Andeutungen über Mathematik und Philosophie und ihr tlerlMmh M einander von Georg Malli). Skriti; 1834, Verlag von Damian H Sorge. ES wird sich in der Folge zeigen, daß das Geisti ge früher vorhanden ist, als die Natur- Oken. Druck und Papier von J.A. Äienreich. Anhalt. Seite. Einleitung §.1 — 13 ..... 1 Mathematische Ansicht. Allgemeines §. 1» — 17.16 Ueber Arithmetik §. 18 — 24 . . . . 18 Ueber Geometrie §.25 — 36 - . . . 24 Philosophische Ansicht. Uebergang und Anknüpfung §. 37 — 38 . . zz Gott §.39-51 . . . . . . Z6 Gott als SchSpfer §.52 — 70 . . . 53 Die Welt §. 71 — 89 ..... 94 Vergleichungen §. 90 — 109 .... 115 Das Leben und die sinnliche Erscheinung §. 110 — 113 . ..1g7 Erste Ansicht tz, 114 — 123 .... 17g Zweyte Ansicht §. 124 — 150 . . . . 213 Eini g e F o l geru n gen §. .151 — 155 . . 277 Rückblick §. 156 - 162 ..... 298 E inlritung. §. i. hört, wenn von dem Verhältnisse der Mathema¬ tik zur Philosophie die Rede ist, noch immer die schon so oft wiederhohlte Behauptung, daß nur die Mathema¬ tik allein den Nahmen einer wahren Wissenschaft ver¬ diene. Die Philosophie hingegen, sagt man, habe keinen festen Grund, sey in immerwährenden Veränderungen und Schwankungen begriffen, und könne auf den Rang einer, durch allgemeine Vernunftgefetze begründeten Wis¬ senschaft nicht Anspruch machen. Diese Behauptung hat bep dem ersten Anblicke aller¬ dings Vieles für sich, denn in der Mathematik wird kein Sah ausgestellt, der sich nicht so beweisen läßt, daß sei¬ ne Gültigkeit allgemein anerkannt werden müßte; in¬ dessen möchte die Meinung, daß die Philosophie aller Erfordernisse zu einer wahren Wissenschaft ermangle, und zur Mathematik in keiner gegründeten Beziehung stehe, ebenfalls übertrieben seyn. Um dieses den Anhän¬ gern der letztern Behauptung'klar zu machen, dürfte man nicht Gründe aus derjenigen Ansicht herhohlen, die gewöhnlich über Mathematik und Philosophie herrschend ist: sondern man müßte sich einen Standpunct wählen, von welchem aus man vielleicht vermögend wäre, das 1 — 2 — Gesetz zu übersehen, nach welchem die Vernunft in der Aufstellung mathematischer und p h ilosop hi sch erW ahrhei ten zuWerke geht. Man könnte auf diese Art auf das Entstehen bepder Wis¬ senschaften zuruck gehen, wepn sich hierbey etwas Gemein¬ sames zeigt, dieses herauSheben, und bepde so lange ver¬ folgen, bis jede als eine eigcnthümlich begründete Wissen¬ schaft dasteht. Endlich könnte man, ihres gemeinschaftli¬ chen Ursprunges eingedenk, aber auch die Eigenthümlich, keit einer jeden streng im Auge behaltend, über ihr Wesen und ihr Verhältnis zu einander Schlüffe ziehen. Man nennt die Mathematik im Vergleiche mit der Philosophie eine formelle Wissenschaft, weil sie nicht wie die letztere mit dem Leben, sondern als reine Mathema¬ tik nur mit selbstgeschaffenen abstrakten Gegenständen zu thun hat. Der Gegenstand der Philosophie ist die gan¬ ze erscheinende Welt, und ihr zwar nicht erscheinender, aber absoluter, und eben deswegen nicht durch Abstrac¬ tion geschaffener, sondern lebendiger Urgrund. Der Ge¬ genstand der Mathematik dagegen ist ein durch Abstrac¬ tion Geschaffenes, ein lediglich Formelles. Soll daher etwas, beyden Wissenschaften Gemeinsames dargethan werden; so muß die menschliche Forschung sich auf einen Punct stellen, von welchem aus sie beyde, wie sie ihren ersten Grundzügen nach aus der Vernunft hervorgehen, zu überblicken vermag. §. 2. Dieser Punct ist und kann kein anderer seyn, als der, von welchem aus der menschliche Geist die Idee deS Lebens selbst erfaßt. In das Wesen des Lebens muß die Forschung, so tief eS möglich ist, dringen, um über den Geist und über seine Wirksamkeit Licht zu erlangen. — Z — DaS Leben auf der Stufe des Selbstbewußtseynö, oder der Geist vermag es aus eigener Kraft, erstens sich selbst als ein unter einer bestimmten und nothwendigen Form erscheinendes Leben aufzufassen; er vermag aber auch zweytens die Form seiner eigenen Existenz, so wie die Formen anderer Wesen vom Leben getrennt sich zu den¬ ken , oder was eben so viel ist, dieselbe im Gedanke» neu zu schaffen. Lebe» und Form als Eines gedacht, sind demnach das Lebendige; die Form des LebenS vom Leben getrennt gedacht aber ist das Formelle. Das Lebendige schafft mithin aus sich das For¬ melle. Das eben ist der unendliche Vorzug deö mensch¬ lichen Geistes, daß er, weil er eine ganze Welt dem Gesetze nach in sich trägt, eine ganze Welt mit allen ihren Herrlichkeiten zu denken, das ist, durch Abstrac¬ tion sich zu schaffen vermag. Hierin liegt der Möglich¬ keitsgrund aller Wissenschaft, aber auch die Quelle al¬ ler Verirrungen. §- 3. Da daS Formelle aus dem Leben hervorgeht, so Muß die Wissenschaft, wenn sie das Verhältniß des For¬ mellen zum Lebendigen auf seinen wahren Werth zuruck- fnhren will, das Leben selbst in seinem Wesen zu er¬ fassen streben. Um aber nicht selbst wieder ein Formelles zu werden, muß sie von Leben und Form als Einem ausgehen; denn nur in dem Grade wird sie eine leben¬ dige Wissenschaft, als eS ihr gelingt, das Le¬ ben selbst als Leben darzustellen. Dieses ist nur möglich, wenn Leben dem Leben, — 4 — wenn Geist d'em Geiste entgegen kommt; nur Gleiches vermag das Gleiche zu erfassen. Die Wissenschaft muß schon deßwegen hauptsäch¬ lich das Lebe» berücksichtigen, weil das Leben, nachdem es zum Selbstbewußtsepn gekommen, durch Abstraktion aus sich das Formelle, das Formelle aber aus sich nie ein Lebendiges schaffen kann. Wo hat jedoch der menschliche Geist in der Erfor¬ schung des Lebens zu beginnen ? Da das Leben in unzähligen Entwicklungsstufen sich offenbart, keine der einzelnen Formen jedoch das Wesen des Lebens in seiner Fülle enthüllet, alle aber nach einem Gesetze in schöner, regelmäßiger Stufenfol¬ ge von der niedrigsten Bildung bis zur höchsten sich ent¬ wickeln ; so folgt daraus, daß man nur durch nähere Betrachtung und Vergleichung der einzelnen Lebensfor¬ men nicht nur dieses dem Ursprünge aller Wesen ge¬ meinsame Gesetz, sondern auch die Verschiedenheiten der einzelnen Geschöpfe selbst immer genauer erkennen, und hierdurch dem Wesen des Lebens im Einzelnen, sowie seinem nicht erscheinenden, ewigen Grunde immer näher kommen könne. Durch eine tiefer eingehende Naturfor¬ schung kommt der menschliche Geist gar bald zur Ueber- zeugung, daß alles organische Leben, so verschieden sei¬ ne Abstufungen auch sepn mögen, in Verhältnissen, die über unsere Sinnenwelt hinaus liegen, seinen An¬ knüpfungspunkt habe, und dort durch eine, Alles umfas¬ sende Intelligenz schon von Anbeginn geordnet seyn müsse. Diese für das höhere Verständniß der gesammten Sin¬ nenwelt wichtige Ansicht soll ein vorzüglicher Gegenstand der in diesen Blättern enthaltenen Betrachtungen fthn. — 2 §-5. Wir sehen in dm Erscheinungen des Lebens einen höheren, überall sich offenbarenden Einfluß, der die Be¬ wegung des Weltkörpers eben so, wie die des Sonnen¬ stäubchens leitet, der das Leben des Menschen eben so, wie das des Wurmes nach einem bestimmten Zeitgesetze umfaßt. Wir merken, daß allen Erscheinungen ein ein¬ ziger, überall zusammenhängender Plan zum Grunde liegt, zufolge dessen alle einzelnen Wessen sowohl ihrer Art nach für sich bestehen, als auch mit dem Ganzen , in einer gesetzmäßigen innigen Verbindung leben. AuS diesem gesetzmäßigen Zusammenhänge der Natur, wo wir jede Erscheinung aus einer bestimmten Ursache hcrvor- gehen sehen, wird eS offenbar, daß ein über die Siu- nenwelt hinausliegender, unmittelbarer und letzter Grund alles Lebens da sep, der im Kleinen klein, im Gro¬ ßen groß sich zeigt, der alles Widerstreitende ausgleicht, und das Einzige ist, was neben dem Wesen der Dinge bleibend sich darstellt, während die Form der Erschei¬ nung wechselt. So sucht der Mensch in der Betrachtung der Na¬ tur von der Erscheinung zum Wesen, von dem Sinnli¬ chen zum Uebersinnlichen oder zum Geistigen aufzustei¬ gen. Wir können den großen Reichthum der Natur, wie sie sich in der Fülle ihrer Er¬ scheinungen dem Auge des Beobachters aufschließt, ans dem Spiel eder Materie allein durchaus nicht begreifen, sondern wir vermögen dieses nur durch den Geist. Wir müssen daher, um die Welt außer uns geistig zu erfassen, von dem Leben in nnS selbst äuSgehen , denn dieses ist das einzige Geistige, welches unserer Forschung und genaueren Beobachtung sich darbiethet. — 6 - 6. Wenn der Mensch seine irdische Entstehung betrach¬ tet, gelangt er gar bald zu der Einsicht, daß der zeit¬ lichen Form seiner leiblichen Erscheinung eine Kraft zum Grunde liegt, die, um sinnlich wahrnehmbar zu wer¬ den, aus den Elementen der Außenwelt sich den Leib baut. Er merkt, daß diese Kraft in der Bildung ihrer Organe nach einem Plaue verfährt, der die ganze Na¬ tur umfaßt, und der im Kleinen die Gesetze des Uni¬ versums in sich schließt. Im heiligen Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der Natur und auf das uns verliehene Vermögen, die Wahrheit zu erkennen, schließen wir nun, daß dem großen Universum der Welt eben so, wie dem kleinen Universum unserö Lei¬ bes eineKraft zum Grunde liege, welche durch ihre Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit die Welt ebenso, aber mit Freyheit schafft, erhält und leitet, wie die irdische Form des LeibeS von der bildenden Seele mit Nothwendigkeit gebildet, erhalten und geleitet wird. Diese höchste, daö ganze Universum schaffende und erhaltende Kraft ist nun der Endpunct, an welchen die menschliche Forschung sich anknüpft, damit eine Wissen¬ schaft von dem Ursprünge und von den Verhältnissen deö erschaffenen Lebens nach seinen unzähligen Entwick¬ lungsstufen möglich werde. Dieser höchste Geist er¬ scheint nicht auf irdische Weise, und ist doch die Ursache alles dessen, was erscheint. Er schafft Alles, und ist selbst unerschaffen; denn wäre er dieses nicht, so müßte er noch ein Höheres über sich haben. Indem er sich selbst hinlänglicher und einziger Grund seiner Existenz ist, so ist er nicht bloß Leben, sondern das höchste und reinste Leben; indem er Alles auf daö zweckmäßigste — 7 — . und vernünftigste leitet, ist er nicht bloß die höchste Vernunft und Weisheit, sondern auch die höchste Per¬ sönlichkeit. Diesen ewigen, un erschaffen en, höchst weisen und persönlichen, alles An¬ dere schaffenden Geist nennen wir Gott. 7. Indem Gott in jeder Beziehung unendlich ist, indem er als absoluter Grund alles endlichen Lebens dasteht; so kann sein Wesen durch fortgesetzte Natur¬ betrachtung, das ist, durch immerwährendes Studium seiner Werke wohl immer mehr ergründet, nie aber kann die Erkenntniß desselben von dem menschlichen Geiste auf der irdischen Stufe des Lebens vollkommen erreicht werden. So wie eS, um den Menschen ganz kennen zu lernen, nothwendig wäre, den ganzen Planeten, der sein reales Gegenbild ist, zu kennen; eben so müßte man, um Gott zu kennen, das ganze Universum, welches sein reales Gegenbild ist, kennen. Die Menschheit kann auf der irdischen Stufe ihrer Entwickelung Gott wohl in so weit erkennen, als eS ihrer Natur angemessen und zur Erreichung ihrer Bestimmung nothwendig ist; ein tieferer Blick in das unaussprechliche Wesen der Gottheit wird erst auf einer höheren Lebensstufe mög¬ lich seyn. §- 8. Wenn nun daS menschliche Wissen von Gott als dem Urheber alles Seyns ausgehen muß, die Bestim¬ mung des Forschens aber darin besteht, in die Zweige deS Wissens Einheit zu bringen; so muß daS Streben der Vernunft vor allem dahin gehen, das Verhaltniß der erscheinenden Welt zum nicht erscheinenden Wesen — 8 — Gottes auf eine, der Gottheit würdige Art ins Klare zu setzen. Sie muß demnach von jener Offenbarung ,Gottes anfangen, die für unser Erkennen auS seinen Werken unmittelbar und überall hervorleuchtet, durch welche alle andern Vorzüge und Eigenschaften, mit wel¬ chen wir uns Gott denken, in höchster Vollkommenheit schon gesetzt sind, und aüS welcher das Verhältniß Got¬ tes zur Welt für die menschliche Erkenntnißweise »fa߬ lich wird, > §-9- . Diese Offenbarung ist eben das Leben, aber nicht bloß als allgemeines, sondern als göttliches Leben, das ist, als Allmacht und Allweisheit. Es ist nicht genug, überall Leben zu sehen, sondern die Idee, daß die Gott¬ heit Alles nach ihrem Bilde geschaffen, und durch die srepe Bewegung der irdischen Gestalten im gesetz¬ mäßigen Zusammenhänge des Weltalls überall nur ihre Weisheit offenbare, muß als Leitstern jeder Natur¬ betrachtung vorauSgehen, uni im Kleinsten, wie im Größten sich zurecht zu finden, und die Verhältnisse festzustellen, in welchen die erschaffenen Wesen zu ein¬ ander stehen. Vom niedrigsten, kaum sichtbaren Jnfu- sionSthierchen bis zum ungeheuren Weltkörper hinauf sieht das menschliche Auge die fortlaufende Kette des mannigfaltigsten, in den verschiedensten Entwicklungs¬ stufen sich offenbarenden Lebens. Selbst die unerme߬ lichen Räume zwischen den Sternenspsteiuen sind mit Leben erfüllt, ja in ihnen ist daö eigentliche, auf über¬ irdischer Stufe sich darstellende Leben, weil die Sonnen und Planeten aus denselben, wie die Pflanzen aus der Erde nach bestimmten Gesetzen herauSwachsen, und aus ihnen ihre Nahrung ziehen. Gleichwie daher die Kräfte, — 9 — von denen die Sonne und die Planeten gebildet wurden, vor ihrem Erscheinen dort schon geordnet waren: eden so müssen alle auf den Himmelskörpern erscheinenden Organismen/ weil jeder in seinem Bane das Universum repräsentirt, und daher in der Idee soviel als ein Him- melskörper selbst ist/ schon nach Abstufungen geordnet gewesen sepn. Die/ die Himmelskörper bildenden Krafts waren daher die ersten Offenbarungen deS Lebens/ und der Grund/ aus welchem daö/ was wir Elemente nen¬ nen/ an sich aber schon ein Gestaltetes und Ausgebilde¬ tes ist, hervorging. So wie aber die Kräfte der Him¬ melskörper nur als Kräfte aus dem Universum hervor- traten, und sich erst nach und nach zu Sonnen und Pla¬ neten gestalteten: eben so kann daS in so vielen Abstu¬ fungen hervortretende Leben nur erscheinen, indem eS sich aus der umgebenden Welt den Leib baut. Die Orga¬ nismen entstanden daher in ihren Abstufungen immer vollkommener, je höher und geistiger nach seiner Eigen- thümlichkeit das auf die Erde hereintretende Leben war. Die Masse oder das, was wir an den Organismen kör¬ perlich nennen, ist nur ein Erzeugnis; des Lebens. Die fortwährende Stoffbildung wird dadurch erklärbar, daß fortwährend Organismen sich auflöfeu, und daß die Kräfte der neu eintretenden aus den Theilen der aufge¬ lösten, die zurückblieben, sich ihren Leib bilden. Die Ver¬ schiedenartigkeit der Materie rührt daher, weil das Le¬ ben bey seinem Eintritte in diese Entwicklungsstufe schon verschiedenartig ist, und weil jede Kraft die Stoffe der Außenwelt nach ihrer Eigenthümlichkeit in sich verwan¬ delt. Die Materie ist ihrer Idee nach nur ein Bestand- theil des Erdganzen, der in die Organismen durch die Assimilation übergeht, und als Mittel dient, das Leben des Geistes auf irdischer Stufe zu entwickeln und zu — 10 — tragen. Daher ist das Leben überall desto höher, freyer und vollkommener, je vollkommener die körperliche Orga¬ nisation ist. Die sogenannten Naturreiche sind gewisse große Hauptstufen, nach denen sich das in die irdische Erschei¬ nung herein tretende Leben gestaltet. Am tiefsten steht es in dem zum Erdganzen gehörigen Mineralreiche, und offen¬ bart sich unserer Beobachtung durch eine große Mannig¬ faltigkeit eigenthnmlicher Bildungen, durch den mehr oder minder festen Zusammenhang der Masse, so wie durch die Gesetze dec Wahlverwandtschaften und Kri¬ stallbildungen , aus welchen letztem schon vielfältig die Form der Pflanzenwelt hervorblickt. Höher offenbart sich das Leben in der Pflanze, sie ist ein ganzer Organismus, sie ist in der Idee ein ganzer Planet, obwohl sie mit dem einen Ende noch in der Erde wurzelt, mit dem andern aber in der beweg¬ lichen Luft dem Lichte entgegen wächst, und einen un¬ endlichen Trieb der Entwicklung, den man WachSthum nennt, offenbart. Wieder höher als die Pflanze steht das Thier. Die Pflanze geht aber nicht in das Thier über, obwohl sie in ihrer höchsten Verrichtung, in der Bläthenfunction, thierische Bewegung äußert. Auch das Mineral geht nicht in die Pflanze über, sondern die Pflanze und das Thier sind eigene Organismen, nur hat die Pflanze das Mineral, das Thier aber das Mineral und die Pflanze in sich ausgenommen. In der Pflanze äußert sich das Leben bloß als organisirende Kraft, im Thier erscheint eö als organisirendes, den Leib bildendes Princip, und als niedriges Geistesleben, welches sich in der willkähr- lichen Bewegung und in den mannigfaltigsten Verrich¬ tungen, die auf die Erhaltung des LhiereS abzwecken, — 11 — äußert. Bey sehr vielen Thi'eren offenbart sich daö Gei¬ stesleben noch überdieß durch ein Vermöge», zufolge dessen das Thier KuNstproducte erzeugt, oder zu seiner Erhaltung Handlungen auSübt, die für den denkenden Beobachter höchst sinnreich erscheinen. Indem daö Thier hier ohne Selbstbewußtseyn handelt, scheint sich hier¬ durch eine höhere Leitung zu offenbaren, welche die Be¬ wegungen und Handlungen des ThiereS zu einem ver¬ nünftigen Zweck combinirt, und auf diese Art daö, waS dem Thiere an selbstbewußter Einsicht zu seiner Erhal¬ tung und Fortpflanzung abgeht, ersetzt. Je ausgebilde¬ ter aber dem Körper nach die Thiere erscheinen, desto selbstständiger werden sie, und desto mehr verliert sich jener Kunfltrieb. Je mehr körperliche Organe, desto vollkommener ist daö Thier, immer aber trägt jeder hö¬ here Organismus die Gesetze der niedrigeren in sich. Der Mensch endlich vereinigt als höchster irdischer Organismus in Einem Leibe alle Thierleiber, und stellt in organischer Beziehung daö ganze Thierreich dar. Diesen künstlichen Bau organisirt die Seele aus den Elementen der Außenwelt, indem sie Anfangs bloß als bildendes Naturleben auftritt. Nach gebildeten Orga¬ nen entwickelt sie auch ihr Geistesleben; indem aber die¬ ses sich nicht mehr wie beym Thiere als Kunsttrieb äu¬ ßert, sondern durch freyes Selbstbewußtsepn, und durch selbsterworbene Einsicht daö ersetzen kann, was in der Lhierwelt durch den ohne Selbstbewußtseyn wirkenden Kunsttrieb, wie durch eine höhere Leitung bewirkt wird: so stellt sich der Mensch einerseits durch sein, in der Reproduktion des Leibes fortdauerndes, Naturleben als Organismus, andererseits aber durch sein Geistesleben als ein Wesen höherer und gottähnlicher Art, als Re¬ präsentant deö Universums auf irdischer Stufe dar. — 12 — 10- Der Mensch ist in seinem Naturleben universell, »veil in der Bildung seines Leibes alle Gesetze der Stoff- bildung sich offenbaren. Er ist in seinem Geistesleben universell, weil er zur Idee des Alls mit dem Gedan¬ ken sich aufzuschwingen vermag. Mit andern Worten: der Mensch erfaßt die Idee des Universums, weil in s ei n e r N atur etw a Sist, w a s d e m Universum gleich ist. Das ist das Grundgesetz alles Erkennens, daß das Gleiche nur vom Gleichen erkannt und bestimmt wird. Deßwegen ist der Mensch auch Herr der irdischen Schöpfung, weil er hier das einzige Wesen ist, welches über diese Schöpfung nachdenkt, und sie durch seinen Gedanken im Gei¬ ste nachbildet. Nach der narurwissenschaftlichen oder physiologischen Ansicht erscheinen alle unter dem Men¬ schen stehenden Wesen nur als Versuche der schaffenden Natur, dns Höchste, was sie zu erstreben wünschte, nähm- lich den Menschen, zu finden; nach der Ansicht der Phi¬ losophie aber muß, weil selbst die Physiologie den Geist vorauszusetzen genöthiget ist, alles, was auf dieser Erde als lebend erscheint, in höheren Verhältnissen schon be¬ gründet und geordnet feyn. Beyde Ansichten widerspre¬ chen sich daher nicht, sondern müssen ans Gründen, die erst in der Folge entwickelt werden könne» , in einer höheren Ansicht ihre Vereinigung finden. Da der Mensch das einzige Wesen ist, welches aus dieser Erde zum Selbstbewußtseyn kam, und da hierzu die höchste kör¬ perliche Ausbildung erforderlich war; so erhellet hieraus, warum die menschliche Gestalt die höchste ist, und warum mit ihr die leibliche Bildung auf Erden vollendet war. Die fernere Fortbildung konnte nur eine geistige seyn. — 13 — Die moralische Vervollkommnung deS Menschen ist eine geistige Schöpfung, wodurch das Leben wieder in die geistige Welt im erhöhten Maße zurückgeht. Der Mensch weiß daher, daß er auö Gott kommt, und wie¬ der in Gott zurück geht, daher ist auch nur er im Stan¬ de, sein unendliches Urbild zu finden, und dasselbe im¬ mer reiner zu erkennen» 11. Der Mensch hat demnach nur wegen des Gleich- seynS seiner Natur mit dem, im Universum sich offen¬ barenden Göttlichen daS Vermögen, Gott zu erkennen. Das ist eben der einzige Beweis vom Da- sepn Gottes für uns, daß wir Menschen so geschaffen sind, daß wir vermöge unserer Natur um Gott wissen, und zu erkennen ver¬ mögen, wir selbst seyen Gottes Ebenbild, und jedes Wesen außer uns sey ein näheres oder ferneres Abbild unserer eigenen Na¬ tur. So wie das Auge nur die Sonne sieht, weil die Sonne organisch dem Gesetze nach im Auge liegt; so wie der Gehörnerv die Harmonie vernimmt, weil die Gesetze der Bewegung in ihm abgebildet sind: eben so erkennt der Mensch das Göttliche, weil GotteS Geist in ihm lebt und wirkt. Hierdurch wird ihm der höhere Zusam¬ menhang in der ganzen Schöpfung klar. Gleichwie im gesunden menschlichen Leibe das Naturleben der Seele zur Erhaltung deS Ganzen in allen Gliedern wirkt, die Glieder aber doch als solche in ihrer Eigenthümlichkeit bestehen: eben so wirkt ohne Störung der Eigenthümlich¬ keit des Einzelnen im Universum die überall gegcnwär- rige Gottheit. —14 — §. 12. Dieses unsichtbare Walten, indem es sich nicht so¬ wohl als Leben, sondern vielmehr als Vorsehung und Allweisheit offenbart, zufolge welcher alles Ir¬ dische nur als eine zeitliche, in Gott ruhen¬ de, aus einer geistigen Welt entspringende und wieder dahin zurückgehende Erschei¬ nung zu betrachten ist, stellt sich nun als jene Offenbarung Gottes dar (H. 8-), auS welcher alle übri¬ gen Vorzüge und Eigenschaften, die wir ihm nur immer beylegen, in höchster Vollkommenheit schon hervorleuch¬ ten. Wir werden auf mehrere derselben später zurück kommen; hier genügt es, da wir von dem Verhältnisse der Mathematik zur Philosophie reden wollen, den für unfern Zweck nöthi'gen Eintheilungögrund zu finden. Worin liegt derselbe? 13. Da alles Irdische sowohl, als auch die Himmels¬ körper selbst, eine in Gott, als ihrem letzten Grunde ruhende, aus einer geistigen Welt entspringende und nach einer bestimmten Zeit wieder dahin zurückkehrende Erscheinung sind: so offenbart sich das Wirken Gottes nach den Gesetzen der Welt in immerwährenden Verän¬ derungen, mithin in einer für unsere Bestimmung end¬ losen Zeit; und da diese Veränderungen überall vor sich gehen, so erscheint es in einem überall sich ausdehnenden, das ist, für uns unendlichen Raume. Diese Veränderungen kann man als wirkliche Er¬ scheinungen erstens nicht nur ihrem allgemeinen, ewigen Urgrunde nach, sondern auch nach ihrem Wesen und nach ihrer Bestimmung in dem Sinne betrachten, wie jedes — 15 — Individuum als Einheit von Leben und Form in stei¬ gender Progression immer edler ist, als das andere, und wie das höhere immer alle niedrigeren Gattungen dem Gesetze nach in sich trägt; oder man kannzweytens vom Leben abstrahiren, und das rein Formelle dieser Progression, so wie daö quantitative Verhältnis, in welchem jedes Wesen zu den übrigen steht, untersuchen; oder man kann drittens die Ideen solcher formeller Wesen nach Belieben selbst schaffen, und ihre Verhält¬ nisse unter einander bestimmen. Auf diese Art wird der menschliche Geist in dem Fortgänge seiner Bestrebungen auf zwep Wissenschaften geführt. Beschäftiget er sich damit, den ewigen Urgrund deö in der Welt offenbar werden¬ den Lebens, und dann die Einzelnheiten desselben nicht nur dem Wesen, sondern auch ihrer ewigen Bestimmung nach, immer näher zu erforschen; so liegt in diesem Streben das Wesen der Philosophie. Beschäftigt er sich aber damit, die Form deS Lebens, wie sie im Allgemeinen und im Einzelnen von der Wirklichkeit durch Abstraetion getrennt gedacht, oder im Gedanken nach Belieben neu geschaf¬ fen werden mag, zu erforschen, so liegt in diesem Streben das Wesen der Mathe¬ matik. Die Philosophie verhält sich also zur Mathema¬ tik, so wie daö Leben sich zu seiner, durch Abstraction gewonnenen Form verhält. Philosophie und Mathematik gehen aus dem Le¬ ben hervor, und es fragt sich, ob sie, wenn man die- — 16 — ses Hervorgehen näher betrachtet, etwas mit einander gemein haben? Ihr Unterschied wird sich aus dieser Untersuchung von selbst ergeben. Da die mathematische Methode überhaupt größere Strenge zuläßt, und die auf mathematischem Wege ge¬ wonnenen Resultate bey der philosophischen Darstellung zur Vergleichung benützt werden können; so wollen wir zuerst das Wesen der Mathematik betrachten. Mathematische Ansicht. 14. Die Mathematik abstrahirt vom Leben und betrach¬ tet bloS die Form, unter welcher es erscheint, oder sie schafft sich selbst beliebige Formen. Alle vorhandenen Dinge sind ihr daher nichts an¬ deres, als formelle Zeit- und Raumgrößen, und die höchste Idee für die Mathematik ist, weil sie als Wis¬ senschaft der Größen dasteht, eine endlose Zeit und ein unendlicher Raum. Gleichwie für die Philosophie als höchste Idee ein lebendiger alles andere Leben schaffender und erhalten¬ der Urgrund da seyn muß, von dem alles Einzelne auö- geht; eben so muß für die Wissenschaft der Zeit- und Raumgrößen die Idee eines, alle möglichen Größen m sich fassenden Endlosen da seyn, aus welcher der mensch¬ liche Geist die einzelnen Größen deduciren kann. Die¬ ses Endlose ist eine unendliche Zeit und ein unendlicher Raum, oder vielmehr, da, wie später gezeigt werden wird, bcyde in der Wirklichkeit immer in einander sind, ein unendlicher Zeiten - Raum, oder eine unendliche Raum-Zeit. — 17 — Diese Idee, indem sie an sich ein Unbestimmtes, Allgemeines ist, ihrem Wesen nach aber den Grund der ganzen Mathematik darstellt, muß näher beleuchtet werden. 15. Sie ist an sich Einheit, aber nicht das, waS man ein Einzelnes nennt. Sie ist nicht eine bestimmte Zahl oder Figur, sondern die Einheit aller Zahlen und Figu¬ ren; sie ist ein Ungetrenntes, ein Zahlloses, in welchem weder eine bestimmte Zahl, noch ein Punct, weder eine Linie noch irgend eine geometrische Figur als wirklich angetroffen wird, sie enthält aber alle Zahlen, alle Puncte, alle Figuren in der Idee in sich. Sie ist ein durchgängig Gleichartiges, ein Ununterscheidbares. 16. Diese Idee ist in der Sprache der Mathematik das Zero. Dieses ist an sich kein Positives und kein Nega¬ tives, es ist an sich keine bestimmte Zahl, kein Punct und keine Figur, aber es ist der ideale Inhalt aller Zahlen, Puncte und Figuren, es ist der Möglichkeits¬ grund der ganzen Mathematik. 17. Bey diesem bloßen Grunde bleibt die Mathema¬ tik jedoch nicht stehen, sondern da sie eine Wissenschaft ist, die mit Zahlen und Figuren zu thun hat, und da¬ her in zwey Theile, in Zahlenlehre oder Arithmetik, und in Raumlehre oder Geometrie zerfällt; so muß gezeigt werden, wie sie ohne alle Erfah¬ rung zu dem Begriff einer Größe über¬ haupt gela nge. Die Größen sind dann Zeit- oder 2 — 18 — Ranmgrößen, das ist, Zahlen oder Figuren; es muß daher klar werden, wie die Mathematik zu Zahlen und Figuren, oder vielmehr, wie sie zu den Ideen der Zah¬ len und Figuren gelange. I. MahlenwMnschaft over Arithmetik. 18- Es wurde gesagt, daß das Zero der ideale In¬ halt der ganzen Mathematik sey, mit diesem Zero ist demnach noch nichts Bestimmtes, nichts Einzelnes ge¬ geben ; es fragt sich daher: wie kommt man zum wirk¬ lichen Eins, oder vielmehr zur Idee des Eins? 1y- Das wirkliche Eins, oder die Idee deö Eins kann nichts anderes seyn, als das Zero, indem es durch den Gedanken deö Menschen als ans sich herauStretend ge¬ setzt wird. Es kann aber nur als aus sich heraustretend gedacht werden, wenn eö, wie es ist, in sein er Totalität als Zero, oder als Grund al¬ les dessen, was in der Mathematik vor¬ kommt, bejaht oder verneint wird. Dadurch entsteht eine einmahlige Bejahung oder Verneinung, das ist, ein positives oder negatives Eins, oder viel¬ mehr die Idee des positiven oder negativen Eins. Das Zero ist daher von diesem Eins dem Wesen nach nicht verschieden. Das Eins ist nur ein in dieErscheinung getretenes, ein zeitliches, ein endlich gewordenes Zero. — Ig — S- 20. Wie entsteht die Zahl Zwey? Um dieses zu be¬ antworten/ müssen wir betrachten/ waö aus dem Zero durch die erste positive oder negative Setzung geworden ist. DaS Zero wurde durch die erste Bejahung oder Verneinung nicht aufgehoben, sondern indem es aus sich herauötretend gedacht wird, müssen wir es immer zu¬ gleich wieder in sich zurück gehend denken, damit es in seiner Ununterscheidbarkeit Grund für alle ferneren Be¬ jahungen oder Verneinungen bleibe. So wie der Mensch, wenn er »Ich« sagt, sich selbst setzt, sich bejaht; wenn er aber »Ich nicht« sagt, sich selbst verneint, sich aufhebtr durch diese Bejahung oder Verneinung aber sein Wesen, seine Existenz nicht auf¬ hebt, weil er sonst ein zweytes Mahl sich nicht mehr be¬ jahen oder verneinen könnte; eben so kann das Zero durch die geschehene Bejahung oder Verneinung nicht aufge¬ hoben werden, sondern bleibt als Grund aller ferneren, möglichen Bejahungen und Verneinungen. Gleichwie aber jener Act der Selbstbejahung oder Sclbstverneinung deS Menschen ein doppelter ist, nahm- lich ein HerauSgehen und ein Zurückgehen des Menschen in sich zugleich: ebenso ist jedes bejahende Setzen deS Zero das Setzen eines bejahenden und verneinenden Eins zugleich. Aus eben dem Grunde ist jedes vernei¬ nende Setzen das Setzen eines verneinenden und beja¬ henden Eins zugleich. In beyden Fallen aber sind ein bejahendes und verneinendes Eins zusammen wieder gleich dem Zero. Anmerkung. Das Sich-Sehen ist die erste aller Aeußerun- gen des Lebens. Sie ist auch die allgemeinste, sie offen¬ bart sich dort, wo das Leben am höchsten und dort, wo cS * 2 — 20 — am niedrigsten steht. Man kann sagen, da« Eigenthüm» liche des Lebens selbst besteht nur darin, daß es sich äußert. Das Aeußern ist ein aus sich Herausgchen, ein Sich-Setzen. Jeder Gedanke beruht auf diesem Sich - Setzen. Ja , die ganze Existenz beruht darauf, denn sie ist eben nichts an¬ deres, als ein fortwährendes Seyn oder Sich-Setzen. Wird dem Leben die Beziehung dieses Setzens auf sich selbst klar, so nennt man dieses das Selbstbewußtseyn. Da nun diese Beziehung nicht allen Wesen klar wird, so zerfällt das Leben in verschiedene Abstufungen. Das Leben auf der höchsten Stufe ist reines, ungetrübtes Selbstbewußtseyn, ist lediglich Geist. Indem der Geist denkt, setzt er sich selbst, das heißt, er geht aus sich heraus, und wieder in sich zurück. Der Mensch entwickelt sein Geistesleben zmH Selbstbewußtseyn-, in den höchsten Lhieren dämmert das Bewußtseyn nur, und in der Pflanze erlischt es gänzlich. Jedoch ist die Existenz aller dieser Wesen nichts anderes, als ein fortwährendes Sich-Aeußern ihrer selbst, ein fort¬ währendes Sich-Setzen. Der Mensch und das Thier setzen in jedem Lebensacte sich selbst sich gegenüber; das Lebens- princip der Pflanze, indem es sich bestimmt, Nahrung aus der Außenwelt aufzunehmen und sich anzueignen, setzt sich selbst sich gegenüber, ja selbst das Leben der Erde setzt sich fortwährend sich selbst gegenüber, indem es ebenfalls Nah¬ rung aus dem Universum aufnimmt, und diese in seine Bestandtheile, in die Mineralwelt, verwandelt. Man könnte sogar sagen, jeder Atom des Minerals setze in der Idee alle Augenblicke sich selbst sich gegenüber, indem er sich bestimmt, mit den übrigen im festen Zusammenhänge zu bleiben. Dieses Sich-Setzen ist also die allgemeinste Aeußcrung des Lebens, sie ist so allgemein, daß sie for¬ mell allein gar nicht gedacht werden kann, sondern daß in ihr Form und Leben unzertrennlich Eins sind. Das Entstehen des Eins aus dem Zero ist nicht möglich, ohne daß das Zero in sich zurück gehend gedacht wird; nun sind wohl das Zero und das Eins ein Formelles, das Heraus- und Zurückgehen aber ist formell nicht darstellbar, sondern — 21 — reln nur durch den lebendigen Gedanken des Menschen vermittelt. Im Leben liegt demnach derVerknü- pfungSpunct zwischen derForm und dem, was als Form und Leben inEinem sich offenbart. Da nun das Zero durch eine geschehene Bejahung oder Verneinung nicht aufgehoben wird, sondern in sei¬ ner Ununterscheidbarkeit als Grund aller ferneren Be¬ jahungen und Verneinungen bleibt: so sind immer fort¬ gesetzte Bejahungen und Verneinungen möglich. Die Zahl Zwey und alle ferneren Zahlen entstehen daher nur durch Wiederhohlung oder Zusammensetzung des ersten Eins, und die ganze Arithmetik beruht ihrem Wesen nach nur auf zwey Zahlenreihen, auf der bejahenden und verneinenden, und auf einer immerwährenden Zu¬ sammensetzung oder Trennung der Zahlen. 21. DaS Zero zeigt sich demnach: erstens als ein durch das Setzen aus sich heraustretendeö, eben im Setzen wieder in sich zurückgehendes, daher unerschöpfliches, unendliches; zweitens als ein aus sich herauögetretenes, erschienenes, und eben deßwegen endliches, zeitliches. Das gesetzte Zero ist aber vom ursprünglichen Zero nicht ein dem Wesen, sondern nur der Form der Erscheinung, das ist, der Zeit nach Verschiedenes. DaS Zero dauert immer, das Eins ist vergänglich. Das Zero ist eine endlose Zeit, das EinS ist nur ein Moment. Sollte dieser Augenblick der unendlichen Zeit gleich werden, so müßte man ihn unendlich oft nach einander gesetzt denken. Sollte das Einö dem Zero gleich wer¬ den , so müßte es unendlich oft gesetzt gedacht werden. DaS Zero ist in seiner Einheit das, was die unendlich vielen Eins, wenn sie für die Erscheinung möglich wä- — 22 — reu, in der Vielheit sind. Was die Erscheinung in der Vielheit ist, das ist das Wesen in der Einheit. 22. Daß das Eins vom Zero nicht dem Wesen, son¬ dern nur der Form der Erscheinung nach verschieden sey, läßt sich auch für die Erscheinung aus folgende Art beweisen: Wenn das Eins durch Zwei), Drey, Vier u. s. w. das ist, durch Zahlen, die größer als es selbst find, getheilt wird, so kann diese Theilung ins Unend¬ liche fortgehen, ohne daß das Eins wirklich erschöpft wird. Es erweiset sich hierdurch streng als ein Unendli¬ ches, denn jeden noch so großen Theiler kann man sich doch noch größer denken. Eben so wird jeder Quotient immer kleiner, ohne daß die Summe aller Quotienten dem EitlS jemahlö wirklich gleich wird. Anmerkung. Hier im Formellen zeigt es sich, daß do« Eins ein Unendliches ist, denn man kann die Möglichkeit der endlosen Fortsetzung seiner Theilung in der Idee noch erfassen. Denkt man sich die immerfortwährcnde Reihe aller auf einander folgenden, möglichen Quotienten , so verschwindet sowohl der Anfang als auch das Ende die¬ ser Reihe, sie wird anfangslos und endlos, das ist, sie ist für unsere Fassungskraft unendlich. Nicht eben so ist es im Organisch - Lebendigen. Jedes Organisch-Le¬ bendige ist für die Erscheinung ein Entstandenes und eben daher ein Endliches: eß kann nur als ein Unendliches gedacht werden , in so fern in ihm die Fähigkeit liegt, das Unendliche selbst zu denken. Allein, diesen Charakter der Unendlichkeit könnte Jemand selbst noch einen formel¬ len nennen, weil er ein Gedachtes ist ; der reelle Charak¬ ter der Unendlichkeit muß demnach noch überdieß in etwas Anderm liegen. Er liegt in der Fähigkeit, über die ge¬ genwärtige Existenz hinaus zu höheren Lcbensstufen ohne Aufhören sortgebildet zu werden. Alle diese weiteren — 23 — Stufen bilden im Ganzenleine Einheit, und jede geht aus der vorhergehenden, so wie die Wirkung aus der Ursache hervor. 23. Das Zero ist gleich den unendlich vielen EinS. DaS Eins ist im Vergleiche gegen die unendlich vielen EinS ein unendlich Kleines. Die unendlich vielen EinS aber, wenn ihre Setzung möglich wäre, wären gegen das EinS ein unendlich Großes. Da nun das Eins wohl seinem Wesen, aber nicht der Erscheinung nach gleich dem Zero ist: so ist auch das unendlich Kleine wohl dem Wesen, aber nicht der Erscheinung nach gleich dem unendlich Großen. Das unendlich Kleine und das unendlich Große sind mithin dem Wesen nach daS nähmliche Unendliche. Die Ausdrücke »unendlich Kleines und unend¬ lich Großes« sind nur relativ, das Unendliche selbst kann nicht erscheinen. DaS Unendliche ist eines und immer dasselbe, bloß die Form, unter welcher wir seinem Wesen appro¬ ximativ näher treten, wechselt. DaS Zero ist vor der Setzung das unendlich Große, durch das Setzen ent¬ steht das Eins, Und dieses ist im Vergleiche gegen die unendlich vielen EinS das unendlich Kleine. Dieses un¬ endlich Kleine würde aber dem unendlich Großen gleich, wenn es unendlich oft gesetzt gedacht würde. Da jedoch zwey unendlich Große nicht seyn können; so wird das Zero in dem Maße für die Erscheinung intensiv, in wel¬ chem eS durch das vielmahlige Sehen extensiv wird. Wäre eS möglich, das Zero unendlich oft zu setzen, so würde das Zero für die Idee ganz intensiv, oder eS würde daS unendlich Kleine seyn, die unendlich vielen Eins hingegen wären extensiv das unendlich Große. — Lö¬ s' 2ö. Da das bloße bejahende oder verneinende Setzen des Zero die Zahlen gibt, die Zahlen an sich also nichts anderes, als das gedachte Zero sind: so werden ei¬ gentlich nicht dieZahlen, sondern nur ihre Ideen fortwährend gesetzt, und diese fortwäh¬ rende Setzung ist die Succession oder die Zeit. In der reinen Mathematik eristiren nur die Ideen der Zahlen. 2. Raumtvissenschaft over Geometrie. 2Z. Die Mathematik hat außer den Zahlen noch mit Figuren zu thun; wie kommt sie zu den Ideen derselben ? Bisher wurde daS Setzen des Zero bloß in dem Sinne deS Nacheinander genommen, und dieses Nachein¬ ander wurde als Zeit angeschaut; wie verhält es sich denn mit dem Nebeneinander oder mit dem Raume? Betrachten wir das Zero wieder nach seiner zwey- fachen Gestalt: erstens als ein intensives, in sich zurück- gegangeues, schwebend in sich, zweytens als ein durch die Vielheit eristirendes, oder durch die unendlich vie¬ len Eins sich darstellendes außer sich; so wird es klar, daß, indem die Setzung zwar nach einander geschieht, dieselbe jedoch nicht in einer, sondern nach allen Rich¬ tungen vom Zero auö vor sich gehend gedacht werden müsse, damit die unendlich vielen Eins, die dem Zero wieder gleich sind, möglich werden. Wenn daher bei) der früheren Setzung bloß auf das Nacheinander oder auf die Zeit gesehen wurde; so wird hier nebst dem Nacheinander auch das Nebenein- — 25 — ander oder der Raum berücksichtigt werden müssen, und man kann sagen, so wie die Idee deöl Nacheinander die Zeit darstellt: so offenbart sich die Idee des Nebeneinan¬ der als Raum. Was mithin in der Arithmetik das intensive Zero ist, das ist hier, weil die Setzung nach allen Richtungen vor sich gehend gedacht werden muß, das Centrum, und was dort das extensive Zero oder die unzählich vielen Eins sind, das ist hier die Peripherie. 26. Da nun die Setzung nach dieser Ansicht vom Cen¬ trum ausgehend, und, damit das Extensive oder Gesetzte dem Intensiven oder dem Centrum gleich werde, nach allen Richtungen und in unendliche Entfernungen alles erfüllend gedacht werden muß: so kann das Ganze un¬ ter keiner andern Vorstellung gedacht werden, als unter der des Raumes in der Idee der unendlichen Sphäre. So wie das Setzen in der Arithmetik bloß nach einer Richtung, als ein Nacheinander oder als Zeit erschien; so zeigt eS sich jetzt als ein Setzen nach allen Richtun¬ gen, mithin auch als ein Nebeneinander, oder als Raum. §. 27. Hieraus folgt, daß die Zeit nicht vor dem Raume, und der Raum nicht vor der Zeit gedacht werden kann, sondern daß beyde immer in einander sind. Würde man in der wissenschaftlichen Construction mit dem Formellen anfangen, so müßte freylich zuerst der Raum gedacht werden; geht man aber vom Leben aus, wie man denn muß, so offenbart sich zugleich auch die Zeit, weil das Leben ii^Aeußerungen besteht, die auf einander folgen. Selbst d e r M a t h e m a ti k e r muß, u m für die 26 — Principien seiner Wissenschaft einen An- kn ü psu n göp u nc t zu haben, vom Leben aus¬ gehen, denn Zeit und Raum schließen sich beyde nur mit der Erscheinung deS Lebens auf. Man kann nicht sagen, daß der Raum aus der Zeit entstehe, oder um¬ gekehrt; sondern sie sind immer zugleich und in einan¬ der. Das Leben selbst, in seinen endlos auf einander fol¬ genden Aeußerungen aufgefaßt, ist die Zeit; und daS Leben selbst in seinem, wenn auch verschiedenartigem, doch als Einheit betrachtetem Ueberallseyn angeschaut, ist der Raum. Zeit und Raum sind im Leben von einander untrennbar, und ihrem Wesen nach unmittelbar mit dem Leben Eins. Wie Gott schaffend dachte, war die Zeit, und weil sein Gedanke überall ist, war auch der Raum. Da wir unö nun die Zeit nicht vorstellen können, wann Gott zu schaffen angefangen hat, so können wir unö auch das Beginnen des Raumes nicht denken. §. 28. Wenn nun in der Geometrie das Centrum der unendlichen oder ideellen Sphäre daö nähmliche ist, was in der Arithmetik daö Zero war; so ist in der Geometrie auch die Peripherie das, was in der Arith¬ metik die unendlich vielen Eins sind. Das Zero ist ein Einfaches, die unendlich vielen Eins sind ein Vielfaches; das Centrnm ist ein Einfa¬ ches, die Peripherie aber ein Vielfaches. Die Peripherie ist jedoch nur durch ihre Vielheit daS, was daö Cen¬ trum in seiner Einheit ist; denn gleichwie in der Arith¬ metik nur die unendlich vielen Eins wieder gleich dem Zero sind: eben so sind in der Geometrie nur die un¬ endlich vielen Puncte, auö denen die Peripher^ besteht, wieder gleich dem Ceutrum. DaS Centrum ist die in sich — 27 — concentrirte oder intensive Peripherie; die Peripherie aber ist das ertensive oder in unendlich viele Puncte zerfallene Centrum. So wie daher in der Arithmetik das Zero in un¬ endlich viele Eins zerfiel, welche die Elemente für die Zahlen find; eben so zerfällt in der Geometrie das Cen¬ truin in unendlich viele Puncte, und diese sind die Ele¬ mente für die Linien und Figuren. Gleichwie dort das Eins seinem Wesen nach das ganze Zero ist so ist hier der Punct seinem Wesen nach das ganze Centrum. Da endlich daö Centruin seinem Wesen nach daö Zero ist; so ist auch jeder Punct seinem Wesen nach das Zero. §- 29. Jeder Punct ist seinem Wesen nach daö Zero; das Zero tritt aber in der Sphäre auseinander in Cen¬ trum und Peripherie: mithin ist auch jeder Punct eine Sphäre, auseinander treten könnend in Centrum und Peripherie. 30. Da in der Arithmetik das Zero gleich der Succes- sion unendlich vieler EinS ist, die Succession der un¬ zählig vielen Eins aber als endlose Zeit erscheint , daö Eins jedoch als gesetztes Zero vom wirklichen Zero dem Wesen nach (§. 21.) nicht verschieden ist: so folgt dar¬ aus, daß in jedem EinS die unendliche Zeit in einen end¬ lichen Moment zusammen gezogen erscheine, das ist, daß in jedes Eins die unendliche Zeit hineingebildet seh. Da in der unendlichen Sphäre das Centrum gleich der Peripherie, das ist, gleich unendlich vielen Puncten ist; die Peripherie aber als unendlicher Raum gedacht wird, der Punct im Raume jedoch als gesetztes Zero voll — 2» — der Idee des Zero oder CentrumS dem Wesen nach nicht verschieden ist: so folgt daraus, daß in jedem Puncte der unendliche Raum außer sich gesetzt erscheine, das ist, Laß der unendliche Raum im Puncte zu einem Punct zusammen gezogen, oder in denselben hineingebildet sey. Da endlich im Zero Zeit und Raum zugleich und in einander sind, das Eins aber sowohl als der Punct ihrem Wesen nach vom Zero sich nicht unterscheiden: so folgt daraus, daß in jedes Eins und in jeden Punct der unendliche Raum sowohl, als auch die unendliche Zeit hingebildet sey. Jedes Eins sowohl, als auch jeder Punct ist mit¬ hin das zeitliche Zero, das erschienene Unendliche. Anmerkung. Nur im Formellen, wie schon bey H. 22. er¬ innert wurde, zeigt es sich für das menschliche Denkgesetz beym ersten Ueberblick, wie der Punct oder wie das Eins in der Idee ein Unendliches sind. Jedes erschaffene leben¬ dige Wesen hingegen zeigt sich beym ersten Anblick als ein Endliches, weil es entstanden ist. Es ist aber, wie gesagt wurde, ein Unendliches, und zwar nicht bloß im formellen Sinne; weil eS das Unendliche selbst denken kann, und weil es die Anlage in sich trägt, ohne Aufhö, ren fortgebildet zu werden. Das Eins , der Punct und das Zero sind schon auf ein Mahl das, was sie sind, und bleiben es, so oft sie auch gedacht oder gesetzt werden mii- gen. Gott, der Unerschaffene, ist auch, was er ist, und bleibt in alle Ewigkeit, was er ist. Das erschaffene We¬ sen aber ist nicht gleich Anfangs alles, was es später ist; auch kann cs, so sehr es sich vervollkommnen mag, den Charakter des Erschaffenseyns nie ablegen, sonst würde das Erschaffene dem Unerschaffenen gleich. Gott ist und war immer unendlich in allen Vollkommenheiten, das Ge¬ schöpf hingegen hat nur die Anlage, immer vollkommener zu werden. Diese Anlage ist allerdings ein Unendliches, allein sie ist noch bloße Anlage, während die unendliche — 29 — Vollkommenheit in Gott anfangs - und endlose Wirklich¬ keit ist. Da nun einige Denker diese , erst in der Ent, Wicklung begriffene, unendliche Anlage des Menschen zwar nicht läugnen, die wirkliche unendliche Machtvollkommen¬ heit Gottes aber gleichfalls nur als ein Formelles anse¬ hen; so geschieht dadurch eine Gleichstellung des Geschaf¬ fenen mit dem Schöpfer. Es wird hier der Charakter des selbstbewußten Lebens, was gerade das Wichtigste ist, und wodurch bey Gott das Schaffen, bey uns aber das Bilden abstrakter Ideen erst möglich wird, übersehen, und Gott selbst nur als ein Gedachtes oder AbstracteS genommen. Gott wäre diesem nach im Verhältnisse zur Welt das, was das Zero im Verhältnisse zur Mathema» tik ist; Gott könnte nur im Geschöpfe zum Bewubtseyn kommen, wie das Zero nur in den mathematischen Grö¬ ßen ein Etwas wird. Gott wäre ein rein Indifferentes, wie aber aus diesem die lebenden Geschöpfe hervorgehen sollen, bleibt immer unbegreiflich. Auf dieser Verwechslung oder vielmehr Unterord¬ nung des schaffenden Geistes unter den geschaffenen be¬ ruht das System des Pantheismus/ von welchem später die Rede seyn wird. Nur jene mathematisch-formelle Ansicht, zufolge welcher die unendlich vielen Lins in ihrer Totalität dem Zero, oder wo die extensive Peripherie dem intensiven Centrum oder wo selbst das einzelne Eins seinem Wesen nach dem Zero als gleich gegenüber stehend betrachtet wird, weil sie alle nur ein Formelles sind ; hat die Ver¬ anlassung gegeben, daß auch in der Philosophie Gott und Welt, oder Schöpfer und Geschaffenes einander gleich¬ wertig gegenüber gestellt, oder daß sogar das Geschaf¬ fene über dem Schöpfer stehend gedacht worden ist. §. 31. Woher kommt die ganz eigene Freude, die der — 30 — Mensch fühlt, wenn er ein schweres mathematisches Pro¬ blem gelöset hat? Offenbar daher, daß das Unbekannte, unter keiner bestimmten Form Eristirende in die gefun¬ dene Zahl hinein gebildet worden ist. Hier muß man darauf aufmerksam machen, daß dieses derPunct ist, wo die Mathematik aufhört ein bloß Formelles z u se yn, und wo si e unmittelbar in das Leben hinein reicht. Denn hier zeigt es sich, daß alles, waö in das irdische Leben tritt, so dem Gesetze unterworfen ist, daß es unter einer bestimmten Forin, das heißt, in einer gewissen Zeit, und in einem be¬ stimmten Raume, erscheinen muß, die un¬ veränderlich ist. Dieses Gesetz ist es, wel¬ ches sich, wenn sich der Mensch desselben bewußt wird, als das Wesen der Mathe¬ matik dar stellt. Die Mathematik ist also nicht ein bloßes, Product deS abstrahirenden Verstandes, sondern sie ist ihrem Wesen nach das allgemeine Gesetz des Lebens. Da hier Leben und Form in ihrer Einheit und Durchdringung erfaßt werden; so ist dieses auch der Punct, in welchem Mathematik und Philosophie in Eins zusammentreffen (Anmerk. §. nv.) und von wo aus sie sich scheiden. Klarer wird dieses weiter unten auseinan¬ der gesetzt werden. §- 32. In der Arithmetik ist das Eins die erste Zeitgröße oder die Grundlage aller ferneren Zahlen; welche ist nun in der Geometrie die erste Raumgröße, oder die Grund¬ lage aller ferneren Figuren ? — 51 — Da in der Arithmetik das Nacheinander oder die Zeit, in der Geometrie aber das Nebeneinander oder der Raum berücksichtiget wird: so kann die erste Idee in der Geometrie keine andere sepn als die eines Aus¬ gedehnten nach allen Richtungen und in unendliche Ent¬ fernungen. Was aber ein Ausgedehntes nach allen Richtun¬ gen und in unendliche Entfernungen ist, kann nur ge¬ dacht werden als unendliche Sphäre. Das Zero mithin als unendliche Sphäre, oder als ein in allen Richtungen und in unendliche Entfer¬ nungen aus dem Centruin herausgetretenes angeschaut, ist die erste Idee in der Geometrie, der MöglichkeitS- grund alles Meßbaren. Die Sphäre ist mit dem Raume zugleich gesetzt, sie ist die erste Form, die Urform. Die Sphäre besteht auS Centrum und Peripherie. Das Centrum wird, indem es aus sich herauötritt, zur Peripherie, und die Peripherie strebt wieder in das Cen¬ trum zurück. So wie die Zahlen nur sind durch das Zero ; so ist die Peripherie nur durch das Centrum. Das Zero ist das Unvergängliche, die Zahlen sind das Vergängliche; eben so ist das Centrum unvergänglich, die Peripherie ist vergänglich. Indem das Centrum außer sich hinauStretend ge¬ dacht wird, erweitert eS sich, die Erweiterung ist ein Setzen des Centrumö oder ein Uebergehen desselben in die Peripherie. Das Uebergehen in einer Richtung als Moment betrachtet, gibt die Idee des Punctes, als fort¬ gesetzt in einer Reihe angeschaut aber die Idee der.gcra- den Linie. Die Idee der geraden Linie ist daher in der Idee der Sphäre schon enthalten, und die erste gerade Linie ist keine unbestimmte, sondern eine bestimmte, der Radius. — 32 — In der Idee der Sphäre ist auch die des Kreises schon enthalten, denn der Durchschnitt der Sphäre, in seiner ebenen Fläche angeschaut, gibt den Kreis. 33. Wenn man das bisher Gesagte noch einmahl über¬ schaut, so ergibt sich daraus die Grundlage für die we¬ sentlichen Hauptzweige der Mathematik. Die Idee des Zero als bejahend oder verneinend gesetzt gibt die beliebig vielen Eins, und diese bilden in ihrer Zusammensetzung die Zahlen oder Größen der Arithmetik. Die Idee des Zero gedacht als unendliche Sphäre gibt die Idee des Nebeneinander, und diese ist der Mög, lichkeitsgrund des Meßbaren oder der Geometrie. Anmerkung. In der Mathematik zeigt es sich am deutlich¬ sten, daß Zeit und Raum beständig nur in- und durchein¬ ander sind. Lede Zeitgröße oder Zahl ist ein Bestimmtes, das ist, ein Beschränktes, existirt mithin im Raume; je¬ de Raumgröße oder Figur aber besteht aus Puncten oder vielen Eins, die in ihrer Continuitat die Zeit darstellen. Die Idee der Sphäre überhaupt gibt die Idee ei¬ ner wirklichen Sphäre, und der Durchschnitt dieser, in seiner ebenen Fläche angeschaut, gibt den Kreis. Denkt man sich einen Kreis, der sich auö sich bey stets gleichmäßig abnehmender Peripherie so lang in die Höhe bewegt, bis die Peripherie mit dem Centrum zu- sammenMt: so hat man die Idee des Kegels. Der Kegel nach den bekannten Arten geschnitten gibt die Ideen der Ellipse, der Parabel und Hyperbel. Aus geraden und krummen Linien construirt derMa- thcmatiker alle Raumgrößen oder Figuren der Geometrie. — 33 — §. 34. Man kann die Figuren der Geometrie in höhere und niedrigere theilen. Die höheren, vollkommeneren, das Ganze des Raumes in der Idee mehr umfassenden sind Modifikationen der Sphäre, als Ellipsen, Ellipsoiden, parabolisch und hyperbolisch begrenzte Figuren. Die min¬ der vollkommenen Figuren aber sind Verkümmerungen der Sphäre, durch Zusammenziehung derselben. Sie sind entweder die ganze verkümmerte Sphäre, als Wür¬ fel , Dodekaeder, Ikosaeder und deren Modifikationen, oder Theile von der Fläche der Sphäre, als Quadrate, Dreyecke u. s. w. Auf eben diese Art unterscheiden sich die höheren organische» Formen von den Mineralformen. Das Thier ist Kugelform in seinen kleinsten Theilen; die Krystall- formen und Mineralkörper hingegen sind zusammen ge¬ zogene, eckige Kugeln. §. 55. Es ist merkwürdig, das HerauStreten der mathe¬ matischen Ideen aus dem Zero, ihr Endlichwerden oder Erscheinen näher zu betrachten. Das Zero ist ein Formloses, Ununterscheidbares; daS Eins ist feinem Wesen nach zwar auch ein Zero, aber schon ein Endliches, ein Gefetztes. Das Zero ist ein Seyendeö, daö Eins aber ein Werdendes. Der Raum und die Zeit, wie sie im Zero in einander sind, sind noch etwas Ununterscheidbares; denkt man sich aber die Zeit als ein Nacheinander unter der Idee der Zahlenreihe, so wird sie schon unterscheid¬ bar, und der Raum als das Nebeneinander unter der Idee der Sphäre gedacht, ist schon ein Geformtes. 3 — 34 —' In der Idee des Zero ist die Vorstellung von der Sphäre, daS ist, die Vorstellung von Centrum und Peri¬ pherie und ihrer wechselseitigen Verbindung (Linie, die in dem llebergehen des Centrums in die Peripherie Sie aber ganz zu enträtseln, und das Universum vol¬ lends zu enthüllen, kann dem Bewohner dieses Planeten wohl nie gelingen. Daher soll der Sterbliche sich be¬ scheiden, und nicht die Ansicht desjenigen verdammen, der von der Unendlichkeit des Weltalls überzeugt dem¬ selben eine Existenz zugesteht, die über unsere endliche Ansicht hinausreicht, und der Meinung ist, daß die Mög¬ lichkeit über die Zeit seiner Entstehung und Ausbildung ein bestimmtes Urtheil zu fällen, über unsern Horizont hinausliege. 45. So wenig nach dem menschlichen Denkgesetze daS Zero durch eine geschehene Setzung aufgehoben wird, sondern als Grund aller ferneren Setzungen in seiner ganzen Wesenheit bleibt: eben so wenig verliert Gott durch die Weltschöpfung etwas von seinem ewigen Wesen, sondern die erscheinende Welt ist nur die unumstößliche Bestätigung desselben. Gleichwie in der Mathematik das Heraustreten des Zero auö sich, ein Heraustreten und ein Zurückge¬ hen in sich zugleich ist (Z. so), wodurch es eben mög¬ lich wird, daß das Zero als Grund aller ferneren Set¬ zungen in seiner Wesenheit bleibt; eben so ist das Her- auStreten Gotteö aus sich als Schöpfer zugleich wieder ein Zurückgehen in die Tiefe seines Wesens. Gleichwie dasEins ohnedasZero nicht gedacht werden kann, wohl aber das Zero ohne das Eins; eben so kann die Welt oh¬ ne Gottes Geist nicht gedacht werden, wohl aber der Geist Gotteö ohne die Welt. Gott geht dadurch, daß er die Welt durch seinen Willen schafft, nicht in die Welt über, wird nicht mit -46- derselben indentificirt, wie so viele meinen; er bleibt als unerschöpflicher Urquell alles Lebens und aller Macht in seiner ursprünglichen Wesenheit. Das Irrige und Mangelhafte der pantheistischen Ansicht wird in der Folge auseinander gesetzt werden. §. 46. In so fern der Mensch, wenn er ein Meisterwerk der Kunst, als Product seines Geistes hervorbringt, in dasselbe übergeht, indem er dem aufgefaßten Ideale sei¬ ne Individualität einwebt, worin eben die besondere Schönheit und der so unnachahmliche Zauber des Kunst¬ werks besteht; in so fern kann man sagen, geht auch Gott in die Welt, die das Bild seines Geistes als Ideal aller Ideale an sich trägt, und von seiner Weisheit zeugt, über. 47. Gott hat die Welt geschaffen. Da jedoch die Welt, wie sie ist, nicht mit einem Schlage, sondern nach und nach in schönster Gesetzmäßigkeit in die Erscheinung trat; so frägt es sich zuerst, kann der menschliche Geist sich den Vorgang der Schöpfung, wenn auch nicht vollends er¬ klären , doch wenigstens auf eine, der Gottheit und un¬ serer Vernunft würdige Art verständlich machen? Die ursprüngliche Art des Hervortretens des End¬ lichen aus dem Unendlichen, oder das Selbstständigwer¬ den dessen, was in Gott ursprünglich auch nur ein Ge¬ danke war, scheint nnS, man nenne es Schöpfung, Ab¬ fall oder Ausfluß, unserö ungeheuren Abstandeö von Gott wegen noch unbegreiflich, kann aber in jeder Hinsicht nur durch den WillenSact Gottes bewirkt gedacht wer¬ den. Gleichwie nun bepm Menschen das Hervortrcten des Gedankens in der Idee früher angenommen werden — L? — muß als das Hervortreten des Wortes, durch welches der Gedanke für die Außenwelt erst objectiv oder wahr¬ nehmbar wird, obschon beydeS meistens nach unserer Em¬ pfindung fast gleichzeitig geschieht; eben so ward im SchöpfungSacte durch den Willen Gottes zuerst daS Reich der unzählich verschiedenartigen Kräfte, die dann nach bestimmten Gesetzen als Welt in die Erscheinung traten und noch fortwährend treten, sammt und sonders auf ein Mahl als geistig gesetzt. DaS Objectivwerden der Welt aber bis zum Wahrnehmen durch unsere Sinne, so wie das Hervortreten der letzter» ist nur ein Ent¬ wickeln nach bestimmten Gesetzen, wobep, wie später ge¬ zeigt werden wird, die Geschöpfe ihre sinnlich wahr¬ nehmbare Form durcheinander erhalten. Die Aufgabe, diese immer fortgehende Entwicklung verständlich zu machen, ist zwar unendlich, so wie daS Weltall selbst; allein die Möglichkeit, einer progressiven Lösung derselben, so weit eS vom irdischen Standpuncte aus möglich ist, durch wissenschaftliches Forschen immer näher zu treten, liegt darin, daß die Allweisheit die Entwicklung endlicher Wesen immer nach dem Gesetze lei¬ tet, daß alles, was erscheint, unter einer bestimmten Form erscheint. Indem nun der menschliche Geist in der Naturbetrachtung nie die Form allein, sondern immer Form und Leben als Eines erfassen muß; so gewinnt er, indem er die Verhältnisse der Form bey den ver¬ schiedenen Naturwesen unter einander vergleicht, immer etwas an der Erkenntniß deS Lebens selbst, wie dasselbe am Schöpfer als höchste Vollkommenheit in jeder Rück¬ sicht , am Geschöpfe aber als Nachbild dieser Vollkom¬ menheiten sich mehr oder weniger kund gibt. Mit dieser gewonnenen Einsicht geht er neuerdings an die Betrach¬ tung der Natur, vergleicht seine bereits erworbene Kennt- — 48 — niß wieder mit dem Leben, findet sie mangelhaft, forscht und vergleicht wieder, gewinnt wieder mehr an Natur- kenniniß, und so geht eö immer, mit mehr oder we¬ niger Unterbrechung fort. Anmerkung. So verhalten sich in der Wissenschaft Theorie und Erfahrung überhaupt zu einander. Beyde müssen ein¬ ander fortwährend berichtigen und ergänzen. Zuerst ist alles nur Erfahrung. Worin liegt aber der Möglichkeits¬ grund der Uebereinstimmung zwischen Erfahrung und Idee, oder worin liegt die Möglichkeit die Erfahrung als eine richtige zu erproben? Durch das im menschlichen Geiste liegende Vermögen, — jeden Gegenstand, der nur einmahl auf unser Wahrnehmungsvermögen einen Eindruck mach¬ te, dann wieder zu erkennen, oder auch in dessen Abwe¬ senheit nachzubilden oder abstract zu denken , wodurch die, ich möchte sogen, unbewußte oder intensive Erkennt- niß aller Dinge als Idee (h. IN») der Seele schon einge¬ geben ist,— angetrieben, macht sich der Mensch an einen Gegenstand, betrachtet ihn so vielseitig als möglich, und sucht dadurch di- unbewußte oder intensive Erkenntniß desselben auch extensiv in sich zu gestalten, oder sich der¬ selben bewußt zu werden. Dadurch kommt er zu einer bestimmten Theorie, die in ihrer Getrenntheit vom Ge¬ genstände verschiedenartig erwogen und durchdacht werden kann. Hierdurch wird der Geist geschärft, und lernt bey einer neuen Beobachtung den Gegenstand noch sorgfälti¬ ger auffassen. Neue Erfahrungen zeigen jedoch bald die Unzulänglichkeit der frühern Theorie, und man muß die¬ se ergänzen. Hieraus folgt erstens, daß, indem das in der Welt sich offenbarende Leben in seinem Zusammen¬ hänge unendlich ist, man in der Erkenntniß desselben im¬ mer weiter geführt werde; es folgt aber auch zweytens, daß man dem Wesen desselben nicht durch eine geschloffe¬ ne Ansicht oder bestimmte Theorie, sondern nur dadurch näher kommen könne, daß Theorie und Erfahrung sich beständig wechselseitig berichtigen und ergänzen. -49 ' k' ' - ! -- - Durch die Betrachtung..und Vergleichung Hf? von Gott geschaffenen Werke.-tritt demnach der menschliche Geist dem Wesen der Gottheit näher. -Da nup alles Erkennen mit dem Menschen beginnt und von ihm Ms- geht; so fragt es sich vor allem, wie vephglt sich der Mensch selbst ru Gert V .. . Da der Mensch, wie .gesagt, nuruin so fern Mensch ist, als er Vernunft besitzt, oder in so fern.ex.-etwas von dem Wesen der Gottheit , in sich trägt; da er Gott nur durch daö erkennt, waö in ihm als Gottes Abglanz sich offenbart: so läßt sich auf diese Frage auch nur durch folgende Vergleichung antworten: Man unterscheidet, in dem Wesen, des.. Menschen eine zweifache Richtung, eine denkende und:, eine han¬ delnde. Als bloß denkend lebt der Mensch, seiner gan¬ zen Wesenheit nach in sich , als handelnd tritt er aus sich heraus und setzt ein Product seiner Thätigkeit außer sich. Hierdurch zeigte er sich entweder von . .der einen oder von der andern Sekte, ohne gerade in jedem Puncto seines Wirkens seine Wesenheit gleichmäßig zu offenba¬ ren. Als denkend ist er,, in so weit dieses im irdischen Sinne genommen werden kann, ganz frei), hat sich nur an die logische Gesetzmäßigkeit zu halten-,, wgrin aber- eben der Charakter seiner Vernunftmäßigkeit,und -somit auch seiner Freiheit liegt. Als handelnd hingegen ist er an die Ordnung der Natur gebunden, seine Thätigkeit verkörpert sich im Products, und man kann das Innere seines Wesens mehr oder weniger auö seinen Werken er¬ kennen. , - - Eben so ist es mit Gott. Gott lebt als selbstbe¬ wußter Geist seiner ganzen unaussprechlichen Wesenheit 4 — 50 nach alö vollkommsteS Wesen i» sich; als schaffend hin¬ gegen tritt er aus sich hervor, offenbart durch das in die Erscheinung tretende Universum seine, dasselbe bil¬ dende, durchdringende und als eine Einheit zusammen- haltende Allmacht, handelt in schönster Gesetzmäßigkeit, die er im Weltplane sich selbst vorzeichnete, und läßt sich so von seinen vernünftigen Geschöpfen erschauen. Gott ist seinem Wesen nach vollkommene Einheit des umfassendsten Wissens und SeynS, und daher höch¬ ste Wahrheit. Der Mensch als Vernunftwesen hat das Vermö¬ gen die Einheit zwischen dem einer unendlichen Ausbil¬ dung fähigen Funken des Wissens, der in ihm liegt, und zwischen der unendlichen Welt des Seyns, die außer ihm liegt, immer mehr herzustellen, das ist, der Wahrheit immer näher zu treten. Gott, ist sich der Einheit des höchsten Wissens und Seyns in sich vollkommen bewußt, in ihm ist ,ede Un¬ vollkommenheit, jede Möglichkeit zm irren, aufgehoben, er ist daher höchst heilig; im Menschen aber ist daS Be¬ wußtsein von dieser Einheit nur höchst unvollkommen und trübe, er kann es jedoch durch srepe, vernünftige Thätigkeit immer mehr erhellen, kann die in seiner Na¬ tur liegenden Unvollkommenheiten, so weit eS irdisch möglich ist, immer mehr aufheben, das ist, er kann hei¬ lig werden. Gott ist höchstes Wisse», und höchstes Seyn nur aus sich und durch sich, sein Wille ist daher allmächtig, ist schöpfende und erhaltende Kraft der Welt. Der Mensch hingegen hat sein Wissen und Seyn nur aus Gott und durch Gott, so wie die außer dem Menschen ssyende Welt ihr Seyn nur aus Gott hat. Der Mensch ist mithin abhängig oder beschränkt, kann aber die zwi- — 51 schen ihm und der Welt liegenden Schranken durch Aus¬ bildung seines Geistes immer mehr aufheben, daS heißt, er kann seine Herrschaft über die Natur immer mehr ausbreiten. Im Menschen liegt also die F ä» higkeit Gott immer mehr ähnlich zu wer¬ den, er verhält sich daher zu Gott, so wie das Abbild z.'u m Vorbild. 4g- AuS dieser Vergleichung der menschlichen Natur Mit dem Wesen Gottes wird auch der Vorgang der Schöpfung im Allgemeinen auf folgende Art verständ¬ lich. Gott denkt entweder bloß für sich, oder er denkt als schaffend. Als bloß denkend lebt er als höchste Persönlichkeit nur in sich, ewig gleich und unendlich, dem Menschen unaussprechlich, keinem irdischen Bilde vergleichbar. Denkt er hingegen als schaffend, so will er den Gedanken realisiren, das heißt, er will ihn als ein wirklich Erscheinendes bleibend außer sich setzen. Da nun außer Gott nichts vorhanden war, so mußte der Gedan¬ ke Gottes bloß durch den, in der Wesen hei t Gottes liegenden, Willen Gottes objectiv werden, das heißt, Gottes Wesenheit mußte Urgrund deö Geschaffenen seyn, sowohl dem Stoffe als dem Geiste nach, oder mit andern Worten : Gott muß das, was er schafft, einzig nur aus sich selbst nehmen, so wie z. B. der Erfinder eines Kunstwerks die Idee dazu unmittelbar auö sich selbst nimmt. Gott verliert dadurch nichts an seiner Wesenheit, so wenig der Mensch dadurch an gei¬ stiger Kraft etwas verliert, wenn er noch so viele schö¬ ne Gedanken als Abbilder seines Innern außer sich setzt. 4* — 52 — Wir müssen uns daher die schaffende Gottheit- als ein Wesen vorstellen, welches alles, waö geschaffen wird, unmittelbar nur durch den in seiner Wesenheit liegenden Willen hervorbringt. Die Idee dieses höchsten Wesens heißt in der Spra¬ che der Theologie und Philosophie die mit Freiheit schöpfende Allmacht, im höher» naturwissenschaftlichen Sinne die Weltfeele, und im mehr niedern physikali¬ schen Sinne die Natur. 50. ' . Gott muß diesem nach gedacht werden, erstens als das höchste und vollkommste Wesen, als ewigö Persön¬ lichkeit: zweytenö als. Weltseele, das ist, im Universum nicht nur allgegenwärtig und alle Kraft und Macht in¬ haltschwer in sich tragend, sondern überall lebendig wir¬ kend, den Plan der Schöpfung nach bestimmten Gesetzen mit Allweisheit durchführend; von dem ersteren also nicht durch das Wesen, sondern bloß durch die Richtung und Intensität deö Willens verschieden. So wie die Seele des Menschen im Leibe überall gegenwärtig ist und alle Glieder erhält, damit jedes in seiner Eigenthümlichkeit zur Ausübung seiner Functionen für sich bestehe: eben so ist Gott als Weltfeele allgegen¬ wärtig, er erhält alle Geschöpfe des Universums, damit jedes in feiner Eigenthümlichkeit bestehe, und seine Be¬ stimmung erreiche. Gott ist nach der zwepten Ansicht eben so Gott, wie nach der ersten, er wirkt als Weltfeele unendlich weise und überall — ja wir lernen eben aus diesen all¬ seitigen Offenbarungen erst sein wahres Wesen kennen — nur ist seine schaffende Lhätigkeit nicht mehr so fcey und ungebunden zu denken, wie im ersten Falle, sondern sie — 53 — wirkt in schönster Regelmäßigkeit nach höchst weisen, dem Ganzen des Weltalls zum Grunde liegenden Ge¬ setzen, die ste sich selbst vorgezeichnet hat, und von de¬ nen sie nicht abweicht. Dadurch wird aber Gott nicht so ganz in Anspruch genommen, daß er in die Welt selbst überginge, das ist, daß die Freiheit in seinen Entschlüsseln oder seine Per¬ sönlichkeit aufgehoben würde, so wenig ein Mensch durch die vernunftgemäße Richtung seines Willens aus einen bestimmten Zweck seine Persönlichkeit verliert. . tz- 51. Den eben erwähnten Gegensatz zwischen Gott als Gott, und Gott als Weltseele müssen wir weiter ver¬ folgen. Hierdurch werden wir nicht nur dem Wesen der Gottheit an sich näher geführt; sondern wir werden auch einen Anknüpfungspunkt für die fernere wissenschaftliche Deduction von der Art gewinnen, daß wir nicht bloß ein Princip für das Lebendige allein, sondern auch für das Formelle auffinden. Was demnach von der Weltfeele bisher im Allge¬ meinen angedeutet wurde, muß näher aus einander ge¬ setzt werden. ES muß sich zeigen , in welchem Sinne Gott einerseits als Gott, und andererseits als Weltseele unbeschadet seiner Einheit und Persönlichkeit wissen¬ schaftlich zu denken sep. Gott als Schöpfer. §. 52. Die größte Schwierigkeit in der Auseinanderset¬ zung deö Verhältnisses zwischen Gott als Gott, und Gott alö Weltseele oder Schöpfer liegt darin, es begreiflich ._ L /. o zu machen/ wie Gott/ indem er als Weltseele überall nnd zugleich so verschiedenartig nach Gesetzen thätig erscheint, doch auch als Persönlichkeit nebenbei) bestehe? Wie ist Gott Alles in Allem, und doch selbstbewußte Einheit! 53. Die Beantwortung dieser Frage setzt zwar eine tiefere Einsicht in das Wesen der Gottheit sowohl, als auch in die Welt selbst voraus, als daß die menschliche Vernunft nach dem gegenwärtigen Standpuncte ihrer Entwicklung fähig sepn sollte, sie befriedigend zu lösen. Allein eö sind, wie die Geschichte der Philosophie eö be¬ zeugt, doch die vielfältigsten Ansichten hierüber laut ge¬ worden. Die Frage kehret auch der Wichtigkeit des Ge¬ genstandes wegen immer wieder. So lange wir aber das Werk, dessen Entstehung wir zu deuten versuchen wollen, nnd seinen Urheber nicht näher kennen, ist die einfachste Erklärungsweise immer die anthropologische. Sie dürfte auch immer die sicherste bleiben. Das Wesen unserer eigenen Seele, in so fern wir sie einerseits in ihrer freyen Wirksamkeit als selbstbewußten Geist, an¬ dererseits aber als das, den Leib bildende und erhaltende Princip betrachten, läßt uns, da alles Entwickeln ein Organi sch wer¬ den ist, vielleicht einen Blick thun in das Verhältniß zwischen Gott und dem welt¬ schaffenden und erhaltenden Princip in Gott. 54. Wenn wir von dem Wesen der menschlichen Seele und ihrer Wirksamkeit ausgchcn, so zeigt die Beobach- — 55 — tung, daß die Seele als solche, wenn sie im irdischen Leben sich zu äußern anfangt, sich zuerst nur von ihrer realen oder bildenden Seite offenbart. Sie sängt an sich aus ihrer Umgebung den Leib zu bauen, um als ir¬ disch organisirtes Wesen sich ihrer selbst bewußt zu wer¬ den. DaS intelligente Leben erwacht erff nach und nach, wie die leiblichen Organe erscheinen , und erreicht die höchste Stufe, wenn der Leib ausgebildet ist. MA der geschehenen Ausbildung des Leibes hört aber die Wirk¬ samkeit deS, den Leib bildenden Princips der Seele, oder ihr Naturleben nicht auf, sondern , da der Leib, wie später gezeigt werden wird, nichts anderes ist, als der sichtbare Strom einer immer fortwährenden Aus¬ scheidung und Wiederbildung der Organe; so wirkt daS Naturlebe» der Seele neben dem intelligenten Leben derselben immer fort, und beyde bestehen neben einander. Das intelligente Leben der Seele und ihr Natur- lebcu sind durch eine Scheidewand aus einander gehalten, daö intelligente Leben wirkt mit Bewußtfeyn und Frey- heit, das Naturleben wirkt unbewußt und mit Noth- wendigkeit. 55- Nun zeigt aber die Erfahrung, daß die Scheide¬ wand zwischen dem intelligenten Leben der Seele und dem Naturleben derselben nicht als unverrückt besteht, sondern annähernd aufgehoben wird. Dieses geschieht auf zwepfache Art: erstens durch freyeS, selbstbewußtes Forschen im wachenden Geistesleben; zweytens unfrey, durch Steigerung des Traumlebens, wovon die nöthige Andeutung in der Folge. 56 — In beyben Fälle», wird das Natu,leben der Seele theilweise i» das intelligente aufgenommen, die Seele versucht in die gesetzmäßige Wirksamkeit ihrer selbst zu blicken, wie sie den Leib baut, und weil der Leib in der Idee die Welt im Kleinen ist: so erhält sie im. ersten Falle mittelbare, aber-formelle und srepe, im zweptcn Falle aber Unmittelbare , lebendige (durch Anschauung), bä ebK dem Maße aber uufrepe Einsicht in die Gesetze ihreö Handelns, und eben dadurch in den Organismus der Welt. K . A n IN erk ung. Der Ausdruck »formelle Einsicht« bedarf, um mit dem im tz. 2. Gesagten im Einklang zu stehen, hier folgender Berichtigung. Ich unterscheide zwischen dem Formellen im mathematischen und philosophischen Sinne. Mathematisch formell ist das, was die bloße Form ohne Rücksicht aufMa- terie und.Inhalt darstcllt. Wenn ich mir z. B. die Zahl Drey, oder wenn ich mir ein Quadrat deqkc; so stelle ich mir im ersten Falle die Idee eines dreymahligen Eins als reine Succession, und im zweyten Falle die Idee ei¬ nes viereckig gestalteten Raums als reine Ausdehnung vor, ohne unter dem Drey wirklich drey genannte Ge- genstände, oder unter dem Quadrate ein bestimmtes ab¬ gemessenes Viereck zu denken. Stelle ich mir aber z. B. einen Baum vor, so kann ich nie die bloße äußere Form allein, sondern ich muß mir nothwendig auch die inner» Bestandtheile und Bestimmungen, das Holz, die Wurzel, den Stamm, die Aeste, das Laub u. s. w. als Materie hinzu denken. Die Idee der Zahl oder Figur ist ein ma¬ thematisch Formelles; die Idee des Baumes ist ein phi¬ losophisch Formelles. Letzteres heißt nur desnpegcn ein Formelles, weil es so wie das mathematisch Formelle ein Gedachtes ist, und weil die Sprache noch keinen genügen¬ den Ausdruck hat, um cs von dem ersteren zu unterscheiden. In diesem Sinne ist demnach hier von einer formellen Ein¬ sicht die Rede. Es ist klar, daß das philosophisch For- — 57 — melle, je mehr Inhaltsbestimmungen es in sich aufnimmt, sich immer desto mehr von dem eigentlich Formellen (h. 3 ) entferne, und immer lebendiger werde. §. 56. Die Erfahrung, daß daö Naturleben der Seele annähernd in das intelligente ausgenommen wird, die Beobachtung, daß eö in dem Maße, als es intelligent wird, entweder als formelle oder als lebendige Einsicht erscheint, ja im letzter» Falle sogar der Intelligenz ge¬ genüber als Object erscheint, ohne mit der Intelligenz in Eins zusammen zu fließen, ist von großer Wichtigkeit, denn cs folgt hieraus: i. Daß das intelligente Leben das höhere und totale, das Naturleben aber das nie¬ drigere, aus dem totalen hervorgetretene ist. ES ist deßwegen hervorgetreten, weil die Seele durch ein hö¬ heres Gesetz alö irdisches Sinnenwesen sich zu gestalten bestimmt war. Daher mußte die Ausbildung des intel¬ ligenten Lebens ruhen, bis die Sinnesorgane so weit entwickelt waren, daß eine selbstbewußte Empfindung auf irdische Weise möglich wurde. 2. Das Wesen der Seele oder die Intelligenz als Totales — anfangs zwar nur als Anlage genommen — liegt über der Erscheinung, das irdisch intelligente und daö irdisch bildende Leben, und andere mögliche, noch höhere Entwicklungsstufen sind nur Erscheinung. Unsere irdische jJntelligenz,1 oder das Irdische Be¬ wußtsein, wie cs sich durch Empfinden, Denken und Wollen äußert, ist ein Bewußtwerden, welches daraus hervorgeht, daß die äußeren Eindrücke der inner» Em¬ pfänglichkeit oder dem Geiste entsprechen. Die Fakto¬ ren des irdischcknlelligenten Lebens sind daher einerseirs die äußeren Eindrücke und andererseits die innere, gcisti- — 58 — ge Empfänglichkeit diese Eindrücke aufzunehmen und zur Einheit des BewußtseynS zu gesielten. Unser gewöhn¬ liches oder waches Bewußtsein ist daher wahrhaft ein irdisches/ weil wir nur ans unserer irdischen Umgebung Eindrücke erhalten. Da die Seele aber gleich nach ih¬ rem Eintritte in dieses Leben, und bevor sie sich noch als irdisches Sinnenwescn bewußt wird, schon auf eine vernünftige Art thatig ist, indem sie sich den Leib baut; so zeigt dieses unwiderleglich, daß in der Seele noch ei¬ ne andere Art von Intelligenz liege, die nicht erst da¬ durch zum Bcwußtseyn kommt, daß die äußern Eindrücke der innern geistigen Anlage entsprechen, denn die Organe sür äußere Eindrücke waren noch nicht da, sondern mu߬ ten erst gebildet werden, wozu eine wirkende Intelligenz schon erforderlich war. Mit andern Worten : Die Seele hat das Vermögen noch auf eine andere Art, als durch die gewöhnlichen Sinne auf die irdische Welt zu wirken, und die materiellen Bestandtheile derselben nach ihrem Plane zu einem vernünftigen Zwecke, daö ist, zur Bil¬ dung und Erhaltung des Leibes zu combiniren. Das Wesen der Seele besteht demnach jede n- falls nur in der Intelligenz, und der G rund, w a ru m di' e se J n t e lli g e n z einerseits zuerst als unbewußt- jedoch als vernünftig wirkendes Natur leb en, andererseits aber später als selbstbewußtes Erkennen hervor¬ tritt, ist das höhere, über die i r disch e Welt hinau s l i e g e n d e Erscheinungsgesetz des Le¬ bens, Deßwegen ist der irdische Zustand auch kein unveränderlicher, sondern nur eine gewisse Stufe in der Entwicklungsreihe des Lebens überhaupt. 3. Betrach¬ ten wir das intelligente und das bildende Leben gegen einander im Gegensätze; so geht ans der eben gezeigten, — 59 — geistigen Wesenheit der Seele hervor, daß das intelli¬ gente Leben das Setzende, das Naturleben aber das Ge¬ setzte sey. Die Seele setzt sich zuerst mit Nothwendigkeit als Naturwesen, um dadurch ihr wahres Seyn, die Ent¬ wicklung des Geisteslebens auf irdischer Stufe möglich zu machen. So wie aber überall das Setzende überwie¬ gend ist über das Gesetzte; so ist auch daö intelligente Princip überwiegend über das bildende. 57- Wenden wir, wenn die Seele als Geist, Gottes Ebenbild ist, was sie auch wirklich ist, diese aus ihrem innersten Wesen hergeleiteten Grundsätze auf Gott selbst an, so erhalten wir folgende Resultate: Waö in der Seele als erschaffenem Wesen durch fortgehende Entwicklung im endlichen Maße sich offen¬ bart, das ist, in Gott als dem unerschaffenen Geiste zu¬ gleich und im unendlichen Maße von Ewigkeit gesetzt. So wie in der Seele das intelligente Leben das höhere oder ihr eigentliches Wesen ist: so ist in Gott die Intel¬ ligenz daS höhere, oder sein eigentliches Wesen. So wie die Seele als erschaffener Geist nach dem, über der Er¬ scheinung stehenden Gesetz der Schöpfung nothwendig auseinander tritt in Intelligenz und in Naturleben, um sich den Leib zu bilden: eben so trat Gott als unerschaf¬ fener Geist aus freyem Entschlüsse auseinander in Intel¬ ligenz und in Weltseele, nm die Welt zu schaffen. Die Seele als Naturleben ist der Potenz nach die ganze ir¬ dische Außenwelt, Gott ist als Weltseele der Inbegriff aller Kräfte deö Universums. 2» der Seele wird daS Naturleben annähernd in das Bewußtseyn ausgenom¬ men, und bcpde bestehen neben einander; eben so sind und waren in Gott Intelligenz und daö als Wcltscele — 6o - schaffende Princip im Bewußtfeyn immer Eins; ihr AuS- einanderseyn ist nur ein Act des freyen Entschlusses der Gottheit/ sie bestehen daher nebeneinander. An der Seele als erschaffenem Geiste bemerken wir/ wenn sie auch ihres NaturlebenS sich mehr oder weniger bewußt wird, dadurch keine Steigerung ihres bildenden Vermögens, sondern nur eine höhere Einsicht in die Ge¬ setze ihres Handelns. Diese Gesetze kann sie sich abstract denken, das ist, sie kann dieselben im Geiste nachbilden oder ideal schaffen. Dieses ist dann ihr freyes Schaf¬ fen, wobey sieden Stoff auS sich selbst nimmt. In der Seele besteht demnach als ganz freye Kraft nur das Vermögen der Intelligenz, oder das Vermögen ideal zu schaffen; das Vermögen real zu bilden aber ist in dem Maße, als dazu ein Stoff auS der Außenwelt erfordert wird, unfrey, das heißt, die Seele hat es nur aus Gott und durch Gott. In Gott hingegen besteht nicht nur die Intelligenz oder das Vermögen zu denken als freye Kraft, sondern auch das Vermögen real zu schaffen ist frcy, das heißt, Gott hat es nur aus sich und durch sich. Die frey schaffende Kraft Gottes verhält sich demnach zur frey schaffenden Kraft der Seele, so wie sich daö Leben zur Form ver¬ hält. Die Geschöpfe GotteS sind Gedanken, sie können aber, wenn er eS will, auch lebende Wesen seyn; die Ge¬ schöpfe der Seele sind immer nur Gedanken. Gott schafft das reale Seyn, die Welt; der Mensch schafft daß ideale Seyn, die Wissenschaft. Anmerkung. Das Schaffen des Menschen wirb auch ein reel» les, in so fern er den Stoff der Außenwelt nach seiner Idee umbildet. Da er hierdurch dem Stoffe seinen Geist aufprägt; so ist sein Wirken ein theilweiseS Schaffen, während daS Schaffen Gottes ein totales, sowohl dem Geiste als demStoffe — 6i — nach ist. Daß der Mensch nicht auch den Stoff hervorzu bringen vermag, daran ist der un¬ endlich e Ab stand zwischen d e r göttlich e n und menschlichen Wese n h e it.Schuld. Woraus folgt, daß der Unterschied zwischen dem menschlichen und göttli¬ chen Schaffen, wenn auch unermeßlich, doch mehr quanti¬ tativ als qualitativ scy. Mari vergleiche §. 1^8. c. S- 58. Gott denkt also rein, oder er denkt als schaffend. DaS reine Denken Gottes, und auch d,aä des Menschen, in so fern es nur der reine Ausdruck der Frey heil, oder die Negation alles Aeußerlichen , in die Nothwendigkeit Fallenden ist, ist eben dadurch ein nicht Zeitlich-Räum¬ liches. Der Gedanke wird dadurch erst ein Zeitlich-Räum¬ liches, daß er außer sich gesetzt wird. So ist der reine Gedanke nicht zeitlich und nicht räumlich wahrnehmbar, daS gesprochene Wort aber, oder der außer sich gesetzte Gedanke ist ein Zeitliches in so fern es als Laut entsteht und vergeht; es ist ein A-äumliches, in so fern es an einem bestimmten Orte und nicht überall gehört wird. Dadurch, daß der Gedanke sich in das Wort ver¬ leiblicht oder hörbar wird, entsteht und vergeht er in ei¬ ner bestimmten Zeit sowohl als auch in einem bestimm¬ ten Raume, und fällt hierdurch unter das Gesetz der Nothwendigkeit. Er ist als Wort nicht mehr Negation alles Nothwendigen. Darin besteht ja eben das Wesen der Freiheit, daß der reine Gedanke noch in meiner Ge¬ walt ist, daß ich ihn auösprechen, oder durch Handeln ins Werk Hetzen kann oder nicht; ist er einmahl ausge¬ sprochen oder ins Werk gesetzt, so ist es nicht mehr in meiner Macht ihn zurück zu nehmen. Der innere Ge¬ danke verhält sich zum Wort, wie sich das Schaffende — 62 — zum Geschaffenen, wie der Geist sich zur Natur verhält. Der Geist ist das Sepende, die Natur ist das Werden¬ de oder Vergängliche. Dadurch, daß der Gedanke als vergängliches Wort außer sich gesetzt wird, wird er die erzeugende Ursache des Nacheinander, welches abstract genommen, Zeit heißt; und dadurch, daß der Inhalt des Wortes ein bestimmtes Ausgedehntes ist, das heißt, daß sein Laut nur in einem bestimmten Kreise gehört wird, wird er die erzeugende Macht des Nebeneinander, wel¬ ches abstract genommen Raum genannt wird. Von ei¬ ner Zeit kann demnach nur die Rede seyn, in so fern darunter daö bloße Werden, oder Entstehen und Ver¬ gehen, von einem Raunte aber, in so fern darunter das bloße Ausgedehnt- und Nebeneinandersepn solcher Vor¬ gänge gemeint wird, die äußerlich werden und unter das Gesetz der Nothwendigkeit treten. Sinnlich wahrnehmbar werden oder zeitlich-räum¬ lich werden ist Eins; Zeit und Raum sind nur Formen, unter welchen das Leben irdisch erscheint, sie sind daher unmittelbar mit demselben gegeben, eine reine Zeit und ein leerer Raum sind eine bloße Fiction. Allein, eö könnte Jemand fragen: Unterliegt nicht auch der menschliche Geist, ja Gott selbst, indem er denkt, der Zeitbestimmung, weil die Gedanken, wenn sie auch nicht ausgesprochen werden, doch in einer bestimmten Ordnung, mithin in der Zeit auf einander folgen? ES ist allerdings richtig, daß die Ordnung, in welcher der menschliche sowohl, als auch der höchste Geist denkt, eine Succefsion ist; allein sie ist reine Succeffio», die für unser irdisches Wahrnehmungsvermögen nie räum¬ lich wird. Alles, was wir durch die Sinne erfassen, ist ein Zeitliches und Räumliches zugleich; Zeit und Raum sind in unfern, Wahrneh- — 63 — mungsvermogen nie getrennt, sie sind beständig in ein¬ ander. Die Succession, in welcher der Geist denkt, ist daher nicht irdische Zeitbestimmung, sondern ist Folge seiner, auch über die irdische Sphäre hinaus noch fort¬ bestehenden Existenz. Deßwegen, weil der Geist als ver¬ nünftiges Wesen fortexistirt, denkt er auch fortwährend. Als Veruunftwesen existicen oder vernünftig denken ist Eins. Dieses führt uns auf folgende Erörterung. Der religiöse Glaube nimmt mit Zuversicht an, Gott seh allwissend, das heißt, sein allsehendeö Auge bemerke auch den verborgenen Gedanken des Menschen. Ist dieses im religiösen Sinne richtig, so muß es im wissenschaft¬ lichen Sinne auch richtig seyn, und da erklärt eö sich auf folgende Art: Der Mensch hat ein Wahrnehmungs¬ vermögen, zufolge dessen er nur von solchen Vorgängen Kunde erhält, die äußerlich werden, oder sich wenigstens durch äußere Kennzeichen erschließen lassen; die reinen Gedanken 'Anderer aber , wenn auch noch,.so viele auf einander folgen, bleiben ihin gänzlich unbekannt, weil sie nicht zeitlich - räumlich werden. Wenn nun Gott die reinen Gedanken ebenfalls wahrnimmt; so kann der Grund hiervon nur in dem, vom menschlichen quanti¬ tativ verschiedenen, höheren . Wahrnehmungsvermögen Gottes liegen, zufolge dessen Gott das noch als ein Zeitlich-Räumliches anschaut, was für unser Wahrnehmungsvermögen schon über Zeit und Raum ist. Der menschliche reine Gedanke ist für eine höhere Welt ein Wahrnehmbares in dem Sinne, wie es der äußerlich gewordene Gedanke oder das Wort für die unsrige ist. Die menschliche Seele — 64 — ohne den Leib ist für die höhere Welt ein Wahrnehm¬ bares/ obwohl sie eS für unsere Sinne nicht, mehr ist« Hieraus zeigt es sich, daß selbst die Ausdrücke Zeit und Raum nach den verschiedenen Entwicklungsstufen relativ sind. Nur Gott als höchster, über allen mögli¬ chen Entwicklungsstufen stehender, dieselben aber der Wesenheit nach in sich tragender Geist ist vollkommen über Zeit und Raum; deswegen ist Gott ohne Anfang und ist überall. Der menschliche.Geist nach seiner.Tren- nnng-vom Leibe ist wohl über der irdischen Zeit und über den irdischen Raum (§,. 1.07. !.), aber nicht abso¬ lut über Zeit, und Raum. . ! ^Denkt Gott als. schaffend, so muß er den Gedan¬ ken verwirklichen. E r v erwir k licht den Gedan¬ ken, wenn er d e n se lb e n se i n e m Z n h a l t e n a ch aus sich heraus treten.laßt, und ihn sich gegenüber hinsteslt. Dieses geschieht bloß Lurch einen erhöhten WillenSact. So kann der Mensch rein für sich denken, er kann aber auch den Gedanken aus sich hervortreten lasten, indem er spricht.. Das Wort ist der in Umristen nach Außen hingestellte Gedanke. Beym Menschen sind diese Umriste, nur hörbare Umrisse, bey Gott können sie hörbare Umrisse, sie können aber auch lebende, sich selbst bewegende Ge¬ schöpfe seyn. Ein Wort ist schon ein Begrenztes, ein Be¬ stimmtes; eben so ist das, was durch das Wort bezeich¬ net wird, ein Bestimmtes. Was aber ein Begrenztes ist, erhält seine Begrenzung dadurch, daß es die seinem Wesen zukommende Form erhält. Die Form wird oder entsteht.aber nicht bloß durch das Bilden von innen her¬ aus, obwohl das Gesetz der Form schon im Innern, oder — 65 — im Wesen liegen muß, sondern auch durch den Einfluß der äußern Umgebung. Der Mensch und jedes andere Geschöpf wird in der irdischen Art, wie es ist, nur da¬ durch begreiflich, daß es sich auS der irdischen Umgebung herauSgebildet hat , und fortwährend bildet. Diese irdische Umgebung ist aber nur Folge der Entwicklung aus einer, weitern Umgebung, diese wieder aus einer weitern, und so fort. Jede Form des Erscheinens setzt mithin alle voraus, und jede Einzelnheit wird n ur begre ifli ch durch die Totalitätaller. Deswegen kann der Mensch auch früher nicht sprechen, oder feine Gedanken verleib- Uchen> bis das ganze kleine Universum seines Leibes zu einem gewissen Grade entwickelt und mit der äußeren Umgebung mitzuwirken fähig ist. So ist eö auch im Formellen. Wird das Zero als Eins gesetzt, so ist dieses Eins noch ein Unbestimmtes, ist selbst noch Idee. Soll eS ein Bestimmtes werden; so müssen mehrere Eins alö Umgebung da seyn, zu wel¬ chen es im Verhältnisse stehen kann, und dadurch, daß eS zu den übrigen Eins im Verhältnisse steht, wird eö ein bestimmtes Eins. Gott schuf daher Anfangs nicht gleich einzelne, organische Wesen, sondern er trat als Weltseele nicht än einem Orte, er trat überall zugleich hervor. Die unumstößliche Wahrheit, daß jede Form des Erscheinens alle voraussetzt, und daß jede Einzelnheit nur durch die Totalität aller begreiflich wird, beweiset, daß dadurch, daß Gott sich alö Weltseele setzte, dem Gesetze oder dem Geiste nach alles zugleich und mit einem Mahle schon gesetzt war. Mit der Weltseele ist der unerschöpfliche 5 — 66 — Quell aller, wann und wo immer hcrvvrtretendeü Bil¬ dungen gegeben, die weitere Schöpfung ist nur als Evo¬ lution oder als Entwicklung aller, noch so verschiedenen Wesen anzusehen. Die Evolution /besteht laber darin, daß das Niedrigere zuerst hervortritt , und daß jedes Nachfolgende oder in der Entfaltung höher Stehende das Niedrigere oder seine Umgebung der Potenz nach in sich trägt und mit sich auf die höhere Stufe hinauf nimmt. Hierdurch offenbart sich eben die Allwcisheit in immer größerer Herrlichkeit, und es ist der Gottheit viel würdiger, wenn wir unS die Schöpfung ^ls.Evolution, als wenn wir sie 1111S' als Emanation denken. st> st Gleichwies das/Wesen der menschlichen Seel«-^ür erst nur als.das den Leib bildende Princip' sich offen¬ bart, in diesem ihrem Naturleben aber die ganzestdurch das Leben fortlaufende Bildung mit allen erst nach und nach erscheinenden Formen invalvirt schon gesetzt'ist; rben so trat auch Gott durch einen'frepwilligen Ent¬ schluß sich alS.Weltseele setzend auS stich hervor, wodurch zwar noch keine organisch entwickchtm-Wesen, wohl aber Alles, was schon erschienen ist, und noch erscheinen wird, involvirt oder dem Geiste nach schon gesetzt war. ui In der Seele sind freplich alle Formen und Eigen¬ schaften, die später am Menschen hervortreten, als gei¬ stige Anlage vorhanden, und werden durch sortgehende Entwicklung ausgebildet, weil der Mensch ei» erschaf¬ fenes Wesen ist. Gott aber als. unerschaffener Geist un¬ terliegt keiner Entwicklung, man kann, nicht sagen, daß sein Wesen sich fortwährend auöbreite in die Länge und in die Liefe, sondern er ist und bleibt aus und in aller Ewigkeit ein und derselbe mit stets gleich tiefem und gleich auSgebreitetem Bewnßtsepn. Anzunehmen, daß Gott einer inneren Entwicklung durch Aufsteigen zu im- — 6? — mer höheren Ideen unterliege/' wäre ein wahrer Wider¬ spruch Und eine Erniedrigung. Alles/ was uns im end¬ losen Universum als fortgeheude Entwicklung erscheint/ ist schon Folge eines freyen Entschlusses der Gottheit und keine Necessitation. Indem Gott als absoluter Geist erkannt wird/ ist eben dadurch seine Persönlichkeit/ von welcher noch später gesprochen werden wird/ schon fest- gestellt und begründet. Gott ist aber nicht bloß Geist/ oder reinstes und höchstes Leben / sondern alle übrigen göttlichen Eigen¬ schaften, höchste Heiligkeit, Gerechtigkeit, Weisheit, All¬ wissenheit, die reinste Liebe Und grenzenloses Erbarme» sind in seinem Wesen vorhanden. Die Wissenschaft lehrt nicht bloß einen abstracten Begriff von Gott, sie lehrt nicht einen Gott, den man nicht glauben, nicht lieben, nicht verehren, dem man nicht vertrauen, auf den man nicht hoffen, zu dem man nicht bethen könne, der die Bitte des zu ihm Flehenden nicht zu erhören vermöch¬ te; nein, die echte Wissenschaft muß das Herz sowohl als den Geist zu Gott fuhren, sie muß als Metaphysik ganz zum Wesen des Ewigen durchdringen. Wissen¬ schaftliche Forschung^ kann, wenn sie dem Geiste desHöchsten u n d i h r e m w a h r e n Zwec¬ ke t r e u bleibt, selbst n u r alö ei ne religiöse Handlung — als die i m r e i n e n D e n k e n t h si¬ ti ge Anbethung Gottes im Geiste und in der Wahrheit erscheinen. Wenn daher dem menschlichen Geiste ein tieferer Blick in das Unendliche noch nicht gestattet ist; so wagt er doch im heiligen Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der Natur, und vom Leben in sich selbst ausgehend, alles außer sich auch als Leben — nur in verschiedener Abstufung — aufzufassen. So wie in seinem eigenen Ich, 5 * — 68 — welches als kleine noch unerforschte Welt erscheint, der Geist der Anhaltöpunct ist; eben so ist in der endlosen äußern Welt die Idee des unendlichen, allgegenwärtigen, Alles auS sich entwickelnden Geistes der Lichtpunct, von dem alle Strahlen ausgehen und immer ausgehen wer¬ den , um daö Dunkel des irdischen Daseyns durch fort¬ gesetztes Forschen zu erhellen. Die Weltseele ist sdnach das überall seyende, alle endlichen Geschöpfe aus seiner Wesenheit producirende Leben. Durch die Abstraction als formell gedacht ist sie das unendliche, alle endlichen Größen in sich schließende Zero. Gleichwie daher dadurch, daß das Zero gesetzt wird, die endlichen Größen entstehen; so gehen durch daS Heraustreten der Weltseele aus sich die lebenden Wese» hervor. §. 6i. Hier treffen Mathematik und Philosophie in EinS zusammen (§. 3i.), als menschliches Streben das Offen¬ barwerden des Lebens dem Geiste und der Form nach immer mehr zu erfassen, und von hier aus scheide» sie sich. Die Mathematik als solche abstrahirt vqm Leben und befaßt sich nur mit den reinen Verhältnissen der Formen oder Größen; die Philosophie hingegen geht vom Leben in seiner ganzen Unendlichkeit anö, sucht daö We¬ sen der Dinge selbst zu erfassen, ihre Bestimmung zu er¬ gründen , und ihr Verhälkniß zu ihrem ewigen Urquell inö Klare zu seyen. Die gemeinschaftliche Quelle beyder Wissenschaften ist das Wesen der Gottheit, je nachdem es einerseits als höchste Intelligenz und als überall wirkende Weltseele angeschaut, oder indem andererseits bloß die abstrakte — 6y — Form des überall sich offenbarenden Lebens in Betrach, tung gezogen wird. Gott als höchste Persönlichkeit, als absolute Freyheit, als vollkommsteö We¬ sen an sich betrachtet; sich dann offenba¬ rend als Weltseele, oder als Allmachrund All Weisheit überall als schaffend und er¬ haltend angeschaut, ist die höchste Idee für die Philosophie. Die bloß abstracto Form der sich of¬ fenbarenden Weltseele hingegen als Ein¬ heit von Zeit und Raum formell gedacht, ist als Zero die höchste Idee für die Ma¬ thematik. §. 62. Das Verhältniß der Idee von der Gottheit zu den Ideen von der Weltseele und vom Zero läßt sich also streng so aussprechen: Gott an sich ist die höchste Persönlichkeit, ist ab¬ solute Freyheit, ist das vollkommste Wesen lebend als Geist in seiner Totalität über Zeit und Raum. Gott hingegen, wenn er feine Allmacht als Welt¬ schöpfer offenbarr, überall als bildend auftritt, in sei¬ ner Lhätigkeit ein regelmäßiges System von Ursachen und Wirkungen entfaltet, so daß alles nur als ein un¬ endlicher Organismus sich darstellt, ist in diesem Sinne aufgefaßt das, was wir Weltseele nennen. DaS Zero ist nicht Leben, sondern nur die Einheit von Zeit und Raum, oder die Einheit der durch Abstrac¬ tion gewonnenen Erscheinungsformen des Lebens. ES gibt daher wohl ein Zero, welches keine Weltseele und kein Leben, sondern nur ein bloßes Abstractum ist; aber — 70 — Ls gibt keine Weltseele, die nicht auch zugleich Zero wäre, nicht auch diese abstracte Form in sich trüge. ES gibt endlich wohl eine Weltseele, oder ein, das ganze Universum, durchdringendes, tragendes und zusam- menhaltendeS Leben, in welchem wir nicht daS ganze Wesen Gottes, nicht seine absolute Freiheit, sondern nur seine , auf die Hervorbringung und Erhaltung des Universums abzielende regelmäßige Thätigkeit sehen : eS kann aber keinen Gott geben, der nicht zugleich absolute Freiheit, nicht höchste Persönlichkeit wäre. Gott stellt sich daher als Weltseele unter einer Form dar, durch welche wir seinem ewigen, sonst uner- sorschlichen Wesen durch fortgesetztes Studium! seiner Werke immer näher treten, indem es als Allmacht und Allweiöheit sich hier unfern Beobachtungen auffchließt. Anmerkung. Wie verhält sich die Ansicht, welche man ge- ' wohnlich von der Gottheit Haitz zur wissenschaftlichen, oder wie verhält sich die gläubige Ansicht zur philosophischen? Di- gläubige Ansicht nimmt Gott als höchste Persönlich¬ keit, als absolute Frsyheit, oder als jenes Wesen an, in welchem alle Vollkommenheiten im höchsten Maße gesetzt sind. Dieses thut auch die philosophische, beyhe stimmen hierin überein, und beziehen sich ihrem Wesen nach auf den nähmlichen Gegenstand. Die gläubige Ansicht setzt die Erkcnntniß Gottes für ab¬ geschlossen , und läßt ihn in einem unzugänglichen Lichte wohnen; die philosophische hingegen sucht durch eine fort¬ gesetzte Betrachtung der Werke Gottes seinem Wesen im¬ mer näher zu kommen; sie schließt daher den Glauben an das Unbegreifliche nicht aus, sondern sucht nur dieses als unbegreiflich Gedachte durch die Wissenschaft immer mehr zu erhellen. Die gläubige faßt durch das Christenthum, welches die reinste Form der Offenbarung im Worte ist, die höchsten und wichtigsten Wahrheiten, z. B- Gottes —'71 — Dasehn, die Unsterblichkeit der Seele, die moralische Frey- heit, mit Zuversicht als schon entschieden und in der Form des Wortes als ein Gedachtes auf; die wissenschaftliche sucht das, was dort im Worte gegeben ist, in der Welt, die ihr als die Offenbarung Gottes durch das Leben er> scheint, nachzuweisen. Die Offenbarung durch das Wort ist von der ewigen Vorsehung gegeben, damit jeder, auch der gemeine, ungeübte Verstand im Glauben sein Werk fromm und zuversichtlich vollbringen und seine Bestim¬ mung erreichen könne; durch die Natur - Offenbarung aber fällt das Wesen Gottes in die Sphäre der Erkennt- niß, das Geheimniß tritt, so weit es für die irdische Auf- faffungsweise möglich ist, aus der Verhüllung, das Gei¬ stige offenbart sich durch Werke der AUweisheit, diese han¬ delt nach Gesetzmäßigkeit, läßt sich daher wissenschaftlich handhaben, und der Glaube wird durch die Wissenschaft erleuchtet. Die gläubige Ansicht nähert sich Gott rein nur durch die Erweckung des Gefühles. Indem sie sich aber hierbey Gott als ein persönliches, höchst weises und gerechtes We¬ sen denkt, und das, was sie im Menschen, der ei» Natur¬ wesen ist, als das Höchste erkennt, auf Gott überträgt: so hat sie mit der naturwissenschaftlichen oder philosophi¬ schen doch wenigstens diese Art des Verfahrens gemein- Denn auch die religiöse muß das im Menschen sich offen¬ barende Göttliche als Mittel zur näheren Gotteserkennt- niß überhaupt ansehe». So wie die philosophische des, auf das Gefühl sich stützenden Glaubens an daS Uner¬ forschte nicht entbehren kann; eben so kann die gläubige nur durch das natürliche, im Menschen sich offenbarende Medium des Gefühles zu Gott aufsteigen. Bey de sind daher nicht außer allem Zusammenhänge , ja, sie stehen gerade nur durch die Natur mit einander in Verbindung. Man möchte fragen, ob die Vergleichung zwischen Gott und der menschlichen Na¬ tur wohl der geeignete Weg scy, zur Erkenntniß Gottes — 72 — zu gelangen? Er ist nicht nur der geeignete, sondern auch der einzig mögliche, und liegt deswegen allen Religionen zum Grunde. Nur muß man zwischen Anthropomorphis¬ mus und Anthroposophie unterscheiden. Der Anthropo¬ morphismus überträgt zwar das, was er im Menschen als das Höchste erkennt, auf Gott, aber er denkt sich in Gott auch menschliche Triebe und Leidenschaften, das heißt, er zieht daS Wesen Gottes in die irdische Sphäre herab. Auf diesem Standpuncte stand die religiöse Entwicklung der meisten Völker im Alterthume, daher die Versöh¬ nungslehre durch blutige Opfer. Das Christenthum hin¬ gegen saßt Gott unter der Idee eines liebenden Vaters und alle Menschen als Kinder dieses Vaters, mithin als Brüder auf. Mit der Ansicht des reinen Christenlhums stimmt die wissenschaftliche überein , und betrachtet die menschliche Weisheit, Gerechtigkeit und überhaupt alle höheren Eigenschaften des menschlichen Geistes nur al« einen Abglanz des unendlich höher stehenden göttlichen Urbildes. Die Anthroposophie hebt auf diese Art den Menschen zu Gott hinauf, indem sie es für die vorzüg¬ lichst- Pflicht hält, zu diesem Urbild hinauf zu streben und immer vollkommener zu werden. §- 6z. Wir haben daö Wesen der Weltseele bisher theilS in seinem Verhältnisse zn Gott, theils in seinem Für- sichseyn betrachtet und so festzustellen versucht, daß die Vernunft in ihrer weiteren Forschung einen Anhaltö- punct hat. Bepdes müssen mir daher noch näher begründen. Dem Gesagten zufolge ist der schaffende und er¬ haltende Geist Gotteö überall. Wollten wir, um die Idee uns deutlicher zu machen, uns eines formellen Bildes bedienen, so wäre das schicklichste das der Sphäre. Die Weltseele in ihrer Extensität wäre eine unendliche Sphäre, deren Intensität oder Centrum Gott als Geist — 7.Z — ist. In der Sphäre ist die Peripherie nur das außer sich gesetzte Centrum. Das Centrum geht über in die Peripherie. Je größer die Peripherie wird, in desto mehrere Puncte zerfällt sie. Die Puncte der Peripherie sind nur durch ihre Vielheit daS, was das Centrnm in der Einheit ist. Jeder Punct ist der Idee nach das Centrum, kann mithin ebenfalls auseinander treten in Centrum und Peripherie, folglich ist Golt der Wesen¬ heit nach nicht nur überall, sondern er kann sich auch in jedem Pnncte der unendlichen Welt als wirkend zeigen. ES ist dieses eine alte, schon lang in der Philoso¬ phie bekannt gewesene Vorstellung. Ein tiefer Denker hat mit den Worten : Oeu8 68t 8f,i>36rs, crujus 66»- trum ubiHuo, oiroum kerentia nu8^rrum, wenn auch nur formell, doch eben so unübertrefflich als schön die überall seyende und überall hervor treten könnende Wesenheit GotteS bezeichnet. Allein, obwohl Gottes Kraft überall ist, so wirkt sie doch nicht überall gleich; eben so liegen in der Idee der Sphäre zwar auch alle möglichen Sphären, deßwe- gen sind aber doch nicht alle wirklichen Sphären einan¬ der gleich- Ueberdiefi ist das Universum organisch, wir muffen daher ein anderes,. lebendigeres Bild zur Ver¬ gleichung wählen, als das obige formelle. DaS tref¬ fendste ist der Mensch in seiner Totalitär als kleines Universum. Die menschliche Seele ist ihrem Naturleben nach das unsichtbare Centrum deS kleinen Universums oder des LeibeS, eben so ist die Weltseele das unsichtbare Centrum deS großen Universums der Welt. So wie die Seele als Naturleben in jedem Puncte des Leibes über¬ all ist; eben so ist auch die Weltseele in jedem Puncte deS Universums überall. Gleichwie der menschliche Leib — 74 — in mehrere, einander verschiedenartig untergeordnete Or¬ gane und Systeme zerfällt, indem die bildende Seele in jedem derselben verschieden wirkend auftritt, eben diese verschiedenen Bildungen aber nöthig sind, um durch ihr Jneinanderwirken das kleine Universum des menschli¬ chen Leibes zu gestalten; eben so zerfallt daS große Uni¬ versum in viele, der Zahl und der Art nach uns unbe¬ kannte, einander verschiedenartig untergeordnete Theil- ganze und Systeme; die bildende Weltseele tritt in je¬ dem derselben als verschieden wirkend aus, jedes setzt alle übrigen voraus, und nur dadurch, daß sie gesetz¬ mäßig in einander wirken, wird die Durchführung des Planes der Schöpfung, die Entwicklung alles endlichen Lebens., und der hierdurch in die Erscheinung tretende OrganiSmu.s, beS Universums möglich. §.64. Hieraus sehen wir, daß, obwohl überall Gottes Kraft wirkc, doch nicht alle Geschöpfe, so zu sagen, aus seiner unmittelbaren Hand, kommen, sondern da in jedem Theilganzen des Universums die Weltseele anders wirkt, alle aber ein Ganzes bilden, so daß jedes das andere voraussetztso folgt daraus.., daß hierdurch die Welt¬ seele als ein regelmäßiges System von Kräften, die einander untergeordnet find, sich/offenbare, welches wir, so weit wir es in der Erscheinung zu erfassen vermögend sind, Natur nennen. Die Natur als ein System von Kräften ist demnach die, mehr vom in¬ nersten Centrum entfernte, mehr im Irdi¬ schen sich offenbarende Weltseele, die wir bisher nur von. einem einzigen Sonnensystem aus er¬ schließen, während die höheren Sternensysteme und ihre Ordnung uns noch unbekannt sind. Die Natur ist die, — 75 — mehr im Endlichen durch bestimmte Gesetze sich äußern¬ de Kruft Gottes, sie steht daher zwischen dem eigentli¬ chen Wesen Gottes und dem Geschöpfe in der Mitte. Der Ausdruck »Weltseele« hat demnach im natur¬ wissenschaftlichen Sinne nur in so fern wahre Bedeutung, als darunter das allgegenwärtige, überall und immer sich offenbarende Princip verstanden wird, welches das ganze Universum und alle Einzelnheiken desselben mit Freiheit, aber nach Gesetzen eben so schafft, leitet und erhält, wie die Seele das kleine Universum des Leibes mit Nothwendigkeit baut, und alle Einzelnheiten oder Glieder desselben erhält. Würde man aber unter dem Worte »Weltseele« das Reich der über unserer Sinnen¬ sphäre hinausliegenden, geistigen Welt, woraus die ir¬ dischen Erscheinungen zunächst hervorgehen, verstehen; so wäre dieses ein ungeeigneter Ausdruck. Denn diese und alle andern möglichen geistigen Abstufungen gehören ebenfalls zum Universum, und die Weltseele ist das, nicht nur der irdischen, sondern allen möglichen Entwicklungs¬ stufen zum Grunde liegende, schaffende und erhaltende Urprincip. Jede Stufe ist, von unserm Staudpuncte aus angesehen, eine eigene Welt, in welcher das Wirken der Weltseele eigenthümlich modifizirt erscheint, und in dieser Eigenthümlichkeit betrachtet »Natur« genannt wird. Wenn man sagt, daß in dem über unsere Sinnen¬ sphäre hinausliegenden Reiche, auS welchem die irdischen Erscheinungen zunächst hervorgehen, alle Gattungen, Arten und Individuen der lebenden Geschöpfe der Anla¬ ge nach schon vorgebildet seyen; so ist dieses keine Prä¬ destination in dem Sinne, daß dadurch die moralische Freyheit des Menschen aufgehoben würde. Denn dieses Vorgeb,ldetfeyn bezieht sich nur ans seine physiologische Existenz, keineswegs aber auf seine, sich erst später ent- -76 — wickelnde, selbstbewußte Gesinnung. Dadurch, daß daS geistige Wesen deö Menschen in dieses irdische Leben tritt, offner sich ihm, so bald es zum Selbstbewußtseyn gelangt, ein eigener Wirkungskreis, der aber nur seiner irdischen Natur angemessen ist, und über diese nicht hin- auSgehen kann. Innerhalb dieses Kreises kann er sich bewegen, alle seine Handlungen, sowohl die guten als die bösen, liegen als Thaten innerhalb desselben. Die¬ ses wnrde durch die ewige Vorsehung so eingerichtet, da¬ mit die moralische Freyheit vernünftiger Wesen, oder daS Vermögen, sich selbst unabhängig von den Forde¬ rungen der Vernunft zu bestimmen, möglich fey. Die Möglichkeit dieser Freiheit liegt darin, daß zwischen dem Menschen und zwischen Gott ein, nach unserer Ansicht Nichtfreyes, nähmlich die nach Gesetzen wirkende Natur in der Mitte liegt, und beyde als eine Art von Schei¬ dewand auseinander hält. Denn wurde der Mensch ge¬ rade zu, und ohne Vermittlung einer Naturnothwen- digkeit aus Gott hervorgehen, oder würde Gott bey den Handlungen der Menschen ohne Vermittlung der Na¬ turgesetze überall selbst eingreifen, so würde die Nähe des Göttlichen unmittelbar auf den Menschen wirken, und folglich auch die Handlungen desselben bestimmen. Nun aber erkennt der Mensch sich als ein durch Naturent- wicklung individualisirteS Wesen, kennt seine Abhängig¬ keit von der Natur, kann von den Leidenschaften oder natürlichen Trieben sich hinreißen lassen, hat aber zu¬ gleich das Vermögen sich diesen Naturtrieben zu wider¬ setzen. Gerade nur durch dieses Vermögen fühlt er sich wahrhaft ftey, und zwar um so freyer, jemehr seine hier¬ durch offenbar werdende sittliche Anlage der Natur gegen¬ über sich ansbildet, und se mehr er dadurch dem Höchsten, mit dem er durch diese Anlage verwandt ist, näher kommt. — 77 — Deßwegen ist der bloß sinnliche Mensch, der überall noch der Natur folgt, auch nicht wahrhaft frei), son¬ dern hat zur sittlichen Freiheit erst die Anlage. §. 65. Die Weltseele als System einander untergeordne¬ ter Kräfte, von uuserm Standpunkte aus betrachtet, oder die Natur, scheint uns, wenn wir die Aeußerungen der« selben beobachten, bloß xzn nach Nothwendigkeit Wir- AndeS zu feyn. Dieses ist nothwendige Folge unserer beschränkten Anschauungsweise. Indem die Gottheit den Plan der Schöpfung durchzufähren begann oder als Weltfeele in den verschiedenen Theilganzen oder Syste¬ men des Universums als verschieden wirkend auftrat, entstand die Gesetzmäßigkeit, welche wir die physische nennen , weil die Geschöpfe nur in einer bestimmten Ord¬ nung sich entwickeln können , so wie die Gedanken nach der logischen Gesetzmäßigkeit hervortreten. Zufolge die¬ ser physischen Gesetzmäßigkeit ist jede Erscheinung als Wirkung einer bestimmten Ursache anzusehen; die Wir¬ kung kann ohne Ursache gar nicht gedacht werden. Die¬ sen untrennbaren Zusammenhang nennen wir, Nothwen¬ digkeit. Könnten wir aber den ganzen Organismus des Universums in seinem Zusammenhänge durchschauen; so würden wir die Ursache aller Ursachen erkennen, und zur lebendigen Ueberzeugung gelangen, wie der freye Wille der Gottheit das Universum schafft, und als Allweiöheit im Kleinsten wie im Größten sich offenbart. Die wahre Bedeutung des Gegensat¬ zes zwischen Freyheit und Nothwendigkeit immer mehr zu erkennen, durch tieferes Eindringen in das Wesen der Natur ihn wieder in der Idee aufzuheben, die Noth- — 78 - - Wendigkeit nur als Resultat der Regel¬ mäßigkeit in der Weltschöpfung darzustel- len, nnd durch alle Labyrinthe derselben durchdringend wieder zur Freyheit zu ge¬ langen, ist die Häup tau fgabe aller Phi¬ losophie. §.66. Durch die Weltseele jst das All eine organische 'Einheit, Alles wirkt in demselben nach einem'Plane, avie uw gesunden menschlichen Leibe alles nackseinem Pla¬ ne zu seiner Erhaltung wirkt. Jedes Einzelne wird durch daS All bedingt, so wie sich wieder daS All in jedem ^Einzelnen spiegelt. Das Leben jedes Individuums liegt seinem nothwendigen Verlaufe nach schon im Ganzen, -deswegen steht jede freye Handlung des Einzelnen wie¬ der in Harmonie mit dem All. Es offenbart sich in den Handlungen weder eine absolute Freyheit, noch eine ab¬ solute Nöthweudigkeit, sonTrekn b'eyde stehen sich einan¬ der beschränkend immer gegenüber. Alles fuhrt jedoch zu einem Ziele, alles ist von einem höheren Geiste durchweht, der die Naturgesetze leitet, nur nicht so, daß, wie Manche meinen, auch eine Wirkung über der Natur und gegen die Natur erfolgen könne. In dem stillen Walten dieses Geistes über die Schicksale des Ganzen und der Einzelnen offenbart sich der Gang der ewigen Vorsehung. Aus dem Wesen der Weltseele wird nnS demnach Folgendes klar. >. Alle Wesen sind als Individuen der Anlage nach in ihr gesetzt, und entwickeln sich nach dem Gesetze des Weltplaneö dann organisch. 2. Unter den irdischen Geschöpfe gelangt der Mensch zum Gebrauche der Freyheit, diese ist aber keine absolute, sondern nur — 79 — eine der menschlich-irdischen Natur angemessene, weil der Mensch, indem er als Glied auö dem Ganzen her¬ vortritt, sich nie von demselben ganz loöreißen kann. 3^ Hierdurch ist für die erschaffenen freyen Wesen die Abhängigkeit vom Ganzen gegeben, und es wird das, durch! jedeö Einzelne gehende, und alles zusammen hal¬ tende und leitende Band des Ganzen, welches sich phy¬ siologisch. als. Wellseele und moralisch als Vorsehung darstellt, erklärbar. 4. Die Weltseele ist die mit höchster Weisheit daö^ Universum durchdringende und nach festen Gesetzen leitende Allkraft,' unbeschadet der moralischen Freyheit'des Einzelnen. So wie im menschlichen Leibe die Seele überall ist, in keinem einzelnen Glieds aber als solche gesehen wird-, obwohl sie in ihrer Totalität als Persönlichkeit erscheint; eben so ist die Weltseele im Universum überall, sie ist zwar in keinem Lheilgebilde desselben persönlich sichtbar, jedoch in ihrer Totalität die höchste Persönlichkeit. , 5. Dis Weltsekle ist Gott selbst, , in so fern er die Welt aus freyem Entschlüsse schaffend, und erhaltend, aber - nach bestimmten Gesetzen wirkend , betrachtet wird.' « m i §.67. Wenn die Weltseele in den verschiedenen Systemen deö Universums organisch wirkt, wenn jede der erschei¬ nenden Kräfte alle übrigen, und wenn alle zusammen jede einzelne in der Idee voranösetzen, so folgt daraus, daß alle Kräfte ihrem Wesen nach Eins, und nicht der Qualität, sondern nur der Quantität nach verschieden sind. Alle gehen von einem geistigen Centralpuncte auö, beziehen sich auf denselben zurück, werden von demsel¬ ben getragen und sind nur durch denselben. Alles ist Le¬ ben, nur als höheres und niedrigeres stellt eö sich dar; —— 80 das höhere, mehr das Universum in sich Mildende, nennen wir Geist, das niedrigere, mehr durch das Fe¬ ste gebundene, nennen wir Materie. In der Idee find sie, physiologisch genommen, Einsdenn sie waren auch vor ihrem Auseinandertreten Eins. Ehe Gott die Welt schuf, trug er alles, was er geschaffen hat, in sich; als er aber den Plan der Schöpfung entwarf, oder sich als Weltseele sehte, bildete sich das System der höheren und niedrigeren Kräfte. So wie im kleinen Universum des menschliche» Leibes höhere und niedrigere Systeme bestehen; so be¬ stehen im großen Universum der Welt höhere und nie» drigere Kräfte. So wie die höheren Kräfte des Leibes die niedri¬ geren der Potenz nach in sich tragen; so tragen auch die höheren Kräfte des Universums die niedrigeren der Po¬ tenz nach in sich. Die niedrigeren sind nur in ihrer Vielheit das , was die höher stehende in ihrer Einheit ist. Daher kann die höhere auch auf dis niedrigeren so wirken, daß sie dieselben so- gar an sich zu ziehen oder sich zu afsimili» ren vermag. Hieraus wird die Möglichkeit klar, wie die Seele als höhere Kraft sich die Außenwelt zu assimiliren, oder sich den Leib zu bauen vermag. §. 68- In so fern Gott als höchster Geist alles, was er schuf, aus seiner Wesenheit nahm, in so fern alles, was er schuf, auch Lebe» ist; so folgt in dieser Beziehung allerdings, daß das Leben nur der Quantität nach ver¬ schieden sey. Betrachtet man aber das Leben seiner Ent¬ stehung und seiner daraus folgenden Bestimmung nach, — rii — so offenbart sich gleich der qualitative Unterschied zwi¬ schen dem schaffenden und geschaffenen Leben. Da die menschliche Forschung es sich ferner zur Aufgabe macht, das schaffende sowohl als das. geschaffene zu erkennen; da sie jedoch nicht im Stande ist, weder das unterste Glied, noch die unbekannten Mittelglieder in der end¬ losen Entwicklungsreihe des Lebens zu erfassen, noch das Leben auf der irdischen Stufe selbst genau zu be¬ stimmen; so entsteht eben deßwegen für sie außer dem Unterschiede der Quantität, noch der der Qualität. Was ich nicht kenne, ist für mich ein von dem bis¬ her B e k a n n t e n V er sch i e d e n e s auch der Qua¬ lität nach, so lang bis ich es näher kenne. Der Unterschied her Qualität hat daher einerseits in der Entstehungsweise des Lebens und seiner Bestimmung, andererseits aber in der Beschränktheit der menschlichen Erkenntniß seinen Grund. Immer aber leuchtet vom Höchsten b is z um Niedr.ig sten d i e Idee durch, daß, ungeachtet dieses Qualitäts¬ unterschiedes Alles aus einer Quelle fließt, und daß im Niedrigsten noch ein Strahl von dem Wesen des Höchsten sich reflectirt. Noch auffallender wird der Qualitätsunterschied der Be¬ stimmung des Lebens durch das Wesen der Freyheik. Alle Geschöpfe unter dem Menschen sind ohne Selbstbe- wußtseym Sie bezeichnen eigene Stufen, auf denen das 7Leben seiner verschiedenen Entwicklung nach steht, und sind nur der Quantität nach verschieden, weil sie mit der Natur, von welcher sie allein geleitet werden, noch mehr oder weniger EinS sind. Mit dem Menschen tritt das Selbstbewußtseyn, und durch dieses die Freiheit ein; der Mensch ist das erste Geschöpf, welches sich selbst leitet/ und eben dadurch sich die Natur unterwirft. 6 — 82 — Hierdurch tritt er in ein qualitativ verschiedenes Ver- haltniß zu den übrigen Geschöpfen. §. 69. Hier dürfte der Ort seyn, in Hinsicht des so viel¬ fach besprochenen Pantheismus Einiges zu erinnern. Un¬ ter Pantheismus verstehen Einige diejenige Ansicht, wel¬ che die Welt, wie sie ist, oder das All schlechthin als Gott fetzt, und behauptet, daß alle die erscheinenden Dinge den Grund ihres Seyns, ohne daß man eine höhere Ursache annehmen dürfe, unmittelbar in sich selbst tragen, folglich im Ganzen genommen für Gott ange¬ sehen werden müssen. Diese Ansicht verdient aber gar nicht pantheistisch genannt zu werden, sie ist rein ma¬ terialistisch und absolut verwerflich. Von dieser ist also nicht die Rede, sondern nur davon, ob das, was wir Natur nennen, dieses regel¬ mäßige, im ganzen Universum sich offenbarende Leben, dieses System von Kräften nicht etwa Gottes ganze Wesenheit sey? Daß die Naturkraste in Gott ihren Grund haben, daß überall, im Größten wie im Kleinsten nur Gott wirke, behaupten wir; allein — hört man einwenden — wenn Gott in jedem Systeme, ja in jedem Puncte des Universums als thätig auftritt, wenn er überall ver¬ schieden, aber überall gesetzmäßig wirkt, wie sieht es denn da mit der Freyheit in seinen Entschlüssen, mit seiner Persönlichkeit aus? Sind nicht diese , nach bloßer Nothwendigkeit wirkenden, wenn auch über die sinnliche Erscheinung hinaus liegenden Naturgesetze das, was du Gott nennst? Ist nicht dieses, für unsere Denkkraft nie ganz zu erfassen mögliche, Naturleben dein Welt¬ schöpfer und Erhalter? Sinkt nicht alles, was auö 83 — diesem Lebensmeere sich gestaltet, wenn eS durch den Tod in das Allgemeine sich anflöset, wieder in dasselbe zurück? Wo ist eine Allvernunft? Wo ist die für Alles sorgende Weisheit, und die Alles zusammenhaltende Liebe, denn nur bep dieser ist ein Fortbestehen nach dem Tode und eine weitere Vervollkommung möglich? Hierauf läßt sich erwiedern: Wenn behauptet wür¬ de, daß jeder Gedanke Gottes nothwendig ein schaffender sep, das heißt, wenn Gott durch die Weltschöpfung so ganz in Anspruch genommen würde, daß er nur einzig allein nach den, in den Naturkräften sich darstellenden Gesetzen denken müßte; so wäre diese unvollkommene Ansicht allerdings pantheistisch zu nennen, weil dadurch die Persönlichkeit Gottes und die Frepheit in seinen Entschlüssen aufgehoben erschiene. Allein, wenn auch wirklich Jemand diese höchst unvollkommene Ansicht auf¬ stellen wollte, so müßte er sich erst durch fortgesetztes tieferes Forschen und Beobachten der Natur davon zu überzeugen suchen; er würde aber, falls es ihm mit der Beobachtung Ernst wäre, doch bald auf andere Ge¬ danken kommen. Wie viele von den Naturgesetzen ken¬ nen wir denn? WaS wissen wir von dem höheren Zu¬ sammenhangs derselben? können wir es daher wagen, daS sich in ihnen offenbarende und erst von der engen Sphäre eines einzigen SonnenstystemS aus unserer Be¬ obachtung sich aufschließende Princip ein unfreyes zu nennen? Ja! würde nicht gerade das tiefere Studium der Natur uns dahin führen, eingestehen zu müssen, daß das, was in einem niederen Kreise uns unfrey und nothwendig vorkommt, bep einem höheren Ueberblick sich in Intelligenz und Frepheit auflose? Allein, das läßt sich gar nie behaupten, daß Gott in der Frepheit seiner Entschlüsse beschränkt und an die 6 * — 84 Notwendigkeit der physischen Gesetze gebunden sey; sondern seine Persönlichkeit und Freyheit steht im voraus fest. Zum Behufs dieser Behauptung berufen wir uns auf die Menschennatur und auf das Wesen unserer Seele, welche wegen des, in ihr sich offenbarenden Göttlichen der einzige Weg ist, dem Wesen Gottes durch Betrach¬ tung nnd Vergleichung naher zu treten. ES ist frey- lich für die Wissenschaft eine ungeheure Aufgabe, dennoch d u n k l e n G e g e n s a tz zwi¬ schen Intelligenz und Naturleben, der in unserem eigenen Ich liegt, zu durchdrin¬ gen und aufzuhellen; allein, sobald wir diesen klarer durchschauen, werden wir auch begreifen, wie in Gott Intelligenz und schaffendes Leben als Freyheit neben einander bestehen und wirken. So wie die bildende Seele im Leibe überall ist und doch mit der Intelligenz in natürlicher Verbindung steht; eben so ist das erlchaffende und erhaltende Princip Gottes im Uni- verfum überall und doch mit seiner Intelligenz in selbst¬ bewußter Verbindung. Die Intelligenz ist, so wie in der Seele, so auch in Gott daö eigentliche Wesen. Sie ist Selbstbewußtseyn, Selbstbewußtseyn aber ist Per¬ sönlichkeit, ist Geist. Der Geist also, und zwar der höchste Geist ist al¬ lein seiner Natur nach ewig. Alles geringere Geistige und alles, was als ein Ungeistiges und Bewußtloses erscheint, kann nur aus dem Geiste hervorgegangen seyn. (§. Zg.) Cs geht ans dem Geiste hervor, indem der Geist seinen Gedanken außer sich setzt. Auf eine andere Weise ist das Entstehen des Endlichen ewig unbegreiflich. Man könnte zwar sagen, die Dinge wären nicht guS dem selbstbewußten höchsten Geiste, sondern aus sich — 85 — selbst hervorgegangen, sie hätten sich selbst aus ihrer Idee von Ewigkeit her entwickelt. Ware dieses, so wür¬ de zwar daraus folgen, daß die Dinge nicht an die ge¬ genwärtige einzige Lebensform gebunden wären, sondern auch nach dieser Erscheinung fortbcstehen könnten. Die¬ ses setzt aber eben wieder eine ewige Intelligenz vor¬ aus ; denn, waren alle Ideen der unzähli¬ gen Wesen schon vor ihrer irdischen Er¬ scheinung da, so müsse» sie, da sie selbst nicht lebendig waren, durch ein anderes Bewußtseyn geordnet worden seyn, wie wäre sonst die im ganzen Universum herrschende Regelmäßig¬ keit und die ewige Ordnung, in welcher die einzelnen Wesen hervorgehen, begreiflich! Diese schöne Ordnung, sagen die Gegner, diese Harmonie des Ganzen erklärt sich daraus, daß jedes einzelne Wesen alle andern, und alle andern jedes ein¬ zelne schon von Ewigkeit her in dem Sinne bedingen und voraussetzen, wie jede einzelne Zahl alle andern, und alle andern jede einzelne bedingen und vorauösetzen. Allein, woher wißt ihr dieses? Ihr wißt eS nur daher, weil ihr gezwungen seyd durch eure eigene Denkkraft einen absoluten Grund voraNszusetzen, durch welchen alle einzelnen Zahlen erst möglich werden, und in wel¬ chen wieder alle sich auflösen. Die Zahlen selbst entste¬ hen dadurch, daß ihr diesen Grund, Zero genannt, nach Belieben als endlich und zwar bejahend oder ver¬ neinend setzt, und dadurch zu den Eins oder zu den Elementen der Zahlen gelangt- Gehen aber die Zahlen aus diesem ihren Ur grün de von und durch sich selbst hervor? Entsteht das Zero und alle Größen und die ganze Mathema¬ tik nicht erst dadurch, daß der lebendige - 86 — Gedanke diese abstrakten Ideen als solche vom Leben selbst abstrahirt und sie dadurch producirt, während sie als Abstract« in der Natur gar u icht existiren? Wie daher aus dem abstrakten Zero rein abstracto Ideen, formelle Grö¬ ßen oder Zahlen und Figuren hervorgehen, kann der Mensch wissenschaftlich wohl nachweisen, wie aber auö so einem abstrakten Grunde lebendige Wesen hervorge¬ hen sollen, bleibt ewig unbegreiflich, weil das Abstra- hircn wohl ein Act des Lebens, das Lehen selbst aber nie Folge eines Abstractums ist. Wenn daher jedes einzelne, lebende Wesen, wie ihr sagt, alle andern vorauSsetzt, und wenn die Welt- vrdnung nur durch diese Voraussetzung möglich wird, wenn sie eben nichts anderes ist, als die immer fort¬ gehende, gesetzmäßige Entwicklung alleS Vorausgesetz¬ ten ; so setzt ihr ja eben dadurch einen ewigen absoluten Grund aller Dinge voraus, wie ihr denselben bey den Zahlen vorauszusetzen gezwungen seyd. Der Unterschied besteht nur darin, daß der Urgrund aller vorhandenen Mesen lebendig seyn muß , weil diese auch lebendig sind. So sehr die pantheistische Ansicht den Verstand da¬ durch blenden mag, daß sie scheinbar Einheit und Zu¬ sammenhang in die Wissenschaft bringt; so kann sie doch bey näherer Betrachtung weder dem practischen Inte¬ resse des Menschen in Betreffseiner Bestimmung, noch dem höheren theoretischen Interesse der Wissenschaft selbst genügen. Die Wissenschaft fordert, um diesen Nahmen zu verdienen, bis zu ihrem letzten Anknüpfungspunkte Helle Durchdringung und Klarheit; die pantheistische An¬ sicht aber vermag den Widerspruch, m welchen sie sich dadurch verwickelt, daß sie das Leben auö dem Formel¬ len hervorgehen läßt, während die Idee des Formellen — Si¬ nuc ein Erzeugniß des Geistes ist—wofür die Grunde in dieser ganzen Schrift angegeben sind —> auf keine Weise zu lösen. Nur der selbstbewußte, mit Frey- heit und Allmacht wirkende Geist kann als Urgrund aller endlichen Erscheinungen der Wissenschaft genügen. Da daS Entstehen der erschaffenen Wesen einzig nur dadurch begreiflich wird, daß daS ewige Urwesen alles das, waö von ihm geschaffen wird, aus seiner We¬ senheit nimmt (§ 4y-), so wie die Zahlen nur dadurch entstehen, daß daS Zero selbst als endlich gesetzt wird, das Hervortreten der erschaffenen Dinge aber der Erfah¬ rung zufolge nicht zufällig, sondern in der schönsten Ord¬ nung und nach einem höchst weisen Plane geschieht, wo- bep ungeachtet deS allgemeinen Zusammenhanges doch die Freyheit der Einzelnen besteht; so setzt dieses in dem schaffenden Urwesen nicht bloß Leben, sondern es setzt auch die höchste Intelligenz und die höchste Macht vor¬ aus. Dieses hat die Erfahrung aller Zeiten anerkannt. Alle wahrhaft großen Männer, die sich nicht bloß mit der Speculation, sondern auch mit der Erforschung deS Lebens selbst beschäftigten, gestehen einstimmig, daß sie, je tiefer sie in das Heiligthum des Lebens eindrangen, auch immer mehr mit heiliger Ehrfurcht vor dem zwar geahneten, aber nicht enthüllten Wesen des Ewigen er¬ füllt wurden. Das Seyn abstracter Größen und ihre Wissen¬ schaft, die Mathematik, werden demnach durch die menschliche Denkkraft möglich. Das Daseyn der mensch¬ lichen Denkkraft selbst aber und aller lebenden Wesen setzt ein höheres, lebendiges, höchst weises Urwesen vor¬ aus ; nur ihre Wissenschaft, die Philosophie wird durch deö Menschen Denkkraft möglich. — 88 — Aber —> höre ich einwenden — wenn du Gott als selbstbewußte Intelligenz annimmst, und nicht als rein unendliche Idee betrachtest; so setzest du ihn als Persön¬ lichkeit. Als Persönlichkeit genommen ist aber Gott ein bestimmtes, das heißt, ein endliches Wesen; dadurch wird demnach die unendliche Idee Gottes endlich, oder was dasselbe ist, Gott wird als endlich und unendlich zugleich gesetzt. Ist das kein Widerspruch? Hierauf läßt sich antworten: Gott ist als Persön¬ lichkeit , wenn man sich gerade an diese Worte binden will, allerdings ein Unendlich-Endliches; was aber die¬ ses bedeute, wie hierin kein Widerspruch liege, wie viel¬ mehr der Gegensatz des Endlichen und Unendlichen auf die Persönlichkeit gar keine" Anwendung leide, soll aus Folgendem klar werden. Das Wesen der Freyheit und deS selbstbewußten Geistes besteht darin, daß er sich aus eigener Kraft selbst ergreift oder sich außer sich setzt. Der Geist ergreift sich selbst und setzt sich als Ich der Well und sich selbst gegen¬ über. Das Klarwerden dieser Beziehung des Lebens auf sich selbst ist das Selbstbewußtseyn. Das Zero als for¬ melles Unendliches kann sich freylich nicht selbst auf diese Art denken oder ergreifen, sondern es muß sowohl als unendliches Zero , als auch als endliches Eins von der Denkkraft des Menschen erst gesetzt oder gedacht werden. Dieses ist der unermeßliche Unterschied zwischen dem Le¬ bendigen und dem Formellen. Daher ist eS unumstö߬ lich gewiß, daß das Zero als solches nicht unendlich und endlich zugleich seyn kann; daher ist eS nothwendig, daß der Pantheist behauptet, Gott könne (§. 3o.) nur im Geschöpfe sich seiner bewußt werden. Wer sich an die leere Form, oder an die bloße Idee der endlosen Gleichartigkeit und Ausdehnung, wie wir — 89 — sie in den §. H. > 5. und , 6. als indifferentes Zero er¬ kannt haben, hält; wer nur dieselbe, und nicht das, über derselben stehende und dieselbe erst bedingende und er¬ füllende Leben oder den Geist als das Erste nimmt; dem scheint es freylich, als würde der Geist dadurch, daß er sich als ein bestimmtes, selbstbewußtes Wesen oder als Individuum erfaßt, auch endlich. Er wird nicht end¬ lich, sondern waS er hierdurch an seiner Unbegrenztheit der Form nach aufzugeben scheint, das offenbart sich an ihm als Inhalt. Es ist dieses Si ch - Erg re i se n keine Beschränkung, sondern eine nach In¬ nen aehende Bewegung des geistigen Le¬ bens? Gerade dadurch, daß der Mensch das Vermö¬ gen hat, sich avö eigener Kraft so zu bewegen, und daß ihm dieses klar wird, ist er Mensch. Das Thier hat zwar auch mehr oder weniger Theil am geistigen Ver¬ mögen , aber es ist keine Person, weil ihm dieses sich Selbst-Ergreifen nicht klar wird, das heißt, weil es jene hohe Entwicklung in seinem gegenwärtigen Zustande nicht an den Tag legt, die der Mensch durch das, einer un¬ endlichen Steigerung fähige Selbstbewußtseyn offenbart, indem er sich durch dasselbe der Welt entgegensetzt und als ein Unendliches schaut. Die Unendlichkeit besteht aber hier nicht im Umfange oder in der Ausdehnung, sondern im Inhalte, das ist in dem Vermögen, sich dem endlosen Universum gegenüber in der eigenen Beschrän¬ kung doch als ein Unendliches, oder als das Ganze zu erkennen. Dieses ist das wahre Wesen deS Geistes, daß er ein einfaches Inneres oder wahre Individualität ist, daß er alles Aeu- ßere dem Gesetze nach in sich trägt, und dasselbe auch als ein Aeußeres durch den Gedanken nachbilden kann. Deßwegen verliert -90- der Geist an seiner Wesenheit nichts, wenn er dieselbe auch scheinbar dadurch beschränkt, daß er noch so viele schöne Gedanken alö wahre Abbilder seines Inneren au¬ ßer sich setzt, ja sein eigentliches Leben flammt dadurch nur desto mehr auf. So verliert Gott dadurch an seiner Wesenheit oder Allmacht nichts, daß er die Welt schafft, denn ideales Denken im Menschen und reales Schaffen in Gott sind (§. 57.) der Wesenheit nach Eins. So wie aber die Gedanken des Menschen nur in so fern für andere offenbar werden, als sie durch Worte oder Werke in die Erscheinung treten; so wurde auch GotteS Wesenheit, dir von Ewigkeit wohl für sich war, dadurch verherrlicht, daß er die Welt schuf. Wäre Gott als rein denkendes Wesen für sich geblieben, so gäbe es keine Welt, es gäbe kein erschaffenes denkendes Wesen, es gäbe kein wissenschaftliches Nachdenken über Gottes Wesenheit, eö gäbe keinen Gegensatz zwischen dem End¬ lichen und Unendlichen. Durch die Vergleichung der Welt mit Gott, des Geschaffenen mit dem Unerschaffe- neu, kommt die menschliche Denkkraft erst auf diesen Gegensatz. Jeder Gegensatz ist seinem Wesen nach ein Relatives, ist ein angenommenes, bestimmtes Verhält- rnß; die Denkkraft aber, indem sie den Ge¬ gensatz schafft, ist nicht das Wesen des Ge¬ gensatzes, sondern steht über demselben. Der Gegensatz deS Endlichen und Unendlichen wird da¬ her erst gegeben durch den Gedanken. Wir können nur in so fern von beyden sprechen, als wir sie denkend ge¬ gen einander halten. Alles Erkennen ist nur dadurch möglich, daß der Geist den Gegenstand, den er erkennen will, mit andern vergleicht, ihn von denselben unterscheidet, und dadurch als einen eigenen oder bestimmten erkennt. Alles Den- - yr - ken ist nur ein Vergleichen und Unterscheiden, oder ein Bilden von Gegensätzen und Wiederaufheben derselben. Indem aber der selbstbewußte Geist die einmahl erkann¬ ten Gegensätze wieder aufhebt, indem er von niedern zu höheren Gegensätzen aufsteigt, indem er bis zum Gegen¬ satz des Endlichen und Unendlichen selbst fortschreitet; so erkennt er sich eben dadurch als Las, über aller Relativität Stehende, oder als Person. Jeder Gegensatz, mithin auch der deS Endlichen und Unendlichen setzt zwey Glieder voraus ; diese bilden nur so lang einen Gegensatz, als sie gegen einander ge¬ halten werden, oder so lang sie formell als ein Verhält- niß betrachtet werden können. Da nun der höchste Ge¬ gensatz, nähmlich der deS Endlichen und Unendlichen, auch durch einen Act deö Denkens gebildet wird, und da die Denkkraft selbst die Form dieses Gegensatzes anschaut: so ist es einleuchtend, daß die Denkkraft selbst als solche über demselben stehe, und im formellen Sinne weder ausschließlich endlich noch unendlich seh. Sie ist als frey sich bewegende Schöpferin» aller formel¬ len Gegensätze nur unendlich im Sinne des Lebens, Sie ist Individualität, und als solche auch Identität deS Endlichen und Bedingten mit dem Unendlichen und Unbedingte». In dem Vermögen also, alles Erkennbare durch Bildung von Gegensätzen oder durch Denken ideal in sich nachzubilden, oder in dem Vermögen sich der Welt gegenüber als ein individuales Wesen zu erkennen und die ganze Mannigfaltigkeit deS Bestehenden geistig in sich aufzuuehmen, liegt das Selbstbewußtsepn, die Per¬ sönlichkeit. — 92 — 70. Diesem nach steht schon die irdische Persönlichkeit des Menschen über dem Gegensätze des Endlichen und Unendlichen. Da nun Gott die höchste Persönlichkeit ist, Io könnte man fragen, in welchem Verhältnisse die göttliche Persönlichkeit zur menschlichen stehe? Um hierauf etwas zu antworten , dürfen wir unS nur an das erinnern, waS im 5?. über daö Verhält- niß der schaffenden Kraft der menschlichen Seele zur schaffenden Kraft Gottes gesagt worden ist. Dort wur¬ de gezeigt, die schaffende Kraft des menschlichen Geistes verhalte sich zur frey schaffenden Kraft des göttlichen Geistes, so wie sich die Form zum Leben verhält. Got¬ tes Gedayken können, wenn er es will, lebende , sich selbst bewegende, ja auch selbstbewußte Wesen seyn, die menschliche Seele schafft nur Gedanken, denn, will sie sprechen, oder ihre Gedanken durch hörbare Laute mit¬ theilen, so bedarf sie außer den Organen deS Leibes noch ein AeußereS, daö Medium der Luft. Besteht nun die Persönlichkeit darin, daß der Mensch die Welt in sein Bewnßtseyn aufnimmt, oder sich derselben gegenüber als Individuum erkennt; so wird dieses Vermögen ganz na¬ türlich auch in Gott das nähmliche seyn, nur mit dem Unterschiede, daß der Mensch daö Universum bloß als ein Gedachtes, Gott aber dasselbe ünf viel umfassendere Weise auch als real oder als Lebendiges in sich ans- nimmt. Die Seele nimmt als Intelligenz, wenn sie sich den Leib vorstellt, denselben als ein Gedachtes in sich auf; als Naturleben nimmt sie den Leib lebendig, aber ohne Bewußtseyn alle Augenblicke in sich auf. So ist es in Gott. Er kann als Intelligenz das Universum sich verstellen, oder als Gedachtes in sich aufnehmen; als -93 - Weltseele nimmt er aber dasselbe alle Augenblicke leben¬ dig in sich auf und zwar mit Bewußtsein, weil die Schei¬ dewand zwischen bewußtem und unbewußtem Leben in Gott nicht vorhanden ist. Dieses ist der physiologische Grund der Allwissenheit und Allgegenwart Gottes. Der menschliche Leib geht, wie spater (§. > 09.) gezeigt werden wird,, alle Augenblicke der Idee nach lebendig aus dem Naturlebcn der Seele unbewußt her¬ vor: die Welt geht aus Gottes Naturleben oder aus der Weltseele alle Augenblicke real, aber mit Gottes Be- wußtseyn hervor. Dieser Gedanke einer immer Währenden Vermittlung zwischen Gott als Gott, und Gott alöWestseele ist der frucht¬ barste, er ist durchaus nur Leben, er ist nur Geist. > Gott nimmt demnach das Universum real in sich auf, und schafft es real mit Bewußtseyn; der Mensch nimmt eS nur ideal oder als ein Gedachtes in sich auf, und bildet oder schafft die Idee desselben nach, beydes zwar auch mit Bewußtfeyn, aber nur theilweise, und im unvollkommenen irdischen Sinne. So groß demnach der Unterschied ist zwischen der höchsten Erkenntniß, welche die beschränkte Fassungskraft des mensch¬ lichen Geistes zu erreichen vermag, und zwischen einer Erkenntniß, die das Univer¬ sum total und lebendig umfaßt; so groß ist der Unterschied zwischen der menschli¬ chen und göttlichen Persönlichkeit. So groß dieser Abstand ist, so gibt er doch keine Schwierigkeit, denn gerade die Idee der Persönlichkeit ist das Gemeinsame zwischen Gott und dem Menschen, durch sie sind wir göttlichen Geschlechtes. — 94 — Durch diese Auseinandersetzung ist freylich das Verhälrniß Gottes zur Welt nur höchst unvollkommen erläutert. So gewiß aber in unserer Seele intelligentes Geistesleben und bildendes Naturleben neben einander bestehen: eben so gewiß bestehen in Gott die allsehende Intelligenz und das allmächtig schaffende und erhalten¬ de Princip neben einander. Wie dieses möglich sep, kann die Wissenschaft nach ihrem gegenwärtigen Stand¬ punkte (§. Ss.) nicht befriedigend lösen, so wenig sie das Verhältniß des Geisteslebens zum Naturleben in unserm eigenen Ich befriedigend zu lösen vermag. Sie erkennt daher die Schranken der irdischen Forschung mit Bescheidenheit an, nährt aber die freudige Hoffnung durch fortgesetztes Studium der Natur das Wesen der menschlichen Seele als eines zum Selbstbewußtseyn sich entwickelnden und mit Nothwen- digkeit daö kleine Universum des Leibes sich bauenden Geistes zu erkennen, damit der. menschliche Geist gestärkt und ermuntert durch die Erkeuntniß der höheren Natur seiner eigenen Wesenheit sich zur Erforschung des höch¬ sten , daö Universum mit Freyheit schaffenden und mit Allweisheit regierenden Geistes aufzuschwingen vermöge. Die VNelt. §- 71- Bisher haben wir Gott in seiner Wesenheit als Gott, und dann, wie er als Weltseele oder Schöpfer uns offenbar wird, betrachtet. Nun wollen wir noch einige Betrachtungen über die Entstehung der wirklichen Welt nach unserer Ansicht hinzufügen. — Y5 — Nach dem im §. 63. Gesagten ist die Welt ein endloser Organismus , der so wie das kleine Universum des menschlichen Leibes in verschiedene, einander ver¬ schiedenartig untergeordnete Systeme und Theilganze zer¬ fällt. Unter allen diesen der Art und Zahl nach uns un¬ bekannten Systemen ist allein das Sonnensystem bisher unserer näheren Betrachtung aufgeschlossen. Gleichwie aber kein einziges Organ oder System deS LeibeS für sich allein besteht, sondern jedes alle übrigen, und alle übri¬ gen jedes einzelne voraussetzen ; eben so besteht auch un¬ ser Sonnensystem nicht für sich, sondern ist als Theil- ganzes des Universums mit allen übrigen Sternensyste¬ men in unzertrennlicher, organischer Verbindung. Von den der sinnliche» Wahrnehmung unterwor¬ fenen Theilen des Leibes geht die Betrachtung zu den ed¬ leren Organen und zu der, alles Mannigfaltige, tragen¬ den und zusammenhaltenden geistigen Verbindung über; eben so muß der forschende Geist von der, unserer Be¬ trachtung sich darbiethenden Erde zur näheren Kenutniß deö Sonnensystems und der höheren Sternensysteme auf¬ steigen. Gleichwie aber in der kleineren Welt des mensch¬ lichen Leibes die höheren geistigen Kräfte über die sinn¬ liche Wahrnehmung dergestalt hinauöliegen, daß sie uns nur durch Vermittlung der leiblichen Organe offenbar werden; eben so liegen in der großen Welt deS Univer¬ sums die höheren geistigen Kräfte über die materiellen Himmelskörper hinaus, und treten nur auf denselben und durch dieselben in die Erscheinung. Die Seele als Intelligenz ist zwar die Vereinigung aller Kräfte des Leibes im Ceutralpuncte deS Bewußtseyug, sie setzt sich aber als Naturlebcn fortwährend in den verschiedenen Theilen oder in der ganzen Sphäre des Leibes; Gott — g6 — als höchste Intelligenz ist auch der Centralpunct der un¬ endlichen Sphäre des Universums, erfüllt aber als Weltftele in alle Richtungen und Entfernungen die noch so verschiedenen, zahllosen Theilsysteme der Welt. Diesem nach kann in jedem Puncte der Weltsphäre eine Kraft als wirkend hervortreten (§, 63.); und das Leben als allgemeine Aeußerung. der Kräfte betrachtet, ist überall. Dieses allgemeine Seyn des Lebens abstract betrachtet ist das, waS wir Raum nennen. Da dieses All - Leben nie ruhet, sondern in immerwährenden Ver¬ änderungen und Bildungen , die successive vor sich gehen, begriffen ist; so kann man diese Succession im Allge¬ meinen auch abstract betrachten. Dieses Abstractum ist die Zeit. DasLeben in seinen aufeinander folgenden Aeußerungen betrachtet ist die Zeit, und die Aeußerun- gen in ihrem Ueberallseyn angeschaut , sind der Raum- Zeit und Raum sind daher, wie schon gesagt wurde, mit dem Leben gegeben; sie sind die Erscheinungsfor¬ men desselben. So wie die Welt durch den Raum formell ein Ein¬ ziges wird; so wird sie durch die Zeit oder durch die fortwährenden Aeußerungen der Naturkräfte lebendig ein Einziges. Da die.Naturkräfte wohl überall, aber nicht überall die nähmlichen sind; so ist zwar wohl der Raum, im obigen Sinne., genommen, überall der nähmliche ; das Leben aber ist nur in der Idee., nicht aber in der Wirklichkeit überall dasselbe. Ist eö nicht überall das¬ selbe, so müssen die Verschiedenheiten im Raume sich offenbaren, und da alle vorhandenen Dinge nur Ge¬ schöpfe dieser auf verschiedenen Stufen sich offenbarenden Allmacht sind ; so werden auch alle erschaffenen Dinge in den Raum fallen. Der, die Zeit oder die suceessiven Aeußerungen des Lebens in sich schließende, oder die- - 97 - selben tragende Raum ist mithin die in die Erscheinung tretende Natur, er ist das Medium, aus welchem je¬ des individuelle Leben hervorwächst, durch welches die ganze erscheinende Welt ein mit Leben erfülltes Ganzes wird. ES gibt in der Natur keinen leeren Raum, es gibt keine abstracte Zeit; bepde als solche betrachtet sind ein reines Product der Resterion. §- 72. Da die bildenden Kräfte in der Natur nicht über¬ all die uähmlichen sind, die organischen Wesen aber zu denselben wie die Wirkung zur Ursache sich verhalten ; so ist hierdurch schon gesagt, daß die letzteren weder gleichzeitig noch gleichartig hervortreten. Jedes Wesen erscheint in einer bestimmten Zeitfolge, und in einer be¬ stimmten Art, ober in einem bestimmten Raume. Die¬ ses heißt mit andern Worten: Alle Dinge unterliegen so dem Gesetze, daß sie unter einer bestimmten Form erscheinen. 73. Wenn alle Dinge unter einer bestimmte» Form erscheinen: so fragt es sich, welche ist die Urform, oder diejenige Bildung, unter welcher das Leben zuerst in die Erscheinung trat? Der Beantwortung dieser Frage ist folgende Be¬ trachtung vorauszuschicken. >. Wenn wir von der Form reden wollen, unter welcher das Leben zuerst erschien, so können wir nur von unserer Erde sprechen. Da wir von dem Weltorganismus nur dieses einzige Glied, und dieses nur höchst unvollkommen kenne»; so ist eS augenscheinlich, daß wir über die Art und Weise des Hervortretens des Lebens in andern Sphären du Welt 7 — 98 — höchstens eine allgemeine Andeutung zu gehen. Bestimm¬ tes aber nichts zu sagen vermögen. 2. Der Zweck der irdischen Schöpfung, insoweit er aus dem Gange der Geschichte sich ahnen läßt, ist, wie schon angedeutet wurde, die immer weitere Ver¬ vollkommnung. Nach diesem Plane ist nun, so wie für die Erde, so höchst wahrscheinlich auch für jeden Him¬ melskörper ein gewisser Grad des geistigen Lebens zur Entwicklung bestimmt. Damit nun daS Geschöpf, wel¬ ches hier der-, höchsten Entwicklung vorzugsweise fähig ist, hervortrete, oder damit der Mensch möglich sey, mußte sein Aufenthaltsort, die Erde, mit allen unter ihm stehenden und seine Entwicklung bedingenden Ge¬ schöpfen schon ausgebildet da sepn. 3. Daö Leben des Planeten, als solches trat dem¬ nach zuerst hervor, und gestaltete sich als Erdorganis¬ mus. Es stieg von der ätherischen Form bis zum Starr¬ sten herab, versenkte sich immer mehr in die feste Ma¬ terialität , bis ein Anknüpfungspunct für die Entwick¬ lung des höheren Lebens in Pflanzenform, und dann die Möglichkeit der irdischen Sinnenbildung im Lhier- leibe vorhanden war. 4. Sobald die Erde zum Aufenthaltsorte der nie¬ drigsten Organismen dienen konnte, entwickelten sich auch diese an den dazu geeigneten Stellen; und indem die weitere Ausbildung deö Planeten fortging, traten auf demselben immer höhere Geschöpfe hervor, so daß das Leben vom Starren zum Beweglichen, vom scheinbar Lodten zum Lebendigen, vom - Bewußtlosen zum Be- wußtseyn aufzusteigen schien. Ich sage, aufzusteigen schien, denn nicht jenes zuerst hereingetretene Leben, welches sich als ErdorganiSmnö gestaltete, bildete sich auch in den folgenden Geschöpfen fort, sondern es tra- -Hy - ten immer höhere Wesen herein, die, sobald sie die Erde ausgebildet genug fanden, um sich anzuknüpfen, auch sich organisirten. Weil dieses successive geschah, und weil jedes höhere, später erscheinende Wesen die Entwicklungs¬ gesetze aller niedrigeren in sich trägt; so hat es, wenn man die fortgehende Reihe der Organismen betrachtet, den Anschein, als hätte das Ird sich zur Pflanze, die Pflanze sich zum Thier, und dieses sich zum Menschen gestaltet. Dieses ist aber in der Wirklichkeit nicht der Fall, denn sonst müßte die am höchsten entwickelte Pflanze dem niedrigsten Thiere, das höchste Thier dem an Bil¬ dung am tiefsten stehenden Menschen gleich seyn. Es findet von einer Wesengattung zur andern kein Ueber- gang Statt; sondern die Natur fängt überall von vorne an. Die Eig en thü m li ch keit jedes Wesens erklärt sich einzig nur daraus, daß es die¬ selbe beym Eintritte in dieses Leben schon mitbringt, die organische Bildung aber wird daraus begreiflich, daß es die Ge¬ setze der gesammten irdischen Materie schon an sich tragen, sie an sich nehmen, und veredelt in feinen Leib verwandeln m u ß. So wie diejenige Kraft, die sich als Erdplanet ge¬ staltete, aus dem endlosen Aethermeere als eine überwie¬ gende hervortrat, und nur durch diese Ueberwiegenheit im Stande war, den Aether an sich zu ziehen, und sich als Planet zu orgauisiren; eben so muß jede später auf der Erde erscheinende, und sich als Pflanze oder Thier gestaltende Kraft eine höhere feyn , als das Wesen dcö JrdcS ist, weil es dieses sich zu assimiliren vermag. So wie der Weltraum oder das Aethermeer der Ort für die Entwicklung des Planeten war; so ist die schon organi- 7 * — 100 strte Erde der taugliche Platz für die Entwicklung der Pflanzen und Thierorgane. Die Kräfte, die sich als Pflanzen und Thiere organisiren, sind deswegen nicht später geschaffen worden, als die Kraft, die sich als Planet gestaltete, sondern sie sind, wie wir dieses später ausführlich zu zeigen versuchen werden, alle sammt und sonders in der Weltseele zugleich gesetzt. Das spätere Hervortreken der einen ist nur Folge des dem Plane der Schöpfung zum Grunde liegenden Entwicklungsge¬ setzes. Kein Mensch wird behaupten wollen, daß die Blume einer Pflanze erst dann geschaffen werde, wenn die Pflanze schon in vollem Wüchse steht, sondern die Blume ist ihrem Geiste oder Gesetze nach schon im Sa¬ men da, sie ist damahlS da, wenn das Wurzelpflänzchen sich gestaltet, sie ist da, wenn der Stengel aufschießt, und daö Blatt sich entwickelt. Nnr irdisch räumlich werden oder sichtbar hervortreten kann sie erst, wenn die Pflanze ihrem Wüchse nach vollendet ist. Die Blume ist wieder die ganze Pflanze, aber auf' höhere Art, deßwegen wächst sie nur auf der Pflanze niedrigerer Art oder auf dem Stengel; dieser als nie¬ drige Pflanze sproßt aber auf der noch niedrigeren, auf dem Planeten hervor. 5. So entstand die Fülle der organischen Bildun¬ gen , eine immer edler als lste. andere, bis die höchste Bildung auf dieser Erde, der Mensch, erschien, der als Schlußstein der leiblichen Schöpfung nach erreichtem Selbstbewußtseyn dasteht. Er ist bestimmt als sinnlich vernünftiges Wesen mit einer gewissen Anlage die> gei¬ stige Fortbildung zu beginnen, dieselbe immer höher zu steigern und nach, dadurch erreichter moralischer Vered¬ lung aus dieser Entfernung vom Allerhöchsten wieder in — 101 — die geistige Welt zurück zu kehren, von wo alle) Leben ursprünglich auögeht. §- 74- In der Reihe der Bildungen mußte also zuerst daö, was wir die Musse oder das Feste nennen, hervor, treten. Dieses geschah, indem in jenem Puncte der Weltsphäre, wo unser Sonnensystem entstehen sollte, sich ein Gegensatz aufschloß. So wie die menschliche Seele, wenn sie sich den Leib baut, überall, wo sie ein Organ bildet, einen Gegensatz aufschließt; so auch die Welt¬ seele in der Bildung der Sternensysicme oder Theilgan- zen des Universums. In der Wirksamkeit des bildenden Lebens selbst aber bemerken wir eine bedeutende Ver¬ schiedenheit. In den niedrigsten Organismen, z. B. in der Bildung der Conchylien oder gar bey den Crystal- len wirkt daö Leben 34.) mit mehr mathematischer Regelmäßigkeit, während in den höheren Formen eine größere Lebendigkeit und Freyheit eintritt. In so fern nun die Himmelskörper bloß als Massen oder als Ent- WicklungSorte deS höheren, freperen Lebens erscheinen, in diesem Sinne also niedrigere Organismen sind ; herrscht in ihrer gegenseitigen Verbindung und in ihrem Baue Mathematische Regelmäßigkeit. So spricht sich die Idee des Sonnensystems durch die Idee des Gegensatzes zwi¬ schen Centrum und Peripherie ans. Dieser Gegensatz wurde im Cosmischen offenbar als sonne-und planetenbildende Kraft. Die Sonne ist im Centrum und setzt sich in der Peripherie als Planet. So wie aber überall daö Setzende überwiegend ist über das Gesetzte; so ist auch hier die Sonne das den Pla¬ neten Ueberwiegende. Es gibt überhaupt kei¬ nen absoluten Gegensatz, jeder ist seiner — 102 — Natur nach schon relativ. Die ganze Schö¬ pfung ist ein System von Gegensätzen, über¬ all aber ist das Setzende überwiegend über das Gesetzte. 75. ' Als die sonne- und planetenbildenden Kräfte her¬ vortraten, traten sie im Raume hervor, der Raum aber ist lauter Leben, ist lauter Kraft (§. 7>.); indem sie also aus diesem Lebenömeere hervortraten, traten sie als höhere, als überwiegende Kräfte hervor. Sie verhalten sich also zu dem sie umgebenden Raum (Aelher), wie Höheres zu Niedrigerem, wie Leben zum Stoff. Sie vermögen daher (§. (>b.) den sie umgebenden Stoff oder das niedrigere Leben an sich zu reißen und sich zu affimiliren, das heißt, sie haben das Vermögen sich als Körper zu gestalten. Da sie als Puncte auö dem Lebensmeere heraustreten; so wird ihre Anziehung gleichmäßig nach allen Richtungen wirken, sie werden daher den Aether von allen Seiten gleichmäßig sich assi- wilircn. Was aber auf diese Art sich gestaltet, kann nur als Sphäre sich gestalten. Daß jedoch die ganze Ausbildung des Planeten nicht auf diese Art allein vor sich gegangen sey, wird in der Folge klar werden. Die erste körperliche Form also, uncer welcher das Leben im Raume erschien, war die der Sphäre. In der Mathematik war die erste Figur auch die der Sphäre (§. 32.), gleichwie aber dort die Sphäre alle andern Fi¬ guren so in sich enthält, daß sie aus ihr dcducirt werden können; eben so sind hier die in Sphärengestalt erschei¬ nenden Himmelskörper die Entwicklungöguellen aller auf ihnen lebenden Organismen. — 405 — §. 76. Die Sonne ist daö Centrum, das aber, was Pla¬ net heißt, ist die Peripherie. Da nun die Peripherie nur das außer sich gesetzte Centrum ist; so ist auch daS, was Planet heißt, nur die außer dem Centrum gesetzte Sonne. Centruin und Peripherie sind nur in einander und durch einander, folglich bestehen auch Sonne und Planet nur in- und durcheinander. Da die Peripherie das zerfallene Centrum und mithin nur durch ihre Viel¬ heit das ist , was das Ceutrum in der Einheit ist; so wird auch das Planetare nur durch seine Mehrheit das seyn, waS die Sonne in der Einheit ist. Es wird da¬ her in mehreren, verhältnißmäßig von einander entfern¬ ten Puncten sich gestalten. Gegen die Sonne bilden sich concentrisch mehrere und zwar so viele Planeten, bis ihr vereintes Gegengewicht der Sonne proportional ist. §> 77. Die sonne- und planetenbildenden Kräfte fingen an sich als Kugeln körperlich zu gestalten; wie lang wird nun ihr Leben unter dieser Gestaltung dauern? wird eS ins Unendliche fortgehen? Es wird nicht ins Unendliche fortgehen, sondern, da, wie gezeigt wurde, das llniver- sum ein totaler, zusammenhängender Organismus ist; in welchem alle Theile in einer unzertrennlichen Ver¬ bindung stehen; so muß jede im Universum offenbar wer¬ dende Kraft, mithin auch die planetare eine bestimmte sepn. Die Zeitlichkeit bezieht sich eben deswegen nicht auf das Wesen, sondern auf die Form der Erscheinung. Das Wesen ist dennoch da, wenn es auch nicht irdisch räumlich ist. Zm thierischen Organismus bilden sich erst — E — nach und nach Organe, die bey der Geburt nur der An¬ lage nach vorhanden, mithin in der Idee des vollkom¬ menen Organismus dem Wesen nach schon da waren. Auch die schon gebildeten erleiden Veränderungen oder weitere Fortbildungen. So ist es im Universum. Wie viele Sternenspsteme als Theilganze desselben können vielleicht noch entstehen! Wie viele Veränderungen und Fortbildungen derselben mögen schon Statt gefunden ha¬ ben, und noch Statt finden, besonders, da der ganze Plan der Schöpfung nur auf Vervollkommnung hinausgeht! §. 78. DaS Leben der Himmelskörper unter dieser Form ist daher gleichfalls ein bestimmtes, und zwar: i. in Hinsicht der Größe seiner Gestaltung; jeder kann nur so viel Stoff aus dem Aether sich assimiliren, als seiner Kraft auf denselben zu wirken, proportional ist. s. In Hinsicht der Dauer; denn, indem der Planet sich gestal¬ tet, entsteht das, was wir das Tastbare, daö Materielle oder das durch die Sinne Wahrzunehmende nennen. Vor der Bildung deS Festen war alles gleichartig; im endlosen Aethermeere war wohl die den Planeten bildende Kraft, es waren alle andern Kräfte vorhanden, jedoch auf eine, für unsere jetzigen Sinne (§. 107.) in¬ differente Weise. Dadurch, daß den die Planeten bildende Kraft auö dem ätherischen Lebensmeere als eine über¬ wiegende herauftaucht und den umgebenden, zu ihr als ' Stoff sich verhaltenden Aether an sich nimmt, entsteht eine solche Aggregaten, daß der vorhin indifferent ge¬ schienene Sroff ein wahrnehmbarer, oder irdisch bestimm¬ ter wird. Dieser wirkt auf den uns indifferenten, weil zwischen beyden keine wirkliche, sondern nur eine unfern Sinnen scheinbare Abgrenzung Statt findet, wieder ein; — 105 — dieser wirkt auch auf ihn zurück, und so entstehen, so bald das jSpiel der Einwirkung der Stosse aufeinander einmahl beginnt, die unzählig mannigfaltigen Verhält¬ nisse der Stoffe zu einander, welche in den Wahlver¬ wandtschaften und chemischen Gesetzen sich offenbaren. Jeder irdisch wahrnehmbare Stoff ist demnach, da er immer von andern umgeben ist, einer fortwähren¬ den Einwirkung der Außenwelt auögesetzt, mithin nach Physiologisch-chemischen Gesetzen einer beständigen Ver¬ änderung unterworfen. Nur die höhere Kraft, die den Planeten bildet, die höheren Kräfte, die als empfin¬ dende und selbst sich bewegende Geschöpfe auf dem Pla¬ neten sich organisiren, und eben dadurch dieVerschieden- artigkeitder Materie bewirken, sind als der, dieser Hülle zum Grunde liegende Geist daö Bleibende; die Hülle hingegen ist, weil sie den chemischen, niedriger stehenden Gesetzen unterliegt, veränderlich. Der Geist ist das Blei¬ bende, weil er diese chemischen Kräfte der Potenz nach schon in sich trägt, und daher einerseits seiner höhern Wesenheit nach über denselben steht und sie beherrscht, andererseits aber, weil er als Organismus sich gestalten wuß, in ihnen selbst sich als irdisch verwirklicht. Deß- wegen wird der Geist auch von der Materie affizirt, und es ist im Organismus, so weit er sinnlich wahrnehm¬ bar ist, nirgends ein absoluter Zustand, das heißt, nir¬ gends ist absoluter Geist oder absolute Materie, sondern überall findet nur gegenseitige Annäherung mit mehr oder wenigerem Uebergewichte deö einen oder des andernStatt. DaS Materielle wird daher, ungeachtet seiner Ver¬ bindung mit dem Geiste dennoch beständig von der Außen¬ welt affizirt, und da jedes individuelle Leben einerseits nach dem Plane der Schöpfung nur deßwegen auf die¬ sem Planeten sich gestaltet, um in der Zeit seines Hier- — 106 — seyns organisch aufzuwachsen, welches der Weg zu sei¬ ner ferneren Vervollkommnung ist; andererseits aber sei¬ ne organische Hülle einem immerwährenden Einflüsse der feindlichen chemischen Außenwelt auögesetzt bleibt; so folgt aus diesen zwei) Gründen nothwendig, daß jedes organische Leben, mithin auch daö deS Weltkörpers in seiner jetzigen Form ein zeitliches fey. Z. 79. Sonne und Planet entstanden dadurch, daß im Raume unsers Sonnensystems ein TheilganzeS deS gro¬ ßen, universellen Organismus sich bildete. Daß noch andere Sternensysteme vorhanden sind, die ungeachtet ihrer Ver hiedenheit mit dem Sonnensysteme doch in ge¬ nauer Verbindung stehen, wurde schon gezeigt. Man muß sie Sternensysteme überhaupt nennen, weil der menschliche Geist ihre Eigenthümlichkeit nicht kennt. So zeigt die bisherige Beobachtung schon zwischen dem Sy¬ steme der Doppelsterne und dem Sonnensysteme eine auffallende Verschiedenheit. Doch hiervon eine Andeu¬ tung in der Folge. §. 80. Dadurch, daß im Raume unserS Sonnensystems die sonne- und planetenbildcnden Kräfte sich aufschloßen, schloß sich zugleich der ganze Inbegriff der geistigen Kräfte auf, die auf diesen Himmelskörpern nach dem Plane der Schöpfung in organischer Gestalt sich nach und nach zu entwickeln (§. §. 60, -yg.) und zu leben bestimmt sind. Da die Himmelskörper auf diese Art als Trager und Entwicklungöorte des organischen Lebens er¬ scheinen ; so müssen sie auch so bedeutend groß werden, jeder muß das Material für die ganze organische Welt — 107 — seiner Art in sich tragen. Daher kommt es, daß sie so weit und so regelmäßig von einander abstehen, weil sie aus dem endlosen Aethermeere so viel Stoff an sich zu ziehen geuölhiget sind. Die Weltkörpcrbildung ist also nach dem Plane der Schöpfung nicht die höchste, sie ist erst ein Mittel zur noch höhern Entwicklung, die in den Organismen durch Empfindung und willkürliche Bewegung sich offen¬ bart, obwohl der Planet auch sein eigenes Leben, mit¬ hin auch seinen eigenen Zweck hat. Nach dem nähmli- chen Gesetze, nach welchem sich die, die Welkkörper bil¬ denden Kräfte auö dem Universum aufschließen, nach eben demselben Ersetz treten auf den Himmelskörpern die Kräfte hervor, die sich als Pflanzen organisireu, als Thiere und Menschen Empfindung und willkürliche Bewegung offenbaren, und in den letzter» von der Art sind, daß sie zum Selbstbewußtsepn kommen. Pflanzen und Thiere stehen zwar niedriger als der Mensch, allein die Ansicht, daß sie sich ebenfalls Selbst¬ zweck sepn, und daß ihr fetziger Zustand nur die Grund¬ lage einer möglichen höhern Ausbildung sep, steht mit keinem der bekannten Naturgesetze im Widerspruche. Das Lebensprincip der Pflanze und des ThierS, so Wie der Geist deS Menschen finden, wenn sie orga- nisch sich zu bilden anfangen, die irdische Welt schon vor; sn treten alle drey in die Siunenwelt ein, und zwar i„ h,'e nähmliche, dringen durch das Medium der irdischen Stoffe durch, indem sie dieselben veredelt an sich nehmen, oder sich ihren Leib auS denselben erbauen, und wenn die Thiere eS nicht zum Selbst- bewußtseyn bringen; so kann die Ursache hiervon nicht in der Materie — denn diese ist für Thiere und Menschen, als Außen- — 108 — Welt betrachtet, die nähmliche — sondern sie muß in der ursprünglichen Anlage, die der Geist des Menschen schon mitbringt, gegründet sepn. So wie des Geistes Eigenthüm- lichkeit ursprünglich ist; so gestaltet sie sich organisch. Jedes Organ, welches im Leibe nach und nach zum Vorschein kommt, setzt als Gebildetes eine bildende Kraft schon voraus; jedes Organ ist Folge derjenigen geistigen Anlage, die durch dasselbe sich äußern will, nie aber kann die geistige Anlage Folge des Organes sepn. Gleichwie nun der Mensch sich schon ursprünglich einer höher» Anlage erfreut: eben so harren die unter ihm stehenden Wesen noch einer weitern Entwicklung, die aber wahrscheinlich, wenn sie auf diesem Planeten vor sich gehen soll, erst dann erfolgen wird, wenn das Leben der Erde im Ganzen durch eine, aus seinem In¬ nern nothwendig werdende Umstaltung feiner weiteren Vervollkommnung entgegen geht. 81. Die physiologische Entwicklungsgeschichte einer je¬ den Pflanze, und eines jeden Thiereö ist nichts anderes, als ein Beyspiel der Entwicklungsgeschichte des Plane¬ ten im Kleinen. Der Keim im Pflanzensamen und die Thierseele sind das Lebendige, das Centrale, das Höhere; die Außenwelt ist der Stoff, die Peripherie, das Nie¬ drigere. Der Samenkcim als das Lebenspriucip der Pflanze ist noch sinnlich wahrnehmbar, während das Le- bensprincip deö Thiers als Geist schon über der Sin¬ nenwelt schwebt. So wie aber der Samenkeim die gan¬ ze involvirte Pflanze ist; eben so ist die Thierseele das ganze, die nachherige Körperform schon dem Gesetze nach in sich tragende Thier. Der Keim als involvirte Pflan- — 109 — ze evolvirt oder verkörpert sich, indem er die Außenwelt sich aneignet. Obwohl die Außenwelt, nähmlich Erde, Wasser, Luft und Licht als Einheit genommen, entge¬ gen wirkt; so vermag der Keim als höhere Kraft den¬ noch so viel davon an sich zu ziehen und in sich zu ver¬ wandeln, als seiner Kraft, mit welcher er auf die Außen¬ welt wirkt, proportional ist. DaS Wachsen geht aber nur so weit, bis die Pflanze ihren Zweck erreicht hat, dann geht ihr Leben nach einem höheren Gesetze wieder abwärts; eben so wird die Bildung der Himmelskörper nur so weit gehen, und ihr Leben unter dieser Form nur so lange dauern, bis sein Zweck erreicht ist. 82- Sonne und Planet bestehen nur durcheinander, daher wirkt die Sonne auf den Planeten und der Pla¬ net ans die Sonne. Die Sonne als das Höhere be¬ herrscht den Planeten, sie würde also, wenn nicht durch ein höheres Gesetz ihr AuSeinandcrseyn bedingt wäre, den Planeten, in so fern er Materie ist, an sich ziehen; so aber wirkt nach eben diesem Gesetze der Planet der Sonne entgegen, und aus dieser Action der Sonne auf den Planeten, und feiner Reaction gegen die Sonne geht jene Erscheinung hervor, die wir die Bewegung um die Tonne nennen. In der Umdrehung um die Axe spricht sich mehr daö eigenthümliche Leben der Him¬ melskörper auS, dessen Wesenheit uns noch unbekannt, und erst durch die Wissenschaft, besonders durch die Astronomie zu enthüllen ist. §. 83. Da Sonne und Planet sich aus dem Weltenrau- nie herausbilden, dieser Weltenraum aber nur Leben ist — 110 — (§. 7'-); so sind nicht nur Sonne nnd Planet lauter Leben, sondern auch der noch zwischen ihnen schwebende Aether ist nichts anderes als Leben; ja, da Centrum und Peripherie, Sonne und Planet einander bedingen, nur durch einander sind; so ist der zwischen ihnen schwebende - Aether nichts als ihre Verlängerung oder daö Organ, wodurch sie einander berühren. Die Weltseele als unendliche Sphäre erscheint nicht, eben weil sie unendlich ist. Sonne und Planet aber sind wirkliche Sphären und gestalten sich: mithin wird auch der zwischen ihnen liegende, ihre Verbindung und gegenseitige Einwirkung auf einauder bewirkende Aelher erscheinen. Dieser, in wirkliche, aber gleichsam noch geistige Erscheinung über¬ gehende, in gerader Richtung wirkende rind den gegenseitigen Einfluß zwischen Sonne und Planet auf einander darstel¬ lende Aether ist das Licht. §- 84. So wie das Hervortreten der sonne- und plane- teubildenden Kräfte nur eine irdische Wiederhohlung, nur ein Abbild jenes Auseinandertretens ist, durch wel¬ ches sich Gott auö srepem Entschlüsse als Weltseele setzte; eben so ist das irdisch erscheinende Licht nur ein Abglanz jenes ewigen Urlichts, welches Gott aus seiner Substanz anzündete, als er durch seinen schaffenden Willen sich als Weltseele setzte. Das Licht ist ein, daö Leben erregendes, Princip, es ist der himmlische, aber schon unter einer irdischen oder sinnlich wahrnehmbaren Form erscheinende Aether. Die Sonne bescheint die Erde, und ein heiteres Leben blüht in unzähligen Formen und Bildungen auf. — 111 —- K5. Dieses ist der a n g e nsch e i n lich e Bew e iS, daß die Erde allein als solche nicht die Schöpferin«, sondern nur die Trä gerinn alles ans ihr erscheinenden organischen Lebenö ist. (§- ?3.) Wie aber kann das Zusammen¬ wirken deS Planeten mit der Sonne die Veranlassung seyn, daß sich die unsichtbaren Lebenskräfte nach philo¬ logischen Gesetzen auf der Erde organisch gestalten? Warum tritt besonders daö Pflanzenleben nach einem Zeitgesetze hervor, welches regelmäßig im Umlaufe der Himmelskörper gegründet ist? Tritt die Pflanze nach Ablauf dieser Zeit auS der orgauischen Form bloß des¬ wegen zurück, um sich als eben diese Pflanze wieder neu zu gestalten, oder vielleicht um unter gewissen Um¬ ständen in einer höheren Form zu erscheinen? Wie ver¬ hält sich in dieser Beziehung das Thierleben, besonders daö höhere, zum Pflanzenleben? Dieses sind Fragen, inhaltsschwer und bedeutungsvoll für die Entwicklungs¬ geschichte des Lebens, aber das über denselben schweben¬ de Dunkel kann erst die Zukunft enthüllen. 86. Jede bestimmte Größe in der Mathematik setzt als solche andere Größen schon voraus, damit sie zu ihnen im Verhältnisse stehen könne, diese andern setzen " auch wieder andere voraus; alle möglichen Zahlen und Figuren bilden daher eine unendliche Kette, alle gehen aus dem Zero hervor, ja sie sind nur das Zero in end¬ licher Form. Auf eben diese Art bilden alle Sternen¬ systeme des Universums und alle auf denselben lebenden Wesen eine zusammenhängende Kette, jedes setzt, nm daö — 112 — in seiner Art zu seyn, was eS ist, die andern voraus, alle gehen aus der Weltseele hervor, sind nur ihr Abbild in endlicher Form. Was demnach das Zero für die reine Zeit- und Raumwissenschaft oder Mathe¬ matik ist: das ist die, alle organischen Wesen in sich tragende und erhaltende Weltseele für die LebenSwissenschaft oder Philosophie. Anmerkung. Man nennt die Lebenswiffenschaft auch Phy¬ siologie. Physiologie ist der Wortbedeutung nach die Lehre von der Natur überhaupt, und da die Natur nur durch Leben sich mannifestirt; so ist Physiologie im eigentlichen Sinne die Wissenschaft des Lebens. Man kann nun das Leben erfassen entweder nach der EigenthünUichkeit seiner Erscheinung, wie es von den niedrigsten Formen bis zu den höchsten in gesetzmäßiger Stufenfolge als Einheit von Geist und Körper sich offenbart; oder man betrachtet es nicht nur seinem Ursprünge und seinem Wesen, sondern auch seinem Zwecke und seiner ewigen Bestimmung nach. Im ersten Falle ist die Wissenschaft desselben Physiologie, im zwcyten aber Philosophie. Da die Philosophie in diesem Sinne den Zweck und die Bestimmung alles irdischen Daseyns vor Augen hat, und auf den Werth oder Unwerth jedes menschlichen Stre¬ bens aufmerksam macht ; so ist sie leitendes Princip für alle Wissenschaften, mithin auch für die Physiologie. Sie ist die klare Sonne, die alle Wissenschaften innerlich er¬ leuchtet, und die innere Einheit des Erkennens in allen Zweigen des Wissens beabsichtiget. Bon diesem Ziele ist sie, da es ein Unendliches ist, freylich noch weit entfernt, aber eingedenk, daß ihre Aufgabe nur durch ein immer¬ währendes Weiterschreiten gelöset werden kann, macht die echte Philosophie auch keinen Anspruch auf den Rang einer bereits abgeschlossenen Wissenschaft, sondern führt — 113 — den bescheidenen Nahmen Philosophie, das ist, Liebe zur Weisheit, oder Streben nach Weisheit. Das Zero und die Weltseele sind, wie schon (§. l>2.) angezeigt wurde, für das Leben ein Einziges, ein Un¬ getrenntes, ein Totales; durch die Reflexion aber wer¬ den sie zum Behufe der Wissenschaft geschieden. Die Wissenschaft dieses Ungetrennten, Totalen ist die Philosophie; die Wissenschaft des Zero für sich ge¬ nommen aber ist die Mathematik. Philosophie und Mathematik gehen also aus dem Leben hervor, und so wie iu d.er Mathematik jede Größe in der Idee die Darstellung des unendlichen Formel¬ len in einer endlichen o d e r b e st i m m t e n F o rm ist; eben so ist in der Philosophie jedes Individuum oder lebende Wesen die end¬ liche Darstellung eines an sich unendlichen Lebens. Beyde Wissenschaften haben demnach eine und eben dieselbe Quelle, und in ihrem Grundprineip das Gesetz mit einander gemein, daß alles, was in die Er¬ scheinung tritt, unter einer bestimmten Form erscheinen muß. Diese Form ist bey organischen Wesen Leben und Form zugleich, bey mathematischen Größen aber ist sie bloße, durch menschliche Abstraction gewonnene Form. 87. Außer diesem Gesetze haben bepde Wissenschaften, streng genommen, nichts mit einander gemein. In die¬ sem Puncte treffen sie zusammen, und von hier aus scheiden sie sich. Der Mathematiker kann die Zeit und den Raum, als Abstracta gedacht, in die verschiedensten Formen bringen, das heißt, er kann Zahlen und Figu- 8 — 114 — ren der verschiedensten Art nach Belieben schaffen, und ihre Verhältnisse gegen einander streng bestimmen; aber mit dem Leben kann er nicht so umgehen, er kann eö nicht so schaffen, wie er die mathematischen Größen schafft, denn die Formen desselben sind nach einem, über die irdische Erscheinung hinausliegenden Gesetze bestimmt. 88. Durch die Nachweisung von der Entstehung der Zahlen, der Sphäre und der Linie sind wir in dasGe- bieth der Mathematik, und durch die Darstellung von der Entwicklung deö LebcnS unter den Formen von Son¬ ne und Planet, deren gegenseitige Wechselwirkung als Licht erscheint, sind wir in die wirkliche Welt versetzt. Die näheren Verhältnisse und die erkennbaren Bestim¬ mungen derselben, so wie auch die weitere Entwicklung des Lebens auf dem Planeten, hat die auf Mathematik gegründete, und zur Philosophie sich erhebende Natur¬ lehre oder Physiologie zu enträthseln. DaS Unendliche und Ewige tritt auö sich in die Erscheinung hervor, eö offenbart sich dem Menschen, eS läßt sich durch die Wis¬ senschaft handhaben, und Mathematik und Philosophie sind die Wege, ans denen die menschliche Vernunft eS immer mehr zu erfassen strebt. 89. Bisher wurden sowohl über das Wesen der Ma¬ thematik und Philosophie, als auch über das Gesetz, welches beyde in ihrem Grundprincipe mit einander ge¬ mein haben, einige Andeutungen gegeben. Beyde Wis¬ senschaften wurden aus einem Grundprincipe abgeleitet, jede aber als eigenthümlich betrachtet, so, daß sie als von einander gesonderte Wissenschaften dastehen. Jede 115 — hat nun, wenn sie weiter verfolgt werden, ihre eigene Tendenz. Deswegen wird hier abgebrochen, weil wir weder eine Darstellung der Mathematik noch der Phi¬ losophie liefern, sondern nur Andeutungen über ihr We¬ sen und über ihr Verhültniß zu einander geben. Um dieses Verhültniß noch näher zu beleuch¬ ten, und vieles von dem, was bisher ans dem, der Betrachtung zum Grund gelegten Wesen der menschlichen Seele gleichsam wie aus einem a n s g e st e llt e n Princip d e du- cirt erscheint, in der Natur, oder in der Wirklichkeit der Dinge n a ch z u w e i fen; wollen wir zwischen Mathematik und Philosophie einige Paral¬ lelen ziehen; hierdurch werden wir Gelegenheit erhalten auf das Leben selbst überzugehen, um daö Verhültniß seines Wesens zu seiner irdischen Erscheinung ins Auge zu fassen, und den der ganzen Schrift zum Grunde lie¬ genden Sah, daß alles sichtbar Erscheinende ein Erzeug¬ nis; des Lebens sei), oder mit andern Worten, daß sich die Seele den Leib baue, näher zu beleuchten. drvglrichungen. §- 90. Die Mathematik faßt in der Idee des Zero das Unendliche als ein Princip auf, aus dem sie Zeit und Raum deducirt, mit deren Bestimmungen sie sich her» nach beschäftiget. Sie gelangte früh zu einer klaren Einsicht in diejenige Idee, die wir als Zero bezeichnet haben, weil sie von allen Prädicaten abstrahirte, und diese Idee nur als reine Zeit und als reinen Raum auf- 8 * — 116 — faßte. Uebrigens wird das Unendliche in der reinen Mathematik bloß als formell betrachtet, und das Zero erhält in der Speculation nur seine Würdigung, in so fern cs der Grund aller Zahlen, Puncte, Linien und Figuren ist. s)1. Die Philosophie hingegen faßt die nähmliche Idee als unendliches Leben, wodurch zugleich alle nur denk' baren Eigenschaften und Vorzüge in ihrer höchsten Voll¬ kommenheit schon gesetzt sind, auf. Sie kam viel spä¬ ter als die Mathematik zu einer klaren und geordneten Einsicht in das Unendliche als All-Leben, weil sie, durch die Fülle des Stosses niedergehal¬ ten, sich nur nach dem Verlaufe vieler Jahr¬ hunderte aus der zahllosen Menge von Er¬ scheinungen, die sie zu erklären suchen mu߬ te, nach und nach zu der Höhe empor arbei¬ ten konnte, auf der sie jetzt steht. Die Ge¬ schichte der Philosophie zeigt in den verschiedensten Sy¬ stemen daS Ringen der größten Weisen aller Völker und Zeiten, uni zur Wissenschaft des Lebens zu gelangen. Das Princip des allgemeinen Lebens, oder der Grund¬ satz des wahren Verhältnisses zwischen dem Geistigen und Körperlichen war seit den ältesten Zeiten vorhanden, die wahre Auffassung und Einführung desselben aber gehört unserer Zeit an, in welcher die Philosophie wie¬ der zur Natur zurück zu kehren ansing, von der sie sich seit Sokrates entfernt hatte. §. 92. Es wurde gesagt, die Mathematik, in so fern sie di» rein» Wissenschaft der Verhältnisse der Zeit und des — 117 — Raumes ist, sey etwas bloß Formelles. Sie ist ein Formelles wohl in der Erscheinung, keineswegs aber ist es ihre Idee oder ihr Wesen. Indem die Philosophie die Zeit und den Raum nie vom Leben rrennen kann, so ist auch die Mathematik ihrem Wesen nach mit dem Leben zugleich gesetzt. Sie stellt sich dar in Zahlen und Figuren, die Gestalten aber, in denen das Leben so viel¬ fach in die Erscheinung übergeht, sind ebenfalls Figuren. Die erscheinende Welt ist mithin eine Mathematik lebendiger Größen von Gott geschaffen; so wie die wirkliche Mathema¬ tik eine Welt formeller Größen ist, von dem Menschen geschaffen. Wenn gesagt wird, daß in der Mathematik jede Größe die Hineinbildung des unendlichen Formellen in ein endliches Formelles, und in der Natur jedes lebendige Wesen die Hineiiibil- dung eines, einer unendlichen Vervollkommnung fähi¬ gen Lebens in ein endliches oder bestimmtes sey; so heißt dieses nichts anderes, als, so wie das Eins seinem Wesen nach daS Zero repräsentirt, eben so repräsentirt jedes individuelle Leben seinem Wesen nach das All- Leben, und die Möglichkeit dieser Repräsentation oder der innere Znsanimenhang zwischen dem Wesen und der Erscheinung ist d?r Grund, daß die einzelnen Wesen in der Sinnenwelt existiren. Die Mathematik ist daher in den Tiefen der Na¬ tur gegründet, sie ist nicht bloß als ein Abstractum des Verstandes da, ihr Wesen war da , ehe die Operationen des Verstandes, die sich auf die Erfahrung durch die Sinne gründen, zu willen begannen. Wäre sie bloß durch die Sinne begründet; so hätte sie keinen ewigen, unantastbaren Urgrund, und wäre nur eine Erfahrungö- wiffenschast. F reylich beschäftigt si e si ch n > ch t — 118 — mit dem Leben, sondern nur mit jener Aeu- ßerung desselben, die für den Verstand das Harre, Strenge und Unveränderliche ist, die aber so erscheinen muß, wenn das Leben durch eine mannigfaltige Welt von Wesen, die gegen einander in Beziehung stehen, sich offenbaren soll. Indem der Ma¬ thematiker die Idee dieses Unveränderlichen vom Leben getrennt erfaßt, in beliebige Verhältnisse gestaltet und zum Gegenstand seiner Wissenschaft macht; so erscheint diese dann als ein Formelles. §- 93- Die Philosophie hingegen kann nie als ein For¬ melles, sie muß immer als ein Lebendiges erscheinen. In¬ dem sie durchaus nur die Idee des Lebens im Auge hat, sucht sie die erscheinende Welt als allseitige Offen¬ barung desselben zu enträthseln, das Verhältniß der ein¬ zelnen Wesen unter einander und zu ihrem Schöpfer zu bestimmen, und ihre ewige Bestimmung zu ergrün¬ den. In so fern sie sich mit diesen Gegen¬ ständen beschäftiget, ist das Ziel ihres Forschens und die Hauptaufgabe ihres Be¬ strebens eben so unumstößlich und wahr, als es die Mathematik selbst ist; ja, die M a t h e m a ti k h at eben d i e B e si i m m u n g, h i er- zu nur ein Mittel zu seyn. Allein die philoso¬ phischen Systeme, das ist, die endlichen Versuche, diese Aufgabe zu lösen, müssen wechseln, so wie die Ansicht der Welt und des LebenS fortschreitend wechselt, und so, wie der Mensch, der das System aufstellt, nur ein Individuum ist, welches in der Menschheit verschwindet, und dem nur die Uebersicht eines bestimmten Kreises vergönnt war. — lig — 94- Hat die Mathematik das Eins in der Idee rein aufgefaßt, ist sie zur Idee der Sphäre gelangt und hat sie daraus die Vorstellungen vom Kreise und von der Linie deducirt; so läßt sie diese Ideen aus sich heraus- treteu oder real werden. Sie denkt sich beliebige Zah¬ len oder Zeitgrößen in der Arithmetik, und beliebige Figuren oder Raumgrößen in der Geometrie. Immer aber erweiset es sich, daß jede reine, sowohl Zeit als Raumgröße die Hineinbilduug einer unendlichen Zeit und eines unendlichen Raumes in ein Endliches sep. 95- Die Philosophie sucht ebenfalls, nachdem sie die höchste göttliche Idee als Urgrund alleö erscheinenden LebeuS aufgefaßt hat, die Formen aufzufinden, unter denen das Göttliche aus sich hervortritt, daö ist, wie es die Welt schafft. Das Zero ist in der Philosophie die Weltseele, die Sphäre ist der gestaltete, alles Leben in¬ haltschwer in sich tragende Raum, die Vorstellung des Mathematikers von Eentrum und Peripherie wird in der Philosophie reell durch Sonne und Planet, der Ra¬ dius stellt sich dar im Lichte, und wenn in der Arith¬ metik alle Zahlen nach einander nur eine Progression darstellen, in welcher eine Zahl immer größer wird als die andere; so erscheint die ganze irdische Schöpfung ebenfalls als eine Progression lebendiger Bildungen, von denen eine immer edler organisirt ist, als die andere. Ueberali jedoch sieht die Philosophie nicht bloß auf die äußere Form, sondern vorzüglich auf das Leben dec Dinge und auf ihr innerstes Wesen. — 120 — An der Spitze dieser Progression lebendiger Ge¬ schöpfe auf der Erde steht nun der Mensch. So wie die niederen Zahlen zwar Ideen des Zero, aber doch nur Mittelglieder für die höheren Zahlen sind; so sind die unter dem Menschen stehenden Wesen, die Elemente, Mineralien, Pflanzen und Thiere zwar Ideen, die auf ihrer Stufe das Unendliche repräsentiren, aber Mittel¬ glieder in der großen Kette zum Behufs der menschli¬ chen Entwicklung. So wie daS Zero alle Zahlen vergei¬ stigt in sich enthalt; eben so enthält der Mensch alle Ge¬ setze der irdischen Schöpfung vergeistigt in sich. In ihm erwacht dasBewußtseyn und mit diesem die Persönlichkeit, er reflectirt über das Ziel seiner Bestimmung, er ist frey und steht durch die Freyheit über allen andern irdischen Geschöpfen. Er ist geistig von allen geschieden durch den Funken des Göttlichen, der in ihm glüht, und wenn die Natur in körperlichen Bildungen Gottes Unendlich¬ keit offenbart, so ist der Mensch durch seine geistigen Vorzüge dessen sichtbares Abbild. Auf diese Weise wird Gott, den man sich als ein, bloß über der Natur stehendes, von ihr absolut getrenn¬ tes und theoretisch unerweisliches Wesen gedacht hat, in der Natur überall gefunden. So wie daS We¬ sen der Mathematik seine absolute Gewi߬ heit in sich trägt, so wie die Idee des Le¬ bens nicht erst bewiesen werden darf, sondern überall sich m a n i s e stjrt, w e n n m a n es nur sehen will: eben so mauifestirt sich Gott überall, wenn man ihn nur finden will. Die einzelnen mathematischen Wahr¬ heiten oder Sätze müssen bewiesen, und ihr Verhält« iß zum System dargestellt werden, das Wesen der Mathematik aber ist vor — 121 aller Erfahrung; eben so müssen wohl alle einzelnen irdischen Dinge untersucht und ihr Verhältnis; zum Schöpfer dargestellt werde»/ das Wesen Gottes aber ist vor aller Erfahrung. Je mehr wir in das Wesen der Dinge cindringen, desto mehr treten wir Gott näher/ so wie der Mathematiker immer mehr dem Wesen sei¬ ner Wissenschaft näher tritt, je mehr einzelne Wahrhei¬ ten oder Sätze derselben er auffindet. Je mehr durch das Studium der äußern Natur die Tiefe unserer eige¬ nen Natur, in welcher geistig das ganze Universum sich spiegelt, unS offenbar wird, desto mehr wird uns auch Golt offenbar. DaS ist eben , wie schon gesagt wurde, der einzige Beweis vom Dasepn Gottes, daß der Mensch so geschaffen ist, daß er vermöge seiner Natur Gott in sich finden, daß er einsehen kann, er selbst sey Gottes Ebenbild, jedes Ding außer ihm sey ein näheres oder ferneres Abbild seiner eigenen Natur, und das ganze Universum, wie cs nach ewigen Gesetzen in schönster Harmonie sich bewegt, sey nur das Gewand, die äußere Hülle, durch welche Gottes inneres Wesen den sterbli¬ chen Augen offenbar wird. Das 'ist eS eben, waö das Philosophische Streben unserer Tage so hoch stellt, daß Man nähmlich das Unendliche im Endlichen ü b e r a l l a u sz u s i n d e n, d a s E n t st e h e n d e s E n d- lichen aus dem Unendlichen, sein Bestehen nur durch das Unendliche, und sein noth- wendig es Zu rückgehen in das Unendliche in jeder Beziehung dar zu stellen bemüht ist. Anmerkung. Auf diesen Standpunct muß der forschende Geist sich stelle, wenn ihm die Idee des Lebens etwas klarer werden soll. Er muß bedenken: itens die crschei- — 122 — ncnbe Welt der Dinge oder der Inbegriff beS Endlichen wird nur aus der unendlichen Welt des Geistigen, wie wir sie in den 62 — 68. bezeichnet haben, klar, diese allein ist das Unvergängliche, die Körperwelt ist bloß Metamorphose. 2tens das Leben an sich kann nicht demonstrirt oder bewiesen werden, denn Beweisen heißt die Gültigkeit eines Begriffes durch die Gültigkeit eines andern Begriffes, der mit dem erster» in nothwendiger Verbindung steht, darthun. Nun aber geht das Leben aus Gott allein, und nur aus ihm hervor, folglich kann uns nicht die Idee desselben in ihrer Fülle, sondern nur in dem Maße klar werden, als uns das unendliche Wesen Gottes selbst nach und nach verständlich wird. Ztens das Leben ist überall und in Bezug auf seinen Ursprung nur Eines, daher kann man, streng genommen, cs gar nicht definiren, denn es fehlt das xenus proximum. Will man sagen, das Leben sey ein Vermögen, so setzt dieser Aus¬ druck die Idee des Lebens schon voraus, lltens die kör¬ perlichen Gestalten, durch welche das Leben auf der Erde Bestand gewinnt, sind relativ und wechselnd, ihr Daseyn kann nur aus ihrem Verhältnisse zum Ganzen oder aus dem Geiste, und nicht aus der Erscheinung im Einzelnen begriffen werden. Deßwegen steht die Idee der Pflanze und desThieres — das Mineral ge¬ hört zum Erdganzen — in Hinsicht ihrer Bestimmung noch unverstanden da; bloß des Menschen wegen können sie wohl nicht geschaffen sehn, sondern müssen, physiologisch genommen, ihren eigenen Zweck haben. Ztens weil uns das Leben nur in dem Maße klar wird, als wir das Wesen Gottes selbst erfas¬ sen, die ganze Welt aber Gottes realisirter Gedanke ist; so folgt daraus, daß wir das Leben von,di e- serErde allein aus nie vollkommen erfassen können. So wie die Erde mit den Planeten, mit der Sonne und mit dem Universum zusammenhängl, und in dieser Reihe eine eigene Stufe einnimmt: so bildet gewiß auch das Leben auf diesen Himmelskörpern eene fortge- — 123 — hende Reihe , nimmt auf der Erde «ine eigenthümlichs Stufe ein, kann daher von diesem Himmelskörper allein aus nicht in seiner ganzen Fülle erkannt werden. §- 96. Hat sich die Mathematik beliebige Zahlen oder Figuren selbst geschaffen, so betrachtet sie die Verhält¬ nisse derselben streng gegen einander, kleidet die Resul¬ tate ihrer Forschung in Sätze ein, die eben so gewisse und unumstößliche Wahrheiten enthalten, als die For¬ men der Zeit und des Raumes für die endliche An¬ schauungsweise unumstößlich sind. Hier zeigt sich diese Wissenschaft in ihrer wahren Größe, als ein feststehendes Ilrgebirg, unantastbar gegen alle Angriffe, und da alle Menschen die wirkliche Welt und alle in ihr vorhandenen, in die Sinne fallenden Gegenstände nur unter den For¬ men der Zeit und des Raumes aisschauen können ; so ist auch jede, in der reinen Mathematik streng bewiesene Wahrheit für alle Menschen allgemein gültig. Die mathematischen Wahrheiten lassen sich deßwe- gen so streng beweisen, weil die Objecte derselben Er¬ zeugnisse deS Mathematikers selbst sind, deren innerstes Wesen er ganz durchschaut, so wie Gott die ganze Welt durchschaut. Indem sie nichts anderes, als die reine Idee ihrer selbst sind, setzen sie deni, der sie betrachtet, keinen, ihr Wesen verhüllenden Stoff entgegen. Wie hüllen¬ lose Geister treten die Formen hervor und verschwinden. Anmerkung. WaS verdient wohl mehr unsere nähere Auf¬ merksamkeit , als die Auflösung eines mathematischen Problems? Verborgen ist die unbekannte Größe, invol- virt ist sie noch im Unendlichen, ja sie zeigt sich selbst noch als das Unendliche, oder als das Formlose. Nun werden die bekannten Größen nach gewissen Gesehen ge- — 124 — mischt, und die unbekannte springt hervor aus ihrer Ver¬ hüllung. Entstanden ist sie nicht erst durch die Auf¬ lösung , denn die Auflösung ist nichts anderes als die Enthüllung des Verhältnisses, in welchem die neu- gefundene zu den vorher bekannten Größen steht; dieses Verhältniß mußte aber seiner Idee nach schon vor der Auflösung das nähmliche seyn. Die im Unendlichen in- votvirte Größe ist bloß aus ihrer Verhüllung hervorge¬ treten , ihr Verhältniß zu den übrigen bekannten Zohlen ist offenbar geworden, oder sie ist als ein Endliches, als ein Bestimmtes erschienen. Ist bey der Zeugung in der organischen Welt nicht der nähmliche Vorgang, indem nach gewissen Gesetzen sich hier ebenfalls ein Wesen, wel¬ ches im Reiche deS Geistigen (h. 67.) schon da war, aus dem allgemeinen Leben absondert, und in das besondere oder in die Sinnenwelt eintritt? Wir nennen das über der Sinnenwelt stehende Reich des Geistigen das allgemeine Leben, weil uns dar¬ in kein Wesen individuell mehr wahrnehmbar ist, sondern alles in die indifferente Form des Raumes zusammen- stießt. Daß aber die Wesen auch dort als solche exi- stiren, davon liegt der Beweis darin, daß sie sogleich bey ihrem Auftreten in der Sinnenwelt dem Gesetze nach schon das sind, was sie später als entwickelte Organis¬ men wirklich sind. DaS Räumlich- oder Leiblichwerden ist, wie später gezeigt werden wird, kein Entstehen, son¬ dern ein Entwickeln ans irdische Art. So wie das Leiblich wer den kein Entstehen ist; so ist auch das Hervortreten aus dem a ll g e m ei- n en Leben kein materielles Losreißen oder Trennen eines Theiles von demselben, sondern ist ein g e i st i g e r V o r g a n g, z u w e l- chen wir in der Sinnenwelt kein treffen¬ deres Gleichniß finden, als das Hervor- — 125 — treten der unbekanntenZahlbey der Auf¬ lösung eineö mathematischen Problems. §. 97- Wenn sich der Mathematiker die Objecte seiner Wissenschaft selbst schafft; so verhält es sich in dieser Beziehung anders im Reiche der Philosophie. Der Philosoph kann sich dieselben nicht selbst schaffen, er muß die Dinge in der Natur, wie er sie vorfindet, anneh¬ men; er betrachtet an ihnen nicht das Zähl- und das Meßbare, sondern ihr Leben und ihr innerstes Wesen. Hier treten nun seinen Betrachtungen einerseits der hin¬ dernde Stoff, andererseits aber die freyeren Erscheinun¬ gen des Lebens in den mannigfaltigsten Abstufungen entgegen. Er wird in der unendlichen Fülle der Er¬ scheinungen nur dann zu einem feststehenden Resultate, zu wirklichen Wahrheiten gelangen, wenn er das, in den sich zu widersprechen scheinenden und seltensten Phäno¬ menen Wirkende in seiner Einheit zu erkennen, und den Widerstreit der Erscheinung in der Idee aufzuheben vermag. Da das Leben als einzige, allen Wesen zum Grunde liegende, Idee durch alle Stufen der Entwick¬ lungen sich hinzieht; so wird eö hierdurch erklärbar , warum so viele philosophische Systeme wechseln und einander verdrängen müssen, bis diese Idee klarer auf- gefaßr, und in den verschiedensten Modifikationen allen Erscheinungen zum Grunde liegend erkannt werden wird. Die Speculation hatte sich, um in das Wesen der Din¬ ge einzudringen, vielseitig, aber immer vergeblich ab¬ gemüht, big es durch die unzähligen, von der empirischen N a t u r so r sch u n g zu Tage ge¬ förderten, herrlichen Beobachtungen und angestellten Versuche der nach Einheit — 126 -- strebenden Vernunft möglich ward, sich zu der Idee zu erheben, daß überall, auch jn dem bisher todtGegla übten, Leben sich offenbare. Diese Idee war, wie es die Ge¬ schichte der Philosophie beweiset, in den ältesten Zeiten schon da gewesen, mußte aber ganz natürlich wieder- verloren gehen, weil der menschliche Geist in der Na- turforschung weiter rückte, und durch die zahllose Menge der Erscheinungen, die ihm von allen Seiten entgegen traten, und die er aufzufassen nicht mächtig genug war, auS der Idee eines allgemeinen Zusammenhanges her¬ aus gerissen wurde. So wie der Mensch in der ersten Periode seines Lebens mit der Natur in innigster Vereinigung ist, und durch ihre weise Anordnung, ohne willkürlich mit thä- tig zu feyn, leibliche Existenz und Nahrung erhält, dann aber aus diesem Zusammenhangs gerissen und als Indi¬ viduum hiugesetzt wird, um durch Selbstthätigkeit fei» Leben fortzubilden und fähig zu werden, sich durch eigene Kraft daö zu erwerben, was er früher unmittelbar von der Natur erhielt; so erging eS auch der Philosophie, irnd mußte ihr so ergehen, weil keine andere Wissen¬ schaft so sehr wie sie, die Wissenschaft der Menschheit selbst ist. Sie ging als Wissenschaft der Natur und ihres Lebens unmittelbar von dem letzter» selbst aus, ward, als sie sich, auf ihre eigene Kraft vertrauend, weiter wagte, aus ihrem lebendigen Zusammenhang mit der Natur ge¬ rissen , und mußte sich durch alle Labyrinthe der Spe¬ kulation und Erfahrung durcharbeiten, um durch frepes, selbstbewußtes Forschen wieder dahin zu gelangen, von wo sie Anfangs, gleichsam instinctmäßig auögegangen war. In unserem Zeitalter fing man an, zur Uebsrzeu- gung zu gelangen, daß man, um das Wesen der Din- — 127 — ge zu erforschen, vom Leben in der Natur selbst anfan¬ gen, und eS in allen seinen zahllosen Verzweigungen verfolgen müsse. Wenn daher auch die Wissenschaft des Lebens jetzt bloß noch Idee ist, wenn die Vernunft noch ganz an der Schwelle des Heiligthumes steht, in wel¬ ches einzudringen der Nachwelt Vorbehalten bleibt; so ist doch der Weg angedeutet, auf dem eS möglich seyn wird, in der Erkenntniß alles Lebens und Seyns fort¬ zuschreiten. 98- Die Mathematik theilt sich in die reine und ange¬ wandte. Die reine umfaßt die Größen als Gegenstände der bloßen Abstraction, ohne Rücksicht auf Materie und Inhalt, und die aus dieser Forschung entspringenden Wahrheiten werden in Sätze eiugekleidet und systematisch zusammengestellt. Sie zerfällt in zwey Haupttheile. Sieht man die Große bloß als eine Menge einzelner Theile an, auf deren Verbindung gegen einander oder auf deren La¬ ge unter sich nichts ankommt; so entsteht der Begriff einer Zahl: betrachtet man aber ein Ganzes, dessen Theile im ununterbrochenen Zusammenhänge stehen; so hat man den Begriff eines Räumlichen. Mit den Zah¬ len beschäftiget sich die Arithmetik, mit den Raumgrößen die Geometrie. Die Zahlen sind gestaltlos und ideal, die Rauwgrößen versinnlichen sich und haben eine Figur. Die Arithmetik stellt den idealen, die Geometrie den realen Thcil der Mathematik dar. Hat die reine Mathematik ihre Sätze streng bewie¬ sen und geordnet; so betrachtet die angewandte diese Wahrheiten, in so fern sie sich auf Gegenstände des gemeinen Lebens anwenden, oder auf Erfahrungssätze aus der Naturlehre gründen lassen. Die, ohne Rücksicht — 128 — auf Materie und Inhalt ausgemittelten Größenverhält- uisse werden auf die vorhandenen Gegenstände angewen- det, und letztere bloß unter dieser Bedingung, abge¬ sehen von allen übrigen Beziehungen, angeschaut. Die Kraft der Bewegung, das Licht, die Lust, die Schwere, die Planeten und alle, sowohl festen als flüssigen Kör¬ per und ihre Eigenschaften sind nicht alö Dinge an sich, sondern nur in so fern Gegenstände dieser Wissenschaft, als sie sich geometrisch nach Linien, Winkeln, Flächen und kubischen Inhalt, oder arithmetisch nach der Quan¬ tität, das ist, nach dem inneren Maß ihrer Kräfte, in so fern dieses durch Zahlen ausgedrückt werden kann, bestimmen lassen. In dieser Beziehung wird die Mathe¬ matik besonders wichtig, denn sie ist der leitende Stern für die combinirende Vernunft, und hierdurch die Ur¬ sache der erstaunlichsten Entdeckungen und Erfindungen des menschlichen Geistes im Gebiethe der Astronomie, und in allen Zweigen der Mechanik und Technik. Die Mathematik ist in ihrer Reinheit eine ge¬ wisser Maßen schon vollendete Wissenschaft, und steht in ihrer hohen, unantastbaren Würde da. In ihrer An¬ wendung auf die Verhältnisse des gemeinen Lebens ist sie noch einer unendlichen Bereicherung fähig, sie hat in dieser Hinsicht keine andern Grenzen, als die Welt selbst, und kann so viele Zweige enthalten, als es Ge¬ genstände gibt, bei) denen sich Größen durch Schlüffe bestimmen lassen. In dieser Anwendung tritt sie aus sich heraus, verbindet sich mit dem Leben und wird hier¬ durch aus einer formellen wieder eine reelle Wissenschaft. §- 99- Wie verhält es sich in dieser Beziehung in der Phi¬ losophie? Diese, in so fern sie die Wissenschaft von dem — 12Y — Wesen der Dinge ist/ in so fern sie die höchsten und wichtigsten Gegenstände, Gott, Welt, Mensch und de¬ ren wahres Verhältnis zu einander überhaupt betrach¬ tet, und die höchste, für den Menschen erreichbare Er- kenntniß dieser Gegenstände zum Zweck hat, ist noch weit von der Vollendung entfernt, deren sich die Mathema¬ tik bereits erfreut; sie muß es aber auch seyn, denn die Mathematik hat es nur mit der Form, die Philosophie aber mit dem Leben zu thun. Sie ging zwar von Gott, als dem höchsten und ewigen Urprincip alles Lebens und zwar von der allgemeine» Ansicht aus, daß dieses allen Wesen zum Grunde liege, bald aber war die Speku¬ lation genöthiget, auf die Natur, wie sie ist, Rücksicht zu nehmen, und mit der sorgfältigen Untersuchung dessen, was den Sinnen gegeben ist, anzufangen. Sie taucht sich daher in die unzähligen Formen des Lebens und seine Verschlingungen ein, sucht als Theosophie das un¬ aussprechliche Wesen Gottes, so weit es die menschliche Erkenntnißkraft aus der Natnroffenbarung erfassen kann, zu enthüllen; als Naturphilosophie das erscheinende Uni¬ versum überhaupt zu enträthsel»; als Physiologie das Leben in allen seinen zahllosen Verzweigungen zu ver¬ folgen; als Anthropologie die Entwicklung des Men¬ schen auö der organischen Welt, und sein Verhaltniß zu derselben zu bestimmen, als Medizin die hindernden Ursache», die seiner Vervollkommnung ans physischen Ursache» oder aus der eigenen Organisation entgegen treten, z» entfernen; als Logik die Quelle der Jrrthü- mer anfzudecken; als Recht- und Staatslehre die bür¬ gerliche» »»d öffentlichen Verhältnisse fest zu stellen, und endlich als Moral die Regeln zu sanctioniren, durch deren Beobachtung die Erreichung des höchsten Gutes für den Menschen möglich wird. Sie versenkt sich also s) — 130 — in das Reale, wird aber in ihrer Anwendung auf de» Menschen wieder eine ideale oder Geisteswissenschaft. 100. In der Mathematik muß die Vernunft, um ein oberstes Princip zu haben, sich zur Idee des Zero er¬ heben. Dieses Zero ist aber an sich nichts Bestimmtes, es ist weder eine bestimmte Zahl, noch ein Punct, we¬ der eine Linie noch ein Kreis, es ist weder groß noch klein, es enthält weder eine Zahl noch Figur als wirk¬ lich , wohl aber alle Größen der Anlage nach in sich. In dieser Beziehung kann man, wenn von der wirkli¬ chen Erscheinung der Zahlen und Figuren abstrahirt, und das Zero bloß als idealer Inbegriff derselben be¬ trachtet wird, sagen, das Zero sey für die Er¬ scheinung ein Nichts, man muß aber zu¬ gleich behaupten, es sey dem Wesen nach AlleS; denn, indem es keine wirkliche Größe in sich enthält, ist eS doch der Grund aller wirklichen Größen. Daraus geht hervor, daß, wenn man von der Erschei¬ nung abstrahirt, dasjenige, was wir gewöhnlich Nichts nennen, in seiner Wesenheit auch mit dem Nahmen »Alles« bezeichnet werden könne. Sieht man hingegen nicht auf das Wesen, sondern auf die Erscheinung, so zeigt es sich, daß die Ausdrücke »Nichts und Etwas« nur relativ seyen; denn jedes Nichts ist nur die Nega¬ tion bestimmter oder endlicher Größen. Ein absolu- tes Nichts aber, oder eine absolute Nega¬ tion, durch welche auch der, über die Er¬ scheinung hinauSliegende Grund alles Sey ns aufgehoben würde, ist absolut un¬ möglich. — 131 — §. 101. Die evidente Unmöglichkeit eines absoluten Nichts und die Nachweisung der Relativität alles Erscheinen¬ den sind von größter Wichtigkeit für die Philosophie. Welchen Sinn hat die Redensart: Gott hat die Welt auö Nichts geschaffen? ES wurde gesagt, Gott sey in einem freywilligen Entschlüsse als Weltseele auö sich hervorgetreten. So wie mit dem Zero keine bestimmte Größe, wohl aber alle Größen der Möglichkeit nach schon gesetzt sind; eben so waren mit der Weltseele alle in der Wirklich¬ keit erscheinenden Wesen der Anlage nach schon gesetzt. So wie jedoch das Zero für die Erscheinung ein Nichts ist; eben so war die Weltseele für die irdische Erschei¬ nung noch ein Nichts. Gleichwie aber das Zero als unendliche Sphäre auseinander tretend gedacht werden muß in Centrum und Peripherie; eben so denken wir uns die Weltseele auseinander getreten in höhere und niedrigere Kräfte, §. 63. — 68. Gleichwie ferner in der Mathematik eine wirkliche Sphäre dadurch entsteht, daß die allgemeine Idee der Sphäre unter einer be¬ stimmten Umgrenzung gedacht wird; eben so entstehen auf der Stufe unserS Sonnensystems die, alle andern Organismen irdisch auS sich entwickelnden Himmelskör¬ per dadurch, daß das ihnen zum Grunde liegende Leben, welches sßr uns , weil wir über unserer Sinnensphäre nichts Individuelles mehr unterscheiden , nur unter der Idee des Allgemeinen denkbar ist, sich irdisch individuell als Sonne und Planet gestaltet. Nach dem Gesetze also, nach welchem in der Ma¬ thematik die im Zero der Möglichkeit nach schon gege¬ benen Größen durch den menschlichen Gedanken in be¬ si* . — 132 — stimmte Figuren übergehen; nach eben demselben gehen die in einer höhern Welt schon gegebenen, aber irdisch nicht wahrnehmbaren Wesen nach der Anlage des Welt¬ planes in die irdische Verleiblichung über. Wenn daher das als unbestimmter Raum sich dar¬ stellende Zero mit allen seinen möglichen Figuren an sich zwar wesentlich, für die Erscheinung aber ein Nichts ist; so ist auch das über der Sinnenwclt liegende ganze Reich der in die irdische Organi¬ sation herein zu treten be st i m m te n Kräf- te an sich zwar lebendig und wesentlich, für unsere Sinn en weit aber noch ein Nichts. Gott hat demnach die Welt wirklich aus einem, unserer Sinnenwelt sich als ein solches darstellenden Nichts, das heißt, aus keinem sinnlich wahrnehmbar gewesenen Stoffe, sondern dadurch geschaffen, daß er durch den freyen Entschluß seines Willens das ganze Reich der höheren und niedrigeren Kräfte setzte (§. 67.) und ordnete. Dieses trug noch kein organisirtes Wesen in sich, sondern, nachdem zufolge kosmischer Gesetze, die wir erst erforschen müssen, sich Sonne und Planet ent¬ wickelt hatten; wurden auch nach und nach die höhe¬ ren Lebenskräfte durch Assimilation des Erdstosses alö organische Wesen sichtbar. Die ganze irdische Schöpfung ist demnach eine in schönster Regelmäßigkeit vor sich gehende Entwicklung, indem die Lebenskräfte nach be¬ stimmten , durch die Weltseele geleiteten Gesetzen auS dem Reiche des Unsichtbaren hervortreten, durch Assimi¬ lation des Erdstosses leiblich werden, und nach abge¬ laufener irdischer Lebensdauer in eine andere Sphäre wieder übergehen. — 133 — §. 102. Es wurde schon öfters behauptet, in der Mathe¬ matik sey das Eins das erschienene Zero, es sey das unter der Form des Endlichen sich darstellende Unend¬ liche; es wurde im §. ss. gezeigt, daß es sich sogar in der Erscheinung noch als ein solches erkennen lasse. Welche Beziehung hat nun dieses ans das Leben, und auf seine Wissenschaft, oder auf die Philosophie? Wenn schon das formelle Eins seinem Wesen nach ein Unendliches ist; so wird das Rühmliche um so mehr von jedem Lebendigen behauptet werden müssen, weil das Formelle nur ein vom Leben Abstrahirces ist. Man könnte zwar einwenden, von den Zahlen als bloßen Ideen sey noch ein weiter Sprung bis zur wirklichen Welt; die organischen Wesen, das ist, der Planet, die Pflanze, das Thier und der Mensch hätten mit den Zahlen nichts gemein. Allein der Sprung ist nicht größer als der von der Form zum Leben, oder von der reinen Mathematik zur angewandten. Welche Bedeutung hätte wohl die renw Mathematik bloß für sich? Im §. 92. wurde hinlänglich gezeigt, in wie fern sie nur als ein Formel¬ les anznsehen sey. Sie abstrahirt nur defi we¬ gen vom Leben, und saßt Zeit unvRanm in i h r e rR e i n h eit a u s, d a m it si e d est 0 ungestör¬ ter «„v ruhiger ihre tiefenWahrheitenent- w i ckel n, und diese dann auf d i e W e lt wieder a nw e n d e n könne. Sie wurde, wie durch eine Fügung der Vorsehung, als reine Zeit- und Ranmwiffenschaft in diesem hohen Grade auSgebildet, damit die erst aufkei¬ mende Wissenschaft des, in Zeit und Raum erscheinen¬ den Lebens sogleich einen Anhaltspunkt habe. Das ist — 154 — eben das Erfreuliche, daß man das, in der Welt so tausendfach gestaltete Leben wenigstens von einer Seite handhaben kann, und diese ist eben diejenige, welche sich als die mathematische darstellt, und welche, weil alles Individuelle in Zeit und Raum erscheint, sowohl in das Geistige, als auch in das Körperliche auf eine gesetzmäßige Weise hineinspielt. Freylich ist das Leben nicht so in unserer Gewalt, wie eö die mathematischen Größen sind, welche wir selbst schaffen; allein das Ge¬ setz, nach welchem das Leben in die Sinnenwelt herein¬ tritt, ist das nähmliche, nach welchem sich die mathe¬ matischen Größen entwickeln. §. 103. Obwohl in Hinsicht dieses Gesetzes sich zwischen Mathematik und Philosophie eine Uebereinstimmung offenbart; so sind doch bepde Wissenschaften, so bald man in ihr Wesen weiter eingeht, verschieden. Die Mathematik kann nie in Philosophie, und die Philosophie nie in Mathematik über¬ gehen. Die mathematischen Bestimmungen, wie z. B. das Unendliche, das unendlich Kleine, die Größe, d'ie Potenzen, die Factoren u. s. w. finden freylich die Be¬ gründung ihres Begriffes in der Philosophie; allein die Mathematik ist einmahl die Wissenschaft der Größen, und hat als solche die Fähigkeit, ihre Wahrheiten auf daö strengste zu beweisen und systematisch zu ordnen, so zwar, daß keine Wissenschaft ihr in dieser Beziehung noch gleich gekommen ist. Dieser Vorzug, eine Wissen¬ schaft auf eine vollkommene Weise zu seyn, muß ihr fest bleiben, und darf nicht durch Einmischung philoso¬ phischer Speculationen getrübt werden. — 135 — Eben so wenig soll die Philosophie eine mathe¬ matische Gestalt annehmen. Das Leben ist in sei¬ ner unendlichen Kraft, Fülle und Beweg¬ lichkeit zu reich, als daß eö bey der Erklä¬ rung sich in so starre und strenge Formen, wie d i e Z a h l e n u n d R a u m s i g ur c n s i n d, eili¬ sch ließen, und dadurch für die Beschauung fest halten ließe. Wenn in diesen Betrachtungen vielfältig die lebenden Wesen mit den Zahlen verglichen werden; so sind die Zahlen nichts als Symbole, die die Einheit des Gesetzes beurkunden, nach welchem die ma¬ thematischen Größen und die Bildungen des Lebens in die Erscheinung treten. Sie sollen uns begreiflich ma¬ chen, daß jeder Organismus seinem innersten Wesen nach ein Unendliches sey, so wie sich dieses von einer jeden Zahl ihrem Wesen nach darthun läßt; immer aber ist das Leben ein Höheres, Bewegliches und Geistiges, so daß dieses Symbol für den Gedanken, welcher das Leben in seiner Fülle zu fasten bemüht ist, ein ungenü¬ gender und kümmerlicher Ausdruck bleibt. Das Leben wür¬ de erstarren, würde sein Geistiges verlieren, wenn es nicht als Lebendiges ergriffen würde, sondern sich in die bloß äußere Form der Zahl oder Figur hineinfügen müßte. 104. Es wurde schon öfters gesagt, das Gesetz der Form, »ach welchem daS Leben in die Sinnenwelt hereintritt, sey das nähmliche, nach welchem sich die mathematischen Größen entwickeln. Dieses bedarf noch einer genaueren Auseinandersetzung. Mau muß daher nachweisen: Daß sich alle organischen Wesen der Quantität der Form ihrer Erscheinung nach auf eine einzige Ur- - 136 — substanz zurückführen lassen, wie alle noch so verschie¬ den abgestuften Größen auf die Uridee des Zero. 2. Daß die Erscheinungs- oder Außenwelt, als Allgemeines genommen, eben so in die organischen We¬ sen ein- und übergeht, wie daö allgemeine Zero in die speziellen Größen. 3. Daß die höher entwickelten Organismen als eben solche Combinarionen des in mehrfacher Form er¬ scheinenden niedrigeren Lebens sich darstellen, wie die höheren Zahlen zu einem Ganzen sich durchdringende Zu¬ sammensetzungen niedriger Zahlen sind. §- 103. Lassen sich physiologisch alle Organismen auf eine Ursubstanz zurückführen? Der Planet als Entwicklungöort der andern irdi¬ schen Wesen trat als Organismus dadurch in die Er¬ scheinung , daß das ihm zum Grunde liegende Leben aus dem Allgemeinen hervortrat und die zu seiner Er¬ scheinung nokhwendigen Stoffe auS der Umgebung an sich zog. Dieses war nur dadurch möglich, daß das LebenSprincip des Planeten die umgebende Außenwelt dem Gesetze nach schon in sich trug, und dieselbe als ein Niedrigeres aber Homogenes sich aneignete. Das Wesen der Pflanze gestaltete sich als Pflanze, sobald es aus dem Jrdstoff seinen Leib bilden konnte, weil es die ganze schon gebildete Stoffwelt des Plane¬ ten dem Gesetze nach in sich trägt. Die Seele des Thieres wurde organisch, so bald sie aus dem Jrd- und Pflanzenstoff sich verleiblichen konnte, weil sie die organischen Verhältnisse beyder dem Gesetze nach in sich trägt. 157 — Planet, Pflanze, Thier und Mensch bestehen so¬ nach als Organismen dadurch, daß jedes sich aus seiner Außenwelt herauSbildet, und dieselbe, so- viel es nöthig ist, in sich verwandelt. Jeder Organismus ist daher ein Solches, von dessen Standpunkte aus er selbst als das Innere oder Wesentliche, alles andere aber als ein Aeußeres und Zu¬ fälliges erscheint. Was sich aber so gestaltet, daß eS sich zu dem, Wovon es sich absondert, wie Inneres zu Aeußerem ver¬ hält , nimmt eben dadurch gegen dieses den Charakter der Substanz an. Jeder Organismus ist mithin zu betrachten als die Substanz, die Außenwelt aber als das Accidens. Verhalten sich die Organismen zu ihrer Außen¬ welt, so wie die Substanz zum AccidenS, oder wie das Innere zum Aeußeren; so sind sie nicht der Qualität, sondern nur der Quantität nach von einander verschieben, denn, indem der Organismus nur dadurch sich bildet und fortbesteht, daß er die verschiedenen Elemente der Außenwelt in sich verwandelt; so werden diese dadurch ?ur Substanz, und alle noch so verschieden sich abstu- fenden Organismen als Einheit genommen sind der In¬ begriff der Substanz der Welt auf irdischer Entwicklung. So wie in der Mathematik sich die Größen stu- fenwäßig zum Zero verhalten; eben so verhalten sich in der Natur die Organismen stufenmäßig zum Ganzen. So wie in der Mathematik die in der allgemei¬ nen Form des Zero der Möglichkeit nach schon gegebe¬ ne Größe durch den menschlichen Gedanken in eine be¬ stimmte übergeht; eben so geht in der Natur jede gei» stige Kraft nach dem Gesetze des WeltplaneS unter der allgemeinen Form der Außenwelt in einen Organismus — 158 — über. Die ganze, noch so verschiedenartige Außenwelt, in eine Form concentrirt, ist die Wurzel des Organischen. So kommen wir zur zweiten Frage: §. 106. Wie geht die Außenwelt in den Organismus ein? So wie das Zero nur durch eine Indifferenz in das Eins eingeht , das heißt so wie das Eins nur da¬ durch entsteht, daß das Zero ans sich heraus und zu¬ gleich wieder in sich zurück gehend gedacht, oder als po¬ sitiv und negativ zugleich gesetzt wird (§. 20), ein po¬ sitives und negatives Einö aber gleich Null sind; eben so geht die Außenwelt nur durch eine Indifferenz in den Organismus ein. Welche ist nun diese Indifferenz? Die Organismen bestehen nur, indem sie sich näh¬ ren, das ist, indem sie die Außenwelt sich aneignen, sich aus der Außenwelt nach Erforderuiß ergänzen. Das Ergänzen ist aber nur möglich durch die Assimilation; das Nahrungsmittel, sep es was immer für ein Stoff, muß assimilirbar werden. Es wird assimilirbar, wenn es aufhört, gegen das Wesen, von dem eö assimilirt werden soll, im Gegen¬ sätze zu seyn, wenn es gegen dasselbe auf irdische Weise indifferent wird, das ist, wenn eS stirbt. Es stirbt, wenn es seine Qualität als bestimmter irdischer Stoff verliert, und Null Qualität annimmt, welche ihrer Allgemeinheit wegen die Möglichkeit, in die neue erforderliche Qualität überzugehen, in sich trägt. Mit andern Worten: das Nahrungsmittel löset sich, um in den Organismus einzngehen, in die Urele¬ mente der Außenwelt auf; diese gestalten sich als ein einfaches Product unter einer Form, welche nach der — 139 — Stufe der Organisation, von der eö ausgenommen wird, verschieden ist. Für daö Pflanzenreich ist diese Form der einfache Pflanzensaft, der die flüssige, alle Pflanzengebilde anneh¬ men könnende, Pflanzensubstanz repräsentier, durch den die Elemente in die Pflanze eingehen. Für die LHierwelt ist es der Chylus. Es ist die flüssige, in alle Thiergebilde übergehen könnende Thier¬ substanz. Aber nicht nur ponderable, sondern auch die sogenannten imponderablen Stoffe gehen in den Orga¬ nismus ein. Auch diese müssen assimilirbar werden, nur ist ihre indifferente Form, eigens gesondert, für die Erscheinung nicht darstellbar, sondern liegt in einem einfachen Products, welches der Chemie verschlossen, und nur der Idee noch zugänglich ist. Daß die Stoffe, die wir Pflanzensaft und Chylus nennen, nicht rein an sich indifferente Substanzen seyen, sondern nur in Beziehung auf die aus ihnen sich bilden¬ den Organe so genannt werden können, versteht sich von selbst. Auch in der Mineralwelt findet eine, den Pflanzen analoge Ernährung Statt; denn die Irden wachsen nicht bloß durch mechanische Anhäufung. Nur muß die Mi¬ neralernährung, weil die Irden Bestandtheile des Pla¬ neten sind, und ihre Production durch die allgemeinen Prozesse des Erdganzen kosmisch vermittelt wird, noch einfacher vor sich gehen, als die Pflanzenreproduction. Die Physiologie hat aber für eine Substanz, die für das Mineralreich analogisch das Rühmliche wäre, was der Pflanzensaft für die Pflanze, und der Chyluö für das Thier ist, noch keinen Nahmen. Alles Ernähren ist mithin nur durch den Tod des Nahrungsmittels möglich. Die Nahrung stirbt, um in einer andern Form wieder zu leben. — 140 — 107. Wenn alles, was organisch werden soll, indifferent werden, oder sterben nniß, so dürfen wir nicht bloß bey dem stehen bleiben, waS durch die Assimilation in den Organismus eingeht und deswegen stirbt; sondern wir müssen weiter fragen: wie verhalt es sich in dieser Beziehung mit der, dem Or¬ ganismus zum Grunde liegenden und die Assimilation bedingenden geistigen Kraft? Dieses führt uuS zu einem tieferen Nachdenken über das Leben selbst, und es wird uns Folgendes über das Wesen des LodeS klar. I. Alles irdische Lebendigwerden ist ein Sterben, und alles Sterben ist ein Lebendigwerden. Vom irdischen Standpunkte ausgehend muß die Forschung annehmen, daß vor der Entstehung des Son¬ nensystems — denn ohne Sonne konnte die Erde allein sich nicht entwickeln — kein irdisches Wesen vorhanden war. Es eristirte nur daö Chaos, aber nicht das todte, ordnungslose, sondern das lebendige, daö alle späteren Bildungen dem Geiste nach in sich enthaltende, und ihre fernere Entwicklung gesetzmäßig leitende, oder die Welt¬ seele. Da die weitere Schöpfung bloß organische Ent¬ wicklung ist; so muß alles, was immer später hervor¬ tritt, in der Weltsecle dem Geiste nach, und zwar ge¬ ordnet schon vorhanden seyn, wenn es auch irdisch nicht da war. Es konnte unter der irdischen Zeit- und Raum¬ form nicht da segn, weil diese selbst noch nicht gegeben oder nicht entwickelt war. Sie entstand erst dadurch, daß die Erde mit einer bestimmten Größe und Festigkeit sich bildete, und mit einer Atmosphäre von bestimmter Qualität und Dichtig¬ keit umhüllte. — 1/u — In dieser Atmosphäre nun müssen wir leben, nach derselben sind unser Gesicht und Gehör, kurz alle un¬ sere Sinne organisirt und berechnet. ES kann für unö nichts irdisch-räumlich werden oder erscheinen, bis e s nicht den unserer Atmo¬ sphäre oder unfern Sinnen angemessenen Grad von Dichtigkeit erlangt. Daraus leuch¬ tet erstens die Möglichkeit ein, daß in einem höheren Reiche jedes individuelle Irdische schon vorgcbildet da sepn kann, ohne daß eS den irdischen Sinnen wahrnehmbar ist; eö folgt aber auch zweytenö hieraus die Wirklich, keit dieses Vorgebildetseyns, weil das Jrdischwerden nur darin besteht, daß das Wesen sich verleiblicht, daö ist, daß es die irdische Materie sich in dem Grade assimi- lirt, daß es für unsere Sinne wahrnehmbar wird. Das Affimiliren wird aber einzig nur dadurch möglich, daß sich das in die irdische Welt tretende Wesen zur irdischen Materie wie Höheres zu Niedrigerem verhält, mithin nicht mit dem Irdischen gleich seyn, oder aus ihm als ursprünglichem Grunde hervorgehen kann. Zwischen der irdischen Welt und jenen Entwick¬ lungsstufen, aus welchen die Erde selbst und alle leben¬ den Wesen hereintreten und wieder hinausgehen, gibt es also eine für unser Wahrnehmen fest bestimmte Grenze; diese ist dort, wo das Reich unserer Sinne aufhört, wo ihr Wahrnehmungsvermögen gänzlich erlischt. Dort 'st für unö reine Indifferenz, weil die ir¬ dische Zeit- und Raumform dort aufhört und in eine andere übergeht. Daö Wesen der Dinge oder der Geist tritt nun nach dem Gesetze des fortschreitenden Lebens in die ir¬ dische Sphäre herein, oder er muß aus derselben hin¬ aus. Tritt er herein, so nimmt er in dem — E — Augenblicke/ wo er jene indifferen te Gren¬ ze passirt, irdische Qualität an, er legt die vorige Qualität ab, das heißt, er stirbt jn Bezug auf sein voriges Seyn. So stirbt z. B. der noch im Wasser lebende Embryo des höhe¬ ren Thiers im Augenblicke der Geburt in Bezug auf seine vorige Qualität als Fisch oder Amphibium, und wird als Säugethier lebendig. Tritt der Geist aus der irdischen Welt hinaus, so nimmt er auch, wie er an die Grenze der höheren Welt tritt, das heißt, wie fein irdisches Lebensgesetz abgelaufen ist, eine neue Qualität an, sein irdisches Daseyn wird für unö indifferent oder er stirbt. Die irdische Welt entstand demnach dadurch, daß die den Planeten bildende Kraft als eine höhere oder schon individualisirte aus dem für uns indifferenten Aethermeere hervor trat, und sich den Aether assimilirte. Hierdurch hörte ihre vorige Qualität auf, oder mit an¬ dern Worten, sie starb und trat als Jrd hervor. Das Assimilirtwerden ist ebenfalls ein Sterben des AetherS als solcher, und ein Lebendigwerden desselben als ur¬ sprünglicher Planetenleib. Dieser ursprünglich mehr gleichartige Planetenleib war aber, wie später gezeigt werden wird, nicht anfangs gleich ausgebildet. Die zum Ganzen seines Organis¬ mus gehörigen Kräfte traten nach dem Zeitgesetze seiner Entwicklung erst nach und nach hervor, assimilirten sich fortwährend den für sie paffenden Stoff, und cs ent¬ standen die primitiven geologischen Formationen. Die der Mineralwelt zum Grunde liegenden, aber noch zum Ganze» deS Erdorganismus gehörenden Kräfte wurden — 143 — in Bezug auf ihre vorige Qualität indifferent , als in- tegrirende Bestandteile des Planeten aber wieder diffe¬ rent oder lebendig. Die Kraft, die sich als Urpflanze gestaltete, trat erst hervor, als die Erde als Vedingniß ihres Wach¬ sens schon bis zu einem gewissen Grade ausgebildet war. Ihr Wachsen ist ein Ansichziehen der Erde, die als solche stirbt, und als Pflanzenleib lebendig wird. Der khierische und menschliche Organismus trägt sowohl die Erde als auch die Pflanze der Potenz nach in sich. Der Geist bildet sich den Leib, indem er dis Erde und Pflanze sich assimilirt, die bey seinem Ein¬ tritte ins irdische Leben schon da seyn mußten. Die thierische Organenbildung ist mithin ein Sterben der Erde und Pflanze, und ein Lebendigwerden derselben als Thierleib. H. Das, was wir Tod nennen, ist da¬ her weder etwas Positives im Sinne der Mythologie, noch etwasNegatives im Sin¬ ne des Aufhörens. Das Mineral erfordert zwar den Tod der Urmaterie, die durch den Tod des Aethers entstand, die Pflanze den Tod des Minerals, und das Thier den Tod von allen diesen zu seiner Organisation; aber daS Sterben ist an sich nichts Eigentümliches, sondern nur der durch das Gesetz der Organisation be¬ dingte Uebergang aus einer Existenzform in die andere. Betrachtet man diesen Uebergang vom Standpuncte der gegenwärtigen Existenz aus in Bezug auf die zukünftige, so heißt er Lod ; betrachtet man ihn aber vom Standpuncte der künftigen Existenzform auS in Bezug auf die gegenwär¬ tige, oder vom Standpuncte der gegenwärtigen aus in Be¬ zug auf die vorirdische, so heißt er im höhern Reiche deS Le¬ bens, wenn von der totalen Organisation die Rede ist, Zeu- — 144 — gung; wenn aber die partielle Erhaltung darunter ver¬ standen wird, welche sich fortwährend in der Erneuerung der einzelnen Theile deö Organismus thätig zeigt, so nennen wir ihn Reproduction. Tod und Zeugung sind demnach der Idee nach Eins, und nur der Erscheinungs- stufe nach verschieden. Jeder Tod ist eine Zeugung für die neue Existenzform, und jede Zeugung ist ein Tod für die frühere Existenzform. IH. Das Mineral, die Pflanze, das Thier und der Mensch sind dem Tode unterworfen, worin liegt der physiologische Unterschied ihres Sterbens? 1. Das Mineral hat eine bloß irdische Entstehung, denn die Kraft, die sich als Mineral gestaltet, braucht zu ihrer Bildung nur die niedrigste Materie, und die Gestaltung geht vor sich bloß nach dem irdischen Gesetze der chemischen Durchdringung. Sein Tod ist da¬ her auch rein irdisch, ist ein Aufhören sei¬ nes SeynS und feiner Erscheinung entwe¬ der durch künstliche chemische Einwirkung oder durch Naturprozesse. 2. Die Pflanze hat keine bloß irdische, sondern eine kosmische Entstehung, degm die Urpflanze benöthigte zu ihrer Organisation nicht nur die schon da gewesene Erde, sondern ihre Entwicklung ist kosmisch bedingt durch die Jahreszeiten, oder durch den Umlauf der Himmelskörper. Wegen dieses höheren Ursprungs ist ihr Tod auch kein A ufhör e n im S i n n e d e s M i n e r a l s, s on- dern eine Trennung in das Wesen — Sa¬ me — und in die Organe, die das Wesen trugen. 3. Das Thier hat einerseits eine irdisch-koSmische Entstehung wie die Pflanze, denn es braucht zu seiner 1ä5 — Entwicklung das Mineral und die Pflanze, und trägt die Gesetze derselben in höherer Veredlung in sich; an¬ dererseits aber sieht eS durch die in ihm hervortretende Freyheit der Bewegung über dem kosmischen Leben der Pflanze/ und gehört in die geistige Welt. Sein Lod ist daher gleichfalls kein Aufhören, sondern eine Trennung. 4. Der Mensch endlich hat nicht nur eine irdisch- kosmische Entstehung, denn von seiner Organisation gilt alles das, waS von der des höchsten Lhieres gilt; so», d e rn er gehört durch das in ihm erwachen- deBewußtseyn und durch die Freyheit des Willens in das Reich des höheren, selbst¬ bewußten Geistes, auS dem er abstammen muß, weil er diese Anlagen in das irdische Leben schon mitbringt, und wenn das Le¬ ben aller unter ihm stehenden Geschöpfe der Bestimm ung nach noch ein Räthsel ist; so gewinnt sein Daseyn durch die höher n, geistigen Vorzüge volle Klarheit und Be¬ deutung. Sein Tod ist daher noch weniger als bepm Thiere ein Aufhören, sondern nur eine Trennung. Aus dieser Ansicht folgt IV. daß der Tod nur deß wegen in der Natur sey, weil e S e i n hö h e r e s u n d nie¬ drigeres Leben gibt, und weil das höhe¬ re, wenn es in die Sinnen welt herein tritt, durch das niedere durchgehen, die¬ ses zu sich Heraufziehen oder sich a neig¬ nen, hey ni Hinausgehen aber dasselbe wieder zurücklassen muß. Je tiefer die Organisation steht, desto umfassender und eingreifender ist der Vorgang, den wir Tod ncn- 10 — 146 nen. Der Tod des Minerals ist ein Aufhören desselben, sobald alle wahrnehmbaren Theile verschwunden sind, kann aber nicht als Trennung erscheinen, weil das reine Mineral bis in seine kleinsten Theile durchaus gleiche- artig ist, und Organe in demselben sich nicht Nachwei¬ sen lassen, obwohl ein Analogon davon in den Kristal¬ len sich nicht verkennen laßt. Die Kraft zwar, die dem Mineral zum Grunde liegt, hört nicht auf, sondern fließt mit jener, überall verbreitenden Kraft zusammen, welche die immerwährende Ursache der Bildungsprozesse im Organismus des Erdganzen ist. Deßwegen gelingt es der Chemie auch nicht, die Metalle künstlich aus den erhaltenen Bestandteilen in der vorigen Art wieder herzustellen. Der Tod der Pflanze ist nicht mehr so umfassend, er ist kein Aufhören, sondern sichtbar nur ein Trennen, weil das höhere und niedrigere Leben oder der Unter¬ schied zwischen Wesen und Organ in der Pflanze schon deutlich hervor tritt. Das Wesen oder der Sa¬ me fällt ab, vereinigt sich aber nicht mit der allgemeinen Naturkraft, son¬ dern besteht individuell fort. Die nach dem Sam en falle zurück bleibende Stau¬ de hingegen verweset, und ist der Dig¬ nität nach das, was daö Mineral ist. Das Holz einer Pflanze, aus dem lebendigen Zusammen¬ hänge des Pflanzenorganismus gerissen löset sich durch künstliche oder natürliche Prozesse ganz auf, wie daS Mineral sich auflöset. So wie der pflanzliche Tod nur eine Trennung ist, so ist auch der Tod deS Thiers und deö Menschen nur eine Trennung. Der Geist oder das Wesen geht i in die geistige, der . Leib oder das Organ in die chemi- 147 sche Welt zurück. Der unwiderlegliche/ aus dem Gesetze der Organisation hergenom¬ mene physiologische Grund für daSFort- bestehen des Geistes liegt darin, daßder Same derPflanze abfällt und fortbesteht. Was aber in dem niedrigeren Pflanzen rei¬ ch e gilt, muß, da das p h y si o l o g i sch e Lebens- g e s etz im Pflanzen- u n d T h i e r r e i ch e, s ei¬ ner Wesenheit nach, das nahm liehe ist, im hö h e r n Reiche um so m ehr gelten. Gebe es eine höhere Organisation als die deS Menschen, daS heißt, eine Organisation, wo der Leib weniger materiell oder von mehr ätherischer Natur wä¬ re , wie eine solche auf höher organistrten Weltkörpern allerdings Statt finden mag ; so müßte der Tod noch we¬ niger von Bedeutung seyn. Im Reiche des Gei¬ stes selbst endlich — wie viele Organisa- tionö stufen eS aber von uns bis dahin geben mag, ist unbekannt — kann gar kein Tod m e h r S tatt finden, w e i l d a k ei- ne Vereinigung zwischen höher» und nieder» Leben, mithin auch keine Tren¬ nung desselben mehr v o r kömint. V. Hieraus sehen wir ferner, daß es einen Tod m zweyfacher, nähmlich in auf- und absteigender Rich¬ tung gibt. Wenn die Metallkraft sich die niedrigste Materie aneignet, wenn die Pflanze sich die Erde und andere Elemente assimilirt, und wenn der höhere thie- rische Organismus sich aus der Pflanzen- und Thier¬ welt gestaltet, und reproducirt; so ist dieses ein Ster¬ ben der nieder» Materie und ein Lebendigwerden der- selben in aufsteigender Richtung. Wenn aber nach dem Samenfalle der Pflanze die dürre Staude und nach dem 10 * — 148 — Abscheiden des Geistes der thierische Leib zurück bleibt; so ist ihr Verwesen ein Sterben in absteigender Rich¬ tung. Die Mineralsubstanz zwar steigt im Lode nicht abwärts, sie bleibt, so lange noch ein Atom vorhanden ist, durchaus gleichartig; ihr Sterben ist nur ein Zer¬ fallen, Auflösen oder Verflüchtigen. Der Pflanzen- und Thierleichnam hingegen können nicht sogleich nach der Trennung vom Geiste wieder auf mineralischer Stufe erscheinen, sondern müssen die nähmlichen Verwandlun¬ gen abwärts wieder durchlaufen, welche sie in der Assi- milarion aufwärts durchlaufen sind, und dieser durch die Natur selbst eingeleitete Prozeß ist daö, was wir mit dem uneigentlichen Ausdrucke »Verwesung« be¬ zeichnen , indem es schicklicher »rückgängige Verwand¬ lung« genannt werden sollte. Die Bestandtheile des Thierleibes, Muskeln, Knochen u. s. w., die während des Lebens zur Einheit deS SepnS verbunden sind, trennen sich, und jeder Theil verweset nach seinem eige¬ nen Gesetze, oder er geht in eine niedrigere Lebensform über. Hieraus erhellet nochmahlS, daß nur das niedere, den chemischen Gesetzen unter¬ worfene Leben des Tode sfähigsey, und daß unsereKenntuiß des Todes zur Kennt- niß deS Lebens in eben dem Verhältnisse stehe, in welchem unsere Kenntniß von der Entstehung der chemischen Bestandtheile eines Organismus zur Kenntniß des gan¬ zen Organismus selbst steht. Jeder Versuch, jede Beobachtung, die uns tiefer in die Natur hinein führt, rückt uns auch das Wesen des Todes näher. VI. Hier kann man im Vorbeygehen auch tue Frage berühren: In welchem Verhältnisse steht der Schlaf zum Lode? — 149 — Das irdische Leben des Menschen äußert sich auf zwepfache Art, erstens als Naturleben in den Functio- ncn der Bildung und Erhaltung des Leibes; zweytens als Intelligenz im Empfinden, Denken und Wollen. (§.54.) Das Naturleben ist das früher thätige, weil die Seele sich erst die Organe bauen muß, vermittelst welchen sie sich in die Außenwelt hinein findet, sich der¬ selben gegenüber als Individuum anschaut und so sich als vernünftig-sinnliches Wesen bewußt wird. Das Na¬ turleben ist sonach der Grund, aus welchem die Intel¬ ligenz hervorwächst. Diese ist, wie §. 5b. gezeigt wur¬ de, zwar nur eine irdische, jedoch eine wesentliche; denn obschon die Seele ihrem Naturleben nach in physiolo¬ gischer Hinsicht eine bewußtlos wirkende Intelligenz ist, indem sie sich auf die künstlichste Weise den Körper baut; so wird sie doch nur erst durch die nach und nach aus dem Sinnenverkehr mit der Welt erwachende In¬ telligenz sich der Welt bewußt, und wirkt nur durch diese mit Selbstbestimmung auf die Welt, wodurch nicht nur der intellectuelle, sondern auch der moralische Werth les Menschen sich kund gibt. Die aus dem Sinnen¬ verkehr mit der Welt hervorgehende Intelligenz dcS Em- . pfindens, Denkens und Wollens ist demnach das Mittel KM menschlichen Vervollkommnung. Da aber der in- tellectuelle Verkehr mit der Welt nur durch körperliche Organe vermittelt wird, die körperlichen Organe als sol¬ che aber in Betreff des Verlaufes ihrer Bildung und Rrproduckion an strenge Gesetzmäßigkeit gebunden sind; so wird durch die Freiheit und Ungcbundenheit, mit welcher daö wachende intelligente Leben sich der Organs zu seinem Gebrauche bedient, auf dieselben nach und nach so eingewirkt, daß die gesetzmäßig wirkende Natur- thätigkeit, durch welche sie reproducirt werden, dem frepen — 150 Wille» dex Intelligenz nicht mehr nachkommen oder schnell genug seyn kann. Der Grund der Abspannung der Organe liegt daher im Zurückbleiben der reproduci- renden Thätigkeit, die in ihrer Wirksamkeit durch de» freuen Willen zu sehr in Anspruch genommen wird. Deßwegen ist eS nothwendig, daß das intelligente Leben sich aus den Sinnorganen auf einige Zeit zurück ziehe, und so lange ruhe, bis die zwischen demselben und dem Naturleben der Organe entstandene Differenz* wieder ausgeglichen ist. Dieses durch die Natur selbst einge- leitete Zurücktreten ist das Einschlafen, die Ruhe selbst aber heißt Schlaf. Im Schlafe ist daher vorzüglich daS reproducirende Naturleben thatig, so wie im Wachen das intelligente Geistesleben. Ist demnach durch den Schlaf der Organismus so gestärkt, daß er zum neuen Geistesverkehr mit der Außenwelt fähig ist; so ersteht daö Geistesleben, weil dieses die höhere Bestimmung ist, ebenfalls durch die Natur wieder aus dem Natur¬ leben, daS heißt, der Mensch wacht ans. Das Auf¬ wachen ist in der Idee der nahm liche Pro¬ zeß, wie daö nach und nach vor sich gehen¬ de Bewußt werden zur Zeit der Sinnenbil- düng, nur daß er hier sehr schnell verläuft. Indem das irdisch-intelligente Leben ein wesentli¬ ches ist, indem die durch dasselbe erreichten Kenntnisse daS Mittel zu unserer Vervollkommnung sind; so darf, wenn wir einschlafen, dasjenige nicht verloren gehen, was wir uns während des Wachens an geistiger Ein¬ sicht erworben haben. Es geht, wie unser Bewnßtseyn es zeigt, auch nicht verloren. Schon während des Wa¬ chens nimmt eS die Seele in ihre Tiefe auf, und da ihr We¬ sen durchaus nur Intelligenz ist, die (g. 5 st.) über dem ir' disch intelligenten und bildenden Leben steht, so daß bepde 151 — nur als Functionen dieses Einen Wesens anzusehen sind; so folgt daraus, daß in dem Einschlafen nur jene In» telligenz aufhöre, die durch die Sinne vermittelt wird. Die Seele zieht beym Einschlafen oder theilweisen Tode nur jene Sphäre ihrer selbst, die durch die höheren Sinne vorzugsweise thätig ist, in die Tiefe ihres We¬ sens zurück, bey dem gänzlichen Tode aber tritt auch jene Thätigkeit, die als bildendes Naturlebeu sich offen¬ bart, aus der irdischen Welt zurück. So wie demnach das Einschlafen nichts anderes ist, als ein Zurücktreten der durch die Sinne vermittel¬ ten Intelligenz in die Tiefe der Seele; eben so besteht das Aufwachen in nichts anderem, als daß die Seele ihre Sinnensphäre der Außenwelt wieder zukehrt und mit derselben in selbstbewußte Verbindung tritt. Indem bei)m Einschlafen das, was wir uns im Wachen an Einsicht erworben haben, nicht verloren geht, oder mit andern Worten, indem durch das Einschlafen nicht die Intelligenz überhaupt, sondern nur der geistige Sinnenverkehr mit der Welt aufhört: so folgt daraus, daß die Seele auch im Schlafe noch mit Bewnßtseyn thätig fey. Das bewußte Geistesleben der Seele im Schlafe heißt Traum. In welchem Verhältnisse steht nun das Traum¬ leben zum wachenden Geistesleben? Hier müssen wir verschiedene Beziehungen unter¬ scheiden: >. Da in der Seele ursprünglich keine wirklich ausgebildete Kenntniß, wohl aber die Fähigkeit liegt, sich durch den wachenden geistigen Sinnenverkehr mit der Welt alle möglichen Kenntnisse zu erwerben, die er¬ worbene Einsicht aber bepm Einschlafen nicht verloren — 152 — geht; so ist eS sicher, das; die Seele auch nur von irdi¬ schen Dingen träumen könne. Hierbei) ist jedoch 2. Folgendes zu bemerken: So wie beym wa¬ chenden geistigen Sinnenverkehr mit der Welt in der Intelligenz eine fortgehende Ausbildung Statt findet von dem dämmernden Bewußtsein und von der dunklen Vor¬ stellung bis zur Hellen, klaren Auffassung eines Gegen¬ standes; eben so ist''eine solche fortgehende Steigerung im Traume möglich, nur daß wir die Gesetze und Be¬ dingungen noch nicht kennen, nach denen sie vorgeht. 3. Da nun die Seele im Schlafe mit der Welt nicht durch die äußern Sinne, sondern durch das Gemein¬ gefühl auf eine mehr unmittelbare Art in Verbindung steht als im Wachen; so ist auch nicht zu bestim¬ men, wie weit ihr Blick in die Welt rei¬ chen, oder bis zu welchem Grade sich ihr Geistesleben entfalten könne, wenn das Wahrnehmungsvermögen durch unbekannte Einflüsse und Veranlassungen gesteigert wird. 4. Der Mensch ist jedoch ein irdisches Wesen, und diese ungewöhnliche Steigerung des Geisteslebens muß noch während -des Zusammenhanges der Seele mit dem Leibe vor sich gehen; damit nun durch die allzugroße Erhöhung deö geistigen Vermögens der Zusammenhang zwischen Seele und Leib nicht gefährdet werde, so ist durch das organische LebenSgesctz dafür gesorgt, daß diese hohe Steigerung in der Regel nicht durch freye Selbstbestimmung des Menschen, so wie im wachenden Gei¬ stesleben her b e y g efü hrt wird, sondern es sind dieses nur einzelne Blicke, welche die Seele ohne Vorbedacht in eine Welt thut, — 153 — für die sie keine geregelten Sinne hat. Daher hat sie auch nicht das rechte Maß die Eindrücke so klar zu würdigen, und im Bewußtseyn so zur Ein¬ heit zu bringen, wie dieses bey jenen geschieht, die sie auf gewöhnlichem Wege durch die Sinne erlangt. Deß- wegen sieht der Mensch in diesem Zustande so Vieles in Bildern und Symbolen, es ist ihm das Meiste, wenn er eS mit der gewöhnlichen Welt vergleicht, so unaus¬ sprechlich, und bestrebt er sich die Sprachorgane anzu¬ strengen, um Worte dafür zu finden; so sinkt der Geist schon so tief in die gewöhnliche Traumwelt herab, daß die Lebendigkeit und Klarheit der Anschauung getrübt wird und verschwindet. In so fern nun dieses Schauen nnfrey und schwankender ist, als das besonnene und wache Bewußtseyn, in so fern sein Inhalt nicht immer verständig ausgelegt werden kann, sondern der Zufäl¬ ligkeit deS Fühlens und der Einbildung unterliegt, in so fern kann man es nicht für eine Gcistcsthätigkeit an¬ sehen, welche der besonnenen Forschung am Werthe gleich zu sehen wäre. Da es aber ein lebendiges Schauen ist, welches nicht der gewöhnlichen Sinne bedarf, da eS weiter reicht, als die Sinne reichen, da es sogar in die kunstvolle Mechanik deS Organismus selbst eindringt, und daö Naturleben der Seele in seiner Wirksamkeit auf die Außenwelt theilweise als Object anschaut (Z. 56.); so ist diese Geisteöthätigkeit zwar nicht als et¬ was Wunderbares anzustaunen — denn dieses ist sie gar nicht — wohl aber besteht der besondere Werth derselben für die Physiologie und Psychologie in der u nab weislich en That- sache, daß noch eine andere Art von Intel¬ ligenz in der Seele ihren Grund habe, als diejenige, die durch den gewöhnlichen Sin- — 1Z4 — ne n verkehr mit der Welt angeregt wird. Diese eigenthümliche Geistesthätigkeit läßt uns einen Blick thun in das höhere Leben und Wirken der Seele, aus welchem einzelne Strahlen nicht nur in das Traum¬ leben, sondern vielfältig auch in daS wachende Leben herein leuchten, für welche wir aber in unserer gewöhn¬ lichen Denkweise keine Erklärung finden. »Alle jenen »dunklen Gefühle, das große Heer von blinden Antrie- »ben, das Reich der unbestreitbaren Vorahnungen, die »wunderbaren Emotionen, die den Menschen oft richtig »und sicher handeln machen, ehe er denkt und will, »die vielen Erkenntnisse ohne Bewußtseyn, die Einsichten »vor aller Besinnung, die leisen Anregungen zur Ge- »dankenbildung, die unwillkürlichen Spiele der bunten »Lichter und Farben mit den Schattenbildern und Wol¬ kenzügen der Phantasie, die eigene, srepe, von uns un- »abhängige Verkettung der Vorstellungen, die Einfälle, »Zweygespräche, die Poesien und Dramen, welche die »Seele als Dichterin«, Schauspielerin« und Zuschaue¬ rin« oft ohne unser Zuthun in sich aufführt, die still »aufkeimenden Neigungen, die plötzlichen Affecte und »Impulse, die iu ihrem Grunde uns selbst verborgenen »Anklänge unserer Stimmung/ die Dur- und Molltöne »des Humors und der Laune, die Vorspiele der Em- »pfindung, die ersten Spuren des Temperaments, die »tiefsten Anlagen des Talents, die Urzüge des Charak- »ters, die ganze geheimnißvolle Mitternacht im mensch¬ lichen Gemüthe zeugen sammt und sonders« von ei¬ nem geistigen Vermögen, welches weit über das irdisch intelligente und bildende Leben hinaus reicht. Eben weil der Geist seinem Wesen nach über der Sinnenwelt steht, und nur dadurch ein Sinnenwesen 155 — wird, daß er durch das Medium der Materie durchgehen und sie als Hülle an sich nehmen muß, ist es erklärbar, wie er sich in diese Hülle zurückziehen, die selbst be¬ wußte Verbindung mir der Außenwelt unterbrechen oder einschlafen, dann aber, ohne daß das Selbsibewußtseyn hierbey thätig ist, sie wieder anknüpfen oder aufwachen könne. Indem dieses Einschlafen ohne Selbstbestimmung des Menschen Herbeygefühn wird, so ist es im physiolo¬ gischen Sinne wirklich ein theilweffer Tod zu nennen. Gleicher Weise ist daö Aufwachen als ein theilweises Lebendigwerden anzusehen, weil es ohne selbstbewußte Thätigkeit der Seele vor sich geht, wie ihr Eintritt ins irdische Leben überhaupt. 108. Aus dem, waö bisher über das Wesen deS Todes und deS Schlafes gesagt wurde, ergibt es sich wieder von einem andern Gesichtspuncte aus, daß das irdisch-intelli¬ gente und bildende Leben nur zwey Functionen des ei¬ nen über der irdischen Erscheinung stehenden Wesens der Seele seyen, die nur deswegen in diese zwey Haupt¬ vermögen auseinander tritt (§. 56.), weil sie als ir¬ discher Organismus sich ihrer bewußt werden und so für ihre weitere Vervollkommnung wirken muß. ES ergibt sich ferner daraus, daß es zwar eine reale oder wirk¬ lich außer uns bestehende materielle Welt gebe, daß die Materie aber nur so lang in der eben erscheinenden Form bestehe, als sie nicht mit einem höheren Leben in Gegensatz kommt, von demselben ergriffen, und affimi- lirt wird. Die Materie existirt zwar im relativen Sin¬ ne für sich, trägt aber zugleich daö höhere oder geisti. ge Leben, und weil dieses der Sinnenwelt ohne mate¬ rielles Gewand nicht wahrnehmbar ist (H. 107.1.); so — 156 — dient sie, dasselbe für die Erscheinung zu enthüllen. Je mehr Organe sich daher die Seele aus dem Stosse der Außenwelt baut, desto freyer, vollkommener, geistiger wird ihr Leben der Erscheinung sich offenbaren. Dieses fuhrt uns zur dritten, oben (§. >o4.) angeregten Frage: 10(). Sind die höheren Organismen als Combinationen des niedrigeren, in mehrfacher Form sich darstellenden Lebens zu betrachten, oder mit andern Worten: Neh¬ men die höheren Organismen alle unteren der Potenz nach in sich auf, so wie die größeren Zahlen alle unter ihnen stehenden in sich tragen? Dieses soll auf mehrfache Weise deutlich werden. 1. Das ganze System der Stöchiometrie, oder die Wissenschaft von den quantitativen Verhältnissen, in welche die Stoffe der organischen Körper zu einan¬ der treten, wenn sie durch chemische Auflösung der Kör¬ per sich individualisiren, ist auf diese Ansicht gegründet. Mittelst der Combinationslehre wird gezeigt, wie die Natur auö wenigen Elementen durch Combination der¬ selben eine große Mannigfaltigkeit von Körpern ent¬ wickelt, so daß man sich augenscheinlich überzeugen kann, wie die Natur in ihren Bildungen nach mathematischen Gesehen zu Werk geht. Wie sollte dieses aber anders seyn können, indem die Mathematik ihrem Wesen nach nichts anderes, als die Form ist, unter welcher alle Gesetzmäßigkeit der Natur sich ausspricht? 2. Nicht bloß in der Combination der Elemente zu einem Körper, sondern selbst in der Reihe, in welcher die Organismen nacheinander in das Leben getreten sind, offenbart sich dieses Gesetz. Die Entwicklungsgeschichte der Erde beweiset eö, daß die Urpflanze erst aufsproßte, — 157 — als die primitiven Gebirgsformationen sich schon gebil¬ det hatten, daß die Urpflanze mithin diese der Potenz nach schon in sich trägt; sie zeigt, daß das vollkomme¬ nere Thier erst erzeugt wurde, als die Pflanzen - und niedere Thierwelt sich schon entwickelt hatten, daß es mithin seinem Wesen nach so viel sei), als alle unter ihm stehenden Geschöpfe; sie lehrt endlich, daß am spä¬ testen erst der Mensch erschien, weil er alle Stufen der leiblichen Formen der Dignität nach durchläuft und als Schlußpunct der Erdschöpfung da steht. So wie die Blume einer-Pflanze die Wurzel, den Stengel und das Laub zu ihrer Entwicklung er¬ fordert, sie alle vorauösetzt, von ihnen getragen wird, und die höhere organische Einheit dieser Systeme dar¬ stellt: eben so erforderte der Mensch zu seiner Entwick¬ lung die ganze Mineral-Pflanzen- und Thierwelt, setzt alle diese Entwicklungen voraus, wird von ihnen getra¬ gen, und stellt in der Idee oder dem Wesen nach die organische Einheit aller unter ihm stehenden Bildungen dar. 3. Jedes individuelle Leben, von dem der Pflanze bis zu dem deü Erdballs hinauf ist ein Schweben zwi¬ schen zwey Punkten, zwischen dem Hereintreten in die irdische Welt und dem WiederhinauSgehen. Das Leben besteht in einer Reihe voll Verwandlungen und stellt auf diese Art die Zeit organisch dar, so wie die Arith¬ metik eine Reihe von Zahlen enthält, die sich verwan-' dein «„d hierdurch die Zeit formell repräsentiren. Der Unterschied ist nur der, daß, wie gesagt, der Mathema¬ tiker seine Größen selbst schafft, indem er die reine, ab¬ stracto Idee der Form als eine bestimmte setzt und nach Gefallen wieder aufhebt; die Organismen entstehen aber, indem nach höheren Gesetzen das über der Sinnenwelt — 158 — stehende Leben als ein sinnlich wahrnehmbares sich ge¬ staltet, und nach eben diesen Gesetzen wieder hinausgeht. Der Mathematiker construirt seine Wissenschaft durch die Succession seiner Größen, eben so construirt Gott die Welt durch die Succession der lebendigen Bil¬ dungen. Wenn die mathematischen Größen vorüber¬ gehende Ideen sind; so sind die Organismen länger bleibende, nach einem bestimmten Gesetze sich bildende und wieder verschwindende lebendige Figuren. Wenn die mathematischen Größen nur im Verstände existiren; so sind die lebenden' Geschöpfe schon wahrnehmbare Objecte der Sinnenwelt. Als eine Art Uebergangsstufe von den einen zu den andern erscheint der Ton, daö Element für Sprache und Musik. Jeder Ton ist eine zwar vorübergehende, aber schon durch den Sinn des Gehöres wahrnehmbare Zahl; jede Zahl hingegen ist ein durch den Verstand allein be¬ griffener Ton. Was ist nun eine musikalische Harmo¬ nie? Sie ist ein Organismus für daS Gehör, so wie der Lhierleib ein Organismus für das Gesicht und Ge¬ tost ist. So wie der Thierleib die organische Einheit aller, ihn ausmachenden und in einander wirkenden Theilgebilde ist; eben so ist jede Harmonie die organi¬ sche Einheit der, sie constituirenden und gesetzmäßig in einander wirkenden Töne und Accorde. Jedes Theilge¬ bilde des thierischen Körpers ist ein Accord, und so wie die Mannigfaltigkeit der Thierwelt bedingt wird durch die unendliche Verschiedenheit der Theilgebilde des thie- rischcn LeibeS, denen alle die eine Uridee des Thieres zum Grunde liegt; eben so wird die Unendlichkeit der Musik bedingt durch die unendlich mannigfaltigen Com¬ binationen der aus der Idee eines Tons überhaupt her¬ vorgehenden Töne und Accorde. — 159 — Die Harmonien sind also organische, durch den Sinn des Gehöres wahrnehmbare Bildungen, die aus dem endlosen Meere des fluchenden Aethers heraus in die Erscheinung treten, und nach strengen Gesehen eben so verlaufen und wieder verschwinden, wie jedes thieri- sche Leben aus der Tiefe deö allgemeinen Lebens (§. 96. Anm.) heraus in die Erscheinung tritt, und nach eben den Gesehen, nur in längeren Zeiträumen verläuft und verschwindet. Das die einzelnen Accorde Tragende, Zusammenhaltende und die Harmonie Begründende aber ist das, allen Tönen Gemeinsame, das Wesen der Luft. So wie der Geist den Organismus der Lheilgebilde des LeibeS zusammen hält und trägt; eben so trägt das in¬ nere Wesen der Luft die Theilgebilde der Harmonie oder die Accorde; ist der Geist der Harmonie, so wie die Seele der Geist deS Leibes ist. Anmerkung. Wenn nichts so sehr geeignet erscheint, den tiefen Zusammenhang der Mathematik mit dem Organi¬ schen nachzuweisen, als die Musik; so geht doch aus die¬ ser Vergleichung wieder das entscheidendste Merkmahl des Unterschiedes zwischen Form und Leben, oder zwischen Mathematik und Philosophie hervor. Jeder Ton liegt zwischen einer bloßen Idee und zwischen einem Organis¬ mus auf eine gewisse Art in der Mitte, er ist zwar noch ein Unsichtbares, wird aber schon durch den Sinn des Ge¬ höres wahrgencmmen. Er ist etwas, was sich zu ver» leiblichen strebt, was als luftige Klangfigur in die Er¬ scheinung tritt; überfein Leben ist so unstät, so beweg¬ lich wie die Luft, daher wird es getragen, wohin die Lust weht, und kaum hat cs begonnen, so ist es schon wieder verklungen. Wegen diese« Mangels an Selbstständigkeit unterliegt der Ton so streng dem mathematischen Gesetze, das organische Wesen hingegen entzieht sich, je höher es steht, immer mehr diesem Zwange. Die in der Entwick- — 160 — lung am tiefsten stehenden analogen Organismen, die Krystalle, haben die größte mathematische Regelmäßigkeit, wahrend das Leben, je höher es steigt, in immer frcyere Formen sich ausbildet. 4- Geistvolle Physiologen haben den höheren Or¬ ganismus sehr treffend mit einer Flamme verglichen. Die Kerze und die umgebende Lust sind die Außenwelt, aus der die Flamme in stäter Erneuerung sich entwi¬ ckelt. Jeden Augenblick verfliegt die Flamme, und je¬ den Augenblick brennt sie wieder neu auf, so daß dieser Wechsel so schnell auf einander folgt, daß für die sinn¬ liche Wahrnehmung keine Unterbrechung Statt findet. In der Flamme ist daher ein beständiges Entstehen und Vergehen, und die Beständigkeit dieser immerwährenden Erneuerung ist es eben, was uns als Flamme erscheint. Eben so ist der menschliche Organismus. Indem die Seele in der Sinnenwclt Bestand gewinnen will, fängt sie an sich zu verleiblichen. Die Verleiblichung geschieht durch den Stoff der Außenwelt, der in seiner Allgemeinheit als Licht, Luft, Wasser und Erde sich darstellt, und ans dem die Seele, weil sie einmahl hier einheimisch werden will, sich den Leib baut. Beobachtet man den Vorgang dieses Baues, so zeigt die erste Wahrnehmung alles flüssig, obwohl die Wasserform nur die erste Hülle des bildenden WesenS darstellt. Allmählig aber formen sich die festeren Lheile, die durch den Knorpel in Knochen übergehen, so, daß das Leben sich immer tiefer in die Materialität versenkt, und der Thierleib, indem er alle Elemente als ausge^ bildet in sich trägt, die ganze Erdentwicklung repräsentirt. So wie aber der Thierleib aus der ganzen Natur sich combinirt, indem er alle Augenblicke Nahrung anö der Außenwelt empfängt; eben so löset er sich fortwäh- — i6i — rend wieder auf, indem alle Augenblicke ein Theil des¬ selben in die Außenwelt zurückkehrt. Alle imponderab- len, und jene ponderablen Stoffe, die wir als Nahrungs¬ mittel zu uns nehmen, gehen in der Form deö Nah- rungSsafteö in das Arterienblut, und dann als solches in den Organismus des Menschen ein, strömen durch die feinsten Aederchen in alle Theile deö Leibes, gehen in dieselben dadurch über, daß jedes Organ den für sich geeigneten, und während deö Umlaufs bereiteten Theil in dem Maße an sich zieht, als es zu seiner Re- production erforderlich ist. Denn, indem die Erfahrung zeigt, daß jedes Organ die unbrauchbar gewordenen Theile fortwährend auöscheidet; so müssen diese, wenn das organische Leben dauern soll, auch fortwährend er¬ setzt werden. Die im Blute enthaltenen flüssigen Theile constiruiren auf diese Art den sichtbaren Leib, indem sie während des Umlaufs an olle Organe sich ansetzen, und in alle Verwandlungen von der feinsten Gehirnmaffe bis zum starren Knochen übergehen. Was vom Blute zur Reproduktion nicht verbraucht wird, geht durch die Venen in die Lunge zurück, erhält dort neuen Nah- rungsfaft und Sauerstoff, um wieder in die Arterien über zu gehen. Hierbei) ist jedoch zu bemerken , daß nicht alle Nah¬ rungsmittel, um als solche wirksam zu sepn , erst durch die Magenverdauung in den Nahrungssaft übergehen. Man denke nur an die sogenannten imponderablen Sub- stauzen, z.B. Licht, Luft, Wärme, u. s. w. Je geistiger ein Stoff ist, desto schneller wird er absorbirt und assi- milirt. Actherische Substanzen werden, wenn man we¬ nig davon nimmt, im Munde schon verdaut, ehe stein den Magen kommen. Selbst bep einer fester» Speise ver¬ schwindet, wenn man sie länger kauet, immer mehr ihr 11 — 162 — Geschmack ; ein Beweis, daß daS, was wir eigenthüm- lich an einer Speise schmecken, ihre höhere Natnr, ihr Geist ist/ der sich sogleich mit dem Speichel verbindet und in den Leib übergeht, während das Gröbere, Ma¬ terielle eigens in den Magen kömmt, um dort durch den Magensaft, als noch schärferen Speichel zerlegt und als Nahrungssaft in das Blut geführt zu werden. Es hat demnach nicht bloß das Blut allein einen Kreislauf, sondern der ganze Leib von der Nervenmaffe bis zum Knochen unterliegt einem geregelten und in be¬ stimmten Perioden sich wicderhohlenden Kreislauf, das heißt, in dem Verhältnisse, als der Leib sich gestaltet, in eben demselben vergeht er auch wieder, um wieder neu sich zu gestalten. Das Element der Luft z. B. geht durch das Athmen alle Augenblicke in den Organismus ein, und geht eben so schnell wieder hinaus, um neu wieder herein zu tre¬ ten. Schon langsamer erneuert sich in den flüssigen Theilen deö Lhierleibes das Element des Wassers, noch langsa¬ mer aber das Element der Erde in den Knochen ; denn die festeren Theile brauchen mehr Zeit, um sich nach und nach zu consolidiren, sie verschwinden deswegen auch langsamer, und ihre, durch fortwährendes Abgeben und Wiedererhalten bedingte, stäte Erneuerung ist der sinn¬ lichen Wahrnehmung nicht mehr als Handlung oder als sichtbarer Wechsel, sondern nur als Product bemerkbar. So verschwindet der Thierleib fortwährend, und wie er verschwindet, bildet er sich wieder. Da nun die¬ ser Wechsel, so lange das Leben dauert, keine wesent¬ liche Unterbrechung erleiden darf; so ist eben der Wech¬ sel in seiner Erscheinung das, was als sinnlich wahr¬ nehmbarer Leib angeschant wird. — 163 — Was ist aber das , was den Wechsel bedingt, und den stets verschwindenden Bau wieder neu beginnt? Ist es ein Resultat dec Combination selbst, oder ist eS eine höhere, über der Combination stehende, und dieselbe leitende Kraft, welche wir das höhere Leben oder die Seele nennen? Wäre nicht die Seele die, der Combination zum Grunde liegende Kraft, so müßte die Combination eine, sich durch sich selbst hervorbringende seyn, waö eben so wenig möglich ist, als daß die Flamme sich selbst her¬ vorbringen sollte. Würde die Combination sich selbst Her- Vorbringen , so müßte die ganze Operation und Zusam¬ menmengung als reiner Zufall erscheinen. Denn die in der Bildung des Leibes sich offenbarende Kraft ist ja eine solche, die über alle andern bekannten Kräften steht, die die ganze Materienwelt combinirt, und zwar so zu einem Ganzen combinirt, daß ihr Produkt das zusammengesetzteste und künstlichste aller Erzeugnisse ist, die ferner dieses Geschaffene alle Augenblicke löset und wieder verbindet, und immer die ganze Natur mit allen ihren Elementen dazu verwendet, die also die ganze Na¬ tur in ihrer Macht und zu ihrer Disposition hat, die die ganze, vergeistigte auf irdischer Entwicklungsstufe stehende Natur selbst ist, die mithin unter keinem, uns bekannten Naturgesetz mehr steht. Wäre sie nun bloß das Resultat der Combination, so wäre nicht sie als bilden¬ de Krast, sondern die Combination wäre das Höchste. Verstand und Vernunft, die aus den Operationen jener Kraft hervorleuchten, könnten auf diese Art der Combi¬ nation auch nicht zum Grunde liegen, sondern wären nur als ihr Resultat zu betrachten. Müßte aber dann nicht die Combination selbst ohne Verstand und Vernunft vor sich gehen, mithin reiner Zufall seyn? 11 * — i64 — Daß hier unter Verstand und Vernunft nicht jene Intelligenz gemeint sey, die wir als die selbstbewußte bezeichnen, wird Jedem von selbst einleuchten, der dem Gange der Betrachtung aufmerksam gefolgt ist. Die selbstbewußte Intelligenz ist allerdings nur ein Erzeug- niß zweyer Factoren, wovon einen die innere, geistige Anlage, und den andern die durch die Combination oder Bildung des LeibeS möglich gewordene Anwendung dieser Anlage auf die irdische Welt vorstellt. Diese In¬ telligenz kann daher der Bildung und Erhaltung deS Leibes nicht zum Grunde liegen, weil sie erst erwacht, wenn die Organe schon gebildet sind. Sie verhält sich zu dem in der Seele liegenden geistigen Vermögen, so wie das Besondere sich zum Allgemeinen verhält. Die der künstlichen Erbauung und Erhaltung des LeibeS zum Grunde liegende Einsicht und jene Einsicht, die durch unser Empfinden, Denken und Wollen sich offenbart, sind nur zwei) verschiedene, durch das irdische Leben be¬ dingte Seiten einer und derselben Intelligenz. Deswe¬ gen ist unser Empfinden, Denken und Wollen-von der Beschaffenheit des Leibes abhängig, während die den Leib bildende und erhaltende Intelligenz ohne unfern Willen wirkt. So wie aber einerseits das bildende Le¬ ben das Mittel zum selbstbewußten Denken und Wollen ist, so ist andererseits das selbstbewußte Denken und Wollen das Mittel zur Erreichung unserer Menschcn- bestimmung. Beyde bedingen einander, nur durch beyde sind wir sinnlich vernünftige Wesen. Beyde wurzeln in einer höheren Einheit, die das reine Wesen des Menschen ans- macht. Dieses Wesen, indem eS dqs Grundgesetz alles des¬ sen, was immer in der Welt verkömmt, in sich trägt, — i6Z — erscheint zwar nur als ein Unbewußtes oder als bloße Anlage, eben weil es ein Allgemeines , sich auf Alles Erstreckendes ist. Allein es ist ein Indifferen¬ tes oder Unbewußtes nur in Beziehung auf das empirische Bewußtseyn, an sich ist es ein Positives. Daher geht eS in zwey Richtun¬ gen auseinander. Die eine Seite hat die Bildung und Erhaltung des Leibes zum Zweck, damit die Sinnes- empfindung möglich werde, und ist an sich schon ein Universelles und positiv Intelligentes, weil sie aus die künstliche Weise den Leib aus den Stoffen der ganzen Natur baut, diese mithin ihrer ganzen Fülle nach dyna¬ misch in sich faßt. Die andere Richtung bildet sich als selbstbewußtes Geistesleben auS, und ist gleichfalls uni¬ versell, weil sie im Gedanken das Universum ideal er¬ faßt, und sich in der Wissenschaft zum Unendlichen und seinem ewigen Urgrund erhebt. So sind wir hier von dem Standpuncte der Bil¬ dung des Leibes ans zu der im 5b. aufgestellten An¬ sicht gekommen, daß der Organisation nothwendig eine Intelligenz zum Grunde liege. Noch klarer wird dieses durch folgende Beobachtung. Wenn die Organisation zufällig, und nicht durch ein verständiges Princip be¬ wirkt würde, wie wäre es möglich, daß doch die or¬ ganische Bildung eine regelmäßige Dauer hätte? Oder, wenn die Organisation nicht über der irdischen Erschei¬ nung schon geordnet wäre, wie könnten organische We¬ sen der verschiedensten Art und Gattung, die säst von gleichem Naturstoffe sich nähren, neben einander entste¬ hen ? Wie könnten einzelne Gattungen über alle Erd¬ striche verbreitet Vorkommen, und unter jedem Klima und bey der verschiedensten Nahrung sich doch als die¬ selbe Bildung erhalten? — 166 — Hieraus folgt, daß eine zufällige Erzeugung der organischen Wesen rein unmöglich fey, sondern daß zu dem, waö wir den sinnlich wahrnehm¬ baren Leib nennen, noch etwas, waö die Or¬ ganisation desselben bedingt und leitet, hinzu komme, oder mit andern Worten, daß der Thierleibein Erze ugniß des Thier¬ lebens oder der Thierseele, der Menschen¬ leib aber ein Erzeug» iß des reinen Men¬ sch e n w e se n s o de r d e r M e nsch e n se e le sey; wel¬ ches, wie schon gesagt wurde, und nicht oft genug iviederhohlt werden kann, auch unwiderleglich auö dem Umstande hervorgeht, daß der Charakter des organischen Lebens in der Assimilation liegt, diese aber ist eine That, und setzt als solche eine geistig - wirkende Kraft schon voraus. Diese Kraft ist das Naturleben der Seele, wel¬ ches seinem Wesen nach über das Irdische hinauSreicht, und von einer Hähern Welt getragen wird (§. ><>-) III). Dieses Hi nein rei ch e n in eine höhere Welt, oder Vielmehr dieses Abstammen auö derselben und Hereintreten in diese Welt ist es, was das organisirende Princip in den Stand setzt, den ganzen, ans den ir¬ dischen Elementen e b e n g e b il d e t e n L e i b be¬ ständig auszuscheiden und wieder neu zu bilden, wobei) nur der Unterschied Statt findet, daß jenes Höhere in der Pflanze in einem mindern Grade sich offenbart, als im Thiere. Bey der Pflanze er¬ sehet nies bloß als ein den Bau leitendes, welches zwar bildet, aber nicht der frei) en Bewegung fähig ist, indem eö gleichsanr mit der Atmosphäre noch z usa m me n hä ngt. l6? — Im Thiere hingegen ist es ein demselben ganz In wohnen des, ein selbstständig ge¬ wordenes Universelles, welches zu empfin¬ den und frey von einem Orte zum andern sich zu bewegen vermag. Als Menschensee¬ le endlich verwendet diese Kraft die ganze irdische Natur als Materie zu ihrem Bau, und trägt alle Gesetze der Erd-, Pflanzen- und LHierentwicklung in sich, woraus folgt, daß der Menschen leib alle niedrigeren For¬ men des Lebens in sich vereinige, und ei¬ ne Combination derselben in organischer Durchdringung zu einem Ganzen sey. Das LrLklr und die sinnliche Erscheinung. 110. Die Ansicht, daß der organische Leib ein Erzeug- niß der Seele sey, enthält nichts anderes, als: DaS geistige oder Seelenleben ist, physiologisch genommen, schon da, wenn sich der Leib zu entwickeln anfängt; oder mit andern Worten: Das Wesen ist vor der. Erschei¬ nung, nicht die Erscheinung vor dem Wesen. Wo aber, und w,'e die Seele vorher gewesen , kann nach dem ge¬ genwärtigen Standpnncte der Physiologie nicht bestimmt werden. Die Frage von der Präepistenz der Seele ist ur¬ alt. Alles was in den Schriften der Indier und Grie¬ chen, der Hebräer, Gnostiker und Kirchenväter für «nd wider diese Lehre vorkömmt, sind nur Philosophen^, die — 168 — nichts entschieden haben, und nichts entscheiden können, weil sie bloße Speculation sind, und des physiologischen Standpunctes gänzlich entbehren. Gewiß ist es, daß diese Lehre, weil die Anregung derselben immer wiederkehrt, eine tiefe Wahrheit in sich trägt; aber nur auf physiologischem Wege wird man der Lösung derselben näher rücken. Der Mensch wird zur nähern Kenntniß des Wesens seiner Seele erst gelan¬ gen, wenn er ihre inneren und geheimen Organe, die etwas dem Geiste Verwandtes seyn müssen, näher kennt. Dazu gelangt er nur durch tiefere Erforschung des in die Sinne fallenden Leibes, und der gejammten Natur, die dessen äußeres Gegenbild ist. Der Weg zur Erken ntniß des Wesens der Seele, und von diesem zur Kenntniß ihres Zu stan des vor und nach der irdischen Erscheinung bleibt, von philosophischer Seite aus betrachtet, kein anderer, als der vergleichenden, um¬ fassenden Natnrforsch ung. 111. Was kann nun über das Seyn des Wesens vor der Erscheinung, oder der Seele vor dem Leibe im All¬ gemeinen gesagt werden ? Gibt nicht das Wesen der Ma¬ thematik nnö hierüber einen Fingerzeig, wenn das Denk- gesetz, nach welchem die mathematischen Größen entste¬ hen, und das Naturgesetz, nach welchem die Organismen sich entwickeln, der Form nach das nähmliche ist? Oben (§. g6. Anmerk.) wurde die Auflösung ei¬ ner mathematischen Aufgabe mit dem Eintritte eines le¬ benden Wesens in die organische Erscheinung verglichen- Dort wurde bemerkt, daß die unbekannte Größe ihrem Wesen nach nicht erst durch die Auflösung entstehe. Wer — i6c> -— ein mathematisches Problem lösen will, ist zum voraus von dem Dasepn der aufzufindenden Zahl überzeugt, nur ihre wahre Größe, das heißt, die Form der wirkli¬ chen Erscheinung nach dem Mehr oder Weniger, oder das hierdurch sich offenbarende Verhältnis derselben zu den übrigen bekannten Zahlen ist unbekannt. Ans der Auflösung wird demnach Folgendes klar: 3) Alle Zahlen, die wirklich erscheinen oder ange¬ nommen werden, find in der Idee nur Glieder eines einzigen formellen Organismus, der in seiner Einheit als Zero, in feiner Mannigfaltigkeit aber als eine endlose Menge möglicher Größen sich darstellt, welche, sobald durch einige bekannte Zahlen die Art der Anknüpfung ein¬ mahl gegeben ist, mit einander in gesetzlicher Verbindung, oder mathematisch ausgedrückt, die zu einander im Ver¬ hältnisse stehen. Jede Zahl, die sich der Mensch denkt, ist nnr möglich, durch die Voraussetzung aller. Ich kann mir z. B. die Zahl sechs nicht denken, wenn es nicht ein fünf und sieben gäbe. Die Zahl sechs ist nur sechs, in so fern sie zwischen fünf und sieben liegt. Nun ist aber sieben wieder nicht denkbar ohne sechs und acht, die Zahl acht nicht ohne sieben und neun, und so ins Un¬ endliche fort. Die Unbekannte eines jeden Problems wird daher auch schon voraus gesetzt, und nicht erst durch die Operation der Auflösung geschaffen. Jeder, der ein Problem zu lösen unternimmt, schafft zu seinem Behufs diesen formellen Organismus, oder mit andern Worten: er nimmt ihn an, betrachtet und behandelt ihn, wenn auch nur von einer gewissen Seite. Jedes Problem zeigt ihn von einer andern, weil alle möglichen Aufgaben in demselben liegen. Ganz übersehen kann ihn jedoch kein Sterblicher, denn die bekannten Größen, und wenn man deren noch'so viele — 170 — annimmt, sind jederzeit nur mehrere oder wenigere Glie¬ der aus der unendlichen Kette. In dieser unendlichen Kette liegt auch die Unbekannte, sie steht daher zu den Bekannten in einem bestimmten Verhältnisse. e) Das Hervortreten der unbekannten Zahl ist diesem nach nicht ein Entstehen derselben, sondern nur ein Bekanntwerden dieses Verhältnisses; indem durch die arithmetische Operation der formelle Organismus des Problems so lange verschiedenartig gestellt wird, bis das Verhältniß, in welchem die unbekannte Größe zu den bekannten steht, durch Vergleichung herauöge- bracht wird. Druckt nian die Größen des Problems durch allgemeine oder algebraische Zahlen aus; so zeigt eS sich deutlich, daß keine einzige derselben durch die AuflösungSoperation verschwindet, sondern indem bald daS eine, bald das andere Glied mehr in den Vorder¬ oder Hintergrund tritt, nimmt zuletzt der ganze Orga¬ nismus deS Problems die Form der unbekannten Grö¬ ße an, wodurch dann letztere durch Vergleichung mit demselben als bekannt erscheint. Selbst bey der einfach¬ sten Subtraction zeigt eS sich, daß keine der gegebenen Größen wirklich verschwindet. Wenn man z. B. Zwey von Vier abzieht, so ist die Operation folgende: Vier und Zwey sind die gegebenen Größen, aber verschiedener Art; die erste bejahend, die zweyte verneinend. Hieraus bildet sich als erste Idee ihr Gegensatz: Vier weniger Zwey. Dieser trägt die Idee der neu zu sindenden Grö¬ ße schon implicite in sich. Ohne daß eine der bcpden vorigen Größen wirklich verschwindet, läßt sich die neue Größe mit der vorigen Idee in folgende Gleichung set¬ zen : Vier weniger zwey sind gleich Zwey. Das Auf- finden der neuen Größe Zwey geschieht mithin nicht auf Kosten der vvrigen Größen, sondern ist nur das Ent- — 171 — - ! wickeln einer neuen Idee, die in der vorigen Idee schon enthalten ist. Wenn die vorigen Größen verschwänden, so wäre keine Gleichsetzung, das ist, keine Eruirung der neuen Größe möglich. Daß die unbekannte Größe ihrem Wesen nach schon vor der Auflösung des Problems bestehe, und nicht erst durch die Auflösung geschaffen werde, geht auch daraus hervor, daß man der Aufgabe eine andere Richtung ge¬ ben, daö ist, daß man die eben gesuchte Zahl als eine bekannte, eine von den vorher bekannten aber als un¬ bekannt annehmen, und sie durch die Auflösung heraus- sinden kann. 6) Wenn man nach den Paragraphen ' 9. und 2». zu den Ideen der Zahlen gelangen will, so erhalt man durch jede Setzung des Zero immer nur die Idee eines positiven oder negativen Eins. Diese sind dann die Elemente aller möglichen Zahlen. Die Zahlen selbst entstehen erst durch Zusammensetzungen dieser positiven oder negativen Eins. Wird aber ein Problem aufgelö- set; so erscheint die unbekannte Zahl nicht als ein Einfa¬ ches oder als Element, aus dessen Vervielfältigung die wahre Größe erst erwachsen soll, sondern sie erscheint in ihrer vollen wirklichen Größe als ausgebildete Zahl. Die¬ ses beweiset, daß in. jedem Probleme ein formeller Orga¬ nismus gesetzt wird, und daß es gleichgültig ist, ob man alle Größen, aus denen er möglicher Weife gegliedert ist, heranösuchen will, ober nicht, sie sind in der Idee doch gegeben. So ist es auch im Leben. Als GotteS All¬ macht den Gedanken der Schöpfung realisirte, hat sie nicht etwa einen Himmelskörper allein, oder den Men¬ schen allein, sondern alle Himmelskörper und alle uns bekannten und unbekannten Wesen, die mit dem Univer¬ sum im Zusammenhänge stehen, der organisch-geistigen Anlage nach zugleich geschafft» (§. (>o.). So wie daS 172 — Gesetz des menschlichen Denkens cS in der Mathematik in aller Strenge zeigt und beweiset, daß durch jede ein¬ zelne Größe in der Idee alle gesetzt sind; weil ein ein¬ zelnes Glied einer Progression ohne die übrigen nicht entstehen kann; eben so sind in der Wissenschaft des Le¬ bens durch jedes einzelne erschaffene Wesen alle gesetzt. Wie sollte es auch anders seyn können? Wenn schon im Formellen eine Größe ohne Voraussetzung aller übrigen nicht möglich ist, so kann dieses bey lebenden Wesen um so weniger der Fall seyn; denn mathematische Größen kann der menschliche Gedanke setzen und aufheben, so viele er will, es wird durch die mathematische Opera¬ tion, die ein reines Denken ist, im Universum keine Ver- anderurg hervor gebracht, weil formelle Größen ein le¬ diglich Gedachtes bleiben. Anders ist eS bey lebenden Wesen, die im Univer¬ sum thätig zu seyn, und Veränderungen nach sich zu ziehen bestimmt sind. Soll im ewigen Haushalt der Dinge feststehende Ordnung seyn, so können die unzäh¬ ligen Millionen von verständigen Individuen nicht regel¬ los entstehen und wieder vergehen, sondern da das Wir¬ ken eines Einzelnen oft von den ungeheuersten Folgen für so Viele ist; so muß im Weltplane der Vorsehung jedes Individuum der geistigen Anlage nach schon zu¬ gleich gesetzt und alles so geordnet seyn, daß alle mit der nachfolgenden Entwicklung dieses Planeten eintrcten- den Veränderungen in Harmonie mit dem Ganzen ste¬ hen. Alles ist daher der Anlage nach im Sch öpfungs plane zugleich gesetzt. Das sinnliche Hervor treten der Individuen ist nur Entwicklung (Z. ?3.), so wie das Auf¬ lösen eines mathematischen Problems ei¬ ne Entwicklung ist. Daher tritt auch kein organi- — 17Z — fcheS Wesen als bloß elementare Kraft, sondern als wirkliches Individuum hervor; jedes muß, weil eS ein dem TotalorgauismuS GleichgesetzteS oder dessen Abbild ist, in physiologischer Beziehung schon bep seinem Her¬ vortreten alle Kräfte an sich tragen, die sich später an demselben im regelmäßigen Gange organisch heranbilden. Das mit Leben erfüllte Universum ist demnach einem mathematischen Problem zu vergleichen, welches von Anbeginn alles erschaffenen LebeuS an schon gesetzt oder geordnet ist. Die organische Schöpfung ist ein fort¬ währendes Lösen dieses Problems, weil in demselben alle Gattungen, Arten und Individuen ihrer physiologi¬ schen Wesenheit nach schon gegliedert vorgebildet seyn müssen, indem es sonst unbegreis.-ch wäre, wie die ver¬ schiedensten Gattungen und Arten auf dem nähmlichen Boden und aus dem nähmlichen Naturstoffe neben ein¬ ander hervortreten könnten. Indem sie organisch hervor¬ treten, verhalten sie sich zu einander, so wie sich in dec Mathematik Größe zu Größe verhält. Der große Mei¬ ster aber, der das Schöpfungsproblem löset, ist Gott, so wie der Mensch daS vom Menschen gesetzte Problem der Mathematik durch die Wissenschaft löset. Gott sieht eben so, aber nur höher und freyer, über der Natur, wie der Mensch über der Mathematik als Wissenschaft steht. 6. Die nähere Betrachtung des Wesens der Ma¬ thematik gibt uns auf diese Art den Fingerzeig, daß al¬ les, was sinnlich wahrnehmbar wird, in höheren, über die Erscheinung hinaus liegenden Verhältnissen begrün¬ det ist. Die Mathematik selbst reicht, wie schon im §. 92. angedeutet wurde, über die sinnliche Erscheinung hinaus, und wenn dort gesagt worden ist, jeder Orga¬ nismus repräsentire seinem Wesen nach das All-Leben, oder jedes Eins repräsentire das Zero, und in der Mög- ir4 — lichkeit dieser Repräsentation liege der innere Zusam¬ menhang zwischen dem Wesen und der Erscheinung; so können wir uns gegenwärtig deutlicher ausdrücken und sagen: das, was wir dort als All-Leben bezeichnet ha¬ ben, sey nichts anderes, als die unendliche, über die Sinne hinaus liegende, von dem höchsten Geiste aber schon geordnete, und getragene Welt geistiger Kräfte , die nur deßwegen das All-Leben genannt wird, weil wir in derselben mit unserm irdischen Wahrnehmungs¬ vermögen nichts Individuelles mehr unterscheiden. Aus diesem Reiche treten nun die Wesen hervor um irdisch - organisch zu werden, und die Mathematik ist in der Idee der Inbegriff der Gesetze (§. 3i.), welche die Natur in den Fornien der organischen Geschöpfe ent¬ weder schon realisirt hat, oder noch reali- siren wird, deren Verschiedenheit mithin in den Tiefen der Natur gegründet ist, und über das Irdische hinaus liegt. Deßwegen ist die Mathematik eine Vernunft- und keine Erfahrungö- wiffenschaft. 1k2. Die Mathematik zerfallt in Arithmetik und Geo¬ metrie, oder in einen idealen und realen Theil. Leidet vielleicht auch dieses Verhältnifi eine Anwendung auf das Verhältniß des Lebenö zu seiner Erscheinung? Die Zahlen der Arithmetik sind Größen ohne Um¬ grenzung oder Gestalt, die Figuren der Geometrie neh¬ men Umgrenzung oder Gestalt an. Die Zahl als Idee ist bloß dem Verstände begreiflich, die Figur als Ge¬ stalt fällt nberdieß in die Anschauung. Die Zahl ist die intensive Größe, die Figur ist die extensive. Die Zahl — 175 — ist die geistige Größe, die Figur ist die leibliche. Die Figur ist nur etwas, in so fern ihr die Idee der Größe zum Grunde liegt, die Idee der Größe oder die.Zahl ist auch ohneFigur; kurz, die Zahl ist das Wesen, die Figur ist die Erscheinung. Könnte man demnach nicht sagen, es trete zwi¬ schen der Seele und dem, was als Seele und Leib in Einem sich darstellt, in Beziehung auf ihre Eristenz das nähmliche Verhältniß ein, welches zwischen Zahlen und Figuren Statt findet? Wäre hiermit wohl etwas Unge¬ wöhnliches oder Neues behauptet? Das Ganze beruht ja nur auf der Ansicht, daß, so wie es eine physische Welt gibt, es auch eine geistige gebe (§. > 11. und > 07. I.), auö welcher die Wesen in die physische Welt nach einem, über unsere Sinnensphäre hinaus liegendem Ge¬ setze hereintreten, sich in derselben organisiren, und nach eben diesem Gesetze wieder hinauSgehen. Dagegen kann man emmenden: Die Zahlen wer¬ den, obschon sie nicht in die Sinne fallen, in der rei¬ nen Mathematik allerdings als bestimmte Größen be¬ trachtet ; allein, wo zeigt sich ein Seelenleben ohne Kör¬ per ? Was wissen wir vom Geiste ohne seine Erschei¬ nung ? Hierauf läßt sich antworten: Die Zahlen in der reinen Mathematik seyen zwar nur Ideen, allein die auf¬ fallend sonderbare Art, wie der Mensch, der doch diese Zahlen oder Ideen selbst schafft, seinem Producte ohne Bedenken Realität beymißt, die Sicherheit, mir welcher sich diese mathematische Ideenwelt rein sür sich hand¬ haben läßt, die Gewißheit, mit welcher man auf das Resultat richtig angestellter Combinatiouen schon im vor¬ aus schließen kann, und die Betrachtung, daß eS eine reine Mathematik außer der angewandten gibt, indem — 170 — ihre Wahrheiten für sich schon unumstößlich sind; er¬ scheinen unö als eben so viele unwiderlegliche Beweise von dem hohen Vorzüge deö Ideellen oder Geistigen. Der Schluß auf d a s R e sul t a t einer richtig ungestellten Combination ist in der Ma¬ thematik deßwegen so gewiß, weil in die¬ ser Wissenschaft keine Lücke Statt findet zwischen Idealem und Realem, weil in ihr kein Sprung, sondern nur gesetzmäßiger U ebergang ist von dem Wesen zur Erschei¬ nung. Die unbekannte, erst zu findende Zahl ist mit den gegebenen oder bekannten schon in einem gesetzmä¬ ßigen Verhältnisse, welches nur durch die Auflösung dargestellt zu werden braucht. Im Grunde findet freylich im Leben dasNähmlicheStatt, die Kraft, oder der Geist, welcher organisch werden soll, muß auch zur Sinnen welt, in die er tritt, in Betreff der Bedingnisse sei¬ nes Eintretens in gesetzlicher Beziehung stehen, nur sind die Gesetze, nach welchen dieser Eintritt vor sich geht, der Physio¬ logie noch unbekannt. Da es kein organisches Le¬ ben ohne Form gibt, so greift hier das Wesen der Ma¬ thematik als Wissenschaft der Form in das Leben selbst ein, und die Gesetze, nach welchen die reinen Formen oder mathematischen Großen in die Erscheinung treten, haben eine tiefe Bedeutung für die Physiologie. Die Mathematik ist in ihrer Idee nichts anderes, als die Gesetzmäßigkeit, unter welcher das Leben in sei¬ ner Mannigfaltigkeit sich ausspricht. Der ganze Werth irgend eines physischen Gegenstandes wird nur dadurch bemessen, daß sich die Quantität seines Gehaltes, daS ist, seine Kraft, sein Geist oder sein Einfluß auf andere — 177 — Gegenstände arithmetisch/ das heißt/ durch Anwendung rein mathematischer Wahrheiten auf ihn/ bestimmen läßt. Durch die Anwendung der reinen Mathematik auf die physische Welt lernen wir wohl den Gehalt der letzten, kennen / die physische Welt hingegen kann der reinen Mathematik zu ihrer Gewißheit nichts hinzu geben. Die Masse erhält ihren Werth durch die/ ihr inwohnende Kraft / oder durch den Geist/ und nicht der Geist durch die Masse. Das Leben ist zwar immer mehr an die Masse gebunden, je niedriger es steht, und der Geist erscheint nirgends ohne Materie, auch die reine Mathematik ist nicht bloß für sich, sondern nur für die Welt da (Z. 102.); allein, je höher das Leben in der Wesenreihe sich entwickelt, desto mehr befreyt sich der Geist von der Masse, indem er dieselbe als immer mehr veredelt sich aneignet , so wie die Mathematik in ihrem Höhen, Gebiethe über die Erde sich aufschwingt, und das Unendliche zu erfassen strebt. Daher ist der Mensch bey der geringen Masse seines Leibes doch Herr aller Thiere, und Gebiether der irdischen Schö¬ pfung , und es läßt sich das Ueberwiegen des höheren Lebens über das niedrigere, der Vorzug der Seele vor dem Leibe aus ihren Aeußerungen mit eben der Gewi߬ heit erkennen, mit der wir die Zahlen als wirkliche Grö¬ ßen ansehen, obschon sie keine Umgrenzung haben und nicht in die Anschauung fallen. Aber, wie schon gesagt, so handhaben läßt sich die Seele freylich nicht, wie die Zahlen, denn sie ist selbstständig und lebendig, die Zah¬ len hingegen sind idealesWesen, die sich der Mathema¬ tiker selbst schafft. Der Mensch erkennt demnach die Mathematik, die als Wissenschaft von ihm ausgeht, frü¬ her, als er die Welt und daö Leben, die von Gott auS- gehen, erkennt, das heißt, er gelangt früher zu einer 12 — 178 vollkommenen Mathematik, als zu einer vollendeten Philosophie. Letztere wird nur durch einen unendlichen Progreffus möglich seyn, weil das vollendete Erkennen Gottes nur durch ein immerwahrendes Fortschreiten möglich wird. Wenn hier von der Philosophie gesagt wird, daß ihre Vollendung nur durch ein immerwahrendes Weiter¬ schreiten möglich sey, so soll damit nicht gemeint seyn, als sey noch keine wahre Philosophie vorhanden, son¬ dern eö heißt dieses nichts anderes, als: Jedes der philosophischen Systeme, die bisher erschienen sind, ist als ein Versuch anzusehen, die Aufgabe der Philosophie in ihrer Totalität zu lösen, und jeder echte Philosoph, dem das Wesen der Wissenschaft im wahren und reinen Sinne deS Wortes klar geworden ist, hat sie nach dem Grade seiner Einsicht auch gelöset. Da aber jeder, auch der Weiseste unter den Sterblichen ein Individuum bleibt, dem nur die Uebersicht eines bestimmten Kreises vergönnt ist; so folgt daraus, daß, wenn bey fortschrei¬ tender Erkenntniß der Welt und deö Lebens dieser KreiS sich erweitert, auch die Lösung dieser Aufgabe immer vollkommener gelingen müsse. Nur in diesem Sinns kann von einem immerwährenden ProgressuS die Rede seyn. Anmerkung. Wenn hier die lebenden Wesen wieder mit den Zahlen verglichen worden sind; so hat dieses nur auf da« Gesetz Bezug, unter welchem sowohl die Zahlen alS auch die lebenden Wesen in die Erscheinung treten. Die Zahlen erscheinen nur als Symbole. Wenn der Mensch als edelster Organismus an der Spitze der Progression steht, nach welcher sich di e Organismen aufwärts entwi¬ ckelt haben; so bildet diese Reihe, in ihrer vom Leben ab- strahirten Form angeschaut, allerdings eine Art nach ein- — 17Y — ander stehender Größen, von denen immer die höhere die niedrigeren in sich aufnimmt. Es ist aber dieses nur eine starre Form, eine Fixirung des ohne Unterlaß fort¬ laufenden Lebensstroms, der alle Beweglichkeit mangelt, während der Prozeß, durch welchen der Organismus aus dem Materiale dek ganzen Natur zusammen- und immer wieder auseinander fließt, das Leben selbst ist, welches seiner Beweglichkeit wegen keine formelle Ansicht zuläßt. 213. Die Begründung des Lebens vor der Erscheinung ist zu wichtig, als daß nicht fast jede philosophische Schule in dem metaphysischen Lheile ihres Lehrgebäudes darauf hingearbeitet hätte. Was in diesen Betrachtungen hierüber gesagt wur¬ de , ist nur etwas Allgemeines, wir wollen daher ver¬ suchen, diese, für die höhere Bestimmung des Menschen äußerst wichtige Ansicht auf zweyfache Art noch specieller zu beleuchten; zuerst durch eine Betrachtung des Wesens der Materie überhaupt, indem wir von der Materie zum Geist, von der Erscheinung zum Wesen, von der Natur zu Gott aufsteigen, und zweytens, indem wir die Entwick¬ lung der Materie aus dem Geiste, das Hervortreten der Erscheinung aus dem Wesen, oder die Entstehung der Na¬ tur aus Gott in allgemeinen Grundzügen anzudeuten ver¬ suchen wollen. Erste Ansicht. §. 114- Wenn die Chemie z. B. eine Pflanze zerlegen und dadurch dem Leben derselben näher treten will; so ent¬ schwindet ihr das, was sie sucht, während der Arbeit. Sie erhält durch die Zerlegung gewisse Stoffe, auö diesen aber kann sie durch Zusammensetzung das vorige 12 * — 180 — Leben der Pflanze nicht wiederherstellen, denn diese Stoffe sind nicht Theile der lebenden Pflanze, oder Ebnete aus derselben, sondern sie sind schon neue Pro- ducke, entstanden aus den Ueberresten der, ihres Lebens beraubten, Pflanze, und den Reagentien oder einwir- kenden Kräften der Außenwelt. DaS Leben der Pflanze an sich betrachtet ist ein UntheilbareS, welches aus dem Samenkeim hervorbricht, und in Pflanzengestalt aufwachst. Zu diesem Behufs werden von ihm die Naturelemente eben so zu einem Ganzen combinitt, wie-das Thierleben den Lhierleib bildet. Auf diese Art entstehen die Pflanzeutheile, nähmlich die Säfte, das Zellgewebe, das Mark, die Fa¬ sern und die holzigen Theile, gerade so wie die Ge¬ bilde des Thierleibö entstehen. Die weicheren Theile entstehen zuerst, die festeren bilden sich später, indem die weicheren in die festeren übergehen, und neue weiche an die Stelle der vorigen treten. So löset sich der Pflan¬ zenleib immer und bildet sich wieder; so wie der Thier- leib verschwindet-und sich wieder erneuert, nur ist der Prozeß hier langsamer und einfacher- Der physiologi¬ sche Zweck des Pflanzenlebens und seiner Entwicklung ist die Befruchtung, daher geht es aufwärts, bis diese geschehen ist; dann geht es sogleich wieder abwärts, versenkt sich nach und nach in den Samen, und fällt nach einem bestimmten Zeitgesetz ab. Die nach dem Samenfalle znrückbleibenden,' vertrockneten Theile sind der Leichnam der Pflanze, sind das, was der Leichnam deS Thiers nach dem Tode ist. Der Pflanzengeist er¬ scheint als Same selbst noch in körperlicher Gestalt, dec Geist des höher stehenden Thieres aber schwebt alS reiner Geist schon über der Sinnenwelt. — 181 — Der Same ist die ganze Pflanze in der Involu¬ tion , das ausgewachsene Kraut ist die Pflanze in der Evolution. Das Wachsen ist die Evolution. Die drey Hauptsysteme der Pflanze sind die Wurzel, der Sten¬ gel und das Laub, sie siegen im Samen concentrisch in einander. Durch das Wachsen stellen sie sich überein¬ ander, so wie sie sichtbar werden. Alle drey wiederhoh¬ len sich in der Blüthe, weil diese wieder die ganze Pflanze auf höherer Stufe ist. Die Wurzel wiederhohlt sich in der Knospe und im Fruchtboden, der Stengel im Kelche und im Griffel, das Laub in der Blumen¬ krone und in den Staubgefäßen. Bis hieher geht der Lebenslauf aufwärts, und alles strebt vom Centrum aus zur Peripherie; nach der Befruchtung aber geht der Lebenslauf abwärts, alles strebt von der Peripherie zum Ccntrum, und die Pflanze gestaltet sich zur Frucht. In dieser sind die drey Systeme wieder sichtbar, sie bilden sich aber natürlich in entgegen gesetzter Richtung. Zn der äußern grünen Schale der Frucht wiederhohlt sich das Laub, im Harten öder Holzigen der Stengel, und in den, den eigentlichen Samen umgebenden Häu¬ ten die Wurzel. So wie früher das Leben aus dem Samen in die Pflanzenform hinein wuchs, so wächst es hier aus der Pflanze in die Samenform hinein. Der Same selbst ist wieder die ganze Pflanze, wie vor dem Keimen. Daß die anatomischen Systeme der Pflanze auch denen des Thierleibs entsprechen, ist offenbar. Der Darm ist das, was in der Pflanze die Wurzel ist, den Stengel der Pflanze stellt im Thier das Adersystem dar, und das Laub wiederhohlt sich in der Lunge. Die Rin¬ de kann mit dem Fette, das Zellgewebe mit dem thieri- schcn Schleimgcwebe, und die Sexualorgane der Pflanze — 182 — können mit denen der Thiers verglichen werden. Wei¬ ter bringt eS aber die Pflanze nicht, als bis zur Ge¬ schlechtsfunction. Gleichwie daher aus dem Stengel die Blüthe als eine Pflanze höherer Art sich entwickelt, so entsteht aus den bisher genannten Thiersystemen erst ein höheres, oder das eigentliche Thier, dessen Haupt¬ function freye Bewegung und eigentliches Geistesleben ist; zu den pflanzlichen Systemen des ThierS kommen daher die thierischen Systeme, nähmlich Knochen, Mus¬ keln und Nerven hinzu. Der Thierleib ist sonach viel zusammengesetzter als der Pflanzenleib. So wie aber im Pflanzenkeime oder in der Pflanzenseele alle Systeme des Pflanzenleibes involvirt liegen und sich heraus entwickeln, eben so liegt in der Thierseele der ganze Thierleib involvirt und braucht sich nur heraus zu entwickeln. So wie ferner der pflanz¬ liche Lebenslauf sich in den auf- und absteigenden theilt, so zerfällt auch der thierische in die nähmlichen Perio¬ den. Während der anfsteigenden Periode ist die Pflanze in allen ihren Theilen von dem Leben auf das innigste durchdrungen, nach geschehener Befruchtung scheidet eS sich auS derselben nach und nach ab, zieht sich in die Frucht hinein und fällt als Same ab. Beym Menschen aber, als höchstem organischen Wesen tritt der rückgän¬ gige Lebensprozeß nicht nach der Geschlechtsfunction, sondern erst nach geschehener Vernunftentwicklung in ei¬ ner bestimmten Anzahl Jahre ein, das Geistesleben und mit ihm auch das Naturleben der Organe zieht sich nach und nach in die Tiefe der Seele zurück, wächst ei¬ ner neuen Existenzform entgegen, so wie die Pflanze in den Samen hinein wächst, und fällt im Tode von den nun unbrauchbaren leiblichen Organen eben so ab, — E — wie zur Zeit des Samenfalles der Same von der dür¬ ren Staude abfällt. Wie ist es aber, wenn eine Pflanze wahrend ih¬ res Wuchses gewaltsam zerstört, oder ein thierischer Or¬ ganismus vor dem Ablaufe der natürlichen Lebensdauer getodtet wird? Daß auch hier kein Aufhören, sondern nur ein Trennen des Lebens vom Organe, wie beym na¬ türlichen Tode oder beym Samenfalle Statt finde, ist offenbar, denn der Unterschied des Todes liegt ja bloß in der Form. Während der gesunden natürlichen Lebensdauer ist das Lebens princip in der Pflanze und im Thie- rein allen Organen und überall, gegen die Zeit des Todes oder Samenfalles sondert es sich in einen eigenen Kreis und fällt ab. Während der aufsteigenden Lebensdauer evolvirt sich die Seele organisch, während der abnehmenden invok- virt sie sich in ihr eigenes Wesen. Involution und Evo¬ lution beziehen sich daher nur auf die Existenzform und nicht auf die Existenz selbst. Durch den früheren Tod wird nur dieEvolutions- oder Involu¬ tion speriode abgekürzt, und dieses hat auf das Seyn oder Nichtseyn deö Wesens kei¬ nen Einfluß. Der Vorgang ist ungeachtet der Zeit- abkürzuug doch der nähmliche. Haben wir nicht §. 107. VI. gesehen, daß das Aufwachen allzeit ein neues, abge¬ kürztes Bewußtwerden sey, wobey der Prozeß eben so, aber nur schneller, als bey der ersten Sinnenbildung verläuft? Das Lebensprincip der Pflanzen, obwohl eS in seiner Getrenntheit vom Organe sinnlich wahrnehmbar erscheint, kann doch ohne Samenform auch fortbestehen. Dieses wird nicht nur durch die vielen Pflanzen, die — 1U4 — ohne Samen hervortreten, sondern auch durch solche be- wiesen, die sonst nur durch Samen fortgepflanzt wer¬ den, indem sie plötzlich an gewissen Orten auffprossen, obschon die Beobachtung unbestreitbar darthut, daß sie nicht durch Samen hingekommen sind. Hiervon nur einige Beyspiele. Wie kommt eS, daß an unfruchtbaren, mit Moos bewachsenen Wiesenstellen, wenn Äsche oder Ruß darüber gestreut wird, sich bald darauf üppiger Klee, und konstant nur solcher entwickelt? Warum wuchern, wenn man ein Gebäude niederreißt, oder einen größer» Erdhaufen zusammen schüttet, auf demselben in kurzer Zeit das Bilsenkraut und der Stechapfel, wenn auch in der ganzen Gegend keine Spur davon gefun¬ den wurde? Auf was endlich deutet folgende, von Gruithuisen im vierten Hefte seiner gewichtvollen Ana- lekten für Erd- und Himmelskunde angeführte That- sache? »Wird in Nordamerika ein alter Wald durch ei¬ nen Sturm oder durch Feuer zerstört, so ist der ihm nachwachsende junge Wald niemahls von derselben Art. Den alten Fichten folgen Eichen, Buchen, Kastanien ; diese erheben sich aus den Trümmern oder Ueberresten ihrer fremdartigen Vorgänger, und umgekehrt auf dem Boden eines ehemaligen Eichenwaldes erheben sich in lebhafter Vegetation prachtvolle Zapfenbäume. Nichts ist unerklärlicher, als diese abwechselnde Generation. Man könnte zwar denken, daß die Züge von wilden Tauben, welche auf ihrer Wanderung jährlich das Land durchziehen, den Samen verbreiteten ; allein dieses könnte denn doch von ihnen nicht in so großer Menge, und die Verbreitung nicht so regelmäßig und wohlvertheilk geschehen, als es diese jungen Wälder voraus setzen. Auch der Wind kann einige Samen, besonders die ge¬ flügelten fortführen und verbreiten, allein doch wohl — 185 — nicht auf so bedeutende Strecken, und keinesfalls auch Eicheln, Kastanien und Nüsse.« Hierzu macht Gcuit- huisen die treffende Bemerkung: »Hier sind zwar noch nicht alle Erklärungsgründe erschöpft; allein wunder¬ bar stimmt diese Thatsache damit überein, daß, wenn bey einer Erdkatastrophe alle Thiere zu Grunde gingen, in der folgenden Epoche der Urwelt durchaus andere Gattungen von Thiercn auftraten.« Deuten diese Phänomene nicht unbe¬ streitbar auf eine Welt verschiedener Kräf¬ te hin, deren Existenz über die Erscheinung hinaus liegt, und ist unsere sinnliche Welt, in welche sie nach einem bestimmten Geset¬ ze herein treten, sich organisiren und wie¬ der hinaus gehen, wohl etwas anderes, als ein Ort des Durchganges, in welchem sie, so wie er sich verändert, oder für sie tauglich wird, in immer vollkommeneren Formen auftrcten? (g. 8 5.) Wie sie dort fortbestehen, wird vielleicht einst der Wissenschaft des Lebens klar wer¬ den ; daß aber zwischen Pflanzen und Thieren ein Unterschied Statt finde, darauf scheint der Umstand hin zu deuten, daß, während die Pflanzengeneration öfters wechselt, die der höheren Thiere nur bey Katastrophen, die die ganze Erde erleidet, einer Veränderung unter- liegt (Z. 7 g.). Da übrigens jene Erscheinungen üicht durch Samen--Pflanzung oder thierische Zeugung, son¬ dern durch die universelle Zeugung hervor gebracht wer¬ den; so hat die Physiologie, um über die¬ selben Licht zu verbreiten, vor allem das Verhältniß zu enthüllen, in welchem die sogenannte äquivoke oder universelle Zeu¬ gung zur individuellen oder Geschlechts-! — 186 — zeugung steht; dieses aber wird nur durch verglei¬ chende, weitumfassende Naturforschung möglich. 115. Die Bestandtheile, welche man durch die chemi¬ sche Zerlegung eines Organismus erhält, sind, so lang daö Thier oder die Pflanze lebt, der Möglichkeit nach schon in demselben enthalten, nur in höherer, lebendiger Form. Während des Lebens werden sie durch das gei¬ stige Princip zur Einheit deö SeynS zusammen gehal¬ ten , das körperliche Leben wird von dem geistigen zu sich hinauf gezogen, die niedrigeren chemischen Gesetze der Materie werden von den höheren geistigen beherrscht, weil diese jene in sich tragen. Hierdurch eben wird es möglich, daß der Organismus den niedriger stehenden lind feindlich auf ihn einwirkenden Kräften der Außen¬ welt zu widerstehen vermag. Im Augenblicke deö To¬ des aber löset sich diese höhere Einheit, der Geist mit seinen edleren, unsichtbaren Organen (§. > >7.) entflieht oder fällt ab, die sichtbar gewordenen Theile des Or¬ ganismus aber bleiben zurück, und, weil die höhere be¬ herrschende Kraft sich getrennt hat; so können die nie¬ drigeren beherrscht gewesenen chemischen Gesetze wieder hervor treten. Die Theile des Leibes gehen auf diese Weise bey der künstlichen Zerlegung mit den Reagen- tien neue Verbindungen ein, und erscheinen zwar als chemische Bestandtheile des vorher gewesenen Organis¬ mus, sind aber nicht Educte auS demselben, sondern neue Products. 116. Hieraus folgt, daß das höhere Leben, oder der Geist, der Chemie unerreichbar, und daß nur der sicht- — 187 — bare, zurückbleibende Leichnam der Gegenstand ihrer Untersuchungen sey. Nicht einmahl in der Mineral¬ welt, wo doch das Leben auf der niedrigsten Stufe steht, ist eS der Chemie möglich , die Kraft, durch wel¬ che die ihres Zusammenhanges mit dem Erdganzen beraubten Metalle cohäriren, bey der Zerlegung so fest zu halten, daß der vorige Mineralkörpec aus den ge¬ wonnenen Bcstandtheilen wieder hergestellt werden könn¬ te. Man kann zwar oxydirte Mttalle auf den vorigen regulinischen Zustand reduciren, allein solche Reductio- Iien sind nicht als Herstellungen des ursprünglichen Wesens anzusehen, weil die Oxyde nicht als Decompo- sitionen erscheinen, und weil die Gediegenheit der mei¬ sten Metalle nicht als ihre ursprüngliche Form, sondern als ein Erzeugniß chemischer Einwirkung anzusehen ist. 117. Eben so gibt unS die Chemie von den edleren Or¬ ganen des Geistes keine Kunde, denn sie gehen vermöge ihrer höheren Wesenheit mit den Reagentien keine solche Verbindung ein, daß sie ein den Sinnen wahrnehmba¬ res Product darstellen. Die höheren, schon ganz ver¬ geistigten Organe im thierischen Auge, durch welche daS von den äußeren Theilen desselben aufgenommene Far¬ benlicht dem innersten geistigen Auge, der Seele, durch das Sehen wahrnehmbar wird, sind durch die Chemie nicht mehr erreichbar. Das Agens, durch welches im Nerven die Willenskraft geleitet wird, ist chemisch nicht mehr erweislich; es muß jedoch da seyn, weil durch dis geschehene Unterbindung des Nervens in einem Glieds die Willenskraft in demselben gehemmt wird. Wohl aber zeigt sich ein höheres Organ dieser Art im Pflan¬ zenreiche/ zwar nicht in der entwickelten Pflanze, denn 188 -- da ist es in derselben auseinander getreten und mit ihr verwachsen, sondern in der involvirten Pflanze oder im Samen. Dieser besteht aus zwey Bestand- theilen, die an sich Eins, der physiologi¬ schen Bedeutung nach aber sehr verschie¬ den sind, nähmlich aus dem Keime und aus der Samenhülle. Klein, und bey vielen Sa¬ men dem unbewaffneten Auge kaum sichtbar ist der, das eigentliche Leben in sich schließende Keim, fast alles ist nur Samenhülle, welche die sorgende Mutter Natur als edleren Stoff oder als erste homogene Nahrung für den sprossenden Keim bereitete, und denselben um¬ gebend unter eine gemeinschaftliche Decke verschloß. 118. Diese Samenumgebung oder Samenhülle ist nun daS Band, durch welches sich daö Pflanzenleben an die Erde ankuüpft. Sie ist für den Keim die ganze, auf höherer Stufe stehende Außenwelt, die mit ihm verbun¬ den nur auf günstige Umstände wartet, um zuerst dem¬ selben zur Nahrung zu dienen, und hierdurch das Wachsen der Pflanze in der gewöhnlichen Außenwelt möglich zu machen. Der Keim allein geht nie auf, nimmt man die Samenhülle größten Theils weg, so keimt er zwar, aber dürftig. Dieses beweiset, daß das Leben des Keimes für den ge¬ wöhnlichen Boden zu zart ist, eö könnte sich in Pflanzenform nicht entfalten, wenn die Samenhülle nicht als Zwischenglied da wäre, und dadurch, daß sie eines Theils ihre ursprüngliche Verbindung mit der» Keime beybehält, andern Theils aber die Anknüpfung an die Erde vermittelt, daS — 18Y — Weiterwachsen aus dem gewöhnlichen Bo¬ den möglich machte. Wenn nun auf diese Art bey dem, in geistiger Entwicklung so tief stehenden Samen, die Samenhülle daö unumgänglich nöthige Band ist, durch welches der Keim mit der Außenwelt in Verbindung steht; um wie viel nothwendiger wird es seyn, daß auch bey dem Thier- und Menschengeiste ein dergleichen Anknüpfungsorgan an die Außenwelt da sey, weil der Thier- und Men- schcngeist viel höher steht und von der Außenwelt noch mehr verschieden ist, als der Pflaüzengeist. So wenig aber die Samenhülle ein vom Keime wesentlich verschiedener Stoff, sondern nur die, der Außenwelt mehr homogene Seite desselben ist; ebenso wenig ist jenes Seeleuorgan ein eigener Stoff, sondern ist nur ihre reale, der Außenwelt zugekehrte Seite, ist das Naturloben der Seele oder das Princip (Z. 54.), durch welches sie sich den Körper baut. (Noch deutli¬ cher werden sich hierüber die '>45. >46. aus- sprechen.) Dieses ist die wahre, organische Bedeutung des der Seele inwohnenden Bildungstriebes, oder wie- man immer dieses, eines Theils über der Sinnenwelt stehende, andern Theils aber noch nach organischen Ge¬ setzen wirkende Princip nennen will, und auf welches man unvermeidlich kömmt, wenn man in der Forschung von der Materie zum Geist sich erheben will. 119- Wird ein Organismus chemisch zerlegt; so gehen/ wie schon gesagt wurde, die Theile desselben mit den Reagentien sogleich neue Verbindungen ein. Wird er nicht künstlich zerlegt, so zerlegt ihn nach dem Ablaufe seiner Lebensperiode die Natur. ^Die Verwesung — rgo — ist die chemische Zerlegung auf natürlichem Wege. Sie kann wohl partiell, aber nie ganz eintre¬ ten, wenn das Leben nicht entschwunden ist. Immer aber sind es nur die tiefer organisirten Theile, welche verwesen. Der organische Leib ist wahrend des Lebens die Einheit höherer und niedrigerer Kräfte. Die nie¬ drigeren werden von den höhern beherrscht, und dadurch zur Einheit des Organismus zusammen gehalten. Die magnetischen, elektrischen und chemischen Gesetze deS nie¬ deren Lebens werden in die organischen, und diese in die noch höheren geistigen der Seele aufgenommen, und zum Behufe deS organischen Lebens relativ modificirt. Trennt sich nun die Seele vom Leibe , so wollen die nie¬ drigeren Gesetze in ihrer ursprünglichen Wirksamkeit wie¬ der hervortreten. Weil aber der Thierstoff höher steht, als der Pflanzen- und Jrdstoff; so können sie nicht so¬ gleich in ihrer Eigentümlichkeit sich darstellen, sondern die zuruck gebliebenen Organe des Lhierleibes müssen alle Verwandlungöstufen, die zwischen dem Thier- und Jrdstoff liegen, rückwärts durchlaufen. Auf diese Art entsteht, wie (§. >07. V.) schon angedeutet wurde, die Verwesung. Der Thierstoff steigt von der höhern Stufe, auf welche er, um als Organ der Seele zu die¬ nen , gehoben worden war, Herab. Auf dieser höhern Stufe hatte er selbst höhere, geistige Wesenheit ange¬ nommen, diese zerfällt nun während des Auflösungspro¬ zesses und verkörpert sich als Würmer und JnfusionS- thierchen, die das allmählige Hinschwinden deS organi¬ schen Lebens darstellen. »Die Engländer Ure und Jeffrey galoaniflrken den »Leichnam eines Verbrechers, nachdem derselbe über ei- »ne Stunde gehangen hatte , durch Entladung einer »Batterie von 270 vierzölligen Plattenpaaren, wobey — Igl -- »folgende furchtbare Erscheinungen sich zeigten: Ward »der Draht deö einen Pols mit dem bloßgelegten Rü- »ckenmark am Halse/ der andere mit den Gesäßnerven »in Verbindung gesetzt, so zitterten alle Muskeln des »Körpers wie im heftigen Fieberschauer. Beym Ein¬ setzen des einen Poldrahtes in einen an der Ferse ge- »machten Einschnitt wurde der Schenkel, welcher vor- »her gebogen worden, so gewaltsam ansgestreckt, daß »von dem Stoße desselben ein Gehülfe bepnahe umge- »worfen wurde; wenn man aber die Zwerchfellsnervei» »und wieder den Supraorbitalnerven und zugleich die »Ferse berührte, dann wurde gewaltsames Athmen her- »vorgerufen, es hob sich die Brust und sank, eS öffne- »ten sich die starren Augen, das Zucken der Muskeln »bewirkte Verzerrungen des Gesichts, welche Angst, »Wuth, Verzweiflung und Raserey ausdruckten, so daß »mehrere Zuschauer sich entfernten.-« Nur dadurch, daß der Leichnam, der so lang als Werkzeug der Seele diente, noch höhere organische Wesenheit hatte, sind diese Erscheinungen erklärbar. Diese Wesen¬ heit ist aber nothwendig vorübergehend und verschwin¬ det, je mehr die niedrigeren durch die Verwesung her¬ vortretenden chemischen Eigenschaften überhand nehmen. Einige Stunden spater angestellt, würden diese Versuche andere Resultate gehabt haben. Der Lhierstoff verschwindet nur deßwegen nicht sogleich mit der Seele, sondern bleibt als Leichnam zu¬ rück, weil er ursprünglich niedrigerer Art ist, und auch damahls von der Seele noch nicht assimilirt war, als sie in der Sinnenwelt sich zu bewegen anfing. Weil eS aber ihre Bestimmung war, sich als Sinnenwesen zu gestalten (§. 64.), so baut sie sich hierzu die Organe aus — 192 — der Außenwelt, so wie das im Samenkeim befindliche Lebensprincip / wenn eö sich als Pflanze entfaltet, auS der Außenwelt sich die Wurzel, den Stengel und die übrigen Organe baut. Die Seele ist also damahls, wenn sie den Körper zu bauen anfängt, so gewiß ihrer ganzen physiologischen Wesenheit nach da, so gewiß der Same da ist, wenn er zu keimen anfängt, und so wie das ganze Keimen und Auswachsen des Samens zur blühen¬ den Pflanze nur eine Evolution des schon im Samen jnvolvirten Lebens ist; eben so ist die ganze Bildung des organischen Leibes nur eine gesetzmäßige Entwicklung der im Naturleben der Seele schon da seyenden Kräfte. Sa wie endlich nach vollendeter Lebensperiode der Sa¬ me gesetzmäßig von der Pflanze abfällt, diese also nur bestimmt war, ihn zu entwickeln und zu tragen; eben so scheidet die Seele nach vollendeter Lebensperiode vom Körper, der nur bestimmt war, sie zum Bewußcseyn zu entwickeln und zu tragen. So wie der, tiefer als der fleischige MuSkel ste¬ hende Knoche dazu dient, den Muskel zu tragen; eben so dient der ganze, tiefer als die Seele stehende Leib dazu, das höhere Leben der Seele zu trägem So wie sich aber auS dem nähmlichen ChyluS Knochen, Mus¬ kel und Nerv entwickeln, mithin nicht qualitativ, son¬ dern nur quantitativ von einander verschieden sind, um in steigender Veredlung sich dem geistigen Leben zu nähern und dasselbe zu tragen; eben so ist die ganze Körpcrwelt von der geistigen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ verschieden und dazu bestimmt, den Geist für die Erscheinung zu enthüllen und zu tragen. Anmerkung. Wenn ich sage, die Körperwelt sey vom Geiste nicht qualitativ, sondern nur quantitativ verschiß den, so gilt diese« nur im physiologischen Sinne. So — 1Y3 — wie Gleiches nur vom Gleichen erkannt wird; so kann auch das nur ein Organ des Geistes werden, was mit dem Geiste verwandt ist. Im philosophischen Sinne aber, oder ihrer gegenwärtigen Bestimmung nach, ist die Ma¬ terie vom Geiste qualitativ geschieden, denn (h. 68.) der Geist ist bestimmt zu wirken, die Materie hingegen ist bestimmt ihn zu tragen. Dieses läßt sich durch die ganze Natur nachweisen, daher ist diese Ansicht nicht bloß eine teleologische. 120. Man sträubt sich in der neueren Physiologie mit Recht gegen die Teleologie. Es ist gewiß, daß jedes tiefer als der Mensch stehende Gebilde, welches der Mensch nur des Menschen wegen da zu seyn erachtet, seinen eigenen physiologischen Zweck hat, und dieser muß von der Wissenschaft berücksichtiget werden. Allein, man dars auch nicht vergessen, daß die Na¬ tur in ihren Gesetzen einfach ist, und daß sie das in der Entwicklung tiefer Stehen¬ de, bloß zur eigenen Bestimmung Hin ge¬ stellte braucht, nm das höher Entwickelte darauf zu gründen. Die sogenannten Formationsreihen in der Geolo¬ gie sind ein sprechender Beweis hiervon. Niemand wird mehr daran zweifeln, daß die Erde als Organismus für sich bestehe, es wird aber auch Niemand in Abrede stel¬ len, daß dieser Organismus der EntwicklungSort und Träger aller weiteren Organismen sey. Diese weitere organische Welt zeigt sich als Pflanzen- und Thierreich. Beyde mästen demnach im Innern der Erde ihren An¬ knüpfungspunkt haben, so wie die Blüthe ihren Anknü- pfungSpunct im Stengel hat. Der Stengel ist in den blüthenlosen Gewächsen eine Pflanze für sich, in den 13 — — höher entwickelten ist er dieses gewiß auch, trägt aber nebstbei) die Blüthe. Der Stengel ist eigentlich dis Fortsetzung der Wurzel, nur mit dem Unterschiede, daß die Wurzel im Finstern, der Stengel im Lichte sich ent¬ wickelt. In der Blüthe aber ist es weit an¬ ders, sie ist Wurzel, Stengel und Laub zu¬ gleich (§. ii 4.), mithin eine neue Pflanze höherer Art, die auS der niederen hervor wächst. So wie dec Stengel von der Wurzel, so und nicht mehr ist das Mineralreich vom eigentlichen Erdelemente verschieden. Alle mineralischen For¬ men sind nähere Ausbildungen des Erb¬ el e mente s in der Erdrinde, sie sind nur Bestandtheile des Planeten und nicht ei¬ gene Organismen. Die Pflanze aber, und noch mehr das Thier, ist eine eigene Welt, die sich auf der Erde entwickelt. Damit dieses möglich sey, mußte die Erde selbst aus ihrem Innern heraus so orgamsirt wer¬ den, daß sie zum Anknüpfungöpuncte für die Pflanze und für das Lhier sich herauf bildete. Diese Herausbildung zeigt sich in den Formationöreihen. Ein unter verschie¬ denen Modifikationen erscheinendes mineralisches Ge¬ bilde, z. B. Schiefer, Kalk, Porphyr, bey welchem un¬ ter allen Veränderungen das ursprüngliche Gepräge noch kennbar ist, nennt man eine Formation; der In¬ begriff der Formen aber, unter welchen es gesetzmäßig von einer früheren in die spätere übergehend, und so vom Niederen zum Höheren aufsteigend erscheint, heißt eine Formationöreihe. Die Geologen nehmen haupt¬ sächlich drey an, die Schiefer-, Kalk - und Porphyrfor¬ mationsreihe. Als Grundlage von allen dreyen, und überhaupt als Basis alles dessen, was auf der Erde durch auf ein- — 195 — ander folgende Veränderungen sich entwickelte, erscheint der Granit. Er besteht ans drei) Bestandtheilen, die hier ihr ursprüngliches Gepräge haben, und sich genau unterscheiden lassen, aus Quarz, Feldspath und Glim- liier. Indem sie im Granit noch ein Einziges bilden, gehen sie in der weiteren Entwicklung in folgende drep progressive Reihen auseinander: -. Der Glimmer im Granit wird der Anknü- pfungspuuct für die Schieferformation; die ganze Reihe vom Granit durch den Gneiö, Glimmerschiefer, Thon¬ schiefer, Graphit, durch die Stein- und Braunkohle bis zu dem schon ein Pflanzengefüge in sich habenden Torf hinauf, ist als ein lebendiges Bilden und Fort¬ wachsen des irdischen Urelementes auö der Tiefe der Er¬ de heraus anzusehen, um dann auf der Oberfläche der¬ selben von dem höheren Leben der Pflanze assimilirt zu wekden, und als Pflanzenleib aufzusprossen. Der Pflan¬ zenleib wiederhohlt also die ganze Formationöreihe dem Gesetze nach, ist im Granit schon angeknüpft, und die ganze selbstständige Fortbildung deö ErdelementS fällt wunderbar mit der hinzu gekommenen Bestimmung, Trä¬ ger und Eukwicklungsort für das irdisch-geistige Leben zu sepn, auch organisch in Eins zusammen. g. Der Feldspath geht in die Kalkformation über, und mird der Anknüpfungspunkt für die Thierwelt. Die ganze Reihe vom Granit, durch den Gneis, Uckalk, Marmor, Uebergangskalk, Flötzkalk, Höhlenkalk bis zum Muschelkalk ist ebenfalls als ein Fortbilden anzusehen, bis der Kalk in den Muscheln und Schalthieren Träger deö thierischeu Lebens auf dieser niedrigen Stufe wird. Er kömmt in den Knochen der höchsten Thiere wieder vor; der Knoche geht in den Knorpel und dieser in die Gallerte über, welche an das Lebendige sich anknüpst, 13 * — iy6 — und als die höchste Veredlung dieser Reihe anzusehen ist. Die ganze KalkformationSrcihe ist mithin nur als die Grundlage der thicrischen Organisation zu betrach¬ ten, sie ist das zurückgelassene Knochengerüste des irdi¬ schen Lotalorganismus, durch dessen Formen sich das Leben der Materie herauf zu bilden suchte, theils um für sich zu bestehen, theils um fähig zu werden, als Organ des Geistes zu dienen. 3. Während die Schiefer- und Kalkformation sich als Grundlage der Pflanzen - und Thiervrganisation fortbildeten, oder mit andern Worten: Während das niedere Leben der Materie in zwey Reihen aufstieg, und sich zum Standpuncte der Fähigkeit, vom Geiste als Or¬ gan assimilirt zu werden, erhob, bildete sich in der drit¬ ten Reihe auch das Erdelement weiter, damit die Er¬ de als solche fortbestehe und zur Grundlage alles des¬ sen diene, was sich als Mineral entwickelt und nicht schon in die vorigen Reihen gehört. Der Quarz im Granit ist der AnkmipfungSpunct für diese dritte Reihe. Sie steigt vom Granit durch die Kiese, Porphyre und durch den Basalt aufwärts. Daß die Krpstalle, Edel¬ steine, Metalle und Salze in diese Reihe gehören, ist gewiß; wie aber die Glieder auf einander folgen, wel¬ che Gebilde sich gleichzeitig, und welche sich nachein¬ ander entwickelt haben, dieses im Detail nachznwei- sen, wird erst der Gegenstand einer genauen Untersuchung und Vergleichung, aber auch das höchste Ziel der mi¬ neralogischen Forschung scyn. So viel ist gewiß, daß, wenn die Vegetation und Animalisation in unfern Tagen durch die Schiefer und Kalkformation bedingt erscheinen, auch das Leben der Erde in der Porphyrformation sich fortsetzen, und einen Endpunct haben müsse. Für diesen Endpunkt hält man die Meteorsteine. — 19? — Gleichwie durch die Schiefer und Kalkformation das höhere pflanzliche und thierische Leben mit dem Le¬ ben der Erde verbunden und in Einklang gebracht wird; eben so wird durch die Porphyrformation, indem die durch Luftprozesse erzeugten Meteorsteine wahre Mineralien sind, daö niedere Leben der Erde gehoben, und mit dem höheren Wesen der Luft in Einklang gebracht. 121. Das Leben ist mithin seiner physiologischen Wesen¬ heit nach in allen Abstufungen nur eines, und das, was wir Materie nennen, ist nur das von der Erde assimi- lirte Organ desselben. Was ist wohl die Materie, wenn man sie naher betrachtet? Sie ist an sich nichts Blei¬ bendes, nichts Unveränderliches, nichts Todtes, sondern ein Wechselndes, ein Veränderliches, ein Lebendiges, welches allem Erscheinenden die in die Sinne fallende Gestalt verleiht. In unzähligen Formen und Densitä- ten ist eö da, und geht wieder in andere Formen und Densitäten über, je nachdem das höhere Leben in der Sinnenwelt Bestand gewinnen oder organisch werden will. In schöner gesetzmäßiger Form entfalten sich die Organismen vom niedrigsten bis zum höchsten hinauf, damit daS Leben in allerhand Formen hervor trete, und jede höhere Abstufung die niederen dem Gesetze nach in sich trage. Jede Form seht alle übrigen voraus, denn in je¬ der Form sind der Idee nach alle enthalten. Aus je¬ der einzelnen Form muß die ganze M aterienwelt begreif¬ lich werden, aus dem Ganzen derselben wird wieder je¬ de, noch so verschiedene Einzelnheit erklärbar, und so ist der Anfangspunct zugleich der Endpunct alles For¬ schens. Wenn man im warmen Blute, auf der Höch- — 1<)8 -- sten Stufe des organischen Lebens, flüssig das Eisen antrisft; so muß das Eisen, welches man aus dem Schooße der Erde gräbt, schon die Möglichkeit thieri- fcher Entwicklung an sich tragen. Wenn Pflanzen, von denen eine in, mit Wasser gemischter Eisenfeile, die an¬ dere in befeuchteter Baumwolle, die dritte aber in ge¬ wöhnlicher Erde erzogen worden ist, die nähmlichen che¬ mischen Bestandteile liefern; so ist es augenscheinlich, daß die Stoffe, welche der Pflanze Nahrung geben, durch das höhere Leben derselben modificirt, in Pflanzen¬ stoff übergehen. Wenn die verschiedenste Nahrung, wel¬ che die Thiere aus allen drei) Naturreichen zu sich neh¬ men, in einen ChyluS sich verwandelt, aus welchem Knochen, Muskeln und,Nerven, die der Dignität nach so sehr von einander verschieden sind, hervorgehen; wenn der Körper derjenigen Thiere, die nur Fleisch fressen, und derjenigen, die bloß von Pflanzen sich nähren, die nähmlichen chemischen Bestandteile und Stoffe liefert: kann man da wohl noch behaupten, daß die Materie et¬ was Selbstständiges für sich seh? Freylich bestehen z. B. das Eisen, das Salz, die Pflanze, und der Lhierleib unter ihrer Form als ein Reales, aber nur so lange, als das ihnen zum Grunde liegende Leben nach dem irdischen Gesetze der Zeitlichkeit in dieser Gestalt dauert, oder bis sie getödtet und von einem Thiere oder Menschen, das ist, von einem höhe¬ ren Leben als Nahrung affimilirt werden. Wenn ferner der ChpluS, als solcher noch kein Eisen, sobald er aber in warmes Blut übergegangen ist, Eisen in sich enthält, was ist da wohl einleuchtender, als daß, indem er einerseits die höchste Stufe tierischer Entwicklung erreicht, er andererseits eben im Blute wie¬ der auf die Mineralstufe zum Theil sich herabsenken inuß, — igy um im Knochen als noch tiefer oxydirtes Metall, oder als Kalkerde zu erscheinen, damit der Knoche den Mus¬ kel, der eine thierische Pflanze ist, trage, so wie die Er¬ de die Pflanzen überhaupt tragt? Wenn der Knoche Phosphor und Kalkerde zeigt, sind da nicht wieder die zwei) am meisten sich entgegen gesetzten Stoffe, das gei¬ stige Licht und die materielle Erde, im Knochen vorhan¬ den? Müssen nicht auch die Uebergänge oder Zwifchensormen zwischen beydcn der Möglichkeit nach da sepn, und ist nicht der Kioche allein aus diese Weise der Reprä¬ sentant aller noch so verschiedenartig er¬ scheinenden Materie? Enthält das Blut der hö¬ heren Thiere nicht das ganze, materiell erscheinende Uni- virsum in sich aufgelöfet, ans welchem das Leben dann jeden zur Ergänzung des Körpers nöthigen Bestandtheil hcrauS scheidet? tz. 122. Hieraus wird es ersichtlich, daß das, was wir Mrterie nennen, was sich unfern Sinnen als etwas Selbstständiges darbicthet, zwar ein wirklich Bestehen¬ de?, aber nichts Unüberwindliches, daß es kein Todtes, sondern nur ein Lebendiges auf niedrigerer Stufe sey, welches, so wie eö daS höhere Leben fordert, auf gesetzmä¬ ßig! Weise in die verschiedensten Formen übergeht. Die reine Luftform, der sichtbar werdende Dampf, die nicht mehr durchsichtige Wolke, die tropfbare Flüs¬ sigkit des Wassers, die weiche Flocke des Schnees und der starre krystallinische Körper des Eises stellen eine eng zusammenhängende Reihe von Bildungen dar, in welche ein und dasselbe Element, nähmlich das Wasser, ohne sein Wesen zu verändern, abwechselnd übergeht. 200 — Der Grund ves Uebergangs in diese noch so verschiedenartig scheinenden Formen ist rein nur das Temperatursgesetz, wie ei auf unserem Planeten sich dar stellt. Der Same einer Pflanze vor dem Keimen, die Keimpflanze, Wurzelpflanze, Laubpflanze, Blütheupjlan- ze , die reifende Pflanze nach der Blüthe und der ab¬ fallende Same als involvirte Pflanze stellen eine zneyte Reihe von Bildungen dar, denen ein und dasselbe We¬ sen, nahmlich daö im Samenkeime befindliche Lebers- princip, zum Grunde liegt, welches sich organisirt oder verleiblicht, aber nach einem Gesetze, welches schon kosmisch sich darstellt, weil es in ei¬ ner bestimmten Lebensdauer der einzelne, Erscheinungsformen nach d em U m laufe der Himmelskörper sich ausspricht. Anmerkung. Nur der Typus der einjährigen Pflanze kain als Gesetz des pflanzlichen Lebenslaufes ausgestellt wer¬ den. Die perennirendc Pflanze, z. W. ein Baum, unter¬ scheidet sich von der einjährigen dadurch, daß in dersel¬ ben sich dieser Typus vielfach und öfter wiederhollt. Der Baum muß alle Jahre neue Bliithen bringen, lnd jede Blüthe ist eine einjährige Pflanze, die aus dem Stamme als gemeinschaftlichem Stengel hervor wächst Daß nach der Befruchtung das Leben der Pflaaze anfängt abwärts zu gehen, oder mit andern Worten , !aß die Aeltern mit zum Kinde werden, ist bloß Folge des pflanzlichen Entwicklungsgesetzes; denn da die Pflanzern der Wesenreihe so tief steht, daß sie mit der Ae- fruchtung den ganzen Zweck ihres Lebens.>r- reicht; so fällt ihr abnehmender Lebensliuf mit der Fruchtbildung (§. 114.) in Eins zu¬ sammen. Dieses ist auch bey mehreren nie¬ deren Thieren, z. B. bey manchen Schmetter- — 201 lingen, derFall; im höherenThiere aber und beym Menschen ist die G eschl e chtS fu n cti o n nur Nebensache und nicht Hauptbestimmung. Der Mensch besteht, physiologisch genommen, aus dem Geschlechtsorganismus und dem höheren, daS eigentliche Geistesleben tragenden Organismus (tz. 114); die Pflanze und manche Schmetterling« sind bloß GeschlechtSorganis-> men. DaS LebenSprincip deö Thiers, wie es in die Sin- nenwelt hereintritt, die Formen des Embryo, deS wach¬ senden, des ausgewachsenen, deö wieder abnehmenden und abscheidenden Lebens bilden eine dritte Reihe von Erscheinungen , in welchen ein und das nahmliche We¬ sen, die Thierseele, nach einem Gesetze sich darstellt, wel¬ ches Gesetz zwar das der beyden früheren Reihen in sich aufnimmt, durch das Vermögen aber, sich frey zu bewegen und die Nahrung immer am geeigneten Orte selbst aufzu suchen, sich schon als geistig an kündigt, über das kos¬ mische Gesetz des Umlaufes der Himmels¬ körper hinaus liegt, und einem höheren Reiche an gehört, welches von der Wissen¬ schaft bisher unbeachtet blieb, aber er¬ forscht werden muß, wenn die Bestimmung des ThiereS, als eines zwischen der Pflan¬ ze und dem Menschen schwebenden Wesens ausgemittelt werden soll. Das menschliche Leben endlich bey seinem Herein¬ treten in die Sinnenwelt, die Formen des Embryo, die deS jugendlichen, mannbaren, wieder abnehmenden und abscheidenden Lebens bilden eine vierte Reihe von Er¬ scheinungen, in welchen ein und das nahmliche Wesen, die Menschenseele, nach einem Gesetze sich darstellt, wel- — 202 — cheS Gesetz zwar das der drey früheren Reihen in sich ausnimmt, durch die Freiheit aber in das Reich deö höheren, selbstbewußten Geistes gehört, indem diese nicht nur in dem Vermögen, sich nach Willkühr zu bewegen und die Nahrung selbstständig überall aufzusuchen, son¬ dern vorzüglich dadurch sich offenbart, daß der Mensch durch seine Intelligenz das ir¬ dische Leben tausendfach umbilden, ver¬ schlimmern und verbessern, ja selbst will¬ kühr lieh ab kürz en kann. - Daher hat das den Bildungen der ersten Reihe zum Grunde liegende Wesen, oder das Wasser nur eine irdische Entstehung (§. 107. Hl), der Samenkeim aber, der durch das Zusammenwirken von Sonne und Pla¬ net sich entwickelt, hat eine kosmische; die Thierseele ge¬ hört in daö Reich des Geistes, und die Menschenseele ist ein der Entwicklung zum Selbstbewufitseyn fähiger Geist. Sic ist ihrer Vorzüge wegen höherer Abkunft, und kann, well sie aus einer höheren Welt stammt, vor ihrem Hereintretcn und nach ihrem Hinausgeheu auS der Erscheinung den Sinnen, wie sie auf der Erde or- ganisirt sind, nicht dargestellt werden. Zu dieser höhe¬ ren Welt ist aber von der unserigen kein absoluter Sprung. So wenig von der tropfbaren Wasserform zum luftförmigen Dampf ein absoluter Sprung, sondern nur ein gesetz¬ mäßiger Uebergang ist; eben so wenig ist von unserer Welt zur höheren ein absolu¬ ter Sprung. Die Organisation unserer Sinne ist nicht die einzig mögliche, sondern so wie das 'Leben nicht auf die Erde allein beschränkt, sondern auch in den übrigen Systemen des Universums einheimisch ist - so werden nothwendiger Weise auch die lebenden We¬ sen verschiedener Himmelskörper verschieden orgauisirt — 203 — feyn müssen. UnS sind nur die Gesetze gänzlich unbe¬ kannt , nach welchen das Leben selbst auf den uns zu nächst stehenden Planeten sich fortbildet, So viel ist gewiß, daß, indem die Planeten mit einander genau in Verbindung stehen, auch das geistige Leben auf den¬ selben mit einander in Verbindung stehen, und auf jedem, der Eigenthümlichkeit des Himmelskörpers nach, cigenthümlich organisirt feyn müsse. Wollte man dem¬ nach fragen, warum unser Leib gerade so, warum er nicht mehr materiell, oder warum er nicht feiner, äthe¬ rischer organisirt sey; so müßte mau antworten: Gleich¬ wie das Leben auf der Erde verschiedenartig, von dem niedrigsten Organismus bis zum höchsten sich darstellt; eben so stellt es in der Bildung der Planeten, wenn man ihre Dichtigkeiten betrachtet, sich vom Niederen zum Höheren aufsteigcnd dar. Die unteren Planeten sind nach der Behauptung der Astronomen die dichtesten, in den oberen nimmt die Dichtigkeit ab. Wenn nun der menschliche Leib die Gesetze der Erdbildung in sich trägt, ja ganz nur als ihre Blüthe zu betrachten ist: so wird er auch der Erde gemäß, daS heißt, er wird so organisirt feyn müssen, daß er e i n e r se it s z w a r n a ch W il I kü h r sich bewegen, oder als Organ der Seele dienen, ande¬ rerseits aber auch den feindlichen Einflüs¬ se n w i d e r st e h e n k a n n , welche aus d e r ge- wöhnlichen Wechselwirkung der Elemente, und aus den L e be n säußeru n gen der Erde auf ihn hervorgehen. Sind nun einige Welt¬ körper unfers Sonnensystems höher, ätherischer organi¬ sirt, als die Erde; so müssen eS auch die auf denselben befindlichen organischen Wesen seyn, weil sie den Ein¬ flüssen ihrer Atmosphäre keinen solchen Widerstand ent- — 204 — gegen zu sehen brauchen. Wenn sich nach den Behaup¬ tungen der Astronomen die Dichtigkeit der Erde zu der des Saturns, wie die der Erde zu der des Wassers verhält, wie viel leichter muß der Leib der Saturnus- bewohner seyn, als der der Erdbewohner! Welche Ruhe muß in seiner Atmosphäre herrschen! Möchte man nicht versucht seyn, anzunehmen, die lebenden Geschöpfe auf seiner Oberfläche müssen wie OssianS Nebclgestalten da¬ hin schweben! Wenn schon eine etwas genauere Betrachtung der Verhältnisse unserS Planetensystems uns zu solchen Fol¬ gerungen ermuthigt; welche herrliche Resultate lassen sich erst für die Zukunft hoffen, wenn es der Astrono¬ mie gelingen sollte, in das noch räthselhafte System der Doppelsterne einen liefern Blick zu thun. Das Ver¬ dienst ihrer ersten Entdeckung gebührt dem großen Her¬ schel, in unfern Tagen aber, wo die Fernrohre noch mehr vervollkommnet worden sind, hat besonders Struve durch seine sorgfältigen und trefflichen Beobachtungen über diesen Gegenstand ein größeres Licht verbreitet. Sterne erster Größe, wie z. B. Rigel am linken Fuße des Orion, Kastor in den Zwillingen, und viele andere, welche dem bloßen oder mit weniger Vergrößerung be¬ waffneten Auge nur als Ein Stern erscheinen, lösen sich bey der Anwendung einer stärker» Vergrößerung in zwcy, in drey und in vier Sterne auf, welche in jener obern Region des Sternhimmels nicht wie die Plane¬ ten um die Sonne, sondern wie Sonne um Sonne, wie Welten von gleichem Range und fast gleicher Grö¬ ße um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt sich bewe¬ gen, und öfters so nahe beysammeu stehen, daß sie sich mit ihrem Rande fast berühren, oder daß ihr Abstand nur einen oder etliche Durchmesser des einen Sterns zu — 205 — betragen scheint. G. H. Schubert wendet in seinem Handbuche der Cosmologie die Kepplerischen Gesetze zur Berechnung der Dichtigkeit der Doppelsterne an, und nachdem er zu dem Resultate gelangt ist, daß die Dich¬ tigkeit einiger derselben achtmahl geringer, als die de§ Wassers, etwa wie die unseres Wasserschaumes, bep den meisten dieser Lichtwesen aber wohl nicht größer, als die unserer atmosphärischen Luft sep (und doch ist ihr Lichtglanz so stark); schließt er seine Darstellung mit folgenden Worten : »Wir finden auch an jenen, vielleicht »durchgängig sehr zarten Lichtwesen mehrere Eigenthüm- »lichkeitcn, welche unö zeigen, daß, wo auch der Stoff »ein ganz anderer wird, dennoch jene ewigen Naturge¬ setze fortbestehen, nach welchen auch hicrnicden die von »der ober» so ganz verschiedene Körperwelt belebt und bc- »wegt wird. Es gleicht demnach dieses, um alle geschlun¬ gene Gesetz dem unsterblichen ewigen Geiste, welcher sein »Daseyn aus einer Welt in die andere hinüber verlän¬ gert und noch unverändert fortbesteht, wenn auch der »grobe Körper von ihm weg gestreift ist. So bemerkt »man deutlich au mehreren Doppelsternen, daß sie sich »in einer Ellipse bewegen^ daß ihre Bewegung an dem »einen Puncte der Bahn, der der Sonnennähe unserer »Planeten entspricht, schneller sep, als am andern. Es gel¬ ten demnach auch da jenseits sowohl die drey Keppleri- »schen, als auch jenes allgemeine Naturgesetz, das alle an- »dern umfaßt, und für welches man in jener obern Region »einen andern, besser bezeichnenden und anpassenderen »Nahmen als den der Schwere wünschen möchte; jenes »allgemeine Naturgesetz, welches für die leibliche Welt »dasselbe ist, was für die geistige die alles umschlingen- »de Liebe. Und dieses leibliche Bild und Gesetz der »Liebe ist cö eben, welches unverändert dasselbe, in un- — 206 — »serer gröberen Körperwelt/ so wie in jener jenseitigen »Lichrwelt wollet.« »So ist, was hiernieden in der/ wie es scheint, »gröberen leiblichen Welt unsers Sonnensystems als »dunkler/ völlig von seiner Sonne/ rücksichtlich der Be- »lebuug seiner ganzen Natur/ abhängiger Planet oder »Mond erscheint, da jenseits zur lenchtenden Sonnen- »Natur geworden / welche die schwerere Leiblichkeit ab- «gestreift hat. Jener gröbere Gegensatz / nach welchem »das eine Niedere/ dem andern dienend, von diesem ganz »abhängig erscheint, hat sich dort gelöset, und Wesen, »sich gleich am Range und an innerer Kräftigkeit, tra- »gcn und heben eines das andere durch das gemeinsa- »nie Band einer gegenseitigen Anneigung zur lebendi- »gen Wechselthätigkeit und Bewegung. Ihnen ist, so »scheint es, das geblieben, was unsere Sonne erst für »alle ihre Planeten zur belebenden, beleuchtenden und »erwärmenden Sonne macht, nähmlich jenes noch im- »mer räthselhafte Princip , auö welchem unsere obere, »leuchtende Sonnenatmosphäre besteht. Eines dichteren' »Kernes, durch welchen allein unsere Sonne die Wel- »ten, die ihr unterworfen sind, an sich zu halten und zu »bewegen vermag, bedürfen sie in ihrer Region und in »ihren Wechselvcrhältnisten nicht mehr.« Anmerkung. Dürfte hier, wo von dem Hinüberragen ge, wisser Naturgesetze in höhere Regionen, und von dem höhern Charakter, unter welchen sie sich dort offenbaren, die Rede ist, nicht auch der Ort seyn, vom naturwissen¬ schaftlich-philosophischen Standpuncte auü die Meinung über den Zustand auszusprechen, den der Mensch nach diesem Erdenleben erwartet, und auf den ec seine theuer- sten Hoffnungen gründet? — 207 — Daß sowohl die Erde, als auch alles auf ihr sich ze-> staltende Leben auS einer Welt übersinnlicher Kräfte her¬ ein trete, sich hier organisch gestatte, und nach einem bestimmten Gesetze wieder hinaus gehe, ist im ganzen Verlaufe der bisherigen Betrachtungen durchgeführt wor¬ den. Das irdische Leben ist für den Planeten selbst und für alle auf ihm lebenden Wesen nur ein DurchgangS- punct. So wie die Puppe ein Uebergang von der Rau¬ pe zum Schmetterlinge ist; eben so ist der irdische Zu¬ stand ein Uebergang von der vorirdischen Existenz zur künftigen Existenz. Kein einziges organisches Wesen ist aus der irdischen Erscheinung allein erklärbar, die Grün¬ de für diese Behauptung sind in dieser ganzen Schrift angegeben. Daß verschiedene Zustände oder Formen des Lebens nach einander hervor treten, geschieht deßwegen, weil, wie schon gezeigt wurde, die Organisation nicht ursprüngliche Schöpfung, sondern nur gesetzmäßige Ent¬ wicklung ist. Unter allen diesen Formen ist nun die ir¬ dische die einzige, die wir kennen. Daß wir von der vorirdischen Existenz kein Bewußtseyn haben, ist kein Beweis, daß sie nicht gewe- sensey, wohl aber deutet eß darauf hin, daß unser Geist minder entwickelt war. So wenig wir den Uebergang in die künftige Existenzform sinnlich begreifen; eben so wenig ist die Seele beym Eintritt in das irdische Daseyn den Sinnen, die für das Irdische eigenthümlich organisirt sind, crfaßlich. Was aber über die Sinne hinaus liegt und den¬ noch besteht, nennen wir:, wenn es auch nie¬ driger stehen sollte als das Irdische, so lange» bis wir es näher kennen, ein Höheres, und so bald es als ein lebendig Bewegliches zu denken ist, ein Geistiges. Ob für die Stufe unserer zunächst künftigen Existenzform die Benennung, »reiner Geist« die richtige sey, ist nicht entschieden. Nur so viel ist gewiß, daß in der Natur keine organische Ent- — 20lj Wicklung rückschreitend ist. Was einmahl zum selbstbe¬ wußten Geiste, der das Universum im Gedanken nachbil¬ det und in sich trägt, sich entwickelt hat, kann nicht wie¬ der in eine tiefere Lebensform zurück kehren. Da nun der Erfahrung zu Folge die Entwicklung des Geistes in diesem Leben durch die organische bedingt ist, unser Or¬ ganismus aber, obwohl er als das größte Meisterwerk der irdischen Schöpfung erscheint, doch noch sehr unvoll¬ kommen bleibt, wir mithin aus diesem Leben höchst un¬ vollkommen hinaus treten, im Reiche des Lebens aber nirgends ein absoluter Sprung Statt findet; so scheint es, daß auch die künftige Lebensform nothwendig eine fort¬ schreitende seyn müsse. Wie sie aber der Organisation nach beschaffen sey, oder wie viele Stufen bis dahin seyen, wo der Geist als reiner Geist erscheint, das heißt, wo keine weitere organische Vervollkommung, mithin auch keine Trennung des Wesens vom Organe mehr Statt findet, ist dem irdisch Sterblichen, dessen gegenwärtiges Wissen hiervon nur ein Ahnen der inneren, durch die Weisheit und Liebe des Ewigen begründeten Gesetzmäßig¬ keit des Lebens ist, verhüllt. D e ßw e g e n ka nn auch die rein n a tu r wi s se n sch a ft l i ch - p h j, § s » p h sche Ansicht hier nicht mehr ausreichen, son- dernmuß sich mit der sittlich-religiösen verbinden, indem sie zugibt, daß, wenn bey dem vor¬ irdischen Zustande des Menschen vielleicht nur rein das organisirende Naturgesetz thätig war, auf die Ausbildung des künftigen Zustandes auch sein moralisches Verhalten auf Erden den entschiedensten Einfluß haben müsse. Es liegt dieses nothwendig in der Bestimmung des Erden¬ lebens als eines sinnlich vernünftigen. Was daher der Mensch nach der reinen Lehre des Christenthums mit frommer Zuversicht als Unsterblichkeit erwartet, was er als Fortdauer nach diesem Erdenleben in höherer Voll¬ kommenheit hofft, was er als moralische Vergeltung sei¬ nes hiernieden geäußerten sittlichen Wirkens ansieht, ist — 20Y — auch im naturwissenschaftlich-philosophischen Sinne eben jenes höhere Seyn, zu Folge dessen er als Individuum in einem glücklicheren Aufenthalte, der seiner höheren Entwicklung angemessen ist, und den wir Himmel nennen, fortbesteht. Eben dieses höhere reinere Seyn ist es, was wir Seligkeit nennen. Ein tiefer Denker äußert sich hierüber so wahr und schön mit folgenden Worten: »WaS »denken Sie sich unter der Seligkeit des Himmels? — »Ich denke mir darunter die gesteigerte und dauernde »Freude an meinem Daseyn, die ich in den besten Stun¬ den meine« Lebens dann fühle, wenn ich Freude habe „mit mir selbst, weil ich das Gute wollte und will, mit »Wohlgefallen die Welt betrachte, weil sie mir ein Got- »tesreich erscheint, und im Bewußtseyn meiner untrenn- »baren Verbindung mit diesem Gottesreiche der ewigen »Weisheit und Liebe vertraue. Weder ungetrübt noch »dauernd kann diese Freude in irgend einem Menschen »seyn, und niemahls erfüllt sie mit ihrer ganzen Innig¬ keit unsere Seele, weil wir Alle zu bereuen haben, weil »die Leidenschaft unsern Frieden stört, weil wir die Fü- »gung der Vorsehung nicht verstehen, und daher bald »der Zweifel, bald die Sorge, bald die sinnliche Lust das »Bewußtseyn unsers Zusammenhanges mit Gott verdun- »kelt. Denke ich mir nun diese Störungen und Hem- »mungen des Wohlgefallens und der Freude an meinem »Daseyn hinweg, indem ich auf den Standpunkt höherer »Entwicklung mich versetze, wo mein Wille reiner und »fester, meine Erkenntnis; weiter und sicherer und mein »Bewußtseyn der Verbindung mit Gott inniger und kla¬ rer seyn wird; so kommt mir die Hoffnung der Selig- »kcit des Himmels entgegen. Das ist es, was ich unter »dem ewigen Leben, unter dem Erkennen von Angesicht »zu Angesicht, unter dem Schauen Gottes, unter der »Ernte ohne Aufhören, wovon die Schrift redet, dcn- «ke.» — 14 — 210 — tz. 123. Nach allem bisher Gesagten läßt sich das Ver- hältniß des Geistes zur Materie vom irdischen Stand- puncte aus nur daun richtig bestimmen, wenn man den Sinn dieser beyden Ausdrücke beziehungsweise auf ein¬ ander zu erfassen sucht. Der irdische Mensch an sich ge¬ nommen ist ausschließend weder Geist noch Materie, sondern er ist der organisirte Geist, oder Geist und Ma¬ terie in innigster Durchdringung. Eben so ist das Thier, eben so ist die Pflanze, jedes in seiner Totalität genom¬ men , ein Organisches. Der Erdkörper mit allen seinen Lestandtheilen als ein Ganzes genommen, ist ein Or¬ ganismus. Die ganze organisirte Welt, wie wir sic an¬ schauen, ist die irdische Erscheinung deö Geistes. Alles, waS wir Stoff nennen, ist ein Aeußerlichwerden einer inneren Function, die irdisch erscheinen oder sinnlich her¬ vor treten will. Wir können vom Geiste an sich und von der Marerie nur dann sprechen, wenn wir beyde im Gedanken trennen, und ge¬ gen einander halten. Der Geist ist das Wesen, die Materie ist die in die Sinne fallende Hülle, beyde sind als Organismus eins. Da jedoch der irdisch orga¬ nische Zustand kein permanenter, sondern (§. 78.) ein zeitlicher ist, nach dessen Ablaufe (H. >07.) das Wesen sich vom irdischen Organe wieder trennt; so ist es offen¬ bar, daß wir materiell im eigentlichen Sinne oder unorganisch nur das nennen können, was nach der Trennung des We¬ sens vom Organe, das ist, nach dem Tode als Leichnam zurück bleibt. Der Leichnam deS Menschen und deS ThiereS sind diesem nach schon Ma¬ terie zu nennen; allein sie sind doch das nicht, was das — 211 — Holz oder der Stein sind, sondern sind organisirte Ueberreste höherer Art, welche mit Ausnahme des Kno- chens, der im Organismus die Erde repräsentirt, auch in dieser Form nicht bleiben, sondern schnell durch die Verwesung ans die niedere Erdstufe herabsteigen. Der Pflanzenkörper verweset auch, nur ist diese Verwesung mehr relativ als die thierische. Das Holz kann so wie der Knoche, wenn man beyde gegen die widrigen äuße¬ ren Einflüsse schuht, lange conservirt werden. Der Stein aber und das ganze Mineralreich mit allen seinen Bildungen sind nur dann als rein unorganisch zu betrachten, wenn man sie vom organischen Erdganzen ge¬ trennt ansieht, an sich genommen sind sie offenbar nur Theilgebilde des Erdleibes. Da die Erde, für unser Zeitmaß genommen, nicht stirbt, so sind die Formen des Mineralreichs auch nie als lieber- reste, von denen sich der Geist getrennt hat, anzusehen, sondern unterscheiden sich in dieser Beziehung streng von den Knochen und vom Holze, die auch, mögen sie noch so lange conservirt worden sepn, doch zuletzt dem natür¬ lichen Gange nach wieder in die Erdform übergehen. Es gibt demnach, streng genommen, nur eine Art der Materie, nähmlich das E rdele ment. Dieses gilt aber auch nur beziehungsweise. In Hinsicht auf den Erdkörper sind alle Jrdformen organische Bestand thei le; in so fern aber die Pflanze sich von der Erde, und das Thier von der Pflanze oder vom Thierleibe sich nähret, in so fern ist das Erdelement als Materie »der Stoff zu betrachten. Hebt man die Beziehung oder Ernährung im Gedanken 14 * — 212 — auf, so stehen die Erde als Planet, die Pflanze, daS T.hier und der Mensch im Verhältnisse der Organismen gegen ein¬ ander. Gott als höchster Geist, als Alles ordnende Weis¬ heit und umfassende Liebe ist demnach der Mittelpunkt und der Träger der organischen Schöpfung. Dadurch, daß durch seinen Willen das Leben des Planeten als Erdball sich gestaltete, war für die irdische Entwicklungs¬ stufe die Fülle und die ganze Mannigfaltigkeit des Ma¬ teriellen, durch welche daun das Geistige organisch wird, gegeben. Der Planet führt zwar sein eigenes Leben für sich, dient aber zugleich zur Entwicklung des Lebens der Pflanze, des Thiers und deS Menschen, welche noth- wendiger Weise für sich sind, indem sie durch ihre An¬ lage zum Organismus überhaupt dem Planeten der Dig¬ nität nach gleich stehen, durch das Zusammenwirken der Sonne und des Planeten aber als irdische Organismen emporblühen. Der Geist wird von der Materie getra¬ gen und geht, so wie er nach einem, der ganzen Schö¬ pfung zum Grunde liegenden Plane in diese Form der Sinnenwelt herein tritt, wieder hinaus; während die Materie als Bestandtheil oder Organ des Erdlebens fortbesteht, bis auch der Planet eine weitere Metamor¬ phose erleidet. So ist die Materie ihrem Wesen nach nur das, länger unter der Form der irdischen Welt fortbestehende Leben , während der Geist seiner ursprüng¬ lichen Anlage wegen schneller zu einer höheren Vollen¬ dung sicherhebt. DaS ganze irdische Daseyn ist nur ein Durchgangöpunct. Alle Bildungen, von der nie¬ drigsten bis zur höchsten, treten nach einem höheren Ge¬ setze herein und gehen wieder hinaus, sind nur Ueber- — 21Z — gangSformen des Geistes, um dem unendlichen unaus¬ sprechlichen Urbilde, um Gott näher zu kommen. Lwerzte Ansicht. 124. Durch die bisherige Auseinandersetzung von dem Wesen deö Lebens sind wir zu der Ansicht gekommen, daß das, was wir Materie nennen, nichts anderes, als das irdische Organ des Geistes, mithin ein Erzeugniß des Lebens sey. Jede Philosophie muß das We¬ sen deö Lebens vor der Erscheinung, wie sie auf unserm Planeten sich darstellt, an¬ nehm e n , m u ß von di^e s er Voraussetzung ausgehen, muß aber daö, was sie so gestal- tig ans einem Princip deducirt, überall in der Welt der Erscheinungen nachzuweisen suchen. Denn auch dasjenige System, wel¬ ches annimmt, daß der Geist sich auö der Erscheinung entwickle, setzt eben dadurch schon voraus, daß die Materie, wie sie in der Sinnen weit vorkommt, einer organisch- geistigen Entwicklung fähig, mithin ein Geistiges niedrigerer Art sey; hat aber dann erst die große, alles entscheidende Frage zu lösen, woher dieses Niedriger- Geistige stamme, und warum eö der höhe¬ ren Entwicklung fähig sey. Ein solches System muß demnach im Fortgänge seiner Ausbildung noth wendig auf die Würdi¬ gung des Lebens vor der irdischen Erschei¬ nung geführt werden. — 2!4 — Anmerkung. Diejenigen, welche sich gegen das Vorhan- denseyn des Lebens vor der irdischen Erscheinung, oder gegen Lie PrSexistenz der Seele erklären, und annehmen, daß sich die letztere auch ihrem Wesen nach erst mit dem Leibe entwickle, behauvten, daß von dem, was wir Leib nennen, ein Funke sich so weit herauf bilde, daß er als Seele oder als bildende Lebenskraft erscheint. Sie haben daher die weitere Frage zu beantworten, woher es kom¬ me, daß gerade dieser Funke oder Atom einer so hohen Entwicklung fähig sey; und dieses wäre nur aufzweyfa- che Art möglich. Entweder sie sagen, die Seele trenne sich von der Seele der Aeltern ab ; allein, woher kam dann die Seele der ersten Aeltern? Auch kann man, oh¬ ne sich dem Borwurfe des Materialismus auszusetzen, gar nicht annehmen, daß die Seele lheilbar sey. Oder sie sagen, es sey jeder Atom der Materie einer geistigen Entwicklung fähig; allein da geben sie eine Präexistenz der Materie überhaupt zu, weil man immer fragen muß, warum und auf welche Weise die Materie, wenn sie gei¬ stige Entwicklungsfähigkeit hat, in diesen geistlosen Zu¬ stand herab gesunken sey? Früher vom §. 1'4— 134 haben wir die Ma¬ terie genommen, wie sie ist, und haben gesehen, daß sie nur deßwegen so verschiedenartig entstehe, weil der Geist oder das Leben verschiedenartig ist, und weil er, um in der irdischen Welt zu erscheinen, sich hierzu feine Or¬ gane baut. Jetzt wollen wir einige Andeutungen versu¬ chen, auf welche Art sich diese Genesis der Materie durch das Hereintreten des Geistes in die Erscheinung Nach¬ weisen lasse, um so mit den in verschiedenen Paragra¬ phen dieser Schrift aufgestellten Grundsätzen in Einklang zu kommen. — 215 — 125- Alles, was als Organismus erscheint, der Erdkör¬ per, die Pflanze, das Thier und der Mensch, entsteht körperlich nur durch die Assimilation. Diese ist aber eine That, und setzt als solche eine handelnde Kraft schon voraus. Das erste war also diese Kraft, und zwar als LebeuSprincip des Planeten, indem sie nach dem Plane der Schöpfung sich als Erdball zu gestalten anflng. Da sie zu ihrer Bildung noch keinen geform¬ ten Nahruugsstoff vorfand, sondern aus dem Aether deS Universums die nachher als Materie oder Stoff erschei¬ nenden Theile ihres Körpers an sich zog; so mußte die¬ se Assimilation unter andern Formen vor sich gehen, als die später auftretende pflanzliche und thierische Assi¬ milation. Die Gesetze der höhern Assimilation traten erst mit dem Hervorkommen der höhern Organismen in die Erscheinung. Diesemnach können wir eine dreifa¬ che Stufe der Assimilation unterscheiden. 126. Erste Stufe. Gewiß ist es, daß das Leben zuerst alS planetenbildend sich offenbaren mußte, damit ei» Grund und Boden für die fernere Entwicklung da war. Dadurch, daß nach g. §-7' — 7 6. ein Punct im Cos- mischen sich anfschloß, war die Eristenz der sonne- und planetenbildenden Kräfte, und der Gegensatz zwischen bey- den für die Erscheinung begründet. So wie aber diese Kräfte selbst noch nicht als Himmelskörper organisirt waren; so war auch der zwischen ihnen als Licht sich offenbarende Gegensatz noch nicht in der fetzigen Voll¬ kommenheit ausgebildet. — 216 — Sobald daö Seyn des Planeten irdisch begründet war, stand eS dem Universum gegenüber, und dieses er¬ schien als seine Außenwelt. Gleichwie das thierische Le¬ ben stich aus feiner Umgebung den Leib baut; eben so sing, daö als Punct im Aethermeere schwebende Leben des Erdballs an, den umgebenden Aether (§. ?S.) von allen Seiten an sich zu ziehen. Hierdurch entstand, wie es die Bildung der Kometen noch fortwährend zeigt, für die Erscheinung eine Aetherkngel. DaS Dichteste bey einer solchen ist der Kern, der bey geringer Aus¬ bildung selbst noch durchsichtig ist; schon dünner ist die ihn umfließende Lichthülle, die, je dichter der Kern sich bildet, auch immer leuchtender wird, in dem Verhält¬ nisse ihrer Entfernung vom Kerne aber abnimml, und zuletzt in den nicht leuchtenden, indifferenten Aether übergeht. In dem Verhältnisse also, in welchem bey einem Kometen der Aether, die Lichthülle und der Kern zu einander stehen: in eben demselben stehen bey einem ausgebildeten Weltkörper die atmosphärische Luft, daS Wasser und die Erde zu einander, und so wie daö noch unvollkommene Leuchten der den Kometenkern umgeben¬ den Lichthülle den Gegensatz zwischen Sonne und Ko¬ meten darstellt; eben so stellt das vollkommene Licht den Gegensatz zwischen der Sonne und dem ausgebildeten Planeten dar. Anmerkung. Wenn hier der deutlicheren Erklärung we¬ gen von der Aehnlichkeit zwischen den Kometen und der ursprünglichen Planetenbildung die Rede war; so soll damit nicht gesagt seyn, daß jeder Komet zu einem Planeten sortgebildet werden muffe. Das Wesen der Ko¬ meten ist noch zu rälhselhaft und unbekannt, als daß man über ihre Fortbildung und Bestimmung schon ein sicheres Urtheil fällen könnte. — 217 — 127. Jedes organische Bilden ist ein lebendiger, fort¬ schreitender Act. Das Leben der Erde blieb daher bey der ätherischen, einem Kometen ähnlichen Bildung nicht stehen, sondern indem es fortwährend Aether an sich zog, ging die Verdichtung des Erdkerns immer weiter. Der Erdkern gestaltete sich zur Urmaterie; ich sage zur Urmate¬ rie, denn sie war die Grundlage aller später» Materien, auch haben wir von dieser, in der Mitte der Erde noch vor¬ handenen Formation keine Kunde. Sie ist nur der Idee nach zugänglich, und ist w e d e r S t e in, noch Metall, noch Erde, wohl aber die Grund¬ lage von allen diesen; und so wie Erde und Luft durch das Wasser noch jetzt in /inander übergehen, und ein organisches Ganzes sind ; eben so war die, die jetzigen indioidualisirten Elemente damahls in sich schließende Urmaterie ein Totales. Gleichwie sich an einem thieri- schen Leibe aus der gleichen Nahrung, die daß Thier zu sich nimmt, die verschiedenen Stoffe in den Organen bil¬ den ; eben so bildete das Leben der Erde aus dem gleich¬ artigen Aetherstoffe, nachdem derselbe mir der Urmaterie in Wechselwirkung gerieth, Erde, Wasser und Luft als seine nolhwendigen Organe. 128. In dem Verhältnisse, als sich der Erdkern nach und nach innerlich verdichtete, bildete sich auch sein Aeu- ßeres aus. Noch war die Urmaterie in der Mitte nicht steinartig fest ; die nächste, daS nachherige Wasser in sich haltende Umgebung war wegen der Menge der, in der¬ selben aufgelöseten Stoffe noch nicht flüssig, und die äußere Luft aus eben diesen Gründen noch nicht unse- — 218 — rer atmosphärischen gleich. Weil jedoch der Trieb der Entwicklung sowohl von innen heraus, als auch der Einfluß der Sonne von außen fortwirkte, so wurde der Erdkern immer sefler, er zog daö ihm Gleichartige, oder das Unauflöslichste seiner Umgebung an sich; oder mit andern Worten: Das, was sich später als die drey Erdarten, Kies, Thon und Talk individualistrte, fiel da- inahls aus der Umgebung auf die Urmaterie nieder. Es krystallisirte um den Mirkelpunct der Erde, der Kies als Quarz, der Thon als Feldspath, und der Talk als Glim¬ mer. Noch waren sie aber nicht einzeln gesondert und ausgebildet, sondern erscheinen vereint in einer Forma¬ tion , welche wir Granit nennen. §. 12Y. Der mit dem Innersten der Erde in Verbindung stehende oder unmittelbar aus demselben hervor gegan¬ gene Granit ist auf diese Art das ursprüngliche, für un¬ sere Untersuchnng am tiefsten stehende Gebilde. Er macht das Feste oder das eigentliche Skelett der Erde aus, und gibt ihr die regelmäßige Gestalt. Sie ist, wie die Geologen meinen, wahrscheinlich ein Rauten- Dodekaeder, und hat als solches Erhöhungen und Nie¬ derungen. Da der Granit die Urformation ist, so lie¬ gen alle folgenden Formationen auf ihm, oder haben sich in seine Spaltungen und Vertiefungen gelagert. In dem Verhältnisse, als die dem Granit zum Grunde liegenden Bestandtheile sich um das, was bis¬ her den Kern des Planeten darstellte, anhäuften, oder mit andern Worten, in dem Verhältnisse, als das Le¬ ben der Erde den Granit formte, verdünnte sich die nächste äußere Umgebung so, daß sie flüssig oder wasser¬ förmig wurde. Hierdurch wurde auch die weitere, spä- — 2IY — ter als atmosphärische Luft erscheinende Umgebung rei¬ ner. In dem Maße, als die Erde an Festigkeit zunahm, verstärkte sich die Action und Reaction zwischen ihr und der Sonne, wodurch das Phänomen des Lichtes weiter gebildet ward. Uebechaupt ging die Ausbil¬ dung eines Elementes nie allein vor sich, die Fortbildung des einen wirkte immer auf die der andern. Z- 130. Sobald der Erdkern fest war, fing er (§. 8s.) an zu rotiren. Folge der Rotation war, daß das durch die niedergefallenen Erdarten flüssig gewordene Wasser strömte. Es war aber dieses kein Meer- und noch viel weniger ein Süßwasser, son¬ dern wir müssen es Urwasser nennen, denn es hatte den Kalk und alle später erst nie¬ der gefallenen, oder vom Erdleben an sich gezogenen Stoffe noch aufgelöset in sich. Nach der Bildung des Granites fing daS Wasser auf dem Planeten zuerst an zu fluchen. Alle früheren Bildungen können nicht aus einem schon gewesenen Was¬ ser, sondern nur aus dem, was die Grundlage des Ir- des und deS WafserS war, durch die Anziehung des bil¬ denden ErdlebenS niedergefallen sepn. Der ganze Bil¬ dungsprozeß bis zu der Zeit, wo der formende Trieb so stark hervor trat, daß die Stoffe krpstallisirten, ist nur als Verdichtung anzusehen; und da bey feder Ver¬ dichtung sich Wärme entwickelte, so mußte die Bildung unter einer ungeheuren Hiße vor sich gehen. Nach dem Granit, oder nach der eigentlichen Fel- scnbildung entstanden die weiteren Gebirgsformationen auf eine der folgenden Arten: r. Durch Niederfallen — 220 — aus dem Wasser, wie die Schieferformationen. Sie liegen des Strömens wegen in Schichten. 2. Durch verändernde Einwirkungen deS WasserS auf das schon Bestehende; indem Theile an einem Orte abgerissen und an einem andern angesetzt wurden. So entstanden die Anschwemmungen. 3. Durch vulkanischen Einfluß. In¬ dem der Planet durch fortdauernde Ausbildung sich ver¬ stärkte, wurde der früher einfache Bildungsprozeß zu¬ sammengesetzter; außer dem Wasser kamen auch das Feuer und die Luft zur weiteren Ausbildung, und ihr Jneinanderwirke» von Außen steht nothwendig mit dem innern Leben der Erde in Verbindung. So entstand außer der succeffiven Gestaltung deö Wassers auch der vulkanische Prozeß, dessen Verhältniß zum innern Erd¬ leben noch immer nicht enträthfelt ist, und mit ihm die Basalt- und Lavenbildung. Auf diese Art läßt sich der Streit zwischen den Vulkanisten und Neptunisten ent¬ scheiden , indem die nähere Betrachtung zeigt, daß die Erde weder ausschliefiend durch Feuer noch durch Was¬ ser gebildet wurde. Ihre Bildung läßt sich nur als ein fortschreitender Act des Erd- lebens begreifen, der zwar, weil alles im genauen Zusammenhänge steht, organisch zu nennen ist, jedoch nicht so vor sich ging, wie bep dem höher stehenden ThierorganismuS. Das Medium, in welchem die frühe¬ re Erdbildung geschah, war weder jetziges Wasser, noch glimmendes Feuer, sondern ein Medium, aus welchem diese Elemente sich selbst erst heraus bildeten. Deswe¬ gen spielten auch die Prozesse so unverkennbar ineinan¬ der, deswegen kommt so vieles auf neptunische, so vie¬ les auf vulkanische Rechnung. Das Phänomen der Ver¬ brennung beweiset, in welchem innigen Zusammenhangs -ie Elemente noch jetzt nach ihrer geschehenen Ausbildung — 221 stehen. 4. Entstanden auch Veränderungen durch den Einfluß der Luft und Sonne auf manche Gebirgsbildun¬ gen, wie z. B. die Lrappformationen. 131. Wir haben im §. 120. auf drey Formationsreihen hin gedeutet, in denen sich der Planet bis zur gegen¬ wärtigen Stufe fortgebildet hat. Diese drey Reihen haben ihren Ursprung aus dem Granite. Die Schiefer¬ und Kalkreihe werden von der nach Einheit in der Wis¬ senschaft strebenden Forschung als physiologische Anknü- pfungspunete für die Pflanzen- und Thierwelt bezeich. net, während die Porphyrreihe als Fortsetzung des eigentlichen Erdelementeö anzusehen ist, welches alles andere trägt, und wovon der Granit selbst nur ein Glied ist. Da diese Reihe nach dem der Erdbildung zum Grunde liegenden Gesetze eine fortgehende ist; so ist es auch gewiß, daß bey der ersten Granitbildung nicht alle, später als Kies, Thon und Talk sich zeigenden Bestand- theile desselben niedergefallen sind. ES entstand da¬ her später noch Granit, aber nicht mehr in der vorigen Formation, sondern er bildete sich des Strömens wegen in Schichten. Aus dem eigentlichen Granit wurde durch den neu hinzukommenden Kies, wo dieser das lieber¬ gewicht hatte, der Quarzgranit, durch den neu hinzn- kommenden überwiegenden Feldspath der Gneis oder Feldspathgranit, und durch den neu hinzukommenden Talk der Glimmerschiefer oder Glimmergranit. Quarzgranit, Gneis und Glimmerschiefer sind die drey Urfelsen. Dec Granit ist in allen Gebirgen das unterste, an seinen Wänden oder auf ihm liegen der Gneis und der Glimmerschiefer. _ 222 — 1Z2. Nach den Urfelsen entstand durch die fernere Wir¬ kung der planetenbildenden Kraft jene Formation, wel¬ che wir Kalk nennen. Sein Ursprung ist schon im Feld¬ spats»; nun trat er eigentlich hervor, krystallisirte als Urkalk, und wenn der Gneis und Glimmerschiefer ge¬ wöhnlich an den Wänden deö Granites gelagert sind, so liegt der Urkalk mehr in der Mitte deö Gebirges. So ist der Anfang der dreh Forma- tionöreihen (§. >20.), und durch dieselben die Möglichkeit des jetzigen Mineralreichs, so wie der pflanzlichen und thierischcn O r g a n e n bil d u n g gegeben. Der Quarzgranit geht durch den Quarzfels und Hornstein in diejenige Reihe über, in welcher der Porphyr eine vorzügliche Rolle spielt, und in welcher das Erdelement als solches seine fortlau¬ fenden Bildungen entwickelte, um als Planet in der gegenwärtigen Gestalt sich zu entfalten, und als Träger und Entwicklungöort alles höheren organischen bebens zu erscheinen. Wenn daher in der Erdbildung Perioden eingekreten waren, welche für die Entwicklung des or¬ ganischen Lebens günstig schienen; so zeigte sich auf ein Mahl wieder aus dem Innern deö Planeten heraus der mehr für die Jrdbildung wirkende Einfluß. Auf den Uebergangö- und Flötzgebirgen findet man plötzlich For¬ mationen, die nur in Urgebirgen Vorkommen. Auf dem Sandsteine, der kein Urgebirg ist, liegen Mafien, zu denen wir keinen Uebergang sehen, und die nur mit den Urgcbirgen verwandt sind. Auf regelmäßig gelagertem Gneis findet man Porphyr, der zur frühem Gneiöbil- dung in keiner Beziehung steht. Auf noch jüngeren Flötz- gebirgen zeigt sich der fremdartige Basalt mit einer gro- — 223 ßen Mannigfaltigkeit von Krystallen. Der Basalt den? tet durch seinen starken Eisengehalt offenbar auf die Metallbildung hin, mährend die „übrigen Glieder der Porphyrreihe die Fortsetzung des geologischen Bildungs- prozesses durch die andern Fossilien darstellen. Will nun der Geolog in das bunte Durcheinander der Mineralwelt einen vernünftigen Zusammenhang bringen; so muß er von gewissen AnknüpfungSpuncten ausgehen. Deswegen hat der große Werner die oben benannten Formationsreihen zusammen gestellt, Stes¬ sens hat die Idee weiter fortgebildet, und Niemand hat bisher noch vermocht, das gänzlich Unstatthafte dieser schönen und großartigen Ansicht anfzuzeigen. Das räthselhafte Jneinandergreifen der Jrdbil- dungen wird nur dann erst von der Wissenschaft mehr gewürdigt werden, wenn sie die Idee des Organismus ans das Erdganze anwendend durch zahlreiche Beobach¬ tungen und Vergleichungen sowohl das Analoge der or¬ ganischen Gestaltung der Erde mit den andern Orga¬ nismen, als auch das nothwendig Verschiedene derselben aufzufinden sucht. So verschieden indessen die Ansichten hierüber seyn mögen, so steht doch als Grundgedanke für die fernere Forschung Folgendes fest: Das Erd¬ leben, als selbstständig für sich seyend, formte alle diese mineralogischen Gebilde, weil sie zur Existenz des Planeten, wie er sich jetzt dar stellt, nöthig waren, und so¬ nach nur als Bestandtheile desselben a n- zu sehen sind. Die Bildung der Schiefer- und Kalkreihe, die sich für unsere Betrach¬ tung als Anknüpfung für die Vegetation und Animalisatiou zeigen, gehört eben so nothwendig zum Leben der Erde, wie die — 224 — Porphyrreihe; und diese, nach der gegen¬ wärtigen Ansicht dreyfach, in der Idee aber als Eins sich offen baren de selbststän¬ dige Fortbildung deö ErdkörperS fällt mit der hierdurch bewirkten Veredlung der Materie zur Möglichkeit der pflanzli¬ chen und thierischen Organenbildung in EinS zusammen. So wie daher der Qnarzgranit durch den O.uarzfels und Hornstein der Ankm'ipfungS- punct für die ferneren Bildungen des ErdelementS oder für die später entstandenen Mineralien insgefamint wur¬ de; eben so ist durch die Glieder der Schiefer- und Kalkformation die Materie so veredelt worden, daß daö niedrigste pflanzliche und thierische Leben anö derselben seine Organe zu bilden vermochte. Das höhere Thier¬ leben setzt überdieß zu seiner Organenbildung außer der Pflanzenwelt noch die Thierorganisation voraus. Anmerkung. In der Urwelt war der Kalk der Anknü- pfungspunct für die Thierwc'lt; gegenwärtig wird das ' thierische Leben der Korallen in der Südsee die Ursache der Kalkbildung. Unzählige Korallen setzen aus ihrem gallertartigen Körper eine solche Menge Kalkerde ab, daß daraus ganze Felsenriffe, ja selbst Inseln entstehen. Son¬ derbare Verkettung der Umstände! In der Urzeit mußte früher ein Grund und Boden überhaupt da seyn, damit durch die Bildung desselben auch das.Meer so weit kam, daß es für die Aufnahme der niedrigsten Thiere geeignet wurde; nun hilft an solchen Orten , wo noch kein trocke¬ nes Land da ist, das niedrigste Thierleben den festen Bo¬ den bilden, damit auf demselben die höhere Lhierwelt gedeihe. So ist in der Natur alles auf Ein Ziel, auf die fortgehende höhere Ausbildung und Vervollkommnung gerichtet. — 225 — §. 133. Granit, Gneis, Glimmerschiefer und Urkalk sind die Urgebirge. Sie sind als Theilgebilde deö Planeten- leides anzusehen, die in ihrer Gesanimtheir die Grund¬ lage und daS Feste des Erdballes ausmachen. Alle diese Körper, so wie die später entstandenen Steinarten, be¬ stehen als feste Massen fort, und ihr Leben ist bis auf den letzten Atom fest mit dem Stoffe eins. Indem eS keine Spur einer selbstständigen Bewegung äußert, gibt eS sich bloß durch die mehr oder minder feste Cohäsion und durch die Assimilation einer andern, für sich geeig¬ neten Masse kund. Diese Assimilation ist nicht eine An¬ eignung von innen heraus, wie bep den höher» Orga¬ nismen, obwohl die Krpstallisation hierzu ein Analogon darbiethet; sondern sie ist mehr eine Anhäufung von außen bey chemischer Durchdringung der Stoffe. Sie wird durch die Gesetze der Wahlverwandtschaften offen¬ bar. Anmerkung. Wie die Assimilation der Erde als eines Gan¬ zen vor sich gehe, wissen wir nicht. Es wird eine Zeit kommen, wo die Wissenschaft die Hauptorgane des Erdleibes genauer ken¬ nen, das, was uns jetzt als mineralischeAssi- milation erscheint, als eine mehr organi¬ sche betrachten, und das Verhältniß dersel¬ ben zur thie rischen und pflanzliche» Assi¬ milation näher auseinander setzen wird. Ein Hauptunterschied möchte wohl darin bestehen, baß, während das pflanzliche und thierische Lebensprincip zu seinem Behuf« schon eine bestimmte, geformte Materie vorsindet, das Erdlebcn sich aus dem für uns indifferen¬ ten Aether erst dieMrdische Materie überhaupt bilden mußte. Daher war die Bildung nicht so sehr von innen 15 — 226 — heraus , sondern sie war mehr Aggregaten. Die naher« Aufklärung hierüber haben wir erst von der Geologie und Astronomie zu erwarten. Da wir dir Gesetze der Assimilation bey der Er¬ de als eines Ganzen noch nicht kennen, sondern nur den äußern Vorgang derselben nach stückweisen Erfahrungen beurtheilen, wo der Beobachtung zu Folge die Masse bloß Masse sich aneignet, um rein als Masse fortzube¬ stehen ; so ist dieser Grad der Assimilation der niedrigste. Man kann sie die materielle nennen. §. 134. Zweyte Stufe. Bisher war noch kein höheres, durch eine eigene Bewegung sich offenbarendes Leben auf der Erde erschienen. Man findet in den Urgebirgen keine Spur von Petrefacten, die in den späten, Forma¬ tionen so häufig vorkommen. Nachdem aber durch die Bildung der Urgebirge die materielle Begründung deS ErdleibeS geschehen war; so fing auch das geistige Le¬ ben an hervor zu treten, und zwar in jenen Formen, für deren Aufnahme die Erde nach dem Grade ihrer Ausbildung eben geeignet war. Hierbey zeigt sich fortwährend das Gesetz, daß, indem der Erdkörper seines eigenen Lebens wegen zu einer h ö h e r e n A u s b i l d u n g f o rtschritt, er auch dazu diente, das höhere auf ihn herein tretende Leben aus und durch sei¬ nen Stoff als irdischen Organismus ,n entwickel n. In der Tiefe der Urgebirge ward das schon ange¬ knüpft, was sich durch die spateren Formationen heraus als Pflanze anmeldete, aber Hst nach vollendeter Mas- fenbildung als solche aufsprossen konnte. — 227 Die ganze Schöpfung von der Urmaterie bis zur Urpflanze ist als ein Baum zu betrachten, dessen Wur¬ zel die Urmaterie, der Stamm der Granit, die Aeste die Schieferformationen, die Blätter die Steinkohlenbildun¬ gen , und die Blüthen als ein, alle diese Gebilde in sich tragendes, Höheres die Urpflanzen selbst sind. In der Pflanze erschien zuerst eine Bewegung als Saftbewegnng. Sie ist aber noch keine von der Art, baß die Pflanze sich srep von ihrem Standorte wcgbe- geben, oder überhaupt sich willkürlich regen könnte. Da¬ mit jedoch dieser erste Funke von Leben für die Erschei¬ nung sichtbar werden konnte, mußte die Pflanze in ihrer Entwicklung schon so hoch stehen, als alle bis zu ihrem Erscheinen da gewesenen Formationen zusammen ge¬ nommen. 135. Die ersten Pflanzen konnten erst aufsprossen, nach¬ dem die Schieferformationen sich durch den Thonschie¬ fer und Graphit bis zur Steinkohle fvrtgebildet hatten, und die Erde an gewissen Stellen trocken geworden war. An der Steinkohlenformakioii finden wir zuerst Ueber- reste von Farrenkräntern. Daß niedrige Steinmoose als erster Anflug der Vegetation noch früher da gewesen seyn mögen, ist wahrscheinlich. A»S den Moosen, Flechten, Farrenkräntern und auS gradstreifigen Skcngelpflanzen oder sogenannten Monvcotyledonen scheint damahlö die ganze Vegetation bestanden zu haben; aber selbst diese niedrige Vegetation war vor der Ausbildung der er¬ wähnten Formativne» nicht möglich. 136. Die Pflanze affimilirt sich Stoff aus der Außen- 15 * — 228 weit/ nähmlich Licht/ Lust, Wasser/ Erde u. s. w. aber nicht mehr so wie der Stein, bloß um Körper zu seyn, sondern damit das/ was sie sich assimilirt, Organ für die pflanzlichen Lcbenöverrichtungen werde. Da aber nichts ein Organ der Pflanze werden kann/ was nicht auf eben die Stufe er¬ hoben wird/ auf welcher sie steht: so muß das/ was sich die Pflanze aus der Erde aneignet, dann im physiologischen Sin¬ ne so viel werth seyn, als die unter der Pflanze stehenden Gebirgsformationen zusammen genommen. Die niedere Materie deS Steines wird in der Pflanze veredelt, hat schon eine höhere, lebendige Bedeutung. Die Organe deS Pflanzenleibes haben die Bestimmung, die vegetativen Lebensprozesse zu vermitteln. 137. Während daö Erdelement durch die Glieder der Schieserformation dis zu der Höhe hinAuf gestiegen war, daß das niedrigste Pflanzenlebcn sich ans dem Stoffe desselben seine Organe bauen konnte, hatte sich auch die Kalkformationsreihe durch den Uebergangs- und Flöhkalk fortgcbildet. Die Erde war vielleicht noch ganz vom Wasser umflossen, als das niedrige Thierleben der Muscheln sich schon an den Kalk anschloß, dieser mit¬ hin der Anknüpfnngspunct der niedrigsten Wasserthiere wurde. Hierher gehört die ungeheure Menge von Stein- thieren, die Enkriniten, Pentakriniten die ganze Familie der Trilobiten, und besonders die zahllosen Ammoniten, zu denen sich in der jetzigen Schöpfung keine llrbilder finden. Man trifft sie versteinert, und zwar in ganzen Bergen im Flötzkalk, indem sie beym Abnehmen des — 229 — Wassers zurück blieben. Ihr Leben war noch tief stehend und an ein steinernes Gehäuse gebunden, so wie die Pflanze noch an den Boden gefesselt ist. Es können auch schon Pflanzenthiere in den damahligen Meeren gelebt haben, nur war ihr gallertartiger Körper zu leicht zerstörbar, als daß er bey der erfolgten Erdumwälzung Spuren zurück gelassen hätte. Merkwürdig ist es, daß, so wie die Vegetation in dieser Periode in allen Gegenden der Erde die nähmli- che war, man auch von diesen niedrigen Thieren in allen Ländern die nähmlichen Arten in Versteinerungen findet. Von Land; und Süßwasserthieren ist in diesen Formationen keine Spur. Mit der Schiefer- und Kalkformation ging auch die Ausbildung der Porphyrreihe immer weiter. Daß das ganze nach und nach entstandene Mineralreich mit seinen Krystallen, Edelsteinen, Metallen, Erden und Salzen in diese Reihe gehöre, ist schon mehrmahls be¬ merkt worden; wie aber diese Bildungen entstanden sind, welche sich gleichzeitig und welche sich nach einander entwickelt haben, diese Frage hat die Mineralogie noch zu lösen. Durch diese Formationen entstanden, weil bestän¬ dig Niederschläge geschahen, oder vielmehr, weil daS Erdleben seine Organe fortwährend auöbildete, auf dem Planeten immer mehr Erhöhungen; das Urwasser ver¬ dünnte sich natürlicher Weife durch die geschehenen Nie¬ derschläge, und floß in die Vertiefungen zusammen. Dadurch trockneten immer größere Stellen, und in dem Maße, als auf den länger trocken bleibenden Stellen — 230 — die Vegetation höher stieg, indem sich die riesenmaßigeir Farrenkräuter, die kollofsalen Rohrarten und die Schup- penbäume erhoben, vervollkommete sich gleichfalls die Thienvelt. Viele Conchylien der früheren Periode, wie z. B. die Enkriniten und Trilobiten fangen an zu ver¬ schwinden , dafür erscheinen die niedrigsten Arten der Fische, die Echiniten und Krebse. Eine um diese Zeit entstandene Formation ist der Sandstein, denn man fin¬ det in demselben versteinerte Reptilien, die daher zur Zeit seiner Bildung schon gelebt haben müssen. Aber wie räthselhaft ist seine Bildung! Wie ganz anders als in den Felsenformationen zeigt sich hier die bildende Kraft! Alleö scheint nur wie durch Conglomcration kleiner Theile entstanden. Anzunehmen, dasi die unge¬ heure, dem Sandsteine zum Grunde liegende Menge der Quarzkörner durch Zertrümmerung entstanden sey, scheint deßwegen nicht richtig zu sepn, weil der Sandstein nicht als Anschwemmung zu betrachten ist, sondern so wie andere Formationen nach regelmäßigen Gesetzen ge¬ lagert vorkömmt. Auch die Kreide ist wahrscheinlich um diese Zeit entstanden. Sie ist als eine Umstaltung des Flötzkal- kes anzusehen, die durch eine weitere Fortbildung des Erdlebens bewirkt wurde. In der Kreide findet man Seeschildkröten und Ueberreste von riescnmäßigen Eidech¬ sen, wie des MegalosaurnS, Plesiosaurus und Jchtyo- saurus. Damahls lebte auch das räthselhafte Thier PterodaktpluS oder Flederband. Es war der liebergang zu den erst später erscheinenden Fledermäusen, so wie diese wieder den Uebergang zu den Vögeln bilden. Ma" findet von diesem Thiere drep Arten versteinerter Ueber¬ reste im Mergelschiefer. — 231 — Während so die Lhierwelt bis an die Grenze der warmblütigen fortschritt , nahm auch die Vegetation ei¬ nen höhern Charakter an, die kolossalen Rohrarten der früher« Periode verschwinden, die ungeheuren Farren- kräuter verringerten sich an Zahl und Größe, und statt der Schuppenbäume erhöhen sich prangend die Palmen. §> 139' Grundbedingung der höheren Vegetation und Thier¬ welt war aber die succeffive Fortbildung der Erde in dem Mineralreiche, die Reinigung des Wassers bis zum Süßwasser, und die dadurch geschehene Verbesserung der Luft bis zur Tauglichkeit deS EiuathmenS. Die bisherigen Fische und Amphibien athmeten zwar auch, allein man weiß, in welcher schlechten Luft diese Ge¬ schöpfe leben können; warmblütige Thiere waren aber keine und konnren noch keine vorhanden seyn, denn letz¬ tere, besonders die Vögel, werden mehr mit dem Leben der Luft eins, setzen daher die höchste Ausbildung der¬ selben voraus. Nach der geschehenen Kreidebildung entstanden wahrscheinlich die Quellen. Die Ausbildung des Pla¬ neten war so weit vorgerückt, daß die Erhöhungen al¬ lenthalben trocken wurden, und daß durch den hierdurch zunehmenden Sonneueinfluß die Vegetation eine er¬ staunliche Höhe erreichen konnte. Folge davon war der erhöhte Verdünstungsprozeß des Meeres; das verdüu- stete Wasser wurde von den Pflanzen aus der Atmo¬ sphäre regelmäßig angezogen und so die Entstehung der Quellen und Bäche auf deü waldreichen Bergen begrün¬ det. Man findet aus dieser Zeit Ueberreste von Land- insecten, z. B. von Käfern, Fliegen und Ämeisen, die sich 232 — von dm Blätter» und Fruchten solcher Pflanzen näh¬ ren, die früher noch nicht gewachsen waren. Sobald die Erde für das Leben höherer Thiere geeignet war, trat dasselbe in die irdische Erscheinung. Wir finden in dieser Periode die ersten Vögel und Säu- gethiere. Zuerst sind es nur Wasserbewohner, und später erst Landthiere; gleichwie eS aber eine Pe¬ riode gab, wo in der Vegetation die ungeheuren Far- renkcäuter, und kolossalen Nohrarten der Urwelt zum Vorschein kamen, die man in Steinabdrücken findet, und die den Culmiuationspunct der Vegetationsepoche bezeichnen: eben so trat jetzt jener Zeitpunkt ein, wo die kolossalen Urthiere, wie das Mammuth, das Ohiothier, das Riesenfanlthier und alle jene, heut zu Tage unbe¬ kannten Gattungen in daö Leben gerufen wurden, die den Culminationspuncl der körperlichen Thierbildung andeuten. Man findet ihre Gerippe in Ablagerungen, wo sie durch die, in den darauf erfolgten Umwälzungen geschehenen Anschwemmungen begraben wurden. In den neuesten Schichten deS aufgeschwemmten Landes findet man außer diesen noch Knochen von Pferden, Bären, Löwen, Hyänen u. s. w. die schon sämmtlich mehr oder weniger den jetzt lebenden Arten gleichen. Anmerkung. So schön erweiset es sich, wie das Fortschrei- tcn des organischen Lebens zu immer edleren Formen, oder das Eintreten immer höherer Wesen in die irdische Erscheinung vor sich gegangen ist. Als die Masse in der Vegetation und Thier wclt vorherrschte, war Alles kolossal; diese Größe verminder¬ te sich in den späteren Bildungen, denn statt derselben offenbarten sich höhere Ei¬ genschaften. Die Höhe der früheren Pflanzen ging in der Blüthenpracht und in dem Gerüche der späteren Gewächse, und die Monstrosität der Urthiere in den gei¬ stigen Fähigkeiten der jetzigen Säugethiere unter. — 233 — §. 140. Weit war das organische Leben in seiner Ausbil¬ dung vorgeschritten, aber noch waren viele der jetzt le¬ benden Thiere, noch war der Mensch, die Krone der ir¬ dischen Schöpfung nicht da. Man findet Ueberreste von Thieren, die jetzt nur in der heißen Zone leben, und da- mahls in Ländern sich anfhielten, wo es jetzt kalt ist. Dieses beweiset, daß die Temperatur auf der Erde wehr gleichmäßig gewesen, und durch eine, durch das Leben der Erde und durch den Einfluß der Sonne bedingte Umwälzung nach den jetzigen Zonen geordnet worden sey. Diese Katastrophe muß plötzlich eingetreten, und durch Wasser vor sich gegangen scpn, denn sonst wäre es nicht möglich, daß selbst Pflanzenüberreste und leicht zerbrechliche Ueberreste von Schalthieren auS der Ur¬ welt hätten erhalten werden können. Hierdurch erhielt der Planet auch die letzte, für das Leben der höchsten Thiere und des Menschen nothwendige Ausbildung. Das Erdelement war durch die Urgcbirge, UebergangS- und Flötzgebirge herauf gebildet, und ging einerseits durch die Metallität in die starrste Gediegenheit, und durch die mit vegetabilischen Stoffen durchdrungene Dammerde in die größte Lockerheit über, so wie eS an¬ derer Seits durch das auflösliche Salz mit dem Meer¬ wasser eins ward. Die Erdoberfläche war dem Einflüsse des Lichtes und der Wärme aufgeschlossen, das Sü߬ wasser strömte in Quellen und Flüssen, die Luft war der jetzigen Atmosphäre gleich geworden, und daS viel¬ fache Spiel der verschiedenartigen Stoffe im großen Naturchemismus konntp seine Prozesse vervollständigen. Auch deutet die vor der letzten großen Umwälzung gleich¬ mäßiger vertheilt gewesene, und nun nach den Zonen — 234 — geordnete Temperatur darauf hin, daß m dieser Kata¬ strophe der Elektrismuö vollständig hervor getreten, und die Wärme in ihrer Intensität als Feuer oder Flamme erschienen sey. Es soll hierdurch nicht gesagt seyn, daß früher noch gar kein Feuer da gewesen sey, denn die Elemente sind überhaupt ein noch zu unbekanntes Reich, als daß man über die Entwicklungsepochen des Lebens derselben ent¬ scheidend urtheilen könnte. Alles, was in dieser Bezie¬ hung gesagt werden kann, sind nur Folgerungen aus unbezweifelbaren Thatsachen, worunter auch die gehört, daß zur Ernährung einer Flamme atmosphärische Lust unumgänglich uokhwendig ist. Da nun diese mit der Erde und dem Wasser zugleich sich erst ausbildete; so muß das, was wir seht Feuer nennen, damahlS unter einer andern Form erschienen seyn. Anmerkung. Man hat in der neueren Zeit Beobachtungen über die Erdwärme oder über das sogenannte Central» feuer angestellt. Alle Erfahrungen be.stättigen die unbe, streitbare Thatsache, daß in einer gewissen Liefe, die an verschiedenen Orten verschieden ist, eine das ganze Jahr hindurch constante Temperatur herrsche, und daß diese, je tiefer man hinein kömmt, auch immer mehr zunehme. Dieses erklären die Geologen aus einer primitiven, sehr hohen Temperatur, welche im Innern noch fortbestcht , während sic an der Oberfläche schon gesunken ist. 141. Da wir in dru Formationen, welche vor der letz¬ ten großen Umwälzung schon da gewesen sind, von dem Menschen keine Ueberreste finden; so ist es augenschein¬ lich , daß er auf der Erde noch nicht vorhanden gewesen ist. Selbst von Affen findet man keine Spur, ein Be¬ weis , daß die Erde für ihren Aufenthalt früher nicht geeignet war. Indem durch die letzte Katastrophe alle — 235 — Elemente, mithin auch der Magnetismus, Elektrismus u. s. w. vollständig ausgebildet wurden, trat auch der Mensch als Organismus auf diesem Planeten hervor. Wir haben nun im Allgemeinen gesehen, wie die Erde als Planet sich organisirte, und wie auf derselben die verschiedensten Geschöpfe von der niedrigsten bis zur höchsten Form hervor getreten sind. Dieses Hervortre- len ist die Genesis der Materie oder das Organifchwer- dcn des Lebens auf irdischer Stufe. Da sowohl der Mensch als auch jedes Thier zum Behufs der vegetativen Lebensprozesse sich Stoff aus der Außenwelt beständig aneignet, sich aber durchaus nichts aneignen kann, wenn es nicht die Fähigkeit hat, mit ihm auf gleiche Stufe erhoben zu werden; so muß daS, was er sich wirklich angeeignet hat, eine Materie von wieder höherer Art (H. >3t>.) und in der Idee bey jedem Thiere so viel werth seyn, als alle unter ihm stehenden Wesen, bsym Menschen aber, als die unter ihm stehenden Mineralien, Pflanzen und Thiere zusam¬ men genommen. Da diese Assimilation lbey Pflanzen, Thieren und auch beym Menschen, in so fern er als Organismus Len letztern beyznzählcn ist, hauptsächlich dazu dient, die vegetativen Lebensprozesse zu vermitteln, und im Pro¬ ducts als materieller Leib erscheint; so kann man sie füg¬ lich die vegetative nennen. 142. Dritte Stufe. Die Assimilation auf der dritten Stufe ist die höchste, sie ist nicht mehr Assimi¬ lation der Materie unter der Form der Materie, so wiö es bey der vegetativen noch der Fall war, sondern sie ist Assimi- — 236 — lation der Materie als e in er bloßen Sun c- tion, ist Assimilation der Materie unter höherer, atherischer Form. Wir haben gesehen, daß, alö die Erde so weit entwickelt war, daß daß höhere Leben sich aus dem von ihr dargebothenen Stoffe einen Leib bilden konnte; die¬ ses austug, sich durch das Medium des Planeten hindurch selbstständig-zu bewegen, und in der Thierreihe in im¬ mer höheren Formen hervor zu treten, bis endlich die Menschengestalt erschien, wodurch der Schlußpunct der jetzigen irdischen Schöpfung erreicht scheint. Indem der Mensch in seinen Leib die ganze irdi¬ sche Materie aufnimmk (§. i og. mithin alle Ge¬ setze der Bildung derselben in sich trägt; so schließt die Natur in ihm die ganze organisch-geistige Fülle des Le¬ bens auf, welche auf dieser irdischen Stufe hervor zu treten bestimmt ist. Daö höher entwickelte Thier und der Mensch tra¬ gen auf diese Art als Organismen alle Gesetze der Na- tnrentwicklung in sich; durch sie geschieht jetzt eben das, was einst durch den Verlauf der ganzen Planetenschöpfung geschah. Durch die individuelle oder Geschlechts; engung knüpfen sie jetzt das Leben ihrer Art an das Irdische, waS einst nur durch die Pla¬ ti e t c n b i l d u n g, die eine universelle Ze'ugung ist, möglich war, und indem das neue Le¬ ben nach geschehener individueller Zeu¬ gung aus dem unscheinbarsten Anfang her¬ aus der Erscheinung entgegen wächst, ver¬ laust seine Ausbildung bis zur Geburt noth wendig nach allen den Gesetzen, nur in kürzeren Zeiträumen, nach welchen einst —- 237 — die Ausbildung aller Organismen vor sich gegangen war. Anmerkung. Von diesem Standpunkte aus wird dasjeni¬ ge klar, was Plato den Sokrates so schön aussprechen laßt, wenn er sagt! alles Lernen sey ein Erinnern. Nach diesem Ausspruche, der das Erhabenste und Schönste der griechischen Philosophie mit so wenigen Worten bezeich¬ net, ist die Seele schon vor diesem Erdenleben da, denn, indem sie in ihrer Naturseite alle Gesetze der irdischen Materienbildung in sich trägt; so steht sie eben durch dieselben über dem Irdischen, und kann nicht aus dem Letztcrn hervor gegangen seyn. Sie hat deswegen, so¬ bald die Organe gebildet sind, und sie das Berhältniß der Außenwelt zu der innern in Vergleichung zu ziehen im Stande ist, das Vermögen, sich als Intelligenz der in¬ nern Gesetze bewußt zu werden, und die reale Welt au¬ ßer sich durch Denken in sich ideal zu schaffen. Dieses kann sie vor der Sinnenbildung nicht thun, weil es sich hier um die irdische Welt handelt, zu welcher der Zugang nur durch die irdischen Sinne möglich ist. Die Seele hat in ihrem Wesen gewiß die Anlage für noch höhere Lebensstufen, als für die irdische; sie muffen aber eben¬ falls erst entwickelt werden; diejenige aber, um welche cS sich jetzt handelt, ist eben die irdische. Gerade ein irdi¬ sches , selbstbewußtes Geschöpf soll der Mensch jetzt wer¬ den , nicht ein Wesen mir sinnlich bewußter Einsicht in eine höhere Lebensstufe. Diese Fähigkeit der Seele, die ganze irdische Welt in das Bewußtseyn aufzunehmen, ist jene unbewußte oder intensive Erkenntnis, von welcher in der Anmerkung zu h. U7. die Rede war; sie ist das, was alle Erfahrung erst möglich macht; denn läge nicht schon die ganze Welt als Gesetz der Möglichkeit des Erkennens in der Seele: so könnte sie von den Gegenständen der äußern Welt nichts erfahren, das heißt, sie könnte nicht »ersuchen, ob die äußern Gegenstände mit dem inneren Gesetze in Ueber» — 238 einstimmung (tz. 109. 9.) zu bringen seyen oder nicht. Der Grad der Richtigkeit dieser Uebercinstimmung ist freylich sehr verschieden, ft nachdem/das Bewußtseyn die¬ ses Gesetzes selbst mehr oder weniger entwickelt, und die Vergleichung dc'S äußern Gegenstandes mit demselben mehr oder minder genau vorgenommen worden ist. Dieses innere Gesetz der Seele erscheint, wie schon bemerkt wurde, als ein Unbewußtes oder als bloße Fä¬ higkeit nur in Bezug auf das empirische Bewußtseyn; an sich ist es ein positiv Universelles, welches das reine Wesen des Menschen ausmacht und des irdischen SeynS wegen in zwey Richtungen, in das Naturleben und in die Intelligenz auseinander tritt. Daher müssen beyde Richtungen nach diesem Leben wieder Eins werden, nur mit dem Unterschiede, daß der Geist das Universum nach¬ her auch als ein durch das Bewußtseyn Erkanntes, durch die freye That Erworbenes und Errungenes in sich trägt, während er es vorher unbewußt, nur der Anlage nach irr sich trug. Ob das gänzliche Einswerden dieser beyden Richtungen schon nach dem irdischen Leben, oder erst nach noch höheren Enrwicklungsstufcn Statt finden wird, ist unentschieden. Vermuthcn läßt sich das Letztere. Denn da der Mensch, wenn auch sein Geist einer unendlichen Fortbildung fähig ist, in diesem Erdenleben nur von un¬ serem Planeten, höchstens vom Sonnensysteme eine dürf¬ tige Kunde erhält; so kann er bey seinem Austritte aus demselben doch nicht auf ein Mahl zur vollkommenen Ein¬ sicht in das ganze Universum sich aufschwingen, indem eö von keiner Seite dargethan ist, daß außer unserer Erde alles gleich sey, uns daß Abstufungen und Verschiedenhei¬ ten des Lebens nicht Statt finden sollen. Gibt es aber Abstufungen, so muß ihr Verhältniß gegen einander ein organisches seyn, welches keinen Sprung, sondern ein all- mähliges Uebergehen zuläßt. Hierin läge demnach ein physiologischer Grund für die Annahme des Weiterschr"-- tens der Seele im künftigen Leben (§. 122.) his zu ihr^ Vollendung als reiner Geist. Hierbey ist jedoch — 23Y — gewiß, daß es da nicht auf das Bißchen Wis¬ senschaft, welches sich hier Einer mehr als der Andere erwirbt, sondern vorzüglich auf die Ausbildung des Willens oder auf die Gesinnung ankömmt,mit welcher derMensch die Welt in sich aufnimmt, und auf das Wohl und Wehe seiner Mitgcschöpfe ein- w irkt. Da das Leden nur von der Materie, die der An- knüpfnngspuiict seiner Erscheinung ist, getragen wird; so muß eS die zu seinen verschiedenen Functionen nö- thige Materie aus der Außenwelt sich aneignen. Diese Assimilation geschieht aber zu einem doppelten Zweck. Der niedrigere besteht darin, daß die Prozesse der Re- production vor sich gehen, und von dieser Assimilation war schon bey der zweyten Stufe die Rede. Der höhe¬ re Zweck besteht darin, daß die geistigen Functionen.ver¬ mittelt werden. Der Nerv, der das Organ der Bewe¬ gung ist, erscheint zwar als Nervenscheide noch sichtbar, das Agent! aber, durch welches die Willenskraft (§. >17.) geleitet wird, ist chemisch nicht mehr erweislich. Das Gehirn, die vornehmste Substanz des Leibes, obschon selbst noch als Materie erscheinend, und die höchste sicht¬ bare Ausbildung derselben darstellend, kann mit den sicht¬ baren Theilen, die der Anatomie übrig bleiben, nicht auf ein Mahl aufhörcn, weil w i r d i e g e i st i g e n F n n c- tionen des Gehirns als durch bloße sicht¬ bare Materie vermittelt durchaus nicht be¬ greifen. Gleichwie der Mensch als frey sich bewe¬ gendes Wesen bloß durch daS Athmen mit der Welt noch zusammen hängt, an dem Leben der Erde aber, ja an dem des Sonnensystems durch die kosmischen und — 240 — ätherischen Einflüsse alle Augenblicke Theil nimmt/ die¬ ser Antheil aber in seinen Verzweigungen sinnlich nicht nachgewiesen werden kann; gleichwie ferner der ganze Planet mit dem Innersten seines Wesens in das gei¬ stige Leben dsS Universums hinein reicht/ dieses Hinein¬ reichen des/ durch das Master und die Luft hinauf sich verfeinernden und hierdurch mit dein Aelher - Leben des Universums eins werdenden Planeten für die Erschei¬ nung jedoch nicht mehr nachweislich ist, in der Wesen¬ heit aber doch Statt finden muß, weil der Planet sonst keine Wurzel, keinen AnknüpfungSpuncl hätte: eben so ist der Zusammenhang des, durch die Nerven und das Gehirn hinauf sich vergeistigenden Leibes mit der Na¬ turseite der Seele für die Erscheinung nicht mehr nach¬ weislich ; er muß jedoch Statt finden, weil der Orga¬ nismus des Menschen als Mikrokosmus sonst keinen Urgrund hätte. Der Planet ist wohl sein An¬ knüpfungspunkt für die organisch-materi¬ elle Seite, kann es aber nicht für die or¬ gan ifch - ge i sti g e seyn, indem diese einerseits alle Gesetze der Planetenentwicklung zwar in sich trägt, und dadurch dem Planeten der Idee nach gleich steht, andererseits aber durch die höheren geistigen Vorzüge über denselben hinaus liegt. Dieses Hinausreichen des menschlichen Leibes über die Sinnensphäre soll durch folgende Ansicht noch mehr erläutert werden. Durch eine allgemeine Betrachtung der SinneS- sunctionen. Das Vermögen der Seele, von der Außen¬ welt angeregt zu werden und sie in ihrer Mannigfal¬ tigkeit und Verschiedenheit wahrzunehmen, nennen wir Sinn. — 241 — Die bekannten fünf Sinne sind, das Gefühl, der Gefchinack, der Geruch, das Gehör und das Gesicht. Die niedrigste und allgemeinste aller Sinnesverrichtun- gen ist das Gefühl. Der menschliche Leib sondert sich zwar durch die Haut von der Außenwelt ab, durch die überall in der Haut verbreiteten Nervenästchen aber nimmt er die äußern Gegenstände durch Berührung wahr. Am vorzüglichsten ausgebildet erscheint das Ge¬ fühl in den eigenen Tastorganen, oder in den Fingern. So wie wir mit der ganzen Hautoberfläche den Druck durch Berührung überhaupt wahrnchmen; so nehmen wir durch die Finger auch die Formen der Körper wahr. Der Geschmack besteht darin, daß ein in der Flüs¬ sigkeit des Speichels aufloSlicher Stoff auf die Zunge gebracht, aufgelöset, und von den in der Zunge und im Gaumen verbreiteten Geschmackönerven seiner Eigen- thümlichkeit nach empfunden wird. Gegenstand des Ge¬ schmackes ist daher nur das, was in dem Wasser auflös¬ bar ist. Das Riechen besieht darin, daß ein Stoff sich in der Luft auflöfet, mit der Luft in das GeruchSorgan gezogen und von den in demselben verbreiteten Riech¬ nerven in seiner Eigenthümlichkeit wahrgeuommeu wird. Riechbar ist nur das, was in der Lüft auflöslich ist. Durch das Hören nehmen wir nicht mehr irgend eine Materie selbst, sondern nur ihre innere Bewegung wahr. Die Bewegung in der Natur ist entweder eine Ortsbewegung, wodurch ein Gegenstand im Raume von einer Stelle zur andern gerückt wird, oder eine Massen¬ bewegung, wobey der Körper an seiner Stelle bleibt, jeder Atom desselben aber gegen den andern in Vibra¬ tion geräth, wie z. B. in einer tönenden Saite. Dieses findet hauptsächlich bey starren Körpern Statt, daher 16 242 ist das Metall der vorzüglichste Gegenstand des Gehör¬ sinns. Es regen sich aber da die Atonie nicht el'A« re¬ gellos und verwirrt untereinander/ sondern sie rühren sich nach einem Gesetze, welches der ganzen Structur oder dem Wesen des Körpers znm Grunde liegt; und da dieses bep jedem Körper seiner Eigenthümlichkeit we¬ gen ein anderes ist; so gibt es in der Natur so viele Bewegungsgesetze, als eö Körper gibt, die in diese Be¬ wegung versetzt, werden können. Die Bewegung wird ihrer ganzen Form nach von der Lust ausgenommen und zum Gehörorgan fortgepflanzt, und indem sie von diesem wahrgenommen wird, heißt sie Klangfigur. Je¬ der Schall und jeder Ton ist eine Klangfigur. Das Hören ist demnach daö Vermögen die Klangfiguren oder Töne wahrzunehmen. DaS Sehen besteht darin, daß sich die äußern Gegenstände vermittelst dec Linse und gläsernen Flüssig¬ keit deö AugeS auf der Hintern Seite desselben oder auf der Netzhaut abspiegeln. Durch den in der Netzhaut verzweigten Sehnerv wird dieses Farbenbild der Seele mitgetheilt und auf diese Art der äußere Gegenstand wahrgenommen. Diese sind die äußeren Bedingungen der Sinnesfunc- tionen, der innere Vorgang selbst ist, als ein LebcnSact der Seele, unserer Beobachtung verhüllt. Wir wol¬ len d i e S i n n e s v e rr i ch t u n g>e n v e r g le i ch e n d betrachten, vielleicht eröffnet sich uns hierdurch ein sparsamer Blick in die Tiefe ihres WesenS. Durch das Gefühl nehmen wir die Materie über¬ haupt und durch die Hand als Tastorgan ihre äußere Form wahr. Der Unterschied der Körper bepm Fühlen bezieht sich bloß auf daö Glatte oder Rauhe, auf daö — 243 — Harte oder Weiche ihrer Oberfläche, kurz, durch das Gefühl empfinden wir die Materie bloß als Masse. Der Geschmack hingegen zeigt unö nicht mehr einen Stoff überhaupt, sondern er dringt auch in die innere Eigenthümlichkeit desselben in dem Maße ein, als der Stoff im Wasser auflöslich ist. Der Geschmack zeigt uns sonach die Qualitäten oder Eigenthümlichkeiten der Stoffe in flüssiger Form. Gleicher Weise offenbart unö der Geruch die inne¬ re Eigenthümlichkeit eines Stoffes in dem Grade, als derselbe in der Luft auflöslich ist. Da die Luftform überhaupt höher steht als die Wasserform; so lernen wir durch den Geruch nicht nur eine Materie, sondern auch ihre Qualität, und zwar unter einer höher» Form als der des Geschmackes kennen. Gefühl, Geschmack und Geruch sind mithin Sin¬ ne, durch welche wir die Materie in fester, flüssiger und luftiger Form nebst ihren Qualitäten erkennen. Dec nächste Sinn ist das Gehör. Durch dasselbe aber nehmen wir nicht mehr die Materie als solche, sondern eine geistige Qualität derselben, ihre innere Bewegung wahr, so wie unö das Gesicht den Gegenstand nicht als Masse, sondern seine Form und dadurch sein gan¬ zes Seyn in der Ferne so zeigt, wie wir es durch das Tasten in der Nähe wahrnehmcn. Durch das Ange erblicken wir die Form des Ge¬ genstandes, die mit seinem irdischen Seyn unzertrennlich gegeben ist, ohne unmittelbare Beriihrugg. Gehör und Gesicht sind auf diese Art geistige Sin¬ ne, sie zeigen unS nicht mehr die Materie als Materie, sondern nur die von dem irdischen Erscheinen unzertrenn¬ lichen Gesetze derselben. So wenig ich bey gesunden Sinnen z. B. einen wirklichen Baum sehen kann, ohne 16 * — 244 — unter dieser Gestalt nicht auch das Holz und alle an¬ dern Stoffe desselben mit zu begreifen; eben so wenig ist der Ton einer Glocke ohne der schwingenden Materie derselben dem Gehöre vernehmbar. Jedes Sinnorgan ist in seiner Art universell. Wir können die bestimmte äußere Form eines Gegenstandes durch daS bloße Tasten nur deswegen erkennen, weil al¬ le Formen der Materienwelt organisch im Tastorgane liegen; wir unterscheiden einen Stoff von dem andern durch den Geschmack, weil daS Geschmacksorgan alle möglichen Eigenthiimlichkeiten der im Wasser auflösli¬ chen Stoffe in sich vereiniget. Auf gleiche Weise faßt das Geruchsorgan alle Qualitäten der in der Luft auflöslichen Stoffe in sich; daS Ohr ist der Inbegriff aller möglichen Klangfignren, und im Auge finden sich alle Farbenbilder und Lichlschattirungcn, deren die Au¬ ßenwelt in ihrer bunten Mannigfaltigkeit fähig ist. D le¬ se Universalität jedes Sinnorgans ist nur erklärbar durch das geistige Wesen, wel¬ ches von der Seele oder vom individualen Centralpuncte deSLebens ausgehend durch die Nerven in die Sinnorgane sich fort¬ pflanzt. Diese geistige Kraft unterliegt einerseits in Bezug auf ihre Verbreitung noch einem organischen Gesetze, weil die Verbreitung, wie es die Erfahrung bewei¬ set, geschwächt oder gar gehemmt werden kann, andererseits aber steht sie dadurch , daß sie in dem unscheinbarsten Raume al¬ les das, was die endlose Außenwelt an Qualitäten dieser Art in sich faßt, eben¬ falls in sich trägt, so entschieden und hoch über allem Irdischen, daß wir sie als ein — 245 — lebendiges Allgemeines mit unseru Sin¬ nen nicht mehr erfassen. Der Sinn nimmt zwar die einzelnen Körper wahr, er kann aber sich als den organischen Inbegriff einer ganzen Körperwelt nicht mehr wahrnehmen. Der Sinn ist (H. 107. I.) die Uebergangöstufe eines andern Sepnö in die irdische Welt. Wenn jedes Sinnorgan der organische Inbegriff aller Qualitäten seiner Art ist, so wird unS die Wahr¬ nehmung selbst auf folgende Art begreiflich: Durch den Eindruck des äußeren Gegenstandes auf den Sinn es nerv wird in der geisti¬ gen Kraft des letzter« eine Qualität glei¬ cher Art, wie die äußere ist, aufgeregt. Diefer Aufregung setzt sich die Seele ge¬ genüber, und unterscheidet sie dadurch als etwas F r e m d e s v 0 n sich. So ist z. B. daS Anschlägen der in ihrer Vibration die Figur des tönen¬ den Körpers in sich tragenden Luft, und das Entstehen des Farbenbildes auf der Netzhaut die Veranlassung in dem aus der Seele stammenden geistigen Agens deS Gehörnerven eine ähnliche Klangfignr, und in der gei¬ stigen Kraft deS Sehnerven ein ähnliches Farbenbild zu erwecken z beyden setzt sich dann die Seele gegenüber , betrachtet sie als etwas von sich Verschiedenes, und wird dadurch sowohl den Eindruck als auch den Ge¬ genstand , welcher den Eindruck verursacht, als einen äußern gewahr. Dieses geht aber bey gesunden Sinnen so schnell und geistig vor sich, daß sowohl das Anschlä¬ gen der bewegten Luft an das Gehörorgan, als auch das Entstehen des Farbenbildes auf der Netzhaut mit dem Jnnewerden desselben völlig Eins sind. Das Gan¬ je geschieht instinctmäßig, und da es auch bep den Thie- — 246 — re» vor sich geht, so zwar, daß bey vielen manche Sin¬ ne schärfer sind, als beym Menschen; so hat man die¬ sen Act richtiger mit dem Ausdrucke: Sinnesempfindung, alö mit dem des Bewußtwerdens oder Erkennens be¬ zeichnet. Da in jedem Sinne die Wahrnehmung nur dadurch möglich wird, daß die Seele sich dem wah r g en o m m en en Gegenstände g e g e nü b e r se ht, sich von demselben unter¬ scheidet, und ihn dadurch alö etwas von sich Verschiedenes erkennt: so folgt dar¬ aus, daß in jedem einzelnen Empfin- dnngsacte die ganze Seele thätigsey. Da nun die Seele in einem Momente z. B. zugleich sehen, hören und suhlen kann; so ist, weil zu jeder ein¬ zelnen Perception in der Idee ein eigenes Bewußt- oder Inncwerdcn erforderlich ist, alle aber doch ohne Störung gleichzeitig geschehen, die Seele Individualität der ir¬ dischen Zeit nach. Da die Seele ferner einen Stoß z. B. mit dem äußersten Glieds des Leibes fühlen, und im nähmlichen Momente auch den Gegenstand sehen kann, von dein der Stoß ausgeht; da sie folglich im Auge und am äußersten Lheile des Leibes zugleich in demselben Momente thätig und sich ihrer bewußt seyn kann; so ist cö augenscheinlich, daß sie auch Indivi¬ dualität ist dem irdischen Raume nach. Diese Individualität ist jener Eentralpunct deö Le¬ bens, von welchem in den §. §. 6g. 107. VI. ic»g. '42. die Rede war. Er ist das, was wir das über der irdischen Erscheinung stehende reine Wesen deö Men¬ schen nennen, welches alle Gesetze der organischen und geistigen Entwicklung in sich trägt, und welches, weil der Mensch ein irdisches Wesen ist, in zwey Richtungen, — 247 — in das Natur- und Geistesleben auseinander tritt. Die eine Sphäre ist die geistige oder mit Bewußtsein thä- tige, welche durch den Verkehr der Seele mit der Außenwelt vermittelst der Sinne zur irdischen Intelli¬ genz ausgebildet wird. Die andere Sphäre ist die Na¬ turseite , die ohne erscheinendes Bewußtsein doch mit Intelligenz thätig ist, weil sie die Bildung des Leibes sowohl, als der,Sinnorgane und deren beständige Re- production ans organische Weise bewirkt. Nur sind unö die höchsten Organe des Naturlebenö der Seele mehr verhüllt, weil sie uns nicht so gesondert wie die Orga¬ ne des Geisteslebens im Gehirne und Sinnenapparate vor Augen liegen. Es wurde eben gesagt, daß der Verkehr der Seele mit der Außenwelt durch die Sinne die Veranlassung zur Ausbildung des Geisteslebens sep. Die durch die Sinne gemachten Wahrnehmungen werden in der Seele niedergelegt, und indem die Seele dadurch in de» Stand gesetzt wird, jede neue Wahrnehmung mit den früheren zu vergleichen; so unterscheidet sie dadurch nicht nur die äußern Gegenstände von sich, sondern sie unterscheidet dieselben auch von einander. Dadurch lernt die Seele nicht nur neue Wahrnehmungen von schon gehabten unterscheiden, sondern eö entwickelt sich in ihr auch das Vermögen neue Ideen von Gegenständen oh¬ ne einen äußern Eindruck aus sich selbst zu schassen. Die Seele schafft nicht nur Gegenstände, die sie real durch die Sinne wahrgenommen hat, ideal durch den Gedanken in sich nach, sondern sie bildet auch neue, die sie nicht wahrgenommen hat. Allein, die Thiere haben auch Sinuesempfindung, wie verhält sich nun die Entwicklung ihres Geisteslebens zu der des Menschen? Hierin findet von den niedrig- --- 248 sten Thieren bis zu den höchsten, und von da bis zum Menschen ein ungeheurer Unterschied Statt. Es ist be¬ kannt, daß allen jenen Thieren, die keine eigene Kopf¬ bildung haben, auch das Gehirn mangelt. Alle diese Geschöpfe stehen der Sinuesempfindung nach sehr tief. Sie nehmen die äußere Welt wahr, diese Wahrneh¬ mung aber besteht darin, daß die Geisteskraft des LhierS sich bloß dem äußern Gegenstände entgegen setzt. Sich selbst vermag ein solches Thier sich nicht gegenüber zu setzen, es lebt daher wohl im Gegensätze mit der Welt, nie aber mit sich selbst, kurz, eS hat kein Selbstgefühl. Deß wegen ist auch jede Wahrnehmung für ein solches Thier eine neue; es wird von einem Gegenstand nur afficirt in dem Grade, als der Gegenstand als Ma¬ terie auf dasselbe einen Eindruck macht. Manche Arten der Jnsecten, besonders die geflü¬ gelten, die Fische und die Amphibien haben zwar schon einen Kopf, allein man kann kaum von einigen der¬ selben sagen, daß sie eine Empfindung von der andern in der Vorstellung unterscheiden. Erst der Vogel ist das¬ jenige Thier, von welchem man bestimmt behaupten kann, daß eS sich selbst sich gegenüber setzt, indem er in seinem Gesänge sich selbst vernimmt. Indem der Vogel sich durch den Ton von seines Gleichen locken laßt, nimmt er den Ton für die Sache selbst, das heißt, er stellt sich darunter einen Vogel seines Gleichen vor. Jenes Thier also — und welches eö im¬ mer sey — welches das Vermögen hat, das Zeichen für die Sache, den Geist für den Gegenstand selbst zu nehmen, hat ei¬ ne Vorstellungskraft. Merkwürdig ist eS, daß in dem nähmlichen Gra¬ de, als dieses Vorstellungsvermögen in der Thierreihe — 24Y — aufwärts zum'mmt, auch das Vermögen sich offenbart, die innere geistige Regung durch eigene Organe in Klangfiguren zu gestalten und als hörbare Laute an¬ dern Geschöpfen mitzukheilen. Dieses Vermögen ist die Stimme. Von den Fischen kann man sagen, daß sie noch stumm sind, bey den Amphibien zeigt sich schon eine Stimme, die sich bey dem Vogel so auöbildet, daß sich seine Geistesentwicklung vorzüglich im Gehöre offenbart; er nimmt die Außenwelt nicht mehr bloß als Materie, sondern er nimmt in den Tönen auch ihr Be¬ wegungsgesetz wahr. Noch höher steht das ausgebildete Säugethier. Wenn man von dem Vogel sagen kann, er nehme das Zeichen für die Sache, so ge¬ schieht dieses bey ihm hauptsächlich durch das Gehör, bey den höchsten Säugethie- ren geschieht es durch das Gehör und durch daö Gesicht. Dadurch ist eine Art jener geistigen Thätigkeit gegeben, die wir Begreifen nennen, man kann daher diesen Geschöpfen ein Analogon des Verstandes nicht ablängnen, die Handlungen deS Pfer¬ des, des Hnndeö, des Elephanten sind ein Beweis hiervon. Allen Thieren aber fehlt daö Vermögen, das Selbstgefühl zu einer solchen Klarheit zu steigern, daß eö ein Selbstbewußiseyn wäre, eö fehlt ihnen das Ver¬ mögen, ihre Vorstellungen mit Klarheit zu trennen und zu verbinden, oder es fehlt das llrtheilen. Die geistige Fassungskraft irgend eines ThiereS bezieht sich sonach immer nur auf den engen Kreis sei¬ ner äußern Umgebung und auf das Verstehen gewiffer Zeichen, die auf diese Umgebung Bezug haben. Daher hat jedes Thier auch seine eigenthüniliche, nur durch gewisse Laute vernehmbare Stimme, wodurch eö sein — 250 — Inneres, oder die ganze Stufe seines organisch-geistigen Daseyns der Außenwelt kund gibt. Im Menschen hingegen wird das Selbstgefühl zu einer solchen Klarheit erhoben/ daß er sich nicht nur von allen Geschöpfe»/ sondern daß er auch seine Vor¬ stellungen von einander unterscheidet. Er vernimmt alle Laute und Töne der Natur und unter¬ scheidet alle Thierstimmen. Er kann nicht nur diese Stim¬ men nachahmen, sondern, was noch viel mehr ist, er kann alle Gegenstände und Lhiere, von welchen diese Töne herrühren, in geistigen Umrissen als Klangfiguren vor sich hinstellen und andern Menschen mittheilen, daö heißt, er kann sprechen. Er vermag überdieß neue Ge¬ genstände productiv durch den Gedanken zu schaffen, auch diese bildet er durch Worte ab. Die Sprache ist demnach das Vermögen nicht nur alle Naturgegenstände, sondern auch alle eigenen Gedanken als Klangfiguren im menschlichen Schallorgane abzubilden. Wenn der Mensch spricht, so stellt er durch'die Sprache seinen Mitmenschen eine von ihm geschaffene Welt von Gegenständen in geistigen Umriffen als Klang- figuren hin, und der Hörende erkennt sie. Gleicher Weise vernehmen wir durch das Gesicht die von Gott ge¬ schaffene Welt von Gegenständen, die nicht mehr Klang¬ figuren, sondern wirkliche Körper sind, und erkennen sie. Um so viel steht das Sehen höher als daS Hören. Durch das Hören erkennen wir die schaffende Kraft des Menschen (§. 5-7.), durch das Sehen die schassende Kraft Got¬ tes. Die Geschöpfe des Men sch en sind to¬ ri ende Formen oder Worte: die Geschöpfe Gottes sind lebendige Formen oder wirk- — 251 — liche Körper. Hier zeigen sich das Gehör und das Gesicht als geistige Sinne , indem nur durch sie aller Unterricht und alle Intelligenz erst möglich wird, in ih¬ rer höchsten Bedeutung. Dnrch das Gefühl/ durch den Geschmack und durch den Geruch, so wie durch das ge¬ wöhnliche Hören und Sehen erkennen wir die endlichen Dinge oder die Körperwelt des Planeten. Durch sie wird in uns nach und nach daS Vermögen ausgebildet die endlichen Verhältnisse der Außenwelt zu überschauen und zu ordnen. Dieses Vermögen nennen wir Verstand. Betrachten wir aber das Hören und Sehen genauer, so fuhren sie uns über die endlichen Verhältnisse der Materie hinaus und in die geistige Welt des Univer¬ sums selbst ein. Indem das Ohr nicht mehr im Tone die Materie, sondern nur ihr Bewegungsgesetz in die Ferne wahrnimmt, und dadurch zur Kenntniß der Ma¬ terie selbst gelangt; indem das gesunde Auge von un- serm Planeten zur Sonne keinen tastbaren Uebergang bemerkt, das Dasepn derselben aber dennoch mit unmit¬ telbarer Gewißheit erkennt: so werden diese Sin¬ ne s fu n c tio n e n die unmittelbare Veranlas¬ sung zur Ausbildung jenes Vermögens in unS, durch welches wir von der Materie zum Geiste, von der Erscheinung zum We¬ sen a uf st e i g e n, und nicht nur die Verhält¬ nisse deö Universums und ihren Zusam¬ menhang, sondern auch ihren ewigen Schö¬ pfer und Urgrund vernehmen, ohne daß ein sinnlich wahrnehmbarer Uebergang zu denselben Statt findet. Dieses Vermögen nennen wir Vernunft. — 252 — Verstand und Vernunft sind diesem nach die höch¬ sten Vorzüge deS menschlichen Geistes. Sie sind unö als Anlage gegeben; diese Anlage aber wird durch den Verkehr, welchen der Geist durch die Sinne mit der Außenwelt unterhält, so ausgebildet, daß wir die Welt nicht mehr stückweise, wie durch die bloße Sinnesem- pfindung, sondern als ein Ganzes in nnS aufnehmen, und uns von ihr unterscheiden; hierin aber' besteht (§. bg.) die Persönlichkeit. 8. »Die Theile deS Gehirns sind bekanntlich die »Zirkel, die gestreiften Körper, die Sehhügel, die Schei¬ dewand, der Balken, der Gehirnknoten, das kleine Ge- »hirn und das Rückenmark. Die Erfahrung hat Fälle »anfgewiesen, wo jeder dieser einzelnen Theile durch »Verletzung, Verhärtung, Eiterung n. s. w- gelähmt »oder ganz zerstört gefunden worden ist, ohne daß daS »Bewußtseyn gelitten hätte. Im zwcyten Bande der »auserlesenen Wahrnehmungen aus der Arzneykunde ist »ein Fall aufbehalten von einem jungen Manne, bey »welchem ein durch eine geringe Quetschung entstande- »nes, bösartiges Geschwür am Schädel zuletzt das Ge- »Hirn ergriff, von welchem täglich einige Stücke heraus »kamen, ohne daß sich die mindeste Veränderung der »Verstandeskräfte gezeigt hätte. Erst vier Tage vor dem »Tode verlor er die Sprache. Bey der Section fand »man das Gehirn ganz vernichtet nnd verzehrt, nnr auf »dem Grunde der Hirnschale entdeckte man noch ein »wenig schwärzliche, faulichte Materie. In Sömme- »ringS Hirn- und Nervenlehre, und in Arnemanns Ver¬ buchen finden sich eine Menge Fälle von Zerstörungen, »Verhärtungen und Verwandlungen eineö großen TheilS »der Hirnmaffe ohne einen merklichen Nachtheil für das »Leben und die GeisteSthätigkeiten.« — 255 — Hieraus folgt, daß daS Bewußtseyn als unmit¬ telbares Leben der Seele nicht an einen bestimmten, sinnlich noch wahrnehmbaren Lheil des Gehirns unbe¬ dingt gebunden sey. Denn etwas anderes ist die Wahr¬ nehmung an sich, und etwas anderes ist die Wahrneh¬ mung durch die Sinne. Wenn der Mensch rein in Ge¬ danken sich selbst denkt, oder als Ich sich selbstbewußt wird; so niwmt er sich selbst wahr , und dieses ist daS Wahrnehmen an sickst oder das reiste,'m immer fortwäh¬ render Erneuerung bestehende Seyn des selbstbewußten Lebens. Dieser Act ist ein geistiger', der nur in dem Wesen der Seele und ' in ihren höchsten über der Sin¬ nenwelt stehenden Organen vor- sich geht, und daher auch der äußern Welt ganz verborgen'bleibt. AiiderS ist es, wenn der Geist den Innern '.Gedanken der äu¬ ßern Welt mittheilen will, da muß er aus der Sphäre seines Wesens durch die höchsten auf die, mit denselben in unmittelbarer Verbindung stehenden niedrigeren Or¬ gane herabwirken,- um die geistige Regung durch die letzter» der Außenwelt wahrnehmbar zu machen. Die¬ ses ist dann die sinnliche Wahrnehmung. Weil ä'bör der' ganze Act physiologisch betrachtet so schnell vor sich geht, daß wir zwischen dör Wahrnehmung an sich, und zwischen dec sinnlichen Wahrnehmung bey gesunden Sinnen der Zeit nach keinen Unterschied merken; so pfle¬ gen wir sie aus Gewohnheit auch beyde als gleichbe¬ deutend anzusehen. Dieses Fnrsichseyn eines, cinmahl zum Selbst- bewußkseyn gelangten Geistes ohne die sinnlich wahr¬ nehmbaren Organe, und die Möglichkeit des immer sich erneuernden Acteö des Selbstbewußtseyns ohne diesel¬ ben, muß schon deßwegen unumstößlich gewiß segn, — 25st — weil sonst nie eine Trennung des Geistes vom Leibe mit fortdauerndem Selbsibewußtseyn möglich wäre. Wenn daher der Act des Selbstbewußtseyns als unmittelbares Geistesleben nur in dem Wesen der Seele und ihren über der Sinnenwelt stehenden Organen vor sich geht; so ist der Fall allerdings möglich, daß das Naturleben der Seele, wenn auch die sichtbaren Gchirntheile nach und nach zerstört werden, doch oft noch Mittel finde, den organischen Zusammenhang der geistigen Thäligkeiten mit der äußern Welt zu bewah¬ ren. Dieses ist es aber nur deßwegen im Stande, weil eö. in seiner Wesenheit nicht bloß Gehirn, sondern weil eö der ganze Leich ans höherer Stufe ist, und weil es die ganze, im Leibe erscheinende Mannigfaltigkeit der Stoffe so zu sich hinauf bildet und veredelt, daß sie dort, wo sie sich an daö Seelenleben unmittelbar anknüpft, selbst nicht mehr (§. sinnlich wahrnehmbar ist. Wer¬ den daher Theile des Gehirns nur nach und nach ge¬ lahmt oder zerstört; so gewinnt das bildende Seelen¬ leben , wenn der Organismus kraftvoll genug ist, Zeit, durch andere Organe mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben, was bep einer plötzlichen Beschädigung oder Lähmung der Gchirntheile wohl nicht der Fall ist. . G. Alle Seelensiörungen und Geisteskrankheiten, vom stillen Wahnsinn bis zur tobenden Wuth, ihre Ver¬ anlassung mag was immer für eine seyn, sind entwe¬ der von der Art, daß ihre Ursache in dem sichtbaren Leibe sichtbar wird, oder daß sie nicht sichtbar wird. Wo ist sie nun im letztem Falle zu suchen? Da sich die Seele aus den Stoffen der Außenwelt den Leib baut, sie selbst aber ihrer Wesenheit nach (§. §. 67.76.) keine Verdunkelung erleiden kann; so wird, wen» — 255 — eine etwaige Störung der Seele im sicht» Laren Leibe nicht sichtbar ist, sie gewiß nur dort zu suchen seyn, wo der sichtbare Leib zu einer solchen Höhe hinaufgezogen wird, daß er da, wo er an das Natnrleben der Seele sich unmittelbar an knüpft, als ein Organ erscheint, welches, obschon durch die Anatomie nicht mehr darstellbar, doch auch nicht wirklich Geist ist; sondern wel¬ ches, indem es noch irdisch-organischen Ge¬ sehen unterliegt, eine Störung erleiden, und die normale Verbindung des Natur¬ lebens der Seele mit der äußern Welt so hemmen kann, daß auch ihr Geistesauge, statt in das frische, gesunde 'Leben, in eine trübe, kranke Welt der Verwirrung hin¬ ein blickt. Zwingen uns die, in diesem Paragraph« angeführ¬ ten Erscheinungen, wenn wir überhaupt Einheit in die Wissenschaft bringen wollen, nicht offenbar, eine Region anzunehmen, die zwischen dem sinnlich wahrnehmbaren Stoff, und dem Wesen der Seele in der Mitte liegt? Und wenn wir dieses thnn, so frage ich, ist dieses wohl eine Hypothese? Hat nicht die Natur, in deren stufen¬ weisem Entwicklungsgänge wir überall das nähmliche Gesetz wiederkehren sehen, uns, wie schon (§. > >7. 1 > 8.) gezeigt wurde, im Pflanzenreiche ein Phänomen vor Augen gelegt, welches, weil das thierische Leben das Pflanzenleben in allen seinen Hauptmomenten wie- derhohlt, in dieser Beziehung von folgenreicher Wichtig¬ keit ist? Ich meine das Verhältnis zwischen Samen¬ keim und Samenhülle. Eben so wie zwischen dem Kei¬ me und der Außenwelt die Samenhülle liegt; eben ss — 256 -- muß zwischen der Seele und dein sichtbaren Leibe ein Medium seyn, welches, weil es in der Natur keinen Sprung gibt, die Verbindung beyder verwirklicht. Daß die Physiologie eö im Thierreiche nicht nachweisen kann, daran ist die Organisation unserer Sinne (§. 107. I.) schuld, das Streben der Wissenschaft muß aber dahin gehen, das Wesen dieses zwischen Seele und sichtbarer Materie schwebenden Organs durch physiologische Grum de sicher zu stellen, wenn auch sein Daseyn seiner hö- hern Natur wegen den Sinnen verhüllt ist. §. 144- ' In welchem Verhältnisse steht nun dieses für die Sinne nicht mehr wahrnehmbare, die Verbindung zwi¬ schen Seele und Leib hecstellende Organ einerseits zur Seele und andererseits zum Leibe? Hierauf läßt sich nur durch folgendes Gleichniß antworten. So wie im pflanzlichen Samen die ganze nachherige, im üppigen Wachse blühende Pflanze involvirt liegt; eben so liegt in der Seele, wenn sie den Leib zu bauen anfangt, der ganze nachherige materielle Leib involvirt. Die Samen¬ hülle ist das Anknüpsungsorgan des Pflanzenlebens an die Außenwelt, weil sie so viel ist, als die unter ver¬ schiedenen Formen erscheinenden Stoffe derselben. Auf eben die Art ist das Naturleben der Seele der Anknüpfungspunct an die Materi en- welt, weil es a Ile m aggi et i scheu, ch e mischen, elektrischen und organischen Gesetze der letzter» in sich trägt. In Hinsicht jenes Punctes aber, wo die Samenhülle und wo das Naturleben der Seele sich an die Außenwelt knüpfen, tritt zwischen bep- den der Unterschied ein, daß, weil Samenhülle und Samenkeim selbst noch sichtbar sind, auch dieser Punct — 257 — in der Pflanze noch sichtbar erscheint; das Naturlebe» der Seele aber ist schon im nieder» Thierreiche über der Sinnenwelt, folglich kann in den höchsten Organis. men der Pnnct seines Zusammenhanges mit dem sicht¬ baren Leibe auch nicht mehr sinnlich wahrnehmbar seyn. Es ist dieses jene Region, wo innere Welt und äußere Welt, geistige Intelligenz und bildendes Naturleben, Freiheit und Noth- wendigkeit so wunderbar in einander spie¬ len, daß man nicht mehr sagen kann, wo das eine anfängt, und das andere aufhört. Ein fortgesetztes Studium der Natur, die, so mannigfaltig sie auch seyn mag, hier ihren Brennpunct findet, wird diese Ver¬ hältnisse vielleicht einst näher erörtern. Die Physiologie kann bis jetzt nur sagen, daß diese Region kein bloßer Nervenäther sey. Ganz allgemein ausgedrückt ist die Seele an sich der ganze Organismus auf geistiger Stufe, ihre Na¬ turseite ist der ganze Organismus auf rein organischer Stufe, und Seele und Leib als Eines genommen sind der ganze Organismus auf geistig- organisch- materieller Stufe. 14S. Der Leib erscheint diesem nach in jener Region, wo er sich an das Naturleben der Seele anknüpft, nicht mehr als tastbare Materie. Gleichwie im Hör- und Sehnerven alle Klangfiguren und Farbe «bilder der äußern Natur zwar nicht räumlich, sondern nur dem Gesetze nach liegen, und auf dieseArt die unendlich m a n n i g f a lti g e F u n c ti o n d e S Hör e » S und 17 — 228 — SehenS möglich machen; eben so liegt in--jener Region der ganze Leib mit al¬ len seinen Gliedern und Systemen zwar nicht als räumliche Materie, sondern nur dem Gesetze nach, und macht aus die¬ se Art die unendliche Mannigfaltigkeit der Bewegungen und Lebensfunctionen in den materiellen Gliedern und Syste¬ men möglich. Nun möchte man fragen, ist das Organ dieser Region heraufgebildete Materie, oder ist es das Na- turleben der Seele? Ich sage, eS ist das Jneinan- dergreifen Beyder, cs ist jener Punct, wo höhere und niedere Welt, Geist und Stoff einander berühren. Al¬ lein, man möchte weiter fragen, wie ist es möglich, daß die nieder« Stoffe, die wir als Nahrung zu unS nehmen, so hoch hinauf gebildet werben? Darauf dient zur Antwort: Durch den Geschmack und Ge¬ ruch nehmen wir nicht nur einen Stoff schlechthin, sondern wir nehmen auch sei¬ ne Eigenthümlichkeit, seine innere Qua¬ lität, feinen Geist wahr. Dieser Geist ist es, der dem Naturleben der Seele mehr homogen, gleich¬ sam wie durch eine höhere Affinität — die nicht mehr nach chemischen, sondern nach organischen Gesetzen wirkt —- hinaufgezogen wird, und indem er sinnlich nicht mehr wahrnehmbar ist, den Uebergang von dem alle Qualitäten der Materie in sich tragenden Naturleben der Seele zur sinnlich wahrnehmbaren Materie darstellt. Hieraus wird es erklärbar, warum für Menschen und Thiere nur vegetabilische und animalische, nicht aber mi¬ neralische Stoffe zur Nahrung erfordert werden. Der Pflanzen und Lhierstoff hat schon höhere, lebendige Be- — 259 — deutung/ und ist seiner Qualität nach mehr mit dem Geiste verwandt als der Jrdstoff. §.146. Diese höhere Qualität der als Nahrung aufge¬ nommenen Stoffe ist eS, die während der Dauer deS irdischen Dafepirs mit dem Naturleben der Seele zu¬ sammen wächst, und ihrer Natur nach den Sinnen nicht wehr wahrnehmbar ist. Ist aber das irdische LebenS- gesch abgelaufen, so trennt sich das, was früher in un¬ trennbarer Verbindung zu stehen schien. So wie der Apfel während seines Wuchses mit dem Baumzweige in organischer unzertrenn¬ lich e r V e r b i n d u n g erscheint, zur Ze i t derReife aber gerade dort- wo derSten- gel mit dem Zweige zusammen hängt, und nirgends anders sich los löset und ab fällt; eben so trennt die Seele nach a b g el a u fe n e r L e b e n s pe r i o.de gerade von jenen Organen des Leibes sich ab, mit denen sie i n so e n g e m Z u sä m m e n h a n g e war, daß das Geistige in das Organische, und das Organische in das Geistige hin¬ über spielte- welche Organe aber nach dem Ab-' scheiden der Seele unsichtbar aus dem Körper verflüch¬ tigen, weil sie keine sichtbare Materie mehr sind. Wir haben auf diese höhere, im Körper vorkommende und nicht gleich im Momente deS Sterbens, sondern nur nach und nach von ihm abscheidende organische Wesen¬ heit im §. iiy. bey Gelegenheit der von einigen Eng¬ ländern gemachten, galvanischen Versuche aufmerksam gemacht. 17 * — 26 o — §. 147. Der aus den Nahrungsmitteln sich abscheidende Stoff ist mithin das, woraus sowohl die materiellen als auch die ätherischen Organe des Leibes sich weben. Aus der Nahrung , die du als ein todr Geglaubtes aufnimmst, scheidet sich die Substanz ab, welche als die höchste des Leibes an das Naturleben der Seele sich unmittelbar anknupft, und nicht mehr unter der Form der tastbaren Materie, sondern durch alle Theile und Systeme des Leibes rein unter der Form des Lebens als organische Function erscheint. Diese Stufe der Assimilation ist die höchste. Was ist wohl geeignet- den Menschen vom Standpunkte der Naturforschung aus höher zu heben, als diese Betrach¬ tung der Assimilation? Ist es nicht offenbar, daß die Materie, die von einer niedrigen Seite auö betrachtet, als ein Todtes und Hemmendes erscheint, sich hier als ein Organisches und Lebendiges darstelle? Ist eS nicht einleuchtend, daß die drei) Stufen der Assimilation, die wir der leichtern Uebersicht wegen getrennt haben, die aber in steigender Veredlung hinauf eins sind, das geeignetste seyen, darzuthun, wie das höhere Leben, um irdisch organisch zu werden, schon im Niedern Wurzel schlage, wie der Stein schon die Grundlage aller spä¬ tem und höhern Entwicklungen sey? §.148. Aus dieser Betrachtung der Assimilation ergeben sich nachstehende Folgerungen: u. Durch di^ Assimilation werden das höhere und niedere Leben, oder Geist und Materie durch orga- — 201 — nische Verbindung EinS. (§. i 07. IV.) Dadurch, daß die Seele eines jeden Geschöpfes die sichtbare Materie sich assimilirt, oder zu ihrem eigenthnmlichen Organ macht, entsteht die unendliche Mannigfaltigkeit der in der Welt hervortretenden Stoffe; da aber nach dem Gesetze der irdischen Zeitlichkeit (Z. 78.) jedem Wesen nur eine bestimmte Lebensdauer, welche eben deßwegen so mannigfaltig ist, zugetheilt wurde, nach deren Ablauf sich der Geist vom Organe wieder trennt; so wird dar¬ aus der unaufhörlich fortdauernde und überall hervor¬ tretende Wechsel der in die Sinne fallenden Stoffe be¬ greiflich. Die Materie als Product der Assimilation und ihre fortwährende Metamorphose werden uns wohl aus dem Geiste, nicht aber der Geist aus der Materie erklärbar. Iz. Erklärt sich aus der menschlichen Organisation das Verhältniß der Sinnlichkeit zur Vernunft und sitt¬ lichen Freiheit. Dadurch, daß sich die Seele den irdi¬ schen Leib baut, wird der Mensch ein Wesen, in wel¬ chem weder die reine Verminst herrscht, noch auch die bloße Sinnlichkeit vorwaltet. Der Leib wird durch die Assimilation (H. , i q.) selbst eine höhere Materie, die niedrigen chemischen Eigenschaften der affimilirten Stoffe werden durch daö Leben modificirt, wodurch letztere in eine solche Annäherung zum Geiste treten, daß der Mensch vom Geistigen bis zum starren Knochen hinab ohne Sprung (§. >45.) eine wahre organische Einheit darstellt. Da im Organismus überall nur Annäherung, nirgends aber ein absoluter Zustand Statt findet; so kommt eS, daß die nieder» Gesetze nie ganz erlöschen, sondern von den höheren nur beherrscht werden. Da¬ her der fortwährende Conflict zwischen dem höher-, und niedern Leben, daher die Triebe, denen das Thier blind- — 262 — lingS folgt/ und im Menschen die Leidenschaften, die er als Vernunftwesen zügeln kann. Das, was im Thier als Trieb erscheint, veredelt sich im Menschen zum Wil¬ len: daher ist der Wille dasjenige, was als erzeugende Ursache des Vosen sich dar stellt, wenn er das eben so im Sittlichen, wie im Physischen sich offenbarende Gesetz der Unterordnung des Niedrigeren unter das Höhere, wodurch allein die Harmonie zwi¬ schen b e y d e n möglich wird, auß e r A cht läßt, und sich dem höher« Zusammenhänge ab¬ sichtlich als Eigenwille gegenüber stellt. Das Böse liegt demnach in der Natur wohl als mög¬ lich, aber nicht als wirklich. DaS wirkliche Böse liegt bloß in der Absicht. Der Eigenwille tritt dem höheren Gesetze entgegen, entweder, weil er durch einen vorüber¬ gehenden sinnlichen oder materiellen Vortheil sich blen¬ den laßt, oder aus Erkenntniß der obwaltenden Ver¬ hältnisse. Die Quellen des Bösen sind daher Egoismus und Unwissenheit; hierzu kommt in vielen Fällen noch eine eigene Geneigtheit auch ohne besondere Veranlassung Boses zu thun, wenn nähmlich der Wille bey jeder Ge¬ legenheit den Leidenschaften fröhnt, und auf diese Weise das Streben die sinnlichen Neigungen stets auf Kosten der Sittlichkeit zu befriedigen zur Gewohnheit wird. e. Versuchen wir auö der Beobachtung, daß die ^ecle, um sich zum irdischen selbstbewußten Organis¬ mus zu gestalte», in zwey Richtungen, in das Natur- und Geistesleben auö einander tritt, unS den Vorgang der Schöpfung (§. 57.) verständlich zu machen. Die Seele ist ihrem totalen Wesen nach Natur und Geist - um irdisch zu erscheinen, muß sie sich den Leib bauen: — 26z — Gott ist seinem ewigen Wesen nach natürlicher Grund der Welt und höchster Geist, um sich zu offenbaren, mußte er die Welt schaffen. Die Seele ist im Leibe über¬ all; (H. >43.) und wirkt überall; eben so ist Gott im Universum überall und wirkt überall. Die Welt ist ohne organische Verbindung mit der schaffenden und erhaltenden Allmacht schlechterdings undenkbar, indem die tägliche Erfahrung und Beobachtung uns dieses überall und alle Augenblicke vor Augen stellt; nur dür¬ fen wir nie vergessen, daß die Verbindung zwischen Gott und Welt, welche wir mit der Verbindung zwischen Seele und Leib vergleichen, ein Act der Frei¬ heit ist, während die Seele mit dem Leibe nach dem Gesetze der Nothwendigkeit verbunden erscheint. Deßwegen tritt zwischen der Art und Weise, wie die Seele den Leib baut, und Gott die Welt schafft, fol¬ gender unermeßliche Unterschied ei». Die Seele han¬ delt bewußtlos und aus Nothwendigkeit, Gott hinge¬ gen schafft mit Bewußtseyn und Frcyheit, und dieses deßwegen, weil die Seele als von Gott geschaffenes und abhängiges Wesen nicht nur daö Gesetz, nach wel¬ chem sie den Leib zu bilden hat, vom Schöpfer einge¬ prägt erhielt, sondern auch den Stoff aus der äußern Welt nehmen muß. Bey Gott hingegen als höchstem und unerschaffenem Wesen ist nicht nur der unendlich weise Plan, nach welchem er das Universum schuf und erhält, ein Product seiner Intelligenz, sondern er nimmt auch den Stoff aus seinem eigenen Wesen. eben die Art nimmt z. B. der Dichter und Mathematiker den Stoff zu seinen Schöpfungen aus seiner eigenen Denk- kraft; ec kann seine Gestalten und Größen willkührlich schaffen und ganz durchschauen, so wie Gott die Welt willkührlich schafft und ganz durchschaut. — 264 — Wie Gott den Stoff zur Erschaffung und Erhal¬ tung der Welt aus seinem eigenen Wesen nehme, kön¬ nen .wir, da wir, seine Allmacht sowohl als auch den Plan des Universums nur mit dem irdischen Ma߬ srabe unserer Kräfte zu messen vermögen, nicht durch¬ schauen, so wenig wir selbst die Quelle des immer fort¬ währenden Stromes zu enträthseln im Stande sind, der in der Gedankenentwicklung aus dem Leben unserS eigenen Geistes quillt. Doch biethet eben dieses schöpfe¬ rische Geistesleben zur schöpferischen Wirksamkeit des göttlichen Geistes ein treffendes Gleichniß. Es wurde zwar (H. 57.) gesagt, die schöpferische Kraft des Men¬ schen verhalte sich zur schöpferischen Kraft Gottes, so wie sich die Form zum Leben verhält. Allein ich frage: Ist der Zauber eines Tonstuckes, wodurch der Compo- siteur daö Innerste des Menschen zu Thränen rührt, ist die Schönheit eines Gedichtes, welches die Seele im Fluge der Phantasie in eine höhere Welt versetzt, ist daS Treffende einer Rede, wodurch der Verstand über¬ zeugt , und der Mensch zu ausgezeichneten Thaten ent¬ flammt wird, ist die bildende Idee des Mahlers, dec auf eine Flache zum Sprechen ähnliche Gemälde hin¬ zaubert, oder die Kunst des Plastikers, der aus dem rohen Stoffe Gestalten schafft, die sich zu bewegen schei¬ nen; ist das alles wohl ein bloß Formel¬ les? Greift es nicht tief in das Leben selbst ein, und ist nicht eben dadurch daö Vermögen des Menschen solche Schöpfun¬ gen hervorzn brin gen, ein productiv Leben¬ diges? Steht eö nicht als ein Analogon der göttlichen Schöpferkraft da, wodurch nnö wenigstens die bloßeJdee der letzter» — 265 — anschaulich wird, wenn auch zwischen Hey¬ den ein unermeßlicher Unterschied waltet? Wollte hier Jemand einwenden, daß, wenn Gott die Welt willkührlich schafft, erste, wenn es ihm einfällt, auch wieder vernichten könne; so läßt sich darauf erwie- dern: Wir dürfen uns Gott nicht als ein Wesen vor¬ stellen, welches als höchste Vollkommenheit eben fo wie wir Menschen nach Launen verfährt. Der Weltschöpfung liegt in Gott ein höheres und reines Motiv, es liegt ihr die Beseligung der geschaffenen Wesen zum Grunde. Welches ist wohl bey uns Menschen das höchste, reinste und beseligendste Gefühl? offenbar dasjenige, welches aus unserer eigenen Vervollkommnung und aus der moralischen Beglückung unserer Nebenmenschen hervor¬ geht. Um wie viel höher und reiner muß dieses in Gott seyn, indem er über alle irdischen Interessen er¬ haben die unendliche Welt als sein Werk überschaut, in welchem alles, auch die scheinbaren Mängel zuletzt auf einen Zweck, auf die Beseligung unzähliger Wesen hinausgehen! So wie eS vom irdischen Standpunkte aus seine Schwierigkeit hat, die Allmacht Gottes auf menschliche Weise sich nur einiger Maßen verständlich zu machen; eben so ist es mit der Allgegenwart, Allwissenheit und den andern göttlichen Vollkommenheiten der Fall. Doch auch hier ist das geistige Wesen der menschlichen Seele der einzige und vorzüglichste Anhaltspunkt. Im >43. a. wurde gezeigt, daß jede sinnliche Wahrneh¬ mung nur dadurch möglich sey, daß die Seele sich dem wahrgenommenen Gegenstände gegenüber setzt, sich von demselben unterscheidet, und ihn eben dadurch als etwas von sich Verschiedenes erkennt. In jedem einzelnen Em¬ pfindungsacte ist daher die ganze Seele thätig, und — 266 — wenn wir unS dieses auch nicht ganz nach dem Vor¬ gänge vorstellen können, nach welchem wir uns logisch das Bewußtwerden erklären; so geschieht es doch in der nähmlichen Form oder nach dem nähmlichen Gesetze, und zwar instinctmäßig, indem der äußere Eindruck auf das gesunde Sinnorgan, und daö Jnnewerden dessel¬ ben der Zeit nach völlig Eins, sind. Da nun die Seele in einem Momente mit mehreren Sinnen zugleich wahr¬ nehmen kann; so ist, weil zu jeder einzelnen Perception in der Idee ein eigenes Bewußt- oder vielmehr Jnne¬ werden erforderlich ist, alle aber doch ohne Störung gleichzeitig geschehen, die Seele Jndividualitär sowohl der Zeit als dem Raume nach. Diese Auffassung der Individualität ist das Wichtigste für die Wesenheit des Geistes. Die Seele ist Geist, weil sie sich als. ein To¬ tales selbst ergreifen, und sich dadurch alö ein selbstbe¬ wußtes Wesen der Welt gegenüber setzen kann; sie ist Geist, weil sie alö ein lebendiges Inneres alle Gegen¬ stände der Außenwelt, so verschiedenartig sie auch sepn wögen, dem Gesetze nach, das heißt, ohne daß sie in Raumform ausgeprägt sind, in sich trägt, dieselben al¬ so auch, ohne an die gewöhnliche Zeit- und Raumform gebunden zu seyn, im Gedanken »achbildet. Da die Seele sonach alles gleichzeitig wahrnimmt, was auf den Umfang ihres Leibeö irgendwo einen Ein¬ druck macht; so ist sie auch in diesem Umfange allge¬ genwärtig und allfühlend. Da sie ferner alle Töne, die zugleich in den Bereich ihres Ohres fallen, zugleich vernimmt, und von einander unterscheidet, da sie end¬ lich alle Gegenstände, die auf ein Mahl in das Sehfeld jhreö Auges geruckt werden, gleichzeitig erblickt und sie von einander unterscheidet; so ist sie allerdings in einem -- 267 — gewissen Sinne allhörend und allsehend, nähmlich nach dem Umfange und Bereich ihrer Sinne. Dieser Begriff von Allfühlen und AIl¬ se hen ist fr^ylich nur ein sehr beschranktes Analogon v o n A ll g e g e nwart u u d Allwissen- heit, und um so mehr beschrankt, weil das Fühlen nur die Materie überhaupt wahr¬ nimmt, Hören und Sehen aber nur in die Gesetze der Materienwelt eindringen: al¬ lein so beschrankt dieser Begriff auch ist, so ist er doch das Wichtigste, was wir von hem Wesen des Geistes wissen, und er bleibt eben der höher«, überirdischen Na¬ tur wegen, die j h m z u m Grunde liegt, als Gattungsbegriff für die Möglichkeit der Annäherung zur Idee tzes höchsten Geistes, und somit auch zur wahren Allgegenwart und Allwissenheit der AnhaltSp unct. So wie die Seele in ihrem räumlichen Leibe überall (§. >45.) zugleich ist, und in demselben überall zugleich fühlt; eben so ist Gott in dem endlosen Organismus des Universums überall, und fühlt und hört und sieht überall. In Gott sind alle Sinne nur Ein Sinn, so wie im Menschen das Gefühl allein der allgemeine, im ganzen Organismus verbreitete Sinn ist. Die übrigen Sinne sind im irdischen Geschöpfe der Eigenthümlichkeit der irdischen Enkwicklnngssiufe wegen an einzelne Or¬ gane gebunden, das Gefühl aber ist allgemein, weil eS der Jnbegrijdller Sinne, wenn auch nur auf nie¬ driger Stufe ist. Schmecken und Riechen, Hören und Sehen sind auch ein Fühlen, aber ein höheres Fühlen. Im Geschmacke und Gerüche fühlen wir außer der Ma¬ terie noch ihre Eigenthümlichkeit, und im Hören ihr Be- — 268 — wegungSgesetz. Ganz besonders aber ist das Sehen ein Fühlen, es ist nichts anderes als ein geistiges Tasten, weiter als die gewöhnlichen Tastorgane, die Finger, rei¬ chen , und hierdurch ein Wahrnehmen ^>er Form ohne unmittelbare Berührung. Die Natur hat den Sinn des Gefühls als allgemein gebildet, um snzudeuten, daß daö Sich-Fühlen oder das sich Beschränken zur In¬ dividualität nicht bloß ans. die irdische Existenz, son¬ dern ans die Existenz überhaupt Bezug habe , während die übrigen Sinne als Gefühle eigener Art an bestimmte Organe gebunden wurden, damit sie auf ihren Kreis be¬ schränkt desto geeigneter sehen in die Eigenthümlichkeit der irdischen Welt einzudringen. Deßwegen sind einige Sinne bep vielen Thieren schärfer als bepm Menschen, weil daö Thier mehr auf seine eigenthümliche Welt beschränkt ist als der Mensch. In Gott aber, der als Weltseele alle Formen schafft und erhält, und das lebendige Gesetz aller Organisa¬ tionsstufen selbst ist, ist jeder Sinn, wenn wir uns die¬ ses Ausdruckes bedienen wollen, ein allgemeiner; Gott braucht nicht in die Eigenthümlichkeit irgend eines Stof¬ fes erst einzudringen, jede Eigenthümlichkeit besteht nur durch ihn; er empfindet, hört und sieht demnach alles und überall. Wo aber alle Sinne allgemein sind, da ist richtiger gesagt, nur Ein Sinn, der Allsinn. Man kann daher von Gott gar nicht mehr sagen, daß er Sin¬ ne habe, denn er ist unbeschränkt; er ist nur Allgegen¬ wart, Allmacht, Allwissenheit, höchste Gerechtigkeit und allumfassende Liebe, kurz, der höclHe Inbegriff aller Vollkommenheiten. Alles dieses weiter Mensch aber nur deßwegen, weil er nach dem Ebenbilde des Höch¬ sten geschaffen ist. Er kann zum Begriff eines Geists überhaupt, und zur Idee des höchsten Geistes sich «nr — 2öy — durch Betrachtung seines eigenen Wesens erheben. Gleichwie deßwegen die menschliche Seele in dem klei¬ nen Umfange ihres Leibes, den sie sich nach dem Ge¬ setze der Nothwendigkeit organisirt, als empfindendes, selbstbewußtes Wesen gleichzeitig überall ist; eben so ist Gott in dem unendlichen Umfange des Universums, welches er mit Freyheit schafft und mit höchster Weis¬ heit erhält, gleichzeitig überall. Diese Gleichartig¬ keit ist ungeachtet des unermeßlichen Ab¬ standes zwischen beyden doch der Anhalts¬ punkt für die wissenschaftliche Forschung, und die Allgegenwart und Allwissenheit Gottes im Universum ist, eben so wenig ein der menschlichen Vernunft unzugängli¬ ches Dunkel, so wenig das gleichzeitige Ueberallseyn der Seele im Leibe einWun- Ler ist. Das Wundervolle ist die unaussprechliche Güte des Ewigen, vermöge welcher er den Menschen nach seinem Bilde schuf, und einen Funken des Gött¬ lichen in die Seele desselben legte, damit er, ungeach¬ tet des unermeßlichen Abstandes, doch sein hoheö Vor¬ bild mit unmittelbarer Gewißheit erkenne, und zur Weisheit und Liebe desselben vertrauungsvoll hinauf zu blicken vermöge. Man vergleiche §. 7«. §. Wenn wir das bisher Gesagte zusammenfaffen, so sehen wir, daß der Geist allein das sey, was in die irdische Welt herein tritt, die Materie ist nur daö Mit¬ tel zur Möglichkeit seines Erscheinens. Daö Leben der Erde bildete sich als Planet, um unter den übrigen Himmelskörpern des Sonnensystems eine bestimmte Stu¬ fe in der Entwicklungsreihe des Lebens überhaupt ein- — 270 zunehmen. Es affimilirte sich aus dem Universum alle jene Bestandtheile, die für den Erdball uothwendig wa¬ ren , Heils um selbst fortzubestehen, Heils um aus sich die Entwicklung der pflanzlichen, thierischen und mensch¬ lichen Leibesorgane möglich zu machen. Alle Gebirgsformationen, welche uns die Geolo¬ gie aufzeigt, von denen die Steine, Metalle, Salze und Erden nur Bestandtheile sind, sind ein durch die Orga¬ nisation des Erdganzen Entstandenes. Deßwegen sind die Mineralien als zur Erde gehörig, nur im Zusam¬ menhänge mit derselben organisch zu. nennen. In der Trennung oder als Mineraliensammlung sind sie ein relativ Lodteö, eben so wie eine Sammlung von Kräutern oder Kno¬ chen, nachdem die Pflanze verwelkt oder das Thier gestorben ist. Die jetzige Entwicklungsstufe der Erde ist wahr¬ scheinlich noch nicht die höchste, deren sie fähig ist. Da ihre Fortbildung organisch vor sich geht; so trägt sie den Grund ihrer künftigen Metamorphose unmittelbar in sich. Die höhere Ausbildung des Planeten bedingt dann auch die höhere Organisation der auf ihn hervor¬ tretenden Wesen. > Das Pflanzenleben gestaltet sich zu einem eigenen Organismus. Die Erfahrung (§. i 21.) daß die Pflanze Kieselerde und Eisen in sich trägt, ja dieselben erst in sich erzeugt, da sie doch in der Nahrung als solche nicht enthalten waren , beweiset, daß das Leben der Pflanze höher steht, als die im Mineral liegende chemi¬ sche Affinität, sie beweiset, daß die Pflanze als Orga¬ nismus die ganze Erde dem Gesetze nach in sich tragt. Das Thierleben oder die Thierseele ist so viel als die ganze unter ihm stehende Ird- und Pflanzenwelt. ES — 271 — unterscheidet sich von der Pflanze dadurch, daß eS alle Elemente so zu seinem Organe macht, daß es sich frey bewegen kann. Wie vielfach aber sind hier die Abstu¬ fungen des geistigen Vermögens und wie groß ist der Unterschied zwischen dein niedrigsten und höchsten Thiere-! Das Menschenleben endlich ist die ganze Natur als Geist gesetzt. Es wird selbstbewußter Organismus auf irdischer Stufe, indem sich die Seele den Körper baut. Sie baut sich denselben, indem sie durch ihre Na- turseite, welche so viel als die ganze irdische Materien- welt ist, sich in dieselbe versenkt, und die Materie sich aneignet. Dieses thut sie aber nicht mit Willkühr, son¬ dern von innen heraus und mit Nothwendigkeit. Da sie der geistige Inbegriff der ganzen Natur ist, so ver¬ wendet sie auch die ganze Natur als Material zu ih¬ rem Bau. ISO. Stellen wir diesem nach die Erde, die Pflanze, das Thier und den Menschen zusammen, so können wir physiologisch sagen, es gäbe nur ein einziges Naturreich, nähmlich die über der irdi¬ schen Erscheinung stehende und dergestalt geordnete geistige Welt, daß ihre Glieder nicht auf ein Mahl, sondern nach und nach, und zwar zuerst die Erde, dann die Pflan¬ ze, dann das Thier und endli ch d er Men sch in die sinnliche Erscheinung traten, und sich organi sirten. Was liegt nun nähet als der Schluß, daß es keine unbestimmte (H. is3.) oder sogenannte eigentliche Ma¬ terie gebe? Alles, was unfern Sinnen erscheint, von dem geistigen Lichte bis zur starren Kieselerde ist nur 272 — ein Organ, unter welchem ein eigcnthümlicheö Leben sinnlich wahrnehmbar wird. Die Erde mit ihrer atmo¬ sphärischen Hülle, in welcher das irdische Licht, die Wär¬ me, der Magnetismus, Chemismus, ElektriSmus und andere Kräfte in einander wirken, ist ein Ganzes sür sich; indem aber das Pflanzen- und Thierlehen durch seine plastischen Kräfte sich aus den irdischen Stoffen den Leib baut; so ist jede Materie nur als zur Erde, oder zu einer Pflanze oder zu einem Thiere gehörig zu betrachten. Stirbt die Pflanze oder das Thier, so geht die nach dem Tode znrückbleibende Materie durch Ver¬ wandlungen wieder in das Jrd zurück, bis auch sür die Erde der Tag der höheren Vollendung erscheint. Alles Sinnliche ist nur durch die höhere Welt des Lebens, aus welcher eS hervvrgeht, erklärbar; diese hat, wie wir aus der Gesetzmäßigkeit des Universums schließen, ihren Ursprung wieder aus einer höheren, bis zuletzt alles in dem höchsten Geiste, in dem Willen des allmächtigen, allliebenden Gottes ruht. Die Aufdeckung dieses Verhältnisses ist das, was wir über das Hervorgehen der Materie aus dem Geiste, der Natur aus Gott in der zweyten Ansicht vom g. >24. bis hierher in einigen Andeutungen durchzuführen versucht haben. Die Physiologie, wie sie gewöhnlich behandelt wird, bestrebt sich zwar von Geist und Körper zugleich auözugehen und beyde in innigster Durchdringung als Eines zu erfassen. Allein, wenn sie sich über die sinnliche Erscheinung nicht aufschwingt; so muß sie, da der Kör¬ per dieser zufolge sich auflöset, ebenfalls schließen, daß mit dem Zerfallen des Körpers auch der Geist zerfalle, waö viele geistreiche Männer einzugestehen gezwungen waren. Der Standpunkt der Physiologie muß daher, '— 273 — damit sie Wissenschaft im wahren Sinne des Wortes fty, ein höherer (§. 124.) werden. Sie mnß fragen, welches von beyden früher gewesen sey, der Geist oder der Körper, und bald wird sie von der unabweiölichen Lhatsache der Assimilation ausgehend sich überzeugen, daß die assimilirende Kraft vor dem assimilirten Orga¬ ne war. Der Organismus erscheint ihr dem¬ nach als innigste Einheit vom Geist und Körper, weil die Seele, wenn sie sich den Leib aus den Stoffen der Sinnenwelt zu bauen an fängt, schon alle Gesetze dersel¬ ben in sich trägt, und während der Zeit deö ir d ische n L eb en s mit der äußernStoff. Welt (§. 146.) in inniger Verbindung steht. Indem die Forschung dergestalt auf das Naturleben der Seele, und auf die in demselben liegenden organischen Gesetze geführt wird, hat sie die Normen aufzusuchen, nach welchen die Realwerdung dieser Gesetze im Mikro¬ kosmus des Menschen vor sich geht, oder mit andern Worten, unter welchen Bedingungen sich die Seele aus ihrer Außenwelt den sichtbaren Leib baut. Hierdurch wird sie immer fester in der Ueberzeugung, daß der Leib nur in den Bildungsvermögen der Seele seinen Anknüpfungspunct habe, daß die Seele sich den Löib baue, nm als irdisches Wesen sich ihrer selbst bewußt, und für ein höheres Leben erzogen zu werden, daß mit¬ hin nur das Geistige das Bleibende, die irdisch sinnli¬ che Form dagegen eine wechselnde und vorüber gehende Bildung sey. Indem die Physiologie diese Verhältnisse zu ent¬ hüllen strebt, muß sie sich in ihrer höher« Ausbildung jur Entwicklungsgeschichte der. Natur gestalten. 1« 274 — Anmerkung. Durch die bisher durchgefiihrte Ansicht, daß cS keine sogenannte, eigene Materie für sich gebe, daß alles, was erscheint, entweder zum Erdganzen, oder zu einem andern Organismus, das ist, zu einem pflanzlichen oder thierischen oder menschlichen Körper (§. 123.) ge¬ höre; wird zugleich gesagt, daß jeder Organismus nur durch seine Außenwelt (§. 105.) bestehe, indem er sich aus den Stoffen derselben irdisch gestaltet, und so lange aus derselben nährt und ergänzt, bis die Periode seines Hierseyns abgelaufen ist. Hieraus wird uns wieder von einer andern Seite klar, was schon so oft gesagt worden ist: daß alles in einer höhern, übersinnlichen Welt bereits geordnet sey, und daß die lebendigen Geschöpfe wohl der irdischen Form, nicht aber ihrer Wesenheit nach durch die Materie der Außenwelt existiren. Im tz. 111. haben wir dieses for¬ mell nachzuweisen versucht; nun sind wir im Gebiethe des Lebens zu dem nähmlichcn Resultate gekommen. Zur h. 111. wurde gezeigt, daß in einem mathematischen Pro¬ bleme die unbekannte Größe dadurch gefunden werde, daß der formelle Organismus des Problems der unbe¬ kannten Größe nach mathematischen Gesetzen so lange verschiedenartig gegenüber gestellt wird, bis seine, entwe¬ der mehr oder weniger in den Hintergrund tretenden Glieder die Form der unbekannten Größe annehmen, letz¬ tere also dieser Stellung gegenüber durch Vergleichung als bekannt erscheint. Die Möglichkeit dieser Stellung muß aber schon früher in der Na¬ tur der Aufgabe liegen, sonst ist sie irratio¬ nal und kann nicht aufgelöset werden. Eben so verhält es sich im Leben. Jedes organische Geschöpf, welches seines Gleichen zu erzeugen vermag, muß dis Bedingung hierzu schon in sich tragen, und das erzeugte Individuum kann nur unter der organischen Gestalt sei¬ ner Erzeuger erscheinen. Letztere sind die erste Umgebung des neuen Lebens, so wie im mathematischen Probleme die unbekannte Größe mit den bekannten in einem und — 275 — demselben formellen Organismus liegt. So wie im For¬ mellen die unbekannte Größe ihrem Wesen nach schon vor der Auflösung des Problems existirt, so wie die Auf¬ lösung nur der Uebcrgang vom Wesen zur Erscheinung ist / dieser Uebergang aber durch die bekannten Größen vermittelt wird ; eben so verhält cs sich dem Gesetze nach im Organischen, und es muß sich so verhalten; denn die n a h m l i ch e .L e b e n s k r a ft, d i e i m F o r m el- len nach mathematischen, das ist, nach den die Zeit und den Raum bestimmenden Gesetzen Lenkt, eben die organisirt hier nach physio¬ logischen Gesetzen in Zeit und Raum den ir¬ dischen Leib. Durch die Zeugung kömmt, wie weiter unten tz. tz. 152. 15Z. ausführlicher gesagt werden wird, das neue Leben mit den zeugenden Potenzen in leibliche Verbindung, und indem cs hierdurch in den Stand ge¬ setzt wird, sich aus dem irdischen Leibe der Erzeuger den seinigen zu bilden; so gewinnt es den Anschein, daß letz¬ tere, indem sie wirklich Erzeuger für die irdische Existenz sind, es auch für das Wesen selbst seyen. Wird im Formellen die Stellung einer mathemati¬ schen Gleichung aufgehoben, so verschwinden sowohl die gesuchte, als auch die andern bekannten Zahlen, weil die ganze Gleichung ein bloß Formelles oder Gedachtes ist. Auch in der Pflanzen- und niedern Thierwelt leben viele Erzeuger in ihrer Form nach geschehener Zeugung nicht fort, sondern die Aeltern werden, wie in der ersten Anmerkung des tz. 122. angegeben wurde, häufig mit zum Kinde. Finders ist es in der höheren organischen Welt. Die Erzeuger sind allerdings die ersten Faktoren, denen gegenüber daß neue Leben irdisch Consistenz gewinnt, die¬ ses aber nur so lange, bis letzteres so weit erstarkt, daß es sich universell aus der Außenwelt selbst zu ernähren und zu ergänzen vermag. Dann hebt sich''das Verhält- niß zwischen Erzeuger und Erzeugten in physiologischer Beziehung dem Anscheine nach auf, beyde aber, weil sie höhere lebendige Geschöpfe sind, dauern fort, und ver- 18 * — 276 — schwinden nicht, so wie im Formellen dis Glieder einer mathematischen Gleichung bey ihrer Aufhebung ver¬ schwinden. Würde die ganze Außenwelt aufgehoben , so müßte auch jeder irdische Organismus verschwinden, weil er kei¬ ne Nahrung mehr erhielte; allein die Außenwelt ist nichts anderes als der Inbegriff aller Organismen in eine Ein¬ heit zusammen genommen. Wenn man daher sagt, die Organismen leben nur durch die Außen¬ welt, so heißt dieses nichts anders, als, sie leben nur durcheinander, und jede sichtbar erscheinende Materie gehört entweder zum Erdganzen, oder ist ein pflanzlicher oder thic risch er Stoff. AuS dem/daß das Verhältnis! zwischen Erzeuger und Erzeugten in physiologischer Beziehung nur so lan¬ ge wirksam ist/ biö das erzeugte Individuum sich selbst¬ ständig universell aus der Außenwelt fort zu erzeugen vermag/ folgt/ daß jede Geschlechtszeugung nur ein Surrogar der universellen Zeu¬ gung sey. Der Umstand aber, daß unser irdisches Leben nur durch die materielle Nahrung der äußern Welt fortbesteht/ erinnert uns/ daß eine so precäre, von der Materie abhängige Existenz nicht die Totalbestim¬ mung unserS selbstbewußten Geistes ist, indem er diese Abhängigkeit und Gebrechlichkeit einsieht, und eben da¬ durch eine höhere Welt dem Gesetze nach schon in sich trägt, zu welcher die gegenwärtige ein Glied des Ueber- ganges ist, und in welcher er, wenn er dahin gelangt/ durch sich selbst ohne materielle Nahrung der Außenwelt fortzuleben vermag. — 277 — Einige Folgerungen. 151- Wenn die Seele in ihrer Naturseite schon eine ganze Welt in sich trägt, diese Welt jedoch nicht in den geistigen Vermögen deö Wollens und Erkennens, sondern in organischen Gesetzen besteht, nach welchen die ganze, den Sinnen sich darbietheude Mannigfaltig¬ keit der Materie hinaufgezogen, und zum Organ des Geistes gebildet wird; so werden aus diesem, jetzt frei¬ lich noch unbekannten Vermögen folgende interessante Beziehungen klar: Erstens, die unendliche Verschiedenheit sowohl ganzer Völker, als auch der einzelnen Menschen in gei¬ stiger und leiblicher Hinsicht. Wenn wir, wie schon ge¬ sagt wurde, das rein geistige Wesen der Seele auch als durchaus gleich annehmen müssen; so zeigt sich für die Erscheinung doch eine unendliche Verschiedenheit aus folgenden Gründen: Das Hereintreten ausgezeich¬ neter Menschen in diese Welt scheint zwar von Zeit zu Zeit durch ein höheres Gesetz bedingt, um dadurch die Menschheit weiter zu fuhren. Wahrhaft große Geister, die ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus sinc), erscheinen als freundliche Gestirne aus einer höheren Welt, in de¬ ren wohlthätigem Lichte die gegenwärtige und kommen¬ de Generation sich veredelt. Man muß annehmen, daß sie unter Umständen in dieses Leben treten, die ihrer Ausbildung besonders günstig sind. Allein, ungeachtet dieses Gesetzes bleibt die Seele bey deni Eintritte in die irdische Welt in Rücksicht ih¬ rer Entfaltung doch an unzählig verschiedene Verhält- — 278 — nisse gebunden. Eines der wichtigsten ist Folgendes: So wie der menschliche Leib als ein, in der-Idee ans dem Materiale der ganzen Natur immer neu sich ge¬ staltender und wieder auS einander fließender Organis¬ mus zu betrachten ist; eben so ist der bestehende mate¬ rielle Erdball als ein fortwährend aus den Stoffen deö Universums sich erneuerndes Gebilde zu betrachten. In der Atmosphäre insbesondere erscheint dieser Wechsel am auffallendsten, denn ihre jeweilige Beschaffenheit ist als ein fortwährend sich gestaltendes Product des wechsel¬ seitigen Einflusses her Gestirne auf die Erde, und der Erde auf die Gestirne anzusehen, wobey durch die nach einem bestimmten Gesetze sich bewegende Stellung der Gestirne gegen die Erde, und deS an verschiedenen Or¬ ten verschieden auftretenden Gegeneinflusses der Erde auch die intensive Größe der Faetoren jenes Productes nach den Gegenden geändert wird. Wenn daher die Atmosphäre ihrem innersten, für die Erscheinung nicht mehr nachweisbaren Wesen nach (§- >4ä.) nicht nnr zeitlich, sondern auch räumlich eine veränderte ist, wenn diese Veränderung notwendiger Weise auf den Erd¬ körper selbst zurück wirkt, und wenn die menschliche Seele durch ihre Natnrseite der geistige Inbegriff aller- irdischen Organisationsgesetze ist, und die irdische Welt durch die Organisation in sich anfnimmt; so ist es au¬ genscheinlich , daß jede in einer andern Gegend in das irdische Leben eintretende'Seele auch eine andere Welt vorsinde und in sich aufnehme. Die organifche Verschie¬ denheit bedingt daun in der Erscheinung auch die gei¬ stige. Es wird souach auS diesem allein schon, ohne an¬ derer Gründe zu erwähnen, die Ursache der Eigenthnin- lichkeit ganzer Völker begreiflich; während der vorzüg¬ liche Grund der Eigentümlichkeit der Individuen noch — 27Y — überdieß in der ewig veränderten Verkettung der Um¬ stände liegt, durch welche die geistige und physische Be¬ schaffenheit der Aeltern, der Aufenthaltsort, die Erzie¬ hung und der Stand eines jeden Individuums bedingt, und die Ausbildung, die Entschlüsse und Handlungen desselben bestimmt werden. H. 152. Zweytens, die so natürliche Aehnlichkeit zwischen Aeltern und Kindern. Der Mensch trat auf dieser Er¬ de zuerst ans durch die Schöpfung, welche deßhalb als universelle Zeugung (§. >42.) erscheint. Nu» wird sein irdisches Leben vermittelt durch die individuelle Zeugung und zwar durch den Geschlechtsgegenfatz. Die wahre und tiefe Bedeutung dieses Gegensatzes, welcher zuerst durch daö Verhältniß der Sonne zur Erde ange- dcutet wird, dann durch alle Naturreiche in immer deut¬ licheren Beziehungen sich kund gibt, bis er endlich im Menschen sich zur Liebe verklärt; ist noch mit einem dichten Schleyer bedeckt, und kann physiologisch erst von der Zukunft enthüllt werden. Wenn bey dem ersten Menschen die organische Entwicklung der Erde das Medium war, wodurch für sein Wesen die irdische Verleiblichung möglich wurde, wenn ferner gegenwärtig in dem, ans einem Paare be¬ stehenden GcschlechtS-Jndividnum daS Entwicklungsgesetz liegt, welches damahls durch die ganze Erdschöpfnnq verwirklicht wurde; so ist, um über den Eimritt der Seele in dieses Leben Licht zu erhalten, vor allem daS Verhältniß der universellen Zeugung zur individuellen zu enträthseln. Es wäre daS Problem zu lö¬ sen, unter welchen Bedingungen und in welcher Umgebung das Leben der Pflan- — 280 — zen, welche (§. »> 4.) ohne Samen, und der nieder« Thiere, welche ohne Se.rualgene- ration in die Erscheinung treten, sich zu entwickeln vermag. Den bisherigen Erfahrungen zu Folge sind es nur wirbellose Thiere, die durch die universelle Zeugung in das irdische Leben treten. Alle Wirbelthiere entstehen durch die Geschlechtszeugung. Dieses deutet darauf hin, daß sie höherer Art sind, und daß ihre erste Entwicklung eine Statte erfordert, wo daS neue, für die gewöhnliche Außenwelt noch zu zarte Leben sich ruhiger seine irdischen Organe bilden kann, bis es so weit erstarkt, daß es die feindlichen Einflüsse von Außen zu ertragen vermag. Die Bedingungen, unter welchen die höchsten Thiere und der erste Mensch einst durch die universelle Zeugung auf der Erde erschie¬ nen sind, müssen sich demnach geändert haben, weil ge¬ genwärtig die höhern Geschöpfe nur durch Geschlechts- zeugnng in das Leben treten. Worin übrigens diese Bedingungen bestanden haben, kann die Physiologie, weil eS universelle Verhältnisse sind, nach ihrem gegen¬ wärtigen Standpunkt nicht entscheiden; aber gewiß ist eS, daß die Natur, in deren Anordnungen die größte Weisheit herrscht, das Hsreintreten des höhern Lebens auf diesen Planeten seht viel einfacher durch die Ge- schlcchtszeugung bewirkt. Indem das höhere Thier und der Mensch in dem Gebilde ihres Organismus alle Gesche der Erdentwick¬ lung (§. 142.) plastisch verwirklichen, dieses aber nur Folge der in der Naturseite der Seele liegenden Ver¬ mögen und Fähigkeiten ist; so erscheint ihr Organismus als die innigste Durchdringung einer höhern und nie- dern Welt. Sie können daher die Zeugung durch den Geschlechsgegensah so vollbringen, wie sie einst nniver- — 281 — fett vor sich ging. Gleichwie durch den zur Frühlings- zeit steigenden Gegensatz zwischen Sonne und Erde in unsern Gegenden eine solche Steigerung aller Elemente auf universelle Weise bewirkt wird, daß die unsichtbaren Lebenskräfte vieler Pflanzen und niedern Thiere in üp¬ piger Fülle sich auf der Erde gestalten ; eben so wird durch den organisch-geistigen Act des Geschlechtsgegen- satzes, weil er ein universeller ist, so in die geistige, über der irdischen Sinnenfphäre stehende Region deS Lebens eingewirkt, daß nach einem, uns noch unbekann¬ ten aber bestimmten Gesetze neue Individuen in die ir¬ dische Erscheinung (§. gb.) treten. So wie nun bey dem in geistiger Entwicklung noch tief stehenden Pflan- zensamen die Samenhülle (§. > >8.) daS unumgänglich nöthige Organ ist, welches eines Theils seine ursprüng¬ liche Verbindung mit dem Hähern Keime beybehält, an¬ dern Theils aber als Inbegriff der materiellen Außen¬ welt die Anknüpfung deö Keimes an die Erde unter günstigen Verhältnissen vermittelt: eben so ist die im Generationsacte durch die höchste Steigerung deS Ge¬ fühles vor sich gehende Sonderung der die ganze orga¬ nische Eigenthnmlichkeit der Erzeuger in sich tragenden und in die höhere geistige Welt hineinreichenden orga- nisch-ätherischcn Stoffe die Bedingung, unter welcher daS Hereiutreten eines neuen Individuums aus der gei¬ stigen Welt, falls alle Erfordernisse dazu vorhanden sind, nach einem bestimmten Gesetze möglich wird. So wie die Samenhülle für den Hähern Keim, so sind diese or¬ ganisch-ätherischen Stoffe für daS Naturlcben der neuen Seele, die ein Wesen höherer Art ist, der MöglichkeitS- grund dec irdisch-organischen Anknüpfung. Gleichwie aber Alles, was durch die universelle Zeugung erscheint, durch Sonne und Planetals mit- 282 —- wirkende Factoren durchgehen, und in der sinnlichen Er¬ scheinung mehr oder weniger den Gesetzen derselben un¬ terliegen muß; eben so muß Alles, was durch das aus einem Paare bestehende Geschlechtöindividuum in das Leben tritt, durch dasselbe als Medium durchgehen. Indem die neue Seele Key ihrem Eintritte für unsere Sinne noch ein Indifferentes ist (§. 107. I.), welches durch seine Naturseite an dieses Medium (§. >45.) sich anknüpft, um sich aus demselben seine Organe zu bauen; so ist eö augenscheinlich, daß es, sobald eS als Orga¬ nismus sichtbar wird, mehr oder weniger die Eigen¬ schaften dieses Medinins an sich tragen müsse, weil es durch die Organisation dasselbe in sich aufnimmt. In dem Sinne daher, in welchem der erste Mensch seinem Geiste nach das Abbild sei¬ nes Ur e r z e u g e rö, nä h ml 1 ch Gottes war; in der Art, wie ihm überdies; organisch al¬ le Gesetze seiner mittelbaren Erzeugerin», nahm lieh der irdischen Natur eingedrückt wurden; in eben dem Sinne ist g e g e nwä r- tig jeder Mensch als Vern unft wesen das Abbild seines Urschöpfers und trägt orga¬ nisch oder als leibliche Aehnlichkeit das Eigen thüml iche seiner Aeltern oder mittel¬ baren Erzeuger in sich. 153. Drittens, die Ansicht, daß die Seele in ihrem Na- turleben schon beym Eintritte in die irdische Erscheinung die Gesetze der ganzen Materienwelt in sich trage, trifft mit der, wie man behauptet, aus der Erfahrung genom¬ menen Ansicht non der quaternären Verbindung der Ele¬ mente zu einem Organismus in dem Sinne zusammen, — 283 — daß beyde den Organismus als ein Universelles, das All in sich Darstellendes annehmen. Die erstere unter¬ scheidet sich aber von der letztem dadurch, daß sie sich bestrebt, tiefer in das Wesen des Organismus einzu¬ gehen, und auf seinen nothwendigen Zusammenhang mit der über die Wahrnehmung hinaus liegenden Welt hin zu deuten. Man sagt, wenn Erde, Wasser, Luft und Feuer so zu einem Ganzen verbunden werden, daß in jedem Puncte dieses Ganzen sich alle durchdringen; so sind dieses sich selbst bewegende, daS ganze Universum darstellende Körper oder Thiere. Allein, wenn dieses wäre, sollte man durch die verschiedene Zusammensetzung der Elemente nicht auch verschiedene Organismen nach Beliebe» hervorbringen können? Der Galvanismus erweiset freylich, daß beym Zu¬ sammenbringen gewisser fester und flüssiger Stoffe Er¬ scheinungen hervortreten, die der niedrigen Lebenskraft analog sind; allein die sinnlich wahrnehmbare Verbin¬ dung der Stoffe, und der dadurch erregte, in das In¬ nere der Natur eingreifende Prozeß sind nur die Ursa¬ che, daß gewisse Kräfte in die Erscheinung treten, die sonst latent sind. Erst diese Kräfte sind in ihrer Aeuße- rung diejenigen Erscheinungen, die uns dem organische» Lebensprozesse analog vorkomme». Der Galvanismus ist i» dieser Hinsicht ein Universelles, er ist ei» niedri¬ ger Zeugungsprozefi. Wie die zeugenden Factoren in die übersinnliche Welt hinüberreichen, begreife» wir frey¬ lich nicht, oder vielmehr wir erwägen es nicht, so wie wir auf den organischen Ueberga-kig der Samenhülle in den offenbar höher ste- h e n d e n K eim, der uns doch vor Augen liegt, nicht aufmerksam sind. Wir müssen uns von dem Hinüberreichen der Stosse in die übersinnliche Sphäre, 26/» — oder vielmehr von ihrem Ursprünge auS derselbe» (§. 107.1.) erst richtigere Vorstellungen machen. Betrach» ten wir z. B. das Wasser/ so sind alle Formen dessel¬ ben , nähmlich Luft, Dunst / Nebel, tropfbare Flüssig¬ keit/ Schnee und Eis allerdings durch das irdische Tem- peraturögesetz erklärbar; daö Wesen deö WasserS aber, welches allen diesen Formen zum Grunde liegt, ist über unsere Wahrnehmung hinaus reichend. Die Formen des Wassers lassen sich zwar noch aus einem rein irdi¬ schen Gesetze erklären, aber nicht mehr die Formen und Lebensäußerungen der Pflanze (§. >22.)/ selbst der nie¬ drigsten nicht, weil da schon offenbar kosmische Verhält¬ nisse eingreifen. Noch höher steht daS Thier. K e i n e i n z i g e r S t o f f ist demnach, wie es das menschliche Denkgeseh l> > 1.) auch formell so schön erweiset, aus der irdischen Erscheinung seinem Wesen nach erklärbar; d i e i r d i s ck e W e l l g i b t i h m nach den ihr zum Grunde liegenden Gesetzen nur die eben erscheinende Form. Deswegen reichen die zeugen¬ den Potenzen, wenn sie nach unserer Meinung auch auf einer nieder» Stufe stehen, doch als universelle Kräfte in die übersinnliche Welt hinein; sie sind die Mittel, durch welche aus dieser die neue Lebenskraft hervor, und durch diese Potenzen durchgeht, um auf diese Art irdisch sich zu gestalten. Eben weil diese neue Lebens¬ kraft Licht, Luft, Wasser, Erde und alle elementaren Stoffe dynamisch in sich trägt, und als sinnlich wahr¬ nehmbar nur unter der Hülle, dieser Stoffe auftreten kann, so gewinnt cS den Anschein, als wäre sie bloß ein Resultat aus der Zusammensetzung derselben. Sie ist richtig die organische Einheit aller dieser Elemente, aber sie ist überdies noch ein eigenkhümliches Lebendiges. 285 —- Jeder Organismus hat daher an sich eine höhere, als eine irdische Entstehung, und das qualitative Leben, wodurch er eben ein Wesen bestimmter Art wird, ist durch das Zusammenmengen der irdischen Elemente nicht zu erzielen, denn sonst würde eS in unserer Macht ste¬ hen, organische Geschöpfe nach Belieben zu schaffen. Dieses qualitative, alle Stoffe nach seiner E i g e n thü m li ch k ei t formende und sich assiniiliren de Leben ist die Seele als Na¬ tu r l e b e n betrachtet. Licht, Luft, Wärme, Wasser und alle andern Nahrungsmittel sind zwar Stoffe, durch welche dieses Leben zum irdischen Organismus gestaltet und genährt wird; allein das der Seele inliegende eige¬ ne Lebenögesetz, zu Folge dessen jedes organische Wesen in das irdische Daseyn tritt, eine bestimmte Zeit hier verweilt, und nach Ablauf derselben, ohne daß eö durch d i e g ü n st i g st e n N a h ru n g s z u flüsse auf¬ gehalten werden kann, in eine andere Lebens¬ form übergeht; ist eben der unwiderlegliche Beweis, daß die Seele als solche über der irdischen Sphäre steht, und eben darum in der absteigenden LebenShälfte gegen die Nahrungsstoffe immer weniger Empfänglichkeit äu¬ ßert. Der Organismus wird nach und nach schwächer weil die nähmliche Lebenskraft, welche ihn früher ins irdische Dasepn herein führte, und welche nicht nur die irdische, sondern noch andere Lebenssphären der Orga¬ nisation nach umsaßt, ihn nun successive schon für das neue, weitere Daserm vorbereitet, und demselben mit Hintansetzung des gegenwärtigen entgegen führt. §. 154. Viertens, wird uns aus dieser Eigenschaft der Seele die Abnahme der geistigen Fähigkeiten bep vor- — 286 — rückendem Alter begreiflich. Man hat so oft die Erfahrung, daß die Geisteskräfte im Alter ab nehmen, als einen Beweis für die An¬ sicht angeführt, daß der Geist sich nur aus d e r Ersch e i n u n g entwickle, u n d m it i h r a uch vergehe. Allein in der Pflanze fällt nach vor sich ge¬ gangener Blüthenfunction, welche den Culmsiiations- punct ihres Lebens bezeichnet, die Blüthenpracht eben¬ falls ab, das Helle Grün dec Blätter und des Stengels fängt an zu erbleichen, die strotzenden Säfte versiegen, und zur Zeit des SamenfalleS oder Todeö bleibt nur die vertrocknete Staude noch übrig. Wer wollte jedoch behaupten, daß hier mit dem succefsiven Verwelken des üppigen WuchfeS auch das Wesen der Pflanze, ihr Le- benSprincip vergehe? Das volle Leben, welches zur Zeit der Blüthe im Blätter- und Blükhenschmucke erscheint, zieht sich bey herannaheuder Reife seinem ganzen Umfan¬ ge nach in den Keim des SamenS hinein. Aufdienähm- liche Art ist das Abnehmen der Geisteskräfte im Alter ein Naturgesetz. Bildendes Natnrleben und intelligen¬ tes Geistesleben gehen gleichen Schritt mit einander. In der aufsteigenden LebenSperiode blüht der Leib auf, die Seele tritt dadurch immer mehr in Verkehr mit der äußern Welt, lernet sich von derselben unterscheiden, kommt hierdurch zum Selbstgefühl und Selbstbewußt- seyn, und indem sie die Welt immer mehr und mehr ideal in sich aufnimmt, schreitet sie vom Selbstbewußt- seyn zum Bewußtsein eines höheren uothwendigen Zu¬ sammenhanges aller Dinge und zum Bewußtseyn der Abkunft aus Gott fort. In der absteigenden LebenSpe¬ riode äußert der Leib immer weniger Empfänglichkeit für die äußeren, nährenden Einflüsse, er wird nach und nach schwächer, das bildende Leben der Seele ist schon mit — 287 — der Vorbereitung für die Zukunft beschäftigt, daher ist auch das intelligente im Abnehmen. So wie aber in dem abfallenden Samen der Pflanze nicht irgend eine elementare Kraft/ sondern die ganze vorige Pflanze mit allen ihren Bestandtheilen und Eigenschaften iuvolvirt enthalten ist; eben so sind in der beym Ster¬ ben abscheidenden Seele alle organischen Bedingungen und geistigen Erfordernisse der künftigen Existenz schon enthalten. Die Seele scheidet nicht als elementare Kraft vom Leibe ab (§. i>i. 6.), denn da es unumstößlich gewiß ist / daß sie schon mehr als eine elementare Kraft war / als sie den Leib zu bilden anfing / indem sie nur deß- wegen alle elementaren Kräfte sich assimiliren kann/ weil sie über denselben steht; so ist eö eben dadurch auch ge¬ wiß/ daß sie bey ihrem Abscheiden auS dem irdischen Le¬ ben nicht weniger seyn kann / als bey ihrem Eintritte in dasselbe. Sie vervollkommt sich ja wahrend dessel¬ ben/ denn sie entwickelt sich zum Selbstbewußtseyn; da¬ durch nimmt sie die Welt geistig in sich auf/ setzt sich derselben gegenüber, und erkennt sich in der eigenen Be¬ schränkung doch alö ein Unendliches. Diese Entwicklung/ nicht im Sinne einer formlosen Unendlichkeit, sondern im Sinne des frey sich bewegenden Lebens ist von höch¬ ster Bedeutung. Denn w a S e i n m a h l z u m S e l b st- bewußtseyn gekommen ist, kann, indem eö daö Universum in sich aufzunehmen und durch den Gedanken nach; »bilden vermag, nicht mehr r ü cksch rei t en d seyn. Schon der Wanzensame ist, obwohl des Bewußtwerdens ganz un¬ fähig, doch nicht mehr rückschreitend, sondern er wächst nach seinem Abfalle wieder zur nähmlichen Pflanze auf. UebrigenS steht die Pflanzenorganisatioii, die während — 288 — ihres Wuchses unbeweglich an die Erde gefesselt ist, im Ganzen so lief, daß ihr vom Leibe abfallender Geist oder Sanie, eben weil er in seiner Getrenntheil vom Körper für unsere Sinne noch wahrnehmbar ist, sich wieder nnr an diesen Planeten, und an keinen hö- hern, zum weitern Fortwachsen anknüpfen kann. Anders zeigt sich das Thier, besonders das höhere, Es bewegt sich während seines DaseynS frey auf der Erde, es assimilirt sich die irdische Materie in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit wie der Mensch, doch bleibt es in organisch-geistiger Beziehung hinter diesem weit zurück. ES gelangt nicht zum Selbstbewußtseyn und eben dcßwegen anch nicht zur Sprache. Der Lhiergeist trägt daher das Gesetz der irdischen Ausbildung im höch¬ sten Grade noch nicht in sich, doch steht er schon so hoch, daß er, abgeschieden vom Leibe sinnlich nicht mehr wahr¬ nehmbar ist. Da er sich aus der irdischen Ma- terienwelt den Körper baut, folglich vor seiner irdischen Organisation schon beste¬ hen mußte, so besteht er auch nach dersel¬ ben; wie er sich aber zu einer weitern höher» Orga¬ nisation, die für ihn auch auf dieser Erde noch möglich ist, ankuüpfe, wissen wir nicht. Der Mensch bewegt sich während seiireS Lebens nicht nur frey auf der Erde, sondern er gelangt zum Selbstbewußtseyn und zur Sprache. Sein Geist trägt demnach das Gesetz, die irdischen Organe dafür zu bil¬ den schon in sich. Indem er so zur höchsten irdischen Ausbildung kömmt, ist er des Verstandes und der Ver¬ nunft fähig, und kann, wenn er nach diesem Leben voM Leibe abscheidet, organisch aus diesem Planeten nickst höher vervollkommt werden. Er muß sich daher jU>" — 28Y — Fortleben mr eine andere Welt anknüpfen, und dieses auch dann, wenn der Mensch als Kind vor erwach¬ tem irdischen Selbstbemußtseyn stirbt, denn das Gesetz für eine höhere künftige Organisation trug er als Men¬ schengeist schon in sich, die Dauer deö irdischen Le¬ bens (§. i '/>-) ist hier in physiologischer Hinsicht von keiner Entscheidung. Mag daher die intelligente Seite deö Lebens auch bey vorrnckendem Alter immer mehr in die Tiefe der Seele sich hinein ziehen, sie geht dadurch nicht verloren, sondern beyde Seiten, die intelligente und die bildende, werden von unserm irdischen Stand- puncte betrachtet, wiedev eins, wie sie vor dem irdischen Leben eins waren. Der Unterschied wird nur der seyn, daß die Intelligenz, die beym Eintritte in dieses Leben bloß als Anlage erschien, dann ein mehr oder weniger Aus¬ gebildetes ist, welches durch die Art und Weise, wie sich der Wille in seiner Frey, heit bewegte und moralisch ausbildete, auch auf die künftig organische Wesenheit während des irdischen Lebens schon zurück gewirkt, und sich dadurch die Stufe seines künftigen Seynö mit Freyheit und Selbst- thätigkeit bereitet hat. §. 155. Fünftens. Auf die durch die bisherigen Darstel¬ lungen hervor gehobene Ansicht, daß die menschliche Seele in ihren Vermögen nicht nur die ganze Mannig¬ faltigkeit der irdischen Welt, sondern auch die künftigen Lebensstufen umfasse, gründen wir auch die, jedem füh¬ lenden Gemüthe so theure Ueberzengung von dem Wie¬ dersehen unserer Lieben nachdem Tode. Die Ge- 19 — 290 — schichte aller Länder und Zeiten beweiset es , daß man noch kein Volk gesunden hat, welches nicht auf mehr oder weniger sinnliche Weise nach dem Standpunc- te feiner Bildung sich den Zustand des künftigen Le¬ bens und das Wiedersirrden der theuren Abgeschiede¬ nen vorgestellt hätte. Diese Angelegenheit muß daher innig und tief mit dem Wesen unsers.Geistes zusam¬ menhängen / und wenn bisher vorzüglich der religiöse Standpunkt es war, , von welchem aus der Mensch über dieses Dunkel Licht erhielt, so könnte man doch auch fragen, was denn die wissenschaftliche Ansicht unS in dieser Beziehung zu biethcn vermöge? Rein Spekula¬ tives ist darüber schon so Vieles gesagt worden, und doch ist eS dem menschlichen Geiste nicht gelungen, von dieser Seite eine haftbare Ueberzeugung zu begründen. Man muß daher von einem tieferen Standpunkte, nähm- lich vom philosophisch-physiologischen ausgehen, von wel¬ chem wir gleichfalls zur Ansicht über daö Wesen der menschlichen Seele als eines über der irdischen Erschei¬ nung Begründeten gekommen sind. Es ist deßwegen nicht nöthig, daß wir unS in nnnöthige Wiederhohlun¬ gen einlafsen, sondern wir können unö auf alles das berufen, was in dieser Schrift über das Wesen unseres Geistes, besonders in den §.§.<>-/,. t>g. >«7. 10g. >22. ,24. isi3. ,3o. 162. >53. bereits gesagt wor¬ den ist. Wenn eS aus diesem klar wird, daß das ganze irdische Leben nur ein Durchgangspunct ist, und daß dis Seele ihrem Wesen nach nicht auö der irdischen Kör¬ perwelt hervorgeht; so ist es eben dadurch klar, daß dis Aeltern nicht die unmittelbaren Erzeuger des We¬ sens der Seele, sondern nur die Vermittler der irdische" Existenzform sind. Da ferner dem höheren Weltplan — 291 zu Folge die Thatigkeit eines Einzigen ost von den un¬ geheuersten Folgen für daö Schicksal vieler Tausende erscheint; so ist es auch eben deswegen gewiß, daß die Zeugung deS über die irdische Existenz hinaus reichenden menschlichen Individuums für die allgemeine Weltord- nung kein gleichgültiges Phänomen seyn kann, sondern daß, um feststehende Ordnung im ewigen Haushalte deö Universums zu begründen, die Existenz jedes mensch¬ lichen Individuums schon vor der irdischen Erzeugung dem Wesen nach bestimmt scpn müsse. Der um die Wis¬ senschaft des Lebens so hochverdiente Hufeland hat in seinem Journale der praktischen Heilkunde in einem Aufsatze »lieber die Gleichzahl der Geschlechter, als Beytrag zur höheren Ordnung in der Natur der Din¬ ge« durch factische, aus der Volkszahl hergenommene Belege bis zur Ueberzeugung nachgewiesen, daß die Zahl der männlichen Individuen zu der der weiblichen kon¬ stant wie si zu 20 sich verhalte, daß mithin das Ver¬ hältnis der Geschlechter zu einander über der irdischen Erscheinung begründet sep. Wie könnte dieses aber auch anders seyn? Da dieGeschlechtszeugung nur als Surrogat der universellen erscheint, so muß noth wendig die Anzahl der Ge¬ schlechtsindividuen in universellen Bezie¬ hungen ihren Grund haben, wenn auch das Geschlecht nicht Hauptbestimmung des Individuums, sondern nur Mittel, zur Erreichung deö in der hohem Ordnung der Dinge liegenden Erhaltungszweckes der Gattung ist. Dort, im Pflanzen- und nieder» Lhierreiche, wo das Leben so tief steht, daß es im Reiche des Geistigen keine Veränderungen hervorzubringen vermag, und in seiner weiteren Fortbildung noch an diesen Planeten ge- — 2Y2 — bunden bleibt, dort ist auch das Individuum mehr gleich¬ gültig und die Vielheit, in welche das Lebensprincip der Pflanze in der Besamung hervortritt, scheint darauf hin zu deuten, daß durch die Menge der Samen der Verlust derjenigen, die nicht wieder aufleimen, sondern zur Nahrung anderer Geschöpfe dienen, erseht werde. In diesem niedern Reiche ist die Gattung als über der Erscheinung stehendes, aber in seiner Entwicklung noch an diesen Planeten gebundenes Princip Alles, daS Individuum ist wenig. Im Reiche des Selbstbewußt- seyns aber ist daS, alle vorigen Gattungen in sich con- centrirende Individuum Alles, die Gattung ist für die Zukunft der höheren Eristenz nichts mehr, sondern für die gegenwärtige Existenz nur so weit vom Belange, als durch sie der Eintritt in dieses Leben vermittelt wurde. Wenn sonach das Geschlecht der Individuen schon in höheren Verhältnissen begründet ist, so sind es eben dadurch die Individuen selbst, und mithin auch ihre ir¬ dische Erzeugung dergestalt, daß letztere nach einem be¬ stimmten Gesetze vor sich geht, und nicht allein von dem Willen der zeugenden Personen abhängt, waö durch die Erfahrung allgemein bestätiget wird. Man kann auch vielfältig beobachten, daß Kinder dem einen oder dem andern ihrer Großältern mehr als ihren eigenen gleichen. Wie wäre dieses möglich, wenn die Reihenfolge der Zeugungen nicht schon damahls bestimmt gewesen wäre, als der Sohn, der den dem Großvater ähnlichen Enkel zeugte, selbst noch nicht geboren war? Wenn diesem nach das Verhältnis, in welches ich durch die Zeugung zu meinen Aeltern getreten bin, ein über der irdischen Erscheinung bedingtes ist; so kau» es durch die kurze Zeit dieses ErdenlebenS nicht aufhören ein solches zu fleyn. Den Ael- — 295 — tern verdanke ich in physiologischer Beziehung daS gan¬ ze Seyn meiner irdischen Natur, nur durch die Aeltern konnte meine als geistige Anlage bestehende Seele sich an die gegenwärtige Entwicklungsstufe anknüpfen, nur durch sie konnte das Naturleben meines Geistes die ganze unendliche Mannigfaltigkeit der irdischen Mate- rienwelt real in sich aufnehmen, und nur durch ihre Sorgfalt genährt und getragen so weit erstarken, daß ein selbstständiges selbstbewußtes Hervortreten, eine Ent¬ wicklung zum vernünftigen Geistesleben möglich wurde. Diese physiologische Beziehung, vermöge welcher der Er¬ zeugte durch die Erzeuger die ganze irdische Welt in fein Wesen aufnimmt, begründet für sich allein schon ein Verhältniß zwischen beydcn, welches, wenn eö auch nach geschehenem Erwachsenseyn des Erzeugten der irdischen Ansicht nach zu erlöschen scheint, doch vermöge feiner Natur in doppelter Hinsicht ein Unendliches bleibt; ein Mahl, weil keines, auch nicht daö geringste or¬ ganische Leben aus der irdischen Welt allein erklär¬ bar ist, und dann, weil der Erzeugte durch die Er¬ zeugung in der Entwicklungsreihe des Lcbenö um eine Stufe höher gehoben und so seiner ewigen Bestim¬ mung näher geführt wird. Ich werde deswegen meine Aeltern im künftigen Leben schon dieses Umstandes allein wegen wieder er¬ kennen, und dieses um so mehr, als das Verhältniß zwischen wir und ihnen nicht bloß ein physiologisches geblieben, son¬ dern durch die Liebe, welche sie mir durch die Erziehung, die eine geistige Zeugung ist, angedeihen ließen, ein geistig-morali¬ sches geworden ist. Nicht minder muß dieses bey allen Angehörigen und Freunden, denen ich in diesem — 294 — Leben geistig verwandt geworden bin, deren Seyn ich mehr oder weniger geistig in mich aus¬ genommen habe, der Fall seyn. Und endlich fra¬ ge ich, soll die Erkenutniß der ans eine höhere, feeyere Stufe erhobenen Seele nur so speziell auf den Kreis dessen, was uns hier schon bekannt war, beschränkt seyn? Ist es, nach allem bisher Gesagten nicht nothwendige Wesenheit des menschlichen Geistes, daß er, wenn er ver¬ gegenwärtigen Organisation enthoben wird, alles das auf ein Mahl zu überschauen vermögend seyn müsse , was er hier bloß seiner Organisation wegen (§. 107. I.) nicht zu überblicken vermochte, und dieses sind eben die irdische Welt überhaupt und ihre Verhältnisse jammt und sonders? Er nimmt die Welt ja hier schon ideell im Gedanken in sich auf, so weites vom irdischen Stand- punete auö möglich ist; nach gehobenerirdischer Sinnensch ranke aber wird er nicht nur die natürlich - organischen Beziehungen des Universums näher zu erkennen, sondern auch in das Leben des Geistes freyer und unge¬ hinderter zu blicken fähig seyn. Daß jedoch in der Erlangung dieses höhern SeynS eine Abstufung Statt finden müsse, die durch die Frey- heit und Selbstthätigkeit des irdischen Lebens begründet wird, haben wir (§. >54.) schon angedeutet; wollen es aber gegenwärtig versuchen durch folgende Gründe nä¬ her zu beleuchten. Wenn auch der Eintritt des Menschen in dieses Leben nicht von seiner Wülkühr abhäugt, wen» auch daö Leben selbst auf ein bestimmtes Zeitmaß, dessen Ma¬ ximum nicht überschritten werden kann, beschränkt ist, wenn auch der Sterbliche, sobald er zur freyen Ueber- legung kömmt, eingestehen muß, daß er in den verschie- — 2Y5 — denartigen Verhältnissen des Lebens durch eine fort¬ dauernde Verkettung der Umstände in den meisten sei¬ ner Handlungen so geführt und geleitet wird, daß er oft selbst nicht recht weiß, welchen Antheil an einer Handlung der srepe Entschluß, und welchen die im Hin¬ tergrund stehende, oft unter dem Scheine der Convenienz verborgene, Npthwendigkeit habe; so bleibt, indem die Frenheit der äußern Handlung nur eine relative ist, uns doch bas Innere derselben, die Gesinnung übrig, mit welcher wir die Handlung ausüben. Gerade die Gesin¬ nung aber, die äußerlich so wenig gewürdigt werden kann, ist eS, waS für die höhere Welt vorzüglich Werth hat. Dieses erklärt sich auf folgende Weise: Wir befinden uns hier in einer Umgebung, wo die physische Existenz nur dadurch möglich wird, daß der Einzelne durch die Andern, und die Andern durch den Einzelnen leben; daher sind so wenige Handlungen deö Menschen ganz g lei ch gültig , sondern die mei¬ sten haben mehr oder weniger Einfluß auf die Existenz Anderer, sind daher als zur Erhaltung des Ganzen ge¬ hörig, im Voraus bedingt zu betrachten, und die Nothwendigkeit überhaupt ist nichts anderes, als die Folge der (§. 65.) im allgemeinen Weltplane liegen¬ den Gesetzmäßigkeit. Wir müssen daher bey jeder Handlung auf zwey Dinge Rücksicht nehmen, auf die innere Gesinnung und auf die äußere That. Letztere trägt hauptsächlich den ma¬ teriellen Nutzen oder Nachtheil für die umgebende Au¬ ßenwelt in sich, und wenn auch der hinzu kommende gute Wille der Ausübung höhern Werth verleiht; so pflegt die irdische Einsicht doch gewöhnlich nur den ma¬ teriellen Einfluß zu berücksichtigen,.)« sie muß sich sogar damit begnügen, wenn Gesinnung und Handlung auch — 2^6 — nur scheinbar übereiustimmen. Anders ist eS in der ho¬ hem Welt, wo wir eine vollkommenere Organisation vorauSsetzcn. Dort bcnöthigt der Geist zu seinem Fort¬ bestehen keiner materiellen Mittel; ec ist, um sich zu erhalten, nicht an so tausendfache Verhältnisse, in die er sich hier bloß des physischen Daseyns wegen hinein finden muß, gebunden, er epistirt mehr durch sein ei¬ genes Wesen. Da mithin dort bey jeder Handlung die Rücksicht auf den materiellen Nutzen oder Nachtheil in den Hintergrund tritt, und da die Gesinnung, mit wel¬ cher die Handlung ausgeübt wird, durch keinen Schleyer der Organisation mehr verdeckt ist; so steht sie rein von aller Verhüllung in ihrer Klarheit da. Ein Vorgefühl die¬ ses höhern, reinen gebens erfüllt schon hier bey jeder uneigennützigen, guten That unsere Seele, und dieses deßwegen, weil die gute Gesinnung mit unserer innern geistigen Natur ursprünglich eins ist. Mag daher die irdische That des Menschen, indem zwischen der physi¬ schen und moralischen Welt ein genauer Zusammenhang besteht, nur im relativen Sinne eine freye seyn, mag selbst der Geist des Menschen, indem er in seinem Aeu- fierlichwerden den strengen Gesetzen der Nothwendigkeit unterliegt, hier gleichwie alles Andere in der Natur dem Ganzen dienen: so bleibt doch nicht nur meine Gesinnung eine wahrhaft freye, sondern ich fühle mich auch der That nach frey, so¬ bald ich nur daS will, was meine innere , höhere Natur, die ein göttlicher Funke in der irdischen Hülle ist, will. Je mehr ich m e i n e H a n d lu n g sw e i se d ieser moralischen Anlage anzu passen strebe, desto mehr neh¬ me ich im höhern Sinne die Welt in mich auf, und desto mehr erstarkt die gute Ge- — 297 — sinnung, so daß sie, obwohl sie früher nur ein Funke war, doch zur Hellen Flamme an wächst, die als sittliche Thätigkeit die Schranken der irdischen Nothwendigkeit vielfach durchbricht, und in ihrem segens¬ reichen Wirken die höhere Freyheit des Menschen offenbart. Daher kömmt der hohe Werth, den sowohl die Vorschriften der positiven Religion als auch die Aus¬ sprüche der reinen Vernunft zu allen Zeiten auf die mo¬ ralische Gesinnung legten, daher der kategorische Impe¬ rativ , durch welchen die Tugend allein um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf irgend eine Belohnung zu üben gebothen wird. Denn die tugendhafte Gesinnung allein ist es, welche mit dem Geiste Eins ist, und demnach unvergänglich bleibt, während alle andern Rücksichten und Motive, die nur durch die irdische Eristenz bedingt sind, bcym Uebergange in eine höhere Welt sich mit der jetzigen Organisation abstreifen und in die Sphäre ihres eigcnthümlichen Reiches zurück sinken. Wird nun diese Rücksicht im irdischen Leben zn sehr bei) Seite gesetzt, werden die Handlungen immer nur nach dem eingerichtet, was eben der sinnliche Trieb oder der materielle Nutzen erheischt, mag dieses übri¬ gens noch so sehr mit Klugheit, und mit Bcdachtnahme auf die äußeren Verhältnisse geschehen; so muß, weil selbst die moralische Gesinnung nur durch Uebung er¬ starkt, auch im entgegen gesetzten Sinne der Geist in der endlichen Ansicht der Welt und deS Lebens immer mehr befangen werden, und eben dadurch für die Ent¬ wicklung in der höhern Welt, in welche er nach abge¬ laufener irdischer Lcbcnsperiode hinüber tritt, sich eine selbstverschuldete Zurücksetzung oder Verspätung bcrei- — 2g8 — ten. Auf welche Weise in dieser Hinsicht auch dort wieder eine Ausgleichung möglich sey, liegt hoch über dem Reiche der menschlichen Forschung in dem allweisen Rathschliisse der ewigen Liebe verborgen. N ü c K L- lir k. 156. Am Schlüsse unserer Betrachtungen dürfte eS sich geziemen, auf den Gang derselben zurück zu blicken, um zu sehen, was für den Zweck der ursprünglichen Unter¬ suchung, das Verhaltniß der Mathematik zur Philoso¬ phie betreffend, sich nun für ein Resultat ergebe. Zu Folge der bisherigen Darstellung ist das irdi¬ sche Leben nur als Durchgang durch die bestimmte Stu¬ fe anzusehen, welche der Planet in der Entwicklungs¬ reihe des Lebend überhaupt einnimmt. ES ist durch zwey Bande an das Universum gekettet, durch seinen Eintritt in die Erscheinung, und durch sein Wiederhin- auSgehen. Der Zustand des Lebens selbst, wie es in der Erscheinung sich offenbart, ist diesem nach seine Gegenwart, der Zu¬ stand vor der irdischen Erscheinung ist sei¬ ne V e r g a n g e n h e i t, und der Z u st a n d n ach d e r ir disch e n Ersch e i n u n g ist se i n e Z u k u n ft. Gleichwie jede irdische Erscheinung, sie mag seyn, wel¬ che sie wolle, aus einer vorhergehenden Ursache sich ent¬ wickelt, gleichwie die Gegenwart überall nur in der Ver¬ gangenheit ihre Wurzel hat, und nur aus dieser gehö¬ rig begriffen werden kann; eben so seht das Leben in jeder seiner Verzweigung eine Vergangenheit voraus, — 2YY — und kann mil- aus dieser gehörig gedeutet und aufge¬ faßt werden. Die Gegenwart des Lebens in seiner zwar ver¬ schiedenartigsten aber dennoch auf das Innigste zusam¬ men hängenden Erscheinung ist mithin der Gegenstand der menschlichen Forschung, und indem es überall unter einer bestimmten Form und in fortwährenden Verände¬ rungen sich darstellt; so sind Mathematik und Philoso¬ phie die Wege, auf denen die menschliche Erkenntniß- ,reise das Leben in seiner Gegenwart zu erfassen, und aus der richtig begriffenen Gegenwart einerseits auf die nothwendig gewesene Vergangenheit, andererseits auf die, noch in der Involution ruhende Zukunft hinüber zu blicken strebt. Je treuer wir die Gegenwart auffasfen, desto gewisser gelangen wir zu einem richtigen Verständnisse der Vergan¬ genheit und Zukunft. 1Z7. Welchen Einfluß und Antheil hat an dieser For¬ schung die Mathematik, Und welchen die Philosophie? Da alles irdische Leben nnter einer bestimmten Form erscheint, die Mathematik aber ihrem Wesen nach nur daS Gesetz der Form zu erfassen strebt; so folgt daraus, daß die Mathematik in ihrer Anwendung auf das Leben vorzüglich dazu beytrage, den ein Mahl gegebenen, unter einer gewissen Form bestehenden Zu stand der Dinge zu erforschen. Indem das Wesen des Lebens in Veränderungen besteht, die beständig auf einander folgen; diese jedoch ein Geistiges sind, durch dessen jeweiligen Zustand die jeweilige Form bedingt wird; so folgt daraus, daß das — 300 — Wesen des Lebenö als eines Geistigen nicht durch die Mathematik, sondern durch die auf Philosophie gegrün¬ dete Physiologie zu erfassen sey. Je tiefer die Organisation steht, desto mehr unter¬ liegt ihre Form dem mathematischen Gesetze, je höher sie entwickelt ist, desto freyer und geistiger offenbart sich das Leben. Mit je tieferen Organisationen sich demnach die Lehre deö Lebens beschäftiget, desto mehr spielt sie in die Mathematik; je höhere Wesen sie aber untersucht, desto mehr wird sie Wissenschaft deS Geistes. Die Kry- stallographie ist die auf das Mineral - Leben angewandte Mathematik; die Physiologie deö menschlichen Lebens hingegen erscheint als die Wis¬ senschaft von der höchsten, im irdischen Le¬ ben sich offenbarenden Wirksamkeit deS Geistes. Mathematik und Philosophie verhalten sich also in ihrem Einflüsse auf die Erforschung deö Lebend, wie sich die Form zum Leben selbst verhält. Da die Form das Wechselnde, das Leben selbst aber das Bleibende ist; so folgt daraus, daß die Ma¬ thematik nur als Mittel zur nähern Erforschung des Lebens selbst erscheine. 150. Von diesem Standpunkte aus dürfte man auch auf den Gang schließen, welchen beyde Wissenschaften in ihrer künftigen Entwicklung etwa nehmen möchten. i. Die Mathematik. Sie theilt sich in die reine und angewandte. Die reine, so sehr sie in ihrer Höhe und Würde als Wissenschaft im wahren Sinne des Wor¬ tes dasteht, ist doch nur ein AbstracteS, und erhält ih¬ ren wahren Werth erst dadurch (§. §. 102. >12.), — 301 — wenn sie sich der wirklichen Welt bemächtigt, und in dieser real wird. Hierin hat sie keine anderen Grenzen, als die Welt selbst, und unberechenbar sind die Erfolge, die aus der richtigen Anwendung mathematischer Wahr¬ heiten ans die physische Welt noch hmvor gehen werden. Wie viel ErstaunungöwürdigeS hat nicht die Mathema¬ tik in allen Zweigen der Mechanik und Technik schon ge¬ leistet ! Hier hat sich der Mensch durch die Mathematik der Naturkräfte zu seinen Zwecken bemächtiget. Die Kraft der Schwere, die Elasticität der atmosphärischen Luft, der Druck des wässerigen Dampfes, die Stärke des flüssigen Wassers, die alles vernichtende Gewalt dcS Feuers, ja sogar die, frey sich bewegende Muskelkraft deS Thieres dienen seinen Befehlen. So hat sich der Mensch nicht nur die Elemente in dem Maße unterworfen, als si ch i h re K rä ft e be¬ rechnen und in einem bestimmten Grade z u s e i n e n Z w e ck e n b e n ü tz e n lassen; sondern er sucht auch d u rch A n st a lt e n, d i e n n r durch A n w e n d u n g m a t h e ni a t i sch e r W a h r h e i t e n g e- troffen werden können, sich gegen die ver¬ derbliche Wirkung derselben zu schützen. So groß die Welt ist, so weit stehen die Natnr- kräfte dem menschlichen CombinatiouSgeiste offen. Kühn wagt sich der Seemann, auf die Magnetnadel und sei¬ ne Berechnung vertrauend, auf das unbekannte Meer, segelt von der Nähe eines PolcS zu der deö andern, und indem er die Products deS menschlichen Kunstflei- ßes in alle Gegenden der Erde trägt; weckt er hierdurch die noch schlummernden Ansagen zur Nachahmung, und vereinigt die entfernteste», durch die Meere getrennten Völ¬ ker in einen geistigen Bund. Bekannt mit dem Gesetze der Schwere der verschiedenen Luftartcn wagt der Mensch — 302 — es sogar die Luft zu beschissen, und wenn auch die künst¬ liche Vorrichtung, das in der Lust schwebende Fahrzeug bey übrigens nicht stürmischer Atmosphäre mehr nach Belieben zu lenken, noch nicht bekannt ist; so kann dem menschlichen Geiste doch auch diese Erfindung gelingen. Die Mathematik hat das Ligenthümliche, daß sie, wenn einmahl gewisse Bedingungen gegeben find, alle Combinationen derselben im Voraus bestimmen, und auf den sichern Erfolg ihrer Bemühungen auch in der Wirk¬ lichkeit rechnen kann, falls nur die gegebenen Voraus¬ setzungen richtig sind. Auf diese Weise war es möglich, daß ArchimedeS, der größte Mathematiker des Alter- thumS, vertrauend auf die klare Einsicht in die mathe¬ matischen Gesetze, und auf die hierdurch möglich gewor¬ dene Berechnung der Naturkräfte den merkwürdigen Aus¬ spruch wagen durfte: Gib mir einen Stcmdpunct außer¬ halb des Erdballs, und ich will die ganze Kugel aus ihren Angeln rücken. Den wichtigsten Beytrag zur Wissenschaft deö Le¬ bens liefert die Mathematik durch ihren Einfluß auf d.ie Geographie und Astronomie. Beyde erhielten den gegenwärtigen Grad ihrer Ausbildung nur durch die Anwendung mathematischer Principien. In mathemati¬ sche Forschungen vertieft, und in der Idee überzeugt von der Sphärengestalt der Erde gerieth Columbus auf den Gedanken durch daS westliche Meer nach Ostindien zu segeln und entdeckte Amerika. Durch die nachfolgenden Weltumseglungen wurde die Sphärengestalt der Erde außer Zweifel gesetzt. Von gleichem Geiste getrieben schuf bald darauf Copernikus sein System von der Stel¬ lung und Bewegung der Himmelskörper, und wurde hierdurch der Stifter der neuen Astronomie. So wie die großen Mathematiker Keppler und Newton die Ge- — 303 — sehe dieser Bewegung entdeckten, so berechneten die fol¬ genden Astronomen die Entfernung, die Größe, die Um¬ laufszeiten , ja sogar die Dichtigkeiten, der Planeten. Hierdurch offenbart sich der größte Tri¬ umph der Mathematik, denn indem der Mensch durch die Anwendung mathemati¬ scher Principi en in so weiter Entfernung die Größe, den Durchmesser, die Dichtig¬ keit, d i e B a h n e n und di e U m l aufszeiten der Himmelskörper berechnet, construirt er die¬ selben geistiger Weise; er schafft die Pla- veten formellso wie sie Gott reell ge¬ schaffen hat. Da alle zu unserm Sonnensystem gehörenden Pla¬ neten ein organisches Ganzes bilden, die physische Ver¬ schiedenheit aber nothweudig auch die des Geistigen be¬ dingt; so zeigt es sich, daß gerade in der Astro¬ nomie die Mathematik am meisten zur Kenntniß des Lebens selbst wird bey tra¬ gen können, indem sie sich hier des Geset¬ zes der Veränderung bemächtigt, unter wel¬ chem daS Leben nach dem mindern oder hö¬ her« Grad der Entwicklung e i n e s H i m m e l s- körperö auf demselben erscheint. Der Ueber- gang selbst aber, den das Leben von einer Stufe zur andern nimmt, ist, da er für un¬ sere Sinnenwelt keine formelle Ansicht zu- läßt, für die Mathematik nicht mehr erfaß- l ich, sondern als einGeistigesnur derIdee in der Philosophie noch zugänglich. Wo es sich daher um das Wesen des Lebens selbst handelt, da muß zur nähern Erforschung desselben die auf Philosophie gegründete Lehre von der Natur über- — 304 — Haupt eintreten. Durch die unumstößliche, auf reine Beobachtung gegründete Thatsache der Assimilation, ver¬ möge welcher jedes irdische Wesen sich als ein bestimm¬ tes gestaltet, mithin das Gesetz feiner Form bepm Ein¬ tritte in dieses Leben schon mitbringt, geleitet, sind wir zur nothwendigcn Schlußfolge gekommen, daß eö nur ein einziges Naturreich, nähmlich die, über der irdischen Sphäre stehende und dergestalt geordnete Welt geistiger Kräfte gebe, daß ihre Glieder nicht auf ein Mahl, son¬ dern successive nach bestimmten Gesetzen sich zu irdischen Organismen gestalteten und noch gestalten. Diese An¬ sicht wurde im bsi. in der Idee vorbereitet, im §. > > >. formell, und in der nachfolgenden Darstellung durch Form und Leben zugleich zu begründen versucht. Auf diese Weise waren wir zu dem Ziele gelangt, welches wir unS Anfangs (§. - 3.) vorgesetzt haben, die Form nähmlich als daö, waö sie wirklich ist, als ein vom Leben AbstrahirteS zu nehmen, und durch die nä¬ here Betrachtung ihres Verhältnisses (§. 47.) zum Le¬ den in das Wesen des Letzter» selbst einzndringen. Der bedeutende Unterschied unserer gegenwärtigen Ansicht von der anfänglichen möchte wohl der sepn, daß es uns nicht n n r k l a r dr g e w o r d e-N i st, i n w e l» cher Beziehung Philosophie und Mathe¬ matik zu einander ste h en, sondern w ir si n d auch zur festern lleberzeug ung gekommen, daß nicht nur das Leben und seine Wissen¬ schaft, die Philosophie, sondern daß auch das Formelle und seine Wissenschaft, die Mathematik über der irdischen Erscheinung begründet sind. Denn indem die Beobachtung zeigt, daß die irdische Organisation nicht eine ursprüngliche Schöpfung, sondern nur eine stufenweise Entwicklung — Z05 — eines schon Gegebenen ist; so eristirt ein geordnetes, das ist, ein bestimmtes oder individuelles Seyn schon vor der irdischen Entwicklung, mithin für die Idee auch eine formelle Ansicht desselben. Diese Ansicht, gleichsam das F i g u re n - S k e le t t der ganzen irdischen Schöpfung ist, ihrem Wesen nach ausgefaßt, die Grundlage besten, was wir Mathematik nennen. Letzte¬ re ist daher keine bloße Erfindung (A. y2.) deö mensch¬ lichen Verstandes. Da ferner der Geist des irdisch Voll- > endeten nach dem Abscheiden aus diesem Leben fortbesteht, dieses individuelle Segn aber ohne bestimmte Ordnung wieder nicht möglich ist; so muß eö gleichfalls eine fest¬ stehende oder p h ysi o l o g isch e Seite dieser Ord¬ nung geben, wenn sie auch höher ist, als die irdische. Zu dieser kann, weil in dem Wesen des Lebens überall nur Entwicklung ist, kein absoluter Sprung (8. 122.), sondern bloß ein gesetzlicher Uebergang Statt finden. Diese Gesetzmäßigkeit nun wurzelt in der Gegenwart, und reicht in die Zukunft hin¬ über, ist mithin das Verbindungsglied zwi¬ schen beyden, und eben, weil sie Gesetzmäßigkeit und nicht Willlühr ist, wird sie einer wissenschaftlichen Unter¬ suchung und immer weiteren Erörterung fähig seyn. Die Mathematik, angewandt auf das Sonnensy¬ stem ist zwar schon so weit gekommen, daß sie zu zeigen vermag, wie die Dichtigkeit der Planeten nicht bey allen die nähmstche ist, sondern so ziemlich nach dem Verhält¬ nisse ihrer Entfernung von der Sonne abnimmt, woher cö den Anschein hat, als wenn ihr Bau auch in gleichem Maße immer höher und vollkommener würde. Ob aber die innere Eigenthümlichkeit derselben von der Art ist, daß auch daS organische Leben stufenweise immer höher und vollkommener auf denselben hervortritt, darüber kann 20 — 306 — die Wissenschaft gegenwärtig noch nichts aussprechen, weil die Astronomie bisher noch immer mit der Feststellung der formellen Bestimmungen bey den Planeten zu thun hat. Daß eine große Verschiedenheit der Organisation schon in unserm Sonnensysteme herrschen müsse, geht nothwendig ans der bisher bekannten Verschiedenheit der Himmelskörper selbst hervor. Wie aber die Organisa¬ tion auf denselben zu unserer irdischen sich verhalte, ob einer von den uns bekannten Planeten, oder die Sonne, oder erst ein anderes Sternenspstem zum AnknüpfungS- punct für die weitere Fortbildung unserS Geistes dienen könne, mithin ein Ueberga g nach dem Tode auf densel¬ ben Statt finde, daS wissen wir nicht. Soviel ist ge» wiß, daß nach der Weisheit des Ewigen kein Himmels¬ körper da ist, der nicht zur Entwicklung des Organischen beytrüge, und daß eine gesetzmäßige Verbindung zwi¬ schen allen herrscht. In diese Gesetzmäßigkeit immer tie¬ fer einzudringen, aus derselben die Eigenthümlichkeit der Organisation, wie sie auf andern Himmelskörpern sich offenbart, zu erschließen, dadurch die Idee des Lebens über das Irdische hinaus zu erweitern, und so immer festere Gründe für das, was dem menschlichen Gemüthe daS Höchste und Heiligste ist, nähmlich für die Art und Weise seiner künftigen Fortdauer aufzufinden, ist die Aufgabe aller Wissenschaft und die wichtigste und schön¬ ste Beschäftigung des menschlichen Geistes. Die Ma¬ thematik trägt ihren Theil dazu in der Astronomie bep. Indem Letztere als die auf das Weltgebäude angewandte Größenlehre die Entfernung der zu unserm Sonnensy¬ stem gehörigen Himmelskörper sowohl von einander, als auch von der Erde berechnet, indem sie die Größe, die Umlaufszeiten, ja sogar die Dichtigkeiten derselben durch Anwendung mathematischer Principien zu erschließen — 307 — sucht; so construirt sie dadurch, wie schon gesagt wur- de, die Himmelskörper formell, und gelangt dadurch nicht nur zur Kenntniß des Sonnensystems als eines Ganzen, welches zu seiner weiteren Umgebung wieder in einem genauen Verhältnisse stehen muß; sondern, da sie zum Maßstab der Vergleichung einzelner Planeten un¬ tereinander nur unsere Erde nehmen kann, so wird sie hierdurch auf die Verschiedenheiten derselben geführt, und wird immer tiefer in die Eigenthümlichkeit eines je¬ den Einzelnen selbst eindringen. Je weiter es die Ma¬ thematik in dieser Hinsicht bringt, desto mehr offenbart sich die Tiefe ihres Wesens, und das Erhabene ihrer Bestimmung als Wissenschaft. Obwohl die Schwierig¬ keit der Forschung als Ausbeute hier nur Sandkorn an Sandkorn reiht; so muß doch die fortgesetzte Bemühung, die Eigenthümlichkeit eines jeden der unS zunächst ste¬ henden Himmelskörper immer mehr zu erforschen, auch in der Er kennt» iß des Lebens auf ihm zu weiteren Ergebnissen führen. Nur darf die Astronomie nicht ein¬ seitig oder bloß formell verfahren, sondern sie muß sich mit der gesammten Naturwissenschaft befreunden, um in das Wesen des Lebens, wie es auf unserer Erde in al¬ len seinen Verzweigungen sich offenbart, vorerst einzu¬ dringen , und hierdurch unser» Planeten als ein orga¬ nisches Ganzes genauer zu erforschen. Dieses Ganze hat sie ihren ferneren Forschungen und Vergleichungen als Anhaltspunct zum Grunde zu legen. Die Natur¬ wissenschaft muß so weit ausgebildet werden, daß alle ihre vielfältigen Zweige sich in einer Einheit durchdrin¬ gen , damit die Wissenschaft des Lebens nicht auf den Umfang unsers Planeten beschränkt bleibe; sie muß universell, sie muß nach dem Ausspruch eines nufe¬ rer größten Denker Cosmophysiologie werden. Dann 20 * 308 — wird sie eö versuchen können, den eigenthümlichen Zu- stand unserer Erde als eines organischen Ganzen mit der Ezgenthümlichkeir anderer Himmelskörper zu ver¬ gleichen, um wenigstens negativ zu bestimmen, ob der Zustand des Lebens auf denselben mit dem auf unserer Erde eine höhere oder niedere Vergleichung zulaffe. Die¬ se Bestimmung wird aber keine negative bleiben, son¬ dern wird bald in eine positive übergehen, denn wie sehr durch eine solche universelle Pflege der Naturwissenschaft die Idee des Lebens erweitert und vervollkommt werden wird, liegt gegenwärtig ganz außer dem Kreise unserer Vermuthung, besonders, wenn cS dem menschlichen Gei¬ ste gelingen sollte, einige wichtige technische Entde¬ ckungen zu machen, die physikalischen und optischen In¬ strumente zu vervollkomnien, und hierdurch die wissen¬ schaftlichen Bestrebungen zu unterstützen. Immer wird es sich zeigen, daß die Mathematik rein als solche nur die feststehende, unveränderliche Sei¬ te eineS Zustandes auffaffe, je mehr sie aber in ihren Forschungen mit deni Leben selbst bekannt wird, je mehr sie diesem feststehenden Zustande mit Geist entgegen kommt, desto mehr wird eö ihr gelingen mit der Form zugleich das Leben selbst zu er¬ greifen und zur Erkenntniß seines Wesens, wie eö nicht nur auf unserer Erde, sondern auf verschie¬ denen Himmelskörpern als ein organisch Feststehendes sich offenbart, beantragen. Dieses Erkennen ist aber, so wie jedes andere, nur ein mittelbares durch Schließen, weil in unserer Seele eine doppelte Welt liegt, ein unbewußt wirkendes Naturleben, und ein mit Bewußtseyn handelndes Geistesleben. Da nun während des irdischen Daseyns daö erstere nie ganz in das letz¬ tere ausgenommen werden, oder da die Schranke zwi- — 30Y — schm beyden nie vollständig gehoben werden kann; so muß der Geist das Wesen seines eigenen Naturlebens nur aus den Aeußerungen desselben erschließen. Da ferner der Mensch die Gesetze des Universums nur deß- halb erkennen kann, weil er dazu die Fähigkeit hat, das heißt, weil sie alle in ihm liegen; so folgt daraus, daß er auch diese Gesetze nur in dem Maße erschließe, als ihm sein eigenes Wesen offenbar wird. Auf einer hö¬ heren Entwicklungsstufe hingegen, wo die Schranken der Zeit und dcS Raumes so schwinden, daß bildendes Naturleben und intelligentes Geistesleben mehr Eins sind, wo das Forschen auf formelle Weise zum Wesen des Erkennens nicht mehr nö- thig ist, wird das Letztere mehr klares Schauen, mehr unmittelbares Leben des Geistes seyn. l5(). 2. Die Philosophie. Hier ist gleich Anfangs zu bemerken, daß, wenn man die Mathematik in die reine und angewandte theilc, eine solche Theilnng in der Phi¬ losophie keineswegs Statt finden könne. Eine Philoso¬ phie in dem Sinne, in welchem es eine reine Mathe¬ matik gibt, wäre als eine, vom Leben abgeschlossene, bloß speculariv. Die Geschichte der Philosophie weiset zwar viele solche formelle Systeme auf, die Erfahrung zeigt aber ihre Unhaltbarkeit und ihre Fehler. Die Leh¬ re deö LebenS, in so fern es sich in Gott, in der Welt, im Menschen und in den übrigen Geschöpfen offenbart, ist die Hauptaufgabe für die Philosophie. Sie kann sich daher vom Leben, wie es in der Wirklichkeit erscheint, „ie ganz trennen, sie kann nie reine Speculation wer¬ den. Die Philosophie muß in Physiologie und die Phy¬ siologie in Philosophie übergehen. — 310 — §. i6o. Hieraus ergibt sich das Verhältniß der Naturphi¬ losophie zur Geistesphilosophie. Alle Philosophie ist, in so fern ste von Gott als der ewigen Urguelle alles Le¬ hens und SepnS ausgeht, in so fern sie die Erforschung der höchsten und wichtigsten Gegenstände zum Zweck hat, und als Wissenschaft von dem Wesen der Dinge die ewige Bestimmung derselben zu ergründen sucht, ei¬ ne Geistesphilosophie, denn sie muß über die F.ormen der irdischen Erscheinung sich aufschwingen, und das den wechselnden Formen zum Grunde liegende Wesen deö Geistes zu erfassen streben. In so fern sie aber die ein¬ zelnen Formen aufsucht, unter welchen das, so vielfach gestaltete Leben vom Niedern zum Höhern, vom schein¬ bar Todteu bis zum selbstbewußten Lebendigen hinauf, in die irdische Sphäre herein tritt; in so fern sie betrach¬ tet, daß nach dem irdisch-organischen Entwicklungsgesetze in jeder dieser Abstufungen sich höheres und niederes Le¬ ben oder Geist und Materie in einer organischen Ein¬ heit durchdringen, erscheint sie als Naturphilosophie. Da es auf der Stufe der irdischen Entwicklung keinen Stoff ohne Leben und kein Leben ohne Stoff gibt, da die Stoff- Form der Weg ist, das derselben zum Grund liegende und den Stoff bildende Wesen des Geistes zu erken¬ nen ; so müssen Naturphilosophie und Geistesphilosophie sich hier auch zu einem organischen Ganzen durchdringen. Die Hauptaufgabe für die Naturphilosophie oder philosophische Naturlehre geht demnach dahin, den Be¬ griff der Materie zu erläutern und unumstößlich darzuthun, daß letztere nicht das ist, was die Sinnes- anschauung gibt, ein bloß für sich SependeS und Un- — 311 — überwindlicheS , sondern daß alles, was materiell er¬ scheint, zu einem organischen Ganzen, entweder zur Er¬ de, oder zu einer Pflanze, oder zu einem thierischen Kör¬ per gehöre. Die Verschiedenheit der Stoffe gründet sich auf die Verschiedenheit der einem jeden derselben zum Grunde liegenden Lebenskraft, die auf diese Erde, welche der Träger aller organischen Entwicklung ist, herein tritt. Diese Lebenskräfte bilden sich aus den zum organischen Leben geeigneten Bestandtheilen ihrer Umgebung den sicht¬ baren Leib, existiren als organische Geschöpfe nur durch einander, und gehen nach bestimmten Gesetzen, wie sie hereingetreten sind, auö dieser irdischen Sphäre wieder hinaus. Dieses wird auf diese Art so lange dauern, bis auch die Erde nach dem, dem Universum zum Grun¬ de liegenden, Plane selbst eine Veränderung erleidet. Eine Entwicklungsgeschichte der Natur, ferner verglei¬ chende Naturgeschichte, Anatomie und Physiologie wer¬ den uns den Weg zeigen, wie der menschliche Geist durch Speculation und Erfahrung zugleich zur Ansicht sich auf- schwingen könne, daß die Ausdrücke »Geist und Mate¬ rie« nur dazu dienen, vom Standpunkte der sinnlichen Anschauung aus, die beyden Formen des einen in der Erscheinung noch so verschiedenartig auftretenden Lebens zu bezeichnen. Jede Beobachtung also, jeder Versuch, der uns in der Kenntniß der Materie, das ist, des niedrigeren Lebens weiter bringt, bringt uns auch in der Kenntniß des hö¬ heren Lebens selbst weiter. Aber mit geistigem Auge müssen wir i» die Natur blicken, dann kömmt sie uns auch geistig entgegen. Wer bloß an der Erschei¬ nung klebt, und das Leben durch das anatomische Mes- — 312 — ser zu entdecken, oder im Schmelztiegel zu Haschen glaubt, dem entschwindet der Geist? und er findet nur Asche. Durch die Vervollkommnung der Naturphiloso¬ phie wird in eben dem Maße die Philosophie des Gei¬ stes gewinnen. Denn da die ganze irdische Natnr nur ei¬ ne bestimmte Stufe in der allgemeinen Entwicklung des Lebens überhaupt einnimmt; da sie uns-als die Gegen¬ wart erscheint, welche nothwendig eine Vergangenheit hat, und die Zukunft involvirt noch in sich trägt; so wird, sobald die Wissenschaft einmahl die Gegenwart richtig erkannt hat, sich ihr Blick auch rückwärts in die Vergangenheit und vorwärts in die Zukunft richten. Wenn demnach mit der Gegenwart die jetzige Phy¬ sik zu lhun hat; so wird hierdurch nicht nur diese ge¬ winnen, sondern es wird zugleich aus der wahren Phy¬ sik oder Naturwissenschaft eine richtige Metaphysik oder Geisteswissenschaft hervor gehen. Für jeden er¬ scheinenden Stoff wird die entsprechende geistige Kraft, und für jede geistige Function das, dieselbe vermitteln¬ de, körperliche Organ aufgefuuden werden. Die c o m- parative Methode wird, weil jedes höher organisirte Wesen die Gesetze der niedrigen in sich tragt, hier von besonderer Wichtigkeit seyn. Davon nur ein Beyspiel. Wir haben öfters auf die Parallele hinge-eutet, welche zwischen dem Abfalle des Samens von der Pflanze, und dem Abscheiden der Seele vom Leibe Statt findet, und daraus für das höhere Leben die Folgerung gezogen, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Leibe eben so fortbestehe, wie der abgefallene Same fortbesteht. Es soll sich hierdurch das Gesetz erweisen, daß das Wesen bleibt, wen» auch die Form wechselt. In der einjäh¬ rigen Pflanze fällt nach vollendeter Reife der Same ab, die Pflanze stirbt zugleich, weil in dem Samen auch 313 die Aeltern dem Anscheine nach (§. 122.) mit zum Kin¬ de geworden sind; in den perennnirenden Stengelpflan- zen hingegen fällt zwar bey der Reife der Same auch ab, die Pflanze aber stirbt nicht, ihr Lebensprincip zieht sich in den am niedrigsten stehenden Theik derselben, in die Wurzel hinein. Dort ruht es den Winter hindurch wie todt, und obschon der vorige Stengel mit allen seinen Zweigen und Blättern abgestorben ist, so tritt es doch im Frühling wieder hervor, baut sich einen neuen Sten¬ gel, um mit Blättern und Blüthen neuerdings als ei¬ ne ausgebildete Pflanze zu erscheinen. Eines und dasselbe Leben zeigt sich stm S o m m e r e vü l- virt als Pflanze mit Blättern und Blü¬ then, im Winter aber involvirt als un¬ scheinbare Wurzel; das Wesen bleibt, die Form der Erscheinung wechselt. Noch klarer wird dieses Gesetz hervor treten, wenn es der Beobachtung gelingt, dasselbe auch bep den Thie- ren in der Raupenverwandlung und in der Embryonen- bildung nachzuweisen. Hier offenbart es sich zugleich in einem höheren Charakter, denn in der Pflanze ist das, waS sowohl ans dem Samen, als auch aus der Wur¬ zel neu hervor sprosst, immer ein Gewächs der nähm- lichen Art (§. rost.), in der Raupenverwandlung aber erscheint jede Metamorphose als ein Thier von höhe¬ rer Form und Bedeutung. Gleichwie die Kreise einer in Bewegung gesetzten Wafserwelle nach allen Seiten immer größer werden; eben so wird durch eine fortgesetzte vergleichende Na- tnrforschnng der Blick in das Wesen deö Lebens, daS Verständnis; seiner Vergangenheit und Zukunft immer klarer sich gestalten. Nicht nur die mehr abstracken Zweige der Philosophie, die Logik, die Rechts - nnd — 314 — Staatslehre sammt der Ethik werden hierdurch dem Le¬ ben näher treten, sondern da daö tiefere Erkennen der Natur zugleich ein Erkennen ihres ewigen, unendlichen Grundes, das ist, Gottes ist; so muß diese tiefere Er- kenntniß auch eine reinere Ansicht von Gottes unendli¬ chem Wesen und seinen Eigenschaften — mit welchem irdisch-menschlichen Ausdrucke wir die uns erfaßlich wer¬ denden Offenbarungen desselben bezeichnen — zur un¬ ausweichlichen Folge baben. Eine solche Philoso¬ phie ist nicht nur eine theoretische, son¬ dern da sie das ganze Universum als daö sichtbar werdende Abbild der Gottheit an¬ sieht, und die ganze leibliche Schöpfung als die reale Darstellung der sittlichen Idee eines unendlichen Fortschreitens vom Niedern zum Höhern auffaßt; so ist sie eben dadurch ihrem innersten Wesen nach nur ethisch und practisch. §. 161. Aus dem Verhältnisse der Naturphilosophie zur Geistesphilosophie wird ferner das Verhältnis; der Phy¬ siologie zur Psychologie klar. Da es auf der Stufe des irdischen Wahrnehmeuö keinen Stoff ohne Leben, und kein Leben ohne Stoff gibt, so kann es auch keine von der Physiologie ganz getrennte Seelenlehre oder reine Psychologie geben. Schon in den Pflanzen zeigt sich ein Analogon von Seele, weil sie eine AssimilationSkraft besitzen, und weil an einigen sogar ein Sinnenreiz wahrgeuommen wird; nur ist die Pflanzenseele, so wie die der niedrigsten Thie- re noch ganz von der Physiö gefangen, ja sie ist im Sa- inenkeime selbst noch sinnlich sichtbar, und die Psycho¬ logie ist auf dieser Stufe noch ganz Physiologie. — 315 — Freyer bewegt sich die Seele in der höheren Thier¬ welt, weil sie immer mehr die äußere Materienwelt der ganzen Fülle nach in sich aufnimmt, und die niedrigeren Gesetze derselben beherrscht, bis sie im Menschen, der zum Selbstbewußtseyn kömmt, die höchste Stufe der irdischen Entwicklung darstellt. Jede geistige Function bleibt doch auch beym Menschen noch, in so fern sie wahr¬ nehmbar werden soll, an ein körperliches Organ gebun¬ den, und die Physis muß überall ein Mittel zur Offen¬ barung des Geistes werden. Gegenwärtig schwebt über den meisten Organen der Geistesverrichtungen, selbst in so weit sie sich sinnlich werden nachweisen lassen, noch ein tiefes Dunkel, und obwohl der Geist im gesunden Zustande das Organ beherrscht; so ist doch der oft auf¬ tretende , beschränkende Einfluß des Letztem aus den Geist nicht zu verkennen. Die Wissenschaft muß es sich daher vorzüglich angelegen seyn lassen, diese Organe ein¬ zeln aufzudecken, und ihren Einfluß auf den Geist nä¬ her zu erforschen. Sie muß noch weiter gehen, und sich durch vergleichende Beobachtungen so hoch zu schwin¬ gen versuchen, daß sie in jene Region eindringt, wo sich der ganze Leib so an das Naturleben der Seele anknüpft, daß er nicht mehr alö sinnlich wahrnehmbare Materie erscheint. Gleichwie (§. >45.) im Hör-und Sehnerven alle Klangfiguren und Farbenbilder der ganzen äußern Natur zwar nicht räumlich, sondern nur dem Gesetze nach liegen, und auf diese Art die unendlich mannigfal¬ tige Function deS Hörenö und Sehens möglich machen; eben so liegt in jener Region der ganze Leib mit allen seinen Gliedern und Systemen zwar nicht als räumliche Materie, sondern nur organisch dem Gesetze nach, und macht auf diese Art die unendliche Mannigfaltigkeit der — AK--- Bewegungen und LebenSfunetionen in den materielle!? Gliedern und Systemen möglich. Als sinnlich wahrnehüibar kann diese Region frey- lich nicht nachgewiesen werden, aber so unumstößlich ge¬ wiß in der Pflanze der Stengel zwischen der Wurzel und der Blüthe steht, auf seiner Stufe wieder die ganze Pflanze darstellt, und Wurzel und Blüthe zur organisch lebendigen Einheit verbindet; eben so steht jene Region zwischen der Seele? und dem sichtbaren Leibe, stellt in ihrem Wesen den ganzen Leib in organischen Gesetzen dar, und ist das Hinüberwachsen der Seele in den sichtbaren Leib, oder des sichtbaren Leibeö in jene. Daö Wort »Verbindung« ist ein zur Bezeichnung dieses gegenseitigen Verhältnisses gar nicht geeigneter Ausdruck, denn diese Region ist kein in sich durchaus gleichartiges Verbindungsglied, wie z. B. ein sogenannter Rervenälher wäre, sondern die Seele an sich ist der ganze Mensch mit allen seinen, im Leibe dann irdisch erscheinenden Gliedern und Systemen auf überirdischer, geistiger Stu¬ fe, jene Region ist der ganze Mensch mit allen am Lei¬ be dann erscheinenden Systemen und Gliedern auf ei¬ ner, zwar schön dem organischen Gesetze unterliegenden/ aber noch nicht in der gewöhnlichen irdischen Zeit und Raumform plastisch ausgeprägten Stufe, der sichtbare Leib endlich ist der ganze Mensch mit allen diesen Sy¬ stemen und Gliedern auf organisch-materieller Stufe. In dieser Region greifen höheres und niedrigeres Leben, Freyheit und Nothwendigkeit, UeberirdischeS und Irdisches so in einander, daß die sinnliche Wahrnehmung nicht entscheiden kann, wo daS eine anfängt und das an¬ dere aufhört. Hier ist der Punct, wo die Physiologie in Psychologie, und umgekehrt diese in jene übergeht, wo der Geist auf daS Organ, und das Organ auf den Geist — 217 wirkt, und da in dieser Region alle Glieder und Sy¬ steme des Leibes organisch dem Gesetze nach liegen, weil cs sonst nicht möglich Ware, daß der Geist in alle hin¬ aus wirken könnte; so ist es offenbar, daß diese Region nicht auf Ein Organ, z. B. auf das Gehirn allein be¬ schränkt ftp, sondern über und durch den ganzen Leib stch so erstrecken müsse, daß der Letztere nur als die sinnlich wahrnehmbare Fortse tz ung der¬ selben erscheint. Deßwegen ist alles in irdischen Or¬ ganismus eine Einheit, deßwegen kann der Geist, so wie er in der aufsteigenden Lebensperiode durch sein Bift dungsvermögen in die Materie hinein wächst, das heißt, dieselbe fortwährend bildet und ausscheidet (§. >ay.), stch auch während der absteigenden Lebensperiode aus derselben (H. 146.) wieder zurück ziehen. Warum es vorzüglich nothwendig fty, daß die Wissenschaft in diese Region durch sorgfältige Beobach¬ tungen einzudringen suche, soll aus Folgendem klar werden. Im §. 155. wurde gezeigt, daß die moralische Frepheit des Menschen in dem Vermögen bestehe, seiner höheren Natur, die ein göttlicher Funke in der irdischen Hülle ist, gemäß zu wollen und zu handeln. Je mehr der Mensch seine Handlungsweise dieser moralischen An¬ lage oder dem Sittengesetze gemäß einrichtet, desto mehr nimmt er im höheren Sinne die Welt in sich auf, und desto mehr erstarkt die gute Gesinnung, so daß ihre Rich¬ tung nach außen bey jeder Gelegenheit thätig wird, als moralischer Wille im Kampfe mit dem Bösen die Ober¬ hand erhält und stch für das Gute entscheidet. Zur ungestörten moralischen Wirksamkeit ist vor allem das innere harmonische Zusammenwir¬ ken aller Kräfte und Anlagen deö Menschen erfordere 21 — 318 — lich. Da jedoch der Mensch vermöge seines Geistesle¬ bens genöthigöt ist, ans alles Einzelne und Mannigfal- tige in und außer ihm seine Aufmerksamkeit zu richten; so kann diese Harmonie vielfältig gestört werden. Ver¬ möge seiner Organisation trägt er die ganze Welt mit allen ihren Mannigfaltigkeiten dem Gesetze nach in sich, diese inneren Anlagen finden, je mehr sie mit der Außen¬ welt in Wechselwirkung treten, in derselben ihren An¬ klang; sie gestalten sich zu eigenen Trieben und Begier¬ den, die sofort Mäch Befriedigung streben. Da können sich leicht einige so verstärken, daß sie nach und nach ein Uebergewicht über das Ganze gewinnen. Besonders ist dieses bey jenen Trieben der Kall, deren Organe zur Ernährung und Erhaltung des Ganzen beytragen muffen. Wird dieses oder jenes Organ oft und anhaltend befriediget, kömmt überdies; ein öfteres Nachdenken über die Annehmlichkeit dieses Genusses hinzu, so wird das Organ gereizt; seme Willkühr wacht auf, es verlangt eine öftere Befriedigung, als zur Erhaltung veS Gan¬ zen nöthig ich, und kömmt so weit, daß es sogar das Ganze beherrscht, über die eigene moralische Ueberzeu- gung die Oberhand gewinnt, und dieselbe in der Er¬ reichung ihrer sittlichen Zwecke hindert. Die hefti¬ gen Begierdefi und Leidenschaften sind da¬ her nichts anderes, als die zur Gewohnheit oder Fertigkeit gewordene Sucht einzel¬ ner Organe sich auf Kosten des Ganzen zum Nachtheil der Sittlichkeit Befriedi¬ gung zu verschaffen. So ist z. B. die Völlerey nichts anderes, als die zur Gewohnheit gewordene Will¬ kühr des Gaumens und deS Magens; der Hang zur Ausschweifung nichts anderes, als die vorherrschende Willkühr der Geschlechtsorgane. So ist eS bey jeder — 319 — unsittlichen Neigung. Durch jede vorherrschende Leiden¬ schaft wird der Mensch ein Sclave seines Organs, durch jede überhand nehmende Neigung verliert er zum Theil seine Freiheit. Das einzige Gegenmittel besteht darin, die aufstrebende Begierde bey andern Menschen durch gründlichen Unterricht, bey sich selbst aber durch wieder- hohltes Nachdenken über die sittliche Bestimmung des Menschen zu bezwingen, und in die Schranken ihres Wesens zurück zu weisen. Nicht minder wichtig sind die schnell aufbrausen¬ den Affecte, j. B. die Regungen des Hasses, des Zor¬ nes, u, s. w. Auch dies^e sind nichts anderes als Aeu- ßerungen der Willkühr gewisser Organe. Man muß sie Organe nennen, weil sie mit dem sichtbaren Leibe in so unmittelbarer Wechselwirkung stehen, daß sie denselben in die heftigste Bewegung zu setzen vermögen. Nur lie¬ gen sie tiefer, und sind umfassender, weil sie nicht so sehr durch materielle, als vielmehr durch geistige Reize angeregt' werden. Hier ist demnach der Punct, wo Physiologie, Psychologie und Sittenlehre auf das engste in einander greifen, und es ist eine dringende Aufgabe für die Wis¬ senschaft durch vielfältige Beobachtungen diese Berüh¬ rungen näher zu erforschen. ES ist die, für die moralische Zurechnung so wichtige Frage zu lösen, ob die Selbstsucht eines OrganS so mächtig werden könne- daß es die ganze Willenskraft des Menschen zu beherrschen und die Freyheit seines Entschlusses auf- zu heben vermag? Durch diese Untersuchung wird aber nicht nur die Lehre von den menschlichen Affecten und Leidenschaften eine festere Begründung erhalten , sondern eS wird zugleich die bisherige Ansicht von den 21 * — 320 — sogenannten Geisteskrankheiten, und eben dadurch auch die Imputationstheorie vcrvollkommt werden. §- 162. Endlich dürfte hier der Ort seyn, über die duali¬ stische Ansicht von dem Wesen des Idealismus und Rea¬ lismus einige Worte zu sagen. Betrachtet man das Universum als das Offenbar¬ werden des Lebens, wie es aus Golt, als seiner ewigen Urquelle hervorgehend, nicht nur auf der Stufe unserS Sonnensystems, sondern auch in allen andern Entwick¬ lungsstufen sich aufschließt, wie alles in einem organi¬ schen Zusammenhänge von der Art steht, daß jede Er¬ scheinung von einer früheren getragen wird, und als ihre Evolution erscheint; so ist in diesem Sinne alles lebendig. Was aber lebendig ist, ist wirklich oder real, und die Verschiedenheit liegt nur in der Abstufung. In diesem Sinne ist demnach die Unterscheidung zwischen Idealem und Realem überflüssig. Betrachtet man hin¬ gegen das Leben vom Standpuncte der irdischen Erschei¬ nung aus, so nennt man daö, was wir durch die Sinne erfassen, das Reale; was aber über unsere Sinnenspha- re hinaus liegt, das Ideale. Von einem Unterschiede zwischen Idealem und Realem kann sonach nur in die¬ ser Beziehung die Rede seyn. Vom irdischen Standpuncte auö gibt eS daher ei¬ ne doppelte Welt, eine übersinnliche und eine sinnliche, welche nicht in dem Verhältnisse der Gleich¬ heit, sondern in dem der Unterordnung ge¬ gen einander stehen. Die Philosophie, in so fern sie sich nicht bloß um das Wesen der Dinge, sondern auch um ihre Bestim¬ mung bekümmert, kann und muß einen solchen Dualis- — A21 — nius allerdings zugeben / nie aber hat die Physiologie dieses nöthig. Denn nimmt man das über die Erschei- nung hinaus liegende Lebe» als das, die organische Bildung dem Gesetze nach in sich tragende, das erschei¬ nende aber als das wirklich orgam'sirte Leben, an, wie man denn muß; so ist, da hierdurch gegen die so lang herrschend gewesene Ansicht einer absolut todten Mate¬ rie alles sinnlich Wahrnehmbare als ein mit Leben Ver¬ bundenes, obschon in den verschiedensten Abstufungen er¬ scheint, der Dualismus gänzlich aufgehoben. Sieht man hingegen auf die Dignität des höheren Lebens und er¬ wäget, daß die Materie oder das niedere Leben mir als Mittel da sey, das höhere irdisch zu offenbaren; so ist philosophisch der Dualismus in einem gewissen Sinne wieder gesetzt. Ich sage in einem gewissen Sinne, denn da im letzten Falle die Möglichkeit nicht gelängnet wer¬ den kann, daß das, was jetzt als niederes Leben erscheint, schon den Keim einer höheren Fortbildung wirklich in sich trage (§. ,5o>), weil es als integrirender Theil des Erdorganismus erscheint;-so ist der gesetzte Dualismus auch hier wieder aufgehoben. Hierdurch wird mit andern Worten nur das wie¬ der behauptet, waS in denssrüheren Betrachtungen schon speciell und weitläufig durchgeführt worden ist, nähmlich, daß die verschiedenartige- durch die Sinne wahrnehm¬ bare Außenwelt nur dadurch entstehe, daß die jedem Ge¬ genstände zum Grunde liegende Lebenskraft sich orga¬ nisch gestaltet, wodurch höhere und niedrigere, ideellere und reellere Organismen in die Erscheinung treten. Hier¬ durch wird es gleichfalls offenbar, daß es eine und die¬ selbe Kraft ist, welche auf der höchsten Stufe der irdi¬ schen Entwicklung einerseits aus den Elementen der Außenwelt sich den Leib baut, und andererseits nach — 322 — denselben Gesetzen als selbstbewußter, denkender Geist sich offenbart. Ich sage, nach denselben Gesetzen, denn so wie der Gedanke des Menschen, indem er die irdi¬ sche Welt nach ihrer Mannigfaltigkeit ideell zu erfassen strebt, eben deßwegen in die Unendlichkeit des Univer¬ sums einzugehen genöthiget wird, weil jeder Begriff , dessen Inhalt ihm klar geworden ist, in höheren Vor¬ aussetzungen seinen Grund hat; eben so umfaßt das bil¬ dende Naturleben der Seele in seinen Operationen das ganze unendliche All, weil jeder Stoff, der in die Organi» sation ausgenommen wird, in höheren Beziehungen ge¬ gründet , und aus der irdischen Erscheinung allein nie erklärbar ist. Dieses ist der Grund deS in der Seele liegenden Zusammenhanges zwischen Idealem und Realem. Die Seele erkennt das Universum ideell durch den Gedan¬ ken, weil es reell, daö heißt, dem Gesetze nach in ihr liegt. Denn läge die Welt mit ollen ihren Mannigfal¬ tigkeiten nicht als Gesetz in der Seele; so wäre von den Gegenständen der äußern Welt keine Erkenntniß durch Erfahrung möglich (§. 142 ), daS heißt, die Seele könnte nicht versuchen, ob die äußern Gegenstände mit dem in¬ ner» Gesetze in Uebereinstimmung zu bringen seyen oder nicht. Das innerste Wesen des Geistes einer- seitö und die Eigenthümlichkeit der irdi¬ schen Entwicklungsstufe andererseits, sind demnach der Grund des in der menschlichen Erken n t» iß weise herrschend gewordenen Dualismus von Idealem und Realem, von höherem und niedrigerem Leben, von Geist und Stoff. Indem die Bildung der Erde, wie ge¬ zeigt wurde, nur als der organische Act deS dem Pla- — H2F _ neten zum Grunde liegenden Lebens zu begreifen ist, indem alle andern Organismen und somit auch der Mensch nur durch die Assimilation des durch die Erde gegebe¬ nen Stoffes in die Erscheinung treten , diese aber über¬ all eine assimilireude Kraft, ein Ideales, eine Seele vor- auSsetzt, diese Seele daher bepm Beginnen jeder Orga¬ nisation der Inbegriff aller organischen Bildungsgesetze auf ihrer Entwicklungsstufe ist, die Organisation selbst aber in der.plastischen Verwirklichung dieser .Vermögen bis zu dem Grade besteht,, daß sie von uns sinnlich wahrgenommen werden; so ist der sichtbare Leib nichts anderes, als die zum Organ der Seele gewordene. Au? ßenwelt. Dieses Zusammenwachfen der Peele mit der Materie geschieht, wie schon mehrmahlS gesagt wurde, dsßwegen, weil die. Seele vermöge ihrer Bestimmung als irdisches Weses sich gestalten, und um auf der Erde wirksam zu seyn, sich einen der Erde homogenen Leib (H. >22.) bilden muß. Dieses: Bilden selbst wird da¬ durch möglich , daß die Seele in ihrer Naturseite alle Gesetze der irdischen Materienbildung trägt, die Stoffe der äirpern Welt zu sich herauf zieht und . sich aneignet. D e ß wegen und einzig nur deßwegen kann der Geist b ey m S t e r b e n n n b esch a d e t feiner Existenz sich von der irdischen Hülle wie¬ der trem neu. Dieses Verhältnis! hat die Wissenschaft in allen ihren Forschungen zu berücksichtigen, damit djefogestal- tig erworbene Erkenntniß von der Natur der Dinge über¬ all einen festen Änhaltspunct habe, und in ihren klein¬ sten Verzweigungen sich zur Lehre vom Leben selbst ge¬ stalte. Als solche erscheint sie in ihrem Verfahren selbst wieder zweifach; einerseits strebt sie das Wesen des Geistes als eines Selbstbewußten zu erfassen, und die- — 52L — ses ist nur durch die Idee oder durch den Geist möglich; andererseits hat sie die, jedem erscheinenden Dinge zum Grunde liegenden, wahrnehmbaren Formen zu untersu¬ chen, um nur durch Beobachtung und Erfahrung in das Wesen des Geistes als einer organisch bildenden Kraft einzudringen. Beyde Seiten müssen berücksich¬ tiget werden, bey d e N ich t u n g e n m ü s se n ei n- ander beständig durchdringen, damit die Spekulation durchdie Erfahrung befesti¬ get und umgekehrt diese durch jene leben¬ dig erhalten werde. Die auf solche Art (§. iii. ii2. »So.) aus Philosophie, Physiologie und Mathematik sich gestaltende Wissenschaft hat dann die Gegenwart des Lebens in allen seinen Verzweigungen zu erforschen. Indem sich aber durch fortgesetzte ver¬ gleichende Forschung ihr Blick auch dahin erweitert, wo das Leben in die irdische Entwicklungsstufe herein tritt und wieder hinaus geht; so muß sie nothwendiger Weise auf die Bedingungen geleitet werden, unter u»lchen das Hcreintreten und Wiederhinausgehen aus der irdischen Organisation, mithin auch das Fortbestehen über der sinnlichen Wahrnehmung gegeben ist. Sie hat als Ent¬ wicklungslehre des Lebens nicht nur den Dualismus zwi¬ schen Geist und Materie, zwischen Idealem und Realem und ihr nothwendiges Verhältniß zu einander zu berück¬ sichtigen, sondern sie muß auch die Ursache d i e se s Dualismus würdigen, und die organi¬ sche Einheit beyder in den verschiedenartigsten Abstufun¬ gen ihrer Erscheinung wissenschaftlich feststellen. Diese Wissenschaft ist durch die Ansichten vieler, nm die Lehre des Lebens hoch verdienter Männer bereits begründet , und obschon sie des unendlichen Umfangs ih¬ res Gegenstandes wegen nur langsam weiter rücken — 325 — kann; so leuchtet uns doch die freudige Hoffnung eines immer bessern Gelingens, und wir können getrost erwar¬ ten, daß die Erkcuntniß des geistigen Lebens und seiner fortschreitenden Entwicklung in den Erscheinungen der Welt immer klarer hervorgehen, und der Streit zwi¬ schen Idealismus und Realismus auch bey Jenen, bey denen er noch obwaltet, seiner Entscheidung stets näher kommen werde. Zum Schlüße noch folgende Bemerkung. Da ich im Verfolge dieser Betrachtungen auf die Schriftsteller, deren Werke mir in meinem Jdeengange als Leitsterne dienten, weder im Contexte noch durch Noten jederzeit hingewiesen habe; so halte ich es für die heiligste Pflicht die Nahmen dieser, um die Wissenschaft des Lebens hoch¬ verdienten Männer hier sämmtlich anzuführen. Es sind folgende: Oken, Steffens, Schelling, Milbrand, Lro.r- ler, Kiefer, Runge, NeeS vomEsenbeck, Rudolphi, Ca- rus, C. PH. Hartmann, G. H. Schubert, C. G. Bi- ( schof, Gruithnife», Cuvier, Nöggerath, Choulant. Indem ich alten, sowohl den Lebenden, als den schon irdisch Vollendeten für die aus ihren Schriften ge¬ schöpfte Belehrung meinen herzlichsten Dank ausspreche; wünsche ich nur, die erster« möchten von der tiefen Ver¬ ehrung und Hochachtung überzeugt seyn, die ich gegen fle hege, und die Aufrichtigkeit der Gesinnung würdigen, mit der ich ihre ausgezeichneten Verdienste um das höhere Sepn der Menschheit anerkenne. 22 Berichtigungen. Seite 2» von oben 11. Zeile lese man hineingebildet statt hingebildet. — 40 — — 1/». — — seht statt jeht — 104 — — g. — — die den statt den die — 146 — — 9. — — verbreiteten statt verbreitenden — 163 — — 1Z. — — allen statt alle — 165 — — II. — — künstlichste statt künstliche — 168 — unten 14. — — der der statt der — 211 — — I. — — der Ernäh. rung statt oder Ernährung — 2Z2 — oben II. — — Zirbel statt Zirkel — 262 — — 18. — — Unkenutnist statt Erkenntniß. In derselben ArrlagshKN-lung sind noch folgende Werke erschienen: (Die Preise sind in Conventions Münze.) Biberauer M., Homilien über die Worte des Herrn am Kreuze. 8. 1832. broschirt 36 kr. Costa H-, das österreichische Hausr'rhandels- recht. Systematisch dargestellt. gr. 8.1834. broschirt 40 kr. Dieuhart, Pater Thomas, Predigten für Sonn- und Festtage. Aorgetragen den Hörern des Rechts in der akad. Kirche zu Grätz. 8. 1832. 1 fl- 20 kr. Hoinigg I,, Glückwünsche in Versen und Briesen für Kinder, in ihrer Sprache, aus ihren Gefüh¬ len und Begriffen, zu allen Festen und Gelegenheiten, an Leitern, Lehrer, Wohlthäter rc. In 3 Abthei- lungen. I- 254 zwey bis vierzeilige Gedichte für Kin¬ der, etwa von 4 — 6 Jahren. II. 200 sechs bis sechs- zehnze lige Gedichte für Kinder, etwa von 6—12 Jah¬ ren. lll. 118 Glückwünschungsbriefe. 12. broschirt 48 kr. Knar, Dr. Ansangsgründe der reinen Ma¬ thematik. 1. Lheil, Anfangsgründe der allgemeinen Ma¬ thematik; auch unter dem Titel: Anfangsgründe der Arithmetik und ihrer Anwendung auf Größen überhaupt, gr. 8. 1829. 1 fl. 15 kr. -desselben Werkes 2. Theil; auch unter dem Titel: Anfangsgrllnde der reinen Geometrie, enthal¬ tend : die Planimetrie, ebene Trigonometrie und Stereo¬ metrie sammt den Grundzügen der analytischen Geometrie. Mit 11 Latein im Steindruck, gr. 8- 18^9. 1 fl. 45 kr. Krauß J. N., Soiintagspredigten^ vorgetra¬ gen in der akademischen Kirche zu Grätz. 2 »heile 1829. Z fl. Muchar A. v., die heiligen Weihen. Nach dem beygefügten Urtexte des römischen Pontificalbuches überseht und mit vollständigen Anmerkungen begleitet; nebst einem Auszuge aus der Pastoral-Lehre des heiligen Pabstes Gregorius des Großen, und einem Meßgebethe. Zum Gebrauche der Candidaten des römisch - katholischen Priestcrstandes, und zur Erbauung frommer Katholiken zusammen gestellt. 8. 1829 36 kr. -das Thal und Warmbad Gastein nach allen Beziehungen und Merkwürdigkeiten nach eigener Anschauung und aus den zuverlässigsten Quellen dargestellt für Aerzte, Körperkranke, Geschichts¬ forscher, Mineralogen, Metallurgen, Bota¬ niker und fürFreunde der hochromantischen Alpen-Natur: (Isituns tantum Uns! Mit zwey litho- graphirten Ansichten und einer Karte, gr. 8.1834. 2 fl. 30 kr. Nippel Fr. L., Erläuterungen des allgemei¬ nen bürgerlichen Gesetzbuches für die gesummten deutschen Lander der österreichischen Monarchie, mit besonderer Be¬ rücksichtigung des pcacrischen Bedürfnisses, gr 8. 1830 — 185». 1. — Vil. Pränum. VIII. Band. 24 fl. 40 kr. Onderka Dr. I., practische Darstellung der ärztlichen Berufsobliegenheiten für Chirurgen, Distcicts- physiker und Kreisärzte, mit Hinweisung auf die in Stey- ermark gültigen Sanitäts - Verordnungen, gr. 8. 18Z4- broschirt 48 kr. (Sä'mmtliche Tabellen, zum Gebrauche für die Herren Chirurgen, Districtsphysiker und Kreis- ärzte eingerichtet, sind das Buch für 1 fl. zu haben.) Polsterer Dr. A. I., Grätz und seine Umge- gebunzen , historisch - topographisch - statistisch dargestellt. Ein Versuch. Mit vier lithographirten Ansichten, einem Panorama und einem Plane von Grätz. 8. 1827. carton- nirt 2 fl. 30 kr. Schein Dr. J. M., von der Griindbuchsfuh- rung und bey Uebertragung oder Löschung dinglicher Rechte zu beobachtenden gesetzlichen Vorsichten, mit Bezug auf das neue bürgerliche Gesetzbuch, die ergangenen höchsten Verordnungen und Grundbuchs-Patente, ferner von den mit d»m Grundbuche verbundenen Urbarial-Rechten. Theo¬ retisch und prackisch bearbeitet. Dritte vermehrte Auflage, gr. 8. 1830. drosch. 1 fl. 45 kr. cartonnirt 1 fl. 50 kr. Schreiner Dr. G. F. Allgemeiner Kalender für die katholische Geistlichkeit auf das Gemeinjabc 1833. Mit einem Aufsatze über die Natur des Weltsystems von Dr. I- W. Fischer- Mil dem Portraite des Herrn Au¬ gustin Gruber, Fürst-Erzbischof von Salzburg, gr. 4. 1833. steif gebunden, herabgesetzter Preis 1 fl. 15 kr. — — Derselbe snr das Jahr igzä- Mit dem Portraite Sr. Eminenz des hochseligen Herrn Alexander Rudnay, Primas von Ungarn rc steif geb. 1 fl. 48 kr. (Wird fortgesetzt.) Tschinkomib I., Darstellung des politischen Verhältnisses der verschiedenen Gattungen von Herrschaf¬ ten zur Staatsverwaltung, zu ihren Beamten und Un- terthanen in der k. k. österreichischen Monarchie, mit be¬ sonderer Rücksicht auf die Provinzen Steyermark, Kärn- then und Krain. Ein nokhwendiges Handbuch für alle politischen Behörden, besonders für Kreiscommissäre, Be¬ zirks- und Landbeamte, dann Herrschaftsbesitzer und Ver¬ walter. 8. 4 Theile. 1827. 6 fl- Wacht! I., Panorama von Grätz nnd seine» Umgebungen, nebst kurzer Beschreibung 1828. Im Fut¬ teral, schwarz 2 fl. 30 kr. illuminirt 3 fl. 30 kr.