angenehme Abwechslung; dann erschien auf der offenen Galerie, welche vor meinem Fenster vorbeiging, die schwarze Gestalt eines älteren Mönches, der sich als Pater Lenophon, welcher früher Fürst Wiasemsky hieß, zu er¬ kennen gab. Ich hatte schon viel von ihm gehört und freute mich sehr, ihn kennen zu lernen. Er war zweimal verheiratet gewesen, hatte Weib und Kind verloren und hatte sich ins Kloster zurückgezogen, nachdem die Welt für ihn keinen Reiz mehr hatte. Seine einzige Freude waren mathematische Studien, denen er sich hier im Kloster nach Wunsch widmen durfte. Vater Tenophon hatte auch nebenbei die Aufgabe, sich der Fremden anzunehmen und ihnen die Honneurs des Klosters zu machen. Da es Sonntag war, schlug er mir vor, zuerst dem Gottesdienste beizuwohnen, dann wolle er mir das Innere des Klosters zeigen. Diesen Vorschlag nahm ich mit Freuden an. Die Hauptkirche von St. Panteleimon ist von außerordentlichem Reichtume 208 und ist die Fülle der Vergoldungen beinahe erdrückend. Es wohnte eine sehr zahlreiche Assistenz dem Gottes¬ dienste bei, fast lauter russische Bauern in Juchtenstiefeln und Kaftan. Es waren zumeist Pilger oder Bedienstete des Klosters. Ich wurde zu einem Ehrenplätze beim Altar geführt und konnte der geistlichen Handlung, welche leider ihrem Ende nahte, aus nächster Nähe folgen. Der Abt, Archimandrit Andrei, umgeben von zahl¬ reichen Geistlichen, zelebrierte die Messe. Die Gesänge, welche den Gottesdienst begleiteten, waren wunderschön und die Meßgewänder, bei denen an diesem Tage die grüne Farbe vorherrschte, strotzten von Gold und waren wie auch die sonstigen zum Kultus gehörigen Gegen¬ stände von einem Reichtums, der mir alles, was ich der¬ artiges in. Moskau und St. Petersburg gesehen hatte, zu übertreffen schien, aber alles ganz funkelnd, neu, zu¬ meist Geschenke der kaiserlichen Familie. Ganz beson¬ ders wurde ich auf ein Heiligenbild, den heil. Pante- leimon darstellend, aufmerksam gemacht, das ein Ge¬ schenk des Kaisers Nikolaus II. ist. Der Heilige selbst war in Email ausgeführt, die Einfassung überaus prunk¬ voll aus ziseliertem Golde mit Emailverzierungen. Das Ganze, eine Arbeit von Hlebnikoff aus St. Petersburg, nicht besonders geschmackvoll, verdient jedoch, was Aus¬ führung und Feinheit der Arbeit betrifft, die höchste An¬ erkennung. Vater Tenophon zeigte mir nach der Messe noch einige Lokalitäten und Gemälde, dann führte er mich in den Empfangssalon, wo ich dem Archimandriten An¬ drei vorgestellt werden sollte. Der Salon ist ein sehr großer, lustiger Raum mit zahlreichen Fenstern an drei Seiten. Die Dekoration des Raumes ist sehr licht 209 gehalten, weiße Spitzenvorhänge umkleiden die Fenster, Blumentische mit Pflanzen stehen herum, an den Wän¬ den hängen Gemälde, Lithographien und Photographien, zumeist Porträte von orthodoxen Potentaten, Fürstlich¬ keiten, Bischöfen, und Heiligenbilder. Der Boden des Saales ist spiegelglatt, lichtbraun lackiert, rings um den Raum stehen rote Samtkanapees, Fauteuils und Stühle, in der Mitte ein rundes, ebensolches Sofa, lauter Möbel aus den Fünszigerjahren. Außer mir waren noch zwei Gäste, ein eleganter bulgarischer Herr mit einem Ordensbändchen und ein Architekt aus Odessa. Beide waren in Salontoilette er¬ schienen, ich mußte wohl oder übel in meinem sehr aben¬ teuerlichen Reisekostüm bleiben, da ich nichts anderes mit hatte. Außerdem war noch eine größere Anzahl Mönche anwesend; wir saßen alle in einer Reihe längs der Wand und warteten. Es wurde Tee und Eingesottenes serviert. Da end¬ lich erschien der Archimandrit. Alles erhob sich und küßte ihm die Hände. . Wir wurden ihm vorgestellt; er setzte sich auf das Sofa und plauderte mit uns. Er ist ein sehr korpulenter Mann von hohem Wüchse mit großem grauen Barte, sieht schon sehr alt und schwach aus und soll auch kränklich sein. Er trägt ein schönes goldenes Pektorale an gol¬ dener Kette. Er ist ein freundlicher alter Herr, dessen Reden stets mit frommen Worten und Gebeten ver¬ mengt sind. Ab und zu kam ein Mönch, um die Befehle des Archimandriten für irgend etwas einzuholen; dabei kniete der betreffende Mönch stets nieder und küßte dem alten 14 210 Herrn die Hand. Nachdem wir längere Zeit geplaudert hatten, wurde das Essen angesagt, und wir wanderten in den Speisesaal, der sich unter dem Empfangssaale befand. Obwohl St. Panteleimon wie alle russischen Klöster Zönobe ist, so ißt der Abt mit den Spitzen der Kloster¬ geistlichkeit und seinen Gästen nicht im allgemeinen Re¬ fektorium. Das Mittagsmahl unterschied sich von den Mahlzeiten in den griechischen Klöstern dadurch, daß es sehr schön und sauber serviert war, auch war in der Wahl, Reihenfolge, Anzahl und Zubereitung der Speisen eine gewisse Prätention bemerkbar, vielleicht deshalb kam es mir ebensowenig schmackhaft vor, ja es blieb sogar hinter dem Essen auf Simopetra weit zurück. Auch war mit ebenso schlechtem Fett gekocht, wie überall auf Athos. Nach dem Essen führte uns der Archimandrit in seine Privatgemächer und gab jedem von uns Fremden Ge¬ schenke zum Andenken, unter anderem auch ein im Kloster selbst verfertigtes Muttergottesbild. Bevor er mir das meinige einhändigte, fragte er Vater Lenophon: „Kann man es ihm geben?" worauf ihn dieser beruhigte, ich sei ein Katholik, der ja die Muttergottesbilder auch in hohen Ehren halte. Nun verabschiedeten wir uns vom Archi- mandriten, und Vater Lenophon begann mit mir den Rundgang durch das Kloster. Zuerst sahen wir das riesige Refektorium, wo über tausend Mönche täglich abgespeist werden, von da gingen wir durch eine Allee von rosa und weiß reich blühendem Lorbeer in ein Nebengebäude, wo sich die sehr reiche, große Bibliothek befindet, dann zur alten griechischen Kirche, dann zum häßlichen, großen Ge¬ bäude am Meeresufer, wo ich das große Krankenhaus und 211 die Malerschule besichtigte. Letztere ist ein sehr löblicher Versuch, die athonische Kunst zu heben und zu entwickeln, jedoch bisher mit sehr ärmlichen Resultaten. Mit der steifen, hieratischen, byzantinischen Manier ist zwar ge¬ brochen worden, aber bis zu einer freien, selbständigen Auffassung haben es die guten Mönche nicht gebracht. Dann bat ich Vater Lenophon, mich noch zu einer Einsiedelei zu führen, die sich in der Nähe befinden sollte. Das tat er sehr bereitwillig. Leider konnten wir den Ein¬ siedler nicht sprechen, da er sein Nachmittagsschläfchen machte, aber der Garten war sehr nett und gut erhalten und meine theologischen Gespräche mit Vater L'enophon äußerst interessant, so genoß ich meinen Spaziergang un¬ gemein. Kaum ins Kloster zurückgekehrt, wurde ich zum Nachmittagstee im Empfangssaal gerufen und nach dem Tee sagte man mir, das Boot sei bereit, um mich und die anderen Herren nach Daphne zu führen, wo der rus¬ sische Dampfer bald ankommen müsse, mit dem ich nach Salonik zurückkehren wollte. Nachdem ich herzlichen Abschied von Vater Lenophon und den anderen Mönchen genommen hatte, fuhren wir davon. Vater Paissi begleitete uns. Es war 3 Uhr nach¬ mittags. Die Junisonne brannte heiß. In Daphne war eine unglaubliche Menge von russischen Pilgern zusam¬ mengeströmt, meist arme Leute, die im sehr primitiven Gasthause überall Herumlagen und ausruhten, bis der Dampfer kam, der sie nach Odessa führen sollte. Vater Paissi proponierte mir, ein Seebad zu nehmen, was ich mit Freuden annahm, da es sehr heiß war und ich mich bereits vier Tage nicht recht gewaschen hatte. Das Wasser 212 war herrlich klar und warm; am romantisch zerklüfteten Ufer tauchten weißbärtige Mönchsgestalten auf, die sich so wie greise Meeresgottheiten auf den Felsen herum¬ lagerten. Vom Mittelalter glaubte ich mich in das graue mythologische Altertum versetzt! Doch nicht lange währte diese Illusion, denn das russische Schiff „Azoff" dampfte bereits heran; da hieß es sich geschwind ankleiden und Abschied nehmen von der gastlichen Halbinsel, wo ich leider nur vier Tage der Weltabgeschiedenheit und der reinsten Naturgenüsse verbracht hatte, die mir unverge߬ lich bleiben werden. Auf dem Schiffe traf ich eine sehr nette englische Familie, mit der ich gleich bekannt wurde, einen vor¬ nehmen Türken mit seinem Harem, Juden, russische Pilger usw. Das Schiff war sehr rein, das Essen recht gut, das Bett — unbewohnt, Dinge, deren Wert ich jetzt zu schätzen gelernt hatte. Nach dem Essen begab ich mich auf Deck und sah mit Wehmut den stolzen Athoskegel schon in grauer Ferne, nur mehr ein Phantom. Am nächsten Morgen war ich schon wieder im „Hotel Colombo" in Salonik, um eine schöne Erinnerung reicher. S8SSS476224