W alter S t einhau s er D I E A LT S L АУ I S C H E L A N D S T Ö R Z E R I N SRAKA Die asi. sraka »vestis« ist eine von den Bohémiennes auf dem Gebiete der sla- vischen und vergleichenden Sprachwissenschaft; allen Versuchen, ihre Herkunft und ihre Beziehungen festzustellen, konnte sie sich bisher erfolgreich entziehen. Seit C. Lottner im Jahre 1862 in KZ XI, 174 seine Ratlosigkeit eingestehen mußte, hat sich im wesentlichen nichts geändert, so daß K. Moszynski noch 1929 in seiner »Kultura ludowa slowian« I, 445 erklären mußte, asi. sraka sei etymologisch unklar, und so ist es bis heute geblieben. Sei es, daß man wie Fr. Tamm, H. Hirt und J. Pei- sker Sraka's Mutter in einem erschlossenen gotischen fem. *sarkö oder *sark(v)jö entdeckt und ihren Töchtern asi. sralica, slov. srajca und russ. soroiica und sorôcka, die sich auf ein »Hemd« oder eine »Hülle verschiedener Art« eingeschränkt hatten, durch diesen Abstammungsnachweis gesicherte Lebensbedingungen verschafft zu haben meinte, sei es, daß man wie Hj. Falk und A. Torp, M. Murko, A. Sobolevskij, M. Vasmer und L. Wanstrat den Vater in altnord. serkr »Art Hemd« ( < germ. *sarkiz) suchte, wodurch die nahe Verwandschaft bis ins Angelsächsische durch dessen Geschwister ser с m. ( < germ. *sarkiz) und ser ce i. »Hemd« ( < germ. *sarkjön) ausgedehnt worden wäre, sei es, daß man wie L. Niederle unter Heran- ziehung fund- und kulturgeschichtlicher Beobachtungen Sraka's Abstammung durch unmittelbare Anknüpfung an die im Raum der alten klassischen Mittelmeerkultur beheimatete Sarca ein höheres Ansehen zu geben glaubte, sei es, daß man sie schließ- lich durch bodenständige Verwurzelung auf die indogermanischen Sippen von lat. sarcire »flicken« samt oder ohne griech. ÏQxoq »Gehege, Netz« oder von lat. serere .anknüpfen« und altind. sraj- »Kette, Blumengewinde« zurückzuführen hoffte, wobei ein geknüpftes oder genetztes Kleidungsstück die Vermittlerrolle gespielt haben müßte, wie dies K. Brugmann, F. Solmsen, R. Meringer, J. Janko sowie A. Walde und J. Pokorny annahmen — immer scheiterten die wohlgemeinten Bemühungen an dem Widerstand ihres litauischen Sohnes szarkas »grober Tuchüberrock der Haffi- scher«, der boshaft und selbstbewußt auf sein anlautendes sz hinwies und auch für seine Mutter einen Vorfahren mit palatalem & verlangte, worauf schon T. Torbjörns- son, V. Kiparsky und E. Boisacque aufmerksam gemacht haben. Da es nun bis heute nicht gelungen ist, entweder einen ausländischen Vorfahren der sraka mit palatalem š nachzuweisen noch eine geeignete idg. Sippe ausfindig zu R> machen, aus deren palatalem k sowohl slav. s als lit. sz hervorgegangen sein könnte wie etwa bei asl. srbib-ce: lit. szirdis »Herz« < urbaltoslav. *širdis < idg. *krdis, möchte ich zur Erwägung stellen, ob nicht die romanische sarca ihre Großmutter und die von dieser abstammende albanische šarks f. »weißer wollener Überrock mit roten Tupfen« ihre Mutter sein könnte. Denn das alb. š, das lautgesetzlich aus idg. oder älter entlehntem fremden s entstanden ist, muß seinen Weg über palatales š genommen haben, das nach den Ausführungen von N. Jokl in den IF XXXVI, 151 f und in seinen »Linguistisch-historischen Untersuchungen aus dem Bereich des Alba- nischen« von 1923, S. 210 und 331 in der Zeit der ältesten Berührungen zwischen Slaven und Albanern nach dem 6. Jhd., etwa im 7 . -8 . Jhd. gesprochen worden sein dürfte; das auf idg. k, g zurückgehende slav. s, z wurde aber bis 800 ebenfalls als palatales š, ž artikuliert, wie sich aus den deutsch-slavischen Lautersatzverhältnissen ergibt, so daß der slavische und der albanische Laut einander damals genau ent- sprachen. Die Annahme der palatalen Aussprache des slav. s, z < idg. k, g für die Zeit bis 800 wird durch folgende Erwägung nahegelegt: čech. vyz »Hausen« und asl. mozolb »Schwiele« müssen zwischen 750 und 800 aus ahd. Iiiiso und tnasal entlehnt worden sein; denn ihr z setzt einerseits die um 750 eingetretene stimmhafte Aussprache des ahd. s voraus und wurde anderseits, da es dem ahd. 5 damals näher stand als das seit der ersten Palatalisierung vorhandene ž, diesem als Ersatzlaut für ahd. s zum Unterschied von der Zeit nach 800 noch vorgezogen, vgl. das nach 800 entlehnte čech. žok »lederner Sack, Schlauch« < adh. sac »Sack« und slov. viža »Weise, Melodie« < adh. wîsa dass. Und da eine Änderung in der Aussprache des ahd. s damals nicht eingetreten ist, wie irrigerweise behauptet wurde, sondern die aus dem Germanischen ererbte š-artige Artikulation mit der Zungenspitze an den Oberzähnen, wie sie noch jetzt im Englischen gilt, bis ins 13. Jhd., in den konser- vativen Mundarten sogar bis heute (als Ä oder š) erhalten geblieben ist, muß das slav. z vor 800 eine andere Aussprache gehabt haben als heute und das kann infolge seiner Herkunft nur die eines palatalen ž gewesen sein, das sich zwar in der Bil- dungsweise vom ahd. 5 unterschied, aber im Klang eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm hatte. Und dasselbe gilt natürlich vom slav. s < idg. k, das in Entlehnungen vor 800 frühahd. stimmloses s wiedergibt, während nach 800 slav. š für dieses eintritt, vgl. čech. mosaz »Messing« < asl. *mosçg'i>, mosçdzb < frühahd. *massing, frühnhd. messinc, aber asl. miša »Messe« < ahd. rnissa neben messa. Dieser Erklärungsversuch bietet übrigens auch noch die Möglichkeit, das Vor- handensein eines masc. im Slavischen und Litauischen zu rechtfertigen. Da nämlich das auslautende -a der feminina im Albanischen zu -c geworden ist, das lautlich dem asl. -ъ näher gestanden haben dürfte als dem asl. -a, kann frühalb. *šarke in früh- 11) Slav. revija 285 slavischer Zeit bei Nichtbeachtung des Geschlechtes als *ёаг!гъ nachgesprochen worden sein, das dann weiterhin zu russ. soroki und durch friihslavische Vermittlung zu lit. szarkas führte, während man bei bewußten Festhalten am weiblichen Ge- schlecht zum frühslavischen fem. *šark