UDK 321.01:929 Masaryk: Th. G. Thomas G. Masaryk - ein Philosoph der Humanitat und der Demokratie (Die Dringlichkeit seines Denkcns fur Mitteleuropa) JOSEF ZUMR, TSCHECHIEN POVZETEK THOMAS G. MASARYK, FIWZOF HUMANOSTI IN DEMOKRACIJE. NUJNOST NJEGOVE MISLI TA SREDNJO EVROPO. T. G. Masaryk je formuliral svoje razumevanje demokracije v času, v katerem je tradicionalni liberalizem preživljal globoko krizo. V nasprotju s konceptom politike kot spretne manipulacije z močjo in v nasprotju z relativiranjem vseh vrednot je povdarjal etični temelj politike. Njegovo razumevanje demokracije je nastalo že v osemdesetih letih 19. stoletja in je bilo inspirirano z humanistično tradicijo češke reformacije. To razumevanje pa ni bilo nacionalistično omejeno, temveč je imelo od vsega začetka občo človeško dimenzijo. Takoimenovano "češko vprašanje" je za Masaryka predstavljalo "svetovno vprašanje". Po njegovem mnenju demokracija ne predstavlja samo nek politični sistem, temveč hkrati tudi svetovni nazor. Prva svetovna vojna je za Masaryka pomenila svetovno revolucijo, v kateri je šlo za boj med teokracijo in demokracijo. Analiza vojnih dogodkov je potrdila Masarykovo prepričanje, da se svetovni proces razvija v smeri demokracije in da pripada prihodnost demokraciji. Sledeč svojemu konceptu demokracije, je Masaryk leta 1918 ustanovil državo, češkoslovaško republiko. Da je neko državo ustanovil mislec, je pomenilo izjemo v zgodovini. Svetovni dogodki v zjadnjih petdesetih letih potrjujejo Masarykove misli, da bo postala demokracija v prihodnosti, neodvisno od različnih peripetij in občasnih porazov, vladajoč sistem. Tudi nacionalno vprašanje je mogoče konsekventno rešiti samo v okvirih demokracije. Ta Masarykova ugotovitev ima prav za srednjo evropo odločilen pomen. V tem za vselej obstaja Masarykova živa zapuščina. Mit Vergniigen kann ich feststellen, wenn ich heute in Ljubljana iiber Thomas Garrigue Masaryk sprechen will, da8 ich keinen unbekannten Boden betrete. Die slowenische Offentlichkeit hatte die Gelegenheit, Masaryks theoretische und prak-tische Tatigkeit schon seit dem Anfang der neuziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu ver-folgen. Ein Zeugnis davon bieten zahlreiche Berichte und Besprechungen in slowenischen Zeitungen und Fachzeitschriften.1 Einige von Masaryks Werken wurden ins Slowenische iibersetzt.2 Eine Reihe von slowenischen Autoren befaBte sich mit den Ansichten Masaryks und veroffentlichte die wissenschaftlichen Ergebnisse in vielen wertvollen Studien und Monografien.3 Der slowenische Philosoph und Soziologe Ivan Žmavc, der eine lange Zeit in Prag wirkte, war ein direkter Schiiler Masaryks. Im Jahre 1931 wurde Masaryk zum Ehrendoktor der hiesigen Universitat gewahlt. Nach Masaryks Tod im Jahre 1937 veranstaltete die Slowenische Philoso-phische Gesellschaft eine feierliche Sitzung und iiber Masaryks Philosophic sprach dort die hervorragende slowenische Philosophin Alma Sodnik.4 Schon damals haben die Werte der Geisteskultur unsere Volker einander auf bedeutende Weise genahert. Aber seit dieser Zeit ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen. 1st es schon unwiederbringliche Vergangenheit, oder ist es noch wert zu ihr zuriickzukehren? Meiner Meinung nach existiert ein wichtiger Grund daftir, warum es sich lohnt, solche Werte, welche z.B. Masaryks Werk darstellt, neu zu iiberpriifen. Die europiiischen postkommunistischen Lander sind in ein ideologisches Vakuum geraten. Die friiheren Doktrinen haben aufgehort zu gelten und die neuen werden erst gesucht. Masaryk lebte in diesem Raum, kannte seine Probleme genau, dachtc iiber sie theoretisch nach und loste sie praktisch. Wahrend seines langen Lebens haufte er eine ungeheure Menge von Erfahrungen an und begegnete Problemen, die bis heute andauern. Es ware deshalb angebracht, seine Erfahrungen zu nutzen. Masaryk ist selbstverstandlich nicht der Einzige, der uns die Gegenwart zu begreifen und die Orientierungspunkte der Zukunft finden helfen kann. Aber er kann es besser tun als manch anderer. In meinem Beitrag mochte ich mich auf zwei Problemkreise konzentrieren. Auf Masaryks Demokratiebegriff und auf seine Auffassung der Nationalitatenfrage. Zwischen beiden Problemkreisen gibt es einen engen Zusammenhang. Masaryk, ahnlich wie einige seiner Zeitgenossen - die Soziologen und Philoso-phen, z.B. Emile Durkheim, Max Weber, Vilfredo Pareto, Jacob Burchardt u.a. - halt seine Epoche ftir eine Periode der Krise, die durch den Zusammenbruch der alten Welt und ihrer gefestigten Vearhiiltnisse und Werte hervorgerufen wurde. Masaryk faBt diese Kriese vor allem als eine moralische auf. Der Kriesenzustand des modernen Menschen, der durch das Versinken in krank-haften Subjektivismus verursacht ist, aus dem innere Zerrissenheit sowie intellektuelle und moralische Anarchie einerseits und GroBenwahn und Titanismus andererseits ent-stehen, objektivisiert sich in der Form von gesellschaftlichen Ubeln, Agressivitat und kriegerischen Konflikten. Die Begleiterscheinung dieses Prozesses ist auch eine wa-chsende Anzahl von Selbstmordern. Masaryk widmete diesem Problem im Jahre 1881 seine Habilitationsschrift "Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der mod- 1 Siehe: Dr. Jaromir Doležal, T.G. Masaryk. Supis tisku v cizlch jazycfch. Orbis, Praha 1983. Bibliografic. Slovinsky-SlovenaSki, S 233-247. Seihe auch: T.G. Masarik. Zbomik. Priredila Jugoslovensko-Čechoslovačka liga u Beogradu, red. dr. Dragutin Prohaska. Beograd-Praha 1927, S. 274-275. 2 T.G. Masaryk, Svetovna revolucija. Prevedel Ferdo Kozak. NaSa založba, Ljubljana 1936, 520 pag. Kleincre Arbeiten siehc in: Doležal, S. 235-237. 3 Irena Gantar Godina, Masaryk in Masarykovstvo pri Slovencih. Slovenska Matica, Ljubljana 1987. 4 A. Sodnik, Osnove Masarykove filozofije. J. Blasnika nasi. Univerzitetna tiskarna in litografija, Ljubljana 1937. emen Zivilisation".5 In diesem Buch sind schon die Grundrisse von Masaryks spaterer Weltanschauung forrauliert. Dieser Zustand ist nur durch konzentriertes Bestreben um die Wiedererweckung der individuellen sittlichen Lebensprinzipien und gemeinsam damit auch des gesellschaftlichen Lebens zu bewaltigen. Die Grundlagen zu diesen sittlichen Prin-zipien wurden durch die Reformation und die von ihr ausgehende neuzeitliche de-mokratische Tradition gelegt. Humanitat im Sinne allgemeiner Menschenachtung und Liebe sowie Demokratie sind in Masaryks positivem Programm die Hauptbegriffe. Masaryk analysiert die wichtigsten neuzeitlichcn europaischen und amerikanischen Denkstromungen und stellt fest, daB Humanitat und Demokratie besonders in Bohmcn eine starke Tradition haben. Die tschechische Reformation des 15. und 16. Jahrhun-derts, als Vorkampfer der europaischen Reformation, hat das Ideal des freien Men-schentums und der tatigen Liebe zum Mitmenschen zur notwendigen Voraussetzung fiir den Aufbau von Gottes Reich auf Erden erhoben. Das Vermachtnis von Jan IIus, der Bohmischen Briider, Comenius und den bedeutenden Personlichkeiten der nation-alen Wiedergeburt vom Anfang des 19. Jahrhunderts, wie Palacty und Havllček, bildet nach Masaryks Auffassung den Sinn der tschechischen Geschichte. Die tschechische Geschichte tendiert also zu demselben Punkt wie die Weltgeschichte, wclche die Bewegung zur Demokratie und zu den Idealen der mcnschlichcn Freiheit, Gleichheit und Briidcrlichkcit kennzeichnet, also zu den Idealen der franzosischcn Revolution.6 Diese Bewegung erreichte ihren Hohepunkt im Ersten Weltkrieg, den Masaryk als Weltrevolution versteht, und in dem die Demokratie den theokratischen Absolutismus besiegte. Durch die Emeuerung des unabhangigen tschechoslowa-kischen Staates, der auf den Prinzipien von Demokratie und Humanitat gebaut werden soil, erfiillt sich auch der Sinn der tschechischen Geschichte.7 Der Aufbau dieses Staates bleibt auch als dauerhaftes Verdienst Masaryks. Der tschechische Philosoph Jan Patočka bewertet dieses Ereignis mit folgenden Worten: "Kaum jemand war sich damals und ist sich auch heute dessen bewuBt, daB unser Denken nach dem Krieg im Zeichen einer einzigartigen Tatsache stand, welche in der gesamten Geschichte und auch in der Philosophiegeschichte ohnegleichen ist. Niemals vorher, in der Antike, im Mittelalter, in der Neuzeit geschah es, daB ein Dcnker einen Staat gegriindet hiittc."8 Wenn wir nach dem philosophischen Grund von Masaryks Gcschichtsauffassung fragen, so finden wir, daB in seinem Denken zwei schcinbar gegensiitzlichc Stromun-gen zusammenflieBen. Einerseits, als Soziologie, beansprucht er einen wissenschaftli-chen Zutritt zu der Analyse der Sozialcrscheinungen, beruft sich auf Comte, ver-bessert dessen Klassifikation der Wissenschaften, wendet die Methoden der Statistik, der wissenschaftlichen Psychologic an u.s.w., aber andererseits begniigt er sich damit nicht und sucht tiefere metaphysische Begriindungen der menschlichen Existenz und des Weltgeschehens. Und auf diesem Gebiet wird zu seiner Autoritat Plato. Plato war lebensiang sein Lieblingsphilosoph, iiber Plato verfasste er seine Doktorarbeit, eine der ersten Studien, mit der er sich der tschechischen Offentlichkeit vorgestellt hatte, schrieb er zum Thema Plato als Patriot und Platos Zitate finden wir auch in seinen 5 Thomas G. Masaryk, Der Selbstmord als sozialc Massenerscheinung der modern CD Civilisation. Carl Konegen, Wien 1881. Nachdruck der 1. Aufl.: Philosophia, Miinchcn 1982. 6 TomšJ G. Masaryk, ČcškSotžzka. Snahy a tuJ.by nArodnflio obrozenl. Čas, Praha 1895. Rezens. siehe: M(atija) M(urko), Ljubljanski Zvon, 15,1895, S. 327-328. 7 T.G. Masaryk, Svetovi revoluce. Za v Alley a ve vSlcc 1914-1918. Čin-Orbis, Praha 1925. — Die Weltrevolution. Erinnerungcn und Betrachtungen. 1914-1918. Erich Reiss, Berlin 1925; 2. Aufl. 1927. 8 Jan Patočka, Masaryk. Soubor člšnkfi, predniiek a pozndmek. Samisdat, Praha 1979, S. 249. spateren Werken.9 Diese Tatsache hat eine gewisse innere Logik. In Masaryk erreicht die platonische und neuplatonische Tradition des tschechischen Denkens, die schon im Mittelalter bei Jan Hus anfangt, sich durch die groBe reformatorische Personlichkeit von Johannes Amos Comenius fortsetzt und im 19. Jahrhundert sich bei Masaryks Vo-rlaufer, dem Historiker, Politiker und Denker František Palacky erneuert, ihren Hohepunkt. Bei alien diesen Personlichkeiten entsteht unter dem EinfluB des Platon-ismus eine Spannung zwischen der unerwiinschten Realitat und der Idee als dem er-wiinschten Urbild, und das ist auch der theoretische Grund ihrer reformatorischen Be-strebungen. Aus dcm vorausgehenden ergibt sich, daB Masaryk die Demokratie nicht nur als eine Staatsverfassung auffasste. Er fasste gleichzeitig die Demokratie als eine human-istische Weltanschauung auf, von der alle gesellschafthchen Bestrebungen ausgehen. Sie bietet dcm mcnschlichen Handeln eine langfristige Perspektive und einen Orien-tierungspunkt. Deshalb forderte er, die sozialcn, politischen und moralischen Probleme sollen "sub specie aetemitatis" beurteilt werden.10 Masaryk lehnte die Auffassung der Politik als ciner geschickten Manipulation mit der Macht ab. Aber zugleich war er kein Schwarmer. Er war ein praktischer Politiker und beherrschte die Fahigkeit, fiir seine Ideale zu kampfen. Er lehnte prinzipiell Lev Tolstojs Ansicht ab, daB man dem Bosen nicht widerstehen solle. Die Reformanderungen zog er der Revolution vor, aber wenn er erkannte, daB die Gesellschaft von dem aggressiven Bosen bedroht wurde, zogerte er nicht, mit revolutionarer Gewalt dagegen zu kampfen. Dies geschah wahrend des Ersten Weltkrieges. Die postmoderne Epoche bezweifelt die objektive GesetzmaBigkeit der gesellschafthchen Entwicklung, den Glauben an den Fortschritt, die verbindlichen Moralkodexe. Sie erschreckt vor den erhabenen Idelaen. Die gesellschafthchen Probleme versucht sie pragmatisch zu losen.Von diesem Standpunkt aus konnte es scheinen, daB Masaryks Ansichten hoffnungslos veraltet seien. Meiner Meinung nach kann keine Gesellschaft lange ohne Ideale leben, ohne Bemiihungen um die Lebens-wahrheit und ohne Kliirung der Frage, was das soziale Gute bedeutet. Jeder solchen Gesellschaft droht, daB sie nur von heute auf morgen leben wird, daB sie sich in eine Konsumgesellschaft im schlechten Sinne des Wortes verwandeln wird. Die Markt-wirtschaft an sich kann die Welt nicht erlosen. Dem heutigen Europa und der westli-chen Welt iiberhaupt fehlt eine groBe Idee. Dem heutigen Europa und der westlichen Welt fehlt ein groBer Denker. Wenn er in der Gegenwart fehlt, konnte man ihn nicht wenigstens in der nicht allzu weit entfemten Vergangenheit suchen? *** Einige osterreichische Historiker bcschuldigen Masaryk, daB er Osterreich-Un-garn zerstort hat und daB Europa, vor allem Mitteleropa, sich anders hatte entwickeln konncn, wenn dieses groBe Reich weiter existiert hatte.11 Einige tschechische Historiker behaupten sogar, daB die Tschechoslowakei im Jahre 1918 durch einen Irrtum entstanden ist, und daB ihr Untergang zuerst in den Jahren 1938-1939 und dann im 9 Josef Zumr, Masaryk a Plat6n. In: Rozum a v(ra. Filozofick? ustav ČSAV, Praha 1991, S. 82-85. 10 Karel Čapek, Hovory s T.G. Masarykem. Fr. Borovf-Čin, Praha 1946, S. 300-306. — Gesprache mit T.G. Masaryk. Rogner&Bcrnhart, Miinchn 1959. 11 Dicse Ansichten analysiert Thomas Kletccka, Die Rezeption Thomas Garrigue Masaryks in der osterreichischen Historiographie. In: Masarykova idea československč stitnosti ve svetle kritiky dčjin. Ustav T.G. Masaryka, Praha 1993, S. 108-116. Jahre 1992 nur eine Folge dieses Irrtums war.12 Im ersten Falle handelt es sich um ein MiBverstandnis, im zweiten Falle um eine boswillige Interpretation der Geschichte. Masaryk verhalt sich vom Anfang seiner politischen Aktivitat im Jahre 1891, als er zum erstenmal zum Abgeordneten des Reichsrates in Wien gewahlt wurde, bis zum Jahr 1914, als er sich ins Exil zu gehen entschied, als loyaler Biirger und bemiihte sich um eine innere demokratische Verwandlung Osterreich-Ungams nach dem Prinzip der folgerichtigen Freiheit aller Nationen. Mit Befiirchtungen beobachtcte er die militaris-tische PoUtik Osterreichs und seiner Verbiindeten und schon in der Ilalfte der neun-ziger Jahre warnte er vor der Moglichkeit eines Krieges, der in der bisherigcn Geschichte der Menschheit der schrecklichste ware. Er empfahl Osterreich sich vom imperialistischen Deutschland zu distanzieren und sich der Losung der inneren Probleme zu widmen. Die friedliche Entwicklung der Wirtschaft und der Kultur aller oster-reichischen Nationen konnte die innere und auBere Lage der Monarchic festigcn und Osterreich konnte dann eine positive Rolle in der europaischen Politik spielcn. Noch im Jahre 1912 versuchte Masaryk durch Verhandlungen in Belgrad die Spannungen zwischen Serbien und Osterreich zu mildern und erreichte, daB Serbien einen Dialog mit Wien zu fiihren bereit war. Von Seiten Osterrechs wurde aber Masaryks Frie-dcnsmission abgelehnt.13 Als dann der Krieg ausbrach, analysierte Masaryk griindlich und gelangte zu dem SchluB, daB Osterreich und seine Verbiindeten einen ungerechten Krieg luhrten, der alien europaischen Nationen ungeheueres Lcid verursachen wiirde und gerade das metaphysiche Bose verkorpcrt. Er kam zu der Uberzeugung, daB die Monarchic zu keiner Reform fahig sei, daB sie in diesem Krieg besiegt werden miiBte, und etschloB sich, gegen sie zu kampfen. Die Niederlage Osterreichs wird zur Folge die Befreiung der in ihm lebenden Nationen habcn und deshalb ist es notwendig, sich fur einen unabhangigen tschechoslowakischen Staat einzusetzen. Den Auseinanderfall Osterreichs verursachte seine militaristische PoUtik und die Unfahigkeit, auf einer demokratischen Basis die Nationalitatenfrage zu losen. Nicht Masaryk, sondcrn die Wiener militaristische und biirokratische, von der kirchlichen Hierarchic geweihte, herrschende Schicht war der wirklichc Totengraber Osterreichs. Die Nationalitatenfrage war fur Masaryk eincs der wichtigsten Probleme der Zeitgeschichte und auch der praktischen Politik. Masaryk war davon iibcrzeugt, daB alle Nationen vollig gleichwertig sind. Fiir Masaryk waren alle Theorien unannchm-bar, die eine Nation oder eine Gruppc von Nationen iiber die andcrcn setzen, sei es aus Rassengriinden, wegen zahlenmaBiger Uberlegenheit, oder aus anderen Grunden. Er war auch Gegner jedweden Messianismus, einer Theorie des auserwiihlten Volkes, dem die Vorschung eine besondere Berufung bestimmt hatte. Im Jahre 1890 sprach er die Hypothcse aus, daB in der Gesellschaft eine natiirliche, zur Einheit der gesamten Menschheit fiihrende Entwicklung vcrlauft. Diese Einheit solite kein ununterscheid-bares Ganzes sein, sondcrn cine organische Einheit von sclbstandigcn nationalen Or-ganismcn. "Die Menschheitsentwicklung fiihrt zu der Foderation der angemessen en-twickelten gesellschaftlichen Individualitaten."14 In dieser Wclteinheit nehmen auch die kleineren Nationen eine wiirdige Position ein. Masaryk vergegenwartigte sich die schwierige Lage der kleinen Nationen, welchc in der Nachbarschaft der groBcn oder sogar in ihrcr Einkesselung ihre Idcntitiit vertcidigen mttssen. In der Konkurrenz mit den GroBcn konnen sie bestehen, wenn sic im Einklang mit der geschichtlichen Ten- 12 Autorenlcrcis um die Prager Revue "Strdnl Evropa" (das Mittelaropa). 13 Siehe: Jaroslav Opat, Masarykovo evropanstvf jako pojem a politick^ program. In: Masarykuv shorn (k, VIII, Ustav T.G. Masaryka, Praha 1993, S. 38-39. 14 T.G. Masaryk, Človek a prlroda. Zcitschrift "Kvety", Praha 1890. denz wirken wiirden: "Es existiert in der Welt keine Macht, welche auch die kleinste Nation vernichten konnte, wenn diese fiir die Ideale der Menscheit arbeitet."15 Die Nationalitatenfrage kann man also nur auf dem Boden der Demokratie und der Hu-manitat losen. Besonderes Augenmerk richtete Masaryk auf das Problem der Minderheitenvolker. Dieses Problem wurde nach dem Entstehen der Tschechoslowakischen Republik sehr dringlich. In der Tschechoslowakei lebten zahlreiche Minderheiten. Neben der zahlenmafligen deutschen Minderheit existierten auch polnische, ungarische, ukrainische, ruthenische und rumanische Minderheiten. In solchen Verhaltnissen war die Verantwortlichkeit der Majoritatsnation stark gestigen. Die Majoritatsnation muB nach Masaryk im voraus die Bedurfhisse der Minderheitenvolker losen, Konflikten vorbeugen und im Geiste der Toleranz ein vernunftiges Gleichgewicht unter alien Bevolkerungsschichten erhalten. "Aufgabe einer Majoritatennation in einem Staat, in dem nationale Minderheiten leben, ist es, die Stellung der Minoritat zu sich und zum Staat verniinftig zu regulieren. Nicht darauf warten, was die Minderheit wollen wird, wonach sie rufen und schreien wird; keine Konzessionen danach machen, wie die Minderheit Vorteile fur sich selbst durchsetzen versucht. Sondern mit der richtigen Analyse der Verhaltnisse selbstandig ein Programm entwerfen, wie die Stellung der Minderheit im Staat geregelt werden solite; und ein solches Programm dann freiwillig und als Pflicht sich selbst und dem Staat gegenuber durchfuhren, nicht nur der Minderheit gegenuber, die es betriffi."16 Die Tschechoslowakische Republik war bestrebt, diese Prinzipicn einzuhalten, gegenuber der deutschen Minderheit, die unmittelbar nach dem Entstehen der Republik dem neuen Staat gegenuber feindlich auflrat. Trotzdem bekam sie von der Regierung voile kulturelle und politische Autonomic. Die Deutschen hatten eigene Schulen, eine eigene Univcrsitiit, Theater, Zeitschriften und Zeitungen, verschiedene Vcreine und Organisationen, die deutschcn Partien waren im Parlament vertreten und zwei dcutsche Minister waren Regierungsmitglieder. Die Tschechoslowakei war aber die einzige demokratische Insel in Mitteleuropa inmitten faschistischer und totalitarer Staaten. Obwohl es in der zwciten Iliilfte der zwanziger Jahre gelungen war, mit der deutschen Minderheit einen modus vivendi zu finden, hielten gewisse Spannungen weitcr an und nach dem Jahre 1933, nach Ilitlers Machtergreifung, erlag diese Minderheit groBtenteils der Hitlerdemagogie und forderte den AnschluB an das Deutsche Reich. Die Tschechoslowakei war nicht im Stande ihre Demokratie aus eigenen Kraften zu vcrtcidigcn, und als ihre westlichen dcmokratischen Verbiindeten, die vor Ilitlers Agressivitat zuriickwichen, sie verricten, kam es zu ihrem Zerfall und Unter-gang. Die Folgen sind bekannt: ein grausamcr, monstroser Zweiter Wcltkrieg. Masaryks Lehre wurde vergessen. Heute, da mehrere Staaten und kleine Nationen Mittel-und Siidosteuropas sich um Demokratie bemiihen und da das iibrige Europa seine demokratischen Prinzipien festigt, wird Masaryks Idee, welchc im Jahre 1920 in dem Buch "Das neue Europa" formuliert wurde, auBerordentlich aktuell, namlich daB die Voraussetzung der friedli-chen und demokratischen Zukunft Europas eine Synthese "aller Kulturelemente, die das Endergebnis der Arbeit aller Nationen sind"17 sei. Und was die Rolle der kleinen 15 Ibid. 16 President T.G. Masaryk k otiz.ee ndrodnostnfch menšin. In: NSrodnostni obzor, I, Červen 1930, Nr. 1, S. 1. 17 T.G. Masaryk, Das Neue Europa. C.A. Schwetschke, Berlin 1922, S. 87. Nationen in diesem historischen ProzeB betrifft, konnen wir ohne Kommentar die fol-genden Worte Masaryks belassen: "Das Problem der kleinen Nationen und Staaten ist dasselbe Problem wie das Problem des sog. kleinen Menschen: darum handelt es sich, daB der Wert des Men-schen, die menschliche Individualist, ohne Riicksicht auf die matcriellen GroBenun-terschiede respektiert werde... Die moderne Humanitatsidee anerkennt das Recht des Schwachen; darin steckt ja der Sinn alles Strebens nach Fortschritt und Anerkennung der Wiirde des Menschen: der Starke wird sich stets selbst helfen - Schutz der Sch-wachem und Schwachen, Schutz der Kleinen, der Einzelnen, der Korporationen, der Klassen, Nationen und Staaten, dies ist die Aufgabe der neuen Zeit. Uberall verbinden sich die Schwachen, die Unterdriickten und Ausgebeuteten - Assoziation ist das groB Programm unserer Zeit... Eine wirkliche Foderation der Nationen wird erst dann vorhanden sein, wenn die Volker sich selbst frei und nach Wunsch miteinander verbinden werden. Diesem Zustande strebt die Entwicklung Europas zu." T. G Masaryk: Bibliographic Jakovenko, Boris: La bibliographic dc T.G. Masaryk. In: Bibliothique Internationale de Philosophic, Vol. I, Prague 1935. Jakovenko, Boris: Die Bibliographic iiber Th.G. Masaryk. In: Festschrift T.G. Masaryk zum 80. Geburtstage. II. Masaryk als Denker. Bonn, F. Cohen 1930. Pokorn^, Frantižek: Bibliografie litcrirnlch pracf (knižnlch i članku) 1. presidenta ČSR profesora Dr. T.G. Masaryka a monografie o nčm. In: Naša kniha XI, č. 6-8, Praha. A. Neubert 1930. Bcrkopec, Oton: T.G. Masaryk a Jihoslovane. Bibliografie do konce roku 1937. Knihy a časopisy. Praha, slovanski ustav 1938. Bizjak, Z: Masarykiana v slovinStinč. Čsl. - Jugoslovcnskč revue 1938. Doležal, Jaromfr T.G. Masaryk. Soupis tisku v cizfch jazyclh. Praha, Orbis 1938. Kovtun, George J.: TomSJ G. 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