44390 Turnbilde^ aus Vergangenheit und Gegenwart. Festspiel zur Feier des 50jähr. Bestandes des Laibacher Deutschen Turnvereines. Entworfen von Dr. J. I. Binder. Laibach 1913. Personell: Im ersten Bilde: Auf der Hasen Haide 1813. I. W. Bornemann Friedrich Ludwig Jahn Friedrich Friesen Ernst Eiselen Ed. Dürre, Jungturner Hans Matzmann, Jungturner Turner. Im zweiten Bilde: Am Fuße der Wartburg 1817. Friedrich Ludwig Jahn Ernst Eiselen v. Vietinghoff Hans Matzmann Turner und Lützower. Im dritten Bilde: Turn wiese in Laibach 1903. Friedrich Ludwig Jahn Anast. Grün Ludwig Uhland Ein Herold Der Turnrat Ein Knabe Turner. 44390 Ruf der Hasenheide. (1813.) Schauplatz: Hintergrund mit einem Ausblicke auf »ine ferne Stadt in der Ebene. Seitenwände: Durchsichtiger Waldbcstand, zumeist Föhren. Erster Auftritt. Man sieht im Hintergrund einige Turner üben. Hinter der Bühne tönt das Weihelied von Knaben und Männern. Unter einem Baume stehen Friesen im Gespräche mit Bornemann und Eiselen. Friesen. Heute soll ja Meister Jahn kommen. Bornemann. Schon gestern haben wir ihn erwartet; der Alte im Bart ist doch sonst über die Matzen genau. Friesen. Er bringt sicher gute Botschaft. Im letzten Briefe mahnt er uns zur Vorsicht. Die französische Garnison sei auf alles gefasst, seit der wackere, edle Uork mit den Russen sich vertragen. Spione kundschaften rundum... Hüte dich, Freund Eiselen. Eiselcn. Der Professor Fichte, dem man seine herrlichen Reden, — o wie verstand er uns zu packen, — sehr krumm nimmt, hat sich schon der Aufhebung durch die Flucht nach Breslau entzogen. Friesen. Doch sie sollen uns nicht 'rumkriegen. Seht nur, wie stark schon unser Fähnlein geworden, Vater Bornemann! Noch ist nicht recht Frühling und die Heide wird bald zu klein, um unsere Gymnasien aufzunehmen. Eiselen. Du willst wohl sagen, „unsere Turner". Dies Kraftwort, das uns Vater Jahn geprägt, soll uns heilig sein, lieber Friesen! Bornemann. Ja, das Turnen ist der Jungbronnen unseres Volkes. Wie sagt doch Jahn? Erst wenn alle Mannschaft durch Leibesübungen waffenfähig geworden, streitbar durch Waffenübung, schlagfertig durch erneuerte Kriegsspiele, kriegskühn durch Vaterlandsliebe, — kann unser Volk wehrhaft heihen. Wehrlos ehrlos! sagten unsere Alten. Friesen. Ja, wehrhaft und ehrhaft ist unsere Losung. Borncmann. Es ist eine Freude, die Jungen zu sehen, wie sie sich tummeln. (Hinausblickend:) Dort, wie der Kerl klettert, sieh nur die Gruppe der Springer und Ringer, das werden einstens Stürmer werden; besonders dieser kleine Dürre. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Dürre und M aß m a n n kommen herangeeilt. Dürre (fast atemlos, früh erregt:) Denkt euch, Friesen, eben hab' ich im Weitsprung dreimal meine Körperlänge gebrochen. Matzmann. Ja, wahrhaftig, wir sind stolz auf ihn. Eiselcn. Gewiß mit Recht. Unser Meister sagt, seine doppelte Leibeslänge in den Weitsprung nehmen, das kann jeder mit einiger Übung. Zweieinhalbmal ist schon ein guter Sprung, aber dreimal, das ist wohl außerordentlich. 4 Dürre. Wenn ich nur auf dem Voltigiergestcll ... Masnnnnn. Du willst wohl sagen „Barren", so hat cs Jahn ja eigens auf jeden Holm geschrieben. Dürre. Gut, lieber Matzmann. Wenn ich also nur an Barren und Reck auch schon so weit wäre. Eiselen, üben, üben und wieder üben! — Und nun wieder flink an die Geräte! (Dürre und Matzmann ab.) Dritter Auftritt. Die Vorigen außer Dürre und Matzmann. Borncman». Ich vermisse bei allem aber doch die stramme Zucht. Wie sollen wir den Gegner bestehen können, bei dem Zehntausend auf einen Wink sich wen¬ den, rechts und links ... Friesen. Ich hoffe, bald auch zurück. Bornemann. Nicht zu früh gejubelt. Eisclen. Ich glaube auch, hier mütztcn wir cinsctzen. Friesen. Die Jugend verträgt keinen Drill. Erfolgt der Ruf, dann kommt es von selbst ins Blut, besonders wenn die Trommel dröhnt und die Pfeife den Takt gibt. Borncman». Lasset cs gut sein. Wer wird sich aber früher darein finden, als derjenige, der schon von jung auf Ordnung geübt, Körperhaltung und Körper¬ wendung auf den Schlag beherrscht, nicht gedrillt, sondern mit Geist geübt. Friesen. Wie aber anfassen? Eisele». Ich habe mir schon ein Plänchen ausgedacht: Sehet mal her! Dieser Stock sei meine Flinte; nun fasse ich ihn mit beiden Händen, ich hebe die Arme, beuge sie, strecke sie, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs oder ich nehme eine andere Übung vor und gar vielerlei läßt sich dazu ersinnen. Wenn das unsere Turner mit Verstand üben, dann können sie vom Turnplatz weg ins Feld rücken. Friesen. Nur eines fehlt noch: Fechten und Schießen. Borncman«. Fürs erste hast du schon vorgesehen, aber Aug und Hand, wer übt sie für den Schuß? Eiselen. Das übt sich am Gerwurf. Das übrige sind Handgriffe, die sich leicht erlernen und der Schütze ist fertig. Friesen. Du baust ein lustiges System auf, Eisel-en! Vierter Auftritt. Vorturner kommen auf Bornemann zu. Erster Borturner. Wir sind bereit. Die Riegen stehen. Friesen. Wie wacker! So wollen wir heute dem Meister zeigen, wie weit wir es gebracht und ob ihm mein Sinnieren neuer Kniffe wirklich Freude macht. Nun lasset antreten. Übungen. Die Turncrricgen marschieren zu ihren Geräten und turnen an Pferd, Barren und Reck. Übungen, wie sie auf der Hasenheide gewöhnlich waren. — Andere Turner sehen von ferne zu. o Bornemann. Die Riege am Schwingel eröffnet das Schauspiel. (Zu Frie¬ sen:) Warum sollte man das Gerät nicht nach dem Pferde nennen, dem es ab¬ gelauscht ist? Friesen. Die Geschwünge sind eben daran die Hauptsache, beim wirklichen Pferde ist es aber der Sitz und nicht der Schwung; wenn man nicht am Ende ein Zirkuspferd am Zügel hat. (Eiselen und Friesen treten den Riegen näher und machen auf große und kleine Mängel aufmerksam.) Gegen Ende der Übungen hört man von ferne und immer näher kommend die Rufe: Gut Heil, Meister Jahn! Gut Heil! Auf ein Zeichen Bornemanns werden die Übungen abgebrochen. Fünfter Auftritt. Die übrigen und Jahn, Dürre, Maß mann. Nach und nach drängen sich die anderen Turner heran. —> Bornemann eilt Jahn entgegen und um¬ armt ihn. Bornemann. Jahn. Friesen. Masnnnnn. Dürre. Jahn. Friesen. Endlich, Meister Jahn, seid ihr da. Jawohl! Endlich, Freunde, endlich! Die Würfel sind gefallen. In aller Eile nur die Botschaft: Der König hat gerufen, das Land, es hat's gehört. Das Volk steht auf, der Sturm bricht los! (Verliest den Aufrnf „An mein Volk".) Gott sei Ehr' und Dank! Nun gibt's ein lustig Jagen, Ein fröhlich Kriegerspiel, Wie wir's geübt auf unserer Heide. Wir alle, alle wollen mit, Der König ruft, es ruft das Vaterland. Gewiß, gewiß, Ihr jungen Freunde, Doch höret, was zu tun und was zu lassen Der ernste Augenblick verlangt. Zum heil'gen Dienst im Felde Hat uns die Heide hier erzogen; Gesund und wehrhaft soll wieder Sein Hermanns Geschlecht. Dir, Bornemann, vertraue ich diesen Platz, Dir, Eiselen, den jungen Nachwuchs, Der Mark und Muskel stärke, Zum heil'gen Dienst sich zu bereiten, Bis er zur Wehr gereift. — Die über achtzehn Lenze zählen, Nur diese zieh'n mit mir — Wenn 's ihre Väter erst erlauben. Wer wollte heute zaudern, In dieser heil'gen Zeit, wo Gottesfinger Selbst uns winkt — zu opfern, 6 Was lieb ihm und durch Liebe teurer. Ihr habet vom jungen Körner doch gehört, Der freudig seinen sicheren Platz, Der die geliebte Brant verlassen, Um sich dem Vaterland zu weihen; Und der greise Vater, Schillers Freund, Er segnete den heiligen Entschluß! Vornemann. Nicht alle sind sich darin gleich: Manch altes Eltcrnpaar Verliert im einzigen Sohn Die kräftige Stütze seines Alters. Alle (rufen durcheinander): Ja! Nimm uns mit, wir zieh'n mit dir! Jahn. Halt, Freunde! Nur gemach! Borncmann. Und höret auf des Meisters Wort! Jahn. Aus Euren Augen leuchtet kühn Der Feuerblick, voll Heldensinn. — Das Vaterland braucht starke Arme. Noch wandelt mancher unter Euch, Die>Schultern schmal, die Beine schwach, Um leichtlich zu ermüden. Im Felde, auf dem Marsche durchzuhalten Vermag der Wille nicht allein. Was soll dem Vaterland ein Dienst, Der nur das Leben opfert, Statt es recht teuer zu verkaufen? D'rum höret: Morgen sei die Musterung. Wer da besteht, der mag bereit sich halten, Gleich auf den Ruf zur Sammlung kommen. Wer noch zu jung, zu schwächlich, Der werbe auf der Heide hier, Und übe seine frischen Glieder, Bis er gereift für Webr und Waffen. — Eiik'Jnnge (tritt aus der Menge vor). Ach, Meister, laßt mich nicht zurück. Jahn. Warum drängst du dich vor? — (Zu Eiselen fragend): Wer ist der gute Wicht? Junge. Ihr kennt mich nicht? — Jst's wahr? — Ich war es, dem ihr vor einem Jahr Die Ohrfeig' habt gegeben, Als vor dem Brandenburger Tor Ich g'rad' Maulaffen feil hielt Und nicht antworten konnte. Als ihr mich fragtet, ob mir denn nichts, Ja gar nichts abgeh' auf dem Tor. — Jahn. Ach so? — Du warst der Schlingel, Der nicht zu sagen wußte, 7 Daß uns der Franzmann die Viktoria Vom Brandenburger Tor geraubt Und nach Paris geschafft hat. Junge. Jawohl! Der bin ich und unrecht, Schwer unrecht habt Ihr mir getan. War just erst nach Berlin gekommen, Mit meinem Vater, Der Hoflakai ward beim Gesandten Des Kaisers Franz von Österreich. — Wie könnt' ich wissen, was Da oben über'm Tor gestanden? Jahn. Und wird dein Väterchen es Wohl erlauben? Junge. O, sorget nicht. Mein Vater ist ein deutscher Mann Aus Kram; ein Österreicher, Der schon bei Aspern hat gedient, Und den bei Wagram Just ein französisch Blei Zum Invaliden machen mußte. Ich bin Soldatenkind und will Im Felde leben und, so Gott will, sterben. Mein Vater wird mich segnen Und wird die Tränen sich verbeißen G'rad so wie ich. Jahn. Ein braver Jung! Nun denn, in Gottes Namen Komm, Junge, nur zur Musterung. (Zu den anderen gewendet): So knüpft der Süden Deutschlands Schon mit'dem Norden sich zusammen. Und Kaiser Franz, wird er nun sehen, Wie immer enger sich das Netz Um seinen großen Schwiegersohn Zusammenzieht, — wird nicht zaudern, Zum letzten großen Tanze selbst Dem Franzmann aufzuspielen. Dann erst, wenn Nord und Süd Im Waffenbunde sich geeint, Dann werden.,erst die Früchte reifen Im heil'gen Krieg. Des alten Reiches Herrlichkeit Seh' ich ersteh'n, erfüllt Mein Traum von Deutschlands Einheit, Er wird zur Wirklichkeit: Ein Gott, ein Vaterland, ein Haus Und eine Liebe! Das schönste Weihgeschenk der Menschheit 8 Friesen. Alle. Es schwebt herab aus Himmelstoren Der Friede, der im Sieg geboren! Die Enkel werden singen Davon und sagen Und in der Weltgeschichte lesen, Die Turner sind im kühnen Wagen Zuerst dabei gewesen. Wir alle, alle wollen mit! Stürmische Zurufe. Aus diesen Zurufen erschallt zuletzt das Lied: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte." Gruppe: Jahn, umgeben von Friesen, Bornemann, Eiselen Dürre, Mahmann und anderen in leichter Umarmung. Wahrend das Lied erklingt, senkt sich lang¬ sam der Vorhang. Nm Futze der Wartburg. (1817.) Seitwärts im Hintergründe entfernt ist die Burg zu sehen, die von der Höhe herabschaut. Die Bühne stellt auf der einen Seite den Ausschnitt eines Haines dar, auf der anderen ein Bauernhaus; vor demselben ein Tisch und eine Bank mit ein paar Stühlen. Morgenstimmung. Erster Auftritt. Matzmann, Ei selen, Jahn. (Sie treten im Gespräch von der entgegen¬ gesetzten Seite des Hauses herein und nähern sich langsam dem Hause.) Später Dürre. Mahmann. Jahn. Eiselen. Jahn. Matzmann. Das war ein prächtig Schauspiel! Solch eine Sonnwend' ist Wohl selten Noch aufgeflammt in Deutschlands Gauen. Du herrlich Volk! Wie schade, dah ich nicht dabei gewesen! Es ivar ein Anblick für Walhalls Unsterbliche Bewohner. Wie es sich aufgebäumt, das Volk, In edlem Stolze, feuerglutend, Gerad' wie vor vier Jahren, Als es den Erbfeind niederzwang Auf blut'ger Wahlstatt. Ja, Freunde! Cs war kein leichter Kampf; Und wohl mit Stolz darf sich das Volk, Darf Bürger sich und Bauer rühmen, Datz selber sie die Waffen Geschärfet sich und sie geführt Zum Siege und zum Segen! Die schönsten Blüten opferte Das Volk auf dem Altar. 9 Gab Gold für Eisen und führte Die Waffen kühn, die es daraus geschmiedet — Jahn. Indes des Rheinbunds Fürsten Verrat am eigenen Volke übten, Den schönen Kaisermantel, Des deutschen Reiches Herrlichkeit, Mit frecher Hand zerrissen, Um sich aus seinen Fetzen Die Königsmäntcl herzuschncidcrn. Maßmann (unwillig): Nun mag das Volk im Frieden, Mag Bürger sich und Bauer In alter Frohne müh'n und schweigend Das Joch ertragen, das die Verräter Ihm auf den Nacken legen. Eifelcn. Doch nein, man mag auch Fesseln Gleich aus den Waffen schmieden. Die herrlich unser Volk geschwungen. Mag uns nach Feindesart Mit Lauschern und Spionen Umgeben: die Geister können Sie nicht in Fesseln schlagen! Und wie vor drei Jahrhunderten Das freie Wort des Doktor Luther Die Kirche sauber ausgefegt, Daß selbst die treu gebliebenen Papisten sich dessen freuen — So wird es auch mit uns geschehen: Ein neuer Morgen gehet auf. Maßmann. Die grelle Abendröte Von gestern deutet Sturm. Hei! Hei! wie die Symbole Der Tyrannei ins Feuer flogen, Der Korporalstock und der Zopf, Ja selbst das abgeschmackte Mieder, Und das Brevier und all die Schriften, Die da dozieren, alles sei Vernünftig, — weil es sei, Daß hochauflodern mutzten Die Flammen, die das alte Gerümpel einer alten Zeit verzehrten. Jahn. Ein Anblick mag's gewesen sein Zum Lachen leicht, doch auch zum Weinen. Doch soll von diesem heil'gen Feuer Ein Stückchen Glut ein jeder Heimtragen, der dabei gewesen. Am eig'nen Herd ein neues Feuer Sich selber anzuzünden, 10 Wie dies die alten Osterfeuer Gewesen, die unsre Ahnen Sich aus geweihter Glut entflammten. Maßmann. Und dieses heilige Feuer Soll jede deutsche Brust durchglüh'n Und nicht verlöschen, bis erreicht Das hohe Ziel; bis Einigkeit Und Recht und Freiheit Des Deutschen Reiches Unterpfand. Eiselcn. Doch sieh, schon nahen die getreuen, Die alten Lützower, dich Meister Zweiter Auftritt. Dürre kommt mit den Lützowern, teilweise noch im Waffenschmuck. Auf diesem heilsten Boden Im Herzen Deutschlands, geweiht Durch hehre Friedenstaten, Zu grüßen. Denn segnen sollst du heute Das Band, das gestern sie geknüpft. Jahn. Fürwahr, es scheint, als soll der Traum, Den ich als Jüngling schon geträumt, Dem reifen Mann sich schon erfüllen. Eiselen. Wohlan denn, höre: Wie Turner und Studenten Die Flammen der Begeisterung Im heilsten Kriege nährten, So sollen sie auch heut' die Weiheglut Empfangen und gemeinsam pflegen, Bis endlich alle Halme reifen, Ein Sturm die Glut zur Flamme steigert —- Maßmann. Drum haben wir in diesen Tagen Gar eifrig ernstlich uns beraten: Die Kämpfer, die noch übrig sind, Aus jener heilsten Zeit, Die als bemooste Häupter Versäumtes einzuholen, Jetzt die Kollegien besuchen, Von denen sie des Königs Ruf Einst weggelockt, — Die Turner dann, die heute Als Meister oder als Geselle Ihr liebes Brot verdienen, — Sie sollen sich zusammenschließen. Jahn. ' Welch trefflicher Entschluß! Die Turnerbrüder als Genossen Vereinen sich zur Turner schäft. 11 Vietinghofs als Lützower tritt aus dem Hause; erst erstaunt, dann hoch¬ erfreut eilt ihm Jahn entgegen. Vietinghofs (reicht den vier Männern die Hand:) Ach, Freunde! 12 Seht, hier in diesem Häuschen Hab' heut' zur Rast mich hingebettet, Und hier ruht er mit mir Im stillen Sarg, der Asensohn, Wie Jahn ihn ruft, der teure Friesen! Alle (erstaunt, drängen gegen Vietinghosf:) Wieso? — Wie kommt das? — Latz uns hören! Vietinghosf. Gemach, Ihr Freunde, latzt ihn ruh'n. — Ihr wisset: Eine dunkle Nachricht Ward überbracht, datz Friesen Nicht weit von Rheims, der Grenze Nah, in dem Ardennenwalde Nach einem schärferen Gefecht Abseits gedrängt mit seinem Gaul, Den Weg einschlagend nach dem Rhein, Durch falsche Wegwcisung Gerade einem Haufen Habsüchtiger Bauern in die Hände Fiel, die ihn von hinterrücks Erschossen, dann beraubt Ihn liegen lictzen, bis der Maire Des Ortes ihn begraben lieh, — Wo man ihn fand. In düst'rer Winternacht hat ihn Des Feindes Hand mit Meuchelmord Gefaht, unweit des Rheines Fluten! — Wir hatten uns geeidet einst, Datz, wer den andern überlebte, Des Freundes Leichnam hole Aus dem Feindeslande. So zog ich aus, um einzulösen Das Wort, das ich dem Freunde Gegeben. Gar lange muht ich suchen. Jahn. Wie war es, und wo hast du ihn gefunden? Vietinghosf. Das war im Dorf La Lobbe, Unweit von Rheims, dort lag er, Der Treugeliebte, uns begraben. Nun führe ich mit mir den Teuren, Sein heiliges Gebein, in deutscher Erde Es würdig zu bestatten. - Wer ein Lützower ist, der mag, Der soll ihn grühen! Jahn (schmerzlich): Er war ein ausblühender Mann In Jugendfüll' und Jugendschöne; An Leib und Seele ohne Fehl, Voll Unschuld und voll Weisheit, Beredt gleich einem Seher; — 13 Maßmann. Siegfricdsgcstalt und groß Von Gaben und von Gnaden, Den Jung und Alt gleich liebte; Des Schwertes Meister auf Hieb Und Stoß, kurz, rasch, fest, fein, Gewaltig und nicht zu ermüden, Hat seine Hand das Eisen erst erfaßt. — Ein kühner Schwimmer, dem kein Strom Zu reißend, ein reisiger Reiter, Gerecht in allen Sätteln! Ein Sinner in der Turnkunst, Die ihm gar viel verdankt. — Wie Scharnhorst unter den Alten Ist Friesen unter den Jungen Der Größeste geblieben! Wir aber, .die wir Lützower, Wir wollen ihn, den edlen Fechter, Der selber uns gelehrt, die Waffe Auf Hieb und Stoß zu führen, Nach Fechterart noch einmal, Wie sich's geziemet, ehren! — Die Waffen binden! — Los! Es gilt die Ehre Friesen! Fechterreigen. Jahn. Nun stimmet an das Sturmlied Von Lützows schwarzen Jägern, Wie es so schwertscharf Körner Im Lager oft uns vorgesungen. Ist er auch todt, sein Lied, es lebt. — Es sei des lieben Friesen Grabgesang: Es mag die Freunde in Walhall Erfreuen, wenn sie vom Jagdgefild' Der Äsen heruntersehen auf die Erde. — Die Versammelten stimmen an das Chorlied der Lützower: „Lützows wilde Jagd". Jahn. Seid nun bedankt, Ihr Treuen! Zwei Jünglinge, gleich heldenhaft In Wort und Werk, zwei Reiser Am deutschen Stamme hoffnungsvoll Erblühend, sind mit Tausenden Geopfert, hingesunken am Altar Des Vaterlandes. Bedenket, Fürsten! Das Blut, es floß' ja anch für Euch Und Euren Thron, und unentwegt In alter deutscher Treue Hat sich das Volk geopfert. 14 Und Treu' um Treue heischt Ein altes Wort. Es ist der Fürsten und der Völker Wohl einzig sichrer Hort. - Ihr habet es erfahren! — — Wir aber wollen treu bewahren In unserer Brust der Freunde Hochheiliges Gedenken: In Wort und Tat sie preisen, Als Sterne, die nach oben weisen, Nach dem Höchsten hin: zu werben, Zu leben und zu sterben Für Ehre, Freiheit, Vaterland! Ei selen und Matz mann breiten ein schwarzrotgoldenes Banner mit dem Zirkel und dem Turnerkreuze vor Jahn aus. So breit' ich über dieses Banner Mit frommem Heilwunsch Die Hände aus, auf datz die Teuren Dort in Walhall uns schauen Und segnen, was wir bauen: Ein herrlich einig Vaterland! Gruppenbild: J a h n inmitten der Gruppe mit Vietinghoff. Turnwiefe in Laibach. (1903.) Wenn der Vorhang aufgeht, ist der vordere Teil der Bühne nach hinten durch einen Wolkenvorhang geschlossen. Von einer, durch ein sanftes Licht von oben beleuchteten Höhe an der linken Seite der Bühne steigen herab ein Herold, A n a st a s ius Grün, U h I a n d und Jahn in der Tracht ihrer Zeit. Erster Auftritt. Herold, Jahn, Uhland, Anastasius Grün. Herold. Allvater hat in seiner Huld befohlen, Euch zu geleiten her nach Krain, Zum letzten Zipfel deutscher Erde, Wie Seume es als Wanderer Betretend nannte und noch nennt, Wenn mit dem edlen Grafen Er in Walhalla Dichterworte tauscht: — Wir sind zur Stelle. . Sobald der Wolkenschleier Sich hebt, seht Ihr das Krainerland, Das liebe Laibach liegen. — Annst. Grün. Nhlnnd. Anast. Grün. Nhlnnd. Ist Sei mir gegrüßt, du Heimat mein, Mir heil'ger Boden, wo zuerst Der Sonne Strahl mich grüßte, Der Mutter Weiche Arme Mich liebevoll umfingen, Von ihren Lippen ich die ersten Laute Der süßen Muttersprache Vernahm und stammelnd Nachbilder! sie erlernte. - Du hast mein Glück, mein Leid geseh'n. — Hier reiften die Gedanken Des spazierenden Poeten, Den Völkerfrühling, den Lenz Der Freiheit kündend, Die lange, lange nicht verstanden Und heut noch mißverstanden sind. Es geht Propheten immer so, Und Dichter sind Propheten. Man legt sie aus, wie man es braucht. Und die politischen Parteien, Wenn sie auch noch so scharfe Gegner, Sie rüsten sich aus unseren Schriften, Als aus der gleichen Waffenkmnmer, Zu ihren Kämpfen aus. Und fehlen ihnen Argumente Für ihre Kindereien, berufen Sie sich auf unsere Testamente. Hier, Freunde, leben seit Urzeiten Zwei Stämme, sprachlich zwar verschieden, Und doch verwandt; im Wettbewerb Sich streitend, um der schönen Heimat Zu dienen, — die in harten Kämpfen Sie erst 'gen räuberische Türken, Dann vor dem Franzmann Gehütet, indem sie Geld und Gut, Der Söhne teures Blut Durch Menschenalter hingeopfcrt. Das Krainerlanö; die Wendenmark, Sie waren mit der Ostmark Ja einst des heil'gen römischen. Des Deutschen Reiches Schild Und Schirm; und nun?- Hat keinen Anteil es mehr Am neuen Deutschen Reich? Bedarf dies keines Schildes, Nicht einer guten Wehr im Osten? — 16 Anast. Grün. Jawohl, ein neues Deutsches Reich Es ist erstanden, stolz und kühn, Mit Blut und Eisen festgeschmiedet; Doch ein K l e i n d e u t s ch l a n d ist es nur. Herold. Doch blüht Kleindeutschland herrlich auf. Jahn. Ja! Ja! Bald scheints im Fette zu ersticken. Die Mast des gold'nen Kalbes Vergiftet Leib und Seele Dem Edelvolk und fremder Tand Und welscher Glaube, der Sinn Von Abrahams geschäftigen Söhnen, Das alles zehret an dem Mark Des Volkes; nur die Turnerschaft allein Scheint tapfer sich zu halten. Vermöchte sie auch auszuscheiden doch, Was sich bastardhaft eingenistet: So könnte uns Kleindeutschland Doch einmal wieder Freude machen. Uhland. O, Arndt, wo bleibt dein Sang, Vom ganzen deutschen Vaterland? Verschwommen ist der Klang, Zerrissen ist das Band! Anast. Grün. Doch sei getrost; ein Freundschaftsbund Verknüpft das neue Deutsche Reich Und unser liebes Österreich, Vermehrt durch Ungarns Kraft. Ein Bund zu Schutz und Trutz, Viel fester, als das heil'ge Reich Einst war und das Grohdeutschland, Wie wir es uns gedacht. Von der Maas bis an die Diemel, Vom Rhein bis an den Pruth, So müßte Fallersleben singen, — Das ist Europens Friedenshut. Man hört ganz von serne das Lied: „Was ist des Deutschen Vaterland?", und zwar die Strophe S:... „So nenne mir das große Land! Gewiß, es ist das Öster¬ reich, an Ehren und an Siegen reich", wahrend der Gesang allmählich verklingt. Herold. Bald hebt der Nebelschleier sich Und euer Blick mag sich ergetzen An all dem Spiele, das Ihr sehet. Ein Turnverein da drüben Nimmt g'rad die Wiese ein, Ein Festturnei zu üben. Nhland. Du, Alter da im Bart, das ist auf dich Gewiß ganz sicher abgesehen. (Während sich langsam der Schleier hebt:) 17 Jahn. Hei! Donnerkeil! Da bin ich gern dabei! Frisch, froh, fromm, frei, Ich grüße euch! Gut Heil! Man sieht, nachdem sich der Schleier gehoben, ein ganzes Turnfeld in voller Tätig¬ keit. Während des Turnens sind die drei auf dem unteren Teile der Anhöhe ge¬ lagert und sehen dem Turnen zu, durch Mienen nnd Gebcrden ihre Aufmerksam¬ keit bezeugend, mit der sie dem Turnen folgen. — Auch eine Mädchcnriege ist beschäftigt. Ihr Auftreten erregt besondere Aufmerksamkeit. Zweiter Auftritt. Die übrigen und die Turner. Jahn tritt zu einem Vorturner mit ruhig gemessenem Schritte. Im Gehen zu den übrigen, die sich nach und nach erheben, gewendet: Das hätte ich mir Wohl nie gedacht, Daß auch des Weibes Kraft und Anmut Auf Turncrwcisc es so weit gebracht. Auch was sie sonsten leisten An Reck und Barren, Pferd, In Sprung und Schwung, Mit guter Haltung, festem Griff, Ist gut, viel neues, trefflich Und gut ersonnen. — Und doch quillt alles, alles Aus einem, einem Bronnen. Iah» (zum Vorturner:) Ihr seid ein wacker Volk! Anast. Grün. Das ist der Turnverein aus Laibach! Vorturner. Ihr habt's erraten, Würd'ger Herr, Laibacher deutscher Turnverein. Anast. Grün. Wo sind die Wendcnfalken hin, Ich dächt, Ihr seid einst brüderlich Euch nahgestandcn? — Vorturner. Es mag Wohl richtig sein, Was Ihr da sagt, und unsere Alten Erzählen manchmal auch davon. Die Zeiten sind vorbei, sind anders worden. Zu tief hat der Parteien Haß Die Menschen auseinandgerissen; (Während des Gespräches ordnen sich die Turner in neue Riegen.) Anast. Grün, (zu den übrigen:) Und sie als armen Spielball Staatsmännischer Regierungskunst Dann 'gen einander ausgespiclt. Vorturner. Daher ist unsere Schar auch klein. John. Nun lasset cs euch nicht verdrießen, Sie ist zwar klein, doch rein Und nicht bastardcnhaft! — 18 Und lieber mag sie untergeh'n, Als nur mit Unehr fortbesteh'n! Nhland (zu Anast. Grün:) So hat sich das Geschick erfüllt, Wie wir in Frankfurt es geahnt. Als wir Großdeutsche nimmer Von Ostreich lassen wollten. Nun muß Deutschösterreich ringen, Soll nicht der bunten Völkerschar Es einmal doch gelingen, Des Reiches deutsches Kernvolk Noch auf die Knie zu zwingen. — Jahn (zum Vorturner:) Doch lasset weiter sehen! Dritter Auftritt. Schülerriegen werden vorgeführt; während dieser Vorführung tritt Jahn erst zu den übrigen zurück, bei denen indes ein Knabe scheu Platz genommen hat. — Kaum daß die Übung zu Ende, spricht Jahn (zu dem Knaben:) He, kleiner Jung', was stehst du hier Und turnst nicht mit den andern? Ich seh's an deiner Augen Leuchten, — Auch an dem Blick, dem feuchten, — Du tätest gerne mit. Knabe. Es ist so, Herr, wie Ihr es meintet; Allein vor kurzem ward verkündet, Vom Herrn Minister soll es sein, — Daß wer zu turnen wagt Bei einem Turnverein, Gewärtig sei, bestraft zu werden. — Warum, ist nicht gesagt- - Drum steh' ich einsam hier. Jahn. Und deine Kommilitonen? Knabe. Sie meinen meine Kameraden; Die sind in Kongregationen Gerade heute eingeladen, Wo sie ein frommer Gottesmann Zum braven Denken „haltet" an. Jahn (zu den anderen:) Wie,hör' ich recht? Wenn nur bei diesemZeitvertreib Nicht gar die Seele mit dem Leib Am End' zugleich verkümmern. Gott weiß. — Doch lasset weiter sehen. Knabe. Nun guten Tag! Jetzt heißt es geh'n, Es darf mich hier kein Späher seh'n. (Knabe ab.) Jahn. Gott hüte dich, du kleiner Mann! Es segnet dich der alte Jahn! Mittlerweile ordnen sich die Turner und Mädchen zum festlichen Reigen. 19 Vierter Auftritt. Die übrigen ohne den Knaben. Vorturner. Nun soll der große Festesreigen Zum Glanz des Festes steigen, Das heute wir Turner hier begeh'n: Denn fünfzig Jahre sind vergangen, Seit der Verein hat angefangen Im Geiste Jahns zu werben, In seinem Geiste zu bestehn. Heil! Nun setzt der Festveigen ein. Nach dessen Beendigung bilden die Turner eine Gruppe um einen Malstein mit der Büste Jahns. Jahn (ruft von der Höhe): Heil euch, Ihr Turngenossen, Und Segen! — Daß Ihr unverdrossen, Wenn auch nicht jeder Wurf gelingt, — Um edle Kränze mühend ringt. Ihr seid des deutschen Volkes Sprossen, Die auch kein Teufel niederzwingt, Wenn einig, wahr und rein Ihr euch bewahret im Verein. Ihr hütet ja ein heilig Erbe, Daß es kein Feind verderbe. Allzeit aufrecht! soll Euer Leitspruch sein. Gut Heil! Gut Heil! Während alle begeistert in Heil!-Rufe ausbrechen, senkt sich langsam der Nebel¬ vorhang. Fünfter Auftritt. Uhland. Jahn. Uhland. Nun, alter Recke, bist du's zufrieden? Ja, prächtig haben sie's gemacht. Mich juckte es fast selber anzubinden, Im Ringen mich mit ihnen da zu messen. — Wie hat das Turnen sich erwiesen Als mächtiger Strom, wie ich's gekündet, Der sich durch Deutschlands Gaue Allmählich weithin ausgebreitet. — Wieviel ist neu ersonnen, Wie sauber die Geräte Und mannigfaltig eingerichtet, Verschiedenen "Zwecken dienend; Wie schmuck die Tracht, wie leicht Und sicher die Jungen wie die Alten. Die Mägdlein und die Frauen In Kraft und Anmut zu erschauen. Doch fürchte ich, daß neue Bande Man um der Menschheit Sinnen schlägt, Und alles Mühen, alles Ringen 20 Nach reinem Tun und Denken Erscheint verloren Spiel mir fast, — Bedenk ich, was wir hier vernommen, Was uns der scheue Knab' verraten, Was uns der schlichte Turnersmann Bescheiden angedeutct — Untröstlich ist's noch allerwärts. — Jahn, Vollend' cs nur! Ullland. Doch sah' ich manches Auge flammen Und pochen hört' ich manches Herz. Jahn. Es ist nicht zum Verzagen! Der Deutsche soll sich auf sich selbst einmal Nur recht besinnen, Tenn auch bei Völkern waltet das Gesetz: „Ein jeder gilt nur soviel in der Welt, Als er just selber von sich hält" — Anast. Grün. Was ich geahnt, als ich von hinnen schied, Was einst mein Lehrer mir und Freund Preschern, dess' Schifflein keine Flagge trug. Nicht weißblaurot, nicht schwarzrotgold, Vergebens oftmals ausgeredct, Das seh' ich nun mit Schmerz erfüllt. Allvater, sich' doch segnend nieder Auf dieses schöne Land, mein Heimatland, Dies üppig blühende Gelände, Daß Friede kehre ein, und Freude Die Völker knüpfe an das Vaterland. — Und schirm' die tapferen Brüder, ' Des Landes Söhne, die deutschen Blutes Und deutschen Sinnes In Wort und Tat dich ehren. > — Und segne sie, auf daß ihr Stamm, Reich blühend und erstarkt, Machtvoll die Völker führe, (Hier setzt schon das Kaiscrlied ein, und zwar die Strophe 6: „Laßt uns fest zusammenhalten") - Die buntgemischt hier wohnen, Zum hohen Ziele edler Menschlichkeit. — Und Altösterrcich nach allem Wehe Im neuen ungcschwächten Glanze In Waffen wie im Friedcnskranze An Sieg und Ehren reich erstehe! Der Vorhang sinkt. Hinter dem Schlciervorhangc ertönt das Kaiserlied, gedämpft durch den Vorhang.