v * f r / , 4 \ 4 \ \ I \ > Nostra maxima culpa! Die bedrangte Lage der katho- lischen Kirche, deren Ursachen und Vorschlage zur Besserung. Von ANTON VOGRINEC Pfarrer in Leifling, Karaten. MOTTO: „Wenn ich unrecht geredet habe, so beweise das Unrecht; wenn ich aber recht gesprochen habe, warum schlagst du mich?” Joh.18. 23. tast &S& kžS * 1 cs« fes* voza tzsn &==§* ess? tzsn tisa ta=a WIEN und LEIPZIG 1904, o Kaiserliche und konigliche Hof- Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung CARL FROMME. K. U. K. HOF-BUCHDRUCKEREI UND HOF-VERLAGS-BUCHHANDLUNG 'CARL FROMME IN WIEN UND LEIPZIG. Allgemeines biferafurblaft J-ierausgegeben durch clie Osferreich. L>eo - Gesellschaff. . Redigiert von Dr. FRANZ SCHNURER. Das »ALLGEMEINE L 1 TERATURBLATT« ist das einzige auf posi- tivem Boden stehende, alle VVissensgebiete beriicksichtigende Lite- raturblatt. Es ist nicht nur dem Forscher fiir sein spezielles Arbeitsgebiet wertvoll, sondern es soli insbesondere auch dazu dienen, den Zusammenhang der Wissenschaften untereinander aufzuzeigen, das im hochsten Sinne christ- liche und katholische Prinzip der Einheit alles Wissens und Er- kennens darzulegen und praktisch zu verwirklichen. In dem alle AVissenschaften und kunstlerischen Bestrebungen umspannenden »ALLGEMEINEM LITERATURBLATT« sammeln sich wie in dem Brennpunkte einer Linse ali die Strahlen, die von verschiedenen Seiten her die Erkenntnis der \Velt und des Lebens fordern und die tiefsten Fragen des Daseins, wie die ihrer Aufhellung und Losung dienenden gelehrten Forschungen unter den hochsten Gesichtspunkten christlicher Weltanschauung, die ja Ausgangspunkt, Grundlage und Kern unserer ganzen Kultur ist, beleuchten. Die Leo-Gesellschaft hat mit dem »ALDGEMEINEN LIT ER ATURBL ATT E « ein Organ geschaffen, das allen denen, die ein lebendiges Interesse nehmen an dem geistigen Leben unserer Zeit, sei es als Forscher in irgend einem Zvveige der Wissenschaft, sei es als einfacher Freund gelehrter oder schonwissenschaft- licher Literatur, ein gewissenhafter Berater sein soli. Das »ALLGEMEINE LITERATURBLATT« wird namentlich allen jenen unentbehrlich sein, die an Wohnsitze fern den groflen Bildungszentren gebunden sind, denen es aber Bedurfnis ist, iiber die Neuerscheinungen auf verschiedenen AVissensgebieten verlafilich von Fachautoritaten belehrt und im Laufenden er- halten zu werden. Das »ALLGEMEINELITERATURBLATT« erscheint injahrlicb 24Nummern a 2 Bogen in Grofiquart, die am 15. und letzten eines jeden Monats zur Aus- gabe gelangen und kostet ganzjahrig K 15.— = M. 12.50. Zu beziehen dnrcli alle Buchtiandlungen des In- nnd Anslandes. culpa! N ostra maxitna Nostra maxima culpa! Die bedrangte Lage der katho- lischen Kirche, deren Ursachen und Vorschlage zur Besserung. Von ANTON VOGRINEC Pfarrer in Leifling, Karaten. MOTTO: „Wenn ich unrecht geredet hab e, so beweise das Unrecht; wenn ich aber recht gesprochen habe, warum schl&gst du mich ?” Joh. 18. 23. WIEN und LEIPZIG 1904. o Kaiserliche und konigliche Hof- Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung CARL FROMME. Alle Rechte vorbehalten. 114042 T^c lueife/ Vorwort. Ich dachte anfangs nicht daran, ein Vorwort zu schreiben, da sowohl die Einleitung als auch die SchluBbetrachtung den Leser hinreichend iiber die Ziele dieser Schrift orientiert. Wahrend der Korrektur bin ich jedoch auf den oft sonder- bai*en Stil meines Buches aufmerksam geraacht worden, welcher Umstand mir zum AnlaB wird, doch einige Bemerkungen zur Orientierung der Leser den eigentlichen Ausfiihrungen voraus- zuschicken. Von der Kritik, die den Inhalt meines Buches zum Gegen- stande hat, verlange ich keine Nachsicht; ich appelliere sogar in den SchluBkapiteln: „An die Laien” und „An den Klerus” an jeden Leser, dafi er auf die dort angegebene oder auf eine andere Weise seine Anschauungen iiber meine Untersuchungen und Vorschlage zum Ausdrucke bringe. Nur wunsche ich nicht jene Kritik, die nicht mit Griinden, sondern mit Gewalt oder Drohung argumentiert und je nach Umstanden am ehesten den Gegner zum Schweigen bringen kann. Ich hoffe, daB ich diese Kritik heutzutage nicht zu fiirchten liabe. Ich wurde mir jedenfalls zum Erfolge meiner Schrift gratulieren, wenn ich die Leser dahin bringen wurde, daB sie sich entweder begeistert den von mir proponierten oder ahn- lichen Anschauungen ansehlieBen und mit mir in den Ruf ein- stimmen: „Nostra maxima culpa!”, wir selbst, namlich die VI geistigen Leiter der Glaubigen, sind schuld an der Bedrangnis der Kirche — ja, nicht mir in diesen Ruf einstimmen, sondern den festen EntschluB fassen, an der Realisierung der als richtig erkannten Grundsatze mitzuarbeiten — oder daB sie, von der Falschheit meiner Ausfiihrungen iiberzeugt, in einer saehlich gehaltenen, privaten oder offentlichen Kritik mit Entrustung meine Urteile iiber die kirchlichen Zustande zuruckweisen, sich mit noch groBerer Ziihigkeit an die alten, von mir falsch- lich bemangelten Zustande anklammern und mir zu \vissen geben, daB nur ich selbst an die Brust zu klopfen und zu sagen hatte: „Mea maxima culpa!”, ich bin selbst schuld, daB ich mich nicht zu einer besseren und richtigeren Auffassung der iiber jeden Tadel erhabenen kirchlichen Institutionen empor- geschwungen habe! Doch beziiglich des Stiles bitte ich um Nachsicht aus folgenden Griinden: 1. Bei der Abfassung der Schrift war moglichste Kiirze mein Prinzip, um nicht durch lange, weit ausgreifende Aus- 1'iihrungen namentlich jene Leser, die mit Berufsgeschaften iiberladen sind, schon von vorneherein abzustoBen. Da jedoch der behandelte Stoff so vielfaltig verzweigt ist, so konnte es nicht ausbleiben, daB beim Streben nach Kiirze oft Gedanken mehr lose, ohne die iiblichen Satzumschreibungen und Er- klaruiigen, aneinandergefiigt worden sind. 2. Bin ich in der Schriftstellerei nicht bewandert, da sich meine Berufstatigkeit mehr auf die Schule und die Kanzel erstreckt. Deshalb wird man hie und da rhetorische Wen- dungen antreffen. „Schreibe wie du sprichst,” war mein Grundsatz — „lies, als ob du mich hortest,” ist meine Bitte an den Leser. D as laute Lesen mancher Stellen wird dem Leser iiber etwaige Schwierigkeiten im Satz- und Wortgefiige hinweghelfen. Ferner denke man sich auch in die Begeisterung, VII sowie auch in die seelische Stimmung des Verfassers hinein, der als geistlicher und geistiger Fiihrer des Volkes auf dem Wege, den er als den richtigen erkannt hat, vor\varts mar- schieren mochte, jedoch diesen Weg von solchen Hindernissen verrammelt findet, die nicht von ihm allein, sondern nur durch Mithilfe aller hinweggeschafft werden konnen. Er stand auf dem Wege und dachte nach, ob er seine Mitarbeiter behufs Wegraumung der Hindernisse organisieren solite oder ob er mit vielen iibrigen die Hande kreuzen, sich behaglicher Ruhe hingeben und gar nicht kummern solite, ob der Weg zur Wahi’heit mit Hindernissen belegt ist oder nicht. Er wahlte das erstere. Nun, „im Stil offenbart sich der Mensch!” 3. Bin ich ein Slave, welcher Umstand es unwillkiirlich mit sich bringt, dali die sprachlichen Eigenheiten der Muttersprache den Stil beeinflussen. Ich schrieb das Buch in deutscher Sprache, weil ich gerade das deutsche Volk infolge der hohen Kultur und des liohen Standes der deutschen Theologie fur das geeignetste hal te, um die geistige Fiihrung bei der Anbahnung verniinftiger Reformen in der katholischen Kirche iibernehmen zu konnen, ohne damit zu sagen, dali die kulturverwandten katholischen Slaven nicht die geeignetsten Bundesgenossen und die eifrigsten Forderer einer heilsamen religiosen Erneuerung sein konnten und sollten! Der richtig aufgefaBte religiose Gedanke ist von unendlichem Umfange: er soli alle Akte des mensehlichen Lebens umfassen; jede Zeit, jeder Ort, jede Institution soli durchdrungen sein vom religiosen Gedanken. Staaten und Nationen sollen von ihm geleitet sein. Deshalb ist der religiose Gedanke so weit erhaben uber den nationalen, wie weit sich ein unendlich groBer Wert von jedem, noch so groBen endlichen \Vert unterschoidet: Der religiose Gedanke wurzelt und endet in der Ewigkeit, der nationale begann auf der VIII Brde und wird auch hienieden enden. Deshalb ware es betriibend, wenn sich der Klerus, wie es leider manchenorts geschieht, wegen allzu groBer Betonung des nationalen Ge- dankens im hoheren religiosen Streben gegenseitig behindern wiirde. Leifling, am 1. Marž 1904. Der Verfasser. Inhaltsverzeichnis. Seite Einleitung: 1. Zweok des Buches. 1 2. Die Art der Ausfuhrung. 2 3. Die Bereclitigung zur Abfassung dieser Schrift. 2 4. Das Objekt meiner Dntersuchung. 3 5. Die subjektiven Beweggrunde zur Verfassung des Buches ... 9 Die bedrangte Lage der Kirche und die Untersuchung der Ursachen dieser Bedrangnis im allgemeinen. 15 Im speziellen: A. Die Belehrung der Glaubigen und ihre religiose Erziehung in der Schule, in der Kirche und aufierhalb derselben ist nicht derart, daB sie hinreichend, geschweige denn vorziiglich ware 30 I. Der Religionsunterricht an der Volksschule. 44 II. Der Religionsunterricht an den Mittelschulen.132 III. Die Studien und Erziehung an den theologischen Fakultaten und Diozesanseminarien.1G3 IV. Die Erziehung in den Diozesanseminarien.178 V. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung aufier- halb der Schule.181 B. Die Verhaltnisse innerhalb der Kirche erfordern in vieler Be- ziehung eine Anderung.189 I. Die kirchliche Liturgie.189 II. Das BuBsakrament.197 III. Das Fasten und das offentliche Gebet.206 IV. Der Kirchengesang und der religiose Volksgesang .... 211 V. Wurdige Feier des Gottesdienstes.220 VI. Der Zolibat.221 VII. Die materielle Stellung des Klerus.254 VIII. Die Teilnahme der Laien an religiosen und kirchlichen Inter- essen.266 IX. Das Verhaltnis des Klerus untereinander.269 X Seite X. Die Visitation des Klerus.274 XI. Vorsicht und MaB bei d er Verehrung der Heiligen und ihrer Keliquien.278 XII. Einheit und Einigkeit der Kirche.281 C. Die auBere Stellung der katholischen Kirohe.282 I. Die Stellung der Kirche in der Menschheit iiberhaupt . . . 282 II. Unser Verhaltnis zu Italien.296 III. Verhaltnis der Kirche zur Politik.299 IV. Das Verhalten des Klerus gegeniiber der Schule.308 V. Unum est necessarium.315 SchluB.319 I. An die Laien.319 II. An den Klerus.327 Einleitung. l. Zweck des Buches. Ich will den Leser nicht durch eine weit ausgreifende Einleitung in meine schriftlichen Abhandlungen einfuhren, sondern gleich den Zweck meines Buches kurz an- geben. In dem vorliegenden Buche will ich namlich a) nachzu- weisen suchen, dah die Schuld an der traurigen Erscheinung, daB die Hochschatzung der katholischen Kirche und ihrer Lehren bei den Menschen immer mehr schwindet, und daB sich die Folgen dieser Geringschatzung im Kulturleben derselben immer mehr zeigen, hauptsachlich diejenigen trifft, die den Befehl Christi: „Gehet hin in die ganze Welt und lehret alle Volker etc.” auszufiihren berufen sind, d. h. den Klerus. Diese Schuld trifft den Klerus nicht in dem Sinne, als ob dieser die durch sein Amt ubernommenen Berufspflichten nicht erfiiHt hatte, son¬ dern insofern, als er nicht Wege gefunden hat, um sich von einem Systeme loszutrennen, das ihm Mittel diktiert, welche keinen Erfolg bei der Erfullung seiner Pflichten versprechen, und welches ihm ein Auftreten vorschreibt, das nicht geeignet ist, das Volk fiir die Kirche und ihre Wahrheiten zu ge- winnen. b) Es sollen in dem Buche auch in positiver Weise die Mittel angegeben werden, die nach meiner Uberzeugung zu ergreifen waren, um das Licht der Kirche den Menschen wie ehemals wieder leuchten zu lassen. c) Das Buch soli gleich- zeitig ein Programm oder eine Vorarbeit sein, um ein gemein- sames Vorgehen bei Feststellung der Wiinsche des Klerus bei den Pastoralkonferenzen und Diozesansynoden, der bekannten Vogrinec, nostra culpa. 1 2 Weisung des Episkopates anlaBlich des osterreichischen Klerus- tages entsprechend, zu erzielen. Dieser Zweok meines Buches wird manche in Staunen setzen, so daG sie vielleicht ausrufen, welch neuer Prophet muB das sein, der vorgibt, die Losung so tiefer Fragen geben zu kdnnen! Diese ersuche ich, ruhig den Verlauf der weiteren Ab- handlung abzuwarten und namentlich zu beachten, daB ich das „nostra culpa” nicht auf die personliche Schuld des einzelnen, etwa der Bischofe oder der Priester beziehe, sondern auf das System, dessen Trager, richtiger gesagt, dessen Sklaven wir sind. 2. Die Art der Ausfiihrung. Viele sind gewohnt, um ge- lehrt zu erscheinen, alles was sie wissen oder was sie in Biblio- thelcen aufstobern, mag es zum Gegenstande passen oder nicht, in ihrem Werke zusammenzutragen und es durch Phrasen, ge- lehrte Wendungen oder Spekulationen auszuschmiicken. Dies wird nicht meine Art sein. Ich bin von der Richtigkeit meiner Darstellungen fest iiberzeugt und betrachte sie als Wahrheit. Ich will aber auch andere iiberzeugen; deshalb werde ich denGegen- stand in schlichter, ungeschmiickter Form, frei und offonlierzig, wie es sich fiir einen Mann geziemt, der mit seinen tfberzeugungen nicht zuruckhalt, darstellen. Darum wiinsche ich aber auch, daB das Buch von den Lesern auch in diesem Sinne aufgefaGt wird, und mir nicht fernstehende, auch im Traume nicht gehegte Absichten zugeschrieben werden. 3. Die Berechtigung zur Abfassung dieser Schrift. „Woher deine Berufung?” konnte mancher fragen. „Wer gibt dir das Recht, in deiner geringen Stellung eine Kritik an irgend einer Sache, wenn sie auch nicht wesentlich ist, in der alten, von Gott gestifteten Kirche zu iiben? Wofiir haltst du dich?” Der Priester ist zunachst keine Maschine, die man auf- ziehen oder mit gewissem Material anfiillen muB, damit sie eine Arbeit leiste; er ist infolge seiner Studien auch kein Mameluck, der nur handeln darf, wenn ihm befohlen wird, sondern er ist, wie jeder Mensch, ein mit inneren, seelischen Kraften ausge- stattetes Wesen, das sich zur Tatigkeit selbst bestimmen soli, 3 ohne immer wie ein lebloses Ding von auBeren Kraften geleitet zu werden. Diese Selbstbestimmung zur Leistung einer Arbeit ist immer erlaubt imd auch geboten, wenn sich die Arbeit auf etwas von der Vernunft als gut oder niitzlich Bezeichnetes richtet. Meine Berufung geht somit von meinem Inneren aus, von m einer Vernunft, die mir meine Anschauungen seit Jahren als die richtigen hinstellt — von meinem Willen, der mich zur Veroffentlichung meiner Anschauungen drangt. Wenn jemand \vill, kann man sagen, daB die Berufung auch von Gott, dem obersten Leiter des menschlichen inneren Lebens, ausgegangen ist, sei es zulassend oder inspirierend. Das „Wie” weiB er aliein. Ubrigens was hat uns bewogen zum Eintritt in den Priesterstand? Man glaubt vielfach und auch in unseren Kreisen ist die Meinung stark verbreitet, daB sich viele dem Priester- berufe gewidmet haben, um das tagliche Brot zu haben, \vas ein franzosischer Minister sogar vom Klerus iiberhaupt be- hauptet hat. Es ist moglich, daB bei einzelnen sehr Willens- und Talentlosen dies der Hauptbeweggrund war, bei anderen war es nur ein nebensachlicher. Denn heutzutage kann man sich nach Absolvierung der Mittelschule Berufe wahlen, die mehr tragen als der Priesterstand. Oder hat es uns vielleicht der Glanz des Papsttums, der Hierarchie oder die aufiere GroBe der katho- lischen Kirche angetan? Den meisten gewiB nicht dies in erster Linie, sondern wir werden finden, wenn wir uns bemiihen, in die Zeit der Berufswahl zuriickzudenken, daB es die durch die Gnade Gottes gewonnene Pberzeugung war, daB wir im Priester- stande zur Ehre Gottes, fiir die Saehe des Nachsten und auch fiir uns selbst am besten wirken werden, die uns das Los des Priesterstandes zuwies. Wenn somit dieser Beweggrund bei der Berufswahl ent- scheidend war, kann man uns „Unberufene” nennen, wenn wir innerhalb erlaubter Grenzen das sagen und fordern, was uns zur Erreichung unseres Lebensideales notwendig erscheint? 4. Das Objekt meiner Untersuchung. Es gehoren zum Klerus oftPersonen, welche die fast krankhafteEigenschaft haben, •daB sie gleicli aus der Fassung geraten, wenn jemand sich er- l* 4 kiihnt, in den kirchlichen Verordnungen oder in nur bloden religiosen Gebrauchen nicht immer das Vollkommenste zu er- blicken. Da geniigt es, nur ein wenig hier und dort anzu- klopfen oder ein Staubchen wegzublasen, schon hort man: „Sie untergraben die Grundpfeiler der Kirche." Es ist iiberhaupt eine merkwiirdige Erscheinung: Einerseits beobachtet man oft stoische Ruhe gegeniiber allen Schlagen, die der Kirche von auBen, oft vom Staate selbst, zugefiigt werden, anderseits kann man sehr energisch sein gegen Untergeordnete, die sich nicht wehren konnen. Freilich die Schlage der hoheren Kraft kann man nicht immer parieren, oder wenn man auch kSnnte, man traut sich nicht, sogar aus Dankbarkeit, namentlich wenn man manches „Angenehme” von der starkeren Kraft schon be- kommen hat oder noch zu erwarten hat. Der nicht parierte Schlag wird jedoch an die Untergeordneten abgegeben. Es ist nicht immer so, aber leider geschieht es. Es ist auch psycho- logisch erklarlich. Ich wiirde dies nicht beriihren, wenn nicht die Erfahrung beziiglich Dr. Ehrhard solche unliebsame Bemerkungen not- wendig gemacht hatte. Wenn die Kritiker Dr. Ehrhards es fiir wert finden wiirden, meine Schrift zu lesen, dann werde ich ihnen wohl wie ein Wolf im Vergleiche zu einem Lamm er- scheinen, was niimlich die GroBe und Strenge meiner Forde- rungen gegeniiber denen Ehrhards anbelangt. Diesbeziiglich erklare ich, daB sich meine Untersuchungen nicht auf fundamentale Glaubens- und Sittenlehren, auch nicht auf die Grundziige der Anordnungen beziig- lich Kirchenregierung und Verwaltung erstrecken werden, sondern auf ganz akzidentelle verander- liche Einrichtungen in der Kirche, ja eigentlich nicht auf die Einrichtungen selbst, sondern auf die Mittel, deren man sich innerhalb dieser Einrichtungen bedient. Ist eine Untersuchung iiber das Veranderliche, iiber die „mutabilia” in der Kirche erlaubt und sind die Ratschlage zur Verbesserung statthaft? Ja, die ganze Kirchengeschichte be- weist es. Die Kirche tritt nach aufien in ihren Einrichtungen undZeremoniennichtimmer gleichgestaltig auf, sondern hatdie- selben gewaltig geandert. Das „depositum fidei”, der Kleinodien- schatz des Glaubens, ist immer derselbe, laBt aber im Laufe der Zeit je nach der Fassung oder der Hiilse, in der sich der Glaubens- schatz befindet, sehr verschieden sein Licht iiber die Welt ausstrahlen. Ich will keine Parallele ziehen zwischen der Kirche jetzt und der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten, als sie sich in die Katakomben und in die Verstecke fliichten muBte, als der erste Papst als „armer Reisender”, seines Zeichens ein Fischer, mit einem Wanderstab und einem Biindel alttestament- licher Schriften, barfuB und hungernd durch die staubigen StraBen in die ewige Stadt einzog, sondern zwischen der Kirche jetzt und der Kirche nach Konstantin dem GroBen. Wurde ein Priester aus jener Zeit wieder zum Leben er- weckt werden und uns Priestern und unseren Kirchen einen Besuch abstatten, er wurde die katholische Religion nimmer erkennen. Machen wir doch eine Ausnahme von der gewohnten Darstellung und schildern wir in dramatischer Weise, um die Gefiihle iiber stattgefundene Anderungen leichter geben zu konnen, etwa den Besuch eines altchristlichen Priesters mit dem fingierten Namen Eusebius. „Pax tecum” tont uns eine liebliche Stimme entgegen. „Laudetur Jesus Christus” wurden wir antworten, wenn wir zu den Frommen zahlten, sonst aber „Guten Abend”. Eus.: „Wie geht es dir, Bruder?” Der moderne Priester: „Hochwurden, sagt man, und wenn Sie zum Bischof kommen, miissen Sie ihn eventuell mit Exzellenz titulieren oder wenigstens die Pradikate Celsissimus und Reverendissimus gebrauchen.” Eus.: „0, wie sich die Zeiten andern. Sogar zu meiner Zeit betrachtete sich jeder Priester als Frater, als Bruder des geringsten Mitmenschen. — Wie ich sehe, Ihr rasiert euch ja. Christus und die Aposlel trugen ja Barte wie die Juden uber- haupt?” Der moderne Priester: „Gliicklich sind Sie wohl, daB Sie die Macht der Mode nicht kennen. Diese Madame ist auch bei uns hoch in Ehren. Sie ist in Frankreich geboren, woher sie uns auch den Rasierzwang gebracht liat. Noch glucklicher sind 6 Sie aber deshalb, weil Sie die Mode in der Kirche nicht kennen, oft an Althergebrachtem bis zur Lacherlichkeit festzu- halten.” Eus.: „Ich sehe, Sie haben hier ein Gebetbuch und schicken sich an, jetzt zu beten. Da haben Sie „Pars verna” und Sie wollen jetzt „jam lucis orto sidere” beten? Das ist ja ein Morgengebet. Werden Sie es jetzt abends beten? Wie ich noch Priester war, da wufiten wir, die Priester und das Volk die meisten Psalmen auswendig. Doch soviel brauchten wir nicht zu beten. Um andachtig alle diese Gebete zu verrichten, dazu brauchen Sie ja mehrere Stunden?” Der moderne Priester: „Andere Zeiten, andere Vor- schriften. In den Zeiten nach Ihrem Lebensende weihten viele Manner ihr Leben Gott allein, zogen sich in sogenannte Kloster zuriick und hier sannen sie danach, um einen geniigenden Komplex von Gebeten zusammenzustellen, die sie zu verschie- denen Tageszeiten, beim Tagesgrauen, beim Sonnenaufgang- u. s. w. verrichteten. Auch die Priester der ersten christlichen Jahrhunderte lebten mehr klosterlich, d. i. in Gemeinschaft, in der sie nach Art der Monche zu verschiedenen Zeiten die obigen Gebete verrichten mufiten. Heutzutage ist das gernein- schaftliche Leben der Priester unmoglich, doch das Gebet, das eigentlich ein Chorgebet ist, ist geblieben, und so leiern wir, soviel uns freie Zeit iibrig bleibt, auf Befehl der Kirche die sonst herrlichen Gebete und Psalmen herunter. Die Einhaltung der bestimmten Tageszeit ist infolge Indulgenzen nicht mehr not- \vendig und so kann es geschehen, daB wir uns abends in der „Prim” einen segensreichen Tag erflehen oder daB wir gleich nach dem Mittagessen schon unsere Seelen fiir die folgende Nacht in die Uiinde Gottes empfehlen.” Eus.: „PIabt Ihr eine wirkliche Andacht dabei oder einen Nutzen davon?” Der Priester: „Darum fragen Sie nicht, lieber Eusebius!” Eus.: „Morgen will ich das heil. MeBopfer bei euch feiern. Doch, Hochwiirden, seien Sie so giitig und lassen Sie mir vor der heil. Messe durch Ihre Frau einen warmen Tee ser- vieren.” 7 Priester: „Wo denken Sie hin? Wir sind ja Zolibatare. AuBerdem muB man vor der Zelebration der heil. Messe nuch tern sein.” Eus.: „Entschuldigen Sie. Weil Ihr so elegant eingeriehtet seid und den weltlichen Luxus nicht verschmabet, namentlich weil ich so kostbare Spiegel an den Wanden mancher Priester- wohnungen sah, glaubte ich, Ihr habt auch Frauen, was zu un- serer Zeit nichts Seltenes war; denn nur die wahrhaft Idealen lebten damals ehelos. Niichternheit vor der Zelebration der heil. Messe war zu meiner Zeit auch nicht geboten. Also bitte noch- mals um Entschuldigung. Der Friede sei mit euch.” Am nachsten Morgen sah ich Eusebius wahrend des Sonnenaufganges gegen mein Kirchlein, das auf dem Hiigel steht, hinaufschreiten. Der Turm und das Glockengelaute schien ihm neu zu sein. PIStzlich blieb er stehen, faltete nicht wie wir die Hande zum Gebete, sondern breitete sie aus und betete Iaut und andachtig die Psalmen. Nachdem er fertig ge- betet hatte, kam ich ihm nach. Wir naherten uns der Kirche. Er fing an zu forschen nach der Vorhalle, wo einst die BiiBer standen und die Voriibergehenden um Verzeihung baten. Ich inachte ihn aufmerksam, dali die BuBdisziplin in der Kirche nicht mehr iiblich ist, daB der BuBgeist verschwunden ist, und zeigte ihm noch die Spuren von der alten holzernen Vorhalle, in der die BiiBer standen. Die Spuren waren noch deutlich am Profil der Kirche erkennbar. Er wollte anfangs gar nicht glauben und meinte, daB vielleicht die Burschen und Madchen, die drauBen vor dem Kirchentor standen und sich gegenseitig musterten, die altchristlichen BiiBer seien. Doch der kiihne Hut auf dem Kopfe der Burschen und die buntgenahten Sehiirzen der Madchen machten dies unwahrscheinlich. Wir kamen zum Kirchentor. Eusebius suchte seine San- dalen abzulegen, um barfuB und stili das Gotteshaus zu be- treten. Ich inachte ihn aufmerksam, daB das nicht mehr ge- brauchlich ist. Er folgte, doch schien er unliebsam beruhrt zu sein, als er sah, welches Gerausch die Besucher, namentlich der Mesner mit seinem starken Dahinlaufen uber das Kirchen- pflaster machte. Er scheint an die feierliche Stille seiner Zeit 8 im Gotteshause gedacht zu haben. „Wo ist das Presbyterium und das Sakramentshauschen?” Er komite sich vor Staunen gar nicht fassen, als er sab, daB der damals streng vorge- schriebene Vorliang, der das Presbyterium vom Schiffe der Kirche trennte, nicht mehr da und das Hochwiirdigste jetzt ober dem Altar im sogenannten Tabernakel aufbewahrt ist. Der Altar, zuvor ein groBer Tisch, war ihm so fremd, daB er den EntschluB aufgab, zu zelebrieren, namentlich da er sah, wie die Zeremonie des heil. MeBopfers, das eben ein Mitbruder feierte, sich von den Zeremonien der friiheren Zeit fast ganz unterscheide. Dem Priester antwortete friiher die ganze Glau- bigenversammlung, sogar die Konsekrationsworte spracli die Gemeinde mit. Das heil. Meflopfer wird gefeiert von einem Priester allein, ohne Diakone, ohne Subdiakone. Wahrend des heil. MeBopfers keine Belehrung des Volkes wie ehedem. Statt zwei Akolyten ministrieren zwei Knaben! Niemand brachte beim Offertorium Brot oder Wein, sondern der Priester nahm nur ein kleines Weizenbrotstiickchen und eine geringe Menge Wein. Nach der Messe keine Agapen, keine Liebesmahle! Die Kom- munion nur unter einer Gestalt! Vergebens wartete er, daB beim Absingen des „Ite, missa est” die BiiBer die Kirche ver- lassen wiirden. Vor dem Verlassen der Kirche fragte er nach dem Diakon, um ihm eine Spende zur Verteilung unter die Armen zu libergeben; leider mufite ihm auch da bedeutet werden, daB das Diakonat nicht mehr besteht. „Woher alle diese Veranderungen sogar beim Zentrum des Gottesdienstes, bei der heil. Messe?” „Lieber Eusebius, der Zeit- geist verlangt, daB man sich ihm akkominodiert; und schon zu Ihrer Zeit waren die Einrichtungen der Kirche nicht gleich jenen zur Zeit der Apostel. Die Glaubenslehren und Sittenlehren, iiberhaupt die fundamentalen Anordnungen Christi bleiben gleich, in den umvesentlichen Dingen haben wir uns geandert. Einzelnen gefiel dieses oder jenes besser, sie fiihrten es aus und der Kirche gefiel es auch und sie nahm es an. tlberhaupt gab es Zeiten, wo die Kirche Einrichtungen annahm, deren Ein- fuhrung auch von Geringeren, als es die Bischofe sind, aus- gegangen war. Wir haben in der ganzen Kirche eingefiihrt, 9 was zuerst nur an einzelnen Orten eingefuhrt war, z. B. Aller- seelentag, die Bittprozessionen, Quatemberfasten etc. Sogar Kaiser und Konige hatten EinfluB auf die Einfiihrung oder Abschaffung gar so mancher Einrichtungen in der Kirche. ” „Die Zeit, in der Ihr lebet, verstehe ich nicht, die alte Kirche ist in ihrem AuBeren fast nicht mehr zu erkennen,” sagte Eusebius und verschwand. — Ich wahlte die Form eines Gespraches, um angesichts der gewaltigen Veranderungen in der Kirche leichter meine Gefiihle zum Ausdrucke zu bringen. Brauche ich somit noch weiters den Beweis zu liefern, dah mein Vorgehen erlaubt ist, indem es sogar in der Ge- schichte der Kirche begriindet ist? Wenn es Laien erlaubt war, auf die Gestaltung der kirclilichen Dinge EinfluB zu nehmen, so kann es dem Priester nicht verubelt werden, wenn er dies- beziiglich seine Anschauungen kundgibt. Gelehrte haben ohne- hin schon ganze Bande liber die kirchlichen Verhiiltnisse ge- schrieben, wahrend gerade diejenigen, die diese Verhaltnisse „ausprobieren”, schweigen und sich nicht riihren. Kein anderer kennt das Menschenherz so griindlich und genau als der prak- tische, denkende und forschende Seelsorger. Vor ihm tun sich alle Falten des Menschenherzens auf, er kennt es nach allen seinen Strebungen und Wallungen. Und dieses Menschenherz, das den Keim der Religion schon vom Schopfer aus erhalt, ist wohl das erste und vornehmste Gebiet fiir religiose Forscher! 5. Die subjektiven Beweggri\nde zur Verfassung des Buches. Gerade in den Fallen, wo man sich in religiose Erorterungen einlaBt, die manchen Kreisen unangenehm sind, sucht man nach personlichen Verstimmungen gegen die kirch¬ lichen Vorgesetzten. Ich erklare hiermit, daB mich nicht die ge- ringste Verstimmung gegen meine Vorgesetzten leitet und auch nicht leiten kann. Im Gegenteile, ich bin immer zuvorkommend behandelt worden. Es hat nicht die geringste Disharmonie zvvischen mir und meinen Vorgesetzten stattgefunden. Ich habe seit einem Jahre einen Posten, mit dem ich zufrieden sein kann. Meinem Oberhirten gehorche ich nicht nur als meinem Vorgesetzten, sondern ich bewundere ihn auch personlich. Die 10 ganze Diozese wiirde mich verurteilen, wenn ich ihm nur im geringsten nahetreten wollte. Doch der Gegenstand verlangt es, daB ich hie und da auch manche MaBnahmen der Vor- gesetzten beriihre, aber nicht um Vorwiirfe zu machen, sondern um das System zu charakterisieren, welches auch den Bischofen den Modus ihrer Handlungen angibt und auf viele Bischofe einen Zwang ausiibt, so daB sie ohne ihr Amt, durch das sie dem System unterworfen sind, ganz anders handelu wurden. Ich bin mir dessen wohl bewuBt, daB man trotz der vor- hergehenden Ausfiihrung mir doch vielleicht bitter, vielleicht auch entscheidend fiir meine Zukunft mein Vorgehen nach- tragen wird. Das ist aber eben das Traurige in unserer Kirche, der Hemmschuh jedes religiosen Fortschrittes. Die Unter- suchungen nach meiner Art werden oft als Auflehnung, als Verweigerung des Gehorsams aufgefafit. Mich erfiillt immer mit Wehmut, wenn ich lese, wie die Juristen, Arzte, Gelehrte, Stande aller Art zusammenkommen, und Schaffung neuer, ihren Beruf betreffender Gesetze ver- langen, Ministerentscheidungen, Entscheidungen vom obersten Gerichtshof bekritteln und dabei von der Regierung unterstiitzt werden. Die Teilnehmer solcher Versammlungen werden von den Ministern selbst begriiBt. Diese arbeiten oft selbst mit. Keinem Menschen fallt es deshalb ein, zu behaupten, dafi diese Leute an den Grundpfeilern des Staates riitteln, oder daB sie sich gegen die staatlichen Eim-ichtungen auflehnen. Ich bin ein Mitglied des Priesterstandes itnd will immer die bestehenden Einrichtungen hochachten, die daran sich kniipfenden Pflichten erfiillen, weil eben die Einrichtungen noch bestehen und weil die Erfiillung der Pflichten verlangt wird. Ich will aber auch in erlaubter Weise dahinwirken, daB die nach meiner innersten tfberzeugung notwendigen Reformen eingefiihrt werden. Darin will ich mich von anderen unterscheiden und nicht ein By- zantiner sein, der im sklavischen Gehorsam alles gutheifien wiirde, was von oben kommt. Allerdings sagt Dr. Aichner in seinem „Jus canonicum”, wir diirfen nicht die Rechte der Staatsbiirger mit denen der Glaubigen in der Kirche vergleichen. Ich weifi recht wohl, was jeder Diskussion, jeder Reform entzogen ist, ich weiB aber auch, was Veranderliches, vielfach nicht von Gott direkt Ge- wolltes in der Kirche ist, sondern nur Menschenwerk. Darauf hat sich die Kritik aller Zeiten, und zwar auch die Kritik der Laien gerichtet. Und die Geschichte hat ihnen Redit gegeben. Darauf erstrecken sich auch meine Untersuchungen. Ich weise auch zuriick, daB etwa die Ideen der bekannten Manner, die eine der Zeit entsprechende Reform anstreben, mich so stark ergriffen haben, daB ich das Biichlein schreibe. Was hat mich also bewogen? Ich konnte kurz sagen: Die Religion, der ich diene, und da ich die Religion hauptsachlich in der Gottes-, Nachsten- und Selbstliebe betatigt wissen will, kann ich auch antworten, daB mich diese dreifache Liebe dazu bewogen hat. Im nachsten Kapitel werde ich skizzieren, wie das Reich Gottes immer mehr in den Herzen der Menschen abnimmt, wie die Menschen durch falsche religiose Erziehung immer mehr die Achtung vor Religion und ihren Gesetzen verlieren und sich des Verhaltnisses zum unendlichen Wesen 'vveniger be\vuBt werden und in Versuch geraten, auf religiosem Gebiete sich anarchische Anschauungen zurecht zu machen. Also war die Gottesliebe wenigstens in dem MaBe, als ich sie Gott zu verdanken liabe, der Beweggrund. Wie wir selbst predigen, besteht das Gliick des Menschen im Besitze Gottes. Auch ich bin davon iiberzeugt, dafi dort, \vo Gottesfurcht und richtige Frommigkeit herrschen, auch Gliick und Zufriedenheit wohnen. Wenn ich nun sehe, wie das Volk eben an mangelhaftem religiosen Fiihlen, das fiir ihn die Trieb- feder guter We.rke sein solite, leidet, da rufe ich ofters aus: „Es erbarmt mich des armen Volkes.” Es will religios sein, es hat Verlangen nach Gott, aber niemand ist es, der ihm bequeme, zum Ziele nicht verfelilende Wege zeigt, wo es bessere Friichte fiir das Leben pfliicken konnte. Ich zogerte lange mit der Veroffentlichung meiner An¬ schauungen mit Riicksicht auf meine sehr schwache Gesund- heit, und mit Riicksicht darauf, daB ich mir bewufit war und auch noch bin, daB mir die Veroffentlichung manche Konflikte 12 hier und dort einbringen konnte. Docli ich erlebte immer Falle, die mich dazu formlich trieben. Wie ich 1903 zu Ostern die Schulkinder beichtete und diese unschuldigen, fur alles Gute empfanglichen Herzen kenDen lernte und ich mir bewuBt wai', daB diese Kinder durch einen Religionsunterricht, der nicht so trocken ware wie heutzutage, zu viel gliicklicheren und charakter- volleren Menschen heranwachsen und der von Gott gesetzten Bestimmung naher gebracht werden konnten, da war ich wieder angespornt und konnte ausrufen: „Mir erbarmt das arme Volk. Es verlangt nach geistiger Nahrung, aber es wird ihm der tote Buchstabe als solche geboten.” Ich werde spater auch zeigen, wie es mit der Religion bei der Intelligenz besteht, welche doch auch einer Religion bedarf, deren jetzige auBere Form jedoch ein Hindernis ist, daB sie sich ihr nicht nahern kann. Ich ging gern zu Kollegen, mit denen ich allgemein kirchliche Fragen bespracli. Ich traf sie oft klagend und depri- miert. Sie lesen und horen, wie ein Schlag nach dem anderen in verschiedenen Teilen der Welt der Kirche versetzt wird, jener Kirche, fur die sie ihr Leben zu opfern bereit sind. Ent- scheidungen, durch welche die katholischen Uberzeugungen ver- letzt werden, werden von Gerichtshofen gefallt. Der Priester \vird beschimpft und der Beschimpfer triumphiert. Auch in ihrer eigenen Pfarre sind bedauernswerte Falle vorgekommen. Sie wollten die Sache vorwartsbringen, sie ging aber zuruck. Mir erbarmen auch diese. Sie wissen oft selbst nicht, wo die Schuld ist. Sie suchen sie bei den Kirchenfeinden, wiihrend sie in der Kirche selbst zu finden ist, aus den Griinden, die ich spater erortern werde. Mich trieb jedoch auch die Selbstliebe zur Veroffentlicliung dieser Sclirift. Aus den armlichsten Verhaltnissen durch nur mir bekannte Schwierigkeiten habe ich mich emporgearbeitet zu meinem Stande; hierbei bemuhte ich mich redlich, der Wahr- heit naher zu kommen und nun soli ich seelisch erdruckt werden angesichts der Tatsache, dafl ich einer Sozietat diene, die zwar groB und herrlich in ihren Fundamenten, in ihrem iiuBeren Auftreten jedoch oft an chinesische Zustande erinnert! 13 Ich soli zum Denken gezwungen werden, das einem richtigen Denken widerspricht und soli von den an der Kultur arbei- tenden Menschen verachtet werden als Riickstandiger, und zwar in gewisser Beziehung mit Recht! Jeder ehrlich denkende Mensch wird mein Vorgehen als ehrlich und korrekt finden auch fur den Fali, dah er meine Anschauungen objektiv ge- nommen falsch findet. Mich trieb aber auch eine weniger edle Selbstliebe dazu. Ich traue mich fast nicht mehr in manche Priesterkreise, wo Politik als einziges Rettungsmittel der Kirche angesehen wird und wo man manche bittere Pille wegen seines Verhaltens verschlucken mufi. Ich habe mich stets bemiiht, als Priester zu handeln und zu leben, aber trotzdem wird man selbst von solchen, die am wenigsten das Recht hatten, als Verrater der sogenannten klerikalen Sache hingestellt. „Er tut nichts,” lautet die Note. Auch bei Pastoralkonferenzen bekommt man Fragen, die sich mit allgemeinen kirchlichen Verhaltnissen beschaftigen. Weh, wenn man aus gewohnlichem Geleise herausgekommen ist! Predigt, Katechese etc. sollen eifrig gepflegt werden, gute Zeitungen verbreitet, Bruderschaften und Vereine gegriindet werden, der Geistliche soli nach kanonischen Vorschriften leben. So lauten die gewohnlichen Losungen. „Ich hatte mich doch uber die Fragen, die ich behandle, besser unterrichten lassen, ich hatte doch die Berufenen um Aufklarung bitten sollen, um das Gleichgewicht meiner Seele wieder herzustellen.” So wird mir mancher vorhalten. Nun ich kenne ja die diesbeziiglichen Biicher und auch die Herren. Schon wahrend der Studienzeit studierte ich nicht bloB ihre Werke und ihre Lehren, sondern auch sie selbst, so daB ich ihr Denken und Empfinden wohl kenne. Wenn ich mich an sie gewendet hatte, wiire ich vielleicht um die Erfahrung reicher geworden, daB es Leute gibt, die etwas fest glauben, ohne auf die letzten Grunde die Sache zu priifen. AuBerdem hat auch schon mancher erfahren, daB die ge- sellschaftlich und auch materiell besser Gestellten eo ipso das Recht und die Wahrheit beanspruchen, walirend der Unter- 14 geordnete schon von vorneherein Unrecht hat. Est miseria humana! Ich ziehe es darum vor, gleich offentlich meine An- schauungen den Kollegen vorzulegen. In der Einleitung habe ich bereits Sachen beruhrt, iiber die man sehr ausfuhrlich schreiben konnte. Ich will mich jedoch jedei' Weitschweifigkeit enthalten und mache den werten Leser namentlich auf die Schlufibetrachtung aufmerksam, wo ich naher ausfuhre, was ich mit der Schrift erreichen will. Die bedrangte Lage der Kirche und die Unter- suchung der Ursachen dieser Bedrangnis. 1. Darstellung der bedrangten Lage der Kirche. Zu zeigen, dab die Lage der Kirche wirklich eine bedrangte ist, ware eigentlich fur die Einsichtigen nicht notwendig. Doch es gibt viele, die nur optimistische Zeitungen lesen und iiber die Lage der Kirche nicht richtig orientiert sind. Auch tauschen sich manche selbst, indem sie das nicht glauben wollen, was ihnen unangenehm ist. Viele befinden sich auch in glanzender Stel- lung, sind von Schmeichlern umgeben, bekommen Besuche von hohen Personen, die solche Bucklinge vor ihnen machen, dab sie meinen: Schau, schau! Mit der Kirche steht es eigentlich nicht schlecht, wenn solche Personen so devot den kirchlichen Personen entgegenkommen! Sie werden von Staatslenkern ge- ehrt, bekommen hochklingende Titel, verkehren in den hohen Kreisen, wo man ihnen mit feinen Manieren und diplomatischer Hoflichkeit entgegenkommt, kennen aber die groben Massen des Volkes nicht, die offen ihre Meinungen sagen, Meinungen, die nicht immer zugunsten der Kirche lauten. Dazu kommt, dab unsere Zeitungen, Broschiiren etc. von der Konversion irgend eines anglikanischen Adeligen weit und breit erzahlen, was manche Priester gleich zu besten Hoffnungen stimmt. Sie merken aber nicht den inneren Abfall in der Kirche, namentlich den Abfall von tausenden und tausenden der In- telligenz. Da erinnere ich mich, was ein ge\vesener Hofmeister des allmachtigen osterreichischen Kanzlers Metternich erzahlt. Der Hofmeister, ein Mann aus dem Volke, kannte die erbitterte Stimmung des Volkes in Wien und machte den Minister darauf aufmerksam. Da lachelte dieser unglaubig und lieB den Polizei- prafekten — Sedlnicky hieB er, wenn ich nicht irre — rufen und fragte ihn in Gegenwart des Hofmeisters nach der Stim¬ mung in der Stadt. „Exzellenz, alles ruhig,” antwortete der Polizeiprafekt. „Sehen Sie, Herr N. N., nur nicht zu furchtsam sein,” sagte lachelnd der Minister zum jungen Mann. Doch am niichsten Tage mulite er fliehen aus der Residenzstadt. Eine solche Tauschung finden wir auch bei vielen aus unserer Mitte. Wie es wirklich mit der Kirche steht, ivissen wohl die meisten von uns Priestern. Man sehe sich doch in den Kirchen der Stadte um und ziihle nach, wie wenig Manner dem Gottes- dienste behvohnen. Man rechne nach, wieviele von den vielen tausenden Beamten, Offizieren, Lehrern, Gendarmen etc. an Sonntagen die Kirche besuchen. Manche Stadte haben ihre Bewohner fiinffach bis zehnfach vermehrt. Doch die alten Kirchen sind noch immer groB genug. Die Wirtshauser nelimen immer mehr zu und sind gerade Sonntags wahrend des Gottes- dienstes iiberfullt, die Kirchen sind leer, namentlich wahrend der Predigt. Man tauscht sich gewaltig, weil eine oder mehrere Kirchen oft gefiillt sind und berechnet nicht, wieviele eigentlich im ungunstigsten Falle dem Gottesdienste beiwohnen sollten. Oft geschieht es, daB ein Und dieselben Besucher mehrere Kirchen besuchen. In den kleinen Stadten fullen sich die Kirchen mit den Besuchern aus der Umgebung der Stadt. Auch die leitenden kirchlichen Kreise sehen das Umsich- greifen des Indifferentismus ein. Unser Oberhirt spricht na¬ mentlich in der letzten Zeit in seinen Hirtenbriefen davon, wie die Gleichgiltigkeit im Glauben, sogar der Unglaube auch die niederen Schichten der Bevolkerung ansteckt. Die Ordi- nariatskurrende vom 30. Oktober 1902, Z. 5015, durch die man sich nach den katholischen Vereinen erkundigen wollte, beginnt mit den Worten: „Die derzeit uberaus groBe Bedriingnis der katholischen Kirche fordert gebieterisch zum Zusammenschlusse und zielbewuBter Arbeit aller Katholiken . . . .” Da lese ich in einem Zeitungsblatt von 20. Mai 1903 einen Bericht liber die Sitzung der franzosischen Kammer. Der 17 Sozialist Allard verlangte die Kiindigung des Konkordates und die Aufhebung des Kultusbudgets. Der Ministerprasident Combes erklart, er sei ein Anhiinger der Trennung der Kirclie vom Staat, aber er halte diese Trennung fiir untunlich, da sie der Republik ernste Schwierigkeiten verursachen wiirde. Die Regie- rung verlange die Aufrechterhaltung des Konkordates; denn sie halte die religiosen Ideen fiir gegenwartig notwendig. Deputierter Sembat griff den Ministerprasidenten an und er- klarte, er gebe nieht zu, daB man sage, die religiose Idee sei notwendig. Ministerprasident Combes erwiderte, er halte die religiose Idee fiir einen der machtigsten Hebel der Humanitat. Deputierter Sembat erklart, dies sei die Sprache eines Priesters, nicht eines Ministerprasidenten. Wir haben in der Regierung Freunde, die niemals solche Grundsatze zugeben werden. 328 Stimmen waren fiir die Regierung, 201 Stimmen dagegen. — Also mehr als ein Drittel der Volksvertreter will von der Reli- gion nichts wissen. Das Volk, das sie vertreten, riihrt sich nieht. Die Regierung halt das Konkordat fiir gegenwartig notwendig! Solehe Berichte kann man Tag fiir Tag lesen. DaB dieser Abfall auch im Inneren sich vollzogen hat oder sich zu vollziehen begonnen hat, wird niemand bezweifeln, der ernstliche Studien macht. Die Diozese, in der ich wirke, ist ein sehr deutliches Beispiel dafiir. Keine Pfarre ohne Spal- tung der Gemuter beziiglich der Religion. In Krain hat sich ebenfalls diese Spaltung vollzogen, ebenso in Steiermark, auch in der Diozese Lavant, \vo die religiose geistige Trennung in den Stadten schon langst eingetreten ist, aber auch auf dem Lande sich zu vollziehen begonnen hat. Begeisterte Redner sprechen oft iiber Triumphe der Kirche in ihren Vortragen, docli forscht man der Wahrheit nach, so merkt man, daB diese Triumphe wohl rein auBerliche sind, wenn sie iiberhaupt solche sind. Am meisten triumphiert die Kirche gerade dort, wo sie sich in Minder- lieit gegeniiber den protestantischen Majoritaten befindet. Eine eigentumliche Erscheinung, als ob es notwendig ware, daB die Kirche zu ihrer besseren Entfaltung der liberalen Schutz- fittiche des Protestantismus bediirfte! — In den romanischen Landern Amerikas, in den Ablagerungsgebieten der Madchen- Vogrinec, nostra culpa. 9 18 handler, dort, wo das Leben fast nur den Schein der Religion behalten hat, oder in Spanien, dem Lande der inneren Zerkluftung und des Volkselendes, kann sich die Kirche wohl keiner Triumphe riihmen, da ich eben unter kirchliehem Triumph eher den Triumph iiber Sclilechtigkeit und Sittenlosigkeit verstehe, nicht den, der darin besteht, daB hohe kirchliche Funktionare von Staats- grofien mit Geschenken bedacht oder ausgezeichnet werden. Am allerwenigsten kann die katholische Kirche auf Triumphe in Italien hinweisen, in dem Lande, wo sich die Maffia und Briganten straflos herumbewegen konnen, so dafi der Fremde nicht ein- mal seines Lebens sicher ist. Dort ist auch die Heimatstatte der Anarchisten. Beim Tode Zolas schickten die Lehrer Italiens eine Beileidsadresse an die Hinterbliebenen des Inhaltes, dah Zola der Welt gezeigt habe, wie die Erziehung der Kinder ohne ubernatiirliche Religion, durch das natiirliche Licht der Vernunft allein erfolgreich sein konne! Auch in Osterreich kann man von einem Triumphe nicht reden. Die Geschichte der „Los von Rom- bewegung” hat dies genugsam bewiesen, welche Bewegung mehr durch die religiose Gleichgiltigkeit der Osterreicher als durch die Kirche selbst iibervvunden wurde. In Klagenfurt hat man die Mitglieder der Leo-Gesellschaft blutig geschlagen, in Bohmen demonstriert sogar das Militar, wenn der Priester den Namen Hus nur in den Mund nimmt. Man beachte die Stromungen in der Lehrerschaft in Osterreich und in Deutschland, die Ent- scheidungen der Gerichte in Osterreich und in Deutschland und dann rede man noch von Triumphen. Doch sehet! Selbst Kaiser und Konige pilgern nach Rom und bezeugen ihre Hochachtung der katholischen Kirche! Mit der blofien Hochachtung ist iibrigens nicht viel geholfen. AuBer- dem ist mehr ein eigener Nutzen im Spiele; denn man weiB, daB die orthodoxen Katholiken treue Anhanger der Herrscher sind. Ferner ist es immer etwas Interessantes, den Papst zu sehen. Selbst Zola bat um Audienz, gewiB nicht aus Religiositat. Wollte doch sogar Alexander der GroBe den Einsiedler im Fasse, den Diogenes sehen! DaB aus derlei Besuchen oder Kund- gebungen der Monarchen nicht auf eine glanzende Stellung der Kirche zu schliefien ist, ist einleuchtend. „Mein Reich ist nicht 19 von dieser Welt,” sprach Christus, also werden die wahren Triumphe ganz anderswo zu suchen sein. Bevor ich aus dieser Betrachtung den SchluB ziehe, stelle ich noch den Erfahrungssatz auf, der die kirchlichen Kreise doch zum Nachdenken zwingen mufi, namlich, daB s ich zumal die Intelligenz im weitaus groBten Teile der Kirche entfremdet hat und daB proportional mit fort- schreitender Bildung des Volkes auch die Anhanglich- keit zur Kirche abnimmt. Der Satz ist nicht allgemein zu nehmen, und im letzten Teil das Wort Bildung mehr relativ zu verstehen, so daB hier vielleicht die besser Gebildeten als die besser Unterrich- teten zu verstehen sind. Ich kenne den groBten Teil Karntens, und da finde ich hauptsachlich die Intelligenteren im kirchen- feindlichen Lager. Anderswo ist es nicht besser. Man sehe sich die Besucher in der Kirche an, welchem Stande sie angehoren, namentlich aber betrachte die Teilnehmer an solchen Ubungen, die einen spezifisch katholischen Charakter haben, z. B. am Empfange der BuBsakramente, an den kirchlichen Prozessionen (die Teilnahme an der prunkvollen Fronleichnahmsprozession ist mehr eine Modesache) oder frage, welchem Stande jene angehoren, die sich iiber das Fastengebot hinaussetzen. In den Stadten ist nichts Traurigeres als eine Prozession in der Bitt- woche, an der sich Zdglinge von verschiedenen geistlicheu Anstalten,, einige bekannnterweise fromme Manner und Frauen aus dem niederen Volke beteiligen. Ein guter Nachbar er- zahlte mir, wie religios seine Pfarrkinder sind. Sogar Freitags kommen sie in die Kirche! Dann rief er nach gespendetem Lobe seiner Pfarrinsassen aus: „Wie lange werden wir noch die Bauern haben!” „Solange, lieber Freund, als nicht auch unter sie der Geist der intelligenten Kreise kommt, jener Geist, der die heutige Kirche nicht mehr als seine Begliickerin anerkennen will, weil sie ihm in fremdem Gewande entgegentritt,” ant- wortete ich. Interessant ist auch die Beobachtung, wie man den Klerus fiir weniger intelligent halt als die ubrigen Stande. Derjenige, der nur wochentlich einmal eine religionsfeindliche Zeitung o* 20 liest, meint turmhoch iiber dem Bildungsniveau des Geistlichen zu stehen. In den Klerusorganen war oft zu lesen, wie sich in den Stadten manche scheuen, mit den Geistlichen auf der Strafie zu gehen. Wenn er ein angenehmer Gesellschafter ist, wird er in der Gesellschaft noch gerne gesehen. Aber auf der Strafie mit dem „Schwarzrock” freundlich zu verkehren, \vas wurde die Welt iiber seinen Bildungsgrad denken? Wir landliche Studenten mufiten manchem am Gymnasium nachhelfen, spater haben wir auch fleifiig, wenn auch unpadagogisch studiert, jedoch jetzt: „Wie riickstandig sind wir!” Sogar Bessere aus einer Dorfpfarre haben sich ilires Priesters in der Stadt geschamt, weichen ihm aus. Postillone, Hausmeister, Soldaten durfen in der Stadt den Pfarrer der Heimat gar nicht kennen. Noch eigentumlicher ist aber die Be- obachtung, wie sich Priester oft auf freundschaftliclien Ver- kehr mit hoher Gestellten etwas „einbilden” und durch ihn ge- schmeichelt fuhlen. Ein Amtsbruder ist ihnen dami gar nicht der Beriicksichtigung wert. — Ich habe diese Wahrnehmungen angefiihrt, um zu zeigen, wie es Mode wird, sich von der Religion immer mehr fern- zuhalten und auch mit den Vertretern der Religion nicht in allzunahe Beriihung zu kommen. Wenigstens unter den ersten Postulaten, dafi jemand zu den Gebildeten zahlt, pflegt stets die feindliche Stellung gegenuber der Religion, wenn auch nicht im geheimen, doch nach aufien hin zu figurieren. In Karnten haben viele Geistliche Briider, die von ihnen wiihrend der Studien- oder Lehrzeit ganz ausgehalten \vurden und die weit weniger Wissen besitzen; doch diese haben sich nach Erreichung ihx*er Stellung von ihren Briidern geistlichen Standes getrennt und gehen andere Wege, um ja nicht klerikal zu erscheinen. 2. Der Kulturfortschritt und der religiose Fort- schritt. Im Vorwort habe ich gesagt, dafi mich auch dieNachsten- liebe zur Veroffentlichung dieser Schrift veranlafit hat, und so hebe ich auch hier hervor, dafi mich der religidse Abfall haupt- sachlich deshalb schmerzt, weil die Menschen dadurch nicht be- gliickt, sondern in den Zustand der Unzufriedenheit und Ge- hiissigkeit versetzt werden, indem der Mensch sehr leicht nicht 21 bloB der Kirche, sondern hinterher auch Gott, seinem Schopfer, imtreu wird. Tatsachlich konnen wir bemerken, wie die Menschen im Laufe des letzten Jahrhunderts riesige Fortschritte auf dem Gebiete der Technik und des Verkehrs, der staatlichen Ein- richtungen, uberhaupt auf dem Gebiete der theoretischen und praktischen Wissenschaften gemacht haben, wahrend das Gebiet der Religion, die Sittlichkeit und Gerechtigkeit keinen merk- baren Fortschritt aufzuweisen hat. Ich trenne namlich die christliche Sittlichkeit und die christliche Gerechtigkeit nicht von der weltlichen, indem ja die christlichen und weltlichen Tugenden identisch, auf gott- lichem Willen fuBen miissen. Ich will nicht die alte Zeit loben, als ob diese gerechter und sittlicher gewesen ware, sondern ich bedaure nur, daB bei dem allgemeinen Aufschwung Gottesfurcht, Sittlichkeit und Gerechtigkeit zuruckgeblieben sind. Haben diese ihre Quelle in der Religion, so finde ich, daB auch die Religion die gewiinschten Friichte nicht gebracht hat, dafi der Same, den Christus gesaet, wohl zu einem groBen Baume emporgeschossen ist, der einige Zeit sehr viel, spater jedoch nur sparliche Friichte brachte und daB grofie und starke Zweige dieses Baumes abgebrochen sind, um selbst einen Stamm zu bilden, daB aber auch an dem alten Baume mancher Zweig verdorrt und mancher Teil mor seli geworden ist. 3. Die Ursachen der bedrangten Lage der Kirche. Welche Ursachen haben die zuvor geschilderten Verhaltnisse her- beigefiihrt? Es ist traurig, daB man in katholischen Kreisen diese Frage so wenig studiert oder nicht genugend studiert, und sich nur mit oberflachlichen Andeutungen und Beschuldigungen begniigt. Man beschuldigt die Reformation, dann Autoritats- mangel, Liberalismus, Freimaurerei, weiterhin die Schulen, die Regierung u. s. w. Mancher blickt sogar nicht weiter wie bis zu seinem Nachbarpfarrer, und wenn er dort sieht, daB sein Kollega nicht ganz sittenstark ist, sucht er dort Griinde, d. h. in der Lauheit des Klerus Griinde fiir die heutige Misžre. Die Philosophischen und gleichzeitig Hochkirchlichen durch- schauen mit weitem Blick die Welt und meinen: Am klugsten ist es doch, wir halten uns an die Worte der heil. Schrift, und 22 da lesen wir beim heil. Johannes: daG Hoffart, Augenlust und Fleischeslust die Triebfeder des weltlichen Gebarens seien. Christus habe auch von den Verfolgungen der Kirche ge- sprochen: „Hat man micli verfolgt, so wird man auch euch ver- folgen.” Jetzt sind sie beruhigt. Ich werde nicht irren, wenn ich sage, daG diese an ein anhaltendes Durchdenken einei* Tatsache nicht gewohnt sind; namentlich in dem kritischen Streite mit Dr. Ehrhard hat man solche Thesen aufgestellt. Die Kritiker Dr. Ehrhards bestatigen vollkommen meine Behaup- tung. Die christliche Lehre hat tatsaclilich mit Hoffart, Augen¬ lust und Fleischeslust zu kampfen. Das sind aber nur Hinder- nisse, die ihre idealen Erfolge verhindern. Diesen Kampf mit Hoffart und ihren Genossinnen fiihren aber auch wir, die wir die Kirche lieben und uns bemiihen, ihren Vorschriften zu entsprechen, vom Papst bis herab zum letzten Diener. Diesen Kampf fuhrte der heil. Paulus, fuhrten die Heiligen, und zwar hatten sie vielleicht einen heftigeren Kampf zu bestehen, als ihn viele sogenannte Kirchenfeinde auszufechten haben. Wenn man sagt, die Welt lasse sich aber allzuhaufig von Hoffart. Augenlust und Fleischeslust besiegen, so muh man wieder nach dem „warum” fragen? Wer ist Schuld an dieser Schwache der Welt, daG sie sich besiegen laBt? Es wird somit niemand im Ernste nach genauem Durch¬ denken der Sache behaupten, der intellektuelle Abfall habe in Hof¬ fart etc. seine letzten und tiefsten Wurzeln. In den Predigten wird sehr oft die heutige MiGstimmung gegen die Kirche durcli die zu- vor angefiihrte Prophezeiung Christi von der Verfolgung er- klarlich gemacht. Jedocli mit Unrecht! Die prophezeite Verfolgung bezieht sich auf die Lehre Christi — propter Christum, welche Verfolgung zur Zeit der Bekehrung der heidnischen Volker fast iiberall stattgefunden hat und noch heutzutage in den Missions- landern stattfindet. Findet heutzutage in den Kulturlandern eine solche Verfolgung, eine Verfolgung wegen Christus statt? Es ist vielmehr ein innerer Abfall, eine Abwendung von der katholischen Kirche, nicht insoferne sie die Tragerin der Lehre Christi ist, sondern insoferne die Vertreter der Kirche das Volk nicht ge- niigend unterrichten und Ideen vertreten, die nicht streng zur 23 christlichen Lehre gehoren, wenigstens nach dem Urteile der Kirchenfeinde. Ich werde manches vorbringen, was nach meiner Anschauung der Kirche nachteilig ist, ebenso wie es manche Laien freilich in wenig liebenswiirdiger Form tun, doch wird mich auch der Fanatischeste nicht zu den Verfolgern der Kirche propter Christum rechnen, da ich sogar fiir die achte Klasse der Mittelschule „die Nachfolge Christi” von Thom. von Kempen vorschlagen werde. Und wenn es auch wahr ware, daB die Kirche wegen Christus verfolgt wird, dann tritt doch an die kirchlichen Vertreter die Pflicht heran, zu untersuchen, ob nicht sie diese Verfolgung verschuldet haben, und alle Krafte aufzubieten, daB die Sache der Kirche nicht ruckwarts schreite, sondern vorwarts und daB sie wie in den ersten christlichen Jahrhunderten den geistigen Sieg davontragt. Somit konnen uns die vorhergehenden Berufungen an die heil. Schrift nicht geniigen, um die Lage der Kirche zu er- klaren, sondern es muB griindlicher untersucht werden. Die ein- zige Schrift, die mir diesbezuglich bekannt ist und die von philosophisch-geschichtlichem Standpunkte griindlicher die Frage behandelt, ist die bekannte Schrift Dr. Ehrhards: „Die katholische Kirche im XX. Jahrhundert.” Einer der Kritiker hat gesagt, daB das Buch Ehrhards nichts Neues biete. Ich reehne mich nicht zu den Historikern; doch war immer mein Bestreben mich in einzelne Geschichts- epochen zu vertiefen und so finde ich auch, daB das Buch ge- schichtlich nichts Neues biete. Doch die philosophisch betraeh- tende Darstellung der geschichtlichen Tatsachen ist neu. Wir sehen, wie sich die auBere Gestaltung der Kirche geformt hat und wie gleichzeitig, sich langsam trennend von der Kirche, die heu- tige moderne, glaubensarme "VVeltanschauung entstanden ist. In dieser Beziehung ist das Buch sehr lehrreich. Die Kritiker konnten ihm mehr mit Verdachtigungen und Verdrehungen entgegen- treten als mit philosophisch-geschichtlichen Argumenten. Die Aufforderung an beide Teile, an die Kirche und die moderne Welt, zur Aussdhnung mahnend, ist mehr theoretisch und allgemein. Um auf die anfangs gestellte Frage zuriickzukommen, mussen wir, wenn wir nach den Griinden der Entfremdung der Kirche und 24 der modernen Welt forschen, uns die Kirche durch ihre lehrenden Vertreter, die moderne Menschheit durch ihre geistigen Fiihrer vorstellen. Haben wir uns diese zwei Gegner im Geiste vergegen- wiirtigt, dann miissen wir weiter das Verhaltnis zwischen beiden untersuchen uncl da finden wir, dafi die moderne kultur- tragende Menschheit einst mit der Kirche innig verwachsen war; ihr Denken war nicht ein anderes als das der Kirche; was auch nicht anders sein konnte, da ja die Kirche die alleinige Erzieherin der Menschheit war, und zwar eine miitter- liche Erzieherin, die nicht bloB fur den Unterricht gewisser Gegenstiinde, z. B. Religion, sondern auch fur das leibliche Wohl der Zoglinge sorgte. Die Kirche hat die antike Kultur mit christlichen Lehren veredelt und aus wilden Volkern Kultur- volker geschaffen. Kirche und Staat war eine Person, der Staat sorgte fur das materielle, aber auch religiose Wohl der Volker, die Kirche aber nicht nur fur das religiose Wohl, sondern auch das materielle Wohl derselben. Der Staat war die exekutive Ge- walt bei der Erziehnngstatigkeit der Kirche. Schon im 15. Jahr- hundert bemerken wir, wie sich die Menschen ihrer Mutter, der Kirche nicht mehr recht fiigen wollten, da ihnen manche MaBnahme derselben nicht gefiel; sie suchten selbstiindig zu werden. Sie waren jedoch noch nicht alt genug dafur, bis sie durch die franzosische Revolution auf blutige Weise sowohl rom Staate als auch von der Kirche die Grofijalirigkeitserklarung ertrotzten. Die mutterliche Gewalt war der Kirche genommen, der Staat zog seinen Arm, mit dem er die Kirche unterstutzte, zuriick. Die Situation der Kirche ist nun eine ganz andere ge- worden. Jetzt galt es ihre Tatigkeit und ihr Auftreten derart einzurichten, dafi sie durch diese allein die Menschen gewinne, wie es in der vorkonstantinischen Zeit gevvesen ist. Nicht mehr Mutter, sondern Lehrerin ist die Kirche geblieben. Um jedoch auch diese Stellung zu behaupten, ist es notwendig, dafi sie ihre ganze moralische und geistige Macht strahlen liiBt, um die Menschen zu ihrem Lehrstuhl hinzuziehen und deren Leben mit ihren Prinzipien zu durchdringen. Dieses Moment, dafi die Kirche die Erzieherin der Menschen war und noch ist 25 und auch als Lehrerin der moralischen Prinzipe aufgefafit werden will, wozu sie iibrigens von Christus auch berufen wurde, ist fur meine Untersuchung grundlegend und wir sind der Beantwortung der Frage naher gekommen. Wenn zwischen zwei Personen ein Zwist besteht, dann ist es moglich, daB einer von beiden die Schuld hat oder beide zugleich, in gleichem oder ungleichem MaBe. Fassen wir den iibergeordneten oder den ansehnlicheren Partner in das Auge, den Lehrer, in unserem Falle die Kirche, und fragen wiruns, ob diese ihre Lehr- und Erziehungspflichten zur Zufriedenheit erfullt hat; dann, wenn sie diese Pflichten erfullt hat, ob sie bei der Erfiillung dieser Pflichten auch padagogiseh richtig voi’- gegangen ist, da man sehr eifrig untemchten, jedoch wegen padagogischer Fehler keinen Erfolg erzielen kann. Moglich ist es, daB auch das Auftreten derartig war, daB die Zoglinge kein Vertrauen zur Kirche fafiten. Dieses „Nosce te ipsum” ist unbedingt notwendig. Sogar bei uns beginnt jeder geistige Fortschritt mit Selbsterkenntnis. Wenn bei einem Landmann die Wirtsehaft schlecht steht, wird man zunachst nicht fragen, ob viel- leiclit die Steuern die miBliche Lage verschuldet haben, son- dern ob nicht er selbst daran schuld ist. Auch wenn es mit den Finanzen in einem Staate schlecht steht, wird man nicht zuerst die hohen Durchfuhrzolle etc. beschuldigen, sondern zunachst den Gang der eigenen Staatswirtschaft untersuchen. Da wir die Kirche als Lehrerin der Volker betrachten, ist diese Frage noch naturlicher und naheliegender. Die MiBstande in einer Pfarre kommen vielfach auf das Konto der Seelsorger. „Sicut rex, ita grex” so hat man uns gelehrt. Sogar die Lehrer bekommen von Vorgesetzten bittere Lektionen zu horen, wenn Sittlich- keitsdelikte bei den Schulkindern auch auBerhalb der Schule vorkommen. Bei den Verbrecliern fragt man auch nach der Erziehung. Die Sprichworter: „Der Apfel fallt nicht weit vom Baum”, „An ihren Friichten werdet Ihr sie erkennen”, kenn- zeichnen die Richtigkeit meiner Annahme. Zu untersuchen, ob nicht die Menschheit selbst den Ab- fall von der Kirche verschuldet hat, ist zunachst eine Aufgabe der Fiihrer der modernen Menschheit selbst, an uns tritt diese 26 Aufgabe erst dann als notwendig heran, wenn festgestellt worden ist, daB die Kirche in jeder Beziehung ihrer Pflicht nachgekommen ist. Bei dieser Untersuchung, namlich ob nicht die moderne Menschheit selbst den Abfall von der Kirche verschuldet hat, kame man wieder in Verlegenheit, da man nicht wuBte, welche stichhaltigen Griinde man fiir die Schuld anfiihren konnte. Vielleicht wiirde man den Fursten der Finsternis beschuldigen, daB er solchen Einflufi auf die Menschen ausiibe, daB er alle Bemuhungen der Kirche zunichte und die Menschen fiir das Licht der Wahrheit — nnd wir behaupten ja die Wahrheit zu besitzen — blind mache. Doch das reimt sich nicht mit dem Worte Christi, daB der Fiirst dieser Welt entthront ist, was nicht der Fali ware, wenn sich dieWahrheit nicht Bahnbrechen konnte. Auch eine so starke Anhaufung von Augenlust und Fleisches- lust kann nicht als Grund angenommen werden, da ja vorausge- setzt wurde, daB die Kirche ihre Pflicht ganz getan hat, also ge- wiB eine solche Kumulation vonLastern nicht stattfinden konnte! Meine ferneren Ausfiihrungen werden vielmehr dai-legen, daB ich die Schuld, und zwar die hauptsiichlichste an dem Niedergang der katholischen Religion, wobei ich nicht die Zahl der Katholiken uberhaupt, sondern die Zahl der prakti- tischen Katholiken im Auge habe, in der Kirche selbst finde, und zwar aus folgenden Grunden: A. Die Kirche fiihrt das Mandat Christi: „Gehet hin in die ganze Welt und lehret alle V51ker und taufet sie . . . ungenugend aus, so daB der Verstand der Menschen von der Wahrheit nicht hinreichend er- leuchtet, das Herz aber zu wenig zu christlichen Tugenden angeeifert wird, d. h. die Belehrung der Glaubigen und ihre religiose Erziehung ist in der Schule und Kirche und auBerhalb derselben nicht derart, daB sie hinreichend, geschweige denn vor- ziiglich ware. B. Es bestehen in der Kirche unwesentliche, ab- anderliche Anordnungen, die ihrer Bestimmung in der jetzigen Zeit nicht mehr entsprechen. 27 C. Das Auftreten der Kirche nach auBen ist nicht immerihrerhohen Bestimmungentsprechend, oftauch ihr selbst nicht niitzlich. Der erste Punkt ist der wichtigste und diesen Punkt \vill ich hauptsachlich verteidigen, und er diirfte mir auch am wenigsten Unannehmlichkeiten bereiten. Ich wollte anfangs nur diesen Gegenstand, namlich den mangelhaften Religions- unterricht besprechen, weil ich uberzeugt bin, wenn dies- beziiglich eine Anderung geschehen wiirde, sich auch in an- deren Dingen die richtige Einsicht Bahn brechen wurde. Ich weiB jedoch, daB die meisten Kollegen gerade diesen bedeu- tendsten Ubelstand nicht sehen, sondern andere fiir bedeutender halten, z, B. das Staatskirchentum oder den Zolibat etc. Auch mit diesen will ich rechnen und zeigen, daB in allen Gebieten des kirchlichen Lebens sich bedeutende MiBstande befinden, was auch naturlich und erklarlich ist. Es herrscht ja iiberall der eine und derselbe Geist, der die Trager der kirchlichen Ideen beherrscht, der Geist des religiosen Stillstandes, konnte man vielleicht richtig sagen. Und wenn nur an einem Gebiete einmal eine Reform stattfinden solite, dann wird der Panzer auch von den iibrigen religiosen Institutionen herabfallen. Ich gebe auch zu, daB manche bezuglich des „depositum fidei”, der kirchlichen Dogmen geheime Bedenken haben. Da ich doch von den katholischen Grundwahrheiten uberzeugt bin und auch meine, daB durch Zerstorung oder Beschadigung derselben den Menschen das groBte Ungluck zustoBen wiirde, so habe ich schon von vorneherein beteuert, sie nicht anzu- tasten. Ich bin auch nicht dazu berufen. Ich werde jedoch in den SchluBkapiteln auch diesbeziiglich mich naher aus- sprechen. Vor weiterer Ausfuhrung der oben angegebenen Griinde muB ich noch Riicksicht nehmen auf den etwaigen Einwurf: Die Kirche tut ja alles, was ihr moglich ist, um auch beim Unterrichte und in ihrem Auftreten den Anforderungen der Neuzeit zu entsprechen. Tatsachlich kommt in unseren Pastoral- konferenzen und auch in periodischen theologischen Schriften immer wieder die Frage in dem Sinne vor, wie der Seelsorger 28 sich in moderner Zeit zu benehmen hat, um dem Christentum die alte Position zu behaupten, z. B. „Welche Mittel soli der Seelsorger gegen die Los von Rom-Bewegung amvenden” oder „Wie konnen die Manner in der modernen Zeit fiir die christ- lichen Grundsatze gewonnen werden etc.”. Die Beantwortung beivegt sich jedoch immer im alten Fahrvvasser, in dem Rahmen des alten Systems. Es ist meistens eine Wiederholung der pastorellen Vorlesungen im Seminar, indem nacheinander die Mittel aufmarschiert kommen wie Gebet, eifrige Predigten und Katechesen, erbauendes Leben des Klerus, Bruderschaften, iiber- haupt die gewohnlichen Obliegenheiten eines Priesters. Als neues Moment diirfte in allerneuester Zeit nur noch die Presse, die Vereine und die soziale Tatigkeit des Priesters hinzu- kommen. Es liegt mir das Protokoli iiber die Versammlung der hochwurdigen Dechante unserer Diozese in der fiirstbischof- lichen Residenz am 27. Mai 1902 vor. In der ersten Nurnmer beriet man iiber die Mittel zur Abwehr gegen die „Los von Rom-Bewegung”, die auch in Karaten stark aufgetreten ist. Man wiirde glauben, daB ein so auBerordentlicher Angriff auf die Kirche auch auBerordentliche MaBnahmen notwendig machen werde. Keineswegs. Es werden Mittel beschlossen, die ohnehin jeder Seelsorger anwendet und auch anwenden muB. Wiirde ich den ganzen Wortlaut des Protokolles hier anfuhren, so wiirde ich dieLeser aus geistlichem Stande nur mit bekannten Dingen belastigen. Deshalb beruhre ich nur die erste Nummer. Die Referenten wollen immer mit ihrer reinkirchlichen Gesinnung Eindruck machen und deshalb wurde auf ihren Vortrag auch als erstes Mittel „einstimmig beschlossen”: „das Gebet, be- sonders die Anrufung des heil. Geistes, eucharistische Vereine, Forderung des ofteren Empfanges der heil. Sakramente, Ver- ehrung der seligsten Jungfi’au, ganz besonders aber die Ein- fuhrung des lebendigen Rosenkranzes werden als ganz beson- dere Mittel der Abwehr gegen die Los von Rom-Bewegung fiir die Jetztzeit empfohlen”. Ein interessanter Beschlufi! Auch das Gebet wird empfohlen, wahrend uns Christus aufge- tragen hat zu beten. Man beachte das „ganz besonders”! Ob unter diesen Mitteln die Einfuhrung des lebendigen Rosen- 29 kranzes so die anderen Mittel, z. B. die Forderung des ofteren Empfanges der heil. Sakramente iiberragt, daB es ganz be- sonders aufgefaBt werden muB! Und muB dieses alles erst als empfehlenswert beschlossen werden?! Was denkt man von den Priestern? Doch ich habe auch sachliche Bedenken gegen die Art des Gebrauches dieses Mittels namentlich gegen die eucharistischen Vereine und gegen das Gebetsapostolat, vielleicht auch gegen den lebendigen Rosenkranz, wenn diese Andachten nur ein Resultat der priesterlichen Agitation sind, nicht aber Akte freiwilliger EntschlieBung. Mir widerstrebt es immer, das Gebet, die Erhebung des Herzens zu Gott,dasGesprach mit Gott an Statuten zu binden und zu einer Vereinsangelegen- heit zu machen. Ich werde vielleicht viele beleidigen, jedoch fiir manche Gebetsvereine — nicht fur alle, namentlich dort nicht, wo sich Menschen wirklich aus reinstem Antriebe zu einem Vereine zusammengeschlossen haben — wird der Aus- druck richtig sein, wenn ich sage: sie bilden eine nicht auf- genommene Claque fur den lieben Herrgott, die auch dann „Hosanna” rufen, wenn ihr Herz auch nicht bei Gott ist. Solche Mitglieder kummern sich oft mehr um den Ver ein, um die Gebetsstunden, um die Mitglieder etc. als um den Geber alles Guten. Das Gebet hat nur dann einen Wert, wenn das Herz selbst ergriffen und zu Gott hingezogen wird. Hatte man bei der Konferenz beschlossen, dahin zu wirken, daB innig und mit Verstandnis gebetet wird, so daB der Beter in seinem Denken und Leben gebessert werde, ferner, daB z. B. gute, der Zeit ent- sprechende Gebetbucher unter das Volk kommen, hatte man auch Gebetbiichervereine beschlossen, dann hatte die erste Nummer einen ganz anderen praktischen Wert. Der gottliche Heiland lobt wohl das gemeinschaftliche Gebet derer, die sich freiwillig zusammenfinden, um ihre Ge- danken zu Gott zu erheben; ob er aber auch Vereine mit Ob- mann, Kassier etc. gemeint hat, wer wird das behaupten? Solches Statutenwerk war ja der Talmud. Glaubt man ubrigens im Ernste, daB — abgerechnet der Einwirkung der gottlichen Gnade, welche Einwirkung wohl geglaubt und angefleht werden miisse, die aber nie als ein Kalkul angesehen werden kann, 30 mit dem wir bei unseren rein menschlichen Frageu liber unsere Pflichten rechnen diirfen, da das ganze Sein dieser Gnade, die Art und GrdBe ihrer Einwirkungen nur Gott allein bekannt ist — diese Gebetsvereine auf die Ab- triinnigen einen Eindruck machen werden? DaB die iibrigen angewandten Mittel nicht hinreichen, will ich in weiterer Ausfiihrung der Resultate meiner Unter- suchungen darzulegen suchen. A. Die Belehrung der Glaubigen und ihre religiose Erziehung in der Schule, in der Kirche und aufier- halb derselben ist nicht derart, dafi sie hinreichend, geschweige denn vorzuglich ware. Das Fundament zu dieser meiner Untersuchung lege ich zunachst durch Fixierung meiner Anschauung a) iiber den Be- griff der Religion, b) iiber die Art, wie die religiose Anlage des Menschen weiter entwickelt und vervollkommnet, oder wie man religios wird. a) Begriff der Religion. Um zu finden, was die Religion ist, \verden wir nicht die Philosophen fragen, weil wir nicht wissen, welchem wir 1'olgen sollen, da einer die Religion als bloBe Phantasie betrachtet, der andere sie im Verstande oder im Gemiite oder in einer auBeren Einwirkung begriindet glaubt. Wir werden auch die theologischen Definitionen nicht zu Rate ziehen, die in der Regel nachgeschrieben iverden, ohne daB sie auf ihre Richtigkeit gepriift wurden. Die Wahrheit werden wir finden, wenn wir den Religionsbegriff in unserem eigenen Denken untersuchen und namentlich mit der Denk- und Sprech- weise der uns umgebenden Menschen vergleichen. Es ist klar, daB wir unter Religion das verstehen, was zugrunde liegt, wenn wir jemanden religios nennen. Wann nennen wir je- manden religios? Es ist natiirlich von wahrer Religiositat die Rede. Wurden wir einen Menschen finden, der von Jugend an 31 gewohnt ist, zu Gott zu beten und ihm zu dienen und wiirde man bei ihm sonst nichts voraussetzen als dieses, wiirden wir ilm schlechthin religios bezeichnen? Durchaus nicht, wir wiirden sagen, er ist gottesfiirchtig oder vielleicht auch, er ist bigott. Ebenso wurden wir einen Menschen, der bloB „human” ist, der nach dem Begriffe der modernen Welt die Liebe gegen die Nachsten und andere Geschopfe betatigt, ohne daB er ein oberstes Wesen anerkennt, durchaus nicht als religios be¬ zeichnen. Ebensowenig konnten wir von wahrer Religiositat bei einem Menschen reden, der zwar Gott anbetet und gegen den Nachsten zuvorkommend ist, jedoch sich selbst vernach- lassigt, um die Ablegung mancher schlechter Gewohnheiten sich nicht kiimmert. Es ist vielmehr notvvendig, um jemand religios nennen zu konnen, daB er 1. Gott anbetet, d. h. ein hochstes Wesen anerkennt und sich zu ihm hingezogen fiihlt, 2. dafi er gegen seine Nachsten und zum Teile auch gegen andere Geschopfe (zumal Tiere) Liebe empfindet und auch er- weist, 3. daB er sich selbst liebt. Die Religion werden wir so- mit als das bezeichnen, was in der Menschenseele der drei- fachen Liebe, namlich gegen Gott, gegen sich selbst und gegen seine Geschopfe zugrunde liegt oder noch deutlicher als die in der Menschenseele vorhandene Anlage, die durch Einwir- kung von innen und auBen ausgebildet, diese dreifache Liebe harmonisch und richtig durch Denken und Wollen betatigt. DaB diese Anlage oder der Keim zur Religion uns angeboren ist, lehrt der Apostel in dem bekannten Wort, daB die Men¬ schen schon von Natur aus Gott erkennen konnen. Tertullian sagt: „Die Seele ist von Natur aus christlich.” Rousseau sagt, der Jiingling, der niemals von Gott horte oder šahe, wurde spontan ein Verlangen nach Gott empfinden, indem er etwa vor der Sonne niederknien wiirde, um sie anzubeten, was bedeutet, daB die religiose Anlage sich zu entwiclceln anfangt, und zwar auch in der Richtung zu Gott, wahrend sie fruher schon in der Richtung zu sich selbst und zu den Nachsten eine gevvisse Vollkommenheit erreicht haben konnte. Die religi- ose Anlage und ihre Entvvicklung im Anfange ist noch keine Re¬ ligion, sondern erst dann, wenn sie soweit gediehen ist, daB man 32 deutlich jene dreifache Liebe erkennen kann, wie auch der Grundstein samt den Grnndmauern nocli kem Haus genannt werden kann, sondern diese Bezeichnung erst dem Bau zu- kommt, in dem man drinnen wohnen kann, wenn auch die nicht \vesentlichen Bestandteile wie der Bewurf, AusweiBen etc. noch nicht angebracht sind. Diese Ausfiihrung liber die Religion stimmt auch mit der Lehre Christi iiberein. „Meister, welch.es ist das erste und grofite Gebot?” fragte ihn ein Zuhorer. „Liebe Gott aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kraften”, dieses ist das erste und groBte Gebot. Das zweite ist aber diesem gleich: „Liebe deinen Nachsten wie dicli selbst,” antwortete der Meister. Dies ist notwendig, um selig zu werden und die Bestimmung hier auf Erden zu erfiillen. „Herr, was soli ich tun, um das ewige Leben zu erlangen,” fragte den Heiland der Jungling. „Halte die Gebote,” ant- wortete der Meister. Also zur Seligkeit ist notwendig die Beob- achtung der Gebote und diese sind die zwei zuvor angefiihrten Hauptgebote. Wiirde man uns fragen, was notwendig zur Seligkeit sei, so wiirden wir vielleicht in moderner Weise ant- worten: „Sei religios.” Religios hat somit denselben Inhalt wie die Antvvort des Heilandes, namlich die Gottes-, Selbst- und Nachstenliebe; in dieser dreifachen Liebe wird folglich auch die Religion bestehen. Die Religion ist nicht identisch mit dem christlichen Glauben, ja nicht einmal mit dem Glauben uberhaupt; denn die Religion hat fruher bestanden als das Christentum, fruher als irgend eine richtige oder falsche Offenbarung. Es gab auch gewifi zu¬ vor religiose Menschen. Die Patriarchen, die Propheten, der lieil. Josef, sie waren gewifi religios. Auch die Naturreligionen zahlen religiose Mitglieder. Der gottliche Lehrmeister zeigte der Religion nur den richtigen Weg, auf dem sie wandeln soli, und gab durch das Einsetzen des heil. MeBopfers und der Sa- kramente, durch die Stiftung seiner Kirche, der Religion feste Pfeiler und Stutzen, damit sie nicht abirrc oder erlahme. Der Heiland sagte nie, dali er eine neue Religion lehre, sondern er „ware gekommen, nicht um das Gesetz abzuschaffen, sondern 33 es zu vervollkommnen”. In seinen Parabeln berief er sich auch auf die natiirliche religiose Erkenntnis, z. B. in der Parabel vom barmherzigen Samaritan, in der er die Nachstenliebe so schon erkliirt. Als er wegen der Ehe interpelliert wurde, berief er sich sogar auf die religiosen Zustande vor dem Gesetze: „Vom Anfange war es nicht so.” Selir zu beobachten ist auch, daB Ghristus zu seinen Aposteln religiose Manner erwahlt hat, also nicht solche, denen man eine Religion erst beibringen miifite. Der gottliche Heiland hat durch seine Lehren die Religion auf den richtigen Weg: ego sum via, und somit zur bestimmten Wahrheit: ego sum veritas. Den Menschen, die die via und veritas aufgenommen hab en, gab er auch durch seinen Opfer- tod und seine Sakramente das wahre uberirdische Leben in Gott: ego sum vita. Meine Begriffsentwicklung der Religion stutzt sich somit sowohl auf das Denken und Begreifen der Menschen als auch auf die Worte unseres Lehrmeisters, dessen Lehrsiitze doch eher die Form der Sprechvveise des Volkes haben als die der hoch- trabenden, oft nichtssagenden Definitionen der Gelehrten. Andere Definitionen lassen sich auf meine Definition teil- weise zuriickfiihren. Wenn jemand statt „Liebe zu Gott” Ver- langen oder Begehren nach Gott sagt, so ist im Grunde beides gleich. Spirago definiert die Religion in seinem Werke: „Die spezielle Methodik des katholischen Religionsunterrichtes” als die Gotteserkenntnis und einen dieser Erkenntnis entsprechenden Lebenswandel und Gottesdienst. In dieser Definition ist das Wort Gotteserkenntnis nicht so gut, wie Gottesliebe, da die Erkenntnis allerdings die Bedingung der Liebe zu Gott ist, insoferne sie ein Durchgangspunkt zu derselben ist, wahrend ge- rade die Liebe die Krone, das Ziel und das Resultat des religiosen Strebens ist. Auch der Lebenswandel und der Gottesdienst ist viel richtiger oder viel religioser, wenn er mehr der Liebe, dem Begehren nach Gott entspringt als der bloden Erkenntnis. Nicht derjenige ist religids, der Gott erkennt und sagt „Herr, Herr”, sondern „wer seine Gebote halt”. Es ware schon aus diesem Grunde besser, daB man nicht so sehr die Erkenntnis Vogrinec, nostra culpa. 3 34 betont, die oft eine sehr groBe ist, jedoch wenig Reli gi o n bedingt, als vielmehr die Liebe oder das Verlangen nach Gott. Diese oder ahnliche Definitionen, wie wir solche oft auch in den Dogmatikbiichern vorfinden, sind aber auch aus einem noch wichtigeren Grunde nicht richtig. Zur Religion gehort auch die Liebe zu den Geschopfen und zu sich selbst. Diese Liebe ist nicht nur in der Gottesliebe begriindet, sondern auch gleichmiiBig, koordiniert mit der Gottesliebe und vom Anfang an erschaffen, in der angeborenen religiosen Anlage der Seele selbst. Es bleibt nicht ausgeschlossen, daB sich die religidse Anlage in der Richtung zu Gott nicht entwickelt hat, wahrend sie sich in der Richtung zu sich selbst und den Nachsten stark entwickelt hat. Wenndie Nachstenliebe nur in der Gottesliebe oder in der Erkenntnis, daB Gott der Sehopfer aller Dinge sei, begriindet ware, so miifite daraus gefolgert \verden, daB je kleiner die Gottesliebe, desto kleiner die Nachsten¬ liebe ist, was die Erfahrung wohl in den meisten Fiillen, aber nicht in allen bestatigt. Es gibt grofie humane Wohlfahrts- einrichtungen, die auf bloBer Nachstenliebe basieren. Die bloBe Nachstenliebe ist somit auch ein Zweig der religiosen Anlage des Menschen, sie ist aber noch nicht Religion, weil eben der wichtigste Zweig, die Gottesliebe fehlt, \vie eben die Grund- steine mit Grundmauern oder bloBes Dach noch nicht ein Haus vorstellen. Die iiblichen Definitionen sind somit nicht ganz richtig, weil sie die Religion namentlich in ihrer Wurzel nicht voll- standig klarstellen. Die Definition der Religion als die in der Menschenseele von Natur aus vorfindliche Anlage, die durch Einwirkungen von innen und auBen ausgebildet, die Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen im Menschen erzeugt, halte ich sowohl fiir die Ausfiihrung des folgenden Kapitels wie uberhaupt fiir eine richtige Anschauung namentlich bei Erteilung des Reli- gionsunterrichtes fiir sehr wichtig. h) Die Art, wie die religiose Anlage des Menschen weiter- entwickelt oder vervollkommnet oder wie man religios wird. Schon friiher habe ich erwahnt, daB die Kinder mit der 35 religiosen Anlage schon auf die Welt kommen. Wie man sich diese vorstellt, ist gleichgiltig. Wir sagen einfach, sie ist in dem unerschopflichen Brunnen unserer Seele vorfindlich. Die Kinder befinden sieh zunachst in der Familie. Ist diese religios, oder wenigstens die Erzieherin des Kindes, so beginnt die religiose Anlage, sobald das Kind die Umgebung zu beobachten angefangen hat, bestimmtere Formen anzunehmen und sich zu entwickeln. Das Kind sieht, wie die Erzieherin die Hande faltet, wie ihr Antlitz, ihre Sprache und ihre Geberden sich verandern, es bemachtigt sich des Kindes auch im Klemen dieselbe reli¬ giose Stimmung, namentlich weil diese seiner Seele entspricht. Ist das Kind grofier, so zeigt die Mutter dem Kinde den ge- stirnten Himmel, die Wohnung des „Himmelvaters”, wohin die braven Kinder kommen, nimmt es in die Kirche mit, wo das Kind die stili und andachtig betende Menge, den frommen Gesang, die Bilder etc. betrachtet. Beim Kinde bildet sich auf diese Weiše aus der stili schlummernden religiosen Anlage die religiose Verfassung oder religiose Disposition. Ich mochte wohl einen geeigneteren Namen fur die Bezeichnung dieses Zii- standes finden, allein es ist mir kein besserer gelaufig. Solche reli¬ giose Verfassung der Kinder kanu man leicht in religiosen Gegen- den beobachten, wennNeulinge das erstemal zum Religionslehrer in die Schule kommen. Sie halten die Handchen gefaltet, sitzen ruhig und andachtig in den Banken; denn jetzt sehen sie den- jenigen vor sich, den sie schon in der Kirche im heiligenDienste beobachtet haben. Sie befinden sich in religioser Verfassung oder Stimmung. Heuer im Winter habe ich Christenlehren ge- halten fur diejenigen Kinder, die wegen weiter Entfernung die Schule nicht besuchen. Ich bemerkte, daB mich die meisten sehr wenig verstanden, da ich mich als neu Angekommener iiber ihre Denk- und Sprechweise nicht genugend orientieren konnte. Doch ich habe mich erbaut an ihrer Frommigkeit und Andacht, mit der sie meinen Worten Iauschten, wiewohl sie wie gesagt, wenig verstanden haben. Wenn diese immer auf ihren Bergen bleiben, werden sie, beeinfluBt durch ihre Umgebung, stets religios bleiben, obwohl sie von den Grunden der Wahr- heiten des Ghidstentums nicht viel mehr wissen diirften, wie etwa 3 * 36 ein Turke. Diese befinden sich eben in der religibsen Verfassung, die jede Lehre der Kirche ohne weiteres aufnimmt. Auch dort, wo die Kinder vom lieben Gott nie etwas horen, sondern wo man sie nur belehrt: „Das ist artig, das aber unartig”, bringen die Kinder schon ein schwaclies MaB religioser Verfassung mit sich in die Schule, indem sich der andere Teil der religiosen Verfassung, namlich die Liebe zu den Geschopfen und zu sich selbst, freilich ohne den vorzuglicheren, die Liebe zu Gott, nur kiimmerlich ausgebildet hat, insoferne das Sittengesetz hauptsachlich das Verhaltnis zu unserem Ich und zu den Ge¬ schopfen ordnet. Wird in der Schule jetzt auch die Gottesliebe gelehrt, dann entwickelt sich dieser noch schlummernde Teil in raschem Tempo. Solite es Falle geben, daB die Kinder in die Schule auch ohne jedes sittliche Empfinden kommen, dann hat man allerdings mit der religiosen Anlage allein zu rechnen. Diese religiose Verfassung, die das Kind in der Familie namentlich durch die Mutter erlangt, ist wohl die festeste und nachhaltigste. Das wird wohl jeder aus seinem eigenen Leben entnehmen konnen. Mehr als alle gelehrten Beweise und Be- trachtungen bis hinauf zur Theologie hat das Wort und das Beispiel der Mutter ausgegeben. Ein Alumnus des Augustineums in Wien meinte nach Erlangung des Doktorgrades: Es ist wohl gut, daB mir meine Mutter genug Glauben beigebracht hat, die theologische Wissenschaft hatte das nicht tun konnen. Auf die religiose Erziehung im Elternhause konnen wir Geistliche durch die Eltern oder Erzieher wirken, und zwar durch die Tatigkeit in der Kirche und durch EinfluBnahme mancher Art. Wir arbeiten aber bereits in der Schule fur spatere Gene- rationen, indem die Kinder, zu Eltern geworden, ihre Kinder auch in der Richtung erziehen werden, wie sie selbst erzogen worden sind. Nach der Erziehung im elterlichen Hause kommen die Kinder in die Schule. Wir in Osterreich und in Deutschland sind noch so gliicklich, daB wir den Religionsunterricht in der Schule erteilen diirfen. Nach Obergabe der Kinder an die Schule treten die Eltern meistenteils von der Ilaupterziehung zuruck 37 und wirken, wenn sie verniinftig sind, mit der Schule an der Erziehung mit. An den Priester tritt nun die Aufgabe heran, das Kind religios zu erziehen. Bevor ich im Besonderen zeige, wie dies geschehen soli, will ich einige fundamentale Betrach- tungen hier anstellen, indem ich behaupte: Die religiose Ver- fassung der Schiller ist unbedingt notwendig, soli der Unter- richt einen Erfolg erzielen. Auf diese religiose Verfassung soli beim Beibringen jeder Wahrheit Riicksicht genommen werden. Ein Unterrichten ohne religiose Verfassung des Herzens des Kindes ist ein Aussaen des Samens auf felsigen Boden. Einige Zeit bleibt der Same liegen, bis die Vogel des Himmels kommen und den Samen wegtragen. Wenn der Unterricht im bloBen Mitteilen und Begriinden von Lehrsatzen besteht und moge dies in noch so schoner Form, noch so kunstvoll und mit noch so vielem Eifer geschehen, ist es trotzdem nur ein Aussaen auf felsigen Boden. Bei den weltlichen Fachern wird der- jenige Lehrer am meisten erreichen, der die Schiller wiBbegierig zu machen versteht. Wenn z. B. ein Gymnasialschiiler noch so gut entspricht und vielleicht infolge seines Gedachtnisses und in- folge seiner Redegewandtheit die besten Klassifikationsnoten erzielt, hat er aber nicht studiert, um seine Wifibegierde zu stillen, dann wird die Frucht eines solchen Lernens minimal. Das Eingepragte entschwindet bald und hat fiir die Bildung des Schiilers geringen Wert gehabt. Der Religion kommt auch die WiBbegierde zustatten, noch mehr aber die religiSse Verfassung, in der sich der Schiller befindet. Es ist eine nicht seltene Er- sclieinung, daB gerade diejenigen, die die besten Noten sowohl am Gymnasium als auch in der Theologie erzielen, nicht immer die frommsten sind. Von denen wir glauben, daB sie in der Religion oder in der Theologie gut beschlagen sind, sind oft sehr wenig religios. Das kommt daher, weil der Unterricht auf die Erlangung der religiosen Verfassung lceinen Bedacht nimmt. Von unseren christlichen Wahrheiten sind namlich nicht alle derart, daB sie nur ausgesprochen und begriindet zuwerdenbrauchen,umgeglaubtundbefolgtzuwerden, wiez.B. dieLehre vom Gott, von der Unsterblichkeit der Seele, sondern es gibt auch solche Wahrheiten, wie z. B. 38 die Lehre von den Sakramenten, vom heil. MeBopfer etc., die eine gewisse Vorbereitung des Herzens oder schon eine bestimmte „Zubereitung” der religiosen Anlage des Menschen oder — sit venia verbo — eine Dungnng des Bodens erheischen, in dem MaBe, daB der Same aufgenommen werden und Friichte bringen kann. Ich lege Wert auf den letzten Vergleich, um verstanden zu werden. Wie der Landwirt nicht ohne weiteres den Samen aussaet, son- dern dafiir sorgt, daB der Boden auch ertraglich ist, d. h. daB er gut gediingt ist, so ist es auch notwendig, daB der Boden des Herzens friiher empfanglich gemacht wird fur die Aufnahme der christlichen Wahrheiten. Wie machen es wir gewohnlich?! Die meisten kiimmern sich zuniichst nicht, ob der Boden auch empfanglich ist, sondern sie kommen gleich mit dem Samen ihrer Lehren und werfen ihn auf den Boden, bewerfen ihn eventuell mit dunnem Erdreich, d. i. mit Beweisen und Griinden. Jetzt soli der Same gedeihen! Andere begieBen noch hinterher die Saat oder diingen den Boden nur oberhalb der Aussaat. Das sind diejenigen, die nach Mitteilen der Lehrsatze und Be- weise noch das Gemiit beeinflussen. Die Erfahrung lehrt, daB dort, wo religios vorbe- reiteter Boden schon beim Eintritte in die Schule vorhanden ist, das Eindringen der Wahrheiten beim Schiller sehr leicht ist. Gelehrte von Weltruf halten fest an ihrem Glauben, \veil sie eben eine fromme Mutter gehabt haben. Auch der gbttliche Lehrmeister hat bei seinem Unter- richte die religidse Verfassung vorausgesetzt. Es muB fest- gehalten werden, daB Jesus auBer seiner Erlosungs- mission auch als Erzieher und Lehrer zu den Juden ge- kommen ist, um diese wahrhaft religios zu machen und durch sie die ganze Welt. Er erschien gerade bei den Juden, weil bei diesen bereits Voraussetzungen vorhanden waren, daB sie wenigstens teilweise seine Lehren aufnehmen werden. Den Sokrates hat das hochintelligente Griechenvolk durch das Gift sterben lassen, weil er unter anderem auch den Glauben an einen Gott lehrte. Wiire Christus unter diesem Volk erschienen, er hatte kaum 12 Manner und 72 Schiller gefunden, die bereit 39 gewesen waren, fiir die Lehre ihres Meisters selbst das Leben zu opfern, weil eben bei den Griechen die religiosen Voraus- setzungen, der Glaube an einen Gott, die Verheifiung des Messias ete. fehlten. Die 12, die er zu seinen Aposteln wahlte, waren besonders religios. Als er zu Johannes an den Jordan hinausging, dafolgten ihmzwei seiner kiinftigen Apostel spontan nach, bewogen dureh die anbetende Begriifiung des Taufers und das erhabene Auftreten des Rabbi. Einem anderen stellte Jesus selbst das Zeugnis seiner Rechtschaffenheit aus, als er ihn unter die Seinen einreihte: „Hic est vere Israelita.” Nur Judas macht eine Ausnahme. Er war nicht religios, quia fur erat, weil er ein Dieb war. Auf ihn hatte das Wort Gottes keine Wirkung. Er begriff nicht die Barmherzigkeit Gottes, deshalb eidiangte er sich, bevor das Erlosungswerk vollbracht war. Warum wir ihn unter den Zwolfen finden, weiB Gott allein. Vielleicht rechnete er schon von allem Anfang an, als Kassier in der Gefolgschaft des Meisters Geschafte zu machen und bat zudringlich, aufgenommen zu werden. Der gottliche Herzens- kenner wollte ihn nicht friiher bloBstellen, bevor er nicht selbst sein boses Herz entdeckt hatte. Bei den Pharisaern fand die Lehre Christi keinen Anklang, obwohl dieselben in der heil. Schrift sehr bewandert waren, namentlich die Klasse der Schriftgelehrten, die im Tempel jedermann uber die Bedeutung verschiedener Schriftstellen Aufklarung geben muBten. Sie kannten nur ihren Katechismus, den Talmud, wahrend ihr Herz ohne religiose Verfassung war. Zu ihnen sprach der Herr: „Wer aus Gott ist, hort das Wort Gottes, wer aber nicht aus Gott ist, hort es nicht.” ffo fanden somit seine Lehren Ein- laB? Bei denjenigen, die vom Geiste Gottes erfiillt waren, deren Herz religios war. Von frommen, guten Eltern erzogen, hdrten sie gern das Wort Gottes. Die Pharisaer waren schon von ihren Eltern nur auBerlich erzogen. Ihr Herz blieb steinig und voli siindhaften Gestriippes. Man vergleiche auch die Worte des Evangelisten: „Quotquot autem receperunt eum, dedit eis potestatem filios Dei fieri, his, qui credunt in nomine eius, qui non ex sanguinibus, neque ex voluntate vii’i, nec ex volun- tate carnis sed ex Deo nati sunt ” Also diejenigen fanden nicht 40 Einlafi in das Reich Christi, deren Herz voli Kriimmungen und Leidenschaften ohne den religiosen Zug war, sondern nur diejenigen, die aus Gott geboren waren und die sich zu ihrem Schopfer hingezogen fiihlten. Wie gingen die ersten Christen beim christlich religiosen Unterrichte der Volker vor?! Sie vrandten sich nicht an die Herrscher, die meistenteils Epicuriier oder Stoiker waren, auch nicht an die EinfluBreichen, bei denen kein religioser Zug vor- handen war, sondern gerade an jene Volksklassen, die zahe an religiosen Traditionen hielten und auch ein Verlangen nach religioser Wahrheit hatten; und deren gab es verhaltnismaBig mehr wie heutzutage. Das ganze kulturelle Altertum hat den Charakter eines religiosen Zuges. — Die Lehrer oder Kate- cheten der ersten Christen wollten ihre Lehren nicht auf ungediingte, irreligiose Herzen aussaen, sondern auf solche, die „aus Gott geboren sind”. Deshalb ging eine strenge Priifung der Aufnahme zum Katechumenenunterrichte voraus. Nach dem sittlichen Verhalten desPetenten wurde eifrig geforscht. Den bereits aufgenommenen Katechumenen wurden die christlichen Wahrheiten, die eine religiose Ver- tiefung voraussetzen, nicht sogleich mitgeteilt, sondern erst dann, wenn Garantie vorhanden war, daB sie der Auffassung derselben fahig waren. Uberhaupt kann uns das Studium des religiosen Unterrichtes bei den Katechumenen der ersten christ¬ lichen Jahrhunderte manchen AufschluB liber die richtige Art des religiosen Unterrichtes geben. Das Voranstehende wird somit iiberall beachtet werden miissen, wo es sich darum handelt, den Menschen christlich religios zu machen. Man wird immer auf die religiose Ver- fassung Riicksicht nehmen miissen, dort wo sie vorhanden ist, sie zu erhalten und zu vertiefen suchen, dort, wo sie nicht vor¬ handen ist, schaffen oder klarer und innerlicher gestalten. Den Menschen wird man soweit praparieren, und zwar nicht nur allgemein beim Religionsunteridchte, sondern auch vor der Lehre jeder schwierigen Wahrheit, daB er mit dem kleinen Samuel ausruft: „Herr, sprich, dein Diener hort.” Dann \vird das Einpflanzen der Wahrheit sehr leicht sein, wiihrend 41 sich gerade die Schaffung des religiosen Bodens oder der religiosen Anlage schwieriger gestalten diirfte. Die richtige Auffassung des Vorhergehenden wird sich erst nach praktischer Durchfiihrung der Lehrarten an den verschiedenen Schulen zeigen. Um doch den Leser in meinen Gedankenkreis einzu- fiihren, fiihre ich Beispiele an: Bevor ieh die Einsetzung des heil. Abendmahles und die Bedeutung desselben erzahle und nachweise, werde ich von der Liebe des Heilandes sprechen. Wie gut er gegen die Menschen war! Wie er da und dort sein liebendes Herz enthiillt hat, z. B. Sattigung der fiinf Tausend! Er wufite, daB er am nachsten Tage sterben werde und da wollte er uns ein Andenken an seine Liebe zuriicklassen. Er wiinschte, daB man immer an ihn und seine Lehre denkt, und so setzte er das heil. Abendmahl ein etc. Das Herz der Kinder \vird dadurch religios gestimmt, es betrachtet die Liebe des gottlichen Heilandes und von selbst nimmt es dauernd das Pflanzchen von der Lehre des Altarsakramentes auf. Fur die Mittelschuljugend werde ich die Biographien der Heiligen verlangen, namentlich der ersten Martyrer etwa als Auszug der „Fabiola”. Das Bei- spiel dieser Glaubensmartyrer wird die jungen Herzen religios stimmen, daB die christlichen Wahrheiten viel tiefer und fester in das Menschenherz eindringen. Fiir das christliche Gesetz werde ich den Studenten durch das Lesen „der Nachfolge Christi” von „Thomas v. Kempen” empfanglich machen. Allerdings schwebt manchem Lehrer der Katechetik un- bewuBt die Notwendigkeit einer religiosen Verfassung vor, in- dem er betont, der Religionsunterricht miisse auch das Gemiit ergreifen, er zeigt aber nie, wie dies geschehen soli, hochstens glaubt er am Schlusse eines Lelirstiickes durch Nutzanwen- dungen auf das Gemiit wirken zu miissen. Am meisten hat Professor Spirago in seinem „Volkskatechismus” auf die reli- giose Disposition Riicksicht genommen, jedoch nicht iiberall und auch nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten. Doch dem Umstande, daB er es getan hat, ist es zu verdanken, daB sein Buch soviel berechtigtes Aufsehen erregt hat. Nicht nur die štete Beriicksichtigung der religiosen Ver¬ fassung ist fur den erspriefilichen Religionsunterricht notwendig, 42 sondern auch andere Faktoren, deren Untersuchung ich eben- falls als grundlegend fiir die Aufstellung der Grundsatze des Religionsunterrichtes betrachte. Diejenigen, die noch vom Mittel- alter traumen, berucksichtigen viel zu wenig, daB die Religion dem Menschen heutzutage nicht mehr alles ist, um das sich sein ganzes Denken und Wollen drehen wiirde. Sogar tief in die neue Zeit hinein war die Religion dem Menschen das Zentrum des ganzen Lebens. Es gab keine Zeitungen, keine Vereine, keine bedeutenden Verkehrsmittel, die den Menschen mit der grofien Welt in Beriihrung brachten. Heutzutage gibt es zahllose, sehr ausgebildete Wissenschaftszweige, die groBes Interesse beanspruchen, technische Errungenschaften, mit denen sich der Geist bewundernd und gerne beschaftigt. In den fruheren Zeiten konzentrierte der Mensch seine Gedanken nur auf die Kirche und ihre Einrichtungen. Es schien ihm das hochste Ideal, weil es eben das einzige war, fiir die Kirche etwas zu tun oder ihrzudienen. Die zahlreichen Kunstdenkmaler beweisen, wie das Mittelalter sein ganzes Wissen und Konnen der Kirche widmete. Alles dieses beweist aber noch nicht, daB besonders tiefe, religiose Uberzeugung im Durchschnitte herrschte, sondern nur, daB der Mensch schon durch seine ganze Umgebung, durch die ihn umgebende Atmosphare, sich wie ein Kind in einer religiosen Familie, in einer religiosen Verfassung befand, die ihm ermoglichte, die christlichen Lehren in der trockensten Form aufzunehmen und zu befolgen. In der Jetztzeit sind die Voraussetzungen fiir die Forderung der religiosen Ver¬ fassung durch die Umgebung verschwunden, es sind im Gegen- teile Zustande, die den religiosen Sinn des Menschen nicht fordern konnen. Weiters ist auch ein psychologisches Gesetz, daB der Mensch nur eine bestimmte Menge oder Summe des Erkennens und Wollens vertragen und nicht gleichzeitig mehreren Er- kenntnisgebieten die intensivste Aufmerksamkeit schenken kann. Wir empfinden das selbst. Wenn wir uns durch langere Zeit intensiver mit einem Wissenschaftszweige beschaftigen, z. B. Mathematik, werden wir bald tur andere Wissenschafts- zweige weniger empfanglich. Beim modernen Menschen haben 43 den grofiten Teil von dem Platze, den friiher die Religion in seinem Denk- und Willensgebiete eingenommen hat, die modernen Erkenntniszweige okkupiert und fiir die Religion nur einen kleinen Teil, wenn auch den vorziiglicheren, dank der in der Seele befindlichen religiosen Anlage, iiberlassen. Diese Okkupation durch andere Wissenszweige beginnt schon in der Familie, wenn das Kind fremde Spracben lernen mufi, in der Sehule, wenn es sich die weitaus grofite Stundenzalil mit den anderen Gegenstanden beschaftigt. Eine fernere ganz natiirliche Erscheinung ist es, dafi diese modernen Erkenntnis- zweige, stolz auf ihr Vordringen, gegen die alte Burg der Religion den Kampf eroffnen, der um so aussichtsvoller wird, je schlechter die Burg verteidigt wird, oder je mehr die Abwehr mit alten verrosteten Waffen geschieht. Heutzutage haben wir keinen Luther ab anno 1517 zu fiirchten, der sich auf die Macht der Fiirsten stutzen und samt den Herrschern auch das Volk fiir seine Sache gewinnen wiirde; jedes Dorf hat dafiir genug Luther im Kleinen, die in der Presse, in den Gast- hausern, in den Vereinen und auch sonst bei vielen Anlassen das kirchliche Gebiet bedrangen. Bei dieser geanderten Lage wird auch die Art des religiosen Unterrichtes eine ganze andere. Wir miissen das restliche, der Religion reservierte Platzchen, das vor allen anderen Erkenntnisgebieten diesen Vorzug hat, dafi es uniiberwindlich ist, wenigstens in seinem Grunde, nam- lich in der angeborenen religiosen Anlage, gut ausnutzen. Auf diesem Platzchen miissen wir mit christlichen Wahrheiten einen unuberwindlichen Leuchtturm errichten, dessen Licht alle ubrigen Erkenntnisgebiete beleuchten und der durch blofies Ausstrahlen des Lichtes diesen Erkenntnissgebieten die gegen die Kirche gerichteten Waffen entwinden wird. Das Resultat der vorhergehenden Untersuchungen wird somit sein: 1. Zur Beibringung der christlichen Wahrheiten ist die religiose Verfassung notwendig. 2. Es mufi beriicksichtigt werden, dafi die mensch- licheSeele in der Neuzeit mit so vielenWissensgebieten beschaftigt ist, dafi sie sich nicht mehr wie in friiheren 44 Zeiten dem religiosen "VVissen und Streben allein hin- geben kann, und daB die modernen Wissensgebiete das religiose Fiihlen vielfach bekampfen und schwachen, so daB es unsere Pflicht ist, die christlichen Wahr- heiten so fest und so geschickt in den gut vorbereiteten Boden der Menschenseele einzupflanzen, daB diese Wahrheiten sich in der Menschenseele nicht nur selbst behaupten werden, sondern auch wie Sauerteig oder wie Salz alle anderen Erkenntnisgebiete, das ganze Denken und Handeln des Menschen durchsauern und durchsalzen werden. Die Frage, wie der Mensch religios wird, habe ich im vorhergehenden gelost in bezug auf die Erziehung in der Familie. Die folgende Abhandlung wird sich jetzt beschriinken aut' die Erziehung in den verschiedenen Schulen, in der Kirche etc., bei welchen Ausfiihrungen uns die beiden vorher zitierten Untersuchungsresultate leiten werden. Wir beginnen mit der Volksschule. I. Der Religionsunterricht an der Volksschule. 1. Das Ziel des Religio nsunterrichtes an der Volks¬ schule. Das Ziel des Religionsunterrichtes an der Volksschule ist offenbar, die Kinder religios zu machen, soweit es mit Riick- sicht auf die Verhaltnisse moglich ist, oder — wenn \vir zugleich andeuten, was wir unter „religios” verstehen — den Kindern die Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen auf den von Christus vorgezeigten Wegen moglichst vollkommen und dauernd beizubringen und sie auch zum Empfange der Gnadenmittel als Stiitzmittel zur Erreichung dieses Zweckes anzueifern. Dr. Katschner gibt in seinem Buche „Katechetik” (Ulr. Moser, Graz 1899 ) als Ziel des Religionsunterrichtes an, die Kinder zu Jesus zu fiihren oder die Vereinigung der Kinder mit Christus durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Dies klingt sehr fromm, ist aber ganz unrichtig; die Kinder sind schon durch die Taufe mit Christus vereinigt und in der Scliule ist nicht mehr auf 45 die Vereinigung mit Christus hinzuarbeiten, da ja die Kinder, die in die Schule kommen, doeh fast ausnahmslos unschuldig sind, als vielmehr dafiir zu sorgen, daB die Kinder von Christus nicht getrennt werden. Wie lcann da das schone Wort des Heilandes „Lasset die Kleinen zu mir kommen” einen aufs Eis fiihren! Ich habe gesagt, wir mussen die Kinder religios machen, soweit es moglich ist. Es ist einzusehen, daB wir in den Volksschulen den Kindern nicht alles beibringen konnen, \vas wir wiinschen, da sowohl die entsprechende Fassungskraft der Schiller als auch die notwendige Unterrichtszeit fehlt. Ander- seits stelle ich aber den Satz auf, daB bei richtigem und verniinftigem, mit mittelmaBigem Eifer erteilten Unter- richte das von mir angegebene Ziel, die dauernde Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen in den Kinderherzen zu schaffen, auch bei jetzigen Schulverhaltnissen moglich ist, sobald die Kirche spater den Erwachsenen ebenso richtig und verniinftig beeinfluBt und ihn nicht abstoBt. Ich halte den Erfolg fur moglich, weil die christlichen Wahrheiten doch nicht so zahlreich und so schwierig sind, daB sie nicht mit Leichtig- keit in das richtig vorbereitete Herz des Menschen eindringen wiirden, namentlich in der Zeit der Kindheit, wo das Herz des Kindes noch rein, die Wohnung Gottes ist. Die Sklaven der altchristlichen Zeit tranken fbrmlich in einem Zuge die christ¬ lichen Wahrheiten, weil ihnen diese padagogisch vorgetragen wurden und diese Wahrheiten nicht mit allem moglichen fiir das praktische Christentum wertlosen Ballast belastet waren. Allerdings gibt es mit dem Verstande unfaBbare Wahrheiten, aber die geschichtliche Tatsache ihrer Offenbarung ist gerade so begreiflich wie jede geschichtliche Tatsache, z. B. aus der Zeit des Kaisers Augustus. Es ist eigentumlich, wenn hie und da der Religionsunter- richt als besonders schwer bezeichnet wird. Ich will einen Vergleich machen. In meiner Pfarre sind viele Schneider. Die konnen immerhin einen annehmbaren gutstehenden Rock machen. Diese Kunst des Schneiderhandwerkes zu erlernen, ist nicht so schwer. Durch die praktische Ubung im Zuschneiden. 46 erlangen sie bald eine gewisse Gescliicklichkeit. Wiirde man bei den Lehrlingen jedoch mit Schnittzeichnen kommen, wo geometrisch mit Zirkel und Lineal und mit MeBapparaten der Unterricht erteilt wird, und wiirde man sogar anatomische Kenntnisse liber den Korperbau fordern, bald wird die Erler- nung des ehrsamen Handwerkes sehr scliwierig. So ist auch die Erteilung des Religionsunterrichtes leicht, wenn sie einfach und praktisch gesehieht, schwer, wenn man sich unnatiirlicher Lehrweise bedient. Professor Spirago sagt in seiner Methodik, „daB nach dem Urteile der Fachmanner die Erteilung des Religionsunter¬ richtes schwieriger ist als der Unterricht in den ubrigen Gegen- standen der Volksschule. Dies kommt daher, weil bei den weltlichen Gegenstanden sichtbare Dinge besprochen oder be- nutzt werden, so Tiere, Pflanzen, Steine, Buchstaben, Zahlen, Modelle u. dgl., beim Religionsunterrichte aber solche Dinge zur Besprechung kommen, die man mit den Sinnen nicht wahr- nehmen oder sogar oft mit dem Verstande nicht begreifen kann”. In diesem Sinne kann ich den Religionsunterricht weder schwieriger noch leichter bezeichnen als die ubrigen Gegen- stande, da der Religionsunterricht sich auch bei der trans- zendentalsten Wahrheit auf Sinneswahrnehmungen stiitzen inuB. Ein Unterricht, der sich darauf nicht stiitzt, ist ein imaginarer, iiberhaupt kein Unterricht. Bei den ubernatiirlichen Wahrlieiten muB vrenigstens die geschichtliche Tatsache ihrer Offenbarung aufgefaBt und begriffen werden. Die geschichtliche Tatsache von der Einfuhrung des allerheiligsten Altarssakramentes mufi ebenso begriffen werden, wie die geschichtliche Tatsache von der Beschaffenheit irgend einer altheidnischen Religion. Es hat an einem Gymnasium einen Quintaner gegeben, der sichjetzt in hoher Stellung befindet, der behauptete, einen Livius oder Homer haben nur die Professoren verfaBt, um die Schiller in der lateinischen und griechischen Sprache zu iiben. So kann es auch einen geben, der die geschichtliche Tatsache der Ein- setzung des Altarssakramentes leugnet, weil er eben nicht ge- nugend geschichtlich informiert ist. Das Wesen der Wahrheit 47 begreifen wir allerdings nicht; es ist jedoch hinreichend, wenn die geschichtliche Tatsache derselben feststeht. Wir begreifen aber auch das Wesen der Naturkrafte, z. B. Elektrizitat, Magnetismus etc. nicht; wir kennen aber die Tat¬ sache ihrer Wirkungen, und kein Vernunftiger wird ihr Dasein leugnen. Dies zu beherzigen, ist von grobem Werte, und zwar erstens, um nicht zu behaupten, daB wir bei diesen Wahrheiten nicht auf Sinneswahrnehmung zu reflektieren haben, zweitens, daB \vir uns beim Unterrichte befleiBen werden, namentlich auf die Klarstellung der geschichtlichen Tatsache Naehdruck zu legen. Man kann somit nicht von der Schwierigkeit des Reli- gionsunterrichtes beziiglich seiner Transzendenz reden, sondern eher von der Schwierigkeit, die darin besteht, alle Schiller bei verhaltnismaBig geringer Stundenzahl religios zu erziehen, zumal sehr viel daran gelegen ist, daB der Schiller wirklich etwas kann und sich der Katechet nicht mit bloBer Verschreibung der Klassifikations- note begniige. Schwierig ist aber der Religionsunterricht hauptsachlich deshalb, weil er den Katechismus zur Grund- lage hat, ein Buch, in welchem man die einfachsten Wahrheiten in ein unpsychologisches System von Definitionen und D eter mi na tio n en gebracht hat, die von den Kindern auswendig erlernt werden miissen, um den Visitator zufrieden zu stellen, schwierig inso- ferne, als es kaum moglich ist, auf diese Weise einen Erfolg von dauerndem Werte zu erzielen. 2. Was soli der Religionsunterricht an der Volks- schule noch beriicksichtigen? Meine allgemeinen Grund- siitze habe ich angegeben, namlich: Die Schaffung der religiosen Verfassung, auf deren Grund die transzendentalen Lehren aus^ gesaet werden sollen, wobei man darauf Riicksicht nehmen miisse, daB der Erfolg des Religionsunterrichtes stark genug sei, um in der menschlichen Seele mit den iibrigen Erkenntnisgebieten konkurrieren, respektive sie mit seinem Gehalte erfiillen zu konnen. Docli wie soli die religiose Verfassung hervorgerufen und die Wahrheiten auf Grund derselben gelehrt werden? Ich 48 will hier nicht theoretische Regeln aus der Padagogik auf- stellen; dies ist eine Aufgabe der speziellen Katechetik. Ich will hier nur den Satz betonen, daB sich der Vorgang beim Unterrichte ganz genau dem Denken und Fuhlen des zu unter- richtenden Kindes anschliefien mufi und soli der Erfolg ein allgemeiner sein, soweit, dafi durchschnittlich alle Kinder, auch die schwacheren (vvorunter jedoch geistig zuriickgebliebene nicht gemeint sein konnen) ihr religioses Ziel in der Volksschule erreichen. Der Leser wird schon daraus schliefien, dafi ich einen Unterricht in einfachen und schlichten Ausdriicken ver- lange, und dafi ich alles abweise, was ein Kind in den beziig- lichen Jahren nur schwer versteht. Unser Unterricht perhorres- ziert jede Neubildung von Begriffen, die das Kind nicht schon aus dem iibrigen Wissensgebiete besitzt, iveil eben fur derlei Er- klarungen uns keine Zeit zu Gebote steht. Nur die allernot' wendigsten Begriffe \vird man in den Religionsunterricht neu einfuhren. Gab es bessere Religionslehrer als Christus und die Apostel? Und nun bitte ich, auf einer Tabelle alle Begriffe zu- sammenzustellen, die sich in den Evangelien und in den aposto- lischen Schriften finden und die dem Volke nicht bekannt ge- wesen wjiren und dann mit zahllosen Begriffen vergleichen, von denen unsere Dogmatikbiicher und Religionsbiicher strotzen! Um das Denken und Fuhlen der Kinder richtig zu be- greifen und den Unterricht danaeh einzurichten, wird es not- wendig sein, die Psychologie zu studieren, und zwar ebenso aus den Biichern als auch mit mehr Eifer und Nutzen durch eigene Beobachtungen an den Kindern. In den Buchern sind die Erfahrungen anderer niedergeschrieben, welche Erfahrungen aber unverstanden bleiben und fur den praktischen Unterricht ivertlos werden, wenn man diese Erfahrungen durch die Beob- achtung der psychologischen Vorgange des Kindes und des Um- fanges seiner Begriffswelt nicht selbst erlebt. — Esistferner eine ganz willkiirliche Annahme, als ob die Grundzuge der Erziehungs- art und der Methodik im Unterrichte wesentlich andere seien als bei den anderen Erkenntnisgebieten. Die Erziehung fiillt anders bei derReligion aus, weil sie eben ein anderes Ziel hat, wie sich eine geschichtliche Erziehung anders gestalten wird, als eine rein 49 philosophische. Doch die Art und Weise, wie der Mensch zu diesem Ziel koinmt, muB not\vendigerweise die gleiche sein, da es ja unmoglich ist, daB die Vernunft in ihren Grundsatzen bei Erwerbung verschiedener Erkenntnisse variieren wurde. Und die Vernunft ist doch die Grundlage auch bei religiosen Er- kenntnissen! Etwas zu glauben, das uns die Vernunft nicht in irgend einer Weise garantieren wurde, ist das Charakteristikon eines Verriickten. Damit der Satz, herausgerissen aus dem Zu- sammenliange, nicht falsch verstanden werde, stelle ich hier folgende Betrachtung an: Bekannt ist, wie der gottliche Heiland dem Thomas zugerufen hat: „Du glaubst, weil du gesehen hast. Doch selig, die glauben und nicht sehen.” Ist etwa damit gemeint, daB die Offenbarungswahrheiten ohne weiteres geglaubt werden miissen? Durchaus nicht! Gesetzt den Fali, der heil. Paulus wiirde plotzlich in ein Haus kommen, wo noch kein Mensch irgend eine Silbe weder von Christus, noch von Paulus, noch von ihren Lehren gehort hatte. Der heil. Paulus wurde durch etwa eine halbe Stunde reden, hierbei die wichtigsten iibernatiirlichen Wahrheiten vortragen und hierauf von seinen Zuhorern den Glauben an den Gekreuzigten verlangen. Wenn nicht auBerordentliche Gnadenwunder vorausgesetzt wurden, ware es wohl, um mich milde auszudriicken, sehr ubereilt, einem Fremden den Glauben zu schenken, ohne daB die Vernunft irgend eine Garantie fur die Wahrlieit seiner Predigt leisten wurde. Es ware aber ebenso unverniinftig, wenn z. B. das Haus, in das der heil. Paulus kommen wiirde, nicht glauben und seine Worte zuriickvreisen wurde, wenn es schon oft von Christus gehort hatte und wenn es an der Redlichkeit des Apostels nicht zweifeln wurde. Der heil. Thomas hat jedenfalls unverniinftig gehandelt, daB er nicht geglaubt hat. Das Zeug- nis seiner zehn Kameraden, der beiden Jiinger von Emmaus, der P^rauen, die zum Grabe hinausgingen, die speziellen Be- teuerungen des heil. Petrus waren ihm ungenugend. „Selig, die auf genugende Gr u n de hin glauben, wenn sie es auch nicht sehen!” Wenn schon der verniinftige Glaube doch wenigstens in einer Hinsicht die Garantie der Vernunft voraussetzt, so wird noch mehr die Methode, die zu diesem verniinftigen Glauben Vogrinec, nostra cnlpa. 4 50 fiihrt, sich der Grundsatze der Vernunft bedienen, die bei jedem Erwerb der Erkenntnisse doch gleiehe sein mussen. Diese Auseinandersetzung \vare nicht notwendig, wenn nicht gerade diesbeziiglich eine beklagenswerte Verwirrung herrschen wiirde, verursacht von denjenigen, die stets „Kirche” und „kirchlich” im Munde fiihren und in jede Disputation hineinbringen wollen, um gleichsam einen Talisman gegen die Kritiker zu besitzen. Vergleichen wir zu unserer Orientierung Seite 70 und Fortsetzung der „Katechetik” von Dr. Katschner: „b) Die Quellen, aus denen der Katechet die richtige Methode schopfen kann: a) . . b) . . c) . . d) endlich die Schriften beriihmter Pada- gogen, welche aus Wissenschaft und Erfahrung die Grundsatze der richtigen Methode geschopft und aufgestellt haben. Die ■vvissenschaftliche neuere Padagogik schdpft hauptsachlich aus der Psychologie und Logik und hat den Unterricht sehr ge- fordert. Fiir die katholische Erziehung jedoch haben ihre Grund¬ satze zumeist nieht forderlich gewirkt, da manche Padagogen auf rationalistischem, der katholischen Religion sogar feind- lichem Boden stehen. Katholische Kinder konnen und diirfen nur nach den Grundsatzen und Lehren der katholischen Religion erzogen werden.” — Das Buch ist auch fiir die Lehramtskandi- daten geschrieben. Der Umstand, dafi die Grundsatze der katho¬ lischen Religion gegenubergestellt \verden den Grundsatzen aus Wissenschaft und Erfahrung, die „den Unterricht sehr ge- fordert haben”, lafit fast darauf schlieBen, als ob der Verfasser der Anschauung ware, daB das Schopfen der Grundsatze aus Psychologie und Logik der katholischen Erziehung nicht for¬ derlich sein konne. Beim ersten Lesen und Analysieren der konfusen Stelle \vird jedermann dies so auffassen. Ich war ver- sucht, zugunsten des Dr. Katschner die Stelle so aufzufassen, wiesie richtig ware:.... „Fur die katholische Erziehung jedoch haben ihre Grundsatze” beziiglich des Erziehungszieles (nicht methodische Grundsatze!) „nicht forderlich gewirkt, da manche Padagogen auf rationalistischem, der katholischen Religion so¬ gar feindlichem Boden stehend” zumal aus der Psychologie (z. B. Leugnung der Freiheit des Willens) falsche Schliisse 51 zogen und ihre eigenen religiosen Anschauungen bei Aufstel- lung der Grundsatze geltend machten. Die katholischen Kinder sind zwar methodisch nach den Grundsatzen der riehtigen \vissenschaftlichen Padagogik zu erziehen, jedoch was das Er- ziehungsziel und die Lehre selbst anbelangt, nach denen der katholischen Kirche. So ware man geneigt anzunehmen, wenn nicht der Verfasser des Buches als „Quellen, aus denen der Ivatechet die richtige Methode schopfen kann”, an derselben Seite angegeben hatte: a) Die Vorschriften und Anordnungen der Kirche in Synoden, oberhirtliche Verordnungen und Weisungen; b) das Beispiel der katholischen Kirche in der Ausubung ihrer katechetischen Tatigkeit, welches uns in der Geschichte der Katechese entgegentritt; c) das Beispiel der katechetischen Tatigkeit und die An- weisungen jener Manner der Kirche, welche sich um den Reli- gionsunterricht besondere Verdienste erworben haben” und erst sub d) folgt die fruher zitierte Quelle, namlich „endlich die Schriften beruhmter Padagogen etc.”. Da er alle anderen drei Quellen zuerst anfiihrt und bei der vierten Quelle noch die oben erwahnte Einschrankung macht, so hat es doch den Anschein, daB die methodischen Grundsatze der Quellen a), b), c) ■andere sein miissen als die der Quelle d). Man ware jetzt neugierig, die Grundsatze der riehtigen Methode, geschopft aus den drei ersten Quellen zu erfahren. Lesen wir weiter auf Seite 70, Nr. 5 seines Buches: „Die katechetische Methodik handelt: a) von den Grundsatzen des Unterrichtes; b) vom Lehr- gange; cJ von der Lehrform; d) von der Lehrspi’ache und Lehrton; e) von den Lehrmitteln; f) vom Lehrverfahren.” Dann behandelt er die einzelnen Teile a), b), c), d), e), f), und zwar: „§ 19 Allgemeine Grundsatze des Unterrichtes. I. . . . II. Unter der groBen Anzahl der Unterrichtsgrund- satze sind fur den Religionsunterricht vier von besonderer Bedeutung: 1. Der UnteiTicht muB naturgemaB sein, . . den psycho- logischen Gesetzen entsprechend. 4 * 52 2. Der Unterricht mufi harmonisch sein. 3. Der Unterricht muB anziehend sein. 4. Der Unterricht mufi konzentrisch sein.” Kein einziger Grundsatz stiitzt sich auf die Verord- nungen der Synoden, der Bischofe, iiberhaupt aut' die drei ersten Quellen, sondern alle auf die „endliche” Quelle d). Auch wenn er weiter vom Lehrgange, von der Lehrform, von der Lehrsprache, von den Lehrmitteln, vom Lehrverfahren spricht, finden wir nirgends eine kirchliche Verordnung oder einen Hinweis auf das Beispiel der Kirche, sondern er stiitzt sich stets auf wissenschaftliche Padagogik und Erfahrung. Er ver- langt, daB der Katechet von den friiher er\vahnten drei Quellen die richtige Methode schopft, er selbst beruft sich nirgends bei der Abwicklung der Frage auf jene drei Quellen! Ubrigens lienne ich auch keine allgemein geltenden methodischen Grundssatze der Kirche. Wird die Methodik des Altertums oder des Mittelalters oder der Neuzeit maBgebend sein? Nacli Seite 3 des zitierten Buches „hat die Kirche ihre padagogischen Grundsatze im Laufe der Zeit durch kirchliche Gesetze und Verordnungen — er nennt sie nicht! - — erganzt und bestatigt und in ein System gebracht und in der Katechetik zusammenge- stellt’’. Soli etwa die Katechetik von Dr. S. Katschner diese Zusammenstellung der kirchlichen padagogischen Grundsatze sein? Oder existiert irgendwo noch eine authentische Katechetik? Die allzu groBe Kirchlichkeit des Herrn Dr. Katschner be- reitet ihm selbst manche Unannehmlichkeit. Wir kommen noch auf ihn zuriick. Bei der Erteilung des Religionsunterrichtes miissen noch andere Momente berucksichtigt werden, die bei der Aufstellung der Grundsatze der Katechetik ebenfalls von groBer Bedeutung sind. Die Katechetik darf nicht mit idealen Katecheten und auch nicht mit idealen Schiilern rechnen, sondern ihre Grund¬ satze so aufstellen, daB auch schwachere Katecheten bei schwši- cheren Schulkindern einen Erfolg erzielen. Wenn man selbst ein Pastoralprofessor ist, oder ein alterer Religionslehrer, oder eine besondereBefahigung zum Katecheten- amte hat und wenn man noch dazu an einer Klosterschule oder 53 einer tlbungsschule unterriehtet, wo sich die Kinder aus den besseren Standen einfinden, da kann man bald auf groBe Er- folge hinweisen oder bald etwas vorsohreiben, was von schwache- ren Kateclieten bei schwacheren Scliiilern nicht erreicht werden kann. Betrachten wir dies niiher! a) In jedem Stande, in jedem Beamtenkorper werden solche Anforderungen gestellt, dafi auch die Schwacheren sie erfiillen konnen. Das muB auch beim Katechetenstande ge- schehen, nicht so sehr, daB man geringeren religiosen Erfolg bei den Kindern von ilmen verlangt, als vielmehr, daB man ihnen solche Mittel an die Hand gibt und so erzieht und so beauf- sichtigt, dafi ein Erfolg garantiert wird. Heutzutage ist jeder Seelsorger gezwungen, Katechetendienste zu leisten. Darunter gibt es sehr viele, die fur das Amt ungeeignet sind, die schwer- fiillig reden, die, wenngleich vielleicht gelehrt, sich jedoch in das Denken und Reden der Kinder nicht hineinfinden konnen, nervose Ilerren, die von Berufspflichten uberladen sind, oft auch weit in die Schule gehen miissen, wo sie ermiidet an- kornmen. Es gibt auch solche, die uberhaupt an den Kindern keine Freude haben, oft auch zu bequem sind, um stunden- langzu reden und sich stundenlang anzustrengen. Beim heutigen Priestermangel kann eine Auswahl nicht stattfinden. Es stellt sich somit die Notwendigkeit heraus, den Katecheten solche Mittel an die Hand zu geben, daB ein hinreichender Erfolg gesichert sei. Man wird demnach den Katecheten schon im Seminar praktisch ausbilden, ihm bestimmte Instruktionen an die Hand geben und ihn durch eine piidagogische Inspektion zur Beobachtung derselben anhalten. Die Fixierung der Mittel und Weisungen muB von den Katecheten selbst ausgehen, freilich mit Genehmigung der kirchlichen Behorde. b) Das Schiilermaterial an verschiedenen Orten ist sehr verschieden, ganz anders in den Stadten, anders auf dem Lande, anders wieder in den Fabriksorten. Da kommen oft Kinder in die Schule, die kaum einen Satz vollstandig sprechen konnen, ungeniigend genahrt sind und krankeln und von Haus aus ver- wahrlost sind. Es ist somit nicht die Aufgabe des Katecheten, nur mit den besten Kindern vorwarts zu schreiten, wahrend 64 die anderen zuriickbleiben. Ich glaube, fur den Religionsunter- richt ist es viel besser gesorgt, wenn der Unterricht auf Grund geeigneter Unterrichtsmittel so erteilt wird, daB auch die Schwachen nachkommen. Die Besseren werden in ihrem Ver- standnis befestigt, die Schwacheren bleiben nicht zuriick. Einige Katecheten heiBen sogar bei einer Schulvisitation die Schwaclieren zuhause bleiben, um sich mit den besseren Schiilern allein zu produzieren. Ein Katechet, der seinen Beruf versteht, wird namentlich den schwacheren Kindern seine besondere Fiirsorge zuwenden. Manche Katecheten glauben auch, mit den besseren Schiilern Gott weiB was Grofies erreicht zu haben, wenn sie die Lehrsatze und sogar auch die Erklarung nachsagen konnem Diese geben sich oft eitlem Wahne hin. Die Kinder haben ein enormes Gedachtnis und hangen an dem Worte, so daB sie oft den ganzen Vortrag nachsagen konnen, ohne in das Wesen der Sache eingedrungen zu sein. Nach den vorstehenden Ausfuhrungen wird es somit notwendig sein, daB der Unterricht so eingerichtet ist, um den Erfolg auch bei den schwacheren Kindern zu sichern, daB man solche Mittel und auch solche Form des Vortrages wahlt, daB nicht nur eine geringe Zahl dem Unterrichte folgen kann, sondern auch von allen die notwendigen, religiosen Resultate erzielt werden. Diesen Ausfuhrungen lege ich groBen Wert bei, da ich sie spater bei Besprechung des Lehrbuches voraussetzen \verde. 3. Die praktische Erteilung des Religionsunter- richtes in den zwei ersten Schuljahren der Volks- schule. Schon aus dem Vorhergesagten geht hervor, daB zur Schaffung der religiosen Verfassung, die zur Aufnahme der religiosen Wahrheiten notwendig ist, die Beobachtung der psycho- logischen Gesetze gefordert wird, welche auch vom modernen Unterricht berucksichtigt werden oder wenigstens beriicksichtigt werden sollten. Wir werden somit mit den Kindern Freundscliaft schlieBen, mit ihnen reden, sich um ihre Verhaltnisse kiimmern und dann bei unserem Unterrichte an bereits Vorhandenes an- knupfen und die fundamentalen Lehren ihnen beibringen. Nament¬ lich werden Erzahlungen gewahlt, soweit diese fiir sie faBbar sind. 55 ihr Herz gewinnen und ihre Phantasie beschaftigen. Dieser Unterricht muB stufenweise geschehen, so daB ein religioses Unterrichtsresultat auf dem anderen aufgebaut wird, das erste religiose Unterrichtresultat wieder zur reli- giosen Verfassung oder Vorbereitung fur ein anderes religioses Resultat wird. Gehen wir nun in die Schule, in der eben Neulinge sich eingefunden haben. Der Beginn des Unterrichtes wird mit der Versieherung eingeleitet, daB man die Kinder gerne hat, daB sie sich nicht zu fiirchten haben, namentlich wenn sie gut sind. Dort, wo die Kinder schon von Haus aus eine religiose Disposition mitgebracht haben, wird der Katechet sie das Kreuz machen lehren, ohne barsch auf die geraden Ziige der schiichternen kleinen Hand zu dringen, er \vird sie iiber das GriiGen und Benehmen beim Vorbeigehen an einer Kirche oder bei Versehgangen belehren etc. Dort, wo die Kinder von Haus aus keine religiose Erziehung besitzen, ware es unpsychologisch und unklug, den Kindern gleich das Kreuz machen, das Grufien beim Vorbeigehen an der Kirche o. dgl. an das Herz zu legen, weil die Kinder hierin nur eine AuBerlich- keit sehen und gleich von Anfang an der Religion kein inniges Interesse entgegenbringen werden. Hier wird der Katechet gleich auf die Erzielung des ersten und wichtigsten religiosen Resultates ausgehen, niimlich: I. Von den umgebenden Ge- schopfen wird er hiniiberleiten zum Schopfer, der auch uns er- schaffen hat und der uns einmal in den Himmel aufnehmen wird. Er ist nur einer in drei Personen. II. religioses Resultat, dem das erste als religiose Verfassung schon zugrunde liegt, wird sein: Erschaffung aus nichts und Erklarung der Allmacht Gottes, kraft derer er uns alles geben kann, wenn wir darum bitten. III. Erschaffung der Menschen: Wir waren einmal nicht da und einmal werden wir wiederum nicht mehr da sein, da wir in unser Vaterhaus zuruckgehen miissen. Unsere Bestim- mung. Durch die Beschreibung des Todes gelangen wir IV. zu den vier letzten Dingen. DaB diese vier letzten Dinge fiir uns glucklich sind, ist V. notwendig ein frommes Leben. Wie dieses beschaffen sein soli, lehren uns die zehn Gebote Gottes. I. bis V. bilden die religiose Verfassung fiir die weitere Aufgabe, 56 den Inhalt der zehn Gebote Gottes den Kindern ins Herz zu versenken. Es ist ilicht notwendig, daB die Kinder die zehn Gebote schon kennen, sondern vielmehr, daB sie sicli angezogen fiihlen, Gott anzubeten, vor seinem Namen Ehrfurcht zu haben, dem Beispiel der frommen Leute zu folgen und in die Kirche zu gehen, ihren lieben Eltern zu folgen etc. Dies werde ich da- durch erreichen, daB ich jedes Gebot in den einfachsten Worten, mit bereits bekannten Begriffen erklare. Dannwirdfiir den posi- tiven und negativen Inhalt des Gebotes je eine bestimmte Er- zahlung vorgetragen. Der Lehrpunkt jeder dieser Erziihlung wird durch ein groBeres Bild auf einem Blatte oder auf zwei verschiedenen Blattern illustriert. Diese Erzahlungen werden nur insoweit der biblischen Geschichte entnommen, als diese in ihren Tatsachen von den Kindern leicht faBbar ist, sonst aber aus dem gewohnlichen Leben, z. B. fiir das sechste Gebot die Kindheit des heil. Aloisius. Fiir samtliche Gebote gibt es ruhrende Erzahlungen, auch aus dem Kinderleben. Es werden somit achtzehn Erzahlungen notwendig sein und ebenso viele Bilder. Diese Erzahlungen und natiirlich auch die Bilder durfen nicht willkiiiiich gewahlt sein, sondern fiir alle Schulen gleich; weshalb dahin gearbeitet werden mufi, daB diese Erzahlungen auch beziiglich des Inhaltes und der Form wahre Kunstwerke seien. Es ware schmahlich, wenn nicht durch gesamte Tatig- keit des Klerus, z. B. durch Konkurrenzausschreibungen, oder durch Entwiirfe samtlicher Diozesen ein solches Werk zustande kame. Ich bewundere oft die Lesestiicke in den Lesebiichern der Volksschule, wie einfach und schlicht, zum Kindesherzen sprechend, manche, allerdings nur wenige sind! Das Buch mit den Erzahlungen und die Bilder sollen sicli natiirlich nur in den Handen der Katecheten befinden. Um zu verstehen, warum ich dieses verlange, beherzige man, was ich beziiglich der Katecheten gesagt liabe. Ich will ihnen bestimmte Mittel in die Hand geben. — Warum ich nicht gleich mit den biblischen Geschichten beginne, erinnere man sich an das, was ich beziiglich der Kinder bemerkt habe. Den Kindern, die noch immer glauben, daB, wenn sie auf den nachsten Berg steigen, 57 mit den Handen den Himmel angreifen konnten, die noch keine Vorstellung von fernen Landern, Stadten und auch nicht von manchen Handlungen haben, Geschichten zu erzahlen, die aufierhalb ihrer Erfahrungssphare liegen, ware verfehlt und eine unnotwendige, mit Anstrengung verbundene Zeitverschwen- dung. Wozu denn friiher mit groben Schwierigkeiten vortragen, was spater leicht geschieht?! Was ieh bis da als Unterrichtsstoff bezeichnet habe, kanu leicht in einem Semester bewaltigt werden. Dureh die ver- schiedenen Gegenstande in der Schule haben die Kinder grofiere Denkfertigkeit erlangt, sie konnen leichter Begriffe verbinden, geschichtliche Handlungen etc. auffassen. Hier setzt die bib- lische Geschiehte ein. Der fruhere Unterricht ist fiir die Kinder gleichsam zur religiosen Verfassung geworden, kraft derer sie jetzt leichter das Gute in den biblischen Handlungen erkennen, das Bose verabscheuen und mit grofierem Verstandnis sehen, wie Gott ein Belohner des Guten und Bestrafer des Bosen ist. Zunachst wird die biblische Geschiehte des alten Testamentes, jedoch nicht mit allen Einzeln- heiten, die nur Konfusion erzeugen konnen, sondern in den wichtigsten Momenten bis zum Siindenfall vorgenommen, von wo aus man leicht zu Christus hiniiberleiten kann. Dann kommen die neutestamentlichen Geschichten, und zwar zunachst \vieder in Hauptziigen an die Reihe. Erst dann, wenn man gesehen hat, daJ3 die Kinder diese Hauptziige einzelner Ge¬ schichten begriffen haben, kann man sich auf Einzelnheiten einlassen. Soli man eine kunstvoll verzierte Zeichnung nach- zeichnen, so geht es oft schwer. Man kennt sich nicht aus. Leichter geschieht es aber, wenn uns jemand vorzeichnet und zunachst die Grundrisse, dann erst die Verzierungen anbringt. An verscliiedenen Schulen wird man auch verschiedene Erfolge erzielen, groBere Erfolge an mehrklassigen als einklassigen, in allen sollten aber wenigstens diese Geschichten vorgenommen werden: Verkundigung der Geburt Jesu, Geburt Jesu, die Weisen aus dem Morgenlande, die Opferung im Tempel, der zwolfjahrige Jesusknabe, die Taufe Jesu, die Wahl seiner Aposteln und ganz kurz sein Tod. Die Kenntnis dieser Ge- schichten soli von allen Kindern verlangt werden. Spirago zahlt in seiner „Methodik” 48 Geschichten auf, darunter z. B. Petrus empfangt die Leitung der Lammer und Schafe, die Ein- setzung des Altarssakramentes. Das muBten wohl Wunderkinder sein, die in das siebente Lebensjahr gehend, alle diese Ge- schichten in ihrem richtigen Zusammenhange wuBten. Das auBerordentliche Gedachtnis der Kinder merkt sich gewisse Wendungen und Tatsachen, die das Kind mit Nachhilfe des Katecheten nacherzahlen kann. Plat das Kind aber wirklich den geschichtlichen Zusammenhang eri'alit ? Man tauscht sich ge- waltig. Der verdiente Herr Professor verlangt noch dazu Seite 42: „Aus jeder biblischen Geschichte werden die darin enthaltenen Glaubens- und Sittenlehren herausgehoben, ganz kurz erklart und mit Riicksicht auf den Katechismustext in feste Worte gekleidet und eingepragt. Auf diese Weise wird in der ersten Klasse ein Hauptstiick des Katechismus, die Glaubenslehre, in den wesentliclien Grundzugen durchgemacht. Selbstverstiind- lich sind in der ersten Klasse die wichtigsten Gebete einzupragen.” Bedenkt man, dafi man im Jahre 70 bis 75, in der Regel nicht einmal soviele Religionsstunden hat, so \vird wohl niemand behaupten wollen, daB man das alles leistet, auch vorausgesetzt, daB die Kinder auch fleiBig die Schule besuchen. Und dann, wie vergeBlich sind doch die Kinder! Namentlich bei ihnen gilt: repetitio est mater studiorum. Dr. Katschner verlangt sogar fur die erste Klasse die symbolische Erklarung des heil. Mefi- ojjfers. Ich weiB sie nicht. Wenn man solche Forderungen stellt, ist es kein Wunder, daB die Katecheten das Studium der Kate- chetik perhorreszieren! In Osterreich ist mehr als die Halfte der Schulen ein- klassig. In diesen soli nach Professor Spirago in zwei Ab- teilungen unterrichtet werden. Fiir jede Abteilung sollten zwei halbe Stunden oder eine Stunde wochentlich verwendet werden. In die untere Abteilung zahlt er Schiller von 6 bis 9 Jahren. Dagegen bemerke ich, daB an solchen Schulen der Katechet die meiste Zeit der reiferen Jugend zuwenden wird, namentlich im Winter, vielleicht zu drei Viertel denjenigen Kindern, die sommer- befi-eit sind. Diese geringe Zeit wird jeder doch dort ausnutzen, 59 wo der Erfolg lohnender und notwendiger ist; und der ist namentlich bei den reiferen Kindern lohnender und notwendiger. Ich Aviirde froh sein, wenn ich auf die zweite Religionsstun.de in der unteren Klasse verziehten konnte, um dafiir eine dritte Stunde in der oberen Klasse zu gewinnen. Es ware von grobem Nutzen, Avenn die Kirche diese Anderung in den Schulgesetzen erzielen konnte. Dies ware wohl bei den Landschulen, wo die Kinder spater reif werden, von grobem Werte. Es ware auch leicht zu erzielen. Dab auf Glaubens- und Sittenlehren auch nach Mog- lichkeit Bedacht genommen werden mub, ist selbstverstandlich Diese biblischen Erzahlungen gehoren beziiglich der F or m und des Inhaltes ebenfalls in jenes Handbuch, das der Katechet benutzen soli. Hie und da sollen gute Verslein angeschlossen werden. Fiir jede biblische Erzahlung mub ein Bild vor- handen sein. Im ziveiten Schuljahr, sei es, dab der Unterricht gemein- schaftlich mit den Kindern des ersten Schuljahres, sei es, dab er in eigener Klasse erteilt wird, Avird das in der ersten Klasse Erlernte Aviederholt. Die religiose Verfassung wird vergrobert durch die Erklarung 1. der Eigenschaften Gottes, 2. der sieben Hauptsiinden, 3. der Werke der Barmherzigkeit. Fiir jede Haupt- siinde und fiir jedes Werk der Barmherzigkeit Avird wieder eine bestimmte Erzahlung und ein bestimmtes Bild verlangt, und zwar mit positivem und negativem Inhalte. Die Erzahlungen Averden der Bibel oder dem geAvohnlichen Leben entnommen. Dann ist auch die biblische Geschichte des alten und noch griindlicher die des neuen Testamentes fortzusetzen; und zAvar soli eine ganz bestimmte Zalil fixiert Averden, so dab auch scliAvachere Schiller sie behalten und erfassen konnen. Glaubens- und Sittenlehren Averden in bescheidenstem Umfange und in der einfachsten Form A r orgenommen. Je einfacher sie dargestellt Averden, desto tiefer Averden sie eindringen. Das Resultat der vorausgehenden Untersuchungen liber den Religionsunterricht im ersten und zweiten Schuljahr ist folgendes: Man schaffe dem Katecheten ein bestimmtes Handbuch, Avelches von den Katecheten nach padagogischen Grundsatzen verfaBt, folgendes enthalten Avird: GO a) Erklarungen iiber Gott als Schopfer und Voll- ender. Bestimmung des Menschen; ^Erklarungen der zehn Gebote Gottes mit daran sich anschlieOenden Er¬ zahlungen mit positivem und negativ e m Lehrziel; c) biblische Erzahlungen einfaeh, dem Kindesherzen zu- ganglich erziihlt, und zwar die Anfangsgeschichten des alten und etwa zehn dem Christentume zugrunde- liegende Geschichten des neuen Testamentes mit Bil- dern und mit daran sich knupfenden Belehrungen dog- matischen und sittlichen Inhaltes; d) die Eigenschaften Gottes; e) sieben Hauptsiinden und sieben Werke der Barmherzigkeit mit Erzahlungen wie bei 6j;/jF°rt- setzung des alten und neuen Testamentes wie c)] g) es sollen auch am Sclilusse einige religiose Lieder, die der Katechet einzuiiben hat, angeschlossen werden. Zu b), c), e) und/i miissen geeignete Bilder beschafft werden, da die jetzigen nieht entsprechen. 4. DerUnterricht in den hdherenKlassen der Volks- s c h u 1 e. Meine zuvor aufgestellten Grundsatze werden klarer, wenn ich sie fur den Religionsunterricht nach dem zweiten Schuljahr, wenn die Kinder schon lesen konnen, geltend mache. Verhaltnis- maBig ist der Unterrichtserfolg heutzutage in den ersten zwei Schuljahren groBer als in den ubrigen; dies aber hauptsachlich aus dem Grunde, weil der Katechet in hoheren Abteilungen zum Gebrauche des Katechismus gezwungen ist, dessen Erkla- rung und Ausfragung dem Katecheten den groBten Teil der kostbaren Unterrichtszeit hinwegnimmt, ohne einen bedeutenden Erfolg zu bringen, wie spater gezeigt wird; es entsteht nun die Frage: a) Soli man nicht auf Grundlage eines Buches unter- richten? b) wie soli dieses Buch beschaffen sein? c) wodurch wird der Unterricht noch gefordert? d) warum ist der jetzige Katechismus fur die Schulen un- geeignet? a) Man soli auf Grundlage eines Buches unterrichten. Der bereits genannte Dr. S. Katschner sehreibt in seiner Katechetik, 61 ' Seite 23: „Seiner Stellung nach ist der Katechet fiir die christ- lichen Schiller dasjenige, was die Apostel und Glaubensboten waren und sind, der Gesandte Gottes und der Kirche. Er ist der Lehrer des Glaubens, nicht das Buch. Wie in der Ver- kiindigung des Evangeliums die miindliche Predigt das eigent- liche Mittel der Wahrheit und des Glaubens ist, so auch in der Katechese, derGlaube kommt vomAnhoren des „Wortes Gottes”. (Rom. 10, 17.) Wenn man das liest, \vird man durch die Sicher- heit der Diktion so eingenommen, daB man es glaubt, wenn es auch ohne Beweise behauptet wird. Sogar die heilige Schriit wird zur Bestatigung zitiert. Trotzdem ist dies nur eine so- phistische Prunkrede. Zunachst sagt er, daB die Stellung der Katecheten die der Apostel und Glaubensboten sei, doch Seite 143, II, schreibt er: „Die Katechese im Zeitalter der Apostel war wesentlich Vorbereitung auf die Taufe und bestand in der Missionspredigt und Taufkatechese.” Die Katechese ist heutzutage natiirlich eine andere und auch die Stellung der Katecheten eine andere. Die Katecheten erfreuen sich nicht auBerordentlicher Gnaden, wie die Apostel und die ersten Glaubensboten, z. B. der Sprachengabe oder der Wundergabe. „Er ist der Lehrer des Glaubens, nicht das Buch”, das ist inso- ferne richtig, als das Buch allein in den meisten Fallen nicht auf den Lehrer verzichten kann, unrichtig aber, als ob das Buch nicht den Glauben lehren konnte und als ob der Katechet ohne groBen Schaden das Buch entbehren konnte. Seite 143 sagt Dr. Katschner selbst: „Den weiteren Unterricht erhielten die durch die Taufe in die Kirche Aufgenommenen durch „„Wort und Brief”” der Apostel und durch die von denselben eingesetzten Bischofe, Priester und Diakone.” Also doch auch durch Brief?! Die Fortsetzung: „Wie in der Verkundigung des Evangeliums die miindliche Predigt das eigentliche Mittel” ist, ist unrichtig, wenn man der Schrift nicht einen fast gleich groBen Anteil namentlich in der modernen Zeit an der Ver- kiindigung des Evangeliums gibt. Die Kirchengeschichte erzahlt von einer groBen Zahl von Konvertiten, die nicht durch miind- liche Predigten eines Priesters, sondern durch gute Biicher zum Glauben gekommen sind. Das gesprochene Wort verhallt, wird 62 oft wegen schlechter Aussprache, falscher Akzentuierung, wegen Unbeholfenheit des Predigers gar nicht verstanden. Das ge- schriebene Wort bleibt, man kann es langer betrachten und studieren. FaBt man es heute nicht auf, so kann es doch morgen geschehen. Einmal sah ich einen alten Pensionisten, wie er oft untertags in die Kirche kam und dort vor dem Allerlieiligsten aus einem Buche las. Ich staunte iiber diese auf dem Lande so seltene Erscheinung und fragte ihn einst, wie er so innige An- dacht sich angeeignet hat. Er zeigte mir ein Buch, das vorn allerheiligsten Altarssakramente handelte und das ihm Ver- standnis fiir die Verehrung des allerheiligsten Sakramentes vermittelte. Das Buch war somit sein Prediger und sein Lehrer. Uber die Frommigkeit der Buren wurde in der letzten Zeit viel geschrieben. Sie hatten wenig Kirchen und auBerdem muBten sie sehr weit in dieselben gehen, dafiir lasen sie aber fleiBig in der Bibel. Wenn die bloBe Predigt einen solchen Erfolg hatte, dann muBten unsere Mesner die frommsten Glaubigen sein; denn sie sind Horer samtlicher Predigten und Christen- lehren. Leider sind sie nicht die frommsten. Wenn der Glaube allein vom Horen kame, dann ware das Evangelium iiberhaupt nicht geschrieben. Aber in der heiligen Schrift steht es ja: „Der Glaube kommt vom Horen”! Es ist natiirlich, daB dieser Satz nur fiir die Zeit Geltung hatte, wo das Buch nur ein Bildungsmittel der Bevorzugteren und Reichen war, da es zu teuer und zu umstandlich war, und hat uberhaupt die Bedeu- tung: der Glaube komme vom Kennen des Wortes Gottes. Es ist somit nicht das sinnliehe Horen gemeint; denn dann hatten die Taubstummen keinen Glauben, wahrend .ich schon manche tiefglaubige taubstumme Konfitenten gehabt habe. Ich glaube, die Sache braucht ja nicht weiter nachgewiesen werden. Wohin wiirden wir in der Jetztzeit kommen, wenn wir keine Biicher hatten! Wie viel hatten wir, wie viel die Menschheit uberhaupt erreicht ohne die Biicher! Wir horten in der Schule die Vor- triige, hockten jedoch spiiter oft zweimal solange iiber den Biichern, um sich die Sache einzupragen. Gerade die beruhm- testen Miinner haben ihre Erfolge nicht etwa dem „Horen zu verdanken”, sondern dem Biicherstudium. Manche haben Liber- 63 haupt die Biicher allein zum Lehrer gehabt. Oft wird in unseren Zeitungen sogar der Ausspruch getan: Der groBe Volkerapostel Paulus wiirde lieute nicht als Prediger auftreten, sondern er ware Publizist geworden. Papst Leo XIII. zog bei der Audienz eines Journalisten sogar gute Zeitungsartikel der Predigt vor — namlich nicht allgemein, sondern in gewissen Fallen. Was folgt aus allem dem? Es folgt, daB wir in Riick- sicht darauf, als wir nicht auf ideale Katecheten rechnen konnen, diesen wenigstens ein Buch, das mit vereinten Kraften verfaBt sich doch dem relativen Ideal nahern kann, als Lehrbuch in die Hande geben, nach dem sie sovvohl beziiglich der Form als auch beziiglich des Inhaltes unterrichten und schon wegen des idealen Mittels einen Erfolg erzielen konnen. Unser Satz wird lauten: ,,Der Katechet ist der Lehrer des Glaubens, das Buch sein unentbehrliches Lehrmittel.” Doch auch mit Riicksicht auf die Schiller ist ein richtiges, padagogisches Buch sehr wiinschenswert, besser gesagt not- wendig, gesetzt den Fali. daB sie auch den idealsten Katecheten hatten. Die Griinde hierfiir sind folgende: Beim miindlichen Vortrage fiihrt der Gehorsinn dem Ver- stande das Vorgetragene zu, und angenommen, es ware alles richtig verstanden, so verzeichnet die menschliche Seele einen gevvissen religiosen Erfolg von bestimmter Grofie. Dieser Er¬ folg oder dieses Resultat kann vermehrt werden durch aufiere Einfliisse oder auch verringert werden. Wird nun das in der Schule Gehorte in allen Haupt- momenten, wozu nicht eine wortliche Wiedergabe notwendig ist, zu Hause von dem Schiller abermals ebenso sorgfiiltig, als es in der Schule angehort wurde, aus dem Buche nachgelesen, dann wird das in der Schule Gehorte abermals reproduziert, beim lauten Nachlesen fiihren es der Gehor- und der Gesichts- sinn abermals dem Verstande zu: das Resultat wird vermehrt oder befestigt; wenn der Schiller es auch einstudiert und iiber die eventuellen Fragen, die in der Schule gestellt \verden konnten, nachdenkt, dann wird das Resultat des Unterrichtes in der Schule nicht nur verdoppelt, sondern vielleicht ver- vielfacht. Je ofter wir iiber eine Sache nachdenken, desto 64 klarer wird sie uns ersclieinen und desto mehi- maclien wir uns sie zu eigen. Fiir den idealsten Erfolg beim Religionsunterrichte waren zunachst folgendevierMomente maBgebend: a) idealer Katechet, fj) ideale Schiiler, die in der Sehule alles aufmerksam anhoren und es verstehen, y) sorgfaltiges Lesen des Religionsbuches zu Hause, d) sorgfaltiges Studieren des Buches zu Hause. Wir Menschen konnen jedoch, vom kleinsten bis zum iiltesten niclit immer ideal sein und deshalb werden diese Momente nie ganz zusammentreffen. Wenn nun der Erfolg auf ideale Katecheten nicht rechnen kann, so kann er doch vom zweiten Momente abhangen, und zwar in dem Mafle, als es aufmerksame und eifrige Schuler gibt, die auch iiber das in der Sehule schlecht Vorgetragene Betrachtungen anstellen. Doch auch dies trifft nicht immer zu. Die Kinder sind ermiidet wegen des weiten Weges, matt wegen der in der Sehule herrschenden Warme, ihre Gedanken sind bei ihren Spielgefahrten oder beim Essen, das sie zu Hause erwartet; sie werden auch gestort durch ihre Mitschuler. Der Erfolg kann somit doch noch einigermafien abhangen vom Studium des Buches zu Hause. Hier ist das Kind allein, gesattigt, wird angezogen von den Bildern des Buches, bereitet sich vor, um in der Sehule zu entsprechen. Sind alle diese Bedingungen nicht vorhanden, was fast nie zutreffen kann, dann versagt nicht blofi der Religionsunterricht, sondern uberhaupt jeder Unterricht. Es sind noch andere Griinde, warum ich fiir ein pada- gogisches Buch pladiere. Viele Kinder besuchen gar nicht die Sehule wegen zu weiter Entfernung wie in meiner Pfarre, oder wegen schwachlicher Gesundheit, wahrend sie trotzdem von ihren Angehorigen das Lesen erlernen. Diesen kommt das Buch sehr zustatten. Zu einem guten Erfolg, wenn er allein auf den miindlichen Vortrag angewiesen ist, gehort auch ein un- unterbrochener Schulbesuch. Nun aber studieren viele Kinder privat. Fiir alle diese ist ein gutes piidagogisches Lehrbueh eine Notwendigkeit. Wenn ein solehes Buch vorhanden ist, kdnnen altere Geschwister den jiingeren im Verstandnisse nach- helfen, wahrend diese Nachhilfe jetzt, wenn sie uberhaupt noch besteht, im bloflen gedankenlosen Abfragen der Katechismus- nummern zu bestehen pflegt. Auch die kleineren Geschwister werden sich interessieren fiir das mit Bildern geschmiickte, mit religiosen Bildern ausgestattete, in der einfachen, dem Kindesherzen verstandlichen Sprache geschriebene Buch. Ich glaube hiermit genug bewiesen zu haben, dali ein Religionslehr- buch fiir die Volksscliulen notvvendig sei, allerdings nicht in Form eines Katechismus, sondern ein solches, welches alle vor- her angefiihrten als auch die nachfolgenden padagogischen An- forderungen erfiillen wird. Das Verhaltnis zwischen dem Katecheten und dem Reli- gionslehrbuch ist ganz gleich dem Verhaltnisse, welcb.es besteht zwischen Lehrer und Lehrbuch bei allen ubrigen weltlichen Fachern. Gemeint ist natiirlich auch fiir die Religion ein gutes, padagogisch richtiges Buch. Das Buch ist im allgemeinen viel vollkommener als der Unterricht des Katecheten, wie schon friiher gesagt worden ist, was aber nicht bedeutet, dafi der Katechet uberfliissig ist. Das Lehrbuch, durch Mitwirkung samt- licher Katecheten verfafit, wird dem Lehrer ein Wegweiser sein zunachst dafiir, 1 . welche Wahrheiten er vorzutragen habe, 2. wie er sie vorzutragen hat. Daraus ist nicht zu folgern, dafi der Katechet nur den Wortlaut des Buches nachzusagen hat, son¬ dern er wird sich nur sachlieh, wie auch beziiglich der Form der Begriindung an das Buch halten. Sonst wird er aber man- ches umschreiben, durch andere als im Buche gegebene Vor- stellungen vervollstandigen, manches Wort, das ihm zu un- deutlich erscheint, ex*klaren. Zum Schlusse wird er den ganzen Lehrstoff wiederholen, und diese Wiederholung mehr an das Lehrbuch anpassen und in zusammenhangendem Vortrag vor- bringen. Fiir den Schiller wird das Buch eine Art Protokoli liber den Vortrag des Lehrers sein, jedoch nicht das allereinfachste Protokoli, das nur das Resultat des Unterrichtes anfiihrt, son¬ dern ein Protokoli, aus dem die ganze Arbeit, die zum Unter- richte notwendig war, ersichtlich sein wird. Es wird ein Grammo- phon sein, in dem der Schiller namentlich die am Schlusse ge¬ gebene Zusammenfassung des Lehrstiickes vvieder hort und das Vogrinec, nostra culpa. 5 66 ei‘ beliebige Male aufspielen laBt, bis ihm die Arie in das Herz gedrungen ist und er sich dieselbe gemerkt hat. Dem talentierten Kinde wirddas Merken und Verstehen leichter sein, um so mehr wenn es in der Schule aufmerksam war. Bei anderen wird das Verstandnis erst herbeigefiihrt bei der Wiederholung in der Schule, oder in spateren Jahren in der Kirche. b) Wie soli das Religionsbuch fur die Volksschulen be- schaffen sein? Da das von mir vorgeschlagene Religionsbuch mit dem heutigen Katechismus sonst nichts gemeinschaftlicli haben solite, als daB in demselben die gleichen Wahrheiten, wie im Katechismus behandelt werden, so meide ich in dieser Abhandlung den Ausdruck „Katechismus”, obwohl wir spater auch dem padagogischen Lehrbuch den Namen Katechismus geben konnen. Das Religionsbuch wird sich nicht nur zum Ziele setzen, die Kenntnis der religiosen Wahrheiten zu ver- mitteln, sondern wird die Erreichung des Zieles des Religions- unterrichtes iiberhaupt zum Zwecke haben; es wird somit den Schiller zur Gottesliebe, zur Liebe zu sich und den Geschdpfen anleiten. Beziiglich der Art der Ausfiihrung wird es samt- liche vorhin untersuchten Grundsatze beriicksiehtigen. Zur Er- leichterung der Vorstellung und zur Starkung der religiosen Verfassung will ich ferner im Buche das Bild und das Lied vei’wendet wissen. Es ist eine betriibende Erscheinung, daB fast jedes Buch, oft auch das religiose, fiir das Volk geschriebene Buch mit sehr schonen Bildern geschmuckt erscheint, daB aber gerade denjenigen, denen die richtige Vorstellung am meisten abgeht und die nach Bildern das groBte Verlangen haben, diese vor- enthalten werden. Dem Kinde bereitet man eine groBere Freude, wenn man ihm ein Bild gibt, als wenn man ihm sonst noch so Kostbares reichen wurde. Ich war beilaufig fiinf Jahre alt, als ein Krieg gefiihrt wurde. In den Zeitungen betrachtete ich oft stundenlang Illustrationen aus dem Kriegsschauplatze und noch jetzt kann ich micli zum Teile an diese Bilder erinnern, die mich spater wahrend der Studienzeit im Verstandnis der Ereignisse aus dem Kriege stark unterstiitzten. Manche Kinder haben die Gewohnheit, daB sie jedes Bildchen aufbewahren. Sie — G7 — gehen das Bild immer wieder anschauen, und es macht ihnen eine groBe Freude, wenn sie jemandem ihre Kunstsammlung zeigen konnen. Bei uns in Karaten ist die Fibel illustriert und fiir jeden zu erlernenden Buchstaben steht neben demselben ein Bildchen, darstellend die Sache, deren Anfangsbuchstabe dem zu erlernenden Buchstaben gleich ist. Da konnte ich oft bemerken, wie die Kinder sich versucht fiihlen, auch wahrend eines anderen als des Leseunterrichtes ihr A-B-C-Buch auf- zumachen, ihr Fingerchen nach diesen Bildern auszustrecken und am Bilde die Betrachtungen anzustellen. Auch die biblische Geschichte wird oft zu einer Allotriabeschaftigung, weil sie eben einigermaBen illustriert ist. Wie viel wurde das Bild zum Verstandnis beitragen! Oft halt man ganze Vortrage uber etwas und meint, daB die Kinder es verstanden haben, obwohl sie keine Ahnung von der Sache haben. Ich unterrichtete die langste Zeit iiber die Firmung, wu6te es aber nicht, daB das Volk einen anderen Ausdruck da- fur gebraucht. DaB ich eigentiimliche Wahrnehmungen darauf- hin machte, laBt sich denken. Wir unterrichten auch oft uber das Sakrament der Ehe, wahrend die Kinder zwar sehr haufig von Hochzeiten und Heiraten horen, ohne das Wort Ehe je- mals gehort zu haben. Wir erklaren es wohI, aber hat man uns gerade in dem betreffenden Momente zugehort oder hat man uns verstanden? Bevor ich Priester geworden bin, war ich nie bei einer Taufe oder bei der Erteilung der letzten Olung zugegen, und ich war dem erfahrenen Mesner dankbar, daB er mich auf manches aufmerksam machte. Wie erbaut wiirde das Kind sein, wenn es das Bild mit der Taufzeremonie oder mit der Erteilung der letzten Olung vor sich hatte?! Wie schon konnte man noch die iibrigen sieben Sakramente veranschaulichen oder die Feier der heil. Messe! Die weltlichen Facher erfreuen sich herrlicher grofier Wandbiider. Wir sollten auch solche besitzen mit der Abbildung der Stadt Jerusalem, Betlehem, Grabeskirche, Landschaften aus Palastina, Peters- kirche etc. Das Leiden Christi wird mit den Kindern an den 14 Stations- tafeln in der Kirche betrachtet. 5 * 68 Sehr schone Bilder bekommt man bei Benziger in Ein- siedeln, viele geeignete konnten noch erworben werden. Die Verkleinerung des „ Vatei- unser in sieben Teilen” von J. De Mencina Krzesz bei Dr. Edm. Boheim in Miinchen wiirde viel zum tieferen Verstandnis des Vaterunser beitagen. Man- ches ist in den Bildern zwar iibertrieben, doch fiir das phan- tasiereiche Kind geeignet. Ich verlange somit nicht bloB Bilder zur biblischen Ge- schichte, sondern auch Illustrationen, und zwar polychromierte fiir das Religionslehrbuch selbst. Die einzelnen Bildchen sollten sich mitten im Texte befinden. Ferner mufi dasLied in das Religionslehrbuch aufgenommen werden. Es wurde schon oft der Wert des religiosen Gesanges hervorgehoben, es wurden aber nie von Beimfenen Schritte getan, um dem religiosen Liede seine Rechte auch im prakti- schen religidsen Leben zu sichern. Hier und da werden Kirchen- lieder fiir die Jugend hei’ausgegeben, aber im allgemeinen bleibt es nur bei der Herausgabe und Approbation oder hoch- stens bei der Anschaffung solcher Gesangsbiicher, ohne daB die Lieder in hinreichendem Mafie den Kindern beigebracht wiirden. Der ErlaB des Kultusministers vom 8 . Juli 1883 be- fiehlt zwar, daB beim Gesangsunterrichte auBer den patrioti- schen und Volksliedern auch der Gesang von Kirchenliedern zu pflegen ist. Man beachte das „neben den patriotischen und Volksliedern”! AuBerdem ist die Schule interkonfessionell, an manchen Orten zur Halfte konfessionell gemischt. Deshalb ist dem Lehrerstande und auch der Aufsichtsbehorde desselben nicht zu verargen, wenn der Kirchengesang vernachlassigt. wird. Soli der iiberbiirdete Lehrer nach der Schulzeit unter- richten? Wenn der Katechet mit ihm gut auskommt, so wird er es tun, verpflichtet ist er nicht. Da die Katecheten sich meistenteils um den Gesang nicht kummern, so wird der Lehrer auch nicht wissen, was er einzuuben hat. Ein bestimmtes Ge- sangbuch fiir die Volksschule ist nirgends vorgeschrieben und wenn es vorgeschrieben ware, wird es nicht angekauft oder dessen Inhalt nicht eingeubt, da die Sache zu wenig urgiert wird. Bei unseren Visitationen oder Religionspriifungen wird 69 das religiose Lied gar nicht beriicksichtigt. Im Protokoli iiber die katechetische Leistung in der Schule findet man nirgends eine Rubrik, wo der Fortschritt im religiosen Gesange ange- merkt wiire. Es wird nicht schwer zu beweisen sein, dafi das religiose Lied in zwei Drittel der Schulen in Karnten, aber auch in anderen Diozesen fast keine, in den ubrigen eine un- genugende Pflege findet. Ich war einige Jahre an einer paritatischen Station, und da merkte ich, wie unsere Kinder so gerne zu den Leichen- wachen in die protestantischen Hauser gingen und oft tief in die Nacht dort verweilten. Wenn man sie deshalb zur Rechen- schaft gezogen hatte, meinten sie: „Weil dort so schon ge- sungen wird.” Das religiSse Lied ging ihnen so zu Herzen! Es hat mir oft wehe getan, wenn ich sah, wie protestantische Kin¬ der mit dicken Gesangbiichern in die Schule gingen und wie sich der Pastor daselbst fast die Halfte der Schulzeit mit Einubung religioser Lieder abmiihte, wahrend bei uns dies- bezuglich so wenig geschah. Wenn es von Dr. Martin Luther heiGt, er hatte die meisten seiner Anhanger liinubergesungen, so beweist das nur, da!3 er den richtigen Weg gefunden hat, um das Mensehenherz zu gewinnen. Welche Stellung gebe ich nun dem Liede beim Religions- unterrichte? Naturlich jene, die das Lied uberhaupt verdient. Es hat den Zweck, den Stimmungen und Empfindungen in dichterischer Sprache und im melodischen Vortrage, somit in schonerer und wirksamerer Form, als es die gewohnliche Sprechweise tut, Ausdruck zu geben. Der Liebende singt sein Liebeslied, der Soldat sein Soldaten- oder Kriegslied, der Patriot sein patriotisches Lied, der Arbeiter sein Arbeiterlied, um ihren Gefuhlen einen erhohten Ausdruck zu geben. Sollten nun diejenigen, deren Herz in Liebe zu Gott schlagt, nicht auch ihr Herz in bezaubernden Tonen des Gesanges ausschutten und die Mitmenschen fur ihre Ideale ebenfalls hinreiBen? Es ist ja bekannt, welche Redeutung die „Marsellaise”, das „Gott erhalte”, „Die Wacht am Rhein”, „Hej Slovani” etc. hab en, wie sie die Zuhorer zu Taten hinreiBen konnen. Wir werden somit auch in der Schule unsere Gefiihle in schonerer Form offen- 70 baren, und zwar immer anschliefiend an den behandelten reli- giosen Gegenstand. Auch der Trinker singt bei seinem Getrank, der Liebende bei seiner Braut, der Soldat bei seinem Marsch in den Krieg, so soli auch der Schiller gerade dann singen, wann ihm der Lehrgegenstand die Gelegenheit gibt, das I-Ierz zu Gott zu erheben. Und so werden wir z. B. nach der Lehre von Gott „GroBer Gott” singen lassen. Es darf kein Kind in der Schule geben, das wenigstens die ersten Strophen des Liedes nicht auswendig wiiBte. Beim Unterrichte iiber das heil. Mefiopfer werde ich irgend ein Mefilied singen lassen. Das „Wir werfen uns darnieder” wird noch immer das beste sein. Nach der Wandlung sollten die Kinder singen „Jesus dir lebe ich” oder „0 Christ hie merk”. Spater werde ich in der Aus- fiihrung eines Lehrstiickes liber das heil. Mefiopfer genauer darstellen, wie dies geschehen soli. In das Lehrstiick werde ich auch das „Ordinai’ium missae” aufnehmen, namlich das Kyrie, Gloria, Čredo, Sanktus, Benediktus Agnus, und zwar so, dafi auf derselben Seite lialbbriichig der lateinische und deutsche Text steht. Durch diese Ausfiihrungen habe ich vielleicht bei manchen ein Lacheln hervorgerufen. Ich werde aber beim Kapitel liber den Kirchengesang zeigen, daB die Aufnahme und das Erlernen des „Ordinarium” notwendig ist, falls wir am lateini- schen Ritus der heil. Messe festhalten wollen. Ich setze aber auch die Forderung voraus, daB der Katechet wenigstens die elementarsten Kenntnisse des Kirchengesanges auch im Prak- tischen besitze. Die Messe wird in Choralmelodie nach einem fiir die ganze Diozese mafigebenden Modus einstudiert. Diese Choral¬ melodie wird auch ofters in der Kirche gesungen, z. B. an allen Quatembersonntagen. Die meisten Kinder haben dann den Gang der Choralmelodie im Gehore. In der Schule wird man anfangs auf Schwierigkeiten stofien, die aber nicht so grofi sind, als sich die meisten vorstellen. Es gehort nur ein mittel- mafiiger Fleifi dazu. AuBerhalb der Schule wird man einigen befahigten Kindern den Choral beibringen, in der Schule werden die iibrigen Kinder nach diesen sich richten und bei ihrem starken Gedachtnis bald die Messe auswendig konnen. Bedenkt 71 man, daB die Schulzeit acht Jahre dauert, so kann man auch erwarten, daB die jungen Schiller von den alteren lernen werdeti. Diese eigentilmliche Forderung der Kenntnis einer Choralmesse wird aber erst verstanden, wenn das Kapitel iiber die Liturgie und Kirchengesang gelesen wird. Die Zahl der Lieder und Ge- sange, die in das Religionslehrbuch aufgenommen iverden, muB eine miiBige sein, damit dem Lehrer die Gelegenheit geboten wird, noch andere Lieder einzuiiben. Von den Liedern, die in das Lehrbuch aufgenommen werden, miissen am Schlusse des Buches Noten ftir zweistimmigen Gesang — der Gesang soli jedoch fiir gewohnlich nur einstimmig sein — aufgenommen werden, und zwar aus dem Grunde, daB der Lehrer oder der Katechet nicht erst die Noten zusammen- suchen muB, sondern sie gleich zur Hand hat. Dadurch werden wir erzielen, daB das Kind vom Lied machtig ergriffen wird, so daB, wenn auch der ganze Glaubens- inhalt in spateren Jahren vergessen \viirde, doch noch mancher Vers und manche religiose Ai’ie den Menschen an das Gliick im frommen Kindesalter erinnern und vielleicht auch die Sehn- sucht nach diesem Gliick erwecken wird. Ich kdnnte sehr leicht an der Hand der Volkergeschichte den Beweis liefern, daB das Lied und der Volkscharakter im Zusammenhange stehen. Die spontane personliche Tapferkeit, nicht die durch auBere Umstande, wie beim Militar, erzwungene ist gleichzeitig mit dem Heldenliede verschwunden. Soeben wird viel geschrieben iiber den mazedonischen Aufstand. Wenn man auch die be- gangenen Greueltaten verabscheuen muB, so muB man doch die personliche Tapferkeit der Aufstandischen bewundern. Mancher weiB, daB der Tod ihn erwartet, er weiB aber auch, daB mancher blinde Sanger ihn einstens als nationalen Helden in seinem Liede feiern werde. Das Volk, welches fromme Lieder hat, ist sittsam und religios; das Volk, das ausgelassene Lieder hat, hat vor der Sittlichkeit nicht viel Achtung. Das religiose Lied ist in manchen Gegenden verschwunden, aber auch gleichzeitig die innige werktatige Religion. Um das Lied wieder in den Dienst der Religion zu stellen, miissen wir schon in der Schule anfangen, und zwar durch die Aufnahme des- 72 selben in das Religionslehrbuch. Das Lied ist aber auch eines der wichtigsten Mittel, um die religiose Verfassung zu ver- tiefen. Das religiose Lied ist fiir die eingepflanzte Wahrheit das, was der Tau oder der Regen fiir die Pflanze. Das Religionsbuch nach meinen Anschauuungen wird sich somit 1. dureh eine Darstellung auszeichnen, die auf piida- gogische Grundsatze sich aufbaut und zur Beibehaltung der christlichen Wahrheiten neben anderen von mir beriihrten Ge- sichtspunkten namentlich die Schaffung der religiosen Ver¬ fassung berucksichtigt; 2 . dureh die Aufnahme von Bildern und Liedern. Die Nutzanwendung am Schlusse einer erkannteu Wahi*heit soli in einfache und wenige Worte zusammengefafit werden. Es ist ja bekannt, dah kurze, zum Herzen gehende Worte eines Beichtvaters mehr erreichen als lange Belehrungen. Nach der Lehre vom Menschen ware die Nutzanwendung: „Wir haben eine Seele. Ist diese verloren, so ist alles verloren!” — „Was hilft es mir, wenn ich die ganze Welt gewinne, an meiner Seele aber Schaden leide!” Nach der Lehre von den vier letzten Dingen: „Auch ich werde einmal sterben. Wie wird es etwa mit meiner Seele werden?” Nach der Abhandlung iiber die Reue, kommt das Reuegebet. Bei anderen Abschnitten kommt das Lied als Nutzamvendung. Nach der Erklarung des ersten Gebotes wird die Nutz- anwendung etwa sein: „0 Herr, ich will dich anbeten, denn du allein bist die Wahrheit! Zu wem solite ich gehen, wenn nicht zu dir, dem Schopfer Himmels und der Erde! Herr starke meinen Glauben.” Dureh derlei Nutzanwendungen werden wir das Volk auch im „Geist und in der Wahrheit” beten lehren und das gedankenlose Lippengebet beseitigen. Was den Umfang der Wahrheiten anbetrifft, die das Buch behandeln soli, so sollen alle Wahrheiten behandelt sein, die der mittlere Katechismus behandelt, um dem Wunsche des Episkopates nachzukommen. Alle unnotigen Aufziihlungen und Einteilungen, ebenso die zwecklosen Definitionen haben wegzu- bleiben, hingegen soli die Darstellung des Lehrstiickes so ge- geben werden, dah sich das Kind genau iiber den Inhalt der erkannten Wahrheit Rechenschaft geben kann. 73 Mancher konnte noch den Einwurf machen, es ist ja nicht notwendig, daB z. B. die Lieder und Bilder in das Religions- lehrbuch kommen, es kann ja eigene Gesangsbiicher und eigene Bilder geben. Von Seite des Katecheten wiirden aiese Behelfe allerdings denselben Zweek erfiillen, jedoch nur fiir den Fali, daB man sich vergewissert, daB er sie wirklich benutzt, von Seite des Schiilers aber niemals, da sie sich zunachst nicht in den Hiinden jedes Schiilers befinden wurden und weil der innige Zusammenhang des Liedes und Bildes mit dem behan- delten Gegenstande durch die Aufnahme in ein einziges Buch viel deutlicher hervortritt. Es ist schon, wenn ein Buch auch gut eingeteilt ist. Je¬ doch kann diese Einteilung je nach verschiedenen Gesichts- punkten eine verschiedene sein. Schon bezuglich des Katechis- mus waren und sind noch verschiedene Gesichtspunkte ins Auge gefaBt worden. DaB fiir die praktische Religiositat der Glau- bigen die Kenntnis der Anordnung verschiedener Lehrstiicke nicht vom Belang ist, zeigt eben der Umstand, daB die Heraus- geber der Katechismen selbst verschieden eingeteilt haben und daB sie keineswegs den Anspruch erheben konnen, absolut richtige Einteilungen gegeben zu haben, und doch haben sie des- lialb nicht weniger Erfolg gehabt. Wir werden somit bezuglich der Einteilung nicht viel streiten. Freilich, das miissen wir ver- langen, daB nicht allzugrobe Fehler begangen werden, daB man nicht etwa mit der Frage: „Was heiBt christlich-katholisch glauben” oder mit der heil. Schrift anfangt, sondern vom Gott, den ja die Schrift und die Kirche zum Ursprunge haben. „Zuerst mufi man glauben, daB es einen Gott gibt und daB er der Belohner oder der Bestrafer aller ist.” Die Einteilung, die mir logisch vorkommt, ware folgende: I. Von Gott. a) Sein Dasein, b) seine Werke, c) seine Eigenschaften. II. Von den Geschopfen Gottes. a) Die Engel, b) die Menschen, c) die unvernunftigen Ge- schopfe. 74 1. Ihre Erschaffung; 2. ihr Fali; 3. ihre Bestimmung auf der Erde; 4. ihre letzten Dinge. III. Fiirsorge Gottes fiir die Geschopfe. a) Die natiirliche Fiirsorge (Leben, Nahrung etc.), b) die Offenbarung namentlich bei den Juden. Die heil. Schrift, c) die Sendung des Sohnes Gottes. 1. Seine VerheiBung; 2. sein Leben; 3. seine Lehren; 4. sein Erlosungstod; 5. die Einsetzung der Gnadenmittel; 6. Stiftung der Kirche (die Sendung des heil. Geistes); 7. die Schrift und die miindliche Uberlieferung. IV. Pflichten der Menschen gegenGott und seine Geschopfe: Glaube, Hoffnung und Liebe. a) Gottesdienst (Messe etc.), Anbetung (Vater unser etc.); h) die Erfiillung des Willens Gottes: 1. die zehn Gebote Gottes, 2. die fiinf Gebote der Kirche, 3. sieben Hauptsiinden, 4. sieben Werke der Barmherzigkeit, 5. die Meidung der Siinde; c) Anwendung der Gnadenmittel. V. Der Besitz Gottes. Zu dieser Einteilung gebe ich folgende Erklarung: Sub II. soli auch die Erschaffung, der Fali, die Bestim¬ mung und das Endziel auch der iibrigen Geschopfe, Tiere, Pflanzen betont werden. Auch die unverniinftige Kreatur leidet unter dem Siindenfall! Sub III. mufi die Fiirsorge Gottes, die wir iiberall in der Natur beobachten, hervorgehoben werden. Sub III. ist namentlich die Christologie gut und klar vorzutragen, die christliche Ara von der vorchristlichen genau zu trennen. Der Erlosungstod und dessen Versinnbildlichung in der heil. Messe sowie die Gnadenmittel konnen sub III. oder IV. behandelt werden, besser jedoch sub IV., weil dieser Teil spater vorgenommen wird, wo das Verstandnis der Kinder ent- wickelter ist. Sub IV. enthalt die genaue Dai’stellung der Pflichten der Menschen, auf welche Pflichten schon von I. bis IV. kurz ver- wiesen werden soli. Sub V. wird Gott als unser Vollender, als das Ende un- seres Strebens hingestellt und der Heimgang des Gerechten in sein wahres Vaterland geschildert. Das Religionsbuch soli von den Katecheten Oster- reichs verfaCt und von den Bischofen genehmigt werden. Statt der oft unnutzen Dissertationen bei den Pastoral- konferenzen sollen verschiedene Diozesen irgend einen Teil des Buches ausarbeiten, die besten Arbeiten, etwa fiinf an der Zah! mit Hinzufiigung gelungener Lehrstiicke aus anderen Ar¬ beiten sollen einem Komitee, bestehend aus tiichtigen Padagogen, zur Auswahl und etwaiger Vervollkommnung iibergeben werden. Es ist nicht zu zweifeln, daB Tausende von Katecheten in ein- trachtiger Arbeit ein Kunstwerk zustande bringen werden, welches anfangs vielleicht nicht allen Anforderungen entsprechen wiirde, nach und nach aber durch die gemachten Erfahrungen sich vervollkommnen wiirde.Wo Millionen Exemplare gebraucht werden, wird ein solches Buch auch nicht zu teuer zu stelien kommen. Auch die Beschaffung der Bilder kiime nicht zu kostspielig, da tur viele Illustrationen bereits Vorbilder bestehen, tur die iibrigen noch notwendigen sich leicht Kiinstler gewinnen lassen. Die Bilder miifiten jedenfalls polychromiert sein. Auch die Ausstattung solite eine schonere sein. Die Sache, die das Buch behandelt, ist einer schoneren Ausstattung wert! Bei der groCen Auflage des Buches wird sich dieses nicht verteuern. Ein Kreuzel an der Aufienseite und ein schoner Einband wiirden dem Kinde Freude bereiten. Die beilaufige Seitenzahl miifite schon vorher fur jedes Kapitel bestimmt sein. Das dritte Lese- bucli fiir die dreiklassigen Volksschulen zabit zirka 400 Seiten und kostet 1 K 60 h. Ich beantrage fur die Volksschule nur 76 ein einziges Religionslelirbuch, das jedoch etwa zweimal wah- rend fiinf Jahre ununterbrochenen Schulbesuches gewissen- haft und genau behandelfc werden solite. Timeo lectorem unius libri, gilt auch hier. Die einmalige Ausgabe von etwa 1 K 20 h bis 1 K 60 h wiirde nicht zu empfindlich kommen, da alle drei Teile des heutigen Katechismus ohnehin 1 K 74 h kosten. Ich bemerke schon hier, daB ieh fiir den Religionsunter- richt auch schriftliclie Arbeiten fordere; jedoch bevor ich diese Forderung begriinde, will ich dem Leser einige Probelehrstiicke, die das Religionslehrbuch enthalten soli, vorfiihren. Ich gebe mich jedoch nicht dem Wahne hin, etwa der Befahigteste zur Abfassung des Lehrbuches zu sein; im Gegenteile glaube ich, daB viele erfahrene, in der Feder gewandte Katecheten, die oft als Schriftsteller sehr geriihmt werden, nach meinen Grund- satzen die Lehrstiicke viel besser verfassen konnten als ich. Wenn ich trotzdem hier manche Lehrstiicke ausarbeite, so tue ich es, nicht so sehr, um meine Tiichtigkeit in der Verfassung katechetischer Lehrstiicke zu bekunden, sondern um anschaulich zu machen, wie das Religionslehrbuch beschaffen sein soli. Ich werde wiihlen z. B. die Erkllirung des heil. Mefiopfers, ein auBerst wichtiges und schwieriges Thema, so daB jeder Leser berechtigt ist zu glauben, dal3 nach Mitwirkung samtlicher Katecheten die Behandlung dieses Stoffes eben ein Kunstwerk sein wird, wahrend mein Entwurf nur den Namen einer Studie beanspruchen kann. Zunachst, wie soli das Buch anfangen? I. Von Gott. a) Sein Dasein. Die Menschen konnen auf der Welt vieles machen. Sie konnen ein schones Haus bauen, aber auch niederreiBen, wenn es ihnen nicht gefallt. Sie konnen eine sehone Uhr zusammen- stellen, nach Belieben aufziehen und richten, ihnen ist es moglich, den Eisenbahnzug auf bestimmten Wegen zu fiihren — die Menschen konnen uberhaupt sehr vieles. Es gibt aber noch mehr Dinge, die die Menschen nicht machen konnen. 77 Wenn es langere Zeit regnet, wird niemand etwas damit er- reiehen, wenn er sagt: „Sonne scheine, damit mein Korn reift”, oder wenn zu lange kein Regen kommt: „ Regen, jetzt komm’, ich brauche dieh fiir meine Felder.” Wenn jemand in dunkler Nacht, wo kein Mond und keine Sterne zu sehen sind, eine Reise macht, so wird es ihm nichts nutzen, wenn er befielilt: „Mond und Sternlein, jetzt scheint, ich brauche euer Licht, damit ich den richtigen Weg finde.” Warum konnen wir Men- schen der Sonne, dem Regen, dem Monde und den Sternlein, sowie auch vielen anderen Dingen nicht gebieten? Natiirlicli deshalb, weil wir sie nicht gemacht haben, wie z. B. das Haus oder die Uhr. Sie hat jemand anderer gemacht, der ihnen auch befehlen kann. Auch von den vielen Millionen Tieren und Pflanzen kann kein Mensch sagen: „Ich habe euch gemacht.” Und wir Menschen, woher sind wir? Kann jemand sagen: „Ich habe dein Auge so eingerichtet, daB du leicht sehen kannst, deine Zunge so angebracht, daB du leicht reden, dein Ohr, daB du leicht alles horen kannst?” Und schaust du, liebes Kind, in die ganze Welt und betrachtest alles, was um dich ist, Berge, Taler und Wiesen, iiberall wirst du finden, daB nicht wir Men¬ schen, sondern jemand anderer das gemacht hat. Und diesen so machtigen Meister, der Himmel und Ei*de und alles was da ist, erschaffen hat, nennen wir Gott. Wenn du ein biBchen nach- denkst, sagt dir auch deine Seele, daB es einen Gott gibt, den du fiirchtest, wenn du Schlechtes tust und den du gerne hast, wenn du brav bist. Er ist nur ein einziger. Wenn wir in ein Haus kommen, in dem grofle Ordnung und nie ein Streit herrscht, dann sagen wir, hier gibt es einen Hausherrn, der alles so schon ange- ordnet, und zwar nur einen einzigen; wenn es mehrere gabe, dann wiirde hie und da ein Streit und eine Unordnung entstehen. Auf der Welt ist aber alles in Ordnung, auf die Nacht kommt der Tag, auf den Regen die Sonne, auf den Winter das Friihjahr. Deshalb muB es auch einen einzigen Gott geben. Auch wenn wir beten, so beten wir nur zu einem Gott, indem wir sagen: „Vater unser, der du bist in dem Himmel.” 78 b) Seine Werke. Gott hat alles erschaffen, was hier auf Erden und was itn Himmel ist. Er hat die Erde und den Himmel selbst erschaffen. Die Engel im Himmel, die Menschen auf der Erde, die Sonne, Mond und Sterne, alle die grofien Weltkorper, die oft tausend- mal groBer als unsere Erde sind, sind das Werk seiner Hande. Auf der Erde sind wir Menschen, dann die tausend und wieder tausend Arten der Tiere, Pflanzen und Steine und alles, was da ist, von ihm erschaffen worden. Dieses alles hat aber der liebe Gott nicht so gemacht, wie wir Menschen etwas zu machen pflegen. Er hat dies nicht so gemacht, wie etwa der Tischler eine Schulbank macht: daB er sich zuerst Holz verschafft, dann abmiGt, wie groG die Bank sein miisse, sondern er hat blob gedacht und auf seinen bloGen Gedanken hin ist alles gevvorden. Er dachte oder sagte: „Es werde Licht” und es ist Licht ge- worden. Er dachte: „Es werde das schone blaue Firmament” und es ist das Firmament geworden. Deshalb sagen wir von Gott nicht, daB er etwas macht, sondern daG er schafft oder erschafft. „Gott hat alles erschaffen”, so pflegen wir zu sagen und seine Werke nennen wir Geschopfe, ihn selbst aber Schopfer. Auch wir sind seine Geschopfe: deshalb beten wir dich an, o Gott, als unseren Vater und Schopfer, der du uns erschaffen hast und der du auch die Haustiere und die Pflan¬ zen erschaffen hast, daB sie uns niitzen und nahren! -— c) Seine Eigenschaften. Wir Menschen konnen eigentlich nicht begreifen, was Gott ist und welche Eigenschaften er hat; denn wir sehen ihn selbst nicht, sondern nur seine Werke. Doch wie man aus einer schon geschriebenen, fehlerlosen Ausarbeitung einer Aufgabe schlieBen kann, daB der Schiller fleiBig ist und gut lernt, so kann man auch aus den Werken Gottes auf ihn selbst und seine Eigenschaften schlieBen, indem wir sagen, wenn schon die Werke Gottes, namentlich aber der Mensch, so viele Voll- kommenheiten haben, wie vollkommen muB erst der Schopfer dieser Werke sein?!; und so nennen wir Gott hochst voli- 79 kommen, weil er alle guten Eigensehaften, die seine Werke be- sitzen, im hochsten Grade besitzt. Betrachten wir aufmerksam die vorzuglichsten seiner Eigensehaften: 1, Gott ist der reinste Geist. Wir sehen den lieben Gott, so lange wir auf dieser Welt sind, nicht. Erst wenn wir sterben werden, werden wir, wenn wir fromm gelebt haben, ihn sehen. Jetzt sehen wir ihn nicht, weil er keinen Leib hat, wie wir Menschen, sondern ein Geist ist, das ist ein Wesen, das denkt und handelt, jedoch keinen Leib hat. Auch unsere Seele ist ein Geist, weil sie wohl denkt und handelt und empfindet, jedoch nicht gesehen und ange- griffen werden kann. Sie wohnt in dem Leibe; deshalb ist sie nicht ein reiner Geist, wie Gott, der keinen Korper braucht. Auch die Engel, von denen wir spater lesen werden, sind reine Geister, da sie ja keinen Leib haben; aber ihr Verstand und ihr Wiile ist bei weitem nicht so vollkommen, wie der Verstand und der Wille Gottes, den wir deshalb den reinsten Geist nennen. 2. Gott ist ewig und unveranderlich. Gott hat niemand erschaffen, sonst gabe es noch einen anderen Gott und er selbst ware auch ein Geschopf; deshalb ist er immer getvesen, wird auch immer sein. Alle Dinge \varen einmal nicht da, nur er ist immer dagewesen. Auch alle Dinge auGer den Engeln und unserer Seele werden einmal ver- ;gehen, nur er wird, angebetet von den Engeln und frommen 'Seelen, immer da sein. Wir sagen: Gott ist ewig. Gott andert sich auch nicht. Wir verandern uns. Jetzt sind wir noch Kinder, bald werden wir erwachsen sein und wenn wir nicht friiher sterben, auch alt werden. Wir werden ■dann anders aussehauen als jetzt. Bei Gott geschieht dies nicht: Wie er vor vielen Zeiten gewesen ist, so wird er auch immer sein. Wurde ein Fels bis zum Himmel reichen und ein Voglein alle tausend Jahre ein Sandkornchen davon abbrockeln und hin- >wegtragen, so mulite der Fels einmal verschwinden, doch Gott mrd noch immer gleich sein und gleich bleiben. Nun ver- 80 stehen wir auch, warum wir andachtig beten sollen: „Ehre sei Gott dem Vater, dem Sohne und dem heil. Geiste, wie im Anfange, so jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.” 3. Gott ist allgegenwartig. Wir sehen iiberall die Werke Gottes: blicken wir auf die Erde, so sehen wir die Pflanzen, Tiere u. s. w., fur die der liebe Gott sorgt, blicken wir gegen den Himmel, da bemerken wir, wie Gott die Sonne, den Mond und die Sterne so weise leitet. Uberall sehen wir sein Wirken, deshalb schliefien wir richtig, wenn wir sagen: Gott ist uberall, im Himmel und auf der Erde oder Gott ist allgegenwartig. Woran du denkst und wohin du dich begibst, uberall ist er. Wir sprechen wohl da- von, daB er im Himmel ist oder dort seine Wohnung hat, dies aber nur deshalb, weil wir ihn dort, wenn wir wurdig werden, in seiner ganzen GroBe und Schonheit sehen und an- beten werden. Wir sollen deshalb in jedem Augenblicke unseres Lebens daran denken, dati Gott bei uns ist. Wir dtirfen nie so etwas tun, daB Gott mit uns unzufrieden ware, auch dann nicht, wenn wir allein sind. „Wo ich bin und was ich tu’, sieht mir Gott mein Vater zu.” 4. Gott ist allmachtig, Der Mensch wurde einige Jahre brauchen, um zu FuB um die Erdkugel zu kommen. Diejenigen, welche die Sternenwelt stu- dieren, sagen, daB viele Sterne, ja sogar die Sonne, millionen- mal groBer sind als unsere Erde. Alle diese Sterne sind Welt- kbrper, die sich auf genau bestimmten Bahnen nach genau be- stimmten Gesetzen bewegen. Samtliche hat Gott aus nichts er- schaffen! Bild des Universums wie im Atlas! Wie maehtig muB er sein, da er so ungeheuer groBe Welten, so schon und richtig regiert! Doch auch jedes Tierchen,. 81 jedes Pflanzchen verkiindet die grofie Maeht Gottes. Aus einem Samen maoht er einen machtigen Baum. Alles kann der liebe Gott machen und so sagen wir von ihm: Er ist allmachtig. Weil er allmachtig ist, so kann er uns auch helfen in allen Noten unseres Lebens, nur miissen wir mit Vertrauen und reinem Herzen ihn anrufen. Es ist kein Ding so grofi und schwer, das Gottes Allmacht unmoglich war’! 5. Gott ist allvvissend und hdchst weise. Ausfiihrung! 6. Gott ist gdtig, barmherzig und langmutig. Ausfiihrung! 7. Gott ist hSchst heilig und gerecht. Ausfiihrung! 8. Gott ist hčSchst wahrhaft und getreu. Ausfiihrung! Diese Kapitel werden in ahnlicher Weise ausgefiihrt. Als 9. Kapitel kommt: Gott ist dreieinig. Unser Heiland Jesus Christus hat gelehrt, dafi es zwar einen Gott gibt, jedoch in drei Personen. Weitere Ausfiihrung in Gleichnissen! Anschliefiend an diese Lehrstiicke kommt das herrliche „GroBer Gott, wir loben dich”. Ilierauf kommen die weiteren Lehrstiicke auf Grund meiner oder einer anderen Einteilung zur Abhandlung. Im Vorhergehenden wird man leicht bemerken, dafi die Darstellung nicht nur den Verstand, sondern auch das Gemiit beriicksichtigte und beide in religiose Verfassung, d. i. in den Zustand eines gewissen Suchens und Verlangens nach dem gottlichen Wesen versetzte. Zum Schlusse kommt immer eine kleine Anbetung oder Iluldigung vor Gott. Auf die heil. Schrift habe ich mich nicht berufen, da die Kinder in diesen Jahren wohl die biblischen Geschichten, die aber fur sie noch dieselbe Vogrinec, nostra culpa. 6 82 Autoritat haben, wie die profanen Erzahlungen, kennen, jedoch nicht die heil. Schrift als solche, insoferne sie das Buch der Offenbarungen Gottes ist. Die Lehren des Katecheten haben allerdings die Offenbarung zur Voraussetzung, damit sie richtig "sind, doch bei den Kindern mufi man psychologisch vorgehen und sich nicht auf etwas stiitzen, was fiir sie noch keine Stiitz- kraft abgeben kann. Die allgemeine Lehre uber Gott und seine Werke solite liberhaupt genauer vorgenommen werden, da ja diese Lehren das Fundament der Religion bilden. Das Kind soli nicht nur durch den oft logisch sehr zerrissenen Vortrag des Katecheten zur Betrachtung Gottes bewogen werden, sondern es soli ihm das Buch die Gelegenheit bieten, ofters und solange es das Kind freut, das Sein und Wirken Gottes zu bewundern und es an jedem Ort und in jedem Wesen zu erblicken. Die Abhand- lung liber Gott und seine Eigenschaften bilden die religiose Verfassung fiir samtliche ubrigen Wahrheiten. Diese religiose Verfassung wird noch vermehrt durch das schbne Lied: „GroBer Gott”, welches jedes Kind auswendig wissen und singen konnen miiBte, wenigstens die ersten drei Strophen. Mitten in das Lehrstuck uber die Allmacht Gottes kommt ein Doppelbild, darstellend die beiden Halften des Universums, wie es die Atlanten und die popularen astronomischen Schriften oft bringen. Die Astronomie hat Gelehrte fromm gemacht, die Betrachtung der UnermeBlichkeit Gottes im Weltall wird auch das weiche Kinderherz zur Frommigkeit stimmen. Ich will nun ein anderes Beispiel anfuhren, wie das Reli- gionslehrbuch die religiosen Wahrheiten behandeln soli. Ich wahle eines der schvvierigsten, aber wichtigsten Kapitel der Religionslehre, namlich die Lehre vom heil. MeBopfer. Die heu- tigen Katholiken haben uberhaupt gar keine klare Auffassung iiber das heil. MeBopfer und leider mufi man gestehen, dat! selbst der Klerus in einzelnen Fallen nicht von der GroBe und dem Werte des heil. MeBopfers durchdrungen ist, wahrend doch das heil. MeBopfer der Mittelpunkt des gesamten katholi- schen Gottesdienstes ist. Die Zeremonien der heil. Messe sind so schon, daB, wenn die heil. Messe auch kein dogmatisches 83 Fundament hatte, sondern nur ein Opfer aquivalent etwa den jiidischen Opfern ware, jeder denkende Mensch die heil. Messe als ein Kunstwerk des religiosen menschlichen Geistes auffassen mufi, wenn er nur den Schliissel zu ihrer Bedeutung findet. Jetzt ist aber das heil. MeBopfer infolge mangelhafter Katechese fiir die weniger Intelligenten in ein geheimnisvolles Dunkel gehiillt, was keineswegs zur Erbauung beitragt. Fiir die Intelli¬ genten ist es ein Theaterspiel ohne religiosen Hintergrund. Sie sehen oft das unfromme unverstandliche Benehmen des Priesters am Altare, horen die in fremder Sprache schleuder- haft und oft Ohr verletzend vorgetragenen Gebete, am Chore oft Sachen, die man nicht einmal im Theater gerne hort, sondern \velche nur fiir den Tanzboden geeignet sind. Kein Wunder, daB es ihnen scheint, als ob es sich nur um ein prunkvolles Schau- spiel handeln wiirde. Wer noeh zweifelt an der Richtigkeit der vorangebenden Worte, der moge die Auffassung der verschie- denen Stande liber das heil. MeBopfer recht eifrig untersuchen, oder sich etwa zuriickerinnern an seine Gymnasialzeit und sich fragen, wie tief etwa das Verstandnis fiir das heil. MeBopfer bei ihm und seinen Kollegen gewesen sein mag. Ich will mich versuchen in der Darstellung einer Katechese iiber das heil. MeBopfer, wie etwa das Lehrbuch sie enthalten soli, nicht aber in dem Umfange, in dem sie der Katechet vortragen soli. IV. a. Vom heiligen MeBopfer. 1. Vom Opfer iiberhaupt. Gott ist unser Schopfer und unser Vater. Von ihm haben wir alles, er ist unser Herr. Wir miissen aber auch nach auBen anerkennen, daB er unser Plerr und Vater ist. Auch sonst brauchen wir vom lieben Gott vieles, bald Gesundheit, bald tagliches Brot, bald sonst etwas anderes, meistenteils aber die Verzeihung unserer Siinden, durch die wir ihn oft beleidigen. Wenn wir wieder Gnaden von ihm bekommen, so geziemt es sich, daB wir uns fiir dieselben bedanken. Wie erkennen wir nun den lieben Gott als unsern Herrn an, wie pflegen wir ihn zu bitten, namentlich um die Verzei- 6 * 84 hung unserer Sunden, wie bedanken wir uns bei ihm fur die empfangenen Wohltaten? Doch zunachst, indem wir beten, noch ausgiebiger und gottgefalliger aber, indem wir opfern. Wir opfern oft etwas von unserem Gelde, damit zu Gottes Ebre eine Kirche gebaut wird. Wir geben oft Almosen den Armen, die ja Briider Jesu Christi sind, um uns z. B. die Gesundheit oder die Verzeihung unserer Sunden zu erbitten. Wir opfern oft eine Kerze fiir den Altar, um Gott Dank zu sagen fur eine erhaltene Gabe, vor allem aber lassen wir das heil. Mebopfer in diesen Fallen feiern. Das Opfer ist somit die freiwillige Hingabe von etwas, was uns gehort, zur Ehre Gottes oder zu einem gott- gefalligen Zwecke. Bei allen Volkern, sogar bei solchen, die den lieben Gott nicht genau gekannt haben, finden wir Opfer, die auf verschie- dene Weise dargebracht wurden. Wahre Opfer hatten nur die Juden, da ihre Opfer von Gott vorgeschrieben waren. Sie haben meistenteils Lammer und Wein geopfert. Die judisehen Opfer hatten nicht den Wert wie bei uns das heil. MeBopfer. Das Bild der Opfer bei den Griechen und Juden. Wie eine papierene Banknote, insoferne sie aus Papier be- steht, keinen Wert hat, sondern nur deshalb einen Wert vorstellt, weil sie anzeigt, dab man fur sie eine bestimmte Menge Goldes oder Silbers bekommen kann, dort wo die Bank¬ note herausgegeben wurde, so hatten die judisehen Opfer auch keinen inneren Wert, sondern hatten nur insoferne als sie auf das wahre und einzige Opfer am Kreuze hindeuteten, einen Wert. 2. Das Kreuzopfer am Kalvarienberge. Durch Adam und Eva haben die Menschen das paradie- sische Gliick verloren, sie tragen alle die Erbsiinde an sich, die ihnen den Eintritt in den Himmel verwehrt und sie in einen Zustand der Hilflosigkeit versetzt, derzufolge auch unsere Seele schwach ist und sich auch fast taglich zu Beleidigungen 85 Gottes durch die Siinde verleiten laBt. Doch hat sich Gott der Menschen erbarmt und ihnen die Moglichkeit geboten, wenig- stens nach diesem Leben das Gliick des Paradieses wieder zu finden, Kinder Gottes und Bewohner des Himmels zu werden. Wie kat er dieses Erbarmen gezeigt? In der heiligen Schrift heiBt es: „So hat Gott die Welt geliebt, daB er seinen einge- borenen Sohn fiir sie hingab.” (Joh. 3, 16.) Der Sohn Gottes kam, und er, der Hochstheilige und Unschuldige fiihrte ein Leben voli Leiden und gab das Beste was er hatte, sein Leben fiir die Menschen hin, indem er am Kreuze starb. Freiwillig ging er in den Tod; denn er, der grofie Wundertater, der Tote zum Leben erweckt hatte, hatte wohl sich fliichten konnen vor seinen Verfolgern. Durch den Tod Jesu sind alle Opfer des alten Bundes uberfliissig geworden. Jesus war das Opferlamm, das fiir alle Menschen aller Zeiten geopfert wurde; deshalb hat ihn Johannes der Taufer am Jordan begriifit: „Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Siinden der Welt.” Nicht nur die Moglichkeit, die Vergebung der Siinden zu erlangen und in den Hiinmel zu kommen, hat uns der Kreuzestod Christi gebracht, sondern wir konnen auch durch die Terdienste desselben viele Gnaden vom lieben Gott erlangen. — „Was kann dafiir ich Staub dir geben? Nur danken kann ich, mehr doch nicht! Wohl mir! Du willst fiir deine Liebe ja nichts als wieder Lieb’ allein; — und Liebe, Dankerfiillten Liebe — soli meines Lebens Wonne sein.” 3. Das heil. MeBopfer auf dem Altare. Nur wenige Menschen konnten beim Kreuzesopfer am Kal- varienberge zugegen sein. Da ware es leicht moglich, daB Millionen von Menschen, die spater auf der Welt leben, gar keine Kenntnis von diesem Kreuzesopfer erhalten und sich die Gnaden der- selben nicht zunutze machen. Dafi dies nicht geschehe, hat Jesus die heil. Messe eingesetzt, damit diese immer wieder und wieder, zu allen Zeiten und an allen Orten das Kreuzesopfer erneuere und versinnbilde. Taglich solite der Mensch durch die heil. Messe sich an den Kalvarienberg erinnern, wo der Sohn Gottes 86 sein Blut vergossen hatte, jeden Tag solite er bei der heil. Messe derselben Gnaden teilhaftig werden, die durch das Kreuzes- opfer verdient wurden. Wie hat er das heil. MeBopfer ein- gesetzt? Er versammelte am Abende vor seiner Kreuzigung seine Apostel in einem Saale in der Stadt Jerusalem. Er wusch ihnen die FiiBe, um durch sein Beispiel sie zur Nachstenliebe anzu- eifern, lehrte auch, wie sie das Gebot der Liebe erfiillen sollten. Bei dieser feierlichen Gelegenheit nahm er das Brot in seine heil. Hiinde, segnete es und verwandelte es in seinen heil. Leib, indem er sprach: „Dies ist mein Leib.” Ebenso nahm er den Kelch mit dem Weine in seine Hande, segnete ihn und ver- wandelte den Wein in sein heiligstes Blut, indem er sprach: „Dies ist der Kelch meines Blutes, das fiir euch und fiir viele wird vergossen werden zur Vergebung der Siinden.” Dann gab er sowohl den Leib als auch das Blut unter den Gestalten des Brotes und Weines seinen Aposteln zum Genusse. Er befahl ihnen auch, sie sollten stets zum Andenken an ihn dieses Abend- mahl erneuern, indem er sagte: So oft ihr dieses tun werdet, werdet ihr das Andenken an meinen Kreuzestod feiern. Das Bild des letzten Abendmahles. Beim heil. MeBopfer ist derselbe Jesus Christus, wie er am Kreuze gewesen ist, denn der Priester handelt bei der heil. Messe entsprechend dem Auftrage des Herrn, dafi der Priester das tun solle, was er beim letzten Abendmahle getan hat, niim- lich sprechen: „Dies ist mein Leib” und „dies ist mein Blut”, also wird der Leib und das Blut Jesu Christi auch bei der heil. Messe gegenwartig. Das Opfer und der Opfernde sind die gleichen, wie am Kalvarienberge, namlich Christus selbst. Der Priester und das Volk vertreten nur die Stelle Christi, sind aber diejenigen, fiir die das Opfer dargebracht wird. Wenn nun derselbe Christus sich bei der heil. Messe opfert wie am Kalvarienberge, so spendet 87 er auch dieselben Gnaden wie damals. Das heil. MeBopfer werden wir somit das unblutige Opfer des Erlosers nennen, welches uns dessen Kreuzesopfer am Kalvarienberge erneuert und versinnbildet. 4. Die Feier der heil. Messe. Das heil. MeBopfer ist von unserem Heilande beim letzten Abendmahle eingesetzt worden. Um dieses Opfer zu feiern, muB somit alles das getan werden, was Christus beim letzten Abendmahle getan hat. Die heil. Schrift erzahlt uns, daB der Herr vor der Einsetzung des heil. MeBopfers den Aposteln die Gebote der Liebe erklart hat und durch die FuBwasehung ihnen auch gezeigt hat, wie sie sich gegen die Nachsten liebevoll erweisen sollten. Nachdem die Apostel den Leib und das Blut Jesu Christi unter den Gestalten des Brotes und \Veines ge- nossen hatten, wurden fromme Psalmen gesungen. Somit gingen schon beim letzten Abendmahle dem eigentlichen Opfer Beleh- rungen der Apostel voraus, wahrendPsalmengebete nachfolgten. So besteht auch bei uns das heil. MeBopfer nicht nur aus der wesentlichen Handlung, namlich der Verwandlung des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Jesu Christi, son- dern auch aus vielen Gebeten und Zeremonien. Die Gebete sind an verschiedenen Festtagen verschieden. In denselben beten wir zu Gott, er moge uns in mannigfachen Anliegen un- seres Lebens, namentlich durch die Furbitte der Heiligen gnadige Hilfe erweisen. Durch die verschiedenen Zeremonien wird an- gedeutet, daB wir auch nach auBen unsere innere fromme Ge- sinnung zeigen und mit allen unseren Sinnen Gott dienen wollen. Die Zeremonien des heil. MeBopfers stammen aus der iiltesten Zeit des Christentums, aus jener Zeit, wo noch die Apostel lehrten; deshalb sind diese Zeremonien schon wegen des Alters ehrwiirdig. Heute unterscheiden wir beim heil. MeBopfer vier Teile, und zwar a) die Vorbereitung, b) die Opferung, c ) die Wand- lung, als den wesentlichen Teil des heil. MeBopfers, d) die Kommunion. 88 a) Die Vorbereitung. Zu einer so vvichtigen und heiligen Handlung, \vie der wesentliche Teil des heil. MeBopfers ist, darf man nicht ohne Vorbereitung schreiten. Deshalb bereiten sich sowohl der Priester als auch das Volk auf dieselbe vor. Der Priester tritt mit den Ministranten, die die Vertreter des glaubigen Volkes sind, liin vor den Altar, denkt an seine Siindhaftigkeit und bittet Gott um Verzeihung der Siinden. Das Gebet beginnt mit dem Wort Confiteor, d. h. ich bekenne; deshalb heiBt auch das Gebet das Confiteor. Die Ministranten beten gleichfalls im Namen der Versammelten das Reuegebet. Dementsprechend bittet auch der Gesangschor um Ei’barmen, indem er singt: Kyrie eleison (dreimal) Christe eleison „ Kyrie eleison „ Herr, erbarme dich unser! Christus, erbarme dich unser! Plerr, erbarme dich unser! Das Bild, wie der Priester das Confiteor betet. Bald darauf beginnt die Verherrlichung und Lobpreisung Gottes, indem der Priester den Gesang der Engel in der Ge- burtsnacht des Heilandes anstimmt mit den Worten: ..Gloria in excelsis Deo”, d. i. Ehre sei fahren fort: et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te etc. (Ist ganz auszufiihren!) Gott in den Hohen. Die Sanger und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind. Dich loben vrn¬ ete. (Der deutsche Text soli auch in der Zeile dem lateini- schen entsprechen.) Wie schdn und begeistert wird Gott hier angebetet! Dann folgen Gebete, die an verschiedenen Festtagen verschieden sind. Man betet zu Gott um die notvvendigen Gnaden, die er uns auf die Fiirbitte der Heiligen, welche an dem Festtage gefeiert werden, geben moge. 89 Vor diesen Gebeten und auch mehreremale wahrend der heil. Messe kiiBt der Priester den Altar in der Mitte, dort wo sich die Reliquien oder die Uberreste der Heiligen befinden, wendet sich gegen das Volk und spricht: „Dominus vobiscum”, d. i. der Herr sei mit euch. Er kiiBt den Altar an der ge- nannten Stelle, um den Heiligen die Verehrung zu bezeugen und sie gleichsam zur Teilnalime am heil. MeBopfer einzuladen. Dem Volke wiinscht er mit „derHerr sei mit euch”, daB derGeist Gottes in den Herzen der Andachtigen wohnen moge, damit diese mit andachtigem Sinne einer so wichtigen Handlung bei- wohnen. Nach den Gebeten wird ein Stuck aus der heiligen Schrift, namentlich aus den Episteln oder Briefen der Apostel, welche diese an die Christengemeinden geschrieben haben, vorge- lesen; weshalb man diese vorgelesenen Stiicke Epistel nennt. Nach der Epistel wird in feierlicher Weise das Evangelium ge- sungen. Es ist dasselbe Evangelium, welches auf der Kanzel deutsch vorgelesen wird oder ein anderes, aus den vier Evan- gelienbiichern genommenes. Nach dem „Dominus vobiscum” kundigt der Priester an, daB das Wort Gottes verkundet wird, indem er singt: Sequentia sancti evangelii secundum Matthaeum, d. h. Es wird nun das heil. Evangelium verkundet, wie dasselbe der Evangelist Matthaus geschrieben hat. Ist das Evangelium aus den anderen drei Evangelisten genommen, so \vird statt Matthaus einer von diesen genannt. Im Evangelium spricht Christus selbst, deshalb wird er auf die Ankundigung des Priesters hin, mit „Gloria tibi, Domine” d. h.: „Ehre sei dir, o Herr!” begriiBt. Beim Evangelium stehen die Glaubigen, um anzudeuten, sie seien bereit, das Wort Gottes zu horen und zu befolgen. Auch die Offiziere horen stehend die Befehle des Feldherrn. Bei der heil. Messe wird das Evangelium verkundet, weil wir erst durch die Lelire Christi belehrt wurden, auf richtige Weise Gott zu opfern. Das Evangelium ist das Wort Gottes. Es geziemt sich, daB wir nach dem Anhoren desselben offen bekennen, daB wir alles glauben wollen, was Christus gelehrt hat, d. h. daB wir das Glaubensbekenntnis feierlicb beten. Der Priester stimmt nun 90 die Anfangsworte des Glaubensbekenntnisses an: unum Deum” — „Ich glaube an einen Gott.” Die Sanger singen das Folgende: „Čredo in Patrem omnipotentem, facto- rem coeli et terrae, visibilum etc. den allmachtigen Vater, Scho- pfer Himmels und der Erde, etc. (Ganz, — der lateinische Text stets in gleicher Zeile mit dem Deutschen.) Dieses Glaubensbekenntnis ist etwas langer als dasselbe, das wir zu beten pflegen. Es sind die einzelnen Glaubenslehren genauer ausgefiihrt. b) Die Opferung. Zum heil. MeBopfer ist Brot und Wein notwendig. Dieses wird nun vorbereitet. In der friiheren Zeit haben die Glaubigen Brot und Wein in die Kirche gebracht und auf dem Altare geopfert. Deshalb heiBt dieser Teil der heil. Messe noch heut- zutage Opferung oder Offertorium. Auch geschieht es noch jetzt an manchen Orten, daB die Glaubigen um den Altar gehen und meistens Geld, hie und da aber auch andere Sachen opfern. In der friiheren Zeit wurde nur ein Teil vom mitge- brachten Brot und mitgebrachten Weine geopfert, das ubrige wurde fiir andere gute Zwecke verwendet. ITeute wird das Opferbrot aus ungesauertem Weizenmehl in runder Form be- reitet und man nennt es Hostie, d. i. Opfergegenstand. Zum Wein in dem Kelche werden einige Tropfen Wasser gegossen, um anzudeuten, daB Jesus Christus als Gottmensch sich fur uns aufopferte, d. h. in sich vereinigend die gottliche Natur, versinnbildet durcli den Wein, und die menschliche Natur, ver- sinnbildet durch das Wasser. In stillen Gebeten betet der Priester zu Gott, daB er das Opfer der Glaubigen wohlgefallig aufnehmen und diesen die notwendigen Gnaden geben moge. Nicht nur bitten sollen wir bei der heil. Messe, sondern wir sollen auch Gott preisen und verherrlichen. Deshalb wird nach den vorhergehenden stillen Bittgebeten ein herrliches Loblied zur Ehre Gottes angestimmt. Es wird Prafation genannt. Zu- 91 nachst fordei-t der Priester die Glaubigen zur Bekraftigung seiner Stillgebete auf, indem er die Schlufiworte der Gebete: »Per omnia saecula saeculorum”, d. i. „von Ewigkeit zu Ewig- keit” laut singt, worauf die Glaubigen, vertreten durch die Ministranten und die Sanger antworten: Amen, d. h. So soli es geschehen. Sie wollen sagen, ja, wie du (Priester) gebetet hast, so soli es sein. Der weitere Wechselgesang lautet: Der Herr sei mit euch. Und mit deinem Geiste. Erhebet eure Herzen! Wir haben sie beim Herrn. Lasset uns danksagen dem Herrn, unserem Gott! Das gebuhrt sich in jeder Weise. Pr. Dominus vobiscum M. Et cum špiritu tuo Pr. Sursum corda! D. Habemus ad Dominum. Pr. Gratias aganus Domino Deo nostro! M. Dignum et justum est. Der Priester singt allein: Vere dignum et justum est etc. (Ganz die Prafatio communis.) Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaot! etc. Ja, wabrhaft gebuhrend und recht ist es etc. Heilig, heilig, heilig bist du, Herr Gott Sabaot! etc. Das Bild, wie der Priester Wein zum Opfer vorbereitet. Bei der Opferung miissen wir alle unsere Gedanken zu Gott richten, voli Demut die eigene Siindhaftigkeit betrachten und die Giite und Liebe Gottes preisen. cj Die Wandlung. Der heil. Augenblick der eigentlichen Opferhandlung naht. Der Priester betet die innigsten Gebete zu Gott, ruft die Hei- ligen an, um auf ibre Fiirbitte wiirdiger das Opfer zu feiern. Es wird im Gotteshause alles stili. Der Priester vertritt die Stelle Christi und spricht die Worte, die Christus beim letzten Abendmahle gesprochen hat, iiber die Hostie: „Dies ist mein Leih”, iiber dem Kelche mit dem Weine: „Dies ist der Kelch 92 meines Blutes u. s. w.” Er zeigt beide Gestalten den Glaubigen zur Anbetung. Bild: Elevation der Hostie. Jesus Christus ist auf dem Altare! Voli Demut soli man mit den Glaubigen auf die Brust klopfen und den Herrn be- gruBen. Man betet: „Jesus dir lebe ich, Jesus dir sterbe ich, Jesus dein bin ich im Leben und im Tode”, oder ein anderes Gebet. Er wird von den Sangern begrufit, wie damals beim Einzuge nach Jerusalem: „Benedictus, qui venit in nomine Domini! Hosanna in excelsis! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn! Ehre und Ruhm ihm in der Hohe.” In- brunstige Gebete werden jetzt stili an den lieben Heiland ge- richtet. Fiir die Lebenden und Verstorbenen, fiir Gerechte und Siinder wird gebetet. Kein Gebet ist wirksamer als da s Gebet unseres Herrn, das Vater unser; deshalb wird dieses in feier- licher Weise gesungen. Eine auffordernde Einleitung geht dem- selben voran: Oremus. Praeceptis salu- taribus moniti et divina insti- tutione formati etc. (Ganz.) Lasset uns beten. Durch heilsame Vorschriften ermun- tert und durch gottliche Unter- weisung angeleitet etc. Wie gewohnlicli wird der Schlufi der Gebete wieder mit „per omnia saecula saeculorum” angedeutet. Durch den Opfertod Jesu ist der seelische Friede, die Vergebung der Siinden, der Welt zugekommen; auch bei der heil. Messe erlangen wir Frieden fiir unsere Seelen, deshalb verktindigt dies der Priester den Glaubigen mit den Worten: „Pax Domini sit semper vobis- cum”, d. h. der „Friede des Herrn sei mit euch”. Er bittet mit den Sangern zugleich das auf dem Altare befindliche Lamm Gottes um Erbarmen und um Erteilung des Friedens mit den Worten: Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis etc. Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Siinden der Welt, erbarme dich unser etc. 93 Bei diesem Teile der heil. Messe sollen wir besonders an- dachtig sein. Denke dir, du stehst am Kalvarienberge unter dem Kreuze, auf dem der gottliche Heiland den Opfertod er- leidet, sein Blut traufelte auf dich! — Wenn du Siinder bist, so bete mit dem rechten Schacher: Herr, gedenke meiner und ver- urteile mich nicbt! Bist du gerecht, so bitte den Heiland, daB die Seele, die er durch sein Blut erlost hat, nicht der Siinde anheimfalle. 5. Die Kommunion. Auch beim letzten Abendmahle haben die Apostel vom Leibe und Blute Jesu Christi genossen. Er hat sie selbst auf- gefordert: „Nehmet hin und esset” — „nehmet hin und trinket alle davon.” Dieser GenuB des Leibes und Blutes Jesu Christi findet auch bei der heil. Messe statt. Der Priester genieBt jedesmal, so oft er die heil. Messe feiert, den Leib und das Blut unseres Herrn; von den Glaubigen ist es gewiinscht, daB sie dies auch tun, wenigstens geistiger Weise, indem sie den Wunsch erwecken, den Leib des Heilandes zu empfangen. Den GenuB des Leibes und Blutes Jesu Christi unter den Gestalten des Brotes und Weines nennt man Kommunion. Der Priester betet vor derselben namentlich fiir seine Seele, damit sie nicht un- wiirdig die heil. Kommunion empfange, klopft an die Brust und spricht: Domine, non sum dignus Herr, ich bin nicht wurdig etc. etc. Er kommuniziert unter beiden Gestalten, die Glaubigen nur unter einer, weil die Kommunion unter einer Gestalt einer- seits geniigt, anderseits die Kommunion unter beiden Gestalten fiir die Glaubigen nicht angezeigt ist. (Vgl. die Lehre vom heil. Altarsakramente.) Das Bild: Der Priester an die Brust klopfend „Domine etc.” Wenn du nicht bei der heil. Messe die Kommunion em¬ pfangen kannst, so erwecke wenigstens das Verlangen nach 94 derselben, indem du mit dem heidnischen Hauptmann sprichst: „Herr, meine siindhafte Seele ist nicht wiirdig, dich aufzu- nehmen. Doch du bist machtig und barmherzig genug, um durch einen bloBen Gnadenstrahl meine Seele zu kraftigen und zu dir hinzuziehen. Herr, ich glaube, Herr ich hoffe, Herr vom Herzen liebe ich dich.” SchluB. Der Priester betet in feierlichem Tone singend einige Ge- bete, in denen er auch der Tagesheiligen gedenkt. Nach den Gebeten wendet er sich von der Mitte des Altares gegen das Volk und singt: „Ite missa est”, d. h. Gehet, das Opfer ist zu Ende. Diese Aufforderung entstammt der alten Zeit, in welcher diejenigen, die in den christlichen Lehren noch nicht ganz unterrichtet waren, bei diesem Zurufe die Kirche verlassen muBten. Darauf fanden die Liebesmahle statt, an denen nur glaubenskrjiftige Christen teilnehmen durften und bei denen namentlich der Teil von den mitgebrachten Opfern verzehrt wurde, der bei der heil. Messe nicht verwendet worden ist. Auf „Ite missa est”, oder zu manchen Zeiten auf „Benedicamus Do¬ mino”, d. h. „Preisen wir den Herrn”, wird von den Sangern und Ministranten geantwortet: „Deo gratias”, d. i. „Gott sei Dank”, namlich fiir die Gnade des heil. Mefiopfers. Zum Schlusse wird in der Regel der Anfang vom Johannesevangelium stili vom Priester gelesen, weil gerade der Anfangsabschnitt dieses Evangeliums, die Menschwerdung des Sohnes Gottes, erzahlt. Wenn die heil. Messe feierlich vom Priester gesungen wird, heiBt sie Amt, bei dem die Sanger lateinisch singen miissen, da der Priester auch lateinisch singt. Wenn der Priester nicht singt, spricht man von stiller heil. Messe, bei der auch die Sanger in der deutschen Sprache fromme Lieder singen diirfen. Fiir die Verstorbenen wird oft „Requiemamt oder schwarze Messe” gehalten. Das Reqiuemamt wird so genannt, weil das Anfangswort der heil. Messe „Requiem” lautet. Es unter- scheidet sich nur darin von der gewohnlichen heil. Messe, dafi einige Gebete namentlich am Anfange derselben sich auf die 95 Verstorbenen beziehen und das Opfer in schwarzer Kleidung verrichtet wird. Oft wird auch die Monstranze mit dem Allerheiligsten ausgesetzt und vor und nach der heil. Messe der Segen erteilt; dann spricht man von Segenmessen. Da nun das heil. MeBopfer die Erneuerung des Kreuzes- opfers selbst ist und bei der heil. Messe der liebe Heiland selbst zugegen ist, welcbe Andacht solite wohl da herrschen! Welche Sehnsucht soli uns erfiillen, an diesem Opfer teilzu- nehmen! Allerdings! Wir sind schwache Menschen und konnen nicht tun, was fiir die GroBe und Wurde eines solchen Opfers geziemend ware. Doch wir sollen uns bemiihen, recht oft und recht andachtig an dem heil. MeBopfer teilzunehmen. Hier spendet Gott die Gnaden, hier ruft er uns: „Kommt zu mir alle, die ihr miihselig und beladen seid, ich will euch er- quicken!” MeBlieder. 1. Wir werfen uns darnieder etc. 2. O Christ, hie merk, den Glauben stark’ etc. Bemerkungen des Verfassers zur vorhergehenden Abhand- lung. a) Durch gemeinsame Arbeiten konnte ein Lehrstiick iiber das heil. MeBopfer verfaBt werden, das viel treffender den Gegenstand behandelt als meine Ausfiihrungen. Bei einem so schwierigen Kapitel ist sogar fiir die reifere Jugend eine griind- liche Erklarung notwendig. Das im Buehe Enthaltene ist nur ein Wegweiser fiir den Katecheten, fiir den Schiller Stoff, iiber den er beim Lernen zu Ilause nachdenken soli. Dieses Kapitel mufi iiberhaupt in reiferen Jahren vorgenommen und nach allen Gesichtspunkten behandelt und gepriift werden. Ich habe schon gesagt, daB die Schiller ein ausgezeichnetes Gediichtnis haben, so daB sie oft wiederholte, jedoch unverstandene Worte nachsagen, ohne irgendwie in das Wesen der Sache einzu- dringen. Die Schiller werden deshalb iiber diesen Gegenstand schriftliche Hausarbeiten liefern, z. B. die Erklarung des Lie- des: O Christ, hie merk etc. Man wird die Schiller iiberhaupt 96 anleiten, mit eigenen Worten sich auszudriicken, damit wir auf diese Weise eine Probe halten, wie weit das Verstandnis ge- diehen ist. P) Fiir alle vier Teile der heil. Messe sollen auch Bilder in dem Buche vorhanden sein, wenn sich auch Wandbilder dafiir finden, aus dem Grande, weil die Bilder im Buche ofters gesehen werden und sich dem Gedachtnis stark einpragen und auch die Sache selbst wieder ins Gedachtnis zuriickrufen. Es ist zu lesen, dali wir ausgezeichnete liturgische Bilder bekommen. Diese werden sehr viel nutzen, nur miissen sie allgemein ein- gefiihrt werden und nicht zu teuer sein. Man wird die Kinder in die Kirche fiihren und ihnen dort liturgische Gerate, z. B. Kelche, Paramente, den Altarstein etc. zeigen. Dies ist eine Pflicht jedes Katecheten. Unsere Verhaltnisse im Religions- unterrichte sind leider so zerfahren, daB auch die Besten der- artige Pflichten aufier acht lassen. Es ist jedoch nicht zu billigen, daB ein Priester auf der Kanzel die heil. Messe erklart, wahrend z. B. ein anderer Priester die heil. Messe liest, wie es leider schon geschehen ist. Die GroBe des heil. MeBopfers verlangt, daB der Gliiubige mit An- dacht demselben beiwohnt, nicht aber seine WiBbegierde be- friedigt. Die erste Pflicht des Priesters und der Glaubigen ist die, daB sie beim Gottesdienst auf alles vergessen und ihre Gedanken einzig und allein bei Gott haben. Wo das andiichtige Benehmen des Priesters und der Glaubigen bei der heil. Messe fehlt, dort hat die Religion weniger tiefe Wurzel gefafit als bei den Heiden, die zu Tausenden voli Ehrfurcht ihren Opfern bei- wohnten. y) DaB ich die Aufnahme der lateinischen Texte z. B.. Kyrie, Gloria, Čredo, Sanctus etc. verlange, habe ich schon beriihrt, ich werde aber noch naher begriinden, wenn ich iiber die Liturgie und den Kirchengesang spreche. d) Man soli nicht zu ausfiihrlich die Zeremonien der heil. Messe erklaren, z. B. alle Gesten oder wie oft man an die Epistel- seite geht etc. Das sieht das Kind ohnehin in der Kirche. Aufierdem wiirde das Verstandnis fiir das Wesentliche ver- flachen, wenn das Gedachtnis mit verschieden Namen z. B. 97 Kollekte, Sekrete, Introitus u. dgl. belastet wurde. Auch die Gebetbiicher sollten nicht diese Ausdriicke enthalten. Auch die symbolische Erklarung ist nicht zu billigen. Bald wird man die ganze heil. Messe als etwas Symbolisches betrachten und in ihr nicht mehr das finden, was sie ist. Zu einem Konglomerat von altertiimlichen, der modernen Zeit fremden mystischen Gebrauchen wird sie herabsinken. c) Was ist fiir den Religionsunterricht an der Volksschule noch erforderlich ? 1. Die Gnade Gottes. Allein die ist eine unverdiente Gabe Gottes, unabhangig von den Menschen. Es ist Sache des Priesters und des Katecheten, die Menschen anzueifern, um diese den lieben Gott zu bitten. Wenn wir jedoch wie hier iiber die kate- chetisehen Grundsatze schreiben, dann sind ja unsere Pflichten gemeint, nicht die Gnade Gottes. Diese gehort in den Wirkungs- kreis des allmachtigen Gottes, dessen Tatigkeit fiir uns ein unberechenbarer Faktor ist. Wir miissen arbeiten auch im Religionsunterrichte, als ob alles von uns abhinge, jedoch denken, unsere Arbeit ist umsonst, wenn nicht Gott seine Gnade gibt. Auch fiir uns gilt: „Von der Štirne heifi, rinnen muB der Schweifi — Soli das Werk den Meister loben, doch der Segen komint von oben.” Es ist gar nicht chidstliche Anschauung, wenn wir manches MiBlingen dem gottlichen Ratschlusse zu- schreiben, anstatt in unserer Arbeit selbst die Ursache des MiBlingens, z. B. des Religionsunterrichtes zu suchen. Wozu erwahne ich das? Weil es dem Dr. Katschner Seite 26 seines genannten Buches gefiel, plotzlich auch an die gottliche Gnade zu appellieren. Er schreibt: „Man darf aber auBerdem nicht aufier acht lassen die Tugend des Glaubens, welche darin be- steht, daB eine Offenbarungslehre auf Grund der gottlichen Offenbarung, nicht aber auf Grund der menschlichen Einsicht angenommen wird. Und diese Tugend des Glaubens ist den Kindern in der heil. Taufe eingegossen worden als gottliche Gnade. Sie sind also sovvohl fahig als geneigt fiir die Aufnahme der Glaubenslehren und werden hierbei durch die gottliche Gnade unterstiitzt.” Nun da begreife ich nicht, warum die ersten Christen die Katechumenen solange friiher unterrichteten 5 be- Vogrinec, nostra culpa. 7 98 vor sie sie tauften und warum noch heutzutage z. B. die Israe- liten schon vor der Taufe sich in der christlichen Religion unter- weisen lassen. Hatte man sie doch gleich getauft! Sie waren „fahig und geneigt” fiir die Aufnahme der Glaubenslehren! Somit empfehlen wir dem lieben Gotte unsere Schulkinder, daB er sie nach seiner unermefilichen Giite mit Gnaden be- schenke, und erwagen wir, was unsere Pflicht ist, damit die Kinder in der Religon genug unterrichtet werden; deshalb setze ich als fernere Forderung fiir den Religionsunterricht 2. eine gut illustrierte biblische Geschichte. Soeben lese ich, daB die biblische Geschichte vonPonholzer einzufiihren ist. Ich kenne sie noch nicht. Vielleicht wird sie allen Anfor- derungen entsprechen. Meine Grundsatze sind folgende: Was den Text anbelangt, so kann er wortlich oder nur in um- schriebener Form der heil. Schrift entnommen werden, je nach- dem es die padagogischen Prinzipien erheischen. Wo der Text leicht zu verstehen ist, wird er wortlich aus der heil. Schrift heriibergenommen. Aber was verlangt werden muB, ist, daB der biblischen Geschichte eine schone Form gegeben wird. Wenn ich die weltlichen Biicher mit der biblischen Geschichte Schusters vergleiche, da bemerke ich, daB es aussieht, als ob die biblische Geschichte beziiglich der Illustration verurteilt \vare, immer um ein halbes Jahrhundert zuruckzubleiben. Wie weit ist heutzutage die Kunst der Illustrierung vorgeschritten! Man sehe sich doch verschiedene illustrierte Journale an! Die oft undeutlichen Umrisse in der biblischen Geschichte inter- essieren wohl das Kind, ohne es zu befriedigen. Man beachte doch, was das Kind tut, wenn es so gliicklich war, in den Be- sitz eines Rotblaustiftes zu kommen? Bald fangt es lustig zu malen an. Es ist somit zu verlangen eine biblische Geschichte in schoner Ausstattung mit chromierten Bildern. Welchen In- halt das Buch haben solite, habe ich nicht untersucht. Jeden- falls solite den Psalmen, gut uud in Versen iibersetzt, sowie den Sprichwortern mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. 3. Nun kommt die Forderung von schriftlichen Arbeiten. Wir haben wochentlich nur zwei Religionsstunden und da heiBt es, die Zeit ausnutzen namentlich an ein- oder zwei- 99 klassigen Schulen. Das Schulkind mufi zur Beschaftigung mit der Religion auch zu Hause angeleitet werden. Die schriftlichen Arbeiten kommen uns da sehr zuhilfe, nicht nur an den Volks- schulen, sondern auch an den Mittelschulen. Diese schriftlichen Arbeiten haben nicht nur diesen zufalligen Zweck, namlich um die geringe Stundenzahl auszugleichen, sondern sie haben iiberhaupt den Wert, den jede schriftliche Arbeit hat. Sogar der erwachsene intelligente Mensch soli immer mit dem Štifte in der Hand studieren, Excerpte aus den Biichern machen, falls er sicli einen dauernden Gedankenschatz aneignen will. Durch das Niederschreiben werden die Gedanken aus dem Chaos, in dem sie sich in unserer Seele befanden, in ein logi- sches System gebracht. Dadurch, daB uns das Niederschreiben die Gelegenheit gibt, genauer nachzudenken, lassen wir man- ches, was wir fiir richtig gehalten haben, fallen, manche Vor- stellung lindert sich wieder, so daB uberhaupt ein klares Ge- dankensystem entsteht. Es ist gerade so wie bei einem Meister, der glaubt, eine genaue VOrstellung von einem Werke zu be- sitzen, das er neu ausfiihren will, wahrend er erst bei der wirklichen Ausfiihrung auf manche Schwierigkeit stoBt und erst nach Uberwindung dieser das Werk ausfiihren kann. Durch die schriftlichen Arbeiten wird der Geist des Schiilers sozusagen an den Gegenstand angekettet. Er wird zur Selbst- tatigkeit angeeifert, sucht seine religiosen Anschauungen in einen bestimmten logischen Zusammenhang zu bringen. Diese schriftlichen Arbeiten werden dem Lehrer die Ge¬ legenheit bieten, in das Innere seiner Schiller zu schauen und sich zu iiberzeugen, wie weit die religiose Er- ziehung gediehen ist und dort, \vo sich eine Liicke im reli¬ giosen Denken und Empfinden herausgestellt hat, belehrend einzugreifen. Was die Schiller namentlich an den Mittelschulen aufsagen, ist etwas in der Eile Zusammenstudiertes ohne innere Vertiefung. Die schriftlichen Arbeiten werden den Schiller zwingen, sich mit dem Gegenstande liinger und intensiver zu besclniftigen. Der kluge Lehrer wird auch leichter die Gelegen¬ heit wahrnehmen, ob der Schiller etwa nicht seine religiose Uberzeugung heuchelt, um nur eine gute Note zu erzielen. Von 7* 100 — diesem Standpunkte ist an und fur sich der Nutzen der schrift¬ lichen Arbeiten einleuchtend. Doch in der Volksschule bezwecken die schriftlichen Arbeiten nicht so sehr eine Selbstbetati- gung, ein Suchen nach tiefer Einsicht in die religidsen Erkenntnisse, ein Bringen der Vorstellungen in einen logi- schen Zusammenhang, der stets als Eigentum des Schiilers bleibt, was die schriftlichen Arbeiten an den Mittelschulen zum Ziele haben, sondern sie haben mehr den Wert, da£l sich der Schiller das in der Schule Vorgetragene genauer aneignet, durch die abermalige selbsttatige Vorfiih- rung des in der Schule Gehorten oder im Buche Ge- lesenen die Wahrheit tiefer in seinen Verstand und sein Gemiit einpflanzt. Daherwird der Religionslehrer nur dort die nahere Ausfiihrung des schriftlichen Themas in der Schule Vorher unterlassen, wo dieses der Anschauung des Kindes ent- nommen ist, z. B. iiber die Einrichtung der Pfarrkirche oder des Altars. Oft wird in den katechetischen Lehrbiichern ver- langt, daB man in jeder Stunde jedes Kind abfragen solite. Trn Durchschnitte ist die Schulerzahl groBer als fiinfzig. Soli man in einer Stunde jeden abfragen, das in friiherer Stunde Vorgetragene wiederholen und schlieGlich noch vortragen? Es ist einleuchtend, dafi dieses nicht allgemein durchgefiihrt werden kann. Die schriftlichen Arbeiten werden uns hier zugute kommen. Die Begriffe werden auch leichter eingepragt. Auf diese Weise wird sich der Erfolg des Religionsunterrichtes abermals um einen Faktor vermehren. Die drei Faktoren, die nach Um- standen verschieden sein konnen und den Erfolg des Religions¬ unterrichtes hauptsachlich bedingen, sind also: Das beim miindlichen Unterrichte Erworbene, durch das Lesen des Buches Befestigte und durch die schriftlichen Arbeiten Vertiefte. Diese schriftlichen Arbeiten werden natiirlich in den rei- feren Jahren des Kindes gegeben, im 12. bis 14. Lebensjahre. Fur die einklassigen Schulen, deren es in Osterreich die Halfte der gesamten gibt, werden die schriftlichen Arbeiten auch in der Schule gegeben. Dies kann auch an zweiklassigen Schulen geschehen, falls in der zweiten Klasse in zwei Abtei- 101 luiigen unterrichtet wird. Sobald der Katechet in die Schule komrnen wird, wird er eine biblische Geschichte deutlich er¬ zahlen, einzelne Namen, die in der Geschichte vorkommen, auch auf der Tafel aufschreiben, dann wird er die reiferen Kinder das Erzahlte auf der Schiefertafel nachschreiben lassen, wah- rend er der ersten Abteilung den miindlichen Unterricht er- teilen wird. Auf diese Weise werden die biblischen Geschich- ten sehr leicht eingepragt. Von einzelnen Schiilern kann er sich in jeder Stunde die Ausarbeitung vorlesen oder zeigen lassen. Manchem diirfte die Einfiihrung der schriftlichen Arbeiten unausfiihrbar vorkommen. Allerdings wenn man glaubt, es miisse von den Kindern etwas Originelles, Vollkommenes ge- leistet werden. Fiir uns bedeutet es einen grofien Erfolg, wenn nur irgend eine Ausarbeitung des Themas gegeben wird, mag sie auch orthographisch und kalligraphisch unrichtig und un- beholfen aussehen. Der Themata gibt es wohl genug. Der Lehrer wird das Thema an die Schultafel aufschreiben lassen und einige Schlag- worte beifugen. Dies tragen die Kinder sofort in ihre Aufsatz- liefte ein, um die Arbeit zu Hause auszufiihren. Es ist klar, dah man den ICatecheten eine Beispielsammlung der Themata in die Hand geben mufi. Ich fiihre hier einige Aufgaben an, die gegeben werden konnten: 1. Wozu bin ich auf der Welt? a) Etwa zum Essen, Trinken, Lustigsein?; b) ich bin dazu da, um Gott zu dienen. Warum denn? 2. Gott ist hochst weise. Betrachte die Pflanzen, Tiere, den Menschen, die Erde, die Himmelskorper etc. 3. Wie haben wir uns im Leiden zu benehmen? 4. Das Leben des Patrons der Pfarrkirche: a) Geburt, b) Leben, c) Werke, d) Wunder. 5. Das Leben anderer Heiligen in der Kirche. 6. Was erzahlen uns die drei ersten Stationstafeln etc.? 7. Erzalilung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag. 8. Welche Begebenheiten erzahlen die zwei letzten Geheim- nisse des freudenreichen Rosenkranzes etc.? 102 9. Aufgaben iiber die Pfarrkirche. Wie sieht der Altar aus ete. ? 10. Wie feiern wir den Sonntag in der Kirche und zu Hause? 11. Was geschieht in der Kirche in der Christnacht, Ostern etc. ? 12. Wie oft pflegt man bei uns wahrend des Tages zu lauten? Was bedeutet das Lauten, was soli man tun beim Lauten der Glocken? 13. Das Begrabnis (Memento homo, quod pulvis es etc.). Und so konnte man noch eine endlose Reihe geeigneter Themata anfiihren. 4. Weiters ist fur einen gedeihlichen Unterricht an der Volksschule eine geniigende Inspektion notwendig. In allen Kategorien des menschlichen Lebens ist eine ausreicliende In¬ spektion notwendig, nicht am wenigsten auch im Religions- unterrichte. Diese Inspektion mufi sich erstrecken 1. auf die piinktliche Einhaltung der Religionsstunden, 2. auf die eifrige und methodisch richtige Religionserteilung. Was die piinktliche Einhaltung der Religionsstunden an- belangt, so ist es notwendig, dafi sich in jeder Schule ein Katalog vorfindet, wo der Katechet die Unterrichtsstunden ein- tragt und sich unterschreibt. Wenn es die Gymnasiallehrer tun miissen, warum sollten es nicht die Religionslehrer tun? Es ist auch nicht beschamend fur den Katecheten, wenn der Schulleiter in den Katolog Einsicht nehmen kann und vielleicht auch die angegebene Stundenzahl bestiitigt. Mufi ja hie und da ein einfacher Kaplan manchem hochgestellten Pensionisten die Quittung bestatigen. Wie aber der Religionsunterriclit houtzutage inspiziert, wird, grenzt an das Lacherliche. Jedes Jahr kommt der Visi- tator, schon friiher angekundigt. Die Kinder versammeln sich dort, wo sie nicht unterrichtet werden und wo sie sonst stili sein miissen, namlich in der Kirche. Hier werden oft mehrere Klassen in einer Stunde abgefragt. Der Katechet unterrichtet nicht vor dem Dechant, um den Beweis seiner katechetischen Tatigkeit zu liefern, er stellt gar nicht eigene Fragen, sondern 103 er bedient sich wie ein Automat der Katechismusfragen. Das gut eingedrillte Kind antwortet auch wie ein Automat, und zwar die kuhneren Kinder viel mutiger als die schiichternen, die sich gar niciit trauen, den Mund aufzumachen. Bleibt die Maschinerie des Lehrerautomaten stehen, so versagt auch das Kind oder es stottert auf verschiedenes Zunicken ja oder nein lieraus. Oft erzahlt das Kind eine Geschichte mit staunenswerter Ge- laufigkeit. Forscht man nach, ob auch die Einsicht in den Gang der Geschichte vorlianden ist, so wird man abermals staunen iiber das Gedachtnis des Kindes, das sich eine Geschichte merkt, ohne sie zu verstehen. Der Katechismus gut gedrillt, geht wie „Wasser”. Die Erledigung lautet: Der Erfolg sehr gut, die Methode sehr gut, wahrend der Katechet vielleicht in der Schule Zeitungen las und die armen Kinder bis zum Verzweifeln die Katechismusdefinitionen auswendig lernen lieB. Oft miissen auch jene Kleinen, deren Kopfchen fiir derlei Sachen zu hart sind, zu Hause bleiben. Bei den bischofliehen Visitationen, die immer in der Kirche stattfinden und bei denen die Kinder schon beim Anblick der ihnen fremden Erscheinung des Oberhirten mit Štab und violettem Talar aufier Rand und Band geraten, ist der Vorgang noch eigentiimlicher. Es ist zu traurig, um sich bei diesem Punkte langer aufzuhalten. Die Inspektion durch Dechante ist aber schon deshalb nicht angezeigt, weil der untergeordnete Klerus in der Nachbar- schaft in der Regel zu seinem Freundenkreise zahlt, bei denen der Erfolg natiirlich groBer sein muB. Wird er streng, dann wird er gemieden. AuBerdem wird bei der Kreierung der Dechante nicht auf dessen katechetische Eignung Riicksicht ge- nommen, da die Prasentierung von Privatpatronen abhangig ist, denen die katechetische Eignung des Petenten am aller- wenigsten am Herzen liegt. AuBerdem besteht die Religions- priifung von alters her im Abfragen der Katechismusnummern. Soli es nun ein Dechant andern? Ich gestehe es offen, dafi es die unfruchtbarste Unterrichtszeit fur mich in der Schule ist, wenn ich paar Monate vor der Prufung die Kinder auf diese vorbereite. Ich will mich doch nicht in der Kirche blamieren, wenn der Visi- tator plotzlich mit den iiblichen Katechismusfragen ausruckt. 104 Es ist somit klar, daB eigene Inspektoren zu bestellen sind, die zu beliebigen Zeiten die Schulen visitieren konnen. Uberall muG ihnen am Anfauge des Schuljahres der Zeitpunkt der Abhaltung des Religionsunterrichtes in den einzelnen Schulen bekannt gemacht werden. Diese Inspektoren konnen auch andere Stellen bekleiden, z. B. Burgerschulkatecheten, Gymnasialpro- fessoren oder auch schlichte Pfarrer sein, vor allem aber mussen sie erprobte Katecheten sein, die sich in der Katechetik theoretisch und praktisch ausgebildet haben. Die Inspektion mufi sich nicht nur auf den Umfang, sondern auch auf die Qualitat des Unterrichtes erstrecken. Den Inspektoren kommen die von der Kirche zu zahlenden Visitationsgebiihren zu. Mehrere Dechanate unterstehen einem Inšpektor. Dem Bischof steht es frei, eine Religionspriifung zu veranstalten oder nicht. Den gesamten Unterricht iiberwacht ein Diozesanreligions- inspektor. 5. Von Bedeutung, wenn auch nicht von absoluter Not- wendigkeit fiir einen guten Erfolg ist auch langere Tatig- keit des Katecheten an einem Orte." Diesbeziiglich ist es namentlich in Karnten schlecht bestellt. Oft hat ein Kind wahrend seines Schulbesuches acht bis neun Katecheten. Dieser Ubel- stand ist wohl aus dem Priestennangel erklarlich, doch auch vielfach verschuldet. Den Beweis fiir den Tatbestand namentlich an Orten, wo sich Kaplane oder provisorische Seelsorger be- finden, zu erbringen, wiirde mir nicht schwer fallen. Durch die štete Ubersetzung des Seelsorgers gewohnt sich dieser an eine gewisse Flatterhaftiglceit und Planlosigkeit beim Unterrichte. Der richtige Katechet wird nicht darauf schauen, daB er schon bei der ersten Visitation den Beifall des Visitators erringe, sondern er wird \venigstens drei Jahre langsam in den Kindes- herzen bauen, Steinchen auf Steinchen zusammentragen, um einen herrlichen religiosen Bau zu erzielen. Unbedingt not- wendig ist es, daB der Katechet die Kinder kennt, uber ihre Lebensverhaltnisse unterrichtet ist, namentlich aber sich der- jenigen annimmt, die vom Haus aus religios verwahrlost sind. Kann er dies in einigen Monaten oder in einem Jahre er- reichen? Kommt der Katechet an einen anderen Posten, so 105 findet er wieder andere Verhaltnisse vor, die ihn zwingen, seinen Plan zu andern. Und so wird er selbst nie ein halb- wegs annehmbarer Katechet. Und was wird aus den Kindern, die verschiedene Katecheten besessen haben? Ich und einige meiner Kollegen haben die Gelegenheit gehabt, wenigstens einander mitzuteilen, was wir unterrichtet haben, wenn wir unsere Posten gewechselt haben. Allerdings wiirden die Nach- teile, die durch den Wechsel der Katecheten verursacht werden, sehr gering durch die Einfuhrung meines sehr bestimmten Lehrplanes unter allen von mir gegebenen Voraussetzungen. Ich habe bis jetzt meistenteils positive Untersuchungen iiber den Religionsunterricht an der Volksschule angestellt, nun will ich zeigen, dali der Katechismusunterricht ein ganz zielloser ist. d) Warum ist der jetzige Katechismus fiir die Schulen ungeeignet? Dr. Katschner sagt in seiner Katechetik Seite 20: „Die erste und wichtigste Quelle, welcher der katechetische Lehr- stoff zu entnehmen ist, bietet sich im Katechismus dar, dessen Begriff, Nutzen und Bestimmung im folgenden klargelegt werden soli.” Auch ich will den „Begriff, Nutzen und Bestim¬ mung” des Katechismus klarlegen, und zwar in einzelnen Be- trachtungen. I. Betrachtung. „An ihren Friichten werdet ihr sie erkennen.” Es ist das Wort des Heilandes. Man kann auch den Katechismus und die Katecheten an ihren Friichten erkennen. Man betrachte einmal die Kinder an jenen Schulen, die am meisten Religionsunter¬ richt geniefien, etwa an mehrklassigen Stadtscliulen. Welches unandachtige, oft herausfordernde Benehmen in der Kirche! Beim Empfange der Sakramente! Welche Gleichgiltigkeit! Man tausche sich nicht und komme einmal als ein heimlicher Be- obachter, z. B. zu den Kinderbeichten. Da \vird man schauen! Schon in der Schule kann man die Friichte des Unterrichtes beobachten. In der Stadt kommen die Kinder, nachdem sie aus der Schule ausgetreten sind, in die Lehre. Konnen wir mit der 10G Religiositat der Lehrjungen namentlich in der Stadt zufrieden sein? Was sehen wir selbst, was berichten die Zeitungen? Ist das die Frucht des Religionsunterrichtes? Dafi die Katecheten nicht eifrig waren, ist nicht anzunehmen. Man sieht es ihrer politi- schen und sozialen und sonstigen Tatigkeit an, dafi sie fiir die Sache Gottes eifern, deshalb auch die Katechetenpflicht docli nicht so groblich verletzen, dah so wenig Friichte erzielt werden. Da erzahlt, wenn ich nicht irre, Dr. Scheicher im „Korrespondenz- Blatt”, dafi einUniversitatsprofessor sein Staunen dariiber aufierte, dah der Katechismus, den er in den Handen seines Kindes ge- funden, die Lehre von der Gegenwart Ohristi im Altarsakra- mente enthalte. Ein Professor, der das Gymnasium absolvierte, wird dessen erst gewahr, als er das Buch seines Kindes nach- las! Unde ignorantia ista? Selbst in den Kreisen, die sich noch zur Kirche rechnen, findet man sowenig klare Vorstellung iiber die katholischen Lehren. „Hat sich der „alte Canisi” bewahrt”, wie jemand in der Linzer Quartalschrift glaubt? II. Betrachtung. Ursprung des Katechismus. Spirago schreibt in seiner Methodik Seite 133, Nr. 523: „Luther gab im Jahre 1529 einen gedruckten kleinen Katechismus fiir die Jugend heraus, trug durch diesen zur raschen Ausbreitung seiner Lehre wesentlich bei. Durch die Erfolge des Lutherischen Katechismus bewogen, sah sich die katholische Kirche desgleichen zur Herausgabe katholischer Katechismen fiir die Jugend genotigt. Er war auch der erste, der dem Buche den Namen Katechismus gab.” Es ist merkwiirdig, daB man dort, wo man auf den Kate¬ chismus so viel halt, ganz auf den Bruder Martin vergiBt, wah- rend man die Verdienste des seligen Peter Canisius, der nur nachahmte, und erst im Jahre 1555 seinen Katechismus heraus- gab, so hoch anschlagt. Der Vater des Katechismus, Dr. Martin Luther, sagt in dem Vorwort zum Katechismus: Das Kind miisse zuerst die Fragen mechanisch auswendig lernen, dann soli erst die katechetische Erklarung eingreifen. Dieser seiner Anordnung entsprechend, ist auch der Katechismus abgefaBt, 107 nicht bloB der seine, sondern noch mehr der Canisische. Deshalb wird der Katechet durch die Einrichtung des Katechismus un- willkurlich gezwungen, den vom Vater des Katechismus ange- gebenen Weg einzuschlagen. •— Ubrigens ist die analytische An- lage des Katechismus auch dem Zeitgeist entsprechend, fur den der Katechismus verfaBt wurde. Zur Zeit der Reformation stand alles noch unter dem Zeichen des Glaubens und niemandem fiel es ein, an den Grundfesten des Christentums zu riitteln, wahrend n ur um einzelne Glaubenssatze gestritten \vurde, und zwar nicht bloB von den Priestern, sondern auch von den Laien. Es war alles noch immer umflossen von der Atmosphare des Glaubens, man konnte fast sagen fanatischen Glaubens, sowohl auf katholischer wie protestantischer Seite. Die breiten Massen des Volkes waren noch nicht reif, selbst zu urteilen und sich selbst Rechenschaft zu geben iiber ihren Glauben, sondern verlieBen sich sowohlbeziiglich weltlicher als auch religioser Anschauungen auf die Autoritat, die ohne Beweise und Begriindung dem Volke ihre Anschauung diktierte. Es geniigte somit den Glaubigen sowohl im Mittelalter als auch in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit, wenn ihnen ein- fach so autoritativ und mit solcher Sicherheit die Glaubenswahrheiten vorgestellt wurden, \vie es im Katechismus geschieht. Selbst die medizinischen und natur- wissenschaftliehen Biicher aus der angegebenen Zeit setzen bei den Lesern keine Kritik, sondern blinden Glauben voraus. Ganz anders ist die Situation namentlich seit dem Beginne des XIX. Jahrhunderts beschaffen. Da kam das „Warum”. Man untersuchte, man wollte alles verstehen, man drang in die Geheimnisse der Natur, suchte den Gang der Geschichte auf- zuklaren und manches zu losen, nach dessen Losung fruher nie- mand fragte. So will man sich lieutzutage auch iiber die Reli- gion, vom gelehrtesten bis zum schlichtesten Mann, klar sein. Schon aus diesem Grunde wird in jedem Denkenden der be- rechtigte Zweifel auftauchen, ob ein und dasselbe Buch fur diese ganz verschiedene Zeitrichtungen mafigebend sein konne. Fruher geniigte ein einfaches Daidegen der Wahrheiten, heute wird 108 — auch das Begriinden derselben verlangt. Friiher bekampfte nie- mand die Fundamente des Glaubens. Heutzutage wird der Kampf hauptsachlich gegen diese eroffnet, und da diese eben durch die heutigen UnteiTichtsmittel nicht geniigend oder gar nicht geschiitzt und befestigt werden, stiirzt der ganze Bau, der iiber diesem unsieheren Fundament aufgebaut \vird, zu- sammen. Aufgabe des heutigen Unterrichtes ist nicht, einfach positive Glaubenssatze hinzustellen und diese zu analysieren, wie es der Katechismus tut, sondern da legt man Steinchen zum Steinchen, von einer befestigten Wahrheit zur andern schreitend, d. h. man geht synthetisch genetisch vor. Alle Lehrer der modernen Katechetik verwerfen zwar das Analy- sieren in der oben angedeuteten Weise, namlicli zuerst den Giaubenssatz oder das sittliche Prinzip aufstellen und dann auf die einzelnen Merkmale eingehen, sie verteidigen aber, ich will nicht sagen in unbegreiflicher Weise, sondern in begreiflicher Weise, namlich in „kirchlicher Kriecherei” ein Buch, welches so vorgeht, wie sie es selbst nicht haben wollen und welches die Katecheten fast zwingt, in methodisch falscher Weise vorzu- gehen. Sie wollen, daB mit veralteten Werkzeugen nacli neuer Methode und in neuer Zeit gearbeitet werde, jenen vergleichbar die mit Bogen und Pfeil oder mit alten SchieBwaffen versehen, gleiche Resultate erzielen wollten, wie der modern ausgerustete Feind. Hat der Katechismus somit in seiner jetzigen Verfas- sung irgend welche Berechtigung fiir die Neuzeit? Wird sich die Neuzeit der Form des Katechismus anpassen oder die Form des Katechismus der Neuzeit? III. Betrachtung. Psychologische Erklarung der Wertschatzung des Kate¬ chismus. Dem einfachen Volk, mit dessen Religiositat wir noch zu rechnen haben, ist alles heilig, was iiber heilige Sachen handelt. Ein Gebet oder eine Schrift kann oft den unsinnig- sten Inhalt haben, doch sie wird heilig, wenn nur sehr oft die Worte Gott, Jesus, die allerheiligste Dreifaltigkeit etc. vor- kommen. Ich bin heuer den Kindern darauf gekommen, wie sie 109 eifrig ein unsinniges Zaubergebet abschrieben, das von heiligen Namen und Kreuzen wimmelte. Auch der Katechismus ist ein Buch, das iiber heilige Sachen handelt. AuBerdem ist es das einzige Religionslehrbuch, das die Katholiken kennen, aus dem sie und ihre Kinder unter- richtet wurden. Deshalb hat das Buch bei der urteilslosen Bevolke- rung Achtung und Ansehen, obwohl man sagen muB, dafi diese Achtung mit rapider Schnelligkeit abnimmt, bei der jungeren Ge- neration uberhaupt Nuli ist. Das Buch ruft mehr traurige Erinne- imngen aus der Schulzeit als frohliche in das Gedachtnis zuriick. Der Katechismus hatte in der fruheren Zeit eine andere Bedeutung. Damals wurden auch die Erwachsenen aus der Religion ausgefragt. In Steiermark besteht an einzelnen Orten noch jetzt die Sitte, daB an einem Or te ein eigener Laien- katechet aufgestellt ist, der die jungeren Dorfinsassen zu kate- chetischen Abenden einladet, bei welchen nicht etwa die christ- lichen Wahrheiten erklart oder betrachtet werden, sondern man sich im harmonischen Aufsagen der Kateehismusfragen ein- ubt, um sie dann in der Kirche aufsagen zu konnen, sobald der Pfarrer die bestimmte Nachmittagszeit kundgibt. In friiherer Zeit war namentlich wahrend der Fastenzeit dieser Gebrauch allgemein. Fiir dieses Abfragen hatte naturlich der Katechismus einen gevvissen relativen Wert. Auch die Priester kennen den Katechismus nur insofern als er das Buch war, nach dem sie selbst unterrichtet wurden. Ein- zelne von hochgestellten Geistlichen, falls sie Katecheten ge- wesen sind, haben auch nur den Katechismus benutzt. Deshalb ist dem allzu konservativen Teil der Katholiken der Katechis¬ mus das, was dem Tiirken der Koran, an dessen Inhalt und Form nicht geriittelt werden darf. Kann sich der denkende Teil der Katholiken so sehr von dem antiquierten Werte des Buches hin- reiBen lassen, daB er den Katechismus als das beste Religions¬ lehrbuch betrachtet? IV. Betrachtung. Was ist der Katechismus? Ich will keine Definition geben. Am Schlusse meiner Betrachtungen kann sich jeder den Be- 110 griff des Katechismus selbst bilden. Wir wollen lieber den Dr. Katschner horen, was der Katechismus ist. Seite 20, § 11, 1 schreibt er: „Unter Katechismus versteht man in der Neuzeit jenes Buch, in welchem die katholische Lehre tur den Reli- gionsunterricht der Schiller vollstandig und rein, in bestimmter Form und iibersichtlicher, systematischer Darstellung enthalten ist. a) Der Katechismus enthiilt in materialen Hinsiclit die katholische Lehre vollstandig, d. h. es sind in ihm alle jene Offenbarungslehren enthalten, welche ein katholischer Christ ausdrucklich wissen und glauben mufi. Im katholischen Glauben gibt es keinen Unterschied zwischen wesentlichen und un- wesentlichen Glaubenslehren .... Wohl aber gibt es einen Unterschied zwischen solchen Lehren, welche der katholische Christ ausdrucklich wissen und solchen, welche er nicht ausdrucklich wissen mufi, um selig zu werden. ... Im Katechis¬ mus sind nun alle jene Offenbarungslehren enthalten, vrelche man wissen und glauben mufi.” Es sind somit alle jene Wahr- heiten darin enthalten, die man „ausdriicklich wissen mufi”. . . „um selig zu werden”. Das klingt so, als ob es wo hieBe: Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn ihr nicht den Katechis¬ mus ausdrucklich wissen und glauben werdet, so werdet ihr nicht selig! Und dann weiB man erst nicht, ob man den kleinen Katechismus oder den mittleren oder vielleicht die 877 Fragen des groBen Katechismus ausdrucklich wissen muB. Aus diesem Grunde allein diirften gewiB 99 von 100 meiner Pfarre nicht selig werden. Vielleicht noch mancher Priester dazu! Ist wohl gut, daB ich weiB, daB es beim lieben Gott nicht so viel auf das ausdriickliche Wissen ankommt als auf etwas ganz anderes. AuBerdem sind im groBen Katechismus auch die Fragen ent¬ halten \vie: Was ist der Rosenkranz? Was ist der Kreuzweg? etc. Dann sind die ersten Christen zu bedauern, daB sie dieses nicht auBdriicklich wuBten, da ja Rosenkranz, Kreuzwegandacht viel spater eingefiihrt wurden. Ob diese Christen auch Katho- liken waren?! Jeder Unvoreingenommene wird beim Lesen der Stelle die angefiihrte Definition und Erklarung so auffassen, wie ich. Es ist aber auch sehr leicht moglich, daB die Vollstandigkeit des 111 Katechismus so aufzufassen ist, daB der Katechismus auBer den vielen anderen religiosen Lelirstiicken und Glaubenswahrheiten auch jene Wahrheiten behandelt, die der katholisehe Christ ausdrucklich wissen und glauben muB. Welche Wahrheiten sind das? Nr. 29 des vom Episkopate herausgegebenen Katechismus gibt uns darauf die Antwort. Die Frage lautet: Welche Wahr- heiten miissen wir vor allen ausdrucklich wissen und glauben? Als Antwort werden die sechs Grundwahrheiten aufgezahlt. Bei der Frage steht der Zusatz „um selig zu werden” nicht da- bei. Ist auch richtig. Viele ivissen und glauben nicht aus¬ drucklich, daB die Gnade Gottes zur Seligkeit notwendig ist. Sie wissen wohl, daB vom lieben Gott alles abhangig ist, aber das ausdruckliche Wissen von der Notwendigkeit der Gnade haben sie nicht, sondern das implizite Wissen. Der Katechismus wiire somit deshalb in materieller Hinsicht vollstandig, weil er die sechs Grundwahrheiten enthalt. Dann werden wir aber ent- sprechend der Definition des Dr. Katschner auch den Namen Katechismus einem Papierstuck, aufgezogen auf Pappendeckel, geben, auf dem die sechs Grundwahrheiten aufgeschrieben sind; auch die ubrigen Merkmale „rein. in bestimmter, syste- matischer Darstellung” passen fur den erwahnten Pappendeckel. Durch diese Betrachtung bekampfe ich die hyperbolische, irre- elle Definition des Katechismus. Keinem Buche der Welt, am wenigsten dem Katechismus, kommen die in der Definition an- gegebenen Merkmale zu. Auf die Sondierung der ubrigen Merk¬ male lasse ich mich nicht ein. Wozu diese grund- und gedanken- losen Gbertreibungen? V. Betrachtung. Ist die Methode des Katechismus dem Lehrziele des Reli- gionsunterrichtes an der Volksschule entsprechend? „Ex ore tuo te judico, werden wir dem Verteidiger des Katechismus, z. B. dem Dr. Katschner zurufen. Der Herr Doktor sitzt iiber- haupt zwischen zwei Sesseln; einerseits will er an dem Kate¬ chismus festhalten und in ihm laut friiheren Kapitels alles Vollkommene sehen, anderseits laBt er wieder seine Vernunft sprechen, die ihm richtige padagogische und didaktische Grund- 112 satze diktiert. Seite 76 des benannten Buches schreibt er: „a) der synthetische Lehrgang nimmt in der Erklarung des Katechismus die erste Stelle ein; er ist anzuwenden, wann immer es moglich ist. Dieser Vorzug ist ihm deshalb einzuraumen, weil er mehr geeignet ist, den Schiilern neue Begriffe und Wahrheiten zu vermitteln als der analytische. Das synthetische Verfahren lafit die Begriffe gleichsam vor den Augen der Schiller entstehen, es erleichtert das Auffassen durch die wohl- geordnete logische Zusammenstellung der Merkmale des Be- griffes und der Vorstellung sowie der Teile des Lehrganzen und erweckt dadurch das Interesse und damit die Lernfreude der Schiller. . . . Nicht der Katechismus ist das Leitende und Fiihrende, sondern das Wort des Katecheten. Ist dann das Lehrganze, z. B. der Glaubensartikel, synthetisch schon erklart, so folgt die Eriveiterung und Vertiefung der Kenntnis seiner einzelnen Teile nach dem analytischen Vorgehen des Katechis¬ mus. Die Synthese ist ferner am Schlusse eines Lehrganzen, z. B. eines Sakramentes als Zusammenfassung anzuwenden. Da namlich der Katechismus groBtenteils analytisch vorgeht, das Ganze durch eine Reihe von Fragen in Teile auflost, so miissen diese Teile am Schlusse wieder verbunden werden, um den Schiilern eine einheitliche Vorstellung der Lehre zu geben. . . . Der analytische Lehrgang dient also zur Vertiefung und Erweite- rungder Kenntnis.” Aus den Ausfiihrungen des Dr. Katschner, die ausgezeichnet und bis auf einige Stellen richtig sind, folgt: 1. DaB der synthetische Lehrgang, welcher die erste Stelle einnimmt, mehr geeignet ist, neue Wahrheiten zu vermitteln als der analytische; 2. erweckt er das Interesse und die Lernfreude der Schiller; 3. daB das Wort des Katecheten das Leitende und Fiihrende ist, nicht der Katechismus; 4. daB die Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis nach dem analytischen Vorgehen des Katechismus geschieht; 5. der Katechismus ist groBtenteils analytiseh; 6. am Schlusse ist die Synthese als Zusammenfassung an- zuwenden — um den Schiilern eine einheitliche Vorstellung; der Lehre zu geben. 113 Meine Bemerkungen dazu: Ad 1 und 2 . Wenn also der synthetische Lehrgang so sehr dem analytischen iiberlegen ist, warum ist das Religions- lehrbuch nicht nach synthetischer Methode verfaBt, damit es mehr „geeignet ware, neue Wahrlieiten zu vermitteln” und damit es aucli „mehr Interesse und Lernfreude” bewirken konnte, \vas bei den Schiilern sehr wichtig ist? Ad 3. Bei dem gesamten iibrigen Unterrichte leiten und fiihren sowohl das Buch als auch der Lehrer zum Lehr- ziele. Hier soli nur das Wort des Katecheten das Leitende und Fiihrende sein? Es ist merkwiirdig, daB es moglich ist, der- artigen Unsinn aufzustellen. Ad 4 und 5. Daraus geht auch hervor, daB der Katechis- mus eine Vertiefung und Erweiterung der Kenntnis anstrebt, da ja der analytische Lehrgang die Vertiefung und Erweiterung anstrebt; somit hat der Schiller fiir die Zufiihrung des Stoffes, der notwendig ist, um zur Kenntnis der Religionswahrheiten zu gelangen, uberhaupt keinen Lernbehelf, kein Buch. Der Kate- chismus dient ja zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnis. Da ist aber vorausgesetzt, daB der miindliche Vortrag hin- reichend ist, um eine solche Kenntnis der Religionswahrheiten zu bewirken, daB man durch den Katechismus bereits auf eine Erweiterung und Vertiefung Bedacht nehmen kann. Wo ist nun der Wunderkatechet, der jedesmal so vortragen kann und wo die Wunderschuler, bei denen dieser Erfolg immer garantiert ist ? Damit rechnet Dr. Katschner selbst nicht; denn Seite 140 sagt er, daB die Wiederholung sich nicht bloB auf den Wort- laut der Katechismusantworten und auf den Inhalt der biblischen Geschichten beschriinken soli, sondern sie mufi sich auch auf die Erklarung und Nutzanwendung erstrecken, also auch auf den synthetischen Unterricht. Wie kann aber das zustande gebracht werden, wenn der Schiller zu Hause gar lceine Stiitzpunkte findet, um den synthetischen miindlichen Unterricht sich ins Gedachtnis zu rufen? Wir miissen vielmehr annehmen, daB der Schiller im Durchschnitt durch den bloBen miindlichen Vortrag nicht zur dauernden Kenntnis wie der weltlichen Wissenschaft, VOgrinec- nostra culpa. o 114 so auch nicht der Religionswissenschaft gelangt, und daB der Katechismus das, was nicht vollstandig gekannt oder vielleicht auch gar nicht verstanden wird, iiberhaupt nicht erweitern und vertiefen kan n; denn erweitert und vertieft werden kann nur etwas bereits in seinem Wesen Erkanntes. Ad 6. Dr. Katschner verwickelt sich in einen eklatanten Widerspruch. Seite 23 des angegebenen Werkes oben und Ab- satz III behauptet Dr. Katschner: „ Der Katechismus habe die Bestimmung, eine kurze Formulierung und Zusammenfassung des vorausgegangenen Unterrichtes zu sein.” Nun an der friiheren zitierten Stelle Seite 76 sagt er, daB die Synthese als Zusammenfassung des ganzen Unterrichtes am Schlusse anzu- wenden ist. Nach Seite 23 ist somit der groBtenteils analy- sierende Katechismus eine Zusammenfassung des miindlichen Unterrichtes, nach Seite 76 soli die Zusammenfassung syn- thetisch geschehen! Das letzte ist sogar gesperrt gedruckt. Ist das nicht eine Konfusion? Wenn nach eigenen Worten des Dr. Katschner die Syn- these am Schlusse eine einheitliche Vorstellung bewirkt, so wird man sich doch bemiihen, daB den Schiilern diese einheit¬ liche Vorstellung als Eigentum bleibt, wozu es notwendig ist, daB sie zu Hause iiber den ganzen Hergang, auf Grund dessen sie zur Vorstellung gelangt sind, nachdenken, und nicht bloB die Merkmale, die zur Vorstellung notwendig sind, sondern auch das Bindungsmittel dieser Merkmale samt dem ganzen Auf- bau sich vergegenwartigen, d. h.: man wird ein Protokoli des synthetischen Vortrages den Schiilern an die Hand geben, nicht aber den Katechismus, der gerade verkehrt, analytisch vorgeht. Wenn fiir den analytischen Vortrag, der Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis bezweckt, der Katechismus da ist, da konnen wir den Liebhabern desselben diese Freude gonnen, wir verlangen aber fiir den weit wichtigeren und liber- wiegenderen synthetischen Unterricht auch ein der Methode entsprechendes Buch, ein Religionslehrbuch nach meinen Grundsatzen. 115 Aus den Ausfiihrungen des Dr. Katschner ist somit er- sichtlich, daB der Katechismus, falls er als einziges Buch in Anwendung steht, ein unpiidagogisches, weniger geeignetes Buch ist. Ich konnte wohl dies auf andere Weise noch beweisen, doch es geniigt das Zeugnis des Lobredners des Katechismus. VI. Betrachtung. Niitzlichkeit des Katechismus. Dr. S. Katschner sagt Seite 22: „Der Katechismus ist fiir einen gedeihlichen Religions- unterricht sehr niitzlich: a) „Er bewirkt Einheit im Unterrichte.” Ein anderes, pada- gogiscli und didaktisch richtig verfaBtes Religionslehrbuch, das auch die Kenntnis der Religionswahrheiten vermitteln wiirde, wiirde in ungleicher Weise noch mehr die Einheit im Unter¬ richte bewirken, da es auch dem Lehrenden einen bestimmten Weg zum Ziele angeben wiirde. b) „Der Katechismus gibt dem Katecheten die Gewifiheit, daB keine wesentliche Lehre iibergangen wird.” Als ob ein anderes Buch dies nicht auch tun konnte! Dem denkenden Katecheten bringt der Katechismus aber auch die Oberzeugung bei, daB das Buch wie das Reglement beim Militar zum Qualbuch fur die Schiiler wird, ohne entsprechende Fruchte zu tragen. e) „Er erleichtert das Einpragen.” Freilich, als ob die Unzahl von Definitionen und Aufzahlungen, die sich im Katechis¬ mus vorfinden, nurso in das Kopfchen der Kinder hineingegossen werden konnte und als ob vom Einpragen dieser Definitionen und Einteilungen das praktische Christentum abhangen wurde! d) „Er ermoglicht die Mithilfe der Eltern beim Memorieren.” Als ob ein piidagogisches Buch dies nicht viel besser ermog- lichen wiirde und als ob es eine ausgemachte Tatsache ware, daB sich die Eltern zu dieser Mithilfe vordrangen! e) „Er erleichtert die Wiederholung.” Natiirlich, wenn der Katechismus in seiner analytischen Anlage die Vertiefung und Erweiterung dessen bezweckt, was fast gar nicht vor- handen ist! f) ,,Er ermoglicht die Uberwachung des Religionsunter- richtes durch die vorgesetzte Behorde.” DaB der Katechismus 8 * 116 diet)berwachung ermdglichen solite, ist doch zu ai'g! Besser ware es, wenn es hieBe: er erleichtert die Uberwachung und kommt jenen Visitatoren und Katecheten, die eine Anstrengung scheuen, sehr zustatten, indem der Visitatoi' der Unterrichts- sprache gar nicht machtig zu sein braucht, da er aus dem Kate- chismus die Fragen herauslesen kanu und sich nach demselben wieder iiberzeugen kann, ob die Fragen auch richtig beant- wortet wurden. Wie viel diese Erleichterung wert ist, versteht wohl der Leser. g) „Er beseitigt oder verinindert wenigstens den nach- teiligen Einflufi des Wechsels in der Person des Katecheten.” Das ist der Vorteil jedes Buches. Damit ist aber nicht gesagt, daB der Katechismus oline Nutzen ware: Fiir die Zeit des kritiklosen Denkens war er ein sehr brauchbares Buch, auch dort, wo es noch Laienkatecheten gibt, hat er einen Wert, allerdings einen minimalen. Auch fiir die Erwachsenen ist er „eine Volksdogmatik”, wie er oft genannt wird, indem es demjenigen, der sich dafiir interessiert AufschluB gibt, z. B. wie etwa die fiinfte Bitte des Vater unser zum Unterschiede von der sechsten lautet, oder wie der neunte Glaubensartikel lautet oder welche Siinden sich z. B. gegen den Glauben richten. Der Katechismus ent- halt ferner im Anhange einige Gebete, den Beichtspiegel, hie und da kleine Nutzanwendungen mit Zitaten aus der heil. Schrift. Somit ist auch fiir die Schule der Katechismus doch noch immer besser wie nichts, wenn man auch oft daran zweifeln muB, da die Kinder durch das Auswendiglernen erbittert, bald an der Religion iiberhaupt keine Freude haben und oft traurige Erinnerungen an ihren Religionsunterricht in das Leben mitnehmen. Einen Wert hat der Katechismus auch aus dem Grunde, weil er von den Bischofen approbiert ist und der Katechet weiB, welche Wahrheiten er zu unterrichten hat. VII. Betrachtung. Ist ein padagogisches Religionslehrbuch not- wendig? Spirago sagt in seiner Methodik Seite 127 u. ff.: „1. Das Religionshandbuch ist kein Lehrbuch, da es nicht die 117 Bestimmung hat, das freie Wort des Katecheten zu ersetzen. Nicht das Buch, sondern der Katechet ist der Lehrer. Denn der Glaube kommt vom Horen, nicht abervom Lesen desBuches. Die Art und Weise, wie der Heiland und nach seinem Vorgange die heiligen Apostel gelehrt haben, soli fiir den Katecheten maBgebend sein. 2. Die Religionsbiicher sind niehts anderes als Lern- oder Memorierbiicher, da sie den Zweck haben, die Kinder bei der Wiederholung und beim Memorieren des in der Schule durch- genommenen Lehrstoffes zu unterstiitzen.” Ich habe daruber schon friiher gesprochen, als ich von der Notwendigkeit eines Lehrbuches fiir den Religionsunterricht redend die fast gleichlautenden Siitze des Dr. Katschner be- leuchtet habe. Doch der Umstand, daB diese Satze von einem so gewichtigen Autor, wie es Spirago ist, aufgestellt werden, zwingt mich, hier abermals darauf einzugehen, damit nicht die Verteidiger des Katechismus sich ausreden und sagen: Auf das Buch komme es nicht an. Spirago sagt: Das Religionsbuch ist kein Lehrbuch, da es nicht die Bestimmung hat, den Lehrer zu ersetzen. Sind des- halb z. B. die Gymnasiallehrbucher keine Lehrbiicher, da sie doch auch nicht die Bestimmung haben, den Lehrer zu er¬ setzen? „Der Glaube kommt nicht vom Lesen des Buches"! Was erzahlt uns die Geschichte der Konvertiten? Auch das Buch ist Lehrer, wenn auch per literas! Wenigstens ist es ein auBerst notwendiges Lehrmittel, nicht bloB Lernmittel, in der Hand des Katecheten. Ein und derselbe Schiller kann auch zwei Lehrer haben; nur miissen sie eintrachtig lehren. Das Buch ist hie und da ein viel besserer Lehrer; es tragt schon und flieBend den Gegenstand vor, ist auch am eifrigsten, indem es immer bereit ist zu lehren, wahrend der Katechet nicht immer diese guten Eigenschaften besitzt. Wie das Bibelwort „Der Glaube kommt vom Horen” auf- zufassen ist, habe ich schon dargetan. Die Art und Weise, wie der Heiland und die Apostel lehrten, soli fiir den Katecheten maBgebend sein. Es tut mir leid, diesen Satz auf gleiche Stufe zu stellen mit dem Satze Dr. Katschners Seite 23: „Die kirch- 118 liche Praxis zeigt, wie aus der Geschichte erhellt, daB der ge- samte katechetische Unterricht wesentlicli ein miindlicher ist, welcher durch Jahrhunderte ohne katechetisches Schulbuch er- teilt wurde.” Also weg mit dem Katechismus! Wozu denn die Kinder plagen mit der Erfindung Dr. Martin Luthers?! Wir wollen nun den Heiland und die Apostel nachahmenl Da werden wir keine Post, keine Eisenbahn benutzen, ferner Wunder wirken, iiber die Beschimpfungen in den Zeitungen werden wir uns nicht aufregen, sondern geduldig alles er- tragen, wenn man uns auch an das Kreuz sehliigt! . . Doch die Komik beiseite. Freilich brauohte man in der ersten Zeit des Christentumes kein Schulbuch, weil es keine Scliule im heutigen Sinne gab, eine Schule, zu der Knirpse mit seclis Jahren segar in dem letzten Erdenwinkel pilgern. AuBerdem — hatten die Apostel die heutigen Druck- und Verkehrsmittel zur Verfiigung gehabt — welche feurige Biicher wurden sie geschrieben haben, namentlich wenn sie nicht auf soviele Analphabeten, wie es solche zu ihrer Zeit gab, hatten Rucksicht nehmen miissen! Das ist aber richtig, daB die heutigen Religionsbiicher, namlich die Katechismen, Memorierbucher sind; daB sie es auch fernei'hin bleiben sollten, ist aber unrichtig. Sie sollen auch gute Lehrbiicher sein, sowohl ein Behelf fur den Lehrer als auch fiir den Schiller. VIII. Betrachtung. Definitions- und Einteilungssucht des Katechis¬ mus. Schon in der V. Betrachtung wurde ausgefiihrt, daB der Katechismus analytisch vorgeht. Nur der analytische Lehrgang ist nach der richtigen BehauptungDr. Katschners zur Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis geeignet; daraus folgt, daB der Katechismus auch die Erweiterung und Vertiefung der bereits er- worbenen Kenntnisse bezweckt und weiters, daB die Kenntnis der Religionswahrheiten vorhanden sein mufi, da doch etwas, was nicht vorhanden ist, nicht vertieft oder erweitert werden kann. Das Vorhandensein oder die Ei^erbung der Kenntnisse, die fur die Erweiterung und Vertiefung die Grundlage bilden, 119 muB somit auf andere Weise, durch andere Mittel bewirkt werden und der Katechismus hat nicht den Zweck, die Erwer- bung der religiosen Vorstellungen und Kenntnisse zu vermit- teln. Wer ist nun dieser Vermittler der Kenntnisse? Bei den beutigen Verhaltnissen nur der Lebrer. DaB aber der Lehrer wirklieh diese Kenntnisse soweit beibringt, daB auf Grund des Katechismus bereits auf Vertiefung und Erweiterung gedacht werden kann, wird, wie ich hier nochmals kurz andeute, die ideale Eignung des Katecheten und ideale Schiller mit dem idealen Schulbesuch, gefordert. Ein idealer Katechet wird ver- langt, der alles so vortragt, daB er leicht verstanden wird, ideale Schiller, welche auch so auffassen, wie es der Katechet wiinscht, ferner idealer Schulbesuch, so daB die Schiller auch bei jedem Vortrage zugegen sind. Dami wird auch eine solche Auffassung verlangt, daB die Schiller durch das bloBe ein- oder zweimalige Anhoren sich die Kenntnisse dauernd aneignen, so daB sie die- selben nicht vergessen \verden. Sie kiinnen sich jedoch nur durch das bloBe Anhoren des Vortrages diese Kenntnisse aneignen, da ihnen auch zu Hause kein Mittel, lcein Buch zur Reproduktion des Gehorten, zur irgend einer Wiederholung zu Gebote steht. Der Katechismus ist ja dazu da, um bei der Vertiefung und Er- weiterung der Kenntnisse, nicht aber bei der Erwerbung nach- zuhelfen. Wiirde nun jemand behaupten, daB die Ervverbung der Kenntnisse unter den oben angefuhrten Bedingungen mbg- lich ist oder etwa sclion geschieht, so wiirde ihn die Praxis der ganzen iibrigen Welt, die sich bei ihrem Unterrichte nie auf derlei Faktoren ausschlieBlich stiitzt, Liigen strafen. Und doch miissen diese Bedingungen gestellt werden, wenn wir eine wirk- liche Erwerbung der Kenntnisse voraussetzen wollen; es miiBte denn sein, daB wir, wie es richtig ist, uns auch zum Zwecke der Erwerbung der Kenntnisse eines Buches bedienen, das fiir den Lehrer und Schiller ein guter Behelf sein wird. Der Katechismus kann immerhin noch die Bestimmung haben, das mit Hilfe des padagogischen Religionsbuches und des mundlichen Vortrages Erworbene zu vertiefen und enveitern. Der Erfolg ist heutzutage auch ganz genau meinen voran- gehenden Ausfiihrungen entsprechend. Die Katecheten und 120 Schiller haben kein Lehrbuch, das sie leiten und unterstiitzen wiirde zur Erwerbung der Kenntnisse, deshalb tragen jene oft ganz willkiirlieh vor und die Kinder konnen nicht einmal das Vorgetragene sich dauernd aneignen; deshalb ist die Kenntnis fast Nuli. Die soli nun vertieft und erweitert werden auf Grund des Katechismus, zumal ja bei den Visitationen die Kate- chismusnummern abgefragt werden, woraus die Erscheinung zu erklaren ist, dali die Kinder etwas gedankenlos ableiern, was sie nicht verstehen und was ihnen nicht in das Herz gedrungen ist. Es ist ihnen allerdings erklart worden; jedoch um sich die Kenntnisse zu erwerben, waren die Voraussetzungen nicht vor- handen; um diese Kenntnisse zu vertiefen, waren eben diese, die Kenntnisse, nicht vorhanden. DaB der Katechismus nur die Vertiefung und Erweite- rung der Kenntnisse natiirlich mit Hilfe des Lehrers bezwecken lcann, belehrt uns ein Blick in denselben. Da wimmelt es von: „Was ist”, „Was versteht man unter”, Washeifit”, „welche sind”, „wie viele Teile”, d. h. die Hauptwahrheiten sind groBtenteils gegeben in Definitionen, die in ihrer Analyse eine groBe Zahl von Einteilungen zur Folge haben. Die Kenntnis der Definiti¬ onen und Einteilungen schafft aber nicht von selbst die Vor- stellung und d§n Begriff einer Sache, sondern vertieft und er- weitert dieselben, deshalb zielt auch der Katechismus auf diese Vertiefung und Erweiterung. Icli habe friiher eine Konzession gemacht, indem ich sagte, dafi der Katechismus iiberhaupt zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnisse benutzt werden konne, wenn nur ein entsprechender Behelf auch fur die Erwer- bung derselben beschaffen ist. Nun \verfe ich die Frage auf: Ist die Vertiefung der Religionswahrheiten durch Definitionen, Ein¬ teilungen, iiberhaupt durch analytische Sondierungen fiir den Religionsunterriclit notwendig, auch von den tatsachlichen Ver- haltnissen gefordert? Da ist natiirlich die Vertiefung des Ver- standes auf die im Katechismus gegebene Weise durch Defi¬ nitionen etc. gemeint, denn auch ich bin fiir eine Vertiefung des religiosen Denkens, jedoch nicht in dieser Weise. Auf diese Frage antworte ich: Es ist gut, wenn man von einer Sache die Definition weiB und sie auch einteilen kann; so ist es auch 121 fiir den Religionsunterricht gut und sehr zu empfehlen, wenn man die einzelnen religiosen Begriffe definieren und einteilen kann, sobald man die Garantie hat, daB sie in derVor- stellung genugend eingepragt sind, aber absolut notwendig ist es nicht und auch nicht von den heuti- gen Verhaltnissen gefordert, da die geringe Unterrichtszeit das Abgeben mit Definitionen, Aufzahlungen, Begriffsentwick- lungen etc. nicht gestattet. Warum ist es nicht notwendig? Wir kennen tausende von Dingen, fiir die wir keine Defi- nition und keine Einteilung wissen. Fragt man einen Schneider- meister: „Was ist der Rock? Aus wie vielen Teilen besteht er?” Da wird er sich verwundern! Tausende von Rocken hat er gemacht, jetzt weiB er nicht einmal, was der Rock ist! Ebenso wenig wird eine annehmbare Definition der Schuhmacher iiber seinen Schuh, die Kochin iiber die chemische Zusammensetzung ihres Mehlkuchens geben konnen. Und fragen wir selbst einen Priester, der schon lange sich mit dem Katechismus nicht be- schaftigte, er soli uns schnell die dogmatisch riehtige Definition von der Gnade, oder von irgend einem Sakramente, von der Tugend etc. sagen. Er wird sie in den seltensten Fallen zustande bringen. Oder frage man ihn um die Aufzahlung der Siinden \vider den heil. Geist. Da wird er noch seltener Auskunft geben konnen! Ist er deshalb weniger fromm oder ist deshalb die Vor- stellung von der Tugend, von der Gnade nicht vorhanden? Man frage ihn einmal, was ist der Rosenkranz, was die Litanei etc. Tausendmal hat er schon die Andacht verrichtet, aber die De¬ finition wird er nicht geben. Auch die heil. Schrift gibt uns keine Aufzahlungen. Zuivissen, welcher der sechste oder siebente Glaubensartikel oder die dritte oder fiinfte Bitte ist, hat deu- selben Wert, wie zu wissen, der wievielte Buchstabe m oder q im Alphabete ist oder welches das fiinfte oder sechste Dorf von Leifling nach Klagenfurt ist. Ich weiB, man wird sagen: der Zweck der genau in der Definition fixierten Wahrheiten ist der, daB das Kind sich die Wahrheit im Namen der kirchlichen Autoritat tief einprage, fiir das ganze Leben im Gedachtnisse behalte und sie als Richtschnur des Lebens beobachte. 122 So handeln auch die Mohammedaner, die es als die erste Aufgabe betrachten, die Verse des Koran denKindern ordentlich einzudrillen. Fiir den Mohammedaner hat dies in Beziehung zu seiner Kultur einen Wert, da derselbe gewohnt ist, von oben Gesetze anzunehmen, ohne sich weiters um ihren inneren Ge- halt zu kummern. Es ist auch das religiose Leben bei ihnen danach. Doch bei uns ist die Zeit der Annahme einer Doktrin auf bloBe Autoritat hin schon langst verschwunden. Nicht nur was die Kirche lehre, sondern warum die Kirche etwas lehre, will man erforschen und wissen. Will man dem Irrtum vorbeugen, dann wird man dies nicht tun durch Einpragen der Defi- nitionen, sondern den Stoff so zufiihren, daB eine richtige Vor- s tel lun g entsteht. Es ergibt sich somit, daB die Vertiefung durch Definition, Aufzahlungen etc. nach dem Vorgange des Katechismus fiir den Religionsunterricht nicht absolut notwendig ist, und daB wir in dem Katechismus ein Buch haben, das das nicht absolut Notwendige bezweckt, wahrend wir ein Buch, das richtige Vor- stellung von religiosen Wahrheiten vermitteln soli, nicht be- sitzen. Auf diese Betrachtung lege ich ganz besonderen Wert und bitte die Katecheten, ihr die entsprechende Zeit zum Studium derselben zu widmen. IX. Betrachtung. Die Didaktik des Katechismus. Man miiBte ein ganzes Buch schreiben, um den Katechismus auf didaktische Richtigkeit zu priifen. Wir wollen nur ganz kurz daruber betrachten. Die erste Frage des grofien Katechismus fallt gleich mit der Tur ins Haus: „1. Welches ist der notwendigste Unterricht?” Wie eine Preisfrage oder wie ein Ratsel steht die Frage da. Die zweite Frage klart uns erst auf, warum der Unterricht in der katholischen Religion so wichtig ist. Was die katholische Reli- gion ist, was die Religion uberhaupt ist, weiB das Kind noch nicht. In der ersten Klasse haben wir natiirlich mit Gott an- gefangen, in der dritten Klasse stellen wir zuniichst philo- sophische Betrachtungen an, welcher Unterricht der notwendigste ist, um lange spater vom lieben Gott etwas zu lernen. HeiBt 123 das, von den bereits vorhandenen Anschauungen des Kindes ausgehen? Fiir unseren Gegenstand ist es natiirlich auch wichtig zu wissen, was der Katechismus ist, und in wie viele Teile oder Hauptstiicke er zerfallt! Diese Fragen sind geeignet, um das Gemiit des Kindes zu gewinnen, dafS es sich gleichsam lech- zend nach den weiteren Lehren des Katechismus sehnt!- Die erste Abteilung beginnt mit der Frage: „Was heifit christkatholisch glauben?” Die Antwort lautet: „DaB wir alles fiir wahr halten, was Gott geoffenbart hat und durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt.” Diese Frage ist z. B. fiir einen Nichtkatholiken geeignet, der sich dafiir interessiert, was bei den Katholiken glauben heiBt. Diese Frage wissen die meisten Kinder fliefiend auswendig, verstanden wurde sie viel- leicht bis zu den theologischen Studien nicht. Sogar der Ausdruck: „zu glauben vorstellt” ist nicht deutsch, sondern ein Latinismus. Wir befinden uns oft in einer intellektuellen Tauschung, indem wir meinen, dafi das, was fiir uns selbstverstandlich ist, von den Kindern ohne weiteres verstanden wird. Denken wir doch an unsere eigene Kindheit zuriick. Was haben wir uns \vohl bei den Worten: „durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt” selbst vorgestellt? Dann behandelt man die schwierigen Kapitel vom Glauben, heil. Schrift, Tradition u. s. w., um erst spater auf Gott zu kommen. Um die Offenbarung zu verstehen, mufi ich doch ge- nauer iiber den Urheber der Offenbarung nachdenken. Aus seinen Eigenschaften, namentlich aus seiner Weisheit und Giite wird mir die Tatsache der Offenbarung erklarlicher. Nr. 33 ant- wortet, dali die katholisclien Christen ihren Glauben durch das Zeichen des heil. Kreuzes bekennen. Dies erweckt den Schein, als ob das Bekenntnis des Glaubens notwendig von der wirk- lichen Ausfiihrung des heil. Kreuzzeichens abhange. Die Ge- pflogenheit, Kreuz zu machen, ist erst spater aufgekommen. Nr. 42 antwortet auf die Frage „Was ist Gott?”: „Gott ist ein Wesen, welches von sich selbst und unendlich vollkommen ist.” Seit den altesten Zeiten stellen sich die Menschen Gott als ihren Schopfer und als den Regierer der Welt vor. Und wenn wir an Gott denken, so denken wir nicht an ein Wesen, 124 welches von sich selbst und unendlich vollkommen ist, sondern an unseren Vater im Himmel, an den Schopfer und Regierer der ganzen Welt. Das „von sich selbst und unendlich voll¬ kommen” ist erst durch Spekulation gefunden worden, indem man nachdachte, wie mufi er denn sein, da seine Werke schon soviele Vollkommenheiten haben. Professor Spirago hat das gefiihlt, da er in seinem Katechismus Nr. 61 sagt: „Gott ist unser Vater im Himmel, der von sich selbst und unendlich vollkommen und der Herr des Himmels und der Erde ist.” Ich hatte koordiniert und einfach gesagt: Gott ist unser Vater im Himmel, der Herr des Himmels und der Erde. Wie natiirlich beteten die Apostel: „Ich glaube an Gott, den allmachtigen Vater, den Schopfer Himmels und der Erde”, nicht aber an „ein Wesen, welches von sich selbst und unendlich vollkommen ist.” Von Nr. 43 beginnen die „Was heifit?” Wir miissen uns klar werden, dafi alle diese Antworten nur Erklarungen der Begriffe „von sich selbst”, „ewig”, „unveriinderlich” u. s. w. sind. Diese Nummern haben nicht den Zweck, dem Kinde die Griinde anzugeben, warum Gott ewig, unveranderlich u. s. w. ist, sondern sie sagen einfach, was z. B. hochst gerecht etc. bedeutet. Welchen religiosen Wert diese Begriffserklarungen haben, ist klar. Ein Beispiel: „Der Vater des N. ist sehr gutig” heifit: „Der Vater des N. ist voli Liebe gegen seine Kinder und Mitmenschen; er vergonnt ihnen nur Gutes.” Wir konnen das glauben oder nicht. Besondere Achtung werden wir deshalb gegen den Vater des N. nicht haben. Ganz anders wurden wir empfinden, wenn uns jemandvom Vater des N. erzahlt, wie er sich vom friihen Morgen bis zum Abende fur die Seinigen abmuht, wie er diesem oder jenem in der Not beispringt. Deshalb hatte es auch beim Katechismus mehr Sinn, wenn statt nach „Was heifit” nach „Warum ist Gott hochst gutig, gerecht etc.” gefragt wiirde. Doch genug. Wir unterlassen die weitere Untersuchung iiber den jetzigen Katechismus. Jeder Leser soli selbst den Kate¬ chismus in die Hand nehmen, seinen eigenen Verstand zurate ziehen und namentlich sich in die Lage der Kinder hineindenken, da wird er Unpadagogisches und Undidaktisches in Menge finden, um nicht einen starkeren Ausdruck zu gebrauchen. 125 X. Betrachtung. Andere Katechismen. Wir haben in Osterreich einen ein- heitlichen Katechismus. Doch haben viele, namentlich inDeutsch- land versucht, ein Religionsbuch in der Form des Katechismus zu verfassen. Die Klippe, an der ihre Bemiihungen scheiteiden, war eben die Katechismusform, von der sie sich nicht trennen konnten, vielleicht auch sich zu trennen nicht wagten. Der Kate¬ chismus ist eben ein Buch, das fur seine Zeit pabt und die vom Erfinder selbst vorgezeichnete Metliode verlangt; dann modle man, wie man wolle, befriedigen wird ein Buch in der Katechismusform nie. Vielleicht der beste moderne Katechismus ist: „Katholischer Katechismus fiir die Jugend von Fr. Spirago.” Diese Arbeit, namentlich aber sein Volkskatechismus wird auch eine sehr ergiebige Fundgrube bei der Verfassung eines allge- meinen, ungekiinstelten Religionsbuches bilden. Der Katechismus Spirago s verstofit auch hie und da gegen seine eigenen Lehr- siitze, die er in seiner Padagogik angefiihrt liat. Schon mit der ersten Frage: „Was ist der Katechismus?” hat Spirago seinem Buche eine Wunde zugefiigt, weil er die Frageform wahlte. Er gibt selbst im Vorvvorte zu, daG er auf Verlangen vieler diese Form wahlte, obwohl er selbst nicht dafiir war. Nun da hatte er eben auf diejenigen, die aus den alten Stiefeln nicht heraus- kriechen konnen, keine Riicksicht nehmen sollen! Ganz entschieden hat aber Spirago padagogisch geirrt dadurch, dafi er in einem Buche bei der Behandlung ein und derselben Lehre auf verschiedene Altersstufen Riicksicht nimmt und durch dreifach verschiedenen Druck bunt durch- einander andeutet. Seite II sagt er: „ 2 . die fettgedruckten Satze des GroBdruckes enthalten das Wichtigere und sind fiir An- fanger (vom dritten Schuljahr an, wo das Buch erst Verwen- dung findet), 3. die nicht fettgedruckten Satze des Grofidruckes sind schon fiir vorgeschrittene Schiller, 4. der Kleindruck ist fur die Schiller der obersten Klasse.” Dagegen ist hervorzu- heben: Nie soli weder im miindlichen Vortrage noch im Buche bei der Behandlung ein und derselben Lehre etwas geboten 126 werden, was zum Teile fiir die reiferen, zum Teile fiir die weniger fahigen Kinder bestimmt ware. Wenn man bei einer Lehre eine bestimmte Schiilerzahl unterrichtet, dann mufi man die Lehre so einrichten, daB nicht nur einige sie verstehen, die anderen aber nicht; ein und dasselbe Buch mufi so verfafit sein bei der Behandlung eines Lehrstiickes, daB alle das ganze Lehrstiick verstehen konnen. Nur die Lehrstiicke konnen im Buche so geordnet sein, daB die ersteren von allen leicht, die letzteren von den Fortgeschrittenen verstanden werden. Diesen Grundsatz befolgen alle Biicher, nicht bloB die Schulbiicher. Bei Spirago wechselt oft auf einer und der- selben Zeile die Art des Druckes, z. B. Seite 63: „1. Sie (die Kirche) mufi einig sein” — ist grofi gedruckt, die Fortsetzung: d. h. „sie mufi zu allen Zeiten dieselbe Lehre haben” ist klein gedruckt. Das Kind hat keine Freude an einem Lehrstiick, von dem es einen Teil nicht versteht und wo ihm eine andere Art des Druckes sagt: „Schau, das ist nicht fiir dich, dein Kopf faBt es nicht.” Aufierdem bewirkt der štete Wechsel im Druck die Vorstellung von etwas Zerrissenem, Unvollkommenem. Es ist ein aus vielen Stiicken zusammengeflickter Rock! Doch fiir die Ablehnung eines solchen Vorganges existieren noch andere gewichtigere Griinde. Der zweitgrofite Druck und der kleine Druck enthalteu nlimlich meistenteils Erklarungen und Begrundungen und Nutzanwendungen fiir den groBen fetten Druck, den die Anfanger zu lernen hatten. Nun gibt es aber folgende Moglichkeiten: 1. Die Anfanger verstehen nicht das, was im grofien fetten Druck enthalten ist; dann ware es toricht, daB sie etwas ganz oder halbwegs Unverstandenes zu lernen hatten. Es ist schade um die kostbare Zeit. 2. Die Anfanger verstehen das Fettgedruckte, und dann werden sie iim so leichter die Erklarung und Begriindung und Nutzanwendung verstehen, d. h. das Kleingedruckte. Wenn die Anfanger das Fettgedruckte lernen sollten, da besteht kein Grund, \varum sie die Erklarungen und Begriin- dungen im ldeinen Drucke nicht lernen sollten, da sich die Wiederholung aucli auf dieses erstrecken miiBte. Somit ist die 127 Verteilung ein und desselben Lehrstiickes auf verschiedene Altersstufen aus rein didaktischen Griinden unzutreffend. Wenn man sagt, die Erklarung und Begriindung ersetzt bei den Anfangern der miindliche Unterricht; dann miissen die Kinder die Erklarung und Begriindung auch kennen; die Kenntnis der nackten Lehre ist ja nicht geniigend. Dann kann ich aber nicht begreifen, warum die Groben die Erklarungen und Begriindungen durch das Gedruckte lernen sollten, da schon bei den Anfangern der miindliche Unterricht hinreicht, um die Begriindung der Lehren zu vermitteln. Im Katechismus Spiragos sind auch Sachen enthalten, die in ein Schulbuch nicht gehoren, wie Empfehlung, Vorwort, die Angabe der Grundlage, allerdings Mangel, die leicht beseitigt werden konnen. Auch die von Spirago in seiner Methodik selbst geriigten Einteilungen finden sich vor. Seite 18, Nr. 57, werden ohne Not gleich elf Dinge fettgedruckt aufgezahlt. Wenn man den Katechismus Spiragos studiert, dann wird man sagen, er ist nicht nur ein Lern- und Memorierbuch, wie der Verfasser von den Religionsbiichern verlangt, sondern auch ein Lehr- buch! Unter den bischoflichen Empfehlungen Seite III finden wir, daB auch der Bischof Lukas von Solecki von Przemysl den Katechismus Spiragos als „vortrefflichesLehrbuch” bezeichnet. Dem Katechismus Spiragos fehlen auch Bilder und Lieder. Der Herr Professor sagt, daB er seinen Katechismus selbst „ausprobiert habe”. „Denn bei der Herstellung eines Katechismus muB so vorgegangen werden, wie bei der Her¬ stellung eines Gewehres oder einer Kanone. Diese werden zuerst in der Fabrik ausprobiert.” Nun, die Ausprobierung ist dann wohl vom Professor Spirago, vom Erfinder des Gewehres, selbst geschehen, ohne daB andere dabei waren. Da ist es allerdings moglich, daB der Erfinder leicht das Gewehr hand- haben konnte, ivahrend es in den Handen anderer seine Wir- kung versagen konnte. Da der Erfinder das Gewehr selbst ausprobiert und wahrscheinlich niemand ihn griindlich kontx*ol- liert hat, so ist es fraglich, ob er die Zielscheibe getroffen hat; vielleicht hat er sich in der Treffsicherheit getauscht, oder •waren die Zielobjekte derart, daB sie leicht zu treffen waren. 128 Das Gewehr des Katechismus hatten somit mehrere Facli- leute, namlich Katecheten ausprobieren und sich vergewissern sollen, ob es brauchbar ist fiir alle Zielobjekte, nicht etwa bloB fdr die Schiller an den Burger- und Ubungsschulen, wo sich die Kinder von den besseren Standen einzufinden pflegen, sondern ob das Gewehr auch die oft verwahrlosten Rangen der Vorstadte und Gewerkscliaften erreichen kann. Hiermit soli aber durchaus nicht der Wert des verhaltnis- miiBig ausgezeichneten Buches herabgemindert werden und der verdiente Herr Professor wird in diesen Ausfuhrungen gewiB auch keine Herabnainderung erblicken. Sicher ist es aber, daB das Buch bei eventueller Einfuhrung ungleich groBere Dienste leisten wiirde als der jetzige Katechismus, daB es aber den Anforderungen, die man an ein Religionsbuch stellen mufi, docli nicht entspricht. XI. Betrachtung. Das Urteil des Herrn Erzherzog Ferdinand. Diese Betrachtung empfehle ich namentlich jenen Kreisen, die daraus den ersprieBlichsten Nutzen ziehen kounten. Ich gebe sie ohne Kommentar. Seite V des „Katholischen Volkskatechismus” von Spirago steht geschrieben (mit notwendiger Abkiirzung): ,,Kammer Sr. k. u. k. Hoheit des Durchlauchtigsten Herrn Erz- herzogs Franz Ferdinand. Sr. Hochwiirden Herrn Franz Spirago, k. k. Religions- professor in Trautenau. Seine kais. u. konigl. Floheit der Durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand geruhte die von Euer PIochwiirden Hdchstdemselben unterbreiteten VVerke: Katholischer Volks-Katechismus etc. (samtliche Werke Spirago s) huldvollst anzunehmen. Der durchlauchtigste Herr Erzherzog geruhte zugleich in die oben erwahnten Werke Ew. Hochwurden griindliche Ein- sicht zu nehmen, und Hochstderselbe fand diese Bucher fiir wahrhaft geniale, zeitgemaBe, praktische Werke, fiir wahrhaft reformatorische Leistungen auf dem Gebiete der Katechetik. Sehr lobenswert fand Seine kais. u. konigl. 129 Hoheit das Bestreben Ew. Hochwiirden, die Fortschritte der modernen Padagogik fur den Religionsunterricht zu veiuverten, was ja schon so dringend notivendig war. Fiir besonders lobenswert aber fand der Durchlauchtigste Herr Erzherzog, daB Ew. Hochvvurden in Ihren Werken, namentlich in der Beispielsaminlung auf die Pflege des Patriotismus und der dynastischen Gesinnung so groBes Ge- wicht legen. Seine kais. u. konigl. Hoheit wunschen den Werken Ew. Hochwiirden die groBte Verbreitung nicht nur im engen Kreise der Geistlichkeit, die in denselben uniibertroffene Hilfs- biicher findet, sondern auch in den weitesten Kreisen der christlichen Bevolkerung. Dr. Josef von Lanyi, papstl. Kammerer, im hochsten Auftrage.” XII. Betrachtung. a) Der Katechismus entbehrt auch wichtigerer Anschau- ungsmittel, der Bilder sowie auch des religiosen Liedes. Wenn in den Anhang die gebrauclilichsten Gebete aufgenommen sind, warum sind nicht die noch wirksarneren Gebete in Form eines Liedes aufgenommen? b) Die Anhanger des Katechismus scheinen selbst nicht zu wissen, was der Katechismus ist. Einigen ist er eine popu- lare „Volksdogmatik”, um die sich aber niemand kiimmert, anderen wieder ein Lehr- und Memorierbucli, fiir andere hat er wieder wenig Bedeutung; denn der Lehrer, nicht das Buch, ist der Leitende und Fuhrende. tlbrigens die meisten von diesen Verteidigern des Katechismus sind in einer solchen Stellung, daB sie iiberliaupt nicht die Gelegenheit gehabt haben, langere Zeit den Katechismus und seine Fruchte zu stu- dieren. Wenn man die Anschauungen des Dr. Katschner und zum Teile Spiragos iiber den Katechismus liest, da lachelt man, wenn man im Vorworte zum Kolner Katechismus ( 1894 ) die Stelle findet: „Der Katechismus ist nicht lediglich ein Memorierbuch fiir die Schiller, sondern er bildet in Vogrinec, nostra culpa. 9 130 erster Reihe ein kurz gefaBtes und soweit es die Natur des Lehrstoffes zulaBt, populares Handbuch, das dem Religions- unterrichte in Schule und Kirche zugrunde liegt.” Dr. A. Hartl schreibt in seiner Schrift „Zur Verbesserung des Religionsunterrichtes an den Gymnasien” 1891, Seite 11: „Denn diese drei Dinge gehoren zusammen wie eine unzer- trennliche Dreifaltigkeit: der Lehrplan, das Lehrbuch und der Lehrer; diese drei bilden zusammen den Unterricht. Und wenn unseren Schulern in der gegenwartigen Zeit Heil werden soli, so ist der Retter in dem Lehrbuch zu erblicken, das uns mit dem Lehrplane wieder versohnt, von dem wir abgewichen sin d.” Bemerke dazu, daB ich nicht weifi, wie Dr. Hartl iiber den Katechismus denkt, doch es ist interessant, daB er dieses Gutachten auf die Aufforderung des Linzer Ordinariates ab- gab, allerdings mit Riicksicht auf die Gymnasien; man sieht aber, daB der Herr Professor diese Stelle wohl auch allgemein auffassen diirfte, da die padagogischen Grundsatze des Gymna- siums doch auch mit denen der Volksschule im groBen iiber- einstimmen mussen. N achtr ag. Manchem, der gewohnt ist, in dem Auswendiglernen der Katechismusantworten das Heil zu erblicken, diirfte es viel- leicht unmoglich erscheinen, die Lehrstiicke, die in dem Buche behandelt werden, so beizubringen, daB deren Gehalt zum dauernden Eigentum der Schiiler wird. Ich gestehe offen, daB jetzt wohl mehr Anforderungen an den Katecheten im allgemeinen gestellt werden mussen wie friiher in Wirklichkeit gestellt wurden. Die Anforderung, die heute idealiter ohne Urgenz an den Katecheten gestellt wird, namlich mit heutigen Mitteln zum Lehrziele zu gelangen, ist eine ubermenschliche und unerfiillbare. Mit Pfeil und Bogen kann man nicht gegen einen Gegner ausriicken, der die modernste Bewaffnung hat. Deshalb bemiiht man sich heutzu- tage im Ernste iiberhaupt nicht, diesen Anforderungen nach- zukommen. Den Anforderungen jedoch, die der Religions- unterricht naeh meinen Grundsiitzen fordert, muB entsprochen 131 werden, um so mehr als sie derart sind, daB sie auch von schivacher begabten Priestern erfiillt werden konnen, deshalb miissen die Priester \venigstens die Grundziige der modernen Padagogik kennen uud sich in ihrem Unterrichte danach richten, wofiir die Inspektion zu sorgen hat. Um somit den Inhalt eines Lehrstiickes den Schiilern bei- zubringen, wird der Priester alles das tun, was ein weltlicher Lehrer tut, um den Kindern den Inhalt des Lehrstiickes zu ver- mitteln. Er wird solange den Verstand und das Gemiit des Schulers bearbeiten und behauen, bis er seine eigene Erkenntnis und sein eigenes Empfinden in dem Schiller zustande gebracht hat, einem Steinmetz vergleiclibar, der so lange den Marmor bearbeitet und glattet; bis er sich in demselben wie in einem Spiegel sieht. Nacli geniigender Erkliirung eines Lehrstiickes, z B. vom Dasein Gottes, wird er Fragen stellen, nicht immer in gleichen Worten, sondern in verschiedenen Wendungen, um die Wahrheit von verschiedenen Seiten zu beleuchten und den Kindern die Gelegenheit zu geben, mit eigenen Worten ihre Vorstellungen auszusprechen. Die Fragen werden lauten zum genannten ersten Lehrstiick iiber Gott: Was sehen wir alles auf Erden? Konnen die Menschen das alles machen? Wie schliefien wir daraus, daB es ein anderes Wesen gibt? Was sagt uns noch, daB es einen Gott gibt? Was ist somit Gott? Warum kann es nur einen einzigen Gott geben? Was wiirde geschehen, wenn es zwei Gotter gabe? Die Frage- stellung kann auch anders beginnen. Manche Fragen werden auch zur schriftlichen Ausfiihrung zu Hause, sei es auf der Schreibtafel oder auf dem Papiere gegeben. In der zweiten Stunde wird immer anschliefiend an das Lehrstiick im Buch die Wiederholung stattfinden, natiirlich in kleinen Fragen; da- durch werden die Kinder gezwungen, auch zu Hause zu lernen, damit sie antivorten konnen. Wichtigere Kapitel, z. B. iiber Jesus Christus oder das heil. MeBopfer wird man auch aus- wendig lernen lassen, jedoch so, daB man der Wiederholung mit eigenen Worten immer den Vorzug lassen wird. Der Katechet wird nicht blofi den Inhalt eines Lehrstiickes so erkliiren, wie ein Lehrer bei der Behandlung eines weltlichen 9 * 132 — Stoffes zu tun pflegt, wiewohl der gediegene Lehrer auch stets die Einwirkung auf das Gemiit im Auge hat, sondern ihm wird als Seelsorger stets das seelsorgerliche Ziel vorschweben, wor- auf iibrigens auch das Buch verweisen wird. SchluB. Der Religionsunterricht an der Volkssclmle ist der wich- tigste und pflegt auch der erfolgreichste zu sein, da das Herz der Kinder in der Regel rein und zur Aufnahme des gottlichen Samens sehr empfanglich ist. Ich habe die feste Uberzeugung, daB durch einen guten Religionsunterricht in der Volksschule ein ganz neues vertieftes religioses Leben und dementsprechend auch mit der hohen modernen Kultur kongruentes sittliches Leben unter den Volkern zu pulsieren anfangen miiBte. Den Leser bitte ich aber, daB er bei der Beurteilung meiner Grund- siitze nicht nur einzelnen Faktoren, wie z. B. dem Lehrbuche seine Aufmerksamkeit schenke, sondern samtlichen Fak¬ toren, die dem Religionsunterrichte neue Erfolge zusichern sollten, als Ganzem aufgefaBt, damit er sich ein klares Bild iiber meine Anschauungen verschaffe. II. Der Religionsunterricht an den Mittelschulen. Allgemeines. Unter den Mittelschulen verstehe ich nament- lich die zahlreichsten Mittelschulen, die Gymnasien. An den iibrigen Mittelschulen wird der Religionsunterricht mehr oder weniger nach den gleichen Gesichtspunkten zu erteilen sein. Hier \vill ich |mich sehr kurz fassen, da ich voraussetze und auch fiir das richtige Verstandnis dieser Ausfiihrung fordere, daB das, was ich iiber den Religionsunterricht an der Volks¬ schule geschrieben habe, gelesen und erwogen wurde. Es ist iiberhaupt kein wesentlicher Unterschied zwischen den Arten des Religionsunterrichtes an der Volks- und Mittelschule- An der Mittelschule wird der Unterricht Riicksicht nehmen auf den weiteren geistigen Horizont, der dem Mittelschtiler eigen wird. — Auch der Absolvent der Volksschule kann eine 133 geivisse Bildung erreichen; jedoch wird er es schwerlicli soweit bringen, um Interesse und Verstandnis fiir wissenschaftliche Werke zu besitzen, wahrend Zeitungen und Broschiiren in ihm einen willkommenen Leser finden. Der Absolvent des Gymna- siums findet in den Tagesblattern und Broschiiren keine Zugkraft von entscheidender Bedeutung, sondern er wird, um seine An- schauungen zu klaren, zu wissenschaftlichen Produkten greifen. Wahrend sich somit der Unterricht an der Volksschule zum Ziele setzen wird, die religiose Uberzeugung so tief in das Herz zu versenken, dafi die Angriffe auf die Religion durch die Presse, Vortrage etc. nichts anhaben kiinnen, wird die religiose Erziehung wahrend des achtjahrigen Besuches des Gymnasiums so befestigt, daB auch die Angriffe, die unter der Fahne der Wissenschaft vollfiihrt werden, den Jiingling zum Aufgeben seiner Religion nicht umstimmen konnen. Die Reli¬ gion wird am Gymnasium in moglichst vollkommener Weise unterrichtet, d. h. so, daB die in der Seele des Jiinglings vor- handene religiose Anlage zur moglichst vollkommenen Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen ausgebildet wird. Der Gymnasiast, der auf Kosten des Volkes seine Studien macht und berufen ist, einstens dem Volke als Fiihrer zu dienen, muB auch in religioser Beziehung sich hervortun; seine Reli- giositat mufi eine viel feinere und intelligentere sein; bei ihm muB sich zeigen, daB er Gott in špiritu et veritate dient. Der Religionsunterricht am Gymnasium ist sehr wichtig, da sich aus den Schiilern des Gymnasiums die gesamte hohe Intelligenz rekrutiert; deshalb ist man vollstandig berechtigt, die Untersuchung iiber den religiosen Indifferentismus auch auf das Gymnasium, die Erziehungsstatte der Intelligenz. zu erstreclcen. Uber den Religionsunterricht an unseren Gymnasien schrieb der leider im Jahre 1903 zu friih verstorbene Uni- versitatsprofessor in Prag, Dr. Virgil Grimmich, ein Werk, betitelt: „Der Religionsunterricht an unseren Gymnasien”, Ver- lag Fromme, Wien 1903. Nach meiner Meinung diirfte es in Osterreich keinen Religionsprofessor geben, der nicht nur das Buch gelesen, sondern auch mit Nutzen studiert hat. Fiir den 134 Religionsunterricht am Gymnasium soli sich auch der ganze iibrige Klerus interessieren. Ein guter Unterricht am Gym- nasium wiirde fiir die Kirche ungleich mehr bedeuten, wie etwa eine katholische Universitat oder irgend eine andere Er- rungenschaft. Leider hat der Herr Professor etwas zu umfang- reich das Buch angelegt, was viele vom vollstandigen Durch- lesen des Buches abschreckt. Kleineren Umfang hatte er durch Auslassen maneher Zitate erreicht. Ich will gleich hier jene Punkte in dem Buche hervorlieben, mit denen icb nicht ein- verstanden sein kann, allerdings sind dies Punkte von Be- deutung. In diesem Kritikversuch des ausgezeichneten Werkes werden dem Leser bereits manche meiner Leitsatze des Reli- gionsunterrichtes klar werden. a) Seite 60 seines Buches gibt uns Professor Dr. Grim- mich als Aufgabe des Religionsunterrichtes an den Mittel- schulen an: „Dem Schiller die Ansatze und Grundlagen einer einheitlichen christlichen Welt- und Lebensanschauung zu ver- mitteln, ihm Anregungen zu geben und Sinn fiir ein selbst- tatiges Mitarbeiten an der Konsolidierung seiner religiosen Anschauungen beizubringen, ihm Verstandnis fiir religiose Probleme und ein ruhiges, besonnenes Urteil in Fragen solcher Art zu verschaffen, dazu soli sich der Religionsunterricht des Gymnasiums vor allem berufen fiihlen. Er soli den Schiller wiederholt aufmerksam machen, wie die Menschheit sich immer wieder dieselben metaphysischen und ethischen Pimbleme stellt und auf die verschiedenste Weise zu losen sucht, wie aber der Inhalt der christlichen Offenbarung die erhabenste und den Menschen am meisten begliickende Losung dieser Probleme bietet.” Seite 63 sagt er, nachdem er den einseitigen Intellektua- lismus verurteilt hat: „Religiose Bildung, das Endziel des Religionsunterrichtes am Gymnasium, deckt sich also nicht mit religiosem Wissen. Letzteres ist als solches nicht jener feste und unverlierbare Bestandteil der Personlichkeit, welcher der- selben innere Festigkeit, spontanes Leben und zielbewul;Stes Streben verleiht. . . . Anderseits ist aber die religiose Durch- bildung des Gemiites- und Willenslebens die beste Biirgschaft 135 dafiir, daB der Mensch sich von ihnen angetrieben fiihlt, seme religiose Weltanschauung immer vollstandiger auszubauen, seme religiosen Kenntnisse zu klaren, zu festigen, zu erweitern: „ moreš primum, mox sapientiam disce, quae sine moribus male dis- citur”, war ein Grundsatz der Stoa.” Ich fiige gleich hier hinzu auch ein Grundsatz der Handlungsweise Christi, der Apostel und der ersten Christen. Die Darstellung Seite 33 kommt viel naher der richtigen Aufgabe des Gymnasialunterrichtes und ist durchaus nicht identisch mit der ersten Seite 60 gegebenen Dar¬ stellung: »Dem Schiller die Ansatze und Grundlagen einer einheitliclien christlichen Weltanschauung.zu vermitteln.” Nach meinem Dafurhalten ist diese Darstellung der Aufgabe des Gymnasialunterrichtes zum Teile sogar falsch. Wir werden doch die Schiller nicht als Zweifler und religiose Forscher aus dem Gymnasium entlassen, die am Gymnasium nur „Ansatze zur christlichen Welt- und Lebensanschauung, Anregungen zum Mit- arbeiten an der Konsolidieimng der religiosen Anschauungen, Fahigkeit zur Losung religiosen Probleme” erhalten sollten! Nein, wir durfen nicht damit rechnen, daB nach dem Gymnasium die Konsolidierung der religiosen Anschauungen erst statt- finden soli, sondern die religiose Erziehung mufi relativ voll- endet sein, die religiosen Anschauungen mussen konsolidiert, das religiose Problem fur den Abiturienten schon gelost sein, wir mussen aus dem Gymnasium einen jungen religidsen Mann entlassen, der vom religiosen Standpunlcte aus das Weltleben samt allen einzelnen Phasen desselben betrachtet. Im Kampfe um das tagliche Brot und bei dem iiblichen Weltgetriebe findet er auch in der Regel keine Gelegenheit, um religiose Probleme zu losen. Wennich Gelegenheit hatte, mit wie vielen Dingen wiirde ich mich abgeben?! Wie die Durchschnittsbildung durch Vollen- dung der Gymnasialstudien abgeschlossen werden nmB, namlich Avas die erziehlicheMitwirkung der staatlichenErzieher anbelangt, so mufi auch die religiose Erziehung, was die Tiitigkeit der Religionslehrer anbelangt, eine abgeschlossene, fertige sein, die \vohl hoffen, nicht aber rechnen darf auf die eventuelle Vervollkommnung im Leben. Die Universitat ist nicht dazu da, im allgemeinen zu bilden, sondern um den einzelnen in be- 136 sondere Wissenschaftszweige einzufiihren. Die Theologie ist nicht zunachst dazu da, um religios zu erziehen, sondern um den Studierenden tiefere, kritische Kenntnis der Religionswahr- heiten zu vermitteln. Auch die Theologie setzt im allgemeinen bereits religios erzogene Kandidaten voraus oder solite sie vvenigstens voraussetzen, was ihr aber mit Riicksicht auf die tristen Erziehungsresultate an der Volksschule und am Gym- nasium nicht angeraten werden kann; dies ist auch der Grund, warum man nicht zugeben darf, daB unter den jetzigen Ver- haltnissen den Theologiestudierenden iiberhaupt keine religiose Erziehung in Seminarien zugute kommen solite, sondern daB sie gleich anderen Studierenden volle Freih,eit geniefien sollten. Besser ist die Darstellung der Aufgabe auf Seite 63, die ich schon friiher zitiert habe. DaB „die religiose Durch- bildung des Gemuts- und Willenslebens die beste Biirgschaft dafiir ist, daB der Mensch sich von ihnen angetrieben fiihlt, seine religiose Weltanschauung immer vollstandiger auszu- bauen etc.” ist gleichbedeutend mit dem, \vas ich uber den Wert der religiosen Verfassung in den Kapiteln iiber die Volks¬ schule geschrieben habe. Nur ist die praktische Ausfiihrung der Durchbildung des Gemuts- und Willenslebens nach meinen Prinzipien eine viel intensivere und allgemeinere; das durch- bildete Gemiit und der durchbildete Wille ist fiir mich die Bedingung zu einer erfolgreiclien Aufnahme der Wahr- heit. Allerdings gehen der Gemuts- und Willensbewegung Er- kenntnisse voraus, jedoch diese Erkenntnisse sind entnommen dem natiirlichen oder bereits verstandenen Erkenntnisgebiete. Dr. Grimmich gibt in riihmlicher Weise auch die Mittel an, wie das Gemuts- und Willensleben durchbildet werden soli. Seite 65 sagt er, daB der Religionsunterricht die Schop- fungen der Dichtkunst, der Tonkunst und der darstellenden Kunste, soweit es nur moglich ist, in den Dienst der religiosen Gemiitsbildung stellen soli. Die heutigen Religionslehrer emp- finden ebenfalls die Notwendigkeit, mehr auf das Gemuts- und Willensleben zu wirken, jedoch sie kennen nicht die Wege, \vie dies geschehen soli. Professor Grimmich nahert sich dem 137 richtigen Wege, indem er fiir den katholischen Religionsunter- richt am Obergymnasium ein Lesebuch in drei Abteilungen vorschlagt, und zwar nach Seite 247: I. Abteilung fiir die dritte Religionsstunde der achten Klasse: „Sorgsam ausgewahlte Texte aus der heil. Schrift, teils in guter Ubersetzung, teils mit lateinischem oder griechischem Text, und zwar aus den Psalrnen, Job, den Propheten und didaktischen Biichern des alton Testamentes und nach oben aufgestellten Gesichtspunkten ausgewahlte Abschnitte aus den Evangelien und Stellen aus den apostolischen Briefen”; II. Abteilung fiir die fiinfte Klasse: „Eine nach padagogi- schen, nicht theologischen Gesichtspunkten getroffene Auswahl von Texten aus der Apostelgeschichte, aus den apostolischen Vatern, aus den Apologeten und Kirchenvatern im Original- texte oder in guter Ubersetzung, eine sorgsam ausgearbeite Anthologie von kirchlichen Hymnen und zum mindesten den Kanon der heil. Messe im lateinischen Texte mit kurzen Notizen”; III. Abteilung: „Eine Auswahl von Texten oder Zitaten (sittlich-religiosen Inhaltes) aus der altklassischen und christ- lichen Literatur aller Jahrhunderte, geordnet etwa nach den Hauptteilen des Lehrbuches der Religionslehre fiir die siebente oder achte Klasse.” Tatsachlich wiire dies ein grofier Behelf fiir die Gym- nasiallehrer des Religionsunterrichtes, ein bestimmter Weg- \veiser jedocli nicht. Ubrigens verfugen die heutigen Biicher oft iiber iiberfliissige Zitate aus allen oben genannten Quellen und docli kommt der Unterricht nicht weiter, da eben die fundainentale Anschauung, wie auf das Gemiit einge\virkt werden soli, fehlt und auch nicht von Dr. Grimmich hinreichend illustriert wurde. b) Die Stellung des Professors Grimmich zum Lehrbuch. Fiir die sechste, siebente und achte Klasse will er ein Lehr¬ buch in drei Abteilungen, deren jede 70 bis 100 Seiten fassen und die Glaubens- und Sittenlehre und Apologetik behandeln soli. Das Lehrbuch soli nach ihm ein kurzgefafites Protokoli sein iiber den miindlichen Unterricht. Es ist richtig, das Lehrbuch soli 138 fiir den Schiller ein Protokoli des miindlichen Unterrichtes, jedoch fiir den Lehrer gleichzeitig ein Wegweiser, fiigen wir hinzu, vielleicht auch ein Protokoli sein, verfaBt von der gesamten Religionslehrerschaft nach padagogischen Prinzipien. Mit Riicksicht auf den Schiller muB das Buch ein Protokoli sein, das nicht nur Schlagivorter und Unterrichtsresultate, sondern den ganzen psycliologischen Zusammenhang des idealen (nicht des wirklichen!) miindlichen Vortrages enthalt und in gewandter, zu Herzen dringender Sprache geschrieben ist. Fiir das Gymnasium, wie iiberhaupt fiir die Schule, eignet sich nicht ein totes Buch. DaB es nicht zu umfangreich werde, kann da- durch vorgesorgt werden, dafi das Unvvesentliche nur kurz, pauschaliter behandelt wird. Fiir das Untergymnasium will der Herr Professor den Katechismus, allerdings mit Erklarungen und Notizen versehen, eingefiihrt wissen. Meine Ansicht iiber den Katechismus ist aus dem friiher Gesagten bekannt. c) Konzentration des Unterrichtes. Von Seite 10 an ver- langt Dr. Grimmich auch von anderen Fachlehrern des Gym- nasiums, daB sie in ihrem Unterrichte dem Religionsunterrichte an die Hand gehen sollten. Sonst ware es kein Wunder, wenn christliche charakterfeste Manner mit christlicher Uberzeugung und christlichen Lebensmaximen unter den Gebildeten immer seltener iviirden! Er verlangt fiir den Religionsunterricht die zentrale Stellung und zitiert Seite 24 Wolf: „Der Religions¬ unterricht wiirde einen schweren Standpunkt haben, wenn in den ubrigen Stunden so gut wie keine religiosen Anklange er- tonen, \venn selbst in solchen Fallen, wo der Unterrichlsstoff gebieterisch die Beziehung auf christliche Religion verlangt, die Gelegenheit zu dieser Beziehung nicht bemerkt oder ab- sichtlich nicht benutzt wird.” Der Verfasser selbst aber spricht Seite 48: „Entweder — oder: entweder eine Religionslehre, welche durch Konzentration in das Ganzo des Gymnasialunter- richtes eingegliedert ist, oder gar keine Religionslehre als Unterrichtsgegenstand an einer Anstalt, deren Lehrplan sie nur insoferne kennt, als sie \vie eine Etikette zur Tauschung vieler, jedenfalls aber zum sittlichen Nachteile der Jugend selbst in 139 den Zeugnissen an der Spitze aller Unterrichtsgegenstande genannt wird.” Die Folgerung ist doch eine hyperbolische und zu wenig iiberlegte. Hangt alles von der Konzentration, d. h. von der innigen Verbindung der weltlichen Facher mit der Religion ab? Dazu waren religiose, sogar konfessionelle Gym- nasien notwendig. Nicht einmal an geistlichen Gymnasien pflegt diese Konzentration zu geschehen, die ubrigens glaubige Pro- fessoren voraussetzt. Um solche zu finden, ist aber wieder ein ersprief31icher Religionsunterricht an den Gymnasien not- ■vvendig. Heutzutage geschehen sogar unzweideutige, der Reli¬ gion nicht gewogene Anspielungen auf den Religionsunterricht. Werden auch wir folgern „entweder — oder” ? Hatte sich der Herr Professor die Frage gestellt, wie wird der Mensch reli¬ gios oder wie erlangt der Gymnasiast eine tiefe und moglichst vollkommene Religiositat, die eben das Endziel des Religions- unterrichtes am Gymnasium ist, so hiitte er nicht so vieles von der Konzentration abhangig gemacht. Doch gesetzt den Fali, es wurden die Professoren in ihren Fachern stets auch auf religiose Tatsachen himveisen, so wird fiir diese Konzentration auch gefordert, dah die Schiller religios sind, daB sie das vom Lehrer Plervorgehobene auch religios verwerten konnen. Nicht die Wissenschaft macht den Menschen religios, son- dern ein religioser Mensch durchschaut die Wissen- schaften vom religiosen Standpunkte. Die Wissenschaft kann nur den religiosen Sinn vertiefen, indem durch sie gleichsam der Vorhang himveggezogen wird, um das religiose Auge auch unbekannte Gebiete schauen zu lassen. Deshalb ist die Konzentration wohl sehr wiinschenswert, je- doch nicht so allgemein erforderlich. d) Der Religionslehrer. Seite 250 zitiert das Buch Grim- michs eigentiimlicherweise: Aller Erfolg des Religionsunter- richtes liegt in der Person des Lehrers, und wenn diese auch fiir die anderen Gegenstande von Wichtigkeit ist, so ist sie fiir unseren Unterricht geradezu die Haupt-, wenn nicht die einzige Bedingung des Gelingens.” Er behandelt dann, was der Lehrer alles im Auge zu behalten hat: die individuelle Eigenart des Schulers mit ihren Fahigkeiten und Bediirfnissen, das 140 Leben im Eltern- oder Kosthause und in der Schule, den Lehr- kdrper der Anstalt, die Gesellschaft und die Zeit mit ihren eigentiimlichen Richtungen intellektuellen, asthetischen, ethi- schen und sozialen Lebens, die Lekture, die Betatigung des katholischen Glaubenslebens in der Teilnahme am Gottesdienste und im Gebrauche der Gnadenmittel. Dies ist sehr richtig, man soli danach streben, daC man tiichtige, in jeder Beziehung fahige Religionslehrer anstelle. DaB die Personlichkeit des Lehrers jedoch die „Haupt-, wenn nicht die einzige Bedingung des Gelingens” ware, das konnen wir fiir die jetzige Einrichtung des Religionsunterrichtswesens an den Gymnasien in jenen Fallen, wo der Erfolg teilweise gelungen ist, gelten lassen, im allgemeinen aber nicht. Wo gelingt iibrigens die religiose Erziehung? Es gibt ja Reli¬ gionslehrer, die wirklich die Fahigkeiten besitzen, die der Beruf fordert, doch sie konnen sich eines sicheren allgemeinen Erfolges nicht riihmen. Somit wird es doch nicht so sehr an der Personlichkeit des Lehrers liegen! tlbrigens konnen wiretwa nur zur Halfte rechnen auf ideale Religionslehrer?! Grimmich zitiert selbst Seite 112 den Professor Dr. A. Hartl: ,.Diese drei Dinge gehoren zusammen wie eine unzertrennliche Drei- faltigkeit: der Lehrplan, das Lehrbuch und der Lehrer. . . . Wenn unseren Schiilern in der gegenwartigen Zeit Ideil werden soli, so ist der Retter in dem Lehrbuch zu erblicken, das uns mit dem Lehrplane wieder versohnt, von dem wir abgewichen sind.” Somit kommt viel, jedoch nicht alles auf den Lehrer an! Nachdem ich hier kurz zur Orientierung des Lesers jene Punkte hervorgehoben habe, in denen ich mit dem ausge- zeichneten Werke Dr. Grimmichs nicht iibereinstimme, will ich gleich hier meine Grundsatze aufstellen, die zum ge- wiinschten UnteiTichtsziel am Gymnasium fuhren konnten: 1. Der Religionsunterricht baue nicht auf irgend welche aufiere Nachhilfe, sondern miisse sich in sich selbst angesichts der dargebotenen Wahrheiten genug stark fiihlen, dieJiinglinge fiir dieSacheGottes dauernd zu gewinnen. 141 2. Man bedenke die geringe Stundenzahl und den schon bei den Volksschulen erwiihnten Umstand, dab der Verstand der Schuler durch einen weit groberen Zeitraum von anderen Gegenstanden okkupiert ist, darum nur schwer die Zeit und auch die Neigung fin- det, sich in den religiosen Unterricht zu vertiefen. Man wird deshalb solche Mittel anwenden, dab der Sehiiler gezwungen wird, sich mit den religiosen Fragen zu beschaftigen. 3. Man rechne auf eine mittelmabige Tiichtigkeit des Lelirers und mache nicht den ganzen Erfolg vom Lehrer abhangig. Man sorge fiir einen verniinftigen Lehrplan und gute Lehrbiicher; unterrichte nament- 1 i c h auf Grund der heil. Schrift, wirke auf das Ge- miit und Willensleben durch religibse Lekture ein. 4. Sorge dafiir, dab das auBere Auftreten der Kirche dem ivahren Fortschritt der Neuzeit entspreche und der Schiller nicht eine gewisse Furcht empfinde, die zwar wahren Lehren einer in ihrem auberen Auf¬ treten jedoch riickstandigen Kirche anzunehmen und zu bekennen. 5. Beachte beim Unterrichte alle piidagogischen Grundsatze und verlange auch vom Lehrer, dab er die notwendige Eignung besitze. 6. Man iiberzeuge sich, dab eine fachmannische Inspektion notwendig ist. 7. Sorge dafiir, dab den Schiilern gute christliche Lektiirezu Gebote stehe — durch Griindung von Biblio- theken — und dab gute Gebetbiicher in den Handen der Schiller sich befinden und armere diese Gebetbiicher gr a tis bekommen. 8. Sorge fiir Behelfe fiir den Anschauungsunter- richt und pflege den religiosen Gesang. Ad 1. Wir sind ganz allein auf uns selbst angewiesen; dies zeigt die ganze Konstellation der Zeit. Wir diirfen uns nicht auf die Forderung des konzentrischen Unterrichtes verlegen, weil eine solche Forderung unerfiillbar ist. Wir miissen trachten, 142 namentlich die Grundpfeiler der Religion tief in das Herz des Jiinglings zu versenken und auf diesen Grundpfeilern das iibrige Religionsgebaude anfzubauen. Die Grundpfeiler sind: a) Gott, (3) Jesus Christus, y) die Kirche, d) das Sitten- gesetz. Wir werden uns bemiihen, dem Jiinglinge die Lehre von Gott in seiner ganzen Gr5Be und Liebe, von Jesus Christus in seiner Erscheinung und in seinem Wirken, von der Kirche als der weiteren Exekutive der Mission Christi, vom Sitten- gesetz als dem Ausflufi des gottlichen Willens, geoffenbart durch das naturliche Licht der Seele und das iibernatiirliche der christlichen Offenbarung, beizubringen. Bis zur achten Klasse werden wir immer bauen, ohne die Angriffe abzuivehren, so daB nach der Vollendung des Baues die feindlichen Angriffe von selbst zuriickgewiesen werden. Das Gegenteil der Wahrheit mufi als Verirrung des Verstandes, entsprungen der Bosheit des Willens oder verschuldeter oder unverschuldeter Un- kenntnis, von selbst erscheinen. Nicht Sucher der Wahr- heit, sondern Besitzer der Wahrheit, der jeden Ubergriff auf sein Besitztum zuriickweist, mufi der Schiller sein, der das Gymnasium verlaGt. Ad 2. In der Woche sind nur zwei Stunden fiir den Religionsunterricht bestimmt. Die Folge davon ist, daB der Schiller 12- bis 15mal mehr von anderen Fachern in Anspruch genommen wird, und dati die religiosen Eindriicke von anderen Erkenntnissen fast erdriickt \verden. Aufierdem halte man sicli vor Augen, daB der Schiller nicht immer ein zur Aufnahme der vorgetragenen Lehren willfahriges Geschopf ist. Gerade wahrend der feierlichen Religionsstunde meditiert er vielleicht liber den Gegenstand, aus dem er in der nachsten Stunde gepriift wird. Oft treibt er audi offenkundig Allotria. Wir miissen somit jene Mittel anwenden, die auch andere Facher anwenden, namlich schriftliche Arbeiten und religiose Vortrage. Eber den Wert der schriftlichen x\rbeit habe ich schon friiher geschrieben. Schriftliche Arbeiten verlange ich fiir das ganze Gymnasium, allerdings nicht schriftliche Arbeiten, wie sie hie und da wohl gegeben werden, namlich solche, welche die miind- liche Prufung ersetzen, vielleicht im Semester einrnal gegeben 143 werden und sich auf gewisse Kapitel des Lehrbuehes erstrecken. Die haben einen minimalen Wert. Ich fordere schriftliche Ar- beiten fur zu Hause, daB namlich Themata gegeben \verden. iiber die der Schuler nachzudenken hat. Diese schriftlichen Arbeiten werden den Wert haben: 1. DaB der Schuler sich zu Hause mit religiosen Stoffen befaBt, tiefer iiber sie nachdenkt und sich besser dieselben einpragt; 2. daB der Lehrer sich ein klares Bild entwerfen kann iiber den religiosen Stand seines Schulers; 3. daB der Schiller die Gelegenheit bekommt, sich iiber religiose Themata praziser auszudriicken und zu schreiben, was von eminentem Werte ist; 4. daB die Klassifikationsnote leichter zu eruieren sein wird. Aus der schriftlichen Arbeit wird auch der FleiB des Schulers zu entnehmen sein. Es gibt eine Unzahl von Themata, die von den Schiilern leicht und mit Freude ausgefiihrt werden. Fiir die achte Klasse mochte ich Themata stellen, wie z. B.: 1. Erkenntnis Gottes in der Natur, 2. welche Bedeutung hat die Religion fur das Volk, 3. wie unterscheidet sich die altklassische Religion von der christlichen, 4. wie die alttesta- mentliche von der christlichen Religion, 5. das Leben des Men- schen mit Religion, 6. ohne Religion, 7. praktische Ausarbeitung der in den Kapiteln x, y der „Nachfolge Christi von Th. v. Kempen” enthaltenen theoretischen Lehren, 8. warum sind in der Kirche auch MiBstande vorgekommen, 9. meine religiosen Vorsatze fiir das Leben, 10. das Lebensende, wie ich mir es wiinsche, 11. was hat man in Versuchungen zu tun, 12. der Priester, der Troster am ICrankenbette, 13. die Nachstenliebe bei den heidnischen, bei den christlichen Volkern, 14. \vie hat sich die moderne „Humanitat” entwickelt, 15. Schaden des Alkohols fiir das religios - sittliche Leben, 16. Homilien, 17. etc. etc. Der miindliche Vortrag soli fiir die siebente und achte Klasse bestimmt sein. Er hat zunachst jene Bedeutung wie die schriftlichen Arbeiten, da er ja zunachst schriftlich verfaBt und 144 dem Religionslehrer zur Korrektur iibergeben werden mufi; weiters soli er bezwecken, daB sich der Schiller gewohne, seine religiose Eberzeugung auch vor seinen Kommilitonen zu bekennen. Ich wiirde auch statt der sonntiiglichen Exhorten einen Schiiler selbst vortragen lassen, etwa eine Viertelstunde hindurch, worauf ich noch meine eigenen Zuspriiche und Er- klarungen hinzufiigen wiirde. Der štete Wechsel der dazu noch aus der Mitte der Schiller gewahlten Vortragenden wiirde groBes Interesse erwecken und auch gegenseitige Erbauung befordern. Ad 3. Wir werden auch nicht rechnen auf ideale Religions¬ lehrer am Gymnasium, weil dies eine unerfiillbare Forderung ist, wiewohl wir durchaus verlangen miissen, daB die Religions¬ lehrer die Priifung nicht nur theoretisch ablegen, sondern daB sie auch praktisch dazu herangezogen werden, etwa nach den Vorschlagen des Professors Dr. Grimmich. Doch auch hier miissen wir die Bemerkung beifugen, dafi es nicht immer richtig ist, daB diejenigen, die ein katechetisches Seminar be- sucht haben, oder iiberhaupt dazu praktisch angeleitet wurden, gerade die fahigsten Lehrer sein miifiten. Es ist mehr notwendig, daB der Lehrer von den Aufgaben des Religionsunterrichtes durchdrungen ist und auch genug Willen hat, diese Aufgaben zu erfiillen. Doch von tuchtigen Lehrern verlieren viele im Alter entvveder durcli Krankheit oder durch andere Umstande ihre Ener- gie, so daB ihre Personliclikeit wenig zur Erziehung der religiosen Charaktere beitragt. Sie zu entfernen, ist nicht immer angezeigt. Alle diese Umstande pladieren dafur, daB ein gutes Lehr- buch notwendig ist. Dieses darf nicht katechismusartig verfafit sein, sondern nach didaktischen Grundsatzen. Beziiglich der Volksschule habe ich gefordert, daJ3 das Religionslehrbuch durch Mitwirkung samtlicher Katecheten in der dortselbst ange- deuteten Weise verfafit sein soli. Das ist dort notwendig, weil wir kein einziges Buch haben, das uns als Muster dienen konnte. Aufierdem verlangt die Verfassung des Lehrbuches fur die Volksschulen eine viel groBere Erfahrung und eine viel grdfiere Meisterschaft, um in die Herzen der Kleinen Eingang zu finden. Ferner ist das Schiilermaterial an der Volksschule 145 sehr verschieden, so dafi ein Buch von einem Einzelnen, der eine beschrankte Erfahrung liber die Schiller hat, nicht alle zu- friedenstellen kann. Das Gymnasium hat mehr oder weniger auf gleicher geistiger Stufe stehendes Schulermaterial, da der Anfnahme eine Priifung vorangeht; deshalb kann hier ein Buch von einem Einzelnen verfafit leichter entsprechen als an der Volksschule. Fiir die Glaubens- und Sittenlehre haben wir ein Meisterwerk, namlich Spiragos Volkskatechismus, ein geniales Werk, dem man von allen Seiten grofie Beachtung entgegen- gebracht hat. Es ist nicht notwendig, iiber die Bedeutung des Buches weitere Worte zu verlieren. Allerdings ist das Buch in dem jetzigen Umfange nur zu gebrauchen fiir den Fali, daB der Lehrer selbst manches auslaht, was aber wieder Anlafi zu mancher Willkiirlichkeit geben wurde. Am besten ware es, wenn der Verfasser oder sonst ein bevollmachtigter Religions- lehrer den „Volkskatechismus” nicht bezuglich der Anlage oder des Haupttextes umandern wiirde, sondern von der Vielheit der oft psychologisch unverbundenen Gedankenschatze die un- bedeutenderen weglassen, die Erklarungen und Begriindungen in einen systematischen Zusammenhang bringen wiirde. Ich wiirde mich gliicklich schatzen, wenn ich alle diese im Volks¬ katechismus angesammelten Gedanken im Gedachtnisse hiitte. Verlangen wir somit aucli von den Gymnasiasten nicht zuvieh Es ist auch nicht ganz richtig, zur Illustrierung ein und der- selben Sache allzu viele Beispiele anzuwenden. In Spiragos Volkskatechismus haben wir ein Meisterwerk, das die ganze Welt, auch sehr viele Bischofe als solches anerkannt haben. Warum soli man dieses Meisterwerk nacli Anpassung der Form den Schiilern vorenthalten? Sobald von einem an- deren ein besseres Buch geschrieben wird, dann werden wir dieses einfiihren. Der Volkskatechismus hat mit dem Ivatechis- mus in der heutigen Volksschule den Namen gemein, sonst nichts Wesentliches. Die Apologetik ist erst in der achten Klasse einzufuhren. nachdem in den fruheren Klassen der religiose Bau bereits vollendet worden ist. Ist die Festung fertig, furchtet man nicht so sehr den Feind, wie wahrend des Baues. V o gr in ec, nostra culpa. ia 146 Fiir die Apologetik haben wir kein vorbildliches Buch, obwohl wir Mr dieselbe Quellen von musterhafter Beschaffen- heit besitzen. Der franzosische Priester Segur hat ein herr- liches, moglichst populares apologetisches Werkchen verfaBt, in sehr anziehender Form. Fiir die deutsehen Verhaltnisse ist es bearbeitet von Miiller und Mhrt den Titel: „Antworten auf die Einwurfe gegen die Religion”. Der Franzose versteht, auf den Verstand und das Gemiit gleichzeitig einzuwirken; deshalb hat das Biichlein die Wande- rung durch die ganze Welt gemacht. Fiir die kurze Unter- richtszeit in der achten Klasse ist es sehr geeignet und wird ungleich mehr nutzen, als die gelehrten Biicher des Ober- gymnasiums. Fiir die Offenbarungsgeschichte soli man kein eigenes Lehrbuch einfiihren, sondern diese soli auf Grund der Heil. Schrift gelehrt werden; der Lehrer wird nur zu einzelnen Kapiteln notwendige Bemerkungen dik- tieren. Die Umrisse des heil. Landes werden auf die Tafel gezeichnet. Die Schiller miissen sie nachzeichnen. Beim Lesen der heil. Schrift wird die Einleitung zu einem Buch z. B. liber Ursprung, Sprache etc., sowie der pragmatische Zusammenhang kurz skizziert und von den Schiilern notiert. Der Lehrer wird sich bemiihen, dem Schiiler das Verstiindnis fiir die Zeitverhalt- nisse beizubringen, in denen sich z. B. ein biblisches Kapitel abspielt. Wissenschaftliclie Abhandlungen mitZahlen und Namen verfehlen den Zweck. Man sei nicht zu angstlich, um zu glauben, der Schiller Averde Argernis nehmen an manchen Stellen der Heil. Schrift. Ich hatte nichts dagegen, wenn solche Kapitel einfach ausge- lassen wiirden. Meine Anschauung ist es aber, man soli dem Schiller die Heil. Schrift ganz bieten, er soli nicht spater horen oder selbst erproben, daB er nur Teile der Heil. Schrift studiert habe. Warum hat man ihm etwa den ubrigen Teil vorenthalten, wird er sich denken! Deshalb soli die Heil. Schrift wolil ganz geboten werden, jedoch richtig erklart werden. Die Heil. Schrift ist nicht ein heil. Buch in dem Sinne, als ob alle Handlungen und Gebrauclie des jiidischen Volkes und ihrer Fiihrer 147 gottgefallige Handlungen gewesen \varen. Nur das, was ausdriicklich als AusfluB des Willens Gottes erkennbar ist, ist als solcher zu betrachten. Es ist darauf hinzuweisen, daB das Buch vor vielen tausend Jahren verfafit wurde und daB es die Geschichte eines zwar begnadigten, jedoch noch sehr rohen, in den Kinderschulien steckenden Volkes enthalt. Man wird z. B. das Gebaren des agyptischen Josef, wie er den Briidern goldene GefaBe in die Sacke gab, niclit als ideale, nachahmens- werte Tat hinstellen. Wahrend der Burenkriege hat man sich .sehr erbaut an der Frommigkeit der Buren. Ihr Gottesdienst bestand vielfach in der Lesung der Heil. Schrift. Sie empfanden groBe Freude, als durch Intervention der Regierung viele ge- raubte Bibeln zuriickgegeben vvurden. Auch der Englander und Amerikaner schatzt die Bibel hoch. Er kann oft ganze Kapitel von derselben ausvvendig. Dies beweist die Tatsaehe, daB je mehr man die Bibel kennt, sie um so mehr aehtet. Es ist unverantwortlich, daB wir denjenigen, die einstens die hochste Intelligenz bilden werden, die Bibel vorenthalten. Die Leser, die das Gymnasium absolviert haben, sollen sich selbst fragen, ob sie nach Absolvierung der Gymnasialstudien eine klare Vorstellung von der Bibel hatten; es miiBte denn sein, daB sie zufallig zu Hause eine hatten. Die Heil. Schrift wird aber nicht nur dazu im Ori¬ ginale am Gymnasium benutzt werden miissen, um die Offen- barungsgesehichte zu studieren, sondern sie ist stets das wirk- samste Mittel gewesen, um auf den Verstand und das Gemiit gleichzeitig einzuwirken. Durch die heil. Schrift wird die reli- giose Verfassung der Schiller im groBen geschaffen. Sie schildert uns in dramatischer Weise das Heilwirken Gottes. GroBartige Wirkungen erzielt Schillers „Wilhelm Tell”. Ich meine, in dem Schweizer muB das Drama eine gluhende Liebe zu seinem Vaterlande und semeni Helden, dem Wilhelm Tell, her- vorrufen, mehr als ganze Bande von Geschichtschreibern. Ein groBartiges Drama ist auch die Befreiung der Menschheit von der Herrschaft der Finsternis. Dieses groBartige Drama, dessen Held Jesus Christus ist, berichten uns die Evangelisten. Das Gemiit und der Verstand wird hingerissen, wenn das Drama 10* 148 sich dem Ende, dem Kreuzestode, nahert. Der Verstand spricht: Hic est vere filius Dei, das ist wahrhaft der Sohn Gottes, das Herz ruft: Herr sprich! Dein Diener hort. Die Heil. Schrift muB im Originale gelesen werden. Wir vergessen alles, wovon wir nur den Inhalt horten, z. B. von einem Drama; was wir selbst gelesen und studiert haben, das bleibt uns im Gedachtnis und hat auch einen Wert fiir unsere Bildung. Wenn man mir noch soviel Schones von fremden Klassikern erzahlt, wenn ich sie nieht kenne, so messe ich ihnen keine oder nur geringe Autoritat bei. Die Heil. Schrift ist nun aber auf eine hohere Stufe zu stellen als die Klassiker. Ich mufi an den gottlichen Ursprung derselben glauben; schon dieser Umstand allein zivingt mich, daB ich sie kennen lerne im Originale. Man mag mir erzahlen was man will von ihr, \venn ich nicht selbst in sieEinsicht genommen, wird meine Hochschatzung der¬ selben nur eine geringe sein. Die heutige Zeit kennt eine der wichtigsten Glaubensquellen nicht und deshalb glaubt sie auch nicht an die Echtheit dessen, was als aus der betreffenden Quelle kommend angegeben wird. In der Volksschule ist die Kenntnis des ganzen Originales nicht notwendig, da iiberhaupt jeder Unterricht an der Volks¬ schule auf Autoritat beruht. Fiir die Erwachsenen ware es aber ersprieBlich, wenn sie auch mit der ganzen Heil. Schrift be- kannt wiirden, freilich nachdem durch die Schule eine ge- niigend klare Auffassung der Heil. Schrift erreicht und garan- tiert sein wird. Aus allem dem ergibt sich, wie notwendig die Einfiihrung der Heil. Schrift am Gymnasium ist. Wenn der Schiller ge- zwungen ist, sich teuere Atlanten und Worterbiicher anzu- schaffen, so wird der Zwang zur Anschaffung des „goldenen Buches”, des „einzigen Buches”, das er im Leben ofter auf- schlagen soli, noch begreiflicher. DaB die Kirche verlangt, daB die Heil. Schrift mit Kom- mentar versehen sein soli, ist nur zu begriiBen. Ichhabefruher Professor Dr. Grimmich zitiert, welcher der Personlichkeit des Lelirers eine groBe Rolle im Religionsunter- 149 richte beimiBt. Das ist sehr richtig; jedocli sind ideale Reli- gionslehrer selten, namentlich solche, deren Lehren mit ihrem Handeln iibereinstimmen. Trotzdem will auch ich, daB der Schil¬ ler religios ideale Gestalten reden hort und handeln sieht und sich an ihren Lehren erbaut. Dies werde ich erreichen durch Vorliihrung von schwunghaft geschriebenen, von Kunstlern verfafiten Biographien der Heiligen. Namentlich aber will ich vor den geistigen Augen des Schiilers die Martyrer der ersten Zeit handeln lassen durch Darbietung der „Fabiola” oder des „Lebens in den Katakomben”. Das Werk wurde schon vielfach bearbeitet und auch wissenschaftlich korrigiert. Wie wird dem Jiingling das Herz brennen, wie grofi wird ihm jener christ- liche Glaube erscheinen, fiir den tausende mit Freude in den Tod gingen! Die religiose Verfassung wird genahrt, der Verstand und das Gemiit beeinfluBt. Bei weitem mehr wird das Lesen des Buches mit der Nachhilfe des Lehrers nutzen als die weit- laufigen, trockenen Darstellungen von der Ausbreitung des Christentums und von den Christenverfolgungen. Ich will aber auch, daB der Schiller zum Nutzen seiner Verstandes- und Gemiitsbildung in den Glaubens- und Sitten- lehren in einer vollendeten, kijnstlerisch gegebenen Form unterrichtet werde. Freilich wird selten ein Lehrer diese Form treffen; jedoch diese Forderung wird hinlanglich ersetzt, wenn wir den Schiller die herrliche Sammlung von religiosen Perlen, von zum Herzen gehenden Predigten und Betrachtungen des P. Doss, S. J., sowohl in der Schule als auch zu Hause unter der Leitung des Lehrers lesen und betrachten lassen. Das Werk ist betitelt: „Gedanken und Ratschlage gebildeten Junglingen zur Beherzigung.” Von P. Adolph von Doss, S. J., Herder- sche Verlagshandlung, Freiburg i. B. Wer das Buch nicht kennt, dem rufe ich zu: „Nimm und lies” und wenn du Religions- lehrer bist, sorge dafiir, daB moglichst viele Schiller das Buch besitzen. Die ethischen Bliiten des Christentums, den feinsten Ex- trakt der christlichen Sittenlehre enthalt die „Nachfolge Christi” von Thomas von Kempen. Ich habe gehort, daB die Jesuiten ihren Zoglingen zunachst dieses einzige Betrachtungsbuch in 150 die Hand geben. Sie haben auch recht. Nur die vom Haus aus frommen Laien werden von selbst Verstandnis fiir das Buch haben; und doch haben wir in dem Buche einen herrlichen Schatz der katholischen Kirche; und es trifft uns die Schuld, wenn wir diesen Schatz nicht weiteren Kreisen eroffnen. Dies \vird geschehen, wenn die „Nachfolge Christi” in der achten Klasse unter der Leitung des Lehrers gelesen und studiert wird. Manches Kapitel paBt allerdings mehr fiir Klosterinsassen, doch soli nichtsdestoweniger dem Schiller die Tugend hoherer Vollkommenheit klar gemacht werden. Die Apologetik wird mehr den Glauben verteidigen, Thomas von Kempen aber in positiver Weise die christliche Sittenlehre vor Augen fiihren. Ich zweifle durchaus nicht, dab die meisten Schiller das Biichlein lieb gewinnen und in das Leben mitnehmen werden; und haben wir das erreicht, dann haben wir genug erreicht. Um den Schiller zum offenen Glaubensbekenntnis zu be- wegen, ihm Sinn fiir das Schone und Gute beizugeben, ihm Vaterlandsliebe einzuflofien, wird kein verniinftiger Padagoge gelehrte, schwungvolle, wissenschaftliclie Vortrage iiber den Glauben, iiber die Asthetik und Ethik, liber die Vaterlandsliebe halten, sondern er wird meistenteils durch Vorfiihrung von Beispielen und Mustercharakteren, durch gute Lekture und Schilderung asthetischer und ethischer Gegenstande, durch Be- schreibung der Vorziige des Vaterlandes und Biographien be- kannter Patrioten zumZiele gelangen. Aus dem Vorhergehenden wird auch klar, \vas ich unter religioser Verfassung verstehe und welche Bedeutung ich ihr in der Schule beimesse. Die Kirche, bestimmt, das von Christus geschaffene Werk zu erhalten und die Segnungen desselben der ganzen Welt und zu allen Zeiten zukommen zu lassen, besteht bereits 19 Jahr- hunderte. Es geziemt sich, dah der Intelligente die Entwicklung- der Sozietat, der er angehort, kennt. AuBerdem ist auch die Entfaltung der Kirche in vielfacher Beziehung die Apologie des Christentums. Wie sehr es auch wunschenswert ware, daB die Kirchengeschichte in ihrer ganzen Aufeinanderfolge ohne Riick- sicht auf die von Laien vorgetragene Weltgeschichte am 151 Gymnasium vorgetragen wiirde, so ist dies doch nicht durch- fiihrbar, weil die notwendige Zeit fehlt. In der achten Klasse ist die Apologetik unbedingt notwendig. AuBerdem ist durch den Vortrag der Kirchengeschichte in einem Jahre durch etwa 70 bis 80 Stunden auch nicht viel geholfen. Wir mussen uns in anderer Weise helfen, um doch zu erreichen, dah der Schiller ein genaues Bild von ihrer Entwicklung hat und namentlich ihre Kulturarbeit kennen lernt. Deshalb werden wir unser Augenmerk auf den Umstand richten, dah die Weltgeschichte am Obergymnasium durch drei Jahre, auGerdem noch die Vater- landsgeschichte durch ein Jahr in wochentlich drei Stunden verhaltnismafiig intensiv behandelt wird. Die Geschichte der Kirche ist aber auf das innigste mit der Profangeschichte verbunden; die Geschichte des Mittelalters ist auch die Ge¬ schichte der Kirche, wahrend erst in der allerneuesten Zeit die IVeltgeschichte ihre eigenen Wege geht. Wir durfen damit nicht rechnen, wenn es auch ofter geschieht, daG der Lehrer der Weltgeschichte die Stellung der Kirche richtig markieren und ihre Tatigkeit in geziemender Weise hervorheben solle. Es wird vielmehr die Aufgabe des Religionsprofessors sein, anschlieGend an die IVeltgeschichte der Kirche den richtigen Wert und die gebiihrende Stellung in derselben zuzirvveisen. Wie wird dieses geschehen? In der funften Klasse wird die profane Geschichte bis zum Untergange des romischen Reiches vorgetragen. Das Christentum arbeitet mehr im stillen, um die IVelt zu bekehren; in der Geschichte macht es sich namentlich durch seine Verfolgungen bemerkbar. Die profane Geschichte gibt uns in ausgezeichneter Weise die Konstellation der Zeit. Da wird nun der iibrige Religionsunterricht etwa einen Monat vor SchulschluB abgeschlossen und der Religionslehrer wird sich durch acht Stunden einzig und allein mit der Kirche in dieser Periode beschaftigen, indem er alle wichtigen, zum Verstandnis der Entfaltung der Kirche notwendigen Momente hervorheben, deutlicher erklaren, hie und da, ohne gegen den Fachprofessor der profanen IVeltgeschichte zu arbeiten, rektifizieren wird. Im Mittelalter zeigt sich die ganze Kraft der Kirche, und die Geschichte muB sich Schritt an Schritt mit der Kirche beschiif- 152 tigen. Die Tiitigkeit der Kirche ist eine vielfiiltige; deshalb wird der iibrige Religionsunterricht zwei Monate vor Jahres- schlull abschlieBen. Hier wird die Kulturarbeit der Kirche nach allen Richtungen hervorgehoben und namentlicli werden jene Ab- schnitte behandelt, die zum Gegenstande der Vonvurfe der Gegner werden. In der siebenten Klasse behandelt die profane Geschichte die Neuzeit; der Religionslehrer wird in gleicher Weise in einem Monate die wichtigsten Ziige der Kirchenge- schichte hervorheben. Hierwird die Reformation besprochen, die Wiederbelebung des kirchlichen Geistes seit dem Tridentinum; der geistige Abfall der Intelligenz vom positiven Glauben in den letzten zwei Jahrhunderten wird besonders hervorgehoben. Doch auch die Bemiihung der Kirche, sich gegen die Angriffe zu wappnen, wird nicht auBeracht gelassen. Es wird aber ab- solut notwendig sein, daJ3 man die freiheitlichen Bewegungen der Neuzeit nicht' samt und sonders verurteilt, sondern auch das Gute derselben hervorhebt. Auch wird man MiBstande, die hie und da eingerissen sind, nicht verschweigen; uberhaupt nicht alles als fehlerlos und ideal hinstellen, was es nicht ist. Wenn der Schiller spater gewahr wird, daB es doch in der Kirche nicht immer so ideal zugegangen ist, wie der Reli¬ gionslehrer es vorgebracht hat, daB er somit getauscht worden ist, wird er auch gegen das Wahre, das der Lehrer vorgetragen hat, miBtrauisch oder sogar von HaB erfiillt. Es ist dies ein Fehler, der nicht genug getadelt werden kann, da er sehr viel Unheil anrichtet. Die wichtigsten Kapitel der Kirchengeschichte sollen in ein Bueh vereinigt werden, welches sich an ein gewdlinlich eingefiihrtes Lehrbuch der Profangeschichte anschlieBen soli, z. B. an das Lehrbuch von Gindely. Die Verfassung eines solchen Buches begegnet keiner Schwierigkeit. DaB die Kirchengeschichte nicht in die fiinfte Klasse ge- hort, wie Professor Grimmich verlangt, ist einleuclitend, da der Schiller noch keinen genugenden Uberblick iiber die ge- samte Weltgeschichte besitzt; deshalb hat der bischofliche Lehrplan die Kirchengeschichte fiir die achte Klasse bestimmt, vvodurch die Apologetik nicht eigens vorgenommen werden, 153 sondern sich nur nebenbei bei den einzelnen Lehrsatzen durch das Gymnasium als Anhangsel fortfristen konnte. Durch meine den Verhaltnissen entsprechenden Vorschlage kommt sowohl die Apologetik als auch die Kirchengeschichte auf ihre Rechnung, diese letztere, indem sie sich an den Gegenstand der Weltgeschichte anschlieBt und dadurch auch mehr bei den Schulern erzielt; die erstere, weil sie ihren Platz in der achten Klasse findet, \vo der Schiller dem Bildungs- ziele nahe ist und bereits im Besitze des ganzen religiosen Baues ist. Ad 4. Es muB auch dafiir Sorge getragen werden, daB in den Einrichtungen der Kirche nichts zu finden ist, was bei den Intelligenten AnstoB erregt oder weshalb sie als „riick- standig” bezeichnet wird. Die Menschen sind einmal so, daB sie nach dem aufieren Auftreten oder nach der aufieren Er- scheinung ihr Urteil fallen. Nun soli man bedenken, daB sich der Mittelschuler immer mehr der Intelligenz nahert und daB er sich bemiiht, bereits uber vieles sich sein eigenes Urteil zu bilden. Wenn er nun zur Einsicht kommt, daB manche Einrich- tung in der Kirche nicht ganz zutreffend ist und wenn er sieht, daB sich auch die Hochgebildeten unzufrieden erklaren mit manchen Sachen, wenn diese auch unbedeutend sind, so wird er auch mifitrauisch gegen die Lehren der Kirche; er wirft auch das religids Gute weg und wird das, was heute der Hochschulstudent ist. Die Kirche besitzt die idealsten Lehren und verlangt von ihren Angehorigen, daB sie auch nach den von ihr proponierten Idealen streben; deshalb ist es auch ihre dieser Tatsache entsprechende Pflicht, dafiir Sorge zu tragen, daB ihre Diener und ihre Einrichtungen uber das gewohnliche Niveau hinausragen und sich durch eine gewisse relative Vollkommenheit auszeichnen. Dieser Umstand verdient, daB sich die kirchlichen Kreise denselben stets vor Augen halten, so oft sie irgend einen erziehlichen EinfluB auf die Intelligenz ausuben wollen. Ad 5. Sehr viele finden von selbst den richtigen Er- ziehungsmodus, jedoch nicht alle. Deshalb sollen diejenigen, die auf eine Religionslehrerstelle aspirieren, einen eigens einge- 154 fiihrten Kurs besuchen oder wenigstens eine Zeitlang bei aner- kannten Padagogen zuhoren. Das Priesterseminar hat anch die Aufgabe, wie ich spater ausfiihren werde, die Kandidaten zu tiichtigen Volksschulkatecheten heranzuziehen. Ich habe die Lberzeugung, daB in der Regel ein tiichtiger Katechet der Volksschule auch ein tiichtiger Religionslehrer sein wird, voraus- gesetzt, daB er das notwendige Wissen besitzt. Zur Vorsicht soli der Aspirant jedoch friiher den Beweis von seiner Eignung liefern. Ad 6. Jedeiunann wird eine Inspektion fiir notwendig halten, und zwar eine fachmannische. Sonst kann der Fali ein- treten, dafi sich der eine bemiiht, der andere jedoch der Sache gleichgiltig zuschaut, der eine baut, der andere niederreifit. Als Inšpektor wird nicht der nachstbeste ernannt, etwa ein Domherr, der nicht die notwendige Eignung besitzt, sondern Fachleute, die durch ihre Leistungen gezeigt haben, daB sie die Aufgaben und Ziele des Religionsunterrichtes verstehen und sie auch erreichen konnen. Wahrend meiner Studienzeit wurde der Religionsunterricht nie inspiziert. Zum Gliick haben wir einen Professor gehabt, der sovi el geleistet hat, als eben von ihm abhangen konnte. Ad 7. Es soli auch fiir passende religiose Lekture gesorgtwerdenundfiirGebetbiicher, diedemBildungs- grad der Jugend entsprechen. Der Klerus baut alle mog- lichen Wohlfahrtseinrichtungen, die nicht immer der Religion die gewiinschten Erfolge bringen. DaB man mit minimalem Gelde nicht Bibliotheken errichtet, in denen etwa nur die aus- erlesensten christlichen Werke heimischer und auslandischer Provenienz enthalten waren, was jahrlich eine Kleinigkeit kosten wiirde, ist unerklarlich. Allerdings haben nicht alle Schiller Zeit zum Lesen, doch die begabteren finden noch immer Zeit dafiir. Der Gymnasialjugend wird oft ein minderwertiges Zeug zum Lesen dargeboten; wie wiirde sich die Begeisterung fiir christliche Ideale steigern, wenn die christlichen Kunstwerke, wie Weber, Dante, Sienkiewicz etc. der Jugend erschlossen wiirden?! Auch gute Gebetbiicher sind von unschatzbarem Werte. Es geniigt nicht nur, daB der Študent Gebetbiicher hat, sondern 1B5 es ist auch notwendig, daB er gute Gebetbiicher besitzt. Hier ware eben die christliche Charitas am Platze. An manchen Anstalten bekommen die Schiiler die meisten Biicher umsonst. Durch kleine Geldspenden konnten den Armeren auch umsonst die Gebetbiicher verscliafft werden. Von den Religionslehrern zu verlangen, daB sie die minimale Summe opfern, ware eine Unhoflichkeit, wenn sie auch namentlich beziiglich der Pension zwei- bis di'eimal besser situiert sind als die ubrige clericale „plebs”. Das Gebetbuch enthiilt natuiiich Gebete, und die Gebete sind Gesprache mit Gott, sie sind Herzensergiisse der nach Gott verlangenden Seelen. Aus allen meinen Grundsatzen wird auch zu ersehen sein, was von den Verfassern lateinischer und griechischer Gebetbiicher und auch von denen zu halten ist, \velche die Einfiihrung solcher fremdsprachiger Gebetbiicher gutheiBen. Die haben einen Begriff von der religiosen Bildung amGymnasium! Jeder, der schon jahrzehntelang unterfremden Volkern lebt, wird noch immer am liebsten in seiner Mutter- sprache zu Gott beten. Dem Gymnasiasten, der mit Ach und Weh den Tacitus oder Demosthenes entratselt, gibt man ein lateinisches oder griechisches Gebetbuch in die Hand, damit er wahrend des Gottesdienstes Satzkonstruktionen macht und sich iiber die kirchlichen technischen Ausdriicke den Kopf zerbricht! Freilich dem Studenten schmeichelt es, sich von dem iibrigen Volke zu unterscheiden und in ein lateinisches oder griechisches Gebetbuch hineinzuschauen. * Vielleicht will man in dem Studenten Interesse fiir das Gebetbuch erwecken; nun da bleibt es beim Interessieren und es kommt nicht zum Beten. Ob dieses Interessieren auch zur andachtigen Teilnahme am Gottesdienste gehort?! Auch in unserem Lande ist ein solches Gebetbuch erschienen. Scheinen auch die Erfolge danach zu sein! Traurig! Ad 8. Die weltlichen Fiicher haben in ihren Lehrbiichern herrliche Illustrationen. Ich sah vor nicht langer Zeit ein herrlich illustriertes Spezialworterbuch zu Casars Schrift: „De bello gallico” und dachte mir, wie viel leichter wareuns das Ver- standnis seines Buches gekommen, venn wir im Besitze des be- 156 ziiglichen Spezialworterbuches gewesen waren. Auch die Ge- schichte verfugt iiber schone Illustrationen, dienoch durchgroBe Wandbilder vervollstandigt werden. Heutzutage wird iiberhaupt fast jedes Buch illustriert, sogar die Kochbiicher und schlichte Erzahlungen aus dem Volke. Ist nun die religiose Sache nicht einer geniigenden, kunstlerischen Illustration wert? Deshalb stelle ich das Verlangen, daB namentlich archaologische Bilder zum Verstandnis der heil. Schrift, z. B. Bilder von Palastina, den historischen Stadten des Landes, vom Tempel, Zelt u. s. w., ferner zum Verstandnis der Kirchengeschichte Bilder von ge- schichtlichen Kunstdenkmalerci, zum Verstandnis des Ritus liturgische Bilder bescliaffen werden und daB sich aucli an jeder Anstalt eine bestimmte Anzahl solcher Bilder befinden miiBten. Da fur die erste und zweite Gymnasialklasse dasselbe Lehrbuch gebraucht werden miiBte wie in der Volksscliule und da in diesem Lehrbuche passende Lieder samt Noten enthalten sind, so sollen hauptsachlich in diesen Klassen diese Lieder dfters gesungen werden, sei es wahrend des Religionsunter- richtes, sei es wahrend des Gottesdienstes. Sonst soli aber der Religionslehrer dafur verantwortlich gemacht werden, daB das religiose Lied durch samtliche Klassen Pflege findet, und zvar nicht nur bei den Sangern, sondern bei allen Schiilern. Alle Schiller miissen imstande sein, jeder nach seiner Art, ihren Gefuhlen in Form eines Liedes Ausdruck geben zu konnen. Bei der Kneipe singen alle; sie sollten auch singen konnen, wenn sie fromm gestimmt sind. Manches werden sie vergessen, jedoch wenn einmal eine fromme oder auch frohliche Stimmung sie erfaflt, wird ihnen die Arie in das Gedachtnis zuriickkommen und mit der Arie der Sinn. Die Liturgik ist anschlieBend an das Kirchenjahr nur mundlich zu erklaren und durch die Bilder zu verdeutlichen. tlbrigens was soli der Intelligente von der Liturgie wissen? Wenn es die Zeit erlauben wiirde, so ware allerdings eine vollstandige Erklarung der Liturgie wiinschenswert, jedoch am wenigsten in der zweiten und dritten Klasse. Unsere Liturgie ist nicht eine plotzlich eingefiihrte, auch nicht so leicht ver- 157 standliche, daB das bloBe iiuBere Zeichen oder die iiuBere Hand- lung den Sinn derselben anzeigen wiirden, sondern sie hat sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet und entspricht oft einer sehr tiefen Auffassung der religiosen Handlungen. Um diese Liturgie zu erfassen, dazu gehort ein angehend geschicht- lich und bereits religios gebildeter Mann. Deshalb messe ich dem Unterrichte der Liturgie in den unteren Klassen einen sehr geringen Wert bei und schatze den Vorschlag des Professors Dr. Grimmich hocb, in allen Klassen bei gegebenen Fallen, dem Fassungsvermogen der Schiller entsprechend, auf die kirch- liche Liturgie liinzuweisen. Die Behandlung der Liturgie als eines besonderen Gegenstandes in den unteren Klassen ist ein Zeichen dafiir, daB man sich in das Verstandnisgebiet und in das Gemiitsleben eines 13- bis Ujahrigen Knaben nicht hineindenken kann, den alles eher interessiert als die Zeremonien der Glocken- oder der Kirchenweihe. Nach dieser Diskussion will ich die Frage beantworten: Was soli der Intelligente von der Liturgie angesichts der obwaltenden Verhaltnisse wissen? Vor allem das, woran er teilzunehmen verpflichtet ist und woran er auch teilzunehmen pflegt, namlicli die Zeremonien der heil. Messe und der Sakramente. An den Zeremonien der Osterwoche be- teiligt er sich nicht und ist auch nicht dazu verpflichtet. Die Zeremonien der heil. Messe und der Sakramente kennt er schon in den Hauptziigen von der Volksschule, respektive den unteren Gymnasialklassen her; deshalb wird der Unterricht aus der Liturgik diese Zeremonien geschichtlich und popular-philo- sophisch begrunden, indem er in denselben einerseits gottliche Institution, anderseits das Bemiihen des menschlichen Geistes nachweisen wird, dem inneren frommen Sinne durch iiuBere Zeichen und Handlungen Ausdruck zu geben. Die ohnehin ver- standlichen Gebrauche zu Weihnachten, zu Ostern, iiberhaupt das Kirchenjahr lafit sich in einzelnen Minuten jedes Schuljahr behandeln. Niemals wird man in den Zeremonien unbegrundete, von frommen Mannern erdichtete Symbolik suchen, auch wird man sich nicht bemiihen, jede Kleinigkeit, iiber die man sich selbst nicht klar ist, zu begrunden, sondern wird derlei Zere¬ monien als altehrwurdig hinstellen. Ich will nun den meinen 158 oben angefiihrten Grundsatzen entsprechenden Lebrplan fiir den Religionsunterricht an den Gyirmasien ent\verfen: Der Lehrplan des Religionsunterrichtes an den Gymnasien: I. und II. Klasse: Das Religionslehrbuch und die biblische Geschichte wie in der Volksschule. Schriftliche Hausarbeiten. Besondere Pflege des religiosen Liedes. Begriindung: Auch die iibrigen Gegenstande schlieBen sicli an den Volksschulunterricht an. In das Gymnasium kommen Schiller zwischen 10 bis 12 Jahren, die somit kaum zwei bis vier Jahre das Religionslehrbuch benutzt haben. Es ist klar, daB diese das Ziel des Religionsunterrichtes an der Volksschule nieht erreicht haben. Am Gymnasium findet somit die Fort- setzung des Religionsunterrichtes der Volksschule statt. Na- mentlich uber den Inhalt der Heil. Schrift werden die Schiller schriftliche Aufsatze liefern. Das Herz der Schiller ist in diesen Jahren sehr empfanglich; deshalb wird das Lied durch den Religions- oder Gesangslehrer wie an der Volksschule ! ganz besonders gepflegt. Der Erfolg wird sein, daB der Schiller seine Religion kennt und sie auch im Gemiit und Willensleben als Triebfeder seiner Handlungen empfindet. III. und IV. Klasse: Die Heil. Schrift des Alten und Neuen Testamentes im Original, kommentiert und illustriert. Einige Kapitel werden unter der Leitung des Lehrers gelesen und erklart, andere zu Hause schriftlich paraphrasiert. Archaologisch und religios wichtige Notizen zur Heil. Schrift, auch zu ein- zelnen Abschnitten derselben werden diktiert und vom Schiller behufs Einpragung in das Mitschreibeheft notiert. Unter der Leitung des Lehrers werden die Biographien groBer Heiliger gelesen und erklart, namentlich solcher, die Mitbegriinder der christlichen Kultur waren, und auch solcher, die der Jugend als Muster eines frommen Lebens vor- leuchten sollen. Das Leben des heil. Benedikt, Franz von Sales, des heil. Bonifazius, des Thomas von Aquin, des heil. Aloisius, der Elisabeth von Thiiringen etc. soli in einem einzigen Buche von einer geschichtskundigen Kunstlerhand beschrieben werden. Auf die Heil. Schrift, auf die Lekture der Biographien der Hei- 159 ligen, auf das Kirchenjahr werden sich die schriftlichen Ar- beiten beziehen. V. Klasse: Der Volkskatechismus des Professors Spirago, I. Teil, Glaubenslehre, bearbeitet fur das Gymnasium mit Illu- strationen. Den letzten Monat die Geschichte der Kirche bis zu Konstantin dem Groben. Lekture: Jede dritte Stunde in der Schule, sonst zu Hause: Wisemann: „Fabiola” oder das Leben in denKatakomben, verkiirzt und wissenschaftlich richtig- gestellt, wie etwa das Buch, herausgegeben von der St. Josef- biicherbruderschaft in Klagenfurt. Schriftliche Arbeiten. VI. Klasse: Katechismus von Spirago, III. Teil, die Gnadenlehre, ebenfalls bearbeitet und illustriert. In die zwei letzten Monate gehort die Kirchengeschichte. Lekture zu Hause und in der Schule: P. Doss, S. J., Gedanken und Ratschlage zur Beherzigung fur einen gebildeten Jiingling (Herder). Das Buch wird manchen Jiingling von der Siinde abhalten, die sich in diesem Stadium einzunisten sucht. VII. Klasse: Volkskatechismus Spiragos, II. Teil, die Sittenlehre, bedeutend verkiirzt und umgearbeitet. Griindlich erklart und gelesen muB das Johannesevangelium werden. Hauslekture: „P. Doss, Gedanken etc.” Schriftliche Arbeiten. Miindliche Vortrage, eventuell Schiiler- exhorten mit anschlieBender Rede des Religionslehrers. In den letzten Monat oder wenn die Zeit nicht ausreicht, in den ersten Monat der VIII. Klasse gehSrt die Geschichte der Kirche in der Neuzeit. VIII. Klasse: Apologetik. Solange wir kein eigenes Buch haben, konnte mit Segurs „Antworten auf die Einwurfe gegen die Religion” (Missionsdruckerei in Steil) mit Riicksicht auf die Kiirze der Zeit gedient werden. Lekture: Hauptsachlich in der Schule: „Die Nachfolge Christi” von Thomas von Kempen. Mehr zu Hause: P. Doss, S. J., Gedanken. Liturgik wird in jeder Klasse, namentlich im An- schlusse an das Kirchenjahr, vorgenommen, das religiose Lied, gute Gebetbiicher, christliche Klassiker nicht auBer- acht gelassen. Schriftliche Arbeiten und Vortrage wie in der VII. Klasse. 160 Was ist vom heutigen Religionsunterrichte am Gymnasinm zu halten? DaB er fast erfolglos ist. Nur sehr gute Religionslehrer erreichen etwas, jedoch nicht geniigend wegen der herrschenden falschen Auffassung sowohl uber die Ziele, als auch liber die Methoden des Religionsunterrichtes nicht nur von ihrer Seite, sondern vielleicht mehr von Seite derjenigen, die den Lehrplan vorschreiben. Wenn der Religionsunterricht wirklich erfolgreich ware, so miiBte man irgendwo Friichte sehen. Doch die sieht man nirgends. Die wirklich katholischen Studenten an den Uni- versitaten sind in so geringer Zahl, daB siegegeniiberTausenden, die vor Monaten noch mit vorziiglichen Religionsnoten das Gymnasium verlassen haben und nunmehr nicht nur im Herzen der Religion Adieu gesagt haben, sondern auch mit StScken auf ihre katholischen Kameraden dreinhauen, vollends ver- schwinden. Die Optimisten sollen einmal beilaufig nachzahlen, wie viele Mediziner, Juristen, Philosophen etc. auch in ihrer Praxis noch gut katholisch genannt werden konnten. Wir Geistliche sind gewohnt, jedem Laien, wenn er geistig noch so inferior ist, aber wenn er noch in unserem Sinne religios ist, alle moglichen Ehren zu bezeugen, weil dies eben etwas Seltenes ist. Unde hoc? An der Volksschule wird Religion unterrichtet, am Gymnasium wird durch acht Jahre strenge die Religion vorgetragen, und dann diese Friichte! An den Lehrerbildungs- anstalten ist es noch arger. Man betrachte die Resolutionen von osterreichischen, bayerischen Lehrern u. s. w. und mache sich die notwendigen Gedankenschliisse! Ich glaube, man wird mich von der weiteren Ausfuhrung entheben. Die Sache ist ldar. Warum ist der heutige Religionsunterricht erfolglos? Meine Antwort geht dahin, daB der Unterricht wohl scheinbar weise und wissenschaftlich vorgeht und baut, jedoch auf sehr schwachem Fundament steht, d. h. er baut, ohne stets auf die natiirliche religiose Anlage des Menschen und ohne auf die Heil.. Schrift, die ja den meisten Abiturienten in ihrer wirklichen Be- schaffenheit unbekannt ist, gebiihrende Rucksicht zu nehmen. Ferner baut er ohne oder nur mit sehr schwachem Bindemittel indem er lose Ziegel auf Ziegel legt, bis der ganze Bau nach 161 dem Abschlusse der VIII. Klasse und — ich konnte mich auf das Zeugnis Erfahrener stiitzen — oft schon friiher zusammen- fallt. Das Bindemittel ist die Durchbildung des Gemiites und Willenslebens, welche zwar immer betont, jedoch nicht aus- gefuhrt wird, da man die Methode des Ausfiihrens nicht kennt. Betrachten wir ganz kurz den Lehrplan des osterreichischen Episkopates. 1. und. II. Klasse: Katechismus. Welchen Wert er hat, habe ich bei der Behandlung des Volksschulunterrichtes aus- gefiihrt. III. Klasse: 1. Semester. Liturgik. Hier werden die Riten mechanisch in ihrer Bedeutung erklart, ohne dah die Sache, auf die sich die Zeremonien beziehen, selbst geniigend vor- gestellt worden ware. Dazu kommt noch, daB zum Verstandnis der Zeremonien eine geniigende historische und religiose Vor- bildung fehlt. 2. Semester. Die Offenbaimngsgeschichte des Alten Testa- mentes. IV. Klasse: Die Offenbarungsgeschichte des Neuen Testa- mentes. Man behandelt hier den Inhalt eines Buches, das man nur dem Namen nach kennt. Ohne Illustration! Es wird einfach nacherzahlt. Auf diese Weise wird die heil. Schrift nie als Quelle gottlicher Offenbarungen erscheinen, sondern hochstens als ein sehr altes Bucli, das viele fromme Erzahlungen enthalt. Nur dann hat die Offenbarungsgeschichte eine Bedeutung, wenn die heil. Schrift als bekannt vorausgesetzt wurde als jenes Buch, aus dem die Eltern des Schiilers oder dieser selbst jeden Sonntag nachlesen. Nun ist aber bekannt, daB in den seltensten Fallen die heil. Schrift beim Volke eingefiihrt ist. Zu bemerken ist, daB Professor Grimmich fiir die I. und II. Klasse die biblische Geschichte verlangt. Er hat nicht beriick- sichtigt, daB sich der Unterricht in den zwei ersten Klassen des Gymnasiums mehr an die Volksschule anschlieBt, aus- genommen natiirlich die klassischen Sprachen, ferner daB der Geschichtsunterricht, und zwar die Geschichte des Altertums erst in der II. Klasse beginnt. Fiir die biblische Geschichte in ihrer historischen Entwicklung hat der Schiller noch kein Ver- Vogrinec, nostra culpa. ji 162 standnis. In den wenigen Religionsstunden wird ihm auch der Lehrer dieses Verstandnis nicht beibringen. Auch ist der Schiller nicht fahig, die heil. Schrift als die Quelle gottlicher Offen- bai-ungen genugend aufzufassen; deshalb ware der Unterricht in der biblischen Geschichte nur eine intensivere Behandlung des biblischen Stoffes, den schon die Volksschule behandelt hat, ohne eigenen Unterrichtswert. Fiir die V., VI. und VII. Klasse verlangt der bischofliche Lehrplan die Glaubens- und Sittenlehre. Man sehe sich die Biicher an! Christus wird durch diesen wissenschaftlichen Apparat nicht in das Herz des jungen Studenten versenkt. Es ist viel Lehren und Lernen um nichts! Der Jungling verlangt nach den Lehren Christi, die ihm das Gemiit erwarmen vviirden; er bekommt jedoch statt derselben ein theologisches System von Definitionen, fremd klingenden Begriffen, hochwissenschaft- lichen Begriindungen zu verschlucken. Die Zeit zum Verdauen gebricht ihm; deshalb erlischt oft das brennende religiose Licht in seiner Seele. VIII. Klasse: Kirchengeschichte. Hier finden wir eine Summe vom Gedachtniskram und von Zahlen in den meisten Biichern. Ubrigens in 70 bis 80 Stunden die ganze Kirchen¬ geschichte vorzunehmen, heiBt die ganze Weltgeschichte in dieser Zeit repetieren, was natiirlich nicht viel Nutzen bringen diirfte. Deshalb muB sich die Kirchengeschichte infolge Kurze der ihr zuGebote stehenden Zeit der Profangeschichte anschlieOen. Wo ist die Apologetik? Ist es verniinftig, friiher die christliche Wahrheit zu verteidigen, etvva anschlieBend an die einzelnen Lehren in der V. bis VI. Klasse, bevor nicht die ganze Wahr- heit des Christentums in die Seele des Jiinglings versenkt wird? Der Religionsunterricht an den Lehrerbildungs- anstalten und Burgerschulen. Noch erfolgloser als an den Gymnasien ist der Religions¬ unterricht an den Lehrerbildungsanstalten. Die bekannten Er- šcheinungen in Osterreich und auch im Auslande beweisen dies zur Geniige. Man trachtet an der Lehrerbildungsanstalt auch im Reli- gionsunterrichte \vie in den iibrigen Fachern mehr danacli, 163 den Kandidaten fiir seinen Beruf vorzubereiten. Man unter- richtet somit in der Religion zum Teile auch so, als ob die Lehrer berufen waren, nach katechetischen Lehrsatzen die Kinder zu unterrichten, anstatt dali jede Minute dafiir ver- wendet wiirde, dali die Kandidaten selbst religios wiirden. Die religiose Erziehung wird sich ahnlich der religiosen Erziehung am Obergymnasium gestalten, die religiose Erziehung an den Biirgerschulen aber ahnlich der religiosen Erziehung am Untergymnasium. Es werden somit fiir den religiosen Unter- richt an diesen Anstalten meine eben vorher bezeichneten Grundsatze maligebend sein. SchluBbetr achtung. Beziiglich der Ausfiihrungen iiber die Volksschule bin ich iiberzeugt, dali sie bei vielen Katecheten Anklang finden werden. Beziiglich der Ausfiihrungen iiber die Mittelschule kann ich mir dieses nicht versprechen. Manche diirften entriistet sein, daB ein Laie in ihrem Fache und dazu noch ein Landpfarrer sich erkiihnt, von den jetzigen Normen des Religionsunterrichtes so verschiedene Normen vorzuschreiben. Sie diirfen vielleicht mit Mitleid auf meine Propositionen herabblicken. Nun sie konnen iiberzeugt sein, dah ich in begriindeter Weise von ihren Erfolgen, die nicht so sehr infolge Mangels an Eifer als vielmehr infolge des Systems, gegen das sie sich nicht riihren, ausbleiben, auch nicht erbaut bin, und daB ich klagend iiber den Verlust an kostbarer Zeit, die sie mit nutzlosem Unter- richte vertrodeln, als auch klagend iiber die Religionslosigkeit der Intelligenz, die durch ihre Hande gegangen ist, mit dem- selben Mitleid zu ihnen hinaufblicke. III. Die Studien und Erziehung an den theologischen Fakultaten und Diozesanseminarien. Wenn sich in irgend einer Institution einer Sozietat infolge einer gewissen Geistesrichtung derselben Mangel vorfinden, so konnen wir iiberzeugt sein, dafi sich in samtlichen anderen 11* 164 Institutionen die dieser Geistesrichtung entsprechenden Mangel nachweisen lassen werden; und so entspreclien auch die heu- tigen theologischen Lehranstalten niclit den Anforderungen, die an diese heutzutage gestellt werden miissen. Ich lasse mich nicht in die Untersuchung ein, ob die einzelnen theologischen Wissenszweige verniinftig vorgetragen werden oder nicht, sondern will nur Erwagung anstellen, ob die Gesamtbildung der Theologen eine richtige ist. Die Aufgabe der theologischen Lehranstalten ist wohl die, die Kandidaten zu reli- giosen Fiihrern des Volkes und zu Aposteln Christi in unter- geordneter Stellung heranzuziehen, und zwar dadurch, daB ihnen ein tieferes, allseits begriindetes Verstandnis des religios-christ- lichen Wissens, sowie eine den gew5hnlichen Stand iiberragende religios-sittliche Erziehung beigebracht wird. Eine religiose Er- ziehung muB der Kandidat schon von der Volksschule und dem Gymnashun mitbringen. Im Seminar miiBte diese er- halten und, wenn notwendig, auch vervollkommnet werden. Da beim Eintritt in das Seminar eine religiose Erziehung stets vorauszusetzen ist, wenn auch spiiter an ihrer Erhaltung und eventueller Vervollkommnung weiter gearbeitet werden muB, so ist das erste und vorherrschendste Ziel — freilich heutzutage nicht, wo auch bei Kandidaten des Priesterstandes nicht immer auf religiose Erziehung zu rechnen ist — die wissenschaftliche Vertiefung der theologischen Facher. Die Wissenschaftlichkeit ist auch die Forderung der iibrigen Fakultaten. Der Volks- schiiler begniigt sich mit Kenntnis der Zahlen, der Gymnasiast glaubt, es gibt nichts iiber Algebra, und staunt, wenn er die hbhere Mathematik studiert, daB so viele herrliche Unter- suchungen liber die Zahlentheorie und die Algebra angestellt werden konnen. Hier findet er erst die wissenschaftlichen Untersuchungen. Und so ist die Wissenschaftlichkeit in der Behandlung der verschiedenen Facher auch eine Forderung fiir die theologischen Hochschulstudien. Wird diese nicht ge- fordert, dann kann sich die Theologie wenigstens in dieser Be- ziehung mit den heutigen weltlichen Fakultaten nicht auf die gleiche Stufe stellen, sondern sie ist dann mehr eine hbhere Fachschule. Die Dogmatik wird somit nicht wissenschaftlich 165 vorgetragen, wenn sie sich damit begniigt, nur Thesen zu er- klaren, ohne Untersuchungen nach allen Seiten anzustellen und ohne namentlich die Philosophie (Logik, Noetik, Ivosmologie) zur Grundlage zu haben. Ebenso wird die Moral nicht wissen- schaftlich behandelt, wenn sie sich nicht auf der Ethik und Asthetik aufbaut, gleicherweise kann man bei den iibrigen Fachern nicht von Wissenschaftlichkeit reden, wenn nicht kritische, auf Quellen sich stiitzende Forschungen angestellt werden. Die Hochschulen werden mit den Steuern des Volkes er- halten; daraus folgt die Pflicht der Studierenden, nicht aus Privat- vergniigen zu studieren, sondern zu lernen, um mit dem Erlernten sich spater auch in denDienst des Volkes zu stellen. Deshalb wird auch verlangt, dafi sich der Studierende jene praktische Befahi- gung aneignet, die er fiir seinen Beruf notwendig hat. Darum mufi der Mediziner sich auch praktisch in den Krankensalen be- tatigeD, der Jurist mufi neben den wissenschaftlichen Rigorosen auch Staatspriifungen ablegen, der Philosoph sich auch fiir seinen Lehrberuf vorbereiten; und sotrifft auch den Theologen die Auf- gabe, sich auch fiir die praktische Seelsorge auszubilden. Dochbei allen Fakultiiten bemerken wir, dafi die wissenschaftliche Aus- bildung die erste und vorwiegendste Aufgabe derselben sei; die praktische Ausbildung ist mehr eine unbedeutendere, schon aus dem Grunde, weil die wirklich zufriedenstellende praktische Ausbildung erst im praktischen Wirken, und zwar viel leichter erreieht werden kann. Halten wir uns das eben Angefiihrte vor Augen, so wird sich ergeben: Es ist nnmoglich, dafi der Theologe nur annahernd wissenschaftlich in alle Facher, die heute an den theologischen Lehranstalten gelehrt werden, eingefiihrt wird, wie es anderseits wieder unmoglich ist, dafi der Theologie- professor den ganzen Gegenstand in der knapp bemessenen Zeit wirklich wissenschaftlich vortragt. Kein einziger Theologe kann sich riihmen, alle theologischen Facher im notwendigen wissen- schaftlichen Umfange gehort zu haben, noch weniger aber dort, wo der Versuch zu wissenschaftlichen Vorlesungen gemacht wird, ordentlich studiert zu haben. Wenn dies geschehen wiirde, dann \vare er eben ein Wunder oder er hatte etwa lt>6 durch zwolf Jahre Theologle studiert. Auch diejenigen, die den Doktorgrad erreichen wollen, brauchen oft vier Jahre in eigenen Anstalten, wiewohl sich die Rigorosen nur auf Wiederholung keineswegs wissenschaftlich gehaltener Vorlesungen erstrecken. Wir Geistliche wissen selbst am besten, wie es uns ergangen ist, wenn wir es mit den Studien Ernst nahmen. Wollte man sich mit der Philosophie beschaftigen, da \vare es gut gewesen, wenn man durch zwei Jahre sich nur ihr hatte widmen konnen; wenn mit der Bibel, zu deren Verstandnis umfangreiche archaolo- gische Kenntnisse und Sprachkenntnisse notwendig sind, da reichten auch zwei dem steten Studium derselben gewidmete Jahre nicht aus. So geht es auch mit den ubrigen Fachern. Jedermann wird mir zugeben, dati das wissenschaftliche Durchschauen eines Faches bei weitem besser ist als ober- flachliches Konnen mehrerer Facher. Wer vieles kann, kann von einem Fache wenig. Der ganze heutige Fortschritt griindet sich darauf, da!3 sich einzelne in nur einen Wissenszweig vertieften. Wir Theologen, wenn wir Ernst hatten, muBten wohl im Durch- schnitt viel mehr lernen als Studierende anderer Fakultaten, und doch horte ich sogar von Fleifiigen am Schlusse der Studien klagen, daB der Geist so wenig tief in das religiose Wissen eingedrungen ist. Die Vielheit der Facher ist auch Sehuld, daB so wenige wissenschaftliclie Produkte von den Theologen geliefert werden. Die Fehler der heutigen theologischen Lehranstalten sind, soweit es auf den bloBen Studiengang ankommt: 1. DaB der Theologe in vier Jahren wissenschaftlich folgende Facher studieren soli: Philosophie, Dogmatik, die stark verzweigte biblische Wissenschaft (Hermeneutik, Intro- duktion, Archaologie, die Sprachen: Hebraisch, Aramaisch, Syriscli, Arabisch), die Moral, Kirchengeschichte, Patristik, Kirchenrecht, Pastoral, Padagogik, Katechetik, Kirchenbaukunst, Kirchengesang, Liturgie, Pastoralmedizin, Kanzlervvesen und an manchen Orten auch die Soziologie. Die Folge davon ist, daB diejenigen Studierenden, denen das wissenschaftliche Ziel ihrer Studien vorschwebt, mit allem Eifer den Anlauf machen, um sich in die Studien 167 zu vertiefen, jedoch angesichts der unerfiillbaren Leistung bald erlahmen, oft erkranken oder sieh dem grofieren Teile der Studierenden anschlieBen, die sich nach Art der Volksschuler iiber derlei Dinge einfach hinwegsetzen und die mit einigen auswendig erlernten Satzen kiihn sich der Priifungskommission stellen, wohl wissend, daB diese das Unmogliche nicht fordern wird. Auf diese Weise bekommen wir den Klerus, wie er eben ist. Man meine ja nicht, daB dies etwa nur von den Diozesan- seminarien gelte; es ist auf der Universitat auch nicht besser, ich meine im allgemeinen vielleicht noch schlechter. Ich besitze ein unaufgeschnittenes Dogmatikbuch, das ein Horer in den ersten zwei Semestern an einer Universitat benutzt hat. Er lernte einfach im Index die angegebenen Thesen auswendig, das iibrige wiederholte er aus den Gymnasiallelirbuchern. 2. Ein guter Teil des MiBerfolges des heutigen theo- logischen Unterrichtes ist auch der Amvendung der lateinischen Sprache zuzuschreiben. Diese hat einst eine Bedeutung ge- habt, weil sie die Sprache der Gelehrten war. Jeder Unterricht an den lioheren Schulen, sogar noch am Anfange des ver- gangenen Jahrhunderts wurde in der lateinischen Sprache er- teilt. Ich habe noch einen Pfarrer gekannt, der in Kroatien noch lateinischen Mathematikunterricht genossen hat. Sogar in Parlamenten sprach man lateinisch. Wie unbeholfen \var man, wenn man in modernen Sprachen liber wissenschaftliche Themata schrieb! Gedichte in lateinischen Versen zu verfassen, gehorte zu Schulaufgaben. Heutzutage ist die lateinische Sprache nur Kirchensprache, aber nicht in dem Sinne, wie etwa die deutsche Sprache eine Armeesprache ist, sondern einzig und allein, weil der Ritus in der lateinischen Sprache, aber auch nicht uberall, stattfindet. Die Geistlichen konversieren weder untereinander noch mit ihren Oberen lateinisch; nicht einmal bei den romani- schen Volkern bedient sich der Klerus der lateinischen Sprache zur Austragung seiner Angelegenheiten. Heutzutage lernt man am Gymnasium lateinisch, nicht um reden zu konnen, sondern mehr, um in den Geist des Volkes zu dringen, das einstens die lateinische Sprache gesprochen Hat. Dies geschieht aber am 168 erspriefllichsten durch das Lesen der Klassiker im Original. Der Gymnasiast ist gewohnt nur in der Mutter-, respektive Umgangssprache zu denken und zu reden. Seine ganze Bildung, seine ganze Erziehung kniipft sich an die Muttersprache. Plotz- lich ertonen in der Theologie vom Katheder, oft kolperig und schlecht akzentuiert, lateinische Vortrage. Es ist notwendig, um sich richtige Vorstellungen zu bilden, dai3 der Theologiestudie- rende mit doppelter Beschleunigung sich einzelne Satze ubersetzt. Ubersetzt er gut, versteht er, ubersetzt er gar nicht oder schlecht, versteht er nicht. Gerade so ist es, wenn er selbst lateinisch reden mufi. Entweder hat er den Vortrag mechanisch auswendig gelernt; nun dann ist damit nicht viel geholfen, aufierdem kann sich das Auswendiglernen nur auf sehr Ge- ringes erstrecken; oder er hat es nicht auswendig gelernt, dann horen wir, wie er stottert und sich bemiiht, sich halbwegs verniinftig auszudrucken, wie ein Schulkind, das noch nicht recht weiB, die Satze zu verbinden. Er denkt namlich deutsch und braucht eine gewisse Zeit, um seine deutschen Gedanken zu ubersetzen. Beim Professor sehen wir dieselbe Schwierig- keit. Durch seine Umgebung ist er an die Umgangssprache gewohnt. Sogar die Jesuiten, die mehr \vissenschaftliche Unter- haltungen zu fuhren gewohnt sind, haben in der Praxis einen gewissen Horror vor der lateinischen Sprache. Der Theologie- professor verfugt nur uber den lateinischen Wortschatz seines Faches. Kommt die Diskussion auf Gegenstande, die erst die Neuzeit kennt und deren Namen erst die Neuzeit geschaffen hat, dann versagt die lateinische Sprache, wenigstens beim Professor, da er selbst diese Gegenstande nur in modernen Sprachen kennen gelernt hat. Ubrigens wer die Herren Professoren beobachtet, wenn sie versuchen, frei und ohne Skripta vorzutragen, wird bald bemerken, wie schwer sie es tun. Man merkt ihnen die Muhe an, ihre Gedanken halbwegs in guter Form zum Ausdrucke zu bringen. Wenn es nicht mehr gut geht, fallen sie in die Umgangssprache hinein. Oft trauen sie sich gar nicht die Augen von einem fixierten Punkt \veg- zuwenden, um nicht aus dem Kontext zu geraten. Die Zuhorer empfinden dabei Langeweile. Wie herrliche Vergleiche aus der 169 Natur oder aus verschiedenen Wissenschaften konnte so man- cher Professor vortragen! Allein wie wurde die Sprache aus- schauen, wenn er sich in das Labyrinth neuer Begriffe und Bilder verirren wiirde! Es ist eigentiimlich, man konnte fast sagen lacherlich: in die zahlreichen theologischen Zeitschriften schreiben die Professoren ihre Artikel nicht in der lateinischen Sprache, obwolil sie nur Piuester als Leser voraussetzen, also solche, die doch besser die lateinische Sprache beherrschen als die Horer des ersten Semesters, wahrend sie vor diesen in der lateinischen Sprache ihre Vorlesungen halten. Unsere Predigten und Christenlehren wurden eine ganz andere Form erhalten; wir wiirden viel beredter und gewandter werden, wenn wir uns schon in der Theologie wahrend der Zeit der Aussaat angewohnt hatten, in der Sprache des Volkes zu studieren und vorzutragen. Alles was zur Beibehaltung der lateinischen Sprache gesagt \vird, fallt so wenig in die Wagschale, daB es nicht zu zšihlen ist. Vielleicht schiitzt jemand die Vergangenheit der Sprache so hoch, daB er sie als Unterrichtssprache eingefiihrt wissen will. Allerdings ist der Vergangenheit Plochschatzung entgegen- zubringen, jedoch nicht in der “VVeise, daB daraus Nachteile entstehen, sonst iniiBte man immer das Altehrvvurdige behalten, ohne das Praktischere zu ergreifen. DaB die Sprache wohltonend und schon ist, ist richtig; daB eine moderne Sprache es nicht ware, ist aber unrichtig. DaB man sich in der klassisch-lateinischen Sprache praziser ausdriicken kann wie in einer modernen, ist eine durch nichts bewiesene Annahme. Die lateinische Sprache neigt iiberhaupt zur Umschreibung der Substantivbegriffe durch Nebensatze. Aufierdem haben samtliclie modernen Sprachen die lateinischen ^termini technici” aus Niitzlichkeitsgriinden angenommen, ohne auf den Gedanken zu kommen, deshalb die lateinische Sprache zu einer Sprache der Gelehrten zu machen. Die Behauptung, daB man sich in der lateinischen Sprache praziser ausdriicken konnte, konnte ich gerade durch den Beweis aus den lateini¬ schen theologischen Werken umstiirzen. Wie verschieden werden manche Stellen der lateinischen Werke des heil. Augustinus oder des heil. Thomas von Aquin aufgefaBt! 170 Will man deshalb die lateinische Spraehe als Unterrichts- sprache beibehalten, weil sie Kirchensprache ist und als solche auch die Einheitlichkeit der katholischen Kirche fordert, da bedanke ich mich fiir die Einheitlichkeit und die Kirchlichkeit, die uns hindert, tief genug in die Wahrheiten des Christen- tums einzudringen und mit beredtem Munde dem Volke das Evangelium zu verkiinden. Wenn man die Prediger lateinisch unterrichtet, dann sollen sie auch lateinisch predigen! Dali ge- rade die lateinische Spraehe es ware, die das Verstandnis der Geistlichen untereinander vermitteln wiirde, ist auch nicht richtig. In Osterreich sind verschiedene Nationen und als der Klerus dieser Nationen die bekannten Klerustage abgehalten hat, ist niemandem eingefallen, die lateinische Spraehe als Kongrefisprache zu bestimmen. Ferner kommen gerade die Geistlichen am wenigsten durch die Welt. Wenn die Kaufleute, die vielmehr reisen als diePriester, ohne die lateinische Spraehe auskommen, so werden es auch die Priester konnen. Aufier- dem ist der Verkehr unter dem Klerus verschiedener Nationen so gut wie keiner. Erscheint irgendwo ein epochales wissenschaft- liches Buch, so wird es ohnehin iibersetzt. Dafiir sorgt schon der Autor. DaB die Bisehofe bei den Konzilien lateinisch reden konnen, dafiir sollen sie selbst sorgen, da der gesamte katho- lische Klerus doch mit dieser Eventualitat nicht rechnen kann. tlbrigens wer durchaus mit dem auslandischen Klerus latei¬ nisch konversieren will, der kaufe sich um l oder 2 Kronen ein Biichlein: „Wie spreche ich schnell lateinisch?” Das Buch wird ihm fiir die Konversation mehr niitzen, als alle ivissenschaft- lichen Vortrage, \vo ihm nur wissenschaftlicher Sprachschatz geboten wird. DaB der lateinische Ritus verstanden wird, ist doch vom Theologen, der den Tacitus und Horaz gelesen hat, anzu- nehmen, namentlich da ja der Ritus auch erklart werden mufi. Die SchluBfolgerung ist somit die: Es ist eine berechtigte Forderung, daB die Unterrichtssprache in den theologischen Lehranstalten nicht die lateinische, sondern die gewohnliche Volkssprache ist. 171 Es konnte jedoch hie und da in der Woche eine Stunde eriibrigt werden, wo lateinische Sprachiibungen z. B. beim Lesen der lateinischen Vater stattfinden konnten. Den Studierenden und oft auch dem Klerus sclimeiclielt es, wenn sie sagen, sie haben die Vortrage lateinisch gehort, doch es ist fur sie durchaus nieht schmeichelhaft, daB es oft nur beim Horen geblieben ist. 3. Ein weiterer Fehler unserer theologischen Lehranstalten ist der, daB sie abgeschlossen sind. An den Universitaten haben allerdings auch Laien Zutritt, doch die Erziehung am Gym- nasium und gleichgestellten Instituten ist derart, daB niemand ein Bediirfnis hat nach religios-wissenschaftlicher Ausbildung. Namentlich ist aber hier die iateinische Sprache das Gespenst, das die Laien vom Besuch der theologischen Horsale ferne halt. In die Diozesanlehranstalten kommt der Laie ohnehin nur bis zur engen Pforte des Pfortners. Die Folge davon ist, a) daG der Laie denkt, die theologische Bildung bestehe nur im Ein- iiben von Predigten und Messelesen, im Lesen von Heiligen- legenden, in Andachten u. dgl., ji) daG die Professoren nament¬ lich in den Priesterseminarien sich als Herren der Situation fiihlen. Sie haben nicht zu furchten, daG hoher Gebildete Zeugen ihrer Tatigkeit sein konnen. Deshalb werden sie oft gleich- giltig in der Vorbereitung und im Vortrage. Der Studierende muG schweigen, sonst „fliegt er hinaus”. Auf alle Menschen muG erzieherisch eingevvirkt werden, und so auch auf Profes¬ soren. Der Mensch, sich selbst ganz uberlassen, wird sehr leicht versucht, seine Pflichten zu vernachlassigen. Es ergibt sich somit, daG auch die gebildeten Laien Zu¬ tritt zu den Vorlesungen bekommen, namentlich durch Be- seitigung der lateinischen Unterrichtssprache und durch Schaf- fung der Mittel, die auch sonst den Besuch der Vorlesungen ermoglichen. Ich fuge gleich hier hinzu, um manchen Leser in Erstaunen zu versetzen, daG auch die Frauen, die hShere Bildung genossen haben, namentlich die Lehrerinnen Zutritt bekommen sollten. Diesbezuglich spater mehr! Mancher Herr. der friihzeitig in die Pension getreten ist, wiirde es freudig begruGen, wenn er hie und da religiose Vortrage zu horen be- 172 kame. Auch manche Lehrer und Beamte konnten auf diese Weise in einer Provinzstadt ihr Bildungsbedurfnis erfiillen. Die Vor- lesungen miiBten immer in einem eigenen Preigranim oder am schwarzen Brett ersichtlich gemacht werden. Die Professoren werden sich gut vorbereiten und auch eleganter vortragen, wenn sie wissen werden, dafi sie nicht nur „sub potestate con- stitutos”, sondern auch freie Burger zu Zuhorern haben. 4. Oft werden Dozenten berufen, die nicht die geniigende Befahigung fur ihren Beruf besitzen, nicht selten nach der Anstellung keinen Eifer zur weiteren Ausbildung an den Tag legen. Zu einem Professor an den Hochsehulen geniigt nicht das trockene viele Wissen oder das viele Lesen von Buchern, sondern ernste selbstandige Verstandesarbeit, allerdings auf Grund der erworbenen Wissensmaterien, es gehort hierzu das Geschick, einen Wissensgehalt nach allen Seiten erschopfend aufzufassen und zu priifen und dariiber auch ein wissenschaft- lich begriindetes Urteil abzugeben. Ferner mufi er auch ein padagogisch gebildeter Lehrer sein. Dafi nicht geeignete Krafte fur die Lehrkanzel der Theologie gefunden werden, liegt in den friiher geschilderten Verhaltnissen der Lehranstalten. Denn auch ktinftige Professoren miissen schon in der Theo¬ logie den Grund zum spateren Beruf legen. Wie ist es moglich, dafi heute jemand nur halbwegs ein theologisches Fach iibersieht angesichts so vieler vorgetragener Facher?! Manchesmal weiB der Absolvent nicht einmal die Wege, die ihn zur wissenschaftlichen Ausbildung in einem Fache fiihren konnten. Viele werden auf die Lehrkanzel berufen, die den Doktortitel fiihren oder die zwei Jahre in Rom oder in Pala- stina die toten Gebaude angestaunt haben. Dafi der Doktor¬ titel bei unserem Studiengange eine wissenschaftliche Ausbil¬ dung nicht garantiert, ist aus fruheren Ausfuhrungen klar. Es besteht dasselbe Verhaltnis zwischen einem Promovierten und nicht Promovierten, in ahnlicher Weise wie wir es zwischen einem Kinde beobachten, das den Inhalt des Katechismus wohl kennt, jedoch nicht wortlich kennt, und einem Kinde, das den Katechismus auch auswendig kann. Auf \vie lange Zeit?! Viel Zeit geht den Studierenden verloren, wenn sie unfiihige Pro- 173 fessoren besitzen. Wie viel Gutes konnte geleistet werden, wenn ein Mann, der seine hohe Aufgabe voli auffafit, als Lehrer der nach Klarheit sich sehnenden jungen Herzen fungieren wiirde?! Nach diesen Erwagungen will ich den Unterrichtsgang an den theologischen Lehranstalten formulieren: Der ganze theologische Unterricht ist in drei Gruppen zu zerteilen und von einem Studierenden nur eine Gruppe als Fachstudium zu wahlen. Erste Gruppe umfaBt die Dogmatik und Moral. Die Philo- sophie (Logik, Noetik, Kosmologie, Religionsphilosophie) soli a u c h als Grundlage und Hilfswissenschaft der Dogmatik, wie auch als grundlegende Hilfswissenschaft der Moral in ihren Teilen: Psychologie, Ethik, Asthetik, gelehrt werden. Diese Gruppe miisse von wenigstens fiinf Professoren vorgetragen werden und die alleinige Materie des wissenschaft- lichen Studiums durch drei Jahre sein. Es sind sogar drei Jahre fiir eine halbwegs niitzliche Be- ai'beitung dieser Gruppe zu wenig; doch es ist zu bedenken, daB in der Moral nicht jede geringfiigige Einzelheit behandelt werden soli, z. B. wie viel Unzen man abends an einem Fast- tage zu genieBen hat. Die Moralisten diirfen keine Pharma- zeuten sein, die alles kleinlich abwagen. Durch die Moral soli nicht in der Kirche ein neuer Talmud mit tausend Bestim- mungen geschaffen werden. Solche kleinliche Moralbestim- mungen konnen die Glaubigen nur skrupulos oder vollstandig gleichgiltig gegen die Anordnungen der Kirche machen. Wissen- schaftlicher sollen dafur die Moralprinzipien behandelt und namentlich in ihrer Beziehung zur Psychologie hervorgehoben werden. Die Verbindung der Dogmatik mit der Moral ist eine natiirliche, die dazu noch die oftere Wiederholung von gleichen Materien wie des heil. MeBopfers, Sakramente entbehrlich macht. Diese Gruppe stellt an das Denken die meisten Anforde- rungen; deshalb sollen fur sie auch die meisten Lehrstiihle geschaffen werden. Die zweite Gruppe soli die biblischen Wissenschaften um- fassen und die Patristik. Die biblischen Wissenschaften miissen griindlich studiert werden, namentlich aber die hebraische 174 Sprache, in der es soweit gebracht werden mufi, daB der Študent die Bibel aus dem Urtexte lesen konne. Ohne Kenntnis des hebraischen Idioms wird der Priester die Mefigebete kaum richtig verstehen, nicht einmal den Psalm Judica. Die Patristik ist nicht so zu lehren wie jetzt, daB der Studierende die Biographien einzelner Vater und die Namen ihrer Werke kennt, was wohl auch einen gewissen Wert hat, sondern so, dafi er die Werke auch im Originale liest und stu- diert. DaB ich die Patristik nicht in die Gruppe der Kirchen- geschichte nehme, wird jeder einsehen, der den Wert der Bibel und der Kirchenvater, in denen ja im gewissen Sinne derselbe Geist Gottes wie in der Bibel waltet, fiir die dogmatischen Begrundungen kennt. Die dritte Gruppe umfaBt die Kirchengeschichte als Haupt- fach. Mit der Kirchengeschichte ist aber das Kirchenrecht, die kirchliche Kunst und derKirchengesang auf das engsteverbunden. Das Kirchenrecht ist durch die Geschichte der Kirche be- griindet und erst durch diese vollstandig begreiflich. An und fiir sich, ohne die Geschichte der Kirche ist das Kirchenrecht nur auf das Fundamentalste der kirchlichen Organisation be- schrankt. — Ebenso hat sich die kirchliche Kunst erst allmahlich entwickelt. Der Kirchengesang gehort auch zu den kirchlichen Kiinsten und soli bei weitem besser und umfangreicher gelehrt werden als die ubrigen Kunste. Selten wird ein Geistlicher in den Stand kommen, eine Kirche zu bauen u. dgl., wahrend er oft taglich dem Kirchengesang die Aufmerksamkeit schenken muB. Er entwirft zu den Bauten keine Plane, sondern dazu sind sehr erfahrene Techniker berufen. Ganz anders ist es mit dem Gesange. Der Gesang ist nicht wie ein Monumentalbau, der von einem Meister gebaut, in hunderten von Jaliren immer noch entzuckt und seiner Aufgabe entspricht, sondern der Kirchen¬ gesang bedarf einer hochgebildeten Stiitze von Tag zu Tag, und diese Stiitze kann bei heutigen Verhaltnissen nur der Geistliche sein. Der Kirchengesang ist heutzutage auch eine notvvendige Kunst in der Kirche. Da es aber nicht zu verlangen ist, daB ein tuchtiger Kirchenhistoriker gleichzeitig ein Kenner der kirchlichen Ton- kunst ist, so kann der Kirchengesang auch von einem anderen sehr befahigten Geistlichen oderLaien, \velche notwendigeStudien gemacht haben, vorgetragen werden. Diese Vortrage miissen jedoch der hoheren Bildung der Studierenden angemessen sein und sich nicht auf dem Niveau der Volksschule halten. Jeder Mensch hat eine gewisse musikalische Anlage. Der Mensch ohne musikalische Anlage konnte iiberhaupt nicht reden, denn auch fiir die Rede gehort eingewisses Mafi von „Geh6r”. Deshalblialte ich dafiir, dali alle Zuhorer dieser Gruppe die theoretischen Vortrage iiber den Gesang als auch (allerdings verschieden nach ihrer musikalischen Anlage) die praktischen Vorfiihrungen, die unbedingt notwendig sind, sich nutzbar inachen sollen. Ubrigens sollen sich diese Gruppe namentlich diejenigen wahlen, die besser musikalisch veranlagt sind. Wie wird der Kirchengesang bliihen, wenn eine Reihe von der edlen Kunst kundigen Priestern in die Seelsorge hinaus kommt! Fiir die zweite und dritte Gruppe geniigen je drei Pro- fessoren, da hier die Vorbereitung auf die Vorlesungen eine viel leichtere, die Vorlesungen selbst nicht so geistig an- strengend sind. Die erste Gruppe miiilten fast die Halfte samtlicher Theologiekandidaten wahlen, die iibrige Halfte kame auf die beiden letzten Gruppen. Da natuidich nicht die Nachstbesten auf die Lehrkanzel berufen werden, sondern Gelehrte von Ruf, wenn auch aus dem Auslande, so soli ihre Stellung und ihre Bezahlung gleich der der Universitatsprofessoren sein. Da auf das wissenschaft- liche Studium der gewahlten Gruppen von Einzelnen im all- gemeinen drei Jahre verwendet werden, so wird das vierte Jahr eine mehr praktische Bestimmung haben. Die Theologen werden in diesem Jahre pastoralen Studien obliegen, und zwar nicht in dem Sinne wie heute, sondern sie werden in diesem Jahre populare Vortrage ohne wissenschaftliches Geprage iiber jene Gruppen horen, die nicht zu ihrem Fache gehorten, also die Horer der ersten Gruppe — Dogmatik und Moral — werden iiber die biblischen Wissenschaften und die Kirchenge- schichte samt den dazu gehorigen Fiichern orientiert werden. Vorgetragen werden somit von befahigten Priestern der Diozese, 176 z. B. vom Bischof oder von den Domherren samtliche Facher der drei Gruppen in popularer, kurz abgeschlossener Weise, nur wird derjenige, der eine Gruppe schon wissenschaftlich gehort hat, nicht verpflichtet werden, die Vortrage aus seinem Fache anzuhoren. Die Pastoral, wie sie heute aufgefaBt \vird, entnimmt ihren Stoff vielfach der Moral, und ist eigentlich kein wissenschaft- licher Zweig der Theologie, sondern nur eine praktische Er- ziehung (nicht wissenschaftliche Ausbildung) der Theologie- kandidaten zu tiichtigen Seelsorgern. In diesem Sinne ist es hinreichend, daB sie zwei bis drei Stunden wochentlich ein- nimmt. Die Padagogik soli im vierten Jahre theoretisch vorge- tragen werden, praktisch aber als sogenannte Katechese schon vom dritten Jahre durch Hospitieren bei tiichtigen Katecheten der Universitatsstadt erlernt werden. Jeder Priesterkandidat muB es wenigstens so weit bringen, daB er auf der Violine die einfachen Lieder des Religionslehr- buches der Volksschulen spielen kann. Eine Violine kann sich jeder verschaffen und diese wenigen religiosen Lieder an- eignen. Schon vom ersten Jahre an soli der Kandidat gleich- sam zur Erholung mit gelegentlichen Einiibungen anfangen. Diese praktische Einubung des religiosen Volksgesanges ist nicht zu verwechseln mit dem Kirchengesang, den die Studie- renden der dritten Gruppe studieren miissen. Kann man sogar den Baren und Affen beibringen, nach dem Rhythmus der Mu sik ihre Bewegungen zu machen, um so mehr wird es einem Intelli- genten gelingen, die wenigen Melodien wenigstens einstimmig auf der Violine zustande zu bringen. Oft bemerkte ich, wie protestantische Pfarrer, die selbst zugaben, keine musikalische Fahigkeiten zu besitzen, fast jede Stunde den Kindern religiose Lieder vorspielten. Eine sehr wichtige Frage bleibt noch zu losen. Es werden fur die drei Gruppen wenigstens elf Professoren, die im Rufe der Gelehrsamkeit stehen, verlangt. Diese Professoren sollen gleiche Beziige beziehen wie die Universitatsprofessoren. Sollten nun die Diozesanseminarien aufgehoben werden? Wird sich jede 177 Diozese eine so groBe ZahlProfessoren erwerben konnen? Wird sie auch der Staat bezahlen? DieseFragen konnten so gelost werden: In den Diozesen, wo sich Universitaten befinden, unter- Jiegt die Realisierung meiner Vorschlage keiner Sclrvvierigkeit. In dei' Regel sind noch mehr Professoren angestellt. Die iibrigen Diozesen sollen entweder in eine Universitatsstadt ihre Semi- narien verlegen, wo der Theologiekandidat seinen wissenschaft- lichen Studien nachzugehen hat, wahrend er das vierte Jahr, das Pastoraljahr, in seiner Bischofsstadt auf die friiher ange- deutete Weise zuzubringen haben wird oder die Diozesen sollen sich zu zwei bis vier vereinigen in einer Weise, daB z. B. die erste Gruppe der theologisehen Facher in Salzburg, die zweite Gruppe in Klagenfurt, die dritte Gruppe in Marburg vorgetragen wiirde, worauf sich die Absolventen der drei Gruppen wieder im vierten Jahre in ihrer Bischofsstadt zu- sammenfinden. Bei den immensen Verkehrsmitteln ist es heutzu- tage ganz gleich, ob einer ein paar Stunden mehr oder weniger mit der Bahn zu seiner Studienstadt zu fahren hat. Der letztere Vorschlag ist der realisierbarste, da der Staat durch die ange- deutete Zusammenziehung beziiglich hoherer Besoldung der Professoren keine Mehrausgabe vorzuschiitzen haben wird. Ich halte die Reform jeglichen Unterrichtes in der Kirche fiir dringend, wollen wir nicht vollstandigen Bankerott machen; deshalb jede einseitige Her vmrhebung unserer Rechte gegen- iiber der Regierung fur unsere Sachlage verschleppend. Die Professoren der drei Gruppen brauchen nicht aus ein- zelnen Diozesen genommen werden, sondern uberhaupt von dort, wo sich geeignete Manner finden. Das Pastoraljahr besorgt der Diozesanklerus, und ich halte die Herbeiziehung eines Priesters, der die Diozesanverhaltnisse nicht kennt, wenigstens fiir hochst unangebracht. Zur Realisierung meiner Vorschlage ist keine Uberwindung von sonstigen Schwierigkeiten notwendig als dieh berwindung der Einbildung, daB die heutigen Unterrichtsverhiiltnisse an den theologisehen Lehranstalten nur annahernd den modernen An- forderungen entsprechen, zu welcher Uberwindung nur ein guter Wille vorhanden sein muB. Vogrinec, nostra eulpa. 12 178 Jeder, der unbefangen urteilt, wird einsehen, daB uns die vorher besprochene, oder dieser ahnliche Gestaltung des Unter- richtes ungleich groBeren Erfolg sichern wiirde, als die heu- tige Unterrichtsart. Heute haben wir Priester, die sich mit dem Studium samtlicher Facher gemartert oder auch nicht gemartert haben und die kein Fach nur halbwegs beherrschen, Priester, denen ihre Studien nur geringen Stoff fur ihre Predigten lieferten. Nach der Reform werden wir in den Diozesen ganze Manner haben, die in einem Fache geniigende wissenschaftliche Ausbil- dung genossen haben, in den ubrigen Fiichern aber infolge des Pastoraljahres keine Ignoranten sind. Sie haben sich in ein Fach vertieft; mit Freude werden sie noch im spateren Leben ihre Fachstudien fortsetzen; sie werden sich interessieren fur ihre Fachliteratur; durch die Beschaftigung mit der Wissenschaft wird auch der sittliche Wert des Klerus ein hoherer werden. Wie einst, wird Gelehrsamkeit auch jetzt ein Vorzug des Klerus werden. Aus der ersten Gruppe werden sich Philosophen ent- wickeln, die auch von der ubrigen Wissenschaft respektiert werden, aus der zweiten Gruppe Sprachforscher, und die dritte Gruppe wird manchen Historiker und Kenner der Kunste von Ruf hervorbringen. Auch bei der Besetzung der Seelsorgeposten \vird man darauf Riicksicht nehmen, daB dorthin, wo der Pfarrer ein Dogmatiker ist, als Kaplan ein Historiker oder Biblist ge- schickt wird. Die Predigten werden viel klarer, sie werden mit vielmehr tfberzeugung vorgetragen werden; auch das Volk wird angenehm beriihrt, wenn es bald einen Dogmatiker, bald einen Biblisten, bald wieder einen Historiker predigen hort. Die Pro- fessoren pflegen namlich immer „fachmannisch” zu predigen. Ich konnte selbst bei meinen Professoren diese Beobachtung machen. Als Historiker horte ich z. B. P. Abel predigen Nun, er war auch langere Zeit Geschichtsprofessor. IV. Die Erziehung in den Diozesanseminarien. Ich bin nicht fiir die volle Freiheit der Seminaristen, wie solche der Universitatsstudent hat. Nicht einmal das Gericht betrachtet den jungen Mann als groBjahrig, d. h. als jemanden, 179 der frei iiber sich selbst und seine Sache disponieren kann. Wir Geistliche diirfen dem Priesterkandidaten auch nicht das volle Verfiigungsrecht iiber seinen nocli nicht gestiihlten Willen iiberlassen, sondern nur soweit es seinem Entwicklungs- stadium und der Berufsbestimmung entspricht. Jedoch in medio est virtus! Es sind meistenteils junge Manner, iiber 20 Jahre alt; deshalb ist es nicht angezeigt, wenn man sie wie die Locke- rin ihre drei- bis fiinfjahrigen Kinder behandelt, die sie nicht aus dem Auge lassen darf, damit ihnen nicht etwa ein Unfall zustoBt. Das Zeichen, unter dem die heutigen Seminarien stehen, ist strenge Absperrung und kleinliche Aufsicht. Wir hatten zweimal in der Woche Spaziergang, und zwar an ganz be- stimmten Tagen, in ganz bestimmten Stunden, in ganz be- stimmter Richtung, einen bestimmten Dux, der ganz bestimmte Weisungen iiber die zulassige Auffiihrung wiihrend des Spazier- ganges erhielt. Rauchen konnte man in ganz bestimmter Zeit. Alles war fixiert und bestimmt. Nun denke man sich ein alter- tiimliches, rings abgeschlossenes, feuchtes Gebaude, einen Stu- diersaal, wo zu 22 in einem Saale beim Licht der ruBigen Lampen iiber ihren Pulten hockten. Der eine lief hinaus, der andere kam, der eine rasselte mit den Schliisseln, der Neben- mann kochte eben seinen Tee oder knackte an einer NuB. Im ganzen Hause nur sehwarze, in lange Talare gehiillte Gestalten, die sogar beim Spaziergang den Staub ihrer FiiBe dem Hinter- mann zu schnupfen geben! In den schweizerischen und italieni- schen Arresten ware etwa das ewige Einerlei der Farben das Furchtbarste. Nun der Theolog sieht nur schwarze Gestalten. Kein Wunder, dah der Jiingling, der mit starken Nerven in das Seminar gekommen ist, bald krank und nervos wird und seine ganze Energie verliert! Ich weise immer zuriick, daB ein halbwegs brauchbarer Abiturient nur wegen des lieben Brotes den Priesterstand wiihle, sondern behaupte, daB er stets mehr oder weniger hohere Ideale bei seinem Eintritt in das Seminar habe. Schon wahrend meiner Studien konnte ich die Beobachtung machen, daB ideale Jiinglinge allmahlich gegen alles abge- stumpft, gegen das vierte Jahr zu immer energieloser wurden. 12 * 180 Die meisten jiingeren Geistlichen sind krank. Deu Keim der Krankheit haben sie sich in der Theologie geholt. Ich will das Bild nicht weiter ausfiihren. Verlangt muB somit werden, daB dem Jiinglinge innerhalb gewisser Grenzen Freiheit geboten wird. Es ist notwendig, daB er abends piinktlieh zu Hause ist, dafi er gewisse Zeit mit den Studien hinbringt, es ist aucb notwendig, daB er ein de- zentes Auftreten nach aufien bekundet, nicht notwendig ist es aber, daB seine Erholungszeit ihm durch alle moglichen Statuten verbittert wird. Er soli sich in Gesellschaft eines Kollegen einen Spaziergang wahlen. Man wird ihn nie verurteilen, wenn er sich beim Spaziergang eine Zigarre anzundet oder irgendwo ein Glas Bier vergSnnt. Es soli ihm auch gestattet sein, sich wahrend der Erholungszeit an bestimmten, selbst gewahlten Tagen in eine seiner Bildung angemessene Gesellschaft zu begeben. In der freien Natur, freien Gedanken folgend, wird der Jungling seine Zukunftsplane schmieden, er wird mit klarem Verstande und gesteigerter Lust zu seinen Biichern zuriick- kehren. — Nie sollen mehr wie vier Kandidaten in einem Zimmer wohnen. Dieses Kapitel lieBe wohl eine weitlaufige Ausfuhrung zu; jedoch um sich der vorgenommenen Kiirze zu bedienen, schlieBe ich das Kapitel mit dem SchluBsatze, daB neben der Reform des Unterrichtes auch eine Reform des Erziehungsmodus statt- finden muB, dahingehend, daB die richtige Mitte zwischen der Ab- sperrung und volligen Freiheit gefunden wird. Man sei nicht zu angstlich! Besser ist es, daB der Kandidat jetzt seine schwache Seite zeigt, so lange er noch nicht ausgeweiht ist, als spater. AuBerdem muB er mit einem festen Gharakter in das Leben hinaustreten, und an dieser Befestigung des Charakters kann er nicht arbeiten, wenn ihm keine vollends freie Willens- betatigung gelassen wird. Gesunde, nervenkraftige und energische Seelsorger werden in der Schule, in der Kirche, uberhaupt in der Seelsorge ganz andere Leistungen aufweisen, als krankliche, unzufriedene, ganz gedemiitigte. 181 V. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung auBer- halb der Schule. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung auBer- halb der Schule geschieht in der Kirche durch die Predigt und Christenlehre, in der Familie durch die religiose Presse. Der Unterricht, den der Geistliche in der Familie selbst erteilt, ist minimal. Es ist wahr, hieund dakann ein verniinftiges Wortgute Friichte bringen, doch im allgemeinen kann der personliche Verkehr des Priesters nicht als religioses Unterrichts- und Er- ziehungsmittel gelten, schon deshalb nicht, weil der Geistliche nicht immer Zeit hat, sich mit den Leuten wegen eines sehr problematischen Erfolges abzugeben und weil die Leute, mit Ausnahme einiger oft lastiger Personen, auch nicht mehr die Gewohnheit haben, sich in ihren religiosen Angelegenheiten an den Geistlichen zu wenden. Gut ware es allerdings. Doch manches ware gut, was nicht geschieht und auch nicht geschehen wird. — Tatsachlich ist das Leben, Reden und Handeln des Seelsorgers ein indirekter Unterricht fur das Volk; doch wie dies geschehen solle, gehort in die Pastorallehre. Ich will nur bezuglich der Predigt, Christenlehre und der religiosen Presse meinen An- schauungen entsprechende Grundsatze stipulieren. Die Predigten mussen den modernen Bedurfnissen sovvohl bezuglich des Inhaltes als auch bezuglich der Form entsprechen. Die heutigen Predigten bewegen sich noch immer im alten Geleise. Viele Predigtwerke sind nur Abschreibungen von Predigten, die ein Bossuet oder Faber gehalten haben. Erscheint einmal etwas Originelles, dann wird es ordentlich ausgeschrotet, wie z. B. die Predigten P. Abels. Sehr viele begniigen sich jedoch mit irgend einem Predigtblatt, das ihnen die Predigt fiir den nachsten Sonntag bringt. Es ist dem Priester nicht zu ver- argen, wenn er sich beim jetzigen Studiengange mit der nachst- besten Predigt zufrieden gibt. Der Priester, erzogen nach meinen fruher angefiihrten Grundsatzen, wird jedoch nach Hoherem und Besserem verlangen; seine Predigten, hervorquellend aus glaubigem, tief fuhlendem Herzen, und vorgetragen in schoner 182 Sprache und in fliefiendem Tempo, werden Wurzel fassen in den Herzen der Zuhorer. Die gediegene Ausbildung auf Grund der Muttersprache im Seminar wird ihn dazu befahigen. Es ist gar nicht zu glauben, welche Leistungen oft auf der Kanzel geschehen, Produktionen, die eher fiir einen Zirkus taugen als fiir die geheiligte Statte der Kanzel. Kein Wunder, daB sich die Intelligenz von solchen Predigten zuriickzieht! Man hort oft Predigten, daB man sich skandalisiert. Auch in- haltlich sind sie nicht immer richtig. Manches wird iibertrieben, kleinere Siinden werden so dargestellt, als ob sie das Hollen- feuer verdienten! Dies alles beruht auf mangelhafter Vorbil- dung im Seminar. Es ist somit zu fordern, daB die moderne Predigtliteratur einer genauen Kritik unterzogen wird, ferner daB die Predigten nach einem gewissen System verfaBt und vorgetragen werden, in den Predigten auch nie etwas iibertrieben, das Unwesent- liche nicht zum Wesentlichen gemacht wird, ferner, daB wie beim Unterrichte so auch bei der Predigt auf die gleichzeitige Bildung des Verstandes und des Gemiites Riicksicht genommen wird. Fur geeignete Predigtliteratur ist Sorge zu tragen etwa dureh Einsetzung eines Komites von bekannten Predigern, die den ubrigen mit Rat an die Iland gehen sollten. — Schon bei den gewohnlichen Vortragen in den Seminarien ist dar auf Bedacht zu nehmen, daB die Vortrage flieBend, in schoner rhe- torischer Form gehalten werden. Die Abhaltung der Christenlehren hat an Sonntagnach- mittagen eine verhaltnismaBig sehr geringe Bedeutung, da heute nicht mehr wie ehedem die Kirche das alleinige Zentrum des geistigen Lebens ist. In den Stadten gab es ehemals kein so hastiges Geschaftstreiben, auf dem Lande keine so ange- strengte Wochenarbeit, wie heutzutage. Von der vreitumher zer- streuten Bevolkerung kann man nicht verlangen, vormittags und nachmittags den weiten Kirchweg zuriickzulegen Der Sonntagnachmittag ist auf dem Lande und in der Stadt die Zeit der geistigen und korperlichen Erholung. Ferner ist es auch fiir den Geistlichen anstrengend, nach dem vormittagigen Gottesdienste und einer oft dureh viele Stunden dauernden 183 Sakramentserteilung noch von der Kanzel herunter Christen- Jehren zu halten. In der Regel findet man stets die gleichen Personen, meistenteils Frauenspersonen als Teilnehinerinnen am Nachmittagsgottesdienste. Und doch soli dafilr gesorgt werden, daB der religiose Unterrieht nicht mit dem Anstritte aus der Schule fiir immer abgeschlossen wird! Wir miissen somit andere Wege einschlagen. In groBeren Orten, sogar auf dem Lande bestehen ge- werbliche Fortbildungsschulen; bei uns in Karaten will man in jedem geschlossenen Orte landwirtschaftliche Fortbildungs- kurse einfiihren. In diesen Schulen fehlt meistenteils der wich- tigste Gegenstand, die Religion. Die kirchlichen Kreise nehmen davon auch nicht viel Notiz. Ich bin iiberzeugt, wenn ein Geist- licher den Religionsunterricht dem iibrigen Unterriclite an- schlieBen wiirde, was allerdings gratis geschehen miiBte, wiirde niemand dagegen etwas haben. Es solite so vorgegangen werden: Der Geistliche liest unter Teilnahme der Geiverbeschiiler und der Besucher der landwirtschaftlichen Kurse die heil. Messe in einer Kirche in der Nahe der Schule, worauf er sich in die Schule begibt, wo der religiose Unterrieht mit Absingung eines reli- giosen Liedes beginnen soli. Der Gewerbeunterricht pflegt Sonn- tag vormittags stattzufinden; deshalb soli der Priester den Gottesdienst und den Unterrieht so einrichten, daB um die fest- gesetzte Stunde der ubrige Unterrieht einsetzen kann. DerUnter- richt mufi auf den Verstand und das Gemiit eimvirken, der Seelsorger mufi guter Freund, Kamerad und Ratgeber der Schil¬ ler sein. Ein langweiliger, liber jede Kleinigkeit sich aufhalten- der Seelsorger paBt am wenigsten fiir diesen Unterrieht. Im Lehrlingsheim, sowie an manchen Fachschulen wird auch heutzutage der Religionsunterricht erteilt, doch wie? Der nachstbeste Kaplan wird einfach hineingeschickt und dort waltet und schaltet er nach seiner Willkur. Man wirft den Pudel ins Wasser, damit er dort schwimmen lernt. Ich meine jedoch, wenn einer in dieses Wasser geworfen wird, da solite er schon gut schwimmen konnen. Ich war einstens in einem katholischen Lehr¬ lingsheim Zeuge einer Christenlehre, die ein hochgebildeter Ordensmann gehalten hat. Ich war noch Theolog. Der Herr saB 184 beim Tisch, schaute ofter in sein Buch hinein als zu den unauf- merksamen Jungen hinuber. Ertrugvor, als ob er gebildete Theo- logen vor sich hatte. Ich habe mich vor Lehrlingen und einigen groBeren Gesellen geschamt wegen des ganz unpadagogischen Vortrages meines vorgesetzten Begleiters. Nebenbei erwahne ich, daB ich bei der Konkurspriifung einige Kandidaten Katechesen ausfuhren horte, die ganz \vie eine Predigt und auch im iiblichen Predigttone vorgetragen wurden. Mit dieser Leier vor die Kinder treten! Er bekam „sehr gut” fiir die mundliche Katechese. Ich war konsterniert. Der andere, der naturlich und gemiitlich gesprochen hatte, entsprach nur „gut”. Die Madchen im Alter von 14 bis 16 Jahren, die keine hShere Volksschule besuchen, sollen in den Stadten be- sonders und zwar vor dem Nachmittagsgottesdienste in den Christenlehren ahnlich wie die Gewerbeschiiler unterrichtet werden. Auf dem Lande sollen Knaben und Madchen im Alter von 14 bis 16 Jahren, wenn mehrere Geistliche da sind, abge- sondert, wenn einer, zusammen und zwar in allen Fallen in der Schule den religiosen Unterricht genieBen. In der Schule bewegen sie sich viel freier und gehen lieber dorthin zum Unterrichte wie in die Kirche. Die Jugend in diesen Jahren ist von taglichen Sorgen noch nicht geplagt, von der Arbeit niclit ermiidet; deshalb wird sie im religiosen Unterrichte einegeistige Erholung finden. Dieser sonntagliche religiose Unterricht soli jeden Sonntag vom 1. November bis 1. Mai stattfinden, spater soli auch die Jugend den Sonntagsnaclimittag frei haben. Der Leser wird sehen, daB da nichts unmdgliches verlangt wird, sondern etwas, was sich sehr leicht erreichen laBt. Nur mufi es allgemein eingefiihrt sein, damit nicht ein Nachbar den anderen, der so etwas einfuhrt, wegen seiner Extravaganzen auslacht. Anfangs wird man in einigen Orten allerdings ge- ringere Teilnahme finden, doch bei allgemeiner Einfuhrung und bei ununterbrochener Ausdauer wird die Teilnahme als christ- liche Pflicht empfunden werden. Ich schreibe dies, wiewohl ich weiB, daB man trotzdem vorziehen wird, vor den leeren Banken nur einigen schvver- horigen Weiblein das kostbare Wort Gottes zu erklaren. Es 185 scheint, als ob es uns „verwunschen” ware, dem alten Gehause nicht entschliipfen zu konnen! Unsere religiose Presse, nicht im Sinne der christ- lichenPresse genommen, bezieht sich nicht so sehrauf dieReli- gion uberhaupt, als vielmehr auf die verschiedenen separitisti- schen Andachten. Es gibt Orden und auch Priesterparteien, die auf die Propagation irgend einer Andacht alles Gewicht legen. Sie miissen ihre Andachtsparteiblatter haben. Da haben wir nun eueharistische Blatter, Marienblatter, Antoniusblatter, Kongre- gationsblatter u. s. w. Was ich iiber die Andachten denke, werde ich spater sagen. Manche Menschen haben iibei-haupt keinen Sinn fiir spe- zielle Andachten. Kein Mensch darf ihnen dies iibel nehmen. Sie sind trotzdem gut katholisch und religios. Fiir diese muB auch eine religiose Presse geschaffen werden, die die Reli- giositat uberhaupt auf Gi-und der fundamentalen katholischen Lehren befordert, ohne sich auf irgend welche Privatandachten zu beschriinken. Uber den Unterrichtswert der Presse brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Die religiose Presse soli vollkommen unpolitisch sein. Zum Muster konnte man sich et\va die „Hausblatter” nehmen die als Beilage des „Landboten” von A. Opitz herausgegeben werden; nur muBte der Leitaihikel sich an die Sonntagsevan- gelien anschlieBen und religiose Erbauung bezwecken. Jedes Pfarramt soli eine bestimmte Menge dieser religiosen Schriften empfangen und sie durch eine geeignete Person drauBen vor der Kirche feilbieten. Bei jeder Pfarrkirche, auch die Stadt- kirchen nicht ausgenommen, sollen sich eigene Schaukasten oder eigens konstruierte, zusammenlegbare Tische befinden, an denen sofort nach dem Gottesdienste die Andachtsblatter, und zwar nur diese feilgeboten wiirden. Im Laufe der Zeit lassen sich vielleicht auch Automaten aufstellen. Bei den Kirchen auf dem Lande verkaufen oft Backer ihr Brot vor der Kirchentiir. Warum sollten auch wir den Menschen keine geistige, reli¬ giose Nahrung fiir die Sonntagsnachmittage bieten? Sogar die Bahn sorgt fiir die Unterhaltung der Reisenden durch Auf- stellung der ZeitungsverschleiBe! Fiihren auch wir den Glau- 186 bigen seelenerfrischende Nahrung fiir die langweiligen Winter- nachmittage zu. Es ist zu erwarten, daB die freie Kolportage freigegeben wird. Beniitzen wir sofort die giinstige Gelegenheif, um nicht hinterher das Nachschauen zu haben, wie es leider gerade bei der Presse geschehen ist. Auch jetzt ist die Lizenz zum derartigen VerschleiB leicht nur gegen Bezahlung der Stempelgebiihren zu erlangen. Ausgezeichnet geschieht die religiose Schulung dureh Buchervereine wie z.B. die St. Josefsvereins-Biicherbrudersehaft in Klagenfurt. Doch man soli ihr nicht Konkurrenz machen dureh andere Buchervereine! Kaum liat man ihren Erfolg ge- sehen, so gehen auch andere Diozesen daran, ahnliehe Insti- tutionen in das Leben zu rufen, anstatt dureh gemeinsame Arbeit aller katholischen Deutschen an einem Werke zu ar- beiten, damit sich dieses dureh gediegene und billige Biicher iiberall Eingang verschaffe. Zur Religiositat tragen auch viel gute Gebetbucher bei. Gebetbiicher werden wohl geschrieben und gedruckt und auch genehmigt. DaB nicht alle gut sind, ist bekannt, da namentlich die Kritik sich nicht geniigend mit einem so wichtigen Gegen- stande, wie es die Andachtsbiicher sind, befaBt. Der Geistliche weiB selbst nicht, wo man echte Perlen bekommt, noch weniger das Volk. Auf die Anpreisungen ist nicht viel zu halten. Die Gebetbucher, die fiir das gewohnliche Volk bestimmt sind, miissen verschieden von den Gebetbiichern sein, welche die Intelligenz bedarf. An letzteren fehlt es uns iibrigens fast ganz. Jeder Geistliche soli liber gute Gebetbucher orientiert sein. Sie sollten in den Verordnungsblattern ofters und naher an- gegeben werden. Die christliche Charitas hatte ein sehr edles Feld, wenn sie einen Fond gegrundet hatte, um arme Dienstboten, nament¬ lich an paritatischen Stationen, mit guten Gebetbiichern zu be- schenken. Die Protestanten haben eine Bibelgesellschaft, wir haben nichts ahnliches. Fast jedes protestantische Haus verfiigt auch liber ein populares Hausandachtsbuch. Diejenigen, die nicht in die Kirche gehen konnten, kommen Sonntags zusammen und verrichten 187 ihre Andacht, wiihrend einer aus dem Buche vorliest. Hatte dies nicht auch bei uns Katholiken einen immensen Wert? Tau- sende und Tausende konnen nicht in die Kirche gelien, sind oft zu ermudet wegen der Wochenarbeit, es fallt ihnen schwei’, dort eine bis zwei Stunden zu stehen: sie bleiben zu Hause. Die Katholiken in der Diaspora hatten in dem Andachtsbuch ihren Seelsorger. Welcher Trost ware fiir sie ein Andachtsbuch. Ein ganz geeignetes Andachtsbuch haben wir nicht, oder wenn es jemand kennt, dann ist es im allgemeinen nicht eingefiihrt. P. Cochemsche Biicher sind zu wenig allgemein gehalten; das Andachtsbuch muB sich an die Sonntagsevangelien anschliefien. Der „Goffine” ist zu viel katechisierend. Das Buch muB wie ein beliebter Prediger sein, der alle Kunste anwendet, um das Herz des Menschen zu gewinnen. Der Besitz eines Hausandachts- buches mufi eine katholische Gepflogenheit werden; wie ein religioses Bild an der Wand, so muB sich auch das Andachtsbuch samt der heil. Schrift im Kasten des Familienzimmers befinden. Die Gebet- und Andachtsbucher sollen gleichzeitig mit den Andachtsblattern auf die fruher gezeichnete Weise mit den schon auBerhalb ersichtlichen Preisen an Sonntagen feilgeboten werden. Das Lesen wird zum allgemeinen Bedimfnis. Wird den Leuten nicht Gutes geboten, so lesen sie Sclilechtes. Kargen wir doch nicht mit der religiosen Nahrung fiir das Volk und ziehen wir die Schlafmiitze herunter und schauen wir, wo etwas fiir unsere heilige Sache zu gewinnen ist! „Die Seele ist willig, doch das Fleisch ist sch\vach”, weil es sich in seiner gewohnten Ruhe nicht storen lassen will!-— Zur religiosen Erziehung des Volkes gehort auch ein verstandlicher und geziemender Gottesdienst samt einer er- bauenden Liturgie. Jedoch diesen Gegenstand will ich im folgenden Abschnitte behandeln. Nicht zu iibersehen ist es, daB bei der religiosen Er¬ ziehung auch die christlichen Kunste ein groBe Rolle spielen. Auch diesbeziiglich muB Klarheit geschaffen werden. Wir horen in der Jetztzeit klagen, als ob wir Katholiken uns allzu wenig an Schaffung moderner Kunstwerke beteiligen wiirden, dafi unsere Literatur ruckstandig ist u. s. w. Auch Dr. Ehr- 188 h ar d erweckt den Schein, als ob er meinen wiirde, daB durch eine regere Beteiligung der Katholiken an wissenschaftlichen und kiinstlerischen Taten der Neuzeit wenigstens ein wichtiger Faktor zur Aussohnung der Kirche mit der modernen Mensch- heit gesetzt wiirde. Nun setzen wir den Fali, daB in der Neuzeit zufallig die groBten Gelehrten und die besten Literaten katholischer Gesinnung waren, wiirde eine solche Annaherung stattfinden? Durchaus nicht. Das Volk wiirde zum Teile ihre Werke hochschatzen, sich um ihre katholische Gesinnung je- doeh gar nicht kiimmern, zum Teile wiirde man sie einfach ignorieren und als minderwertig bezeichnen, wie es sehr oft ge- schieht. Ob Webers „Dreizehnlinden”, in welcher Dichtung der Verfasser so schon das Sachsenvolk besingt, an den sachsischen Schulen gelesen wird?! Dafiir gibt man der Jugend anderes Zeug. AuBerdem betrachte man, wie z. B. die italienische Re- gierung mit dem beruhmten Jesuiten Se cehi vorgegangen ist. So- eben las ich von den Verfolgungen des beruhmten Astronomen, dem man deswegen nachstellte, gerade weil er Jesuit war. Deshalb kann nur die fundamentale religiose Er- ziehung der Welt einzig und allein die Aussohnung der Kirche mit der Welt zustande bringen, die christlich ange- hauchte Wissenschaft und Kunst kann sie nur befestigen. Es ist ferner auf Grund der Geschichte aller Zeiten festzuhalten, daB ein religioses Volk religiose Kunst produziert und die Wissenschaft mit religiosem Geist auffaBt, nicht aber umgekehrt, daB christ- liche Wissenschaft und christliche Kunst das Volk ohneweiters re- ligios mache. Wer somit nach christlichen Kunstwerken verlangt und christliche Wissenschaft verlangt, setze die erste Bedingung dafiir: die Religiositat des Volkes. Es bliiht noch teihveise die christliche Baukunst, weil ihre Werke Abnehmer finden, die christliche Literatur kann nicht gedeihen, iveil sie eben keine Abnehmer findet. Jede Klage iiber die Ruckstandigkeit der Kirche in der Jetzzeit beziiglich der Kunste und Wissen- schaften reduziert sich auf die berechtigte Klage liber den Mangel an Religiositat des Volkes, weiches religiose Kiinstler und Gelehrte hervorbringen, respektive unterstiitzen solite. Wir sehen somit, wo der Anfang zu machen ist. 189 B. Die Verhiiltnisse innerhalb der Kirche erfordern in vieler Beziehung eine Anderung. I. Die kirchliche Liturgie. Wir Katholiken haben einen herrliehen Gottesdienst, so daB ihn auch Andersglaubige bewundern. Trotzdem machen wir die Erfahrung, daB gerade die Katholiken vom Gottes- dienste ferne bleiben, weil sie die Bedeutung desselben nicht kennen. Der einzige obligate, gemeinsame und offentliche Gottes¬ dienst ist bei uns das heil. MeBopfer; denn bloB von der heil. Messe bestimmt die Kirche strenge: Du solist an Sonn- und Feiertagen die heil. Messe mit gebiihrender Andacht horen. Die meisten Menschen nehmen nur, wenn sie eben iiberhaupt an re- ligiosen Ubungen teilnehmen, an diesem Gottesdienste teil. Die verschiedenen Zeremonien bei den Prozessionen, in der Karwoehe sind im Vergleiche zur heil. Messe nur nebensachlich. Weder wir Priester noch die Glaubigen sind verpflichtet, an denselben teil- zunehmen. Die Zeremonien der Sakramentserteilungen sind mehr privater Natur, so wie auch die iibrigen Zeremonien, wie Be- erdigung, Segnungen etc. Diejenigen, die glauben, in der Kirche ware nichts Unwesentliches, konnen sich in die geschicht- liche Entwicklung der Kirche gar nicht hineindenken. Mit Riicksicht auf den Umstand, daB die heil. Messe ge\visser- mafien der einzige Gottesdienst ist, habe ich fur das Religions- lehrbuch der Volksschule eine griindliche Erklarung des heil. MeBopfers verlangt. Ich fordere auch, daB sowohl der latei- nische Gesang auf dem Chore als auch der laute Gesang des Priesters von allen Glaubigen verstanden und der Gottesdienst nicht zu einem unverstandenen Schauspiel werde. Die lateinische Sprache ist nur fiir die Feier der heil. Messe beizubehalten, wahrend die ubrige Liturgie in der Landessprache stattfinden miiBte. Die Griinde fur die Beibehaltung der lateinischen Sprache bei der heil. Messe sind folgende: 190 1. Da das zweite Kirchengebot alle iiberall obligiert, wo eine katholische Kirche ist, so konnen alle Nationen ihrer Pflicht nachkommen, ohne daB sie Grund zur Klage liber die Bevorzugung eines anderen Idioms haben, was bei heutiger nationaler Verhetzung sehr wichtig ist. 2. Der offentliche, alle obligierende Gottesdienst wird iiberall sprachlich gleich gefeiert, so daB sich jeder in jeder katholischen Kirche heimisch fiihlt. 3. Haben die meisten Volker keine autoritative Uber- setzung der MeBgebete und auch keinen Kirchengesang, der nur annahernd mit den monumentalen Leistungen auf dem Gebiete der lateinischen Kirchenmusik zu vergleichen ware. Die MeBliturgie in der Volkssprache hat auch seine Griinde, jedoch hinsichtlich des Gemisches der Nationalitaten ist der Ge- brauch der Volkssprache nicht angezeigt. Wo aber der latei- nische Chorgesang und der Gesang des Priesters nicht verstanden wird, weil er nicht erklart wird, dort hat die Volkssprache in der Liturgie der heil. Messe den Vorzug. Was fiir die Beibehaltung der lateinischen Sprache bei den iibrigen Zeremonien auBer der heil. Messe vorgebracht wird, ist sehr hinfallig. Die Einheitlichkeit auf das Unwesent- liche zu erstrecken, wird nie gelingen, es ware gleich, wenn jemand eine groBe Fabrik errichten wollte, um fiir alle Men- schen gleich grofie Ročke zu fabrizieren. — Was gewinnt man durch die lateinische Sprache und was nicht? Gewonnen wird eine Einheitlichkeit in unbedeutenden Dingen, nicht gewonnen wird aber die Erbauung der Glaubigen und das Verlangen der Verstandigen, daB die Kirche zu ihi-em Volke in dessen Sprache rede. Was die Zeremonien bei der Ausspendung der heil. Sakra- mente anbelangt, so sind dieselben allerdings notwendig, haben aber einen mehr privaten Charakter und richten sich an den Empfanger der Sakramente. Es wird gesagt: Ego te baptizo, ego te absolvo. Im letzeren Falle wird ein Urteil in einer fremden Sprache dem Beichtenden bekannt gemacht. Eine soweit ge- triebene Einheitlichkeit wird niemandem imponieren, sondern 191 jeder wird es merkwiirdig finden, daB etwas in einer unbe- kannten Sprache gesagt wird, was ohne Verletzung irgend jemandes in der Muttersprache gesagt werden konnte. Der Einwurf, fremde Nationen werden sich dariiber aufhalten, wenn der Ritus in der Sprache eines Volksstammes, mit dem sie nicht harmonieren, stattfinden wiirde, ist klaglich. Kein Mensch lialt sich dariiber auf, wenn bei den Beerdigungen die gewohn- lichen „Vater unser” am Schlusse in der Landessprache ge- betet werden. Auch beim Gottesdienste wird in einer bestimmten Sprache gepredigt. Bei den meisten Sakramenten kommt die Sprache der Empfanger der Sakramente wenigstens teilweise zur Geltung. Niemand halt sich dariiber auf. Es schmerzt mich, wenn am Karfreitage und liberhaupt die ganze Karwoche hin- durch die herrlichen Gebete, die im Namen der Versammelten verrichtet werden, in einer unverstandenen Sprache gesprochen werden. Schiich sagt in seiner Pastoral, VIII. Aufl., Seite 440: „Durch die Einfiihrung der Landessprache in den Gottesdienst wiirde die Einheit desselben und damit auch die Einheit der Kirche bald ihr Ende erreichen.” Das ware wohl traurig, wenn die Einheit der Kirche schon deshalb zugrunde ginge. tlbrigens, dann laBt das Ende der Kirche lange auf sich warten, denn schon Jahrhunderte gebrauchen einzelne Slavenvolker, die Griechen, Armenier etc. nicht die lateinische Sprache beim Gottesdienste. In der Kirche gilt ferner der Grundsatz: Unitas in necesariis. Die Latinitat der Zeremonien ist aber gewiB nicht eine der Notwendigkeiten. „Schon die Vielheit der lebenden Sprachen in der Welt,” fahrt Schiich fort, „ . . . . wurde eine strenge Aufsicht iiber samtliche Liturgien und die Erhaltung der Einheit derselben sehr schwierig machen.” Nun die wichtigste Einheit bezieht sich doch auf die Glaubens- und Sittenlehren, die nicht in der lateinischen Sprache, sondern in der Sprache jedes einzelnenVolkes verkiindet werden. Die Aufrechterhaltung der Einheit der Glaubens- und der Sittenlehren ist viel schwie- riger, als die der Liturgie, die sichtbar und horbar fiir jeder- mann ist. Wenn trotzdem diese Aufsicht iiber die Einheit 192 des Glaubens, welche Aufsicht sich nicht auf die lateinische Sprache stiitzt, gelingt, kann jemand noch im Eimste die Be- hauptung Schiichs aufrecht erhalten, daB die Aufsicht iiber nicht lateinische Liturgien nicht gelingen wurde? Schuch und Kerschbaumer, der erste Seite 440, der zweite Seite 145 (II. Aufl.) ihrer Pastoralbucher, bezeichnen es als der menschlichen Natur entsprechend, dafi die Feier des Hei- ligen uud Geheimnisvollen in einer geheiligten Sprache statt- findet. „Durch das ahnungsvolle Helldunkel (!) einer solchen fremden und geheiligten Sprache wird um den Gottesdienst ein ge- wisser geheimnisvoller Schleier gelegt, der das Mysteriose des katholischen Kultus ganz zutreffend symbolisiert und dem religi- osen Gefiihle ebenso entspricht als dasselbe fordert.” Es wider- strebt mir, auf diese okkultivistischen Gedanken naher einzugehen. Man will somit eine unverstandene Sprache, damit der Gottes¬ dienst mysterioser werde! — Heute will man unseren Gottesdienst, der in špiritu und veritate gefeiert werden soli, so geheimnis- voll gestalten, wie es die alten Auguren und Haruspizes getan haben, die ebenfalls altertiimliche Ausdriicke liebten, oder wie die Wahrsager und Zauberer, die absichtlich alle moglichen Fremdworter zusammentragen, um ihre Prophezeiungen geheim- nisvoll zu gestalten! — DaB Christus und die Apostel diese Seite der menschlichen Natur nicht kannten! — Die Geheim- haltung der Sakramentslehre in den christlichen Zeiten hatte in Anbetracht der Zeitverhaltnisse ganz andere Bedeu- tung und einen ganz anderen Zweck. DaB die lebenden Sprachen fortwahrenden Veranderungen unterworfen sind, schadigt nicht, wenn nur die Sache bleibt. Obrigens ist die Fassung der Sprachen durch die heutige Wissenschaft fixiert und kann kein Grund angefuhrt werden, daB die modernen Sprachen nach Jahrhunderten sich soweit andern wiirden, dafi sie nicht verstanden werden. Heute ist ja die Sprache an das Buch gebunden, nicht wie friiher an den Dialekt. DaB der Gottesdienst in den modernen Sprachen unzahligen Entweihungen ausgesetzt wurde, ist bei einer unverstandenen Sprache noch viel mehr moglich. Ich kann mit einer Reihe 193 von Volkswitzen gerade uber die lateinische Liturgie dienen. Nirgends kommen soviele Religionsverletzungen vor, als gerade in der katholischen Kirche; man hort auch nichts von derartigen Entweihungen bei den Volkern, die nicht die lateinische Liturgie hab en. Wie kann man nur solche Behauptungen aufstellen, wie es die beiden Verfasser der Pastoralbiicher tun! Das Konzil von Trient sess. XXII. de sacrific. missae c. 8 sagt nur uber das heil. MeBopfer „non expedire, ut vulgari passim lingua celebraretur”. Das Konzil sagt auch nur: „non expedire”. In derselben Session tritt es gegen diejenigen auf, die in der heil. Messe eine Belehrung haben wollten und sagt unter an- derem: sacrificii oblatio magis in re, quam in verbis consistit... quare impertinens est, utrum missa dicatur lingua vulgari vel non vulgari! Somit verlangt das Konzil nicht einmal fiir die heil. Messe strikte die lateinische Sprache, wie ich sie aus Grunden der ZweckmaGigkeit gefordert habe. Auch die Stelle des Apostels im I. Corinth. 14, 18: „Ich \vill doch lieber vor der Gemeinde fiinf Worte sagen, die ver- stiindlich und belehrend sind, als zehn Tausend in einer frem- den Sprache” wird willkiirlich erklart. Das Zitat spricht klar fiir mich! Dr. Kerschbaumer bietet wenigstens im Kleingedruckten die ganze Wahrheit, daB namlich verschiedenen orientalischen Volkerschaften der Gottesdienst in ihrer Sprache erlaubt worden ist und zitiert den Ausspruch des Papstes Benedikt XIV.: „Ut omnes Catholici sint, non ut omnes Latini fiant, est necessarium.” Jetzt vergleiche man die friihere Behauptung des Dr. Kersch¬ baumer mit dieser letzteren Stelle und bilde sich das Uideil! Wie tief das Verlangen des Klerus nach teilweiser Liturgie in der Volkssprache ist, \vird die Anfiihrung uud Betrachtung des Protokolles der Konferenz der Dechante am 27. Mai 1902 in Klagenfurt lehren. Ich will die zum Gegenstande gehorigen Stellen zunachst wortlich anfiihren. „ III. Kurze Erlauterungen iiber das neue Rituale. Die Prage iiber das neue Rituale wird damit erledigt, dafi die Be- sprechungen, wie sie bei der Konferenz stattgefunden, schriftlich in Erinnerung gebracht werden. Vogrinec, nostra culpa. 13 194 t)ber das Rituale im allgemeinen bemerkt P. T. Fiirst- bischof: Das Rituale ist eigentlich vergriffen gewesen; darauf wurde nach Salzburg die Anfrage gestellt, ob Salzburg in kiirzerer Zeit eine Neuauflage fiir die ganze Erzdiozese zu machen gedenke, da die Ritualien in vielen Diozesen vergriffen waren. Salzburg dachte aber an eine Neuauflage nicht; andere Bistiimer hatten sich unmittelbar nach Rom gewendet, so Linz, Lavant, Bi-ixen, wie auch Wien und St. Polten. Die haben alle den Ritus fiir Singularia aufgenommen, die in ihren Dio¬ zesen bestanden. Rom hat aber nicht zugestimmt; es sollen die singularen Riten, die einzeln genehmigt wurden, nicht einmal mit dem rbmischen Rituale zusammengebunden werden. Die besonderen Riten hat das Konzil von Trient ja beschiitzt als altehrwiirdige Gebrauche, aber die Praxis in Rom ist jetzt diese, wie sie in dem neuen Rituale zur Darstel- lung kommt. Es wird nicht mehr lange dauern, dali das grofie Rituale aufgelegt wird.Im besonderen wurden folgende Vorschriften und Wiinsche vorgebracht. a) Nach der Austeilung der lieil. Kommunion darf nicht mehr der Segen mit dem Allerheiligsten gegeben werden. Man weist dagegen auf Indulte von Rom fiir andere Diozesen hin. Fiirstbischof entgegnet: Die Kirche ist auf der ganzen Welt die gleiche, das soli auch im Ritus erkenntlicli sein. Auf Rei- sende macht es einen groBen Eindruck, wenn sie iiberall den gleichen Ritus finden. Das Volk wird sich bald an den neuen Ritus gewohnt haben. Ferner ist die Pietat gegen die romisclie Kirche doch mehr als das Singulare. Jetzt ist auch schon das Rituale bestimmt. Man miiBte um eigene Indulte ansuchen. b) Bei der Kommunionspendung miissen die Worte: „0 Herr, ich bin nicht wiirdig” lateinisch gesprochen werden. Es wurde unter anderem ersucht, diese Worte deutsch sprechen zu diirfen. Fiirstbischof erwidert: Ich habe auf allen meinen Visitationen diese Worte lateinisch gesagt. Diese Worte gehoren zur forma sacramenti, zum Kommunionritus, sowie dielateinische Formel beim Taufritus. Darum nicht viel riitteln daran! Das romische Rituale ist das einfachste, das sicherste, das bedeu- tendste und das verbreitetste.Eine weitere Entgegnung 195 war: das gesamte Gebet der Glaubigen, welche alle mitgebetet haben, hat viel zur Andacht gestimmt. Der Fiirstbischof: In dieser Diozese wird audi meistenteils nur leise mitgesprochen, nicht laut. So haben mir auf Anfragen vor kurzem erfabrene Herren mitgeteilt. In der Seckauer Diozese wird iiberhaupt nur leise mitgesprochen. Von Obervellach kamen 1887 Klagen, dah diese Worte laut mitgesprochen werden, denn Rom gestattet nicht, dah diese Worte in der Muttersprache gesprochen werden, weil sie schon zur forma der Spendung des Sakramentes ge- horen. Fiirstbischof von Marburg hat mit vollem Ernst die Bitte, „Domine non sum dignus” in der Muttersprache spreclien zu diirfen, abgewiesen, weil er iiber die romische Anschauung wohl informiert war. Eine weitere Bitte ging dahin, diese Worte wenigstens einmal in der Muttersprache sprechen zu diirfen, wenn sie schon dreimal lateinisch gesprochen worden sind. Fiirstbischof: Das hangt leider nicht von mir ab. In Rom bei der Congregatio fafit man die Sache anders auf. Es ware eine Interruptio der von der Kirche vorgeschriebenen forma sacra- menti. Es ware gut, wenn Gebetbiicher herausgegeben wiirden, in denen beide Formulare lateinisch und deutsch gegeben werden. Keine Diozese wird sich der anderen fiigen, aber alle werden sich Rom fiigen. In Frankreich hat es iiber die zwei- hundert Jahre gedauert, bis ein einheitlicher Ritus ange- nommen war. c) ... d) ... e) Ein anderer Wunsch in einer Separat- angabe enthalt die Bitte, dafi bei Beerdigungen zuerst die latei- nischen Gebete und sodann dieselben deutsch gebracht werden diirfen. Darauf wird hier ervvidert, dah dieser Gebraucli vor 30 bis 40 Jahren nirgends in der Didzese bestanden hat und auch in anderen Diozesen, soweit bekannt, uberhaupt nicht be- steht, nur an einzelnen Orten illicite in tlbung gekommen ist. Wenn einzelne Pfarrer nach ihrem Belieben bei rituellen Hand- lungen vorgehen, wie stehen dann die anderen Pfarrer, die sich genau nach dem Rituale halten, bei etwaigen neuen Ein- fuhrungen da, und wer wird die Grenzen bestimmen? . . . .” Meine Notizen: In der Gurker Didzese haben wir ein kleines Rituale bekommen, das nur den Ritus der wichtigsten 13 * 196 kirchlichen Funktionen enthalt. Dariiber sollten sich die Dechante aufiern! „Salzburg dachte an eine neueAuflage mcht.” Fiirchtete es sich etwa, daB die neue nicht bestatigt wiirde! Fiir Linz, Lavant, Wien etc. wurden einzelne Riten genehmigt, nur sollten sie nicht mit romischen zusammengebunden werden. Die Riten sind zu stark eingebiirgert, deshalb will man eben auf geeignete Gelegenheit warten, um sie zu entfernen! In der fruheren Zeit durften die Bischofe sogar Feiertage einfuhren, jetzt „hangt es leider von einem Bischofe nicht ab”, das einmalige Sprechen derWoi’te „Domine non sum dignus” in der Volkssprache einzu- fiihren. Die Bischofe sind Nachfolger der Apostel. Der Papst ist nur primus inter pares. Sie haben das Recht, sogar bei Glaubensentscheidungen mitzuberaten. Besteht die Gewalt der Bischofe nur darin, Priester zu kreieren und zu regieren? — Jetzt kommt das Interessante: „Das Konzil von Trient hat die besonderen Riten beschiitzt, die Praxis in Rom ist jetzt eine andere.” Da werde ich irre, ich glaube, die Dogmatiker und die Kanonisten auch. Steht die Congregatio rituum iiber dem Konzil? Ad a) „Die Kirche ist auf der ganzen Erde die gleiche.” DaG sich die Kirche dessen nicht friiher bewuBt war, als sie sogar in einzelnen Teilen e‘igene Riten einfuhrte! Warum geht die Vertretung der Kirche heute nicht uberall gleich vor? Wenn ein Indult den Linzern gegeben wurde, so- konnte dasselbe auch den Karntnern gegeben werden. Es ist eben dies das Bittere, daB man nicht genugend begrundete Entscheidungen talit; denn gleiche Grunde miiBten ja gleiche Entscheidungen zur Folge haben. Auf „Reisende macht es allerdings einen groBen Ein- druck, \venn sie uberall den gleichen Ritus’’ finden, noch mehr Eindruck macht es aber auf das gute, in seinem Glauben schon ohnehin irre gemachte Volk, wenn ein alter Brauch plotzlich abgeschafft oder latinisiert wird! Pietat sollen wir allerdings gegen die romische Kirche besitzen, doch diese Pietat soli nicht jene Pietat hindern, die wir dem glaubigen Volke schuldig sind. Gebet Rom, was Rom gehort und dem Volke, was ihm gebuhrt! Ad b) Den Punkt iiberlasse ich den Dogmatiker n zur Be- trachtung, indem ich sie auf den Vergleich mit der Taufformel 197 aufmerksam mache, da ja an dieser nieht geriittelt werden diirfe und sie auch forma sacramenti sei! Der Fiirstbischof von Lavant hat mit vollem Ernst die Bitte abgeiviesen, bloB weil er liber die romische Anschauung informiert war. Diese „romi- schen Anschauungen” sind aber miichtig! Interessant! Ad c) Man sieht, wie der Klerus sich bemiiht, dem Volke dieergreifende Zeremonie der Beerdigung begreiflich zu machen. Das Vorhergehende vrolle man nicht als Auflehnung gegen die kirchlichen Obrigkeiten auffassen. Es ist nur eine theoretische Kritik. Es ist doch besser, daB wir Priester offen unsere An¬ schauungen kundgeben, als im Geheimen ziirnen und oft auch den Laien gegeniiber unserem Unmut Ausdruck geben. In der Praxis ist es aber unsere Pflicht, uns den Anordnungen der Oberen zu fiigen und diese auch auszufiiliren. Jeder ehrliche Burger iibertritt nicht ein unverniinftiges Gesetz, sondern er erfiillt es, bis das Gesetz beseitigt \vird. Ich glaube in dem Vorhergehenden Griinde genug ange- fiihrt zu haben, daB die Forderung der Einfuhrung der Volks- sprache in die gesamte Liturgie mit Ausnahme des Zentrums des ganzen Kultus, dem Kultus per excellentiam, dem heil. Mefi- opfer eine berechtigte ist, nicht ein „deutschtumliches Ge- schrei” von unkirchlichen Geistlichen, wie Kerschbaumer sich in seinem Lehrbuch der Pastoral ausdriickt. Es wird sich zeigen, wer kirchlicher ist, diejenigen, die ohne das Wesentliche aufzugeben, in unwesentlichen Dingen den Anforderungen der Zeit Rechnung tragen \vollen, oder diejenigen, die sich lieber totschlagen liefien, als daB sie den altertiimlichen Rock ablegen wurden. II. Das BuRsakrament. Es fallt mir natiirlich nicht im entferntesten ein, irgend- wie die Lehre iiber die heil. Sakramente zu bekritteln. Ich will jedoch zwei Sachen liervorheben, die in der Praxis einer Korrektur bediirfen. l. Das kirchliche Gebot iiber den Empfang der heil. Sakra¬ mente wird in der Praxis dem Volke nicht immer ganz richtig 198 und klar vorgestellt. — Wir Katholiken sind noch so gliicklich, daB wir das BuBsakrament haben. Wir sollten doch vorsichtiger und der Wahrheit entsprechender bei der Erklarung der Pflicht zum Empfange dieses Sakramentes vorgehen. Wir miissen ja stets vor Augen haben, daB wir nicht mehr mit einer urteils- losen Masse des Volkes zu tun haben, sondern daB die Urteils- losigkeit immer mehr sctnvindet und jeder nach Aufklarung strebt. Zunachst waren die Gebote iiber den Empfang des BuB- sakramentes und des allerheiligsten Altarsakramentes getrennt erlassen worden, wie auch der Empfang des einen durchaus nicht den Empfang des anderen voraussetzt, wie heutzutage sich die Praxis herausgebildet hat. Was den Empfang des BuBsakramentes betrifft, so bestimmte das Konzil. Lat. IV. can. 21: Omnis utriusque sexus fidelis — omnia sua peccata saltem semel in anno fideliter confiteatur. Jeder Glaubiger soli wenigstens einmal im Jahre seine Siinden seinem Seelsorger beichten. Fiir das Altarsakrament bestimmt das concil. Trid. sess. 13, can. 9: Si quis negaverit, omnes fideles teneri singulis annis saltem in paschate ad communicandum juxta praeceptum s. matris Ecclesiae, A. S. Daraus folgt, a) daB jeder verpflichtet ist, einmal im Jahre zu beichten, und zwar wie an anderen Orten wieder die Moral lehrt, nur dann, wenn er schwere Siinden hat, sonst ist es nur ratsam, auch zur Beicht zu gehen, wenn man sich nur leichter Siinden bewuBtist, fi) daB man zu osterlicher Zeit die Kommunion empfangen mufi, y) daB Beicht und Kommunion nicht notwendigerweise aufeinander zu folgen haben. Warum sagen wir das nicht dem Volke in der Praxis? Warum sind wir strenger als die Kirche selbst? Durch diese Vorenthaltung schaden wir unserer Religion ungemein. Dem Volke wird etwas als Pflicht auferlegt, was nur guter Rat ist. Die Verbindung der Kommunion mit der Beicht zur Osterzeit lcann nicht einmal iiberall ein guter Rat sein, da beim groBen Zudrang zu den Beichtstiihlen gerade in den Stunden vor der Erteilung der heil. Kommunion eine gewissenhafte Verrichtung der Beicht sowohl von Seite des Priesters als von Seite des Beichtenden 199 auf Schwierigkeiten stofit, — Oft las ich in den Verkiindbiicheim, wo die „Osterbeicht” angekiindigt wird, daB alle Glaubigen unter schwerer Siinde verpflichtet seien, die heil. Sakra- mente zur Osterzeit zu empfangen. Wir sprechen von der Osterbeicht, verteilen ,,Beichtzettel”, die wir im Beiclitstuhl abnehmen, respektive wieder als Bestatigung der Beicht an die Beichtenden abgeben. Wir betonen auch zu wenig, daB die- jenigen, die sich keiner scliweren Siinde bewuBt sind, eigentlich nicht verpflichtet sind, zur Beicht zu kommen, daB sie aber ohne weiteres die heil. Kommunion empfangen konnen, zu oster- licher Zeit auch empfangen miissen. Die Befiirchtung, dafi man nicht weiB, ob man nicht eine schwere Siinde habe, als Grund der kirchlichen Praxis anzu- geben, ist ein Zeichen eines angstlichen, nicht konsequenten Moralisten. Eine schwere Siinde wird iiberhaupt nur dann be- gangen, wenn eine freiwillige und iiberlegte Abivendung von Gott und seinen Satzungen stattfindet. Die Siinde muB vom Gevvissen als schwer bezeichnet werden. Der Seelsorger kann wohl helfen bei der Geivissenserforschung, doch ein bestimmtes Urteil kann er nicht abgeben, weil er keine Garantie hat, daB er vom Konfitenten alle erschwerenden und mildernden Um- stande erfahren hat. Der Konfitent wird selbst noch immer besser urteilen, da er den Grad der Willensfreiheit und der Starke der Leidenschaft empfunden hat. Bei intelligenten Kon¬ fitenten wird dies immer der Fali sein, namentlich \venn fiir einen klaren Religionsunterricht und lichtere Predigten Sorge getragen und nicht mehr in den Predigten peroriert wird, wie z. B.: ,,Du sagst, Du hast keine Siinde! Du brauchst also nicht zur Beicht zu gehen! Nun zornig, ungeduldig, etwas hof- fartig bist Du gewifi gewesen. Deine Gedanken und Worte waren auch nicht immer in Ordnung u. s. w.” Die Verantwortung fiir einen unwiirdigen Empfang der Kommunion tragt ja der Kommunizierende. Wenn er so ge- wissenlos war, zur Kommunion mit unbereuter schwerer Siinde zu gehen, dann wird er auch die Beicht nur pro forma ab- legen. Hat aber jemand die aufrichtige Ubei'zeugung gehabt, daB er ohne schwere Siinde sei, dann tritt er ohnehin wiirdig 200 zum Tische des Herrn und hat das Bekenntnis an der Giltigkeit der Beichte in diesem Sinne nichts geandert, da der Konfitent die Siinde nicht als schwere beichtet und der Priester die Schwere der Siinde nur in eklatanten Fiillen als schwere konstatieren kann, wo ein norrnaler Mensch sie ebenfalls als schwer empfindet. Es kann somit manclie geben, die, streng genommen, jahrelang nicht verpflichtet sind, zur Beicht zu kommen, wah- rend sie die heil. Kommunion zu Ostern empfangen kbnnen. Tat- sachlich kann ich sagen, daB namentlich unter den Verhei- rateten in gut christlichen Landern drei Viertel ohne schwere Siinde sind: Fluchworte im Zorne bei den Mannern, Klatsch- sucht bei den Frauen sind die gewohnlichen Fehler. In der Stadt gibt es auch sehr viele Familien, namentlich aus intelli- genten Kreisen, bei denen keine besonderen Ubertretungen vorkommen. Manche gehen auch deshalb nicht zur Beicht, weil sie sehen, daB doch immer das Gleiche zum Beichten kommt. Die Leser wissen aus eigener Erfahrung, daB man meistenteils aus verschiedenen Aufregungen und Versuchungen nicht heraus- kommen kann, oder besser gesagt, herauszukommen pflegt. Wir Priester empfangen jedesmal bei der heil. Messe die Kommunion und haben dort, wo mehrere Geistliche sind, viel mehr Gelegenheit, jedesmal vor der heil. Messe zur Beicht zu gehen. Warum gehen wir nicht jedesmal vor der heil. Messe zur Beichte, sondern nur alle acht oder vierzehn Tage, die wir ja bei den Glaubigen so stark darauf dringen, daB auch sie jedesmal vor der Kommunion zur Beicht gehen? Es ist somit eine Unehrlichkeit nicht nur gegen das Volk, sondern auch gegen die Kirche, wenn wir in der Praxis anders handeln, als es die Theorie verlangt. Ganz anders wiirde sich die Intelligenz dem Kirchengebote gegenuberstellen, wenn das Gebot richtig beleuchtet wiirde. Die Erfiillung der Oster- pflicht wiirde mit keinen Schwierigkeiten verbunden sein, die Beicht an frei gewahlten Tagen des Jahres, wo man gerade disponiert ist, wurde eine viel gewissenhaftere sein. Man brauchte nicht solange, oft an kalten Tagen, niichtern warten, bis man an die Reihe gelangt. GroBe Erbauung \viirde es 201 hervorrufen, wenn z. B. in der Karwoche alle Glaubigen eines Pfarrortes die Seelennahrung empfangen und vor der Kommunion laut die Reue erwecken wiirden. Es ist somit nur ratsam, daB diejenigen, die laBliche Sunden haben, zur Beicht kommen, nicht aber notwendig; diese Tatsache muB als der Wahrheit entsprechend dem Volke klargelegt werden, ebenso daB es nirgends vorgeschrieben ist, daB die jahrliche Beicht der schweren Sunden zu Ostem geschehen miisse. DaB sogar Moralisten diese Praxis wohl nicht aus moralischen Griinden, sondern aus unbegriindeter, oft fur das Volk nach- teiliger Angstlichkeit, befiirworten, dafiir zeugt die Moral- theologie Dr. Miillers Lib. III., 5. Aufl., Seite 273. „PIinc com- muniter cum s. Alphonso docent, eum qui mortaliter per annum non peccavit, stricte non teneri ad confessionem. Etenim Ecclesia suo praecepto determinavit solum quoad tempus confessionis peragendae praeceptum divinum, quod non obligat ad confes¬ sionem venialium. Ita in theoria, cujus nec in catechesibus neque in concionibus mentio fiat, si quidem in praxi omnes omnino fideles urgendi sunt, ut saltem singulis annis peragant confessionem sacr amentalem. Wie herrlich ware die kirchliche Walirheit, wenn nicht Allzuangst- liche sie mit zentnerschweren Lasten behangen wiirden! „Et quid de iis censeres, qui licet non mortaliter peccasse puta- verint, tamen ad ss. Eucharistiae sacramentum suscipiendum ommissa per annum vel amplius confessione sacramentali acce- dere auderent?” fragt Dr. Miiller weiter. Und was solite man liber die Moralisten sagen, die einen solchen Unfug mit der Lehre der Kirclie treiben? frage ich. — — 2. Was die Achtung vor dem heil. BuBsakrament bei den intelligenteren Glaubigen ganz besonders sehmalert, ist die Art des Beichthorens in den Beichtstiihlen. Diese Art paBt in jene Zeit, wo der Burger selbst in den grofiten Stadten drauBen vor seinem Hause auf einer holzernen Bank saB und die Pfeife rauchend das Getriebe der Stadt beobachtete. Jetzt ist es anders. Zunachst weiB a) der Konfitent nicht, ob er iiberhaupt einen Beichtvater findet. Er verschiebt die Beicht, weil er nicht 202 mit voller Bestimmtheit weiB, dati er an einem bestimmten, ihm zur Verfiigung stehenden Tage seme Beicht ablegen kanu. $) Mufi er berumschauen, wo ein Beichtstuhl besetzt ist. Da ware es gut, hineinzugucken, ob nicht ein ihm bekannter Priester darin sitze, zu dem er kein Vertrauen hat. y) Wenn man zum Beichtstuhle hingeht, setzt man sich dem Anblicke samtlicher Kirchenbesucher aus. Da ist es eine bekannte Tatsache, da(3 namentlich der Intelligente, der es mit der Beicht ernst nimmt und nicht aus bloBer Gewohnheit oder um seine Frommigkeit zu zeigen, wie es oft auf dem Lande geschieht, sondern aus wahrer Frommigkeit zur Beicht geht, sich scheut, im Angesichte vieler Menschen sein Herz zu eroffnen. Die Beicht ist eine Vertrauenssache und liebt, die Stille und Einsamkeit, was iiberhaupt bei jeder Offenbarung des Herzens notwendig ist. Ich habe noch nie gesehen, einen Geistlichen offentlich zur Beicht zu gehen, so daB ich sogar sehr alte Leute getroffen habe, die geglaubt haben, der Geistliche gehe iiber- haupt nicht zur Beicht. Wir suchen meistenteils das Zimmer- chen manches gutmiitigen Beichtvaters auf. Es stehen uns auch die Zeit und die Mittel zu Gebote, daB wir auch in die Ferne zu ihm gehen. Bei dem Laien ist das nicht immer moglich, er bringt es nicht iiber sich, sich in die Gange irgend eines \veiten Klosters zu verirren, um die Zelle eines geeigneten Beichtvaters ausfindig zu machen. Wer weiB es feimer, ob der Beichtvater Zeit hat oder iiberhaupt zu Hause ist?! d) Die Kirchen sind oft kalt, und die Beichtenden drangen sich vor dem Beichtstuhle zusammen, so daB man das Knistern der Beichtstuhle hort. Da soli sich ein besser Gebildeter hinein- wagen! s) Die Art des Beichthorens entspricht nicht der Heilig- keit der Handlung. Wie gerne mochte man ruhig, nicht lispelnd sein Herz ausschiitten, um dieses oder jenes fragen! Doch man ist nicht an den Priester gevrohnt und versteht ih n schwer. Der Priester konnte sich fast das Genick brechen, um den Kopf genugend in die Nahe des Konfitenten zu bringen, damit er ihn halbwegs versteht. Gefahr ist immerhin vorhanden, daB ein Herumstehender die Beicht belauscht. Oft 203 sprechen auch Priester, ohne daB sie es wissen, laut. Ich kenne Priester, von denen ich in einem anderen Beichtstuhle alles gehort habe, was sie gesagt haben. Ist der Konfitent schwer- liorig oder auch der Priester, da ereignen sich oft komische Szenen. t) Die Beschaffenheit des Beichtstuhles ist derart, daB er eher allem anderen ahnlich ist, als dem, was er sein soli. Der Priester und der Konfitent befinden sich in einer Zwangsstel- lung, wie in einem Selchkasten, in dem oft von Priestern, noch mehr aber von Konfitenten alle moglichen Geriiche vorkommen, aus denen man oft auf die genossenen Speisen oder Getranke des Priesters und auch der Gliiubigen schlieBen kann. Die Gitter selbst sind geschwarzt von verschiedenen Ausatmungen, die ansteckend wirken konnen. Wie komisch nimmt t sich oft der ganze Beichtakt aus, wenn der Konfitent eine ungeschickte Stellung einnimmt und die Nase durch das Gitter hineinsteckt! Ist das alles modern? Ist das der Platz, um sich seinem Herzensfreunde zu offenbaren? 3. Wie werden wir nun das Beichtinstitut gestalten, damit es den Anforderungen entspricht? In jeder groBeren Pfarre haben wir kleine Kirchen und Kapellen, die nur selten im Jahre benutzt werden. Auch in der Stadt gibt es eine groBe Zahl wenig frequentierter Kirchen. Diese Kirchen und Kapellen werden wir zu Beichthausern oder Konfessionarien umwandeln. Auch fur weltliche Gerichte gibt es eigene Lokale, warum solite fiir das Beichtgericht kein eigener Platz gefunden werden? Dort wo es keine derartigen Kirchen geben wiirde, sollten eigene gebaut werden. Auf dem Lande wird es genugen, wenn zwei oder drei Pfarren oder auch mehrere iiber ein Beichthaus verfiigen! Die Seitenkapellen sowie das Presbyterium einer Kirche kdnnen etwa durch Holz- verschalungen abgeschlossen und als Beichtlokalitaten benutzt werden. In den groBeren Kirchen sind auch Seitenschiffe leicht in eigene Abteilungen einzuteilen. Nur das Mittelschiff oder iiber- haupt ein Raum soli gleichsam als Warteraum dienen. Der Eingang zur Beichtzelle besteht aus einer Glastur mit einem Vorhange an der AuBenseite, so daB der Forderung der Kirche nach 204 einem „locus apertus”, einem allen sichtbaren Platz, Geniige geleistet wird. Im Inneren befindet sich ein Sessel fiir den Beichtvater und ein Betschemel oder Knieschemel fiir den Konfitenten. Der Beichtvater soli durch einen Vorhang, der ofters gewaschen werden kann, und bis zu seinem Haupte reicht, von dem Konfitenten getrennt werden. Der Konfitent spricht nicht in das Ohr des Beichtvaters, sondern geradeaus neben dem Ohre desselben, in ungezwungener Stellung. Aufierhalb des Beichtzimmers muB stets die Tafel mit dem Namen des Beichtvaters angebracht werden. Es miissen die Tage bestimmt sein, an denen Beicht ge- hort wird, wie auch die Stunde, z. B. zweimal in der Woche von 6 bis 8 Uhr friih und 6 bis 8 Uhr abends, in der Oster- zeit jeden Tag. Dies gilt fiir die_ Stadte. Auf dem Lande sollen an bestimmten Tagen des Jahres Beichtvater, denen auch die Pfarrer der Umgebung behilflich sein werden, in den Beicht- hiiusern Beicht horen. Die Gliiubigen haben dabei eine grofie Auswahl der Beichtvater. Hie und da werden auch von den Pfarrern, angesichts der leichten heutigen Verkehrs- mittel, eigene Wallfahrten zu Beichtkapellen veranstaltet werden. Als Beichtvater sind standige Priester fiir zwei oder mehrere Jahre zu bestimmen. Sie sollen sich mehr im vorge- schrittenen Alter befinden und aus den Reihen jener genommen werden, denen die Seelsorge aus irgend einem Grunde zu be- schwerlich ist und die friihzeitig in Pension getreten sind. Die Ordensgeistlichkeit hatte hier ihren schonsten und geeig- netsten Wirkungskreis. Die Ordensgeistlichen, die im Streben nach Vollkommenheit sich den Ordensberuf erwiihlt haben, sind am meisten berufen, Seelenarzte zu sein. Die Erhaltung der Beichtvater geschieht auf Kosten des Religionsfonds, da in der Seelsorge weniger Priester benotigt werden, oder wird aus milden Gaben oder aus Stiftuugs- und Pensionsertragnissen bestritten. Es ist selbstverstandlich, daB es jedem freisteht, auch auf die heutige Art zu eigenen Seelsorgern zur Beicht zu gehen. 205 Die Vorteile eben erivahnter Einrichtungen \verden sein, daB die oben geschilderten Nachteile beseitigt werden. Ins- besondere wird folgendes erreieht: a) Jedermann wird wissen, wo nnd zu weleher Stunde er beichten kann. Er wird sich auch den Beichtvater frei wahlen. (ij Der Konfitent, weil in einer ungezwungenen Stellung, kann ungestort reden und sich mit dem Beichtvater verstandigen. y) Es entfallt das unangenehme Hin- und Herlispeln durch das Gitter. Auch der unzierliche Beichtstuhl wird allmahlich verschwinden. S) Man wird nicht von Umstehenden beobachtet und in seiner Ilerzensstimmung gestort. e) Das Gedrange zur Osterzeit, welches jede Andacht stort, wird aufhoren. £) Die Bestimmung eigener Beichtvater zumeist aus dem Ordensklerus wird auch die Skrupel derjenigen beseitigen, die bei eventueller Aufhebung des Zolibates nachteilige Folgen bezuglich des BuBsakramentes befurchten. Es ist noch zu bemerken, daB ein anderer Erziehungs- geist in den theologischen Anstalten auch viel tiichtigere Beicht¬ vater hervorbringen wird, die nicht bloB wie die Automaten die Lossprechungsformel sprechen werden, sondern die auch als Seelenarzte, als liebe Freunde und Troster den Beichtenden entgegenkommen werden. Meine Vorschlage werden allerdings manchem phantastisch erscheinen. Nun wenn ich richtig denke, ohne Vorurteil und mit ungetriibtem Auge, dann ist die heutige Art des Beichthorens noch phantastischer und horrender als meine Vorschlage. Allerdings ziehen noch ganze Massen zum Beichtstuhle, doch leider vrerden diese Massen desto kleiner, je mehr sie sich der Intelligenz nahern. Man sehe sich die Konfitenten in den Stadten und auf dem Lande an, man zahle sie namentlich in den Stadten und ubertreibe nicht die Zalil der Konfitenten, um sich selbst zu beschonigen, mache eine ernste Betrachtung liber alle jene Punkte, die ich getadelt habe und nehme die Menschen wie sie sind, nicht wie sie sein sollten, dann schelte man mich 7 « einen Phantasten! — — — 206 III. Das Fasten und das offentliche Gebet. Das Fastengebot ist ein kirchliches Gebot. Als solches hatte es einstens eine sehr grofie erziehliche Bedeutung. Die Volkerschaften, welche die Kirche zur Erziehung iibernommen, waren groblicli sinnlich, nur auf die Geniisse bedacht, sie konnten auch eine geistige Macht nicht leicht als solehe auf- fassen. Da hat die Kirche das schon bei den Juden iibliche Fasten urgiert, um die Menschen zur Enthaltsamkeit zu er- ziehen, sie fur das Hohere zu gewinnen und zur Ervveisung des Gehorsames gegen die Kirche anzuleiten. Mag die heutige Zeit auch grobe sinnliche Verirrungen zutage fordern, im Durchschnitte ist sie doch vom geistigen Streben nach richtigen oder falschen kulturellen Lebenszielen beseelt. Auch die Re- ligion will heute mehr im Inneren des Herzens geiibt, in gei- stiger Weise, in špiritu et veritate, betatigt werden, wenn auch dieses Streben nicht zum richtigen Erfolge fuhren kann wegen allzu geringer Mithilfe der Diener aller Religionen. Die Kirche hat auch mit diesem Zuge der Zeit gerechnet und hat das im Laufe der Zeit oft geanderte Fastengebot bedeutend be- schrankt und das Fasten erleichtert. Doch gerade durch die Unzahl von Dispensen wurde die Verpflichtung zum Fasten bedeutend erschiittert. Wie eine Regel mit allzuvielen Aus- nahmen fast keine Regel wird, so wird auch das Fastengebot im praktisclien Leben der Katholiken fast zu keinem Gebot. Die heutige, mehr oder weniger intelligente Gesellschaft, die iiber alles mit Recht Rechenschaft verlangt, sieht die Zweck- maBigkeit des Fastens nicht mehr ein. Den Grund, daJl ge- fastet wird, um den Gehorsam gegen die Kirche zu bezeugen, will sie nicht mehr annehmen. Das Gebot kommt ihr vor als der Vogteihut, vor dem die Schweizer die Hiite luiten muBten. Etwas zu tun, was noch hie und da in Klostern geschieht, um bloBen Gehorsam zu beweisen, kann die heutige Zeit mit Recht nicht mehr zulassen. Es ware auch eine ganz falsche pada- gogisclie Erziehung, wenn ein mameluckischer Gehorsam maB- 207 gebend ware. Solche Erziehung ohne Angabe der Griinde er- zeugt Veraclitung und Erbitterung gegen die Erzieher. DaB das Fasten innere Abtotung versinnbilden und aucli erreichen soli, kann fiir die weitaus groBere Zahl der Glau- bigen nicht als zweckentsprechend bezeichnet werden, da die heutigen sozialen Verhaltnisse ihnen ein viel strengeres Fasten diktieren als es das strenge Fastengebot der friiheren Zeiten tat. Man denke an die Entbehrungen der meisten Arbeiter- klassen, oder der Kleinbauern, die sieh Tag fiir Tag mit ihrer ganzen Familie manches entziehen miissen, um ein Fortkommen zu finden. Die wohlhabenden Klassen haben keine, oder ihre eigene Religion und kiimmern sich nicht viel um das Fasten¬ gebot und so trifft dieses hauptsachlich diejenigen, die ohnehin das ganze Leben fasten miissen. Die Verpflichtung zum Fasten ist hauptsachlich durch den immensen Verkehr aus demGewissen verschwunden. Dieser Verkehr hat so manche alte Einrichtungen und Anschauungen iiber den Haufen geworfen. Tag fiir Tag kommen Menschen verschiedener Anschauungen und verschiedener Konfessionen zusammen, so daB das Besondere in den einzelnen Kon¬ fessionen verschwindet und der Katholik sich nicht durch Beobachtung des Fastengebotes von den ubrigen unterscheiden will. Auch stumpft sich das Pflichtgefiihl durch die Tatsache immer mehr ab, daB man nicht immer das Fastengebot erfiillen kann. Es ist aber weiters eine bekannte pastorelle Erfahrung: Hat man sich eiurnal iiber ein Kirchengebot ofters liinweg- gesetzt, dann faBt man bald auch die ubrigen Anordnungen der Kirche gleicligiltig auf; so daB die Folgerung ganz richtig ist, dafi die Obertretung des Fastengebotes — durch die sozialen Verhaltnisse verschuldet — auch einen groBen Schaden fiir die Religion iiberhaupt mit sich bringt. Die heutige Intelligenz setzt sich meistenteils iiber das Fastengebot hin- weg. Es ist auch erklarlich. Man fiihrt eine sitzende Lebens- weise infolge der Berufsstellung und verlangt eine leicht verdauliche zutragliche Nahrung, was bekanntlich die Fasten- speisen nicht sind. Selbst Geistliche furchten denFreitag. AuBer- 208 dem ist die gew6hnliche Fleischnahrung viel billiger als die sehwer zu beschaffenden Fastenspeisen. Die Landbevolkerung kommt in die Stadt und sieht wie sich die Stadter um das Fastengebot nicht kiimmern; viele kommen auch zum Militar, wo zu ihrer Verwunderung kein Freitag respektiert wird und so werden auch diese indifferent. Die Dispens wird einfach nicht verstanden. Ich habe noch nie einen Laien getroffen, der richtig liber das Fastengebot aufgeklart wiire. In Karaten und in Siidsteiermark besteht in noch christlichen Hausern die Gewohnheit, dali etwa bis 11 Uhr vormittags an Fast- tagen nichts gegessen wird. Ich kannte Dienstboten, die von 4 Uhr in der Friih bis zum Mittag niichtern arbeiten muli- ten und die deshalb den Erfinder des Fastengebotes ver- wiinschten. Freilich diejenigen, die das Fastengebot auslegen, kennen die tatsachlichen Verhaltnisse nicht und sie empfinden auch nicht die ganzeStrenge des Fastengebotes. Neunzig vonHundert wurden Gott danken, wenn sie solche Kost an allen Tagen des Jahres hatten, wie es die kirchlichen Kreise an Fasttagen haben. Deshalb nehmen wir Rucksicht auf das Volk, belasten wir dessen Gewissen nicht mit unnotigen Ubertretungen, namentlich wenn es sich um etwas Un\vesentliches handelt, um etwas, das doch die Religion nicht im geringsten ausmacht und heutzutage auch keinen besonderen religios erziehlichen Wert mehr wie in den friiheren Zeiten hat. Wir miissen danim dahin wirken, dali das strikte Fasten¬ gebot sich nur auf die drei letzten Tage in der Kar- woche und auf den Aschermittwoch erstrecke, mit Be- ziehung auf andere Fasttage aber nicht mehr als Gebot, son- dern als Rat zur Verrichtung eines guten Werkes auf- gefaBt wird. Unter dem offentlichen Gebet verstehe ich hier nicht das Gebet in der Kirche, auch nicht im Privatleben, sonderndas Gebet, welches der Katholik an offentlichen Platzen oder in offentlichen Lokalen, oder in einer grolieren Gesellschaft vor und nach dem Essen, bei Liiuten der Glocken ete. nach der Forderung der Kirche verrichten soli. 209 Der Katechismus sagt uns ausdriicklich, daB wir in diesen Fallen beten sollen und wir Kateeheten miissen aueh die Schiller dazu anleiten. Doch wir bringen die Erklarung dieser Ver- pflichtung sehr oft so heraus, als ob wir durch das Nicht- beten den Glauben verleugnet hatten, und zitieren die Worte Christi: „Wer mich vor der Welt bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen, der im Himmel ist.” Man vergleiche nur die verschiedenen katechetischen und Predigt- ausfiihrungen! Diese Auslegung ist ganz unrichtig; sie ist ein Zeichen dafiir, wie gedankenlos wir uns in manche Anschauungen hineinverannt haben. Weder das Gebetvor dem Essen noch beim Glockengelaute hat die Bedeutung eines Glaubensbekenntnisses, wenn allerdings auch indirekt nach auBen die Glaubigkeit sicht- bar wird. Das Gebet ist eine Erhebung des Geistes zu Gott, ein Gesprach mit Gott, kann a]so auch ohne auBere Zeichen verrichtet werden. Zum Gebete, als einer so wichtigen Handlung, die gleich- sam eine Audienz beim lieben Gott darstellt, ist eine bestimmte Fassung und auch eine Umgebung, welche die Andacht nicht stort, notwendig. Es ist klar, daB in einer Gesellschaft, in der sicli Leute verschiedener Anschauungen und Konfessionen be- finden, oder auf dem Marktplatze und auf der Gasse, wo ein ununterbrochener larmender Verkehr stattfindet, keine Samm- lung moglich ist, so daB ein Lippengebet, oft nicht einmal das, dem Munde des Betenden entstromt. Was ist damit ge- holfen? Auch Christus betete nicht gerne vor dem Volke, das ubrigens gleiche Konfession hatte wie er, sondern zog sich zuriick in die Einsamkeit; in das Innere des Gartens am 01- berge nahm er nicht einmal seine Lieblingsapostel mit. Es gehort auch zur modernen Hoflichkeit, daB man unter- laBt, was nicht unbedingt notwendig ist und wodurch man andere provoziert. — Das Gebet vor dem Essen und beim Glockengelaute, erst spater eingefiibrt, gehort ebenfalls nicht zu den speziellen Geboten der Kirche, sondern zum frommen Brauch der Glaubigen, welclier Brauch sehr ei'bauend war, so- lange noch alle eines Sinnes waren. Solange wir in der Schule noch die allgemeine Praxis befolgen und das Gebet bei genannten Anlassen einscharfen Vogrinec, nostra culpa. \ 4. 210 und solange auch der Kateehismus dies verlangt, ist es aller- dings unsere Pflicht, aucli selbst diese Praxis zu befolgen und sich nicht etwa mit unserer Lehre in Widerspruch zu setzen. Da hat einstens ein Schulinspektor sehr konsequent padagogisch gehandelt. Bei einer groBeren Jagd, an der sehr viele illustre Gaste, darunter auch der Schulinspektor, teilnahmen, wurdeu Schulknaben als Treiber verwendet. Als Jager und Treiber das Mittagmahl erhielten, betete der Schulinspektor allen Herren vor, wodurch er die Kinder sehr erbaute. Doch gerade dadurch, daB der Schiller in der Schule zu etwas angeleitet wird, was er im wirklichen Leben nicht aus- gefiihrt und befolgt sieht, wird der Zwiespalt in sein Herz getragen; er verwirft bald auch die ubrigen religiosen Grundsatze. Kein verniinftiger Mensch kann aber anderseits sagen, daB es derKirche in Anbetracht der heutigen Stromungen gelingen wird, die Menschen dazu zu bringen, daB sie auf der Gasse, in der Gesellschaft etc. beten werden. Sie kann es so- weit bringen, daB die Mehrzalil der Menschen wieder die eigent- lichen Kirchengebote erfiillt, doch nicht, daB sie alte Brauche, die ihnen aus mehr als einem Grunde unzweckmaBig erscheinen, wieder annehmen. Es ergibt sich hieraus die Folgerung, daB wir anstreben miissen, die schone Sitte des gemeinsamen Ge- betes oder auch des Gebetes fiir sich in der Familie und in gleichgesinnten Kreisen beizubehalten, daB wir aber auf offent- lichen Platzen, in der Gesellschaft vieler das Gebet unterlassen konnen. Es ware auch durchaus nicht pietiitlos, wenn in den Stadten das feierliche Versehengehen aufgegeben wiirde. Dadurch verkennen wir keineswegs unseren Glauben, sondern wir ver- hindern viele Unehrerbietigkeiten und Argernisse. Wie sorg- faltig die ersten Christen jede Profanation verhuteten! Es dauerte lange, bis man die Katechumenen erst in die Geheim- nisse des Altarssakramentes einweihte. Sie betrachteten das Sakrament als einen kostbaren Schatz, den sie in einem eigenen Hauschen verborgen hielten und auBerst selten den_Glaubigen zeigten! Der gottliche Heiland hat sich auch uberall zuriick- gezogen und aufgetragen, man solle seine Wunderwerke nicht 211 zu viel ausposaunen. Heutzutage mehren sich Klagen wegen Religionsstorung in erschreckender Weise. Aus meiner Nach- barschaft kamen gleich zwei vor das Landesgericht. Von der Zukunft haben wir nichts besseres zu ervvarten, da ja den priesterlichen Lesern die Entscheidungen des obersten Gerichts- hofes beziiglich der Reverenz gegeniiber dem Altarssakramente bekannt sind. IV. Der Kirchengesang und der religiose Volksgesang. Die Wichtigkeit des Kirchengesanges wird zwar in der Theorie hervorgehoben, und derselbe wird auch durch Cacilien- vereine halbwegs gefordert. DaB aber ein wirklich wiirdiger Gesang eingefiihrt wiirde, dafiir werden die notwendigen Be- dingungen nicht gestellt. Deshalb bemerken wir die Erseheinung, daB manche Cacilienvereine durch drei Jahrzehnte arbeiten und doch versclrvvindend wenig erreichen. Es geht zwar weiter, jedoch so langsam, daB ein Riickfall in die alte Lethargie stets zu befiirchten ist. Man gehe doch durch Karaten, Steier- mark und andere katholische Lander und erkundige sich nach dem Chorgesang: ein schreckliches Resultat wird sich da er- geben. Man wird herrliche Altare finden, die tausende von Gulden gekostet haben, herrliche Paramente und kostbare Kelche, doch auf dem Chore eine unbeschreibliche Vernachlassigung des Gesanges. Es ist zwar viel leichter, um das bloBe Geld derlei Gegenstande anzuschaffen, als die groBe Miihe der Einfiihrung eines wurdigen Kirchengesanges anzuwenden. Und doch ist ein guter Gesang bei einfacher Kircheneinrichtung bei weitem zur Erbauung wertvoller, als ein schlechter Gesang bei schoner Ivircheneinrich'tun'g. Der Gesang ist ein Bestandteil des Gottesdienstes, und zwar ein lebendiger Bestandteil, indem er wie z. B. bei den Hochamtern einen Teil der MeBgebete im Namen des Volkes in melodischer Form vortragt. Ein frommer Gesang ist auch besser als ein Gebet, weil er in intensiverer Form die religiosen Gefiihle ver- dolmetscht. Will der Mensch irgendwelche Gefiihle auf beson- dere Weise zum Ausdruck bringen, so kleidet er sie, wenn er 14 * 212 eine hohere Befahigung besitzt, nicht in einfache Worte, sondern in die Gedichtform und tragt sie im Gesange vor. Deshalb lege ich bei allen Unterrichtsanstalten auf religiosen Gesang’ so viel Wert. Wenn man in eine Kirche kommt, dann weiB man auch beilaufig, was man vom Seelsorger zu halten hat. Ist die Kirche unrein und herabgekommen, dann ist der Seelsorger samt der Pfarrgemeinde sehr nachlassig. Ist sie herrlich eingerichtet und rein gehalten, dann kann man sagen, der Pfarrer und die Gemeinde haben Freude an ihrer Kirche. Ist der Gesang schlecht, dann kann man immer auf geringe Bildung des Seel- sorgers schlieBen. Es ist nicht notwendig, dafi Gott weiB welche schwierige Messen aufgefuhrt werden. Das schlichteste Lied ist geniigend zur Erbauung fiir jedermann, wenn es gut und fromm vorgetragen wird. Doch was pflegt man bei uns zu finden? Da sitzt ein Seelsorger 20 bis 30 Jahre in einer Pfarre, iiberlaBtden Gesang durch alle diese Jahre der Leitung des Orga- nisten, der jahraus jahrein dasselbe herableiert, manchmal nicht einmal iiber irgendwelche Noten verfiigt. Alle Achtung vor einem Tischler, Schneider oder dergleichen, doch daB man ihm die ganzeSorge fiir den Kirchengesang uberlaBt, ist gleichbedeutend mit dem, wenn ich einem schlichten Maurer den Bau einer Kirche anvertrauen wiirde. In unserer Diozese und auch in der Nach- barschaft besorgen den Organistendienst meistenteils Professio- nisten, die irgendwo ein paar Akkorde anzuschlagen erlernten. Es dominieren auf dem Chore durch Jahrzehnte die gleichen Sangerinnen, die nicht immer in bestem Rufe stehen. Kommt ein junger Kaplan, dem ein wiirdiger Gesang am Herzen liegt, und sucht dem Organisten nachzuhelfen, so kann er vom selbst- bewuBten Organisten bald mit den Worten zuriickgewiesen werden: „Der Chor geht nur mich an, kiimmern Sie sich um Ihre Sachen.” Kein Wunder, daB die Intelligenz keine Freude an dem Gottesdienste findet, wo alles — sit venia verbo — hand- werksmaBig geschieht. Sogar manehe Markte machen dies- bezuglich keine Ausnalime. In Tirol ist der Kirchengesang besser, wenn auch hier fast ausschlieBlich der lateinische domi- niert. Der Gesaug ist hier besser, weil ihn eben der Lehrer 213 iiberall leiten muB. Trotzdem werden hie und da lustige Messen, die in der Zeit, als noch das Verstiindnis fiir echt kirchlichen Gesang fehlte, entstanden sind, und die sich auf die Nachfolger vererbt hab en, aufgefiihrt und mit Trompeten- geschmetter begleitet, als ob eine Zirkusvorstellung stattfinden wiirde. Hier in meiner Umgebung ist es Sitte, daB der Organist wahrend des heiligen Mefiopfers Piecen aus verschiedenen Marschen und Tanzstiicken, und zwar gerade die prickelndsten, aufspielt. Beliebt sind aber namentlich die Melodien der Karntner Gstanzln. „Wie der Auerhahn balzt” kann man in der Kirche horen. Der Geistliche kiimmert sich nicht um. den Ge¬ sang und so geschehen unglaubliche Dinge. Ich predigte in einer Wallfahrtskirche, worauf bei der Messe der elendeste Gesang mit einem Potpourri der Karntnerlieder als Zvvischen- spiel aufgefiihrt wurde. Welche desolatio in templo Domini! Ich weiB nicht, ob der gottliche Heiland, wenn er in Menschengestalt erschiene, zuerst den Geistlichen oder den Gesangschor aus der Kirche hinausjagen wiirde. Es ist wahr, daB in dem groBten Teile, z. B. unserer DiSzese, sich das nicht mehr vorfindet, es ist aber ein Škandal, daB so etwas auch nur in einzelnen Fallen noch immer geschieht. Geschehen grobliche Verletzungen des Anstandes irgendwo in der Welt, dann ist die ganze Welt dariiber aufgebracht; unsere Kirchen- vertreter stehen gleichgiltig derartigen Profanationen gegen- iiber. Bei den Slovenen war fast bis in die jiingste Zeit nur das Orgelbuch von Tribnik eingefiihrt und die mir vorliegende Ausgabe datiert ab 1885 , also nicht aus einer langstvergangenen Zeit. In sehr vielen Liedern erkennen wir Melodien weltlicher, meistenteils erotischer Lieder. Ich bin in der Lage ganz ge- nauen Beweis dafiir zu liefern, verzichte aber auf die Beweis- fiihrung in dieser Schrift, um nicht weitlaufig zu werden. Die meisten Lieder, sogar das Tantum ergo erinnern an vei^schie- dene Tauzstucke. Dieses Buch ist oft das einzige, in den Ilanden des Organisten befindliche Buch, das von Kirche zu Kirche wandert. Diese Lieder sollen schon sein! Sie gehen ins Gehor! Die neuen, mehr im kirchlichen Geiste gehaltenen 214 Lieder, wie solche in allerneuester Zeit bei den Slovenen immer mehr herausgegeben werden, sin d zu langvveilig. Der Organist wird desto mehr, geriihmt, je mehr er die Ohren kitzeln kann. Diese weltlichen Lieder gehen auch zu Ilerzen, wo sie aber nicht fromme, sondern erotische Ge- fiihle erwecken, die nach der Messe auf dem Tanzboden zum Ausdrucke kommen. Bei den Spartanern durfte die Lyra nicht zu viele Saiten haben, um nicht durch eine zu lippige Musile das Volk zu entnerven und ihnen die Tapferkeit zu benehmen, Und bei uns ist eine solche desolatio in templo Domini mog- lich! Die wenigsten Seelsorger kummern sLch um den Gesang. Einige bemiihen sich wohl, opfern vieles, aber sie verlassen die Pfarre und der Nachfolger nimmt sich nicht die Muhe, weiter den Gesang, zu pflegen. In dem Visitationsbogen wird nur gefragt, wie der Gesang beschaffen ist, wahrend sich der Visitator weiter gar nicht kummert, wie und was gesungen wird. Das Gutachten des Pfarrers geniigt, der sich natiirlich selbst lcein nachteiliges Zeugnis ausstellen wird! Ubrigens werden bei der Visitation Sanger aus der Umgebung zusammen- getrommelt, die das wahre Bild verdeclcen. Und so wursteln wir fort in den meisten Diozesen! Wenn die kirchlichen BehSrden es nicht bloB beim guten Rat belassen wollen, sondern auch einen tatsachlich wiirdigen Gesang in allen Kirchen ohne Ausnahme, und zwar je nach Leistungsfahigkeit der einzelnen Pfarren, einen mit mehr oder weniger Kunst vorgetragenen Gesang erreichen wollen, dann miissen nach meiner Meinung folgende Bedingungen erfiillt werden: 1. DaB der Kirchengesang von einem Teile der Theologen, namlich denjenigen, die die Kirchengeschlcbte mit den Neben- fachern wahlen werden, vissenschaftlich und bis zur relativen Erschopfung gepflegt wird, wodurch sehr viele Priester in die Seelsorge kommen werden, die mit groBem Verstandnis an der Restauration des Gesanges arbeiten und auch den Nachbarn mit Rat und Tat an die Hand gehen werden. Jeder Seel- sorger ohne Ausnahme mufi soviel vom Gesang verstehen, daB er die einfaclien Lieder des Religionslehrbuches fur die 215 Volksschulen auf der Violine spielen kann. Den Theologen miissen auch gute, leichte, im kirchlichen Geiste ge- schriebene Messen vorgefiihrt und erklart werden, so daB sie ahnliche Messen auch in der Seelsorge auffiihren konnen. 2. DaB der Seelsorger auch fiir Noten sorge und auf die schwachen Landorganisten, denen ein Verstandnis fiir guten kirchlichen Gesang infolge Mangels an Intelligenz abgeht, er- ziehend einwirke, sie von Jahr zu Jahr, von Quartal zu Quar- tal zur Einubung neuer Lieder und Messen ansporne. Wenn nur jedes Jahr eine einstimmige Messe einstudiert wiirde, so ware hinreicliend viel gewonnen. Und dies kann doeh der schwachste Organist zustande bringen, namentlich wenn der Geistliche bei der Einubung der Sanger behilflich ist. Der Einwurf, die Organisten sind zu schlecht besoldet, um besseres zu leisten, ist nichtig. Denn jeder Seelsorger wird auf Grund der Gesetze die Gemeinde soweit bringen, daB der Organist in iirmeren kleinen Pfarren auf dem Lande 160 bis 200iUfixen Gehalt bezieht. Dies ist genugend, da doch von dem Land¬ organisten keine Kunstfertigkeit verlangt wird, deshalb das Orgelspiel keinen eigenen Beruf erfordern kann. Bei ihm ist es genugend, daB er sich von Fali zu Fali im Begleiten leichter Gesangsstiicke einiibt. Die hohere Leitung steht aber laut Voraussetzung ohnehin dem Geistlichen zu. Es ist nur zu begruBen, wenn der Lehrer Chorregent ist und wenn er Freude am Kirchengesange hat. DaB sich aber die Lehrer heutzutage vom Organistendienste immer mehr zuriickziehen, sowohl aus anderen als auch aus diesem Grunde, weil sie sich in der kurzen Studienzeit keine Eignung erwerben konnen, ist Tatsache. Diejenigen, die meinen, daB in der nachsten Zeit wieder der Lehrer fiir den Chorgesang gewonnen wird, und zwar auf gesetzlichem Wege, die kennen die Ver- hiiltnisse nicht. Sie tausehen sich! Das Notenschreiben kann durch einen Vervielfaltigungs- apparat besorgt werden. Ich benutze das „Non plus ultra”- Papier, zu bekommen bei Schilbers, Wien, I. WallnerstraBe 1, ein Dutzend Quartbogen zu 6 K. Die Noten sind nur einmal 216 zu schreiben und die Notenlinien auszuziehen und so kann jede Seite des Papieres bis 80 Exemplare liefern. 3. DaB der Gesang genau visitiert wird, wobei man sicli ausdriicklich um das Repertoire etc. erkundige, und daG von Jahr zu Jahr die Fortschritte verzeichnet werden. 4. Dafi in den Diozesanverlagsbuchhandlungen die vom Cacilienvereine vorgeschlagenen Musikalien aufliegen. Die iirmeren Kirchen sollen aus eigenem Fonde ihre Musikalien beziehen, Der Gesang ist iibrigens so ivichtig, daG jede Kirchengemeinde gerne das Wenige beisteuern soli. 5. MuB einmal festgestellt werden, daG bei Hochamtern nur das Ordinarium Missae zu singen ist. Ich habe fiir den Gottesdienst verlangt, dafi er verstanden wird, um nicht als ein Schauspiel ohne Gehalt zu erscheinen. Das Volk so- weit zu bringen, dafi es den auf jedes Fest fallenden Introitus etc. verstehe, wird uns auch nicht gelingen. Das Ordinarium Missae, das Kyrie, Gloria, Čredo, Sanctus, Benedictus und Agnus kann aber sehr leicht zum Verstiindnis der Glaubigen gebracht werden, da die kiirzeren Teile, wie Kyrie, Sanctus, Benedictus und Agnus, zum Teile auch Gloria und Čredo, schon ohnehin bekannt sind und da ich ja fur die Volksschule die Forderung gestellt habe, daB daselbst der lateinische Text des Ordinariums erklart und ein Choralmodus der lateinischen Messe gesungen werde, damit so der lateinische Gesang in Fleisch und Blut der Glaubigen iibergehe. Diese Ohoralmesse soli ofters, etwa an Ouateinbeiisonntagen von allen, die sie bereits kennen, gesungen werden. Man wird zu diesem Vor- schlag lacheln! Doch wer das leichtfaBliche Gedachtnis der Jugend kennt und beriicksichtigt, daB in der Mehrzahl einer den anderen unterstiitzt, wird es nicht unausfiihrbar finden, daB die Kinder der oberen Iflassen fiieBend die beziigliche Ohoralmesse singen werden. Je mehr sich dieser Brauch in das Volk einleben \vird, desto gelaufiger, wird der Gesang. DaB Introitus, Graduale etc., wie es z. B. unser Direktorium verlangt, gesungen werden soli, ist ein Zeichen, dafi man dieVer- haltnisse nicht kennt, oder daB man so sehr in den Romanis- mus, worunter ich die Sucht verstehe, jede noch so sehr den 217 Verhaltnissen nicht entsprechende 1’omische Einfiihrung anzu- nehmen, eingebolirt ist, daG man fiir die wirklichen Verhalt- nisse ganz blind ist. Dreifiig Jahre arbeitet schon der Cacilienverein in Karnten und keine einzige Kirche in Karnten, auBer etwa der Domkirche kann sagen, sie habe das ganze Jahr liturgisch ge- sungen. Hie und da geschieht es wohl, daG an manchen Fest- tagen die liturgischen Regeln, allerdings nicht beziiglich der Qualitat des Gesanges, sondern der Quantitat genau be- achtet werden. Doch das kommt schon so seltsam und selten vor, daG man in den Zeitungen publiziert, daG wieder einmal kirchlich gesungen wurde. DaG dies an allen Festtagen, bei allen Requiemamtern etc. geschehen ware, dessen kann sich kein Chor riihmen. Anderswo diirfte auch das gleiche stattfinden. An manchen Orten wird Introitus, Graduale etc. gesungen, dafiir aber das Gloria und das Čredo fleiGig gekiirzt. Da haben wir’s! Die Einwendung, daG auch der Gesang in der Landes- sprache nicht verstanden werde, daG zum lateinischen Gesang somit das Verstandnis nicht ganz notwendig sei, ist hinfallig. Wenn auch nicht beim deutschen Gesang der ganze Kontext verstanden wird, so versteht man doch manche Satze und Worte, auBerdem bewegt sich der Gesang in bekannt klingen- den Lauten. Es stort uns namlich, wenn in einer Gesellschaft oder z. B. in einem Coupe der Eisenbahn jemand eine Sprache spricht, die wir nicht verstehen. Wie fremd klingen uns die Worte! Freudig sind wir wiederum gestimmt, wenn wir die Laute unserer Muttersprache vernehmen. Werden Opera in den Theatern in einer fremden Sprache aufgefuhrt, so gibt man den Besuchern wenigstens die beziigliche Ubersetzung in die Hiinde, auGerdem sind den Besuchern die Laute der fremden Sprache mehr oder weniger bekannt. Gesetzt den Fali, daG die Forderung nach einem voll- standigen Gesange, wie ihn Rom verlangt, auch uberall durch- fuhrbar ware, dann stoBen wir auf andere Schwierigkeiten. Der Gottesdienst dauert dann zu lang, zwei bis drei Stunden! Die Leute auf dem Lande haben weit in die Kirche, die in 218 der Stadt sind mit Geschaften iiberladen und miissen nament- lich Sonntags mit der Zeit kargen. Die Erfahrung bestatigt es. Als ein Gebirgspfarrer in seiner Pfarre einen quantitativ ganz liturgischen Gesang eingefiihrt hat, da war die Folge, daB seine Pfarrinsassen in die Nachbarpfarre in die Kirche gingen, weil sie auf diese Weise trotzdem eine halbe Stunde gewannen, ferner brauchten sie nicht mitten im Winter durch fast drei Stunden die Kiilte der Kirche auszuhalten. Bekannt- lich ist auch in der Stadt \viihrend des tlochamtes, wenn der liturgische Gesang aufgefiihrt wird, die Kirche leer. Man sei doch nicht blind und verlange nicht das, was sich durch die tagliche Erfahrung als unpraktisch herausgestellt hat! Ich glaube hiermit genug die Notwendigkeit der Be- schrankung des lateinischen Gesanges auf das blofie Ordinarium Missae bewiesen zu haben. Warum ich den lateinischen Gesang und unter welcher Bedingung fordere, habe ich schon bei Be- sprechung der Liturgie hervorgehoben. Es ware lacherlich, wenn der Priester das Lobgebet mit „Gloria in excelsis” oder den Glauben mit „Credo in unum Deum” anstimmen, und der Chor etwas ganz anderes und in einer anderen Sprache fort- fahren wiirde. Dies widerspriclit jeder Astlietik, welche die Liturgie unbedingt beobachten mufi. Wie notwendig und erklarlich der lateinische Gesang bei den Hochamtern ist, in denen der Priester singt, so not- wendig und naturlich ist der religiose Volksgesang bei allen iibrigen Verrichtungen, bei denen man zu singen pflegt, somit auch bei den sogenannten Segenmessen. Das Volk denkt und fiihlt in seiner Sprache, deshalb soli ihm auch die Gelegenheit geboten werden, in seiner Sprache auf eine erhabenere Art Gott die Ehre zu geben, d. h. in seiner Sprache zu singen. Uber den Wert des religiosen Ge¬ sanges habe ich mich ausgesprochen, als ich uber die Pflege desselben in den Volksschulen spracli. Der Volksgesang in der Kirche hat einen groBen erziehlichen Wert. Das Lied wird aus der Kirche in das gewohnliche Leben hinausgetragen, reinigt die Herzen der Menschen und erhebt sie zu Gott. In Freud und Leid erfiillt es seinen Zweck. Wo 219 das religiose Lied bliiht, dort steht es noch gut mit dem Volk, wo dieses Lied verschwunden ist, ist auch manches andere verschwunden. In heiteren Tagen bemuht sich jedermann irgend eine Melodie zu singen; fallt einem die Melodie des religiosen Liedes ein, da werden auch die religiosen Gefiihle, vermittelt durch den Inhalt des Liedes, wach. Wie erbauend ist ein 1 ‘eligioser Volksgesang! Ich erinnere mich noch, wie ich als Knabe einen alten Herrn am Sjdvesterabend begeistert das „Gro6er Gott” singen horte. Der Mann ist gestorben; ich aber sehe ihn noch in seiner Begeisterung! Es ist bezeichnend genug, dafi vor einigen Jahren der angesehenste Mann einer Partei, ein Laie, die Theologen in Tirol auf den Wert des religiosen Gesanges, namentlich der herrlichen Marienlieder etc. aufmerksam machte. Er erzahlte, wie sich oft Kinder Andersdenkender zu den Maiandachten vordrangten, um mitsingen zu konnen. Seine Worte scheinen gewirkt zu haben; denn man gab daselbst bereits ein Gesangs- buch heraus. Man bilde sich nun sein Urteil iiber die immer grofi er en Bemiihungen der kirchlichen Kreise, sogar Litaneien, diese Bittgebete der Glaubigen, sowie das „Grofier Gott” und die Segenlieder lateinisch singen zu lassen! Sonst betet man die Litaneien in der Landessprache: gesungen werden sie lateinisch. Im Mittelalter lernte man sogar den Kateehismus durch eine Zeit lateinisch und die Laienbruder und Klosterfrauen beten die vollkommene Reue noch jetzt lateinisch, um darauf deutsch zu beichten. Zeigt dies von irgend welcher Einsicht, wie reli- gioser Sinn und Frommigkeit gefordert sein sollten! Das Resultat meiner vorhergehenden Ausfiihrungen soli somit sein: 1. Der Vortrag des „Ordinarium Missae” ge- schehe wahrend des Ilochamtes in der lateinischen Sprache, 2. In allen ubrigen Fallen musse der reli- gidse Volksgesang gepflegt werden. 220 V. Wiirdige Feier des Gottesdienstes. Wenn unser Gottesdienst nicht das ware, was der Glaube uns lehrt, sondern gleichen Motiven entspringen wiirde, wie etwa der heidnische Gottesdienst, so miiCte der Gottesdienst trotzdem mit der moglichsten Wiirde gefeiert werden. Von den heidnischen Priestern wird erzahlt, dafi sie samt dem Volk eine so feierliche Wurde beobachteten, so stili sich verhielten, dafi man glaubte, niemand sei anwesend. Bei uns fehlt es leider an sehr vielen Orten, namentlich in mehr abgelegenen Orten, aber auch in der Stadt an der notigen Wurde. Viele Piuester setzen sich liber die einfachsten asthetischen Regeln hinweg. Es ware noch nicht so arg, wenn sie sich wie eine gut funktionierende Maschine benehmen iviirden. Wir Priester sind zwar auch Menschen, bei denen nicht alles glatt abgehen kann, doch es sind gewisse Grenzen, die man nicht iiber- schreiten darf. Da singt einer die Messe nachlassig und ohne Vorbereitung, als handelte es sich um die Orgien des Bacchus. Der andere macht mit den Hiinden die sonderbarsten Gesten, wieder ein anderer zelebriert „stramm”, um in den Ruf des schnellen Messelesens zu gelangen. Die Worte flieBen oft da- hin, \vie ein Steingerolle, um am SchluB mit plotzlichen Ge- polterlauten in den FluB zu stiirzen, wo sich die Gebete lispelnd weiterbewegen. Bald fangt man sich zu schneuzen an oder seitwarts zu spucken, fixiert die Ministranten, dann wieder die Versammelten oder die Sanger auf dem Chore. Man betrachtet sich in der Kirche nicht als Diener des Allmachtigen, sondern als ob alles seinetwegen da ware. Ich will das traurige Bild nicht weiter ausfuhren, namentlich nicht bezuglich der Predigt, mit der die lacherlichsten Posituren verbunden werden. Der zu wenig vertiefte Glaube und der Mangel der Kenntnis der hohen Be- deutung des Gottesdienstes, sowie die mangelhafte Inspektion, welche den Priester auf die Ungebiihrliehkeiten aufmerksam machen wiirde, verschulden derartige Zustande. 221 Die Gleichgiltigkeit des Priesters geht auch auf die Mesner liber. Weh’ dem Priester, der mit einem Mesner zu tun bekommt, der Jahrzehnte lang unter dem Vorganger desselben nach seiner Willkur in der Kirche gewirtschaftet hat! Der Priester soli stets erziehend auf den Mesner einwirken und ihm namentlich kein indezentes Benehmen in der Kirche er- lauben. Der Visitator wird sich nicht begniigen, dafi der Pfarrer allgemein den Mesner qualifiziert, sondern er wird sich bei unvorhergesehenem Eintreffen selbst uberzeugen, ob er den Anforderungen entspricht. Auch soli nicht der Nachstbeste als Mesner angestellt iverden, sondern wirklich geeignete Personen, denen man ganz genaue Vorschriften in die Hand gibt, welche die Mesner auch wissen miissen. Der Gerichtsdiener, der Totenbeschauer, der Bahnwachter muB seine Priifung ablegen, so soli auch der Mesner vor dem Dechant eine ldeine Befahigungspriifung ab¬ legen. Die wiirdige Feier des Gottesdienstes erbaut, die nach- lassige erregt Argernis und HaB gegen die Priesterschaft. VI. Der Zolibat. Ich will nun das unangenehmste Kapitel des Buches be- handeln, namlich den Zolibat. Es ist ein unangenehmes Kapitel, weil man wegen der Behandlung desselben auf Anrempelungen von allen Seiten gefaBt sein muB und weil es den Anschein ervvecken kann, man wolle sich den Schmahern des ohnehin bedauernswerten Klerus anschliefien und nicht vielmehr das kirchliche Gebot des Zolibates selbst einer Besprechung unter- ziehen. Die daraus entstehenden Verdiichtigungen werden mich nicht so sehr betriiben, wie mich gerade manche Ebeidretungen des Zolibates in den Priesterkreisen betriibt gemacht haben, indem sie meinen Stand dem Gespotte des.Volkes auslieferten. Wer meine friiheren Kapitel liest, wird auch den Geist ver- stehen, in welchem ich dieses Kapitel schreibe. Der Zolibat besteht darin, daB in der lateinischen Kirche die Priester ehelos und naturlich auch enthaltsam leben miissen. 222 Ein Priester hat zum allgemeinen Staunen in einer Gesellschaft behauptet, die Kirche dringe nur auf die Ehelosigkeit, nicht aber auf die Enthaltsamkeit der Priester. Gott bewahre, daB ich an- nehmen wiirde, daB es noch einen zweiten Priester gebe, der sich getraute eine solehe Theorie zu vertreten, obwohl icli nicht leugne, daB es eine bedeutende Anzahl Priester gibt, die in der Offentlich- keit fiir die Ehelosigkeit der Priester sind, jedoch fiir das gele- gentliehe Ubertreten des Gebotes namentlich in den jiingeren Jahren gleich die Entschuldigung finden: Homines sumus! Irren ist inenschlich. Die haben keinen Begriff von ihrem Beruf! Ge- dankenlos arbeiten sie im Weinberge des Herrn und richten oft mehr Schaden an als sie Nutzen stiften! Auf derlei An- schauungen will ich nicht reflektieren! Der Zolibat ist kein Dogma, das keine Diskussion zuliefie, sondern ein rein kirchliches Gebot. Das Konzil von Trient sagt zwar: S. qu. d., clericos in sacris ordinibus constitutos vel regulares castitatem solemniter professos posse matrimonium contrahere, contractumque validum esse, non obstante lege ecclesiastica vel voto, a. s. sess. 24. can. q. Das Anathem richtet sich gegen die Reformatoren, nicht gegen die Gegner des Zolibates. Die Reformatoren behaupteten die Giltigkeit der Ehe der Kleriker ohne Rucksicht auf das kirch- liche Zolibatsgesetz. Es fallt mir gar nicht ein, so etwas zu behaupten, da sogar unser Staat die Giltigkeit derartiger Ehen nicht anerkennt. Ich will nur die Griinde untersuchen, die den Zolibat als notwendig erweisen und wieder die Griinde, die fiir die Aufhebung desselben plaidieren und abivagen, welche Griinde machtiger sind. 1. Der Zolibat in der lateinischen Kirche kann sich ent- weder bloB auf die Einfiihrung desselben im christlichen Alter- tum oder sowohl auf die Einfiihrung im Altertum als aueh auf jetzt noch bestehende Griinde stiitzen. Anderseits kann in der griechischen Kirche die Zulassung der Ehe der Priester sich ebenfalls auf die Zulassung seit jeher oder sowohl auf diesen alten Brauch als auch auf noch jetzt bestehende Griinde stiitzen. Bekanntlich hat sich nun die abendlandische Kirche mit der griechischen uniert und wir haben alle den gleichen Glauben. 223 Bei dieser Union hat die abendlandische Kirche dem orienta- lischen Klerus die Ehe konzediert. Welche Grunde haben die abendlandlische Kirche zu dieser Konzession bewogen? Wenn der alte Brauch der griechischen Kirche der Beweggrund der Zulassung war, dann sind die Grunde der abendlandischen Kirche doch nicht so gewichtig und zwingend, dah der Zolibat als ein durchaus notwendiges Postulat der abendlandischen Kirche aufgefaBt wird; denn wo zwingende und gewichtige Grunde vorhanden sind, dort wird man nie einen gegenteiligen Brauch tole- rieren. Wenn andere Grunde in der griechischen Kirche die abendlandische zur Zulassung bewogen haben, so waren die Grunde fur Zulassung der Ehe wenigstens ebenso ge- wichtigwie fur dieEinfiihrung respektiveBeibehaltung des Zolibates, woraus wieder folgt, daB die Grunde fur den Zolibat doch nicht so gewichtig und zwingend sind, daB sie denselben notvrendig erforderten. Dies beweist somit der Vox’gang der Kirche bei der Union der lateinischen mit einem Teile der griechischen Kirche. 2. Die Grunde, welche die lateinische Kirche fur die Beibehaltung des Zolibates anfuhrt, sind durchaus nicht so iiberzeugend, daB sie den Zolibat fur alle Zeiten motivierten, vielfach auch gar nicht wahi\ Zunachst kann man nicht mit voller Bestimmtheit nacli- weisen, daB die Forderung des Zolibates von allem Anfange eine wesentliche Forderung der Kirche und nicht vielmehr ein guter Rat war, der angesichts der herrschenden Ver- haltnisse besonders urgiert wurde. Da waren die Verhalt- nisse der Kirche ganz andere. Der Priester st and dem Heiden- tum gegenuber, war nicht so sehr Hirte bereits getauftei - , fur das Christentum gewonnener Menschen, besaB keine defi- nitive Stellung, sondern war eher Fischer der Menschenseelen, der darauf gefaBt sein muBte, jeden Augenblick in die ver- schiedensten Teile, zu den verschiedensten Volkern auf Fang ausgeschickt zu werden. Er war in der Gefahr, jeden Augen¬ blick seinen Kopf zu verlieren und seine Familie brot- und trostlos zu machen. Wiihrend eines SOOjahrigen geistigen und 224 blutigen Krieges zwischen Christentum und Heidentum durften die christlichen Glaubensoffiziere an keine Heirat denken, wie auch heute wahrend einer Kriegszeit keinem Offizier die Hei¬ rat erlaubt wird. Heute leben wir aber in einer huma- neren, bereits vom Christentum erleuchteten Zeit, wo doch niemand wegen anderer Anschauungen in das Jenseits be- fordert wird. Auch wir Priester genieBen die Vorteile dieser Zeit; somit ist die Forderung des Zolibates in dieser Bezie- hung durchaus nicht so motiviert wie in der alten Zeit. Die Berufung auf Christus und die Apostel, dah sie unvermahlt waren, ist ungeschickt, um nicht zu sagen irreligios. „Wer von euch kann mich einer Sun de zeihen” h at er ausgerufen! Er konnte auch 40 Tage lang fasten. Es sollen die Zolibats- freunde dies einmal probieren! Die Apostel waren nicht alle unvermahlt. Maria war vermahlt, damit sie eine Stiitze im Leben hatte. Auch der Geistliche braucht eine „Gehilfin”! Hauptsachlich beruft man sich jedoch auf den Umstand, daB vollige Enthaltsamkeit, d. i. die Jungfraulichkeit besser ist als der Ehestand, und daB man im zolibataren Stande leichter und besser Gott dienen kann, als im Ehestande. Namentlich der Priester soli diesen Grundsatz befolgen und ehelos bleiben. Man stiitzt sich auf den Apostel Paulus, I. Kor., 7: „Ich wiinsche, daB ihr ohne Sorge waret. Wer kein Weib hat, sorgt fiir das, was des Herrn ist, wie er Gott gefallen moge. Wer aber ein Weib hat, sorgt fiir das, was der Welt ist, wie er dem Weibe gefallen moge. Er ist geteilt. Ein unverheiratetes Weib und eine Jungfrau ist auf das bedacht, was des Herrn ist, damit sie an Leib und Geist heilig sei; die Verheiratete ist aber auf das bedacht, was der Welt ist, wie sie dem Manne gefallen moge. Also wer eine Jungfrau verheiratet, tut wohl, wer sie aber nicht verheiratet, tut besser.” Spater sagt er wieder I. Kor., 70, 40: „Ich sage den Unverheirateten und Witwen: Es ist ihnen gut, wenn sie so bleiben, wie auch ich bin.” Auf diese zwei Stellen beruft man sich und verschweigt oft die weitere Fortsetzung von I. Kor., 7: „Melius est enim nubere, quam uri”, es ist besser zu heiraten, als von starken, brennen- den Begierden beherrscht zu vverden.” 225 Wie herrlich sind die Worte des Apostels! Aus diesen Worten folgt: a) DaB der ehelose Stand tatsachlich fiir diejenigen besser ist, die Uberwindungskrafte genug in sich spuren, um nicht durch zu groBe Leidensehaften einen Schaden zu erleiden, und die die Ehelosigkeit vorziehen, um Gott leichter zu dienen. DaB diejenigen, die heiraten, nicht ein gottgefalliges Leben fiihren konnten, folgt nicht aus den zitierten Worten; denn der Apostel sagt ja auch, wer heiratet, tut wohl. Der Satz, „wer ein Weib hat, sorgt fiir das, was der Welt ist", ist nicht exklusiv zu ver- stehen; denn dann hatte man aus der Reihe der Verheirateten iiberhaiipt keine Heiligen. Und doch haben wir eine heil. Monika, eine heil. Elisabeth u. s. w. DaB Simon, Bar Jona, der spatere Petrus vor der Zeit seiner Berufung, als er noch in seiner Familie lebte, allzu weltlich gesinnt ge\vesen ware, ist auch nicht anzunehmen! Auch umgekehrt ist der Satz nicht so allgemein zu nehmen, als ob die Ledigen wirklich so eifrig dafiir sorgen \viirden, was des Herrn ist. Es sind die Worte des heil Paulus somit so zu verstehen, daB diejenigen, die sich dem Dienste Gottes weihen und einzig und allein aus dieser Rucksicht, nicht etwa infolge eines Zwanges, sondern kraft eigener EntschlieBung ehelos bleiben, in der Regel besser und leichter ein gottgefalliges Leben fiihren, voraus- gesetzt, daB sie Krafte genug in sich spuren. Das will nicht ich und wird auch kein anderer leugnen, wenn nur die Be- dingung hervorgehoben wird, daB die Ehelosigkeit aus dem genannten edlen Motive und in der Erkenntnis der Tragfahig- keit der iibernommenen Last frei gewiihlt wird. ft) Ferner folgt aus den Worten des Apostels, daB die Ehe wieder fiir diejenigen besser ist, die nicht die Kraft in sich spuren, um ehelos zu leben, um ihre Gedanken mit gleichem Nutzen auf Gott allein zu r ich te n. Sie dienen auch Gott, obwohl es ihnen auch in der Regel nicht gelingen wird, jene Stufe der Vollkommenheit zu erreichen, \velcher die¬ jenigen zustreben, die den stimulus carnis nicht so stark em- pfinden wie sie und die die Ehelosigkeit leicht und mit Nutzen ertragen. Der Apostel sagt „melius est nubere, quam uri”. Es ist Vogrinec, nostra culpa- 15 226 besser zu heiraten, als von brennenden Begierden gepeinigt und auch vielleicht iiberwaltigt zu iverden. Der Apostel sagt nicht, quam peccare, das Heiraten ware besser, als zu sundigen, sondern uri: von brennenden Leidenschaften beherrscht zu werden, von Leidenschaften, die der Seele Schaden zu- fugen konnen, wie das Feuer oder wie die Sturme an eineni Hause. Dieser Schaden braucht sich nicht auf das sinnliche Gebiet zu erstrecken, daB man etwa fleischlich siindigt, sondern darauf hin, dafi andere Tatigkeitsgebiete gestort werden, z. B. daB infolge iibergroBer Leidenschaften die korperliclie Energie, die Arbeitsfreudigkeit schwindet und daB man der gottlichen Bestimmung nicht nachkommen kann. Der gottliche Heiland sagt diesbeziiglich mit meinen Ausfiihrungen ganz kongruent: „Wer es fassen kann, der fasse es.” y) DaB die Ehelosigkeit somit nur relativ besser ist und daB der Wunsch des Apostels („ich wiinsche”) nur ein ■guter Rat ist, den zu befolgen nur diejenigen angeeifert werden, die den Brand in der Seele nicht zu befiirchten haben. Wir Priester handeln somit auch ganz verniinftig, wenn wir im Beichtstuhle den Personen, die iiber die Schwierigkeit der Enthaltsamkeit klagen, die Ehe, die nach der Lehre der Moral auch dazu da ist, um die Siinde zu vermeiden, anraten. Auf Grund dieser Worte und auf Grund unserer Ver- nunft werden wir in folgender Weise argumentieren: L Es kann nicht nachgewiesen werden, daB der Priester eine Ausnahmsstellung bezuglich der vorhergehenden ErSrte- rungen einnehmen wiirde, daB er der einzigeware, der den Rat des Apostels fiir sich als notwendig zu erfiillendes Ge- setz betrachten rniiSte. Die Priesterweihe gibt wohlbesondere Gnaden; es ist jedoch nirgends verbiirgt und auch nicht durch Erfahrung bestatigt, daB der Priester unter dem Brande des Geschlechtstriebes nicht gerade so leiden wurde, wie die Laien. Es gilt somit auch fiir einen Teil des Klerus das paulinische: „melius est nubere quam uri.” Sich auf die Gnaden bei der Priesterweihe zu berufen, ist uberhaupt ungebiihrend, da von unserer Seite die Gnade Gottes wohl angefleht werden muB, .jedoch mit ihr nicht wie mit einem irdischen Faktor ge- 227 rechnet werden kann, was ich schon bei einer friiheren Ge- legenheit bemerkt habe. Grofien aus irdischem und iiber- irdischem Gebiete lassen sich weder summieren noch multi- plizieren. Man wird sagen: „Diejenigen. die sich dem Priestei’- stande widmen, die kennen ihre Kraft und inKenntnis derselben verpflichten sie sich zur Tragung der Last und lassen sich gleichsam eine Zvvangsjacke fiir das ganze Leben anlegen, d. h. sie legen ein lebensliingliches Geliibde ab, auf dessen Einhal- tung die Kirche zum Teile sogar mit Hilfe des Staates besteht.” (Ich werde noch spater darauf zuriickkommen). „Es sollen sich nur diejenigen zum Priesterstande melden, die meinen, diese Kraft in sich zu empfinden.” Darauf antworte ich: Jedenfalls uniiberlegt ist es von denjenigen, die ein solches Gelubde ab- legen, durch welches sie sich unter ein Zivangsgesetz begeben, das sie das ganze Leben zu erfiillen haben und nicht richtig ist die Handlungsweise derjenigen, die ein solches Gelubde zu- 1 as s e n. Bei den Priesterkandidaten entschuldigt die Jugend und die Unkenntnis der Biirde. — Warum ist die Handlungs- weise beiderseits nicht richtig? Weil doch kein Mensch weiB, ob nicht spater sich verwiistende Sturme und verheerende Brande einstellen. die der Seele schaden und sie an ihren Tatigkeiten hindern, und ob nicht vielleicht spater der Zustand eintreten kann, wo das apostolische „Melius est nubere quam uri” zur Geltung kommt. Es ist gerade so uniiberlegt, als wenn sich jemand in der Fiille seiner Kraft verpflichten wiirde, das ganze Leben eine Aufgabe zu leisten, die er eben nur zur Zeit des Geliibdes leisten kann. Es ist das Wort der heil. Schrift: „Wer meint zu stehen, sehe zu, dah er nicht falle.” Es ist somit sehr unbillig, wenn ein Gelubde abgelegt wird, das man um jeden Preis erfiillen mufi und das in der GroBe der Verpflichtung erst spater erkannt wird und sich nach den Worten des Apostels selbst nachteiliger als das Gegenteil erweisen kann; und ebenso ungerecht ist es, ein solches Ge- liibde anzunehmen oder zu verlangen. 2. Mit der weiteren Behauptung, daB etwas, was im all- gemeinen nur guter Rat ist und in der Befolgung sich als 15 223 Vollkommenheit erweist, nicht Gegenstand eines Zwanges sein kann, wenn es sich um Sittlichkeitsakte handelt, entfallt die Berechtigung zum Zolibatszwange. Die natiirliche Einsicht der ganzen Welt bestatigt dies. Die Welt gibt sich zufrieden, wenn die Menschen das leisten, was gut ist, und verlangt nicht, was vollkommen ist. DaB der Zolibat ein Stadium der Vollkommenheit dar- stellen will und bei manchen Personen auch wirklich vorstellt, ist eine Tatsache. Die verniinftige Welt perhorresziert aber jeden Zwang, der fiir eine Menschenklasse iiberall und unter jeder B e dingu n g zu gelten hatte, sobald es sich um voll- kommene Sittlichkeitsakte handelt. Keinem Staatefallfc es ein, Ge- setze einzufiihren, wonach sich jeder vom Alkohol enthalten, auf seine Kleidei’, auf seine Kost etc. nicht so viel Gewicht legen solite. Es waren dies alles Vollkommenheiten, die viel leichter zu erfiillen waren, als der Zolibat, wo es sich um die Bezahmung eines natiirlichen Triebes handelt, nicht aber um die Selbstbeherrschung in einer angewohnten Leidenschaft. Wiirde die Kirche von ihren Dienern das Abstinenzgebot beziiglich alko- holischer Getranke fordern, so wiirde sie vor der Welt glanzen- der dastehen, als jetzt mit der Zolibatsforderung. Dieses Geliibde wiirde auch viel gewissenhafter beobachtet werden. Ein richtiger Abstinent kann gar nicht begreifen, dal,l man ein Verlangen nach Alkohol haben konnte. So leicht fallt ihm die Alkoholabsti- nenz! Ob dem Priester der Zolibat auch so leicht ankommt!? —• 3. Die Behauptung, daB dies nur fiir die Laien zu gelten hat, nicht aber auch fiir die Priester, ist hinfallig; denn es laBt sich wieder eine Ausnahmsstellung mit stichhaltigen Griinden nicht nachweisen. Oder doch? Im „Korrespondenz-Blatt fiir den katho- lischen Klerus Osterreichs” des Jahres 1903 ist eine Diskussion iiber den Zolibat eroffnet worden. Es wurden Griinde pro und kontra vorgebracht. Am Schlusse der Diskussion war eine begeistert geschriebene Verteidigung des Zolibates. Ich habe die betreffenden Nummern dieses Blattes verlegt, doch den Inhalt mir gemerkt, den ich angeben will. Es hieB: Wodurch wir den Menschen noch imponieren, ist der Zolibat! Der Priester soli sich iiber die niederen sinnlichen Regungen in die Hohe 229 schwingen, um als Lehrer und Fiihrer des Volkes dazustehen. Er soli ein Jiinger Christi, ein r alter Christus” sein. — Es ist dies eine feine Sophistik, die anfangs auch einen Denkenden frappieren kann. Ja er soli sich uber die niederen Neigungen des Fleisches in die Hohe schwingen, um uber die ubrigen Menschen durch seine Enthaltsamkeit hervorzuragen. Diesem Ziele soli er nachstreben, so viel esnurmoglich ist, jedoch dieses Hervorragen iiber die anderen Menschen soli nicht Gegen- stand des Zwanges sein. Der Priester ist gleich wie die ubrigen Menschen ein gebrechliches GefiiB, mit der miseria humana ebenso behaftet, wie die ubrigen Menschen. Soli man nun ihn zwingen, ein engelgleiches Leben zu fiihren, da ihm die notwendigen Geistes- und Willenskrafte fehlen? Ist ferner die Ehe ein so absolutes Hindernis, daB sich der Priester in der- selben nicht zu der verlangten Hohe emporschwingen konnte und daB man ihn zur Ehelosigkeit zwingen miisse? Durch seine Ehelosigkeit kann er hochstens die Jugend zur Enthaltsamkeit aneifern, den Verheirateten kann er doch nicht durch eine Tugend, die diese nicht zu beobachten brauchen, vorleuchten. Ubrigens kann niemand den Beweis liefern, daB etwa die Ehe¬ losigkeit der Priester eine groBere Sittenreinheit beim V olke zur Folge hatte als die Verehelichung derselben. Bei den unierten Slaven und auch bei den nicht unierten steht die ge- schlechtliche Sittlichkeit des Volkes auf einer Hohe, mit der sich nur wenige katholische Lander messen konnen; und doch ist der Klerus bei denselben verehelicht! Selbst der Vergleich zwischen katholischen und protestantischen Landern iiefert keinen vollgiltigen Beweis vom allzugroBen sittlichen V erte des Beispieles der Ehelosigkeit der Priester. Allerdings kommen hier auch andere Umstande in Betracht. Weiters stelle ich die Bitte, wenn \vir dem Ideal Christi naher kommen wollen, was auch unsere Pflicht ist, doch beim Leichteren anzufangen, um dann zu dem Sclrvvierigeren, zum Zoli- bate, fortzuschreiten. Der natiirliche Weg zur Vollkommen- heit fiihrt ja zunachst durch leicht passierbare Stellen, an denen man sich abharten kann, zur t)berwindung der groBeren Schwierigkeiten. Sind wir Fiihrer des Volkes 230 und jeneRufer, die das Volk zur Nachfolge einladen, dann fiihren wir doch das Volk durch jene StraBen, wo es uns leicht nach- folgen kann, nicht dort, wo wir auf eine Nachfolge nicht rechnen konnen, d. h. geben wir dem Volke nicht zunachst mit dem Zolibate, sondern in anderen Tugenden ein giites Beispiel! Be- folgen wir die Abstinenz vom Alkohol, diesem „bosen Feind” der Menschheit, verzichten wir auf jedes Vermogen, eingedenk des Wortes des Heilandes: „Willst du vollkommen sein, ver- kaufe alles und folge mir nach.” Handeln wir nicht, wie sogar manche Papste handelten, die ihre Vervvandten zu hohen Ehren erhoben und sogar in ihren Geburtsstadten Museen errichteten, die an ihr Leben erinnern sollten, sondern verzichten wir auf alle Verwandtschaftsbande. Wenn uns jemand auf die linke Wange schlagt, bieten wir ihm auch die rechte dar. Warum solite man so elegant auftreten, mitten durch die Massen, denen Entbehrung ihr tagliches Brot ist, mit Equipage ausfahren und Palaste bewohnen? Also vorwarts! Fangen wir mit demLeichten an, haben wir dieses iibervvunden, dann biirden wir uns erst die Last des Zolibates auf! 4. Nun will man aber in kirchlichen Kreisen gar nicht horen, dafi es einen Zolibatszwang gibt, da sich ja jeder freiwillig dem Priesterstande widmet. Vielleicht ist das Wort Zolibats- zwang nicht ganz geeignet, um den Sachverhalt zu bezeichnen; es ware besser, vvenn wir freilich in langeren Ausdrucken von einem lebenslanglichen Zolibatsvertrage, auf dessen Ein- haltung die Kirche ihre Diener als VertragsschlieBende, sowohl im Gewissen als auch durch moralische Macht- mittel zwingt. Nur in diesem Sinne kann man von einem „Zwingen” sprechen! Wir werden daraufhin so argumentieren: Der Zolibat ist ein lebenslanglicher Vertrag, dessen Kraft mit dem „promitto” bei den Weihen anfangt. Die Vertrag- schlieBenden sind die kirchlichen Vertreter als Exekutoren des kirchlichen Gesetzes und der Priester. Die Vertragssache ist: Die Beherrschung des natiirlichen Geschlechtstriebes auf die Lebensdauer. Betrachten wir den Vertragsgegenstand, die Beherrschung des Triebes auf die Lebensdauer. Wir sehen, daB die Ver- 231 tragssache derart ist, daB die ganze Welt einen solchen Vertrag als ungiltig findet. Der Mensch beraubt sich durch den Vertrag eines Teiles seiner selbst, fast als ob er sich ver- pflichten wurde, das ganze Leben nicht zu reden, oder das ganze Leben wie Simon StjTites einen Flatz nicht zu verlassen. Von den alten Germanen liest man, daB sie in ihrer Spielwut ihr Leben dem Gewinner verpfandeten und dann die ganze Lebenszeit Sklaven desselben waren. Heute ware ein solches Spiel ungiltig und sogar strafbar, da sogar viele Spiele ums Geld verboten sind. Und doch war die Verpfandung der korper- lichen Freiheit nicht so schwer empfindlich, als es die Ver- pflichtung ist, den natiirlichen Trieb lebenslanglich zu beherr- schen. Heutzutage \vird sogar die Ubervorteilung uber die Hiilfte als unerlaubt angesehen. Es ist somit schon die Ver- tragssache derart, daB die denkende moderne Welt sie als unmoralisch findet, wenn auch ein guter Zweck damit befolgt wird. Der Priesteramtskandidat ist in den meisten Fiillen noch nicht grofijahrig und erkennt nicht die ganze Tragvveite der Vertragspflicht, die zu gewissen Zeiten belastender ist als in anderen. Vielfach in den Knabenseminaren erzogen, treten die Kandi¬ daten in das Priesterseminar, und ihren Studien ganz ergeben, empfinden sie die Schwierigkeit der Einhaltung derVer- tragstreue nicht, wie sie dieselbe etwa im vorgeschrittenen Alter empfinden. Erst drauBen im Leben werden sie gewahr, daB ihnen eine familiiire Umgebung abgeht. Nicht der Geschlechtstrieb ist es allein, der ihnen Schwierigkeiten bereitet, sondern auch der Trieb, die Familie zu griinden und in derselben zu leben. Friiher, selbst noch Kinder, haben sie keine Ahnung davon gehabt, daB im Grofij ahrigkeitsalter ein solches Verlangen entstehen konnte. Gesetzt den Fali, schon im vierten Jahre ihres Studiums sehen sie die Schwierigkeit der Vertragspflicht ein. Nun, was jetzt tun? Die schonsten Jahre des Lebens verlieren?! Aufierdem hat man ja an dem Priester- beruf Freude! Wohin jetzt? Die meisten treten nun unbe- kiimmert um die Folgen in den Priesterstand ein, wo ihnen 232 die Last des Zolibates auferlegt wird, die bei denjenigen, deren Krafte zu schwach sind, oft von selbst hinabrollt und erst dann miihsam aufgeladen wird, wenn sich ein strenger Manda¬ tar der anderen Vertragspartei nahert. Der Zolibat wird oft so dargestellt, als ob er eine Spielerei ware und ob nur solche Priester, die das Gebet vernachlassigen oder miifiig sind, denselben ubertreten wiirden. Man lockt das arme Voglein in den Kafig und \venn es klagt und fast uuter der ubernommenen Last zusammensinken will, ruft man ihm zu: Bete und arbeite, ohne zu bedenken, daB gerade der Brand ihn am Beten und Arbeiten hindert!-— Ob die Kirche berechtigt ist, auf die Einhaltung von derlei Vertragen zu bestehen, reduziert sich auf die Frage, ob das Kir- chengesetz fiir die Jetztzeit gereclit ist oder nicht. Die Frage ist schon durch das Vorhergehende beantwortet und wird durch das Weitere naher beleuchtet. Hier werfe ich noch die Frage auf, ob es billig und gerecht ist, diejenigen, die den Priester- beruf in sich fuhlen, von diesem nur deshalb ferne zu halten, weil sie sich nicht getrauen, die Schwierigkeit des Zolibates auf sich zu nehmen?! Der Priesterberuf besteht natiirlich nicht darili, daB man die Moglichkeit, ein zolibatares Leben zu fiihren, einsieht und in sich fiihlt; denn dann hatte z. B. die ruthenische katholisclie Geistlichkeit, die verheiratet ist, keinen Priesterberuf. Aus dem Vorhergehenden geht hervor, daB der sogenannte Zolibatszwang keine Berechtigung hat. Nur diejenigen Priester, die sich genugend stark fuhlen, sollen, um desto leichter fiir die Sache Gottes zu arbeiten, die Ehelosigkeit vorziehen. Doch nie darf man auch bei diesen einen Vertrag zulassen, von dem sie sich nicht zuruckziehen konnten, sobald das apo- stolische: „Melius est nubere, quam uri” bei ihnen zur Geltung kommt. Von eineni Burgermeister einer groBen Stadt erziihlt man sich, daB er deshalb unverheiratet bleibe, um desto besser das Wohl der Stadt zu besorgen. Nun, was \viirde geschehen, wenn der Staat alle Burgermeister ebenfalls zum ehelosen Stande zwingen wollte?- 233 5. Dal.) der Zolibat wirklich ein Vertrag mit einer Ver- tragsobligation ist, die in ordentlicher Weise nur wenige er- fiillen konnen, zeigt die geschichtliche Erfahrung. Kein Jahr- hundert kann sich riihmen, diese Vertragstreue rein beobachtet zu haben. Heutzutage ist die Disziplin des Klerus beziiglich der Erfiillung aller iibrigen Pfliehten eine viel gewissenhaftere und strengere geworden. DaB der Zolibat in seiner Reinheit dasteben wiirde, kann nicht behauptet werden. Mag auch nach auBen die Beobachtung des Zolibates eine vorsichtigere sein, so kann man doch nicht zugeben, daB der Zolibat in seiner ganzen Reinheit beim Klerus tiefe Wurzel gefaBt liatte. DaB dies richtig aufgefaBt wird, ist es notwendig, daB wir uns klar dariiber werden, wie der Zolibat iibertreten wird. In der Religion erblicke ich die Wurzel jeder Sittlichkeit. Eine andere Sittlichkeit als diejenige, welche uns die Religion lehrt, gibt es nicht und ist die Sittlichkeit, die uns die Religion lehrt, nicht die richtige, dann ist die Religion, respektive dieDeu- tung der Religion eine unrichtige. Wenn der Priester Lehrer der Religion ist, so ist er eo ipso auch Prediger der Sittlichkeit. Es ist seine Aufgabe, die in der Seele schlummernden religiosen und gleichzeitig sittlichen Gefiihle des Menschen nach Anleitung Christi zur Entfaltung zu bringen. Er ist der Fiihrer der Menschen im hoheren sittlichen Sti’eben; deshalb ist die For- derung gerecht, daB wenigstens der Priester sich beziiglich der Sittlichkeit keine BloBen gibt und sich nicht gegen seine eigene Lehre in groblicher Weise vergeht, damit nicht ein Blinder die Blinden fiihre und damit ihm nicht zugerufen wird: „Arzt, heile dich selbst.” Zur christlichen Sittlichkeit gehort es aber auch, daB das sechste Gebot beobachtet wird, welche Beobachtung fiir den Priester noch mehr zur Pflicht gemacht wird, da es ihm nicht erlaubt ist, durch den Ein- tritt in den Ehestand, vvenigstens in einer Beziehung das Gebot fiir sich nicht verpflichtend zu machen. Auf dem Priester lastet die doppelte Verpflichtung, die des Menschen und die des Zolibatars, die Sittlichkeit in diesem Gebote zu beobachten, welche Verpflichtung bei ihm dadurch mehr als verdoppelt wird, daB er Lehrer der 234 Sittlichkeit ist. Deshalb ist die Verletzung der Sittlichkeit bei ihm mehr als doppelt argerniserregender als bei anderen Menschen. Bei einem anderen Stande wird die Verletzung der Sittlichkeit nicht in jeder Beziehung so iibel genommen, wie beim Priester. Dem politischen Beamten wird namentlich die Un- treue gegen seine Vorgesetzten, den Sparkassebeamten die De- fraudation der Gelder, dem Offizier die Feigheit schlecht an- gerechnet, wiihrend sich keinMensch darum kiimmert, wenn von ihnen das Keuschheitsgesetz — \venn nicht gerade in verbreche- rischer Weise - — verletzt wurde. Doch was die Felonie beim politischen Beamten, die Defraudation beim Sparkassebeamten, die Feigheit bei einem Offizier, das ist in noch stArkerem Mafie die Verletzung der Keuschheit bei einem Priester. Jeder Stand hat spezifische Tugenden; die spezifische Tugend des Priesters ist Sittenreinheit. Das Volk faBt bewuBt oder unbewuBt diese Priesterpflicht ganz richtig so auf und ver- langt, daB der Priester ihm keinen AnlaB zum Verdachte oder zum Mifltrauen in seine Sittenreinheit gebe. Wenn es aber einen Grund zum Verdachte gegen die Sittenrein¬ heit des Priesters hat, so verliert es gerade so die Achtung vor ihm wie vor einem Offizier, in dessen Tapferkeit man kein Vertrauen hat. Von dieser psychologischen Erscheinung riihren zum Teile die Schmahungen und die Abneigung gegen den Klerus, da man die private Moral desselben anders als seine Lehre zu finden glaubt. Es ist noch immer ein gutes Zeichen, wo man sich noch iiber die Sittlichkeitsverletzungen des Klerus emport, wenn auch diese Verletzungen oft erdichtet sind. Die Zustande in einer Pfarre, wo das Volk jahrelang das Treiben eines gutmiitigen, jedermann willfahrigen Priesters mit Gleichgiltigkeit belachelt oder sogar entschuldigt hat, pflegen die tristesten zu sein, Jahrzehnte nicht mehr heilbar. Ein Teil des Volkes entschuldigt j e doch in einsichtiger Weise den Klerus, weil es die schwere Last des Zolibates begreift und pflegt zu schweigen, so lange ihm der Priester in anderer Beziehung noch gefallt. Doch in jeder Beziehung leidet die Religion und mit ihr die Sittlichkeit des Volkes. ,,Worte bewegen nur das Herz, 235 Beispiele gewinnen es ganz” gilt auch hier. Das Volk denkt, wenn sich der Priester aus der Ubertretung seiner Lehren nichts mache, warum solite ich so fest an seine Worte glauben imd sie befolgen? Aus der Geschichte ware sebr leieht der Beweis zu bringen, daB die Sittlichkeit des Klerus und des Volkes sich gegenseitig bedingen. In unseren Kreisen zirku- lieren die Sprichwdrter: „omne malum ex clero” und „sicut rex, ita grex”, d. h. jedes Ubel kommt vom Klerus und wie der Hirte, so die Herde. Nachdem wir die Auffassung des Volkes vom Zblibate und die Folgen dieser Auffassung untersucht haben, wollen wir die Frage, wie der Zolibat verletzt wird, beantworten. Der Zolibat hat nur dann den idealen und intendierten Wert, wenn er von der Priesterschaft in ihrem Denken und Wollen und entsprechendem Handeln in allen Bezie- hungen, die diese Verpflichtung zur Folge hat, beobachtet wird. Der Zolibat fordert nicht nur, daB die Siinde durch die Tat nicht begangen wird, sondern daB uberhaupt nichts unter- nommen wird, wodurch das Volk in gewohnter Weise auf die Tat selbst zu schlieBen pflegt. Gerade die Ubertretung des sechsten Gebotes ist derart, daB nur aus verschiedenen Um- standen auf dieselbe geschlossen werden kann. Ich kann keinem Pfarrinsassen nachweisen, daB er das beziigliche Gebot iibertreten hatte, woraus nicht folgt, daB etwa nie das Gebot ubertreten wird. Wir dringen oft auf die Losung der Konku- binate, wiewohl wir nicht nachvreisen konnen, daB siindhafter Verkehr stattfindet, sondern wir begriinden es damit, daB das Zusammenwohnen argerniserregend ist. Schon mancher Geist- liche konnte von einem Konkubinarier die Worte horen: „Wenn Sie Ihre Kochin entlassen, entlasse ich auch meine Wirtschafterin. Sie geben nicht zu, daB bei Ihnen etwas Siind- haftes geschieht, ich will es fur meine Person auch nicht ein- gestehen. Von Fleisch und Blut sind wir ja beide.” Wir diirfen es deshalb dem Volke nie verargen, wenn es infolge mancher Umstande und auch infolge oft unuberlegten Benehmens von unserer Seite an unseren Zolibat nicht recht glauben will. Die Tat selbst laBt sich wohl in den seltensten 236 Fallen nachweisen. Ubrigens ist doch der Priester zu intelli- gent, um in flagranti iiberfiihrt zu werden, wie die Sunderin im Evangelium. Die Nebenumstande, die dem Volke AnlaB zur Verdachtigung geben, pflegen zu sein: Die Beobachtung, daB der Priester mit einer Person freundlich spricht oder mit ihr geht. In der Stadt kiimmert man sich nicht so sehr um Privat- angelegenheiten wie auf dem Lande, wo bald die ganze Pfarre auf Grund gewisser iiuBerer Zeichen fast samtliche Liebschaften entdeckt. Das Volk beobachtet seharf und schlieBt aus dem freundlichen Verkehr ganz richtig, dafi der Priester doch nicht so gegen die Liebe gestahlt ist. Er braucht nur ofters in ein Gasthaus oder sonst in ein Privathaus zU gehen, bald werden Kombinationen gemacht. Namentlicli aber kann in den seltensten Fallen das Zusammenwohnen mit einer weib- lichen Person jeden Verdacht beseitigen. Die kirchliche An- ordnung, daB die Wirtschafterinnen iiber 40 Jahre alt sein sollten, ist nicht geniigend, da gerade diese Frauen, namentlicli wenn sie Witwen waren, viel unverfrorener dem Priester ent- gegentreten, wahrend eine jiingere, unerfahrene Person noch jede Siinde perhorresziert. Erfahrene Priester werden auch zu- geben, daB dieses Alter noch nicht den Verdacht beseitigen kann. In dem von einem Jesuiten herausgegebenen Andachts- buche „Der Hausprediger” wird das Verhaltnis zwischen Mann und Weib als das zwischen Feuer und Stroh bezeichnet. Bei den Priestern und ihren Haushalterinnen kann das Verhaltnis keine Ausnahme machen. Wenn auch von Seite des Priesters einBrand verhutet werden kann, so kann man doch keine Garantie beziig- lich des anderen Teiles haben, da die Wirtschafterinnen keinen Begriff von der Bedeutung des Zolibates haben. Von den Ver- wandten kann nur die Schwester den Verdacht ferne halten. Zwischen den Cousinen werden viele Ehen geschlossen, Onkel und Nichte traute ich schon. Alle diese Verhaltnisse konnen den Verdacht bezuglich der Sittenreinheit des Priesters waeh- rufen und Argernis erregen. Wir haben nicht den gering- sten Grund, wie es leider geschieht, dieses Argernis als scandalum pharisaicum zu bezeichnen. Es wiire nun liicher- lich, behaupten zu wollen, daB der Priester wirklich eine 237 mit Asbest iiberzogene Eigenschaft besaBe, um nicht selbst anzuziinden oder angeziindet werden zu konnen. Das Volk glaubt nicht an diese Eigenschaft. Auch ich erklare hier offen, daB ich zu denjenigen gehore, die an die Ein- haltung des Zolibates in einem betrachtlichen Teile des KI er us nicht glaube, so daB deshalb dem gesamten Klerus ein gerechter Vorwurf gemacht werden kanu. Ware dieser Teil nur ein Viertel des Klerus, so ware dies Grund genug, um iiber den Zolibat den Štab zu brechen und iiber den Klerus im allgemeinen ungiinstig zu urteilen. Was ware das fiir eine Beamtenschaft, deren Viertel Felonisteu waren, was fiir ein Armeekorps, dessen Viertel Feiglinge sind? Freilieh ist ein immenser Unterschied zwischen der Verpflichtung des Klerus, bei der es sich um Beherrschung eines Naturtriebes handelt, und zwischen der Verpflichtung der ubrigen Beamten, was die Schwierigkeit der Obligation anbelangt. Doch die letztere Ver¬ pflichtung ist eine verniinftige, wahrend der Zolibatszwang eben ein in der Natur des Priesterberufes gar nicht begriindeter Zwang ist. DaB der Zolibat in einem groBen Teile des Klerus nicht be- obachtet wird, laBt sich nicht dureh Anfuhrung einer Zahl von Verbrechen erweisen, die die Geistlichkeit begangen haben soli, wie man in unserem Abgeordnetenhause es versucht hat; denn gerade die geringeZahl der Verbrechen hat ein gianzendes Zeug- nis fiir die Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit der Priester abgelegt. Vielmehr lehrt uns die tagliche Erfahrung dureh eine grobe Reihe von Umstanden, daB der Zolibat nicht so ge- \vissenhaft beobachtet wird, daB man sich bei der Verteidigung desselben auf die Erfullung der Zolibatsverpflichtung berufen konnte. Jene Priester, die den Zolibat bis an ihr Lebensende bewahrt haben, sind ITeilige, und findet man irgendwo heilige Priester, dann schlieBt man leicht darauf, daB sie den Zolibat auch beobachten. Es gehort zur Beobachtung des Zolibates eine heroische Leistung. Ich wei6 auch, daB viele Priester sich zur Ehre rechnen, diese Last, wenn auch unter groBen Uber- windungen, dureh das Leben zu tragen. Doch so stark konnen nicht alle sein und so heilig auch nicht. Die Krafte werden er- 238 schopft und manche stolpern und stiirzen. Deshalb mogen meine Kollegen nicht glauben, daB ich sie etwa verurteile. Ich sah manche Argernisse seitens der Priesterschaft und wollte ofters die Anzeige erstatten. Doch ich zogerte immer und heute wiirde ich es nie tun. Ich will keinen Stein auf den unter der Schwere der Last zusammengefallenen Pidester werfen. Wiirde man mich auffordern, meine Behauptungen beziiglich der Verletzung des Zolibates zu beweisen, so wurde ich es nur vor einem Kon- zile ehrenhafter Priester tun, die keine Vorgesetzten sind und die nur ihr Urteil iiber das Gelingen oder MiBlingen meines Beweises abgeben miiBten. Wie wurde ich den Beweis liefern? Ich wiirde nach dem Gebaren der Wirtschafterinnen, nach ihrem Alter etc. nachforschen. Ein angelegter Schematismus der Wirtschafterinnen wiirde mir interessantes Material liefern. Ich nehme nicht bald eine Klatschgeschichte als wahr an, sondern halte nur daran fest, dessen Richtigkeit ich selbst erforscht habe. Innerhalb einer Menschengeneration konnte im Durchschnitte jeder Pfarrhof eine pikante Priestergeschichte erziihlen, die sich immer weiter verbreitet und MiBtrauen in die Sittenreinheit der Priester hervorruft. Man meine ja nicht, daB dies etwa nur fiir Karaten zu gelten hatte. Keine Diozese kann der anderen etwas diesbeziiglich vorwerfen. In manchen Gegenden ist es moglich. dafi die seit altersher iiblichen Grenzen des Verkehres der Priester mit dem Volke eine oftere Pbertretung des Zolibates ver- hindern, jedoch nur weil eben die moralischen oder die natiir- lichen Grenzen, wie z. B. die Klostermauern bestelien, nicht aber als ob dort der Wille des Klerus starker ware als bei uns. In Karaten vrarde in der letzten Zeit ein Priesterstand herangezogen, der alles opfert, um die katholische Sache weiter zu bringen; unserem Klerus kann man durchaus nicht Disziplin- losigkeit vorwerfen, die mich zu solchen Urteilen, wie ich sie friiher ausgesprochen habe, bewogen hatte. Bei uns ist das Volk allerdings gutmiitig und aufgekliirt, welches vieles an seinem Priester entschuldigt. Auch anderswo argert sich das Volk im geheimen an manchem, was es an seinen Priestern sieht, doch es ist auBerlich noch so religios, daB es sich gar nicht getraut laut zu sagen, was es denkt. 239 \ Kurz gesagt: Der Zolibat ist eine ideale oder heroische Tugend oder sittliche Verpfliehtung und verlangt dement- sprechend aucli eine ideale oder heroische Erfiillung. Forscht man nach, ob diese Erfiillung wirklich ideal oder heroisch ist, so kommt man zu demselben Resultate, um sich einmal auch byperbolisch auszudriicken, wie wenn man nachforschen wiirde, ob die Schnecke ihren Vorsatz, eine Reise um die Welt zu machen, ausgefiihrt hat. Ich bin nicht der Einzige, der die vorher skizzierten An- schauungen hat, sondern es gibt wohl viele, die meine Mei- nung teilen, nur wahnen, es diirfe die Offentlichkeit nichts erfahren. Wenn wir darauf Riicksicht nehmen, dann kommt iiberhaupt keine Besserung zustande. Ich fiihre zuniichst meinen ehemaligen Seminardirektor an, P. Max Hub er, S. J., der in der Linzer Quartalschrift 1900, II. Heft, Seite 298, in dem Kapitel iiber die Verwertung der Kanzel gegen die Siinde der Keuschheit wortlich so schreibt: „Wohin die Unterlassung einer solchen Vorbereitung (namlich die Vorbereitung des Priester- amtskandidaten auf die Gefahren der Unkeuschheit schon im Seminar durch geeignete Betrachtungen — A. d. V.) auf die Gefahren der Seelsorgstatigkeit, soivie die Unterlassung ent- sprechender Betrachtungen im spateren priesterlichen Leben fiihren kann, das lehren die iiberaus traurigen Verschul- dungen und groBen Argernisse sittlich gesunkener Priester zu allen Zeiten und in grofierer Zahl als man es denken solite.’’ Guter Pater! Wenn Sie noch niiher das Priesterleben kennen gelernt hatten, dann hiitten Sie wohl einen starkeren Ausdruck gebraucht! Seite 303 in der Behandlung desselben Kapitels lost der gelehrte Jesuit die Frage, woher es komme, daB mancher Seelenhirt von der Siinde der Keuschheit gar nicht predigt. „Der Grund liegt wohl hie und da in der personlichen Lebensfiihrung des Priesters. Vielleicht pflegt er selbst fiir sich die Tugend der Keuschheit nicht genugend, und fiir eine Tugend, die man selbst nicht besitzt, wird man natiirlich nicht mit Warme eintreten .... Solite aber der Geistliche iiberdies annehmen miissen, daB die Glaubigen an der Reinheit seines 240 Wandels ziveifeln oder von diesem ungiinstig reden, so \vird er sich selbstverstandlich noch mehr scheuen, liber die Pflicht der Keuschheit zu predigen, namentlich dann nicht, wenn er in seinem Hause eine weibliche Person halt, deren Alter oder sonstige Eigenschaften einen Zweifel iiber ihre Beziehungen zu ihm aufkommen lassen. Ein solcher Priester befindet sieh in einem mehr als peinlichen Dilemma: predigt er gegen Unkeuschheit, so weekt er von neuem den Verdacht gegen sieh, predigt er nicht dagegen, so denken die Leute, das bose Gewissen schlieBe ihm den Mund. In unseren Tagen glaubt das Volk selbst der Benennung „Nichte” nicht mehr iiberall ohne weiteres (warum denn etwa?! A. d. V.) und \venn dann so eine jugendliche Nichte sich unter jungen Kaplanen im Pfarrhause herumbewegt, skandalisiert es sich nicht mit Unrecht.” So schreibt der alte, gelehrte Pater, durehaus nicht ein „Reformkatholik”. Man vergleiche diese Ausfuhrungen mit den meinigen. Ein anderer Jesuit, der jetzt mit der geistlichen Leitimg der Jugend betraut ist, war Weltpriester und wahlte den jetzigen Beruf, weil ihm drauBen die Verhaltnisse beziiglich des Zolibates doch zu arg vorgekommen sind. Er ist nicht aus Karnten, sondern aus einer nordlichen Provinz. Professor Dr. Einig sagt in seiner Schrift „Katholische Reformer” gegen Dr. Ehrhard: „Hatte Ehrhard mit gleichem Freimut und gleicher Begeisterung doch ein Buch geschrieben gegen das, was wenigstens in Osterreich nach dem Urteile der Ver- standigen des Ubels Ursache ist, gegen Josefinismus und den auf der Kirche so schwer lastenden staatlichen Bureaukratis- mus sowie die mannigfachen Armseligkeiten des Klerus, die jene Dinge zur Folge haben, ein Buch mit dem Inhalte „JerusaIem sit sancta et libera”, . . alle Guten hatten Ehrhard zugejubelt!” Nun die mannigfachen Armseligkeiten des Klerus, was sind die, daB ein Buch mit dem Inhalte: „Jerusalem sit sancta . . .” notwendig \vare?! Bekanntlich war im Jahre 1902 eine Disklission iiber die Zolibatsfrage im „Korrespondenz-Blatt” erdffnet worden. Unter 241 vielen anderen sprach sich auch ein Pfarrer aus Oberosterreich gegen die Aufhebung des Zolibats aus mit der Begriindung, daB beim griechisch-katholischen Klerus die Unverheirateten ein grofieres Vertrauen beziiglich des Beichtstuhles besitzen als die Verheirateten. Eswar eine ganz liarmlose Bemerkung. Ich meine, daB auch bei uns, falls es zur Zolibatsaufhebung kame, die- jenigen, die wirklich aus hoheren Motiven ehelos bleiben, ein grofieres Vertrauen bei der Bevolkerung bei sonst gleich grofier Tuchtigkeit geniefien werden als die Verheirateten, wie auch die Ordensleute jetzt mehr Zudrang zu Beichtstiihlen haben als die Weltpriester, weil sie eben auch einer hoheren Tugend nachstreben. Kein verniinftiger Priester wird die Ordensleute deshalb beneiden. Doch der ruthenische Klerus fiel in voller Wut iiber Dr. Scheicher her, als ob er den Artikel geschrieben hatte. Gewi.fi hat einer, der das „Korre- spondenz-Blatt” gelesen, in seinem Eifer die Unterschrift iiber- sehen, teilte den Inhalt des Artikels seinen Mitbrudern mit, die das Deutsche nicht beherrschen, und daher der geharnischte Artikel! Ich will den ganzen Artikel, den der ruthenische Klerus im „Halyczanin” veroffentlichte, hier drucken lassen, um den Lesern die Gelegenheit zu geben, zu erfahren: a) wie man gegen seinen Mitbruder ohne Grund aufgebracht sein liann, fi) wie der mit uns unierte Klerus sich durch seine Ehe glucklich und auch im Priesterberufe unterstutzt fiihlt, y) wie man am Schlusse des Artikels eine arge Verdachtigung gegen den zolibataren Klerus ausgesprochen hat, ohne dafi unser Klerus dagegen protestiert hatte. Der ruthenische Klerus droht, er werde sich das Leben und Weben unserer „unbeweibten” Konfratres naher anschauen.Deshalb bringe ich auch den Entriistungs- besclilufi an dieser Stelle. „Der am 25. November 1. J. in Sklo zu einer Dekanats- konferenz versammelte griechisch-katholische Kuratklerus des Jaworover Dekanates, Przemisler Diozese in Galizien, hat den Unterzeichneten beauftragt, gegen Dr. Scheicher, anlafilich seiner fur den genannten Klerus, wie auch fur eine wie das Christentum selbst altehrwiirdige Institution der heiligen orien- talischen Kirche im allerhochsten Mafie ehrenriihrigen, durch Vogrinec, nostra culpa. 36 242 und durch trugerischen Behauptungen Ausdruck zu geben der hochsten Empdrung und Entriistung dieses Klerus, und gleich- zeitig diesen hochgelehrten Herrn entschieden aufzufordern, zur offentlichen Widerlegung seiner den gesamten griechisch- katholischen Klerus tief beleidigenden, aus der Luft gegriffenen Schmahungen •— welchen Auftrag im Namen des genannten Klerus ich hiermit erfulle. Wir laden den hochgelehrten Herrn Schmaher zu uns ein, damit er an Ort und Stelle unser segensreiches Wirken im Beichtstuhle, beim Altar, auf der Kanzel, in der Pfarre, iiber- haupt wo immer beobachte, und dann urteile er iiber un- seren bis zur Selbstverleugnung und Selbstaufopferung rei- chenden priesterlichen Pflichteifer: — seiner famosen „Null” wird er schon hoffentlich manchen Einser voranstellen, falls er ein nur ein wenig gewissenhafter Mann ist, woriiber \vir nicht den mindesten Zweifel haben wollen. Der hochgelehrte Herr bekomme zu wissen, daB bei uns selten im Jahre eine Woche, ja selten ein Tag vergeht, ohne daB wir von Sammlern fur Kirchenbauten etc. besucht werden und der beweibte griechisch-katholische Priester ist immer der erste in der Gemeinde, der seine Spende in die Sammelbiichse legt. Bei jeder Gelegenheit, wann nur unsere „beweibten” Priester, sei es in minderer, sei es in groBerer Anzahl zu- sammenkommen: sofort veranstalten sie unter sich eine Samm- lung zu frommen oder milden Zwecken, fiir die unbemittelte studierende Jugend etc. Kein Armer ging je -— Dank sei eben unseren Gemah- linnen — von einem griechisch-katholischen Pfarrhofe weg, ohne nach Kraften beschenkt worden zu sein. Der hochgelehrte Herr bekomme zu wissen, daB unsere Gemahlinnen keineswegs an unseren Planden und FiiBen Fesseln sind, die uns in gottgefalligem Wirken hemmen. Im Gegenteil, unsere tiefreligiosen, frommen, keuschen, beschei- denen, milden, zartliebenden, miihsam arbeitenden Gemah¬ linnen sind wahrhaft unsere Mitarbeiterinnen im Wein- berge Christi, sie tragen Sorge um die Reinheit und Ord- nung in unseren Kirchen, in unseren Pfarren besuchen sie und 243 pflegen die Kranken, sie nahren und bekleiden die Armen, sie versorgen und trSsten die Verlassenen und Verwaisten, sie wirken zivilisatorisch und kulturell auf unser Volk ein, wes- halb unsere priesterlichen Gemahlinnen in Wiirdigung ihres Wirkens von unserem dankbaren Volke „nanu-mamka = Frau Mutter” betitelt werden. Der hochgelehrte Herr Schmaher wird doch nicht be- streiten wollen, daB bei der Wahl eines Bischofs der heil. Geist wirkt. Nun als im Jahre 1896 bei uns das bischofliche Katheder verwaist blieb, trotzdem daB unter uns auch unverehelichte Priester sich befinden, hat der heil. Geist zu dieser hochsten \Viirde in der Kirche Christi doch einen Priester, der „be- weibt” und Familienvater war, erkoren. Mogen die Herren unter sich fiir oder gegen den Zolibat ringen, das ist ihre hausliche Angelegenheit. Jedoch sollen sie sich nicht unterstehen, an unserer, des verehelichten griechisch- katholischen Klerus vollkommenster Priestertreue, und an un¬ serer, dieses verehelichten Priesters vollkommenster Priester- wurde und Priesterehre zu riitteln, damit wir im Eifer nach Vollkommenheit nicht gezwungen werden, uns das Leben und W e b e n unserer „unbeweibten” Konfratres naher anzu- schauen . Im Namen des griechisch-katholischen Kuratklerus des Javvorover Dekanates Josef Kruschinsky, Pfarrer in Seliska. Dies ist die wortliche BeschluBfassung des genannten ruthenischen Dekanatsklerus ! Fiir uns sehr interessant! Ganz harmlos sind meine Behauptungen beziiglich der Nichteinhaltung des Zolibates bei einem Teile des Klerus, wenn man den Artikel eines lioheren Wiirdentragers im „Korre- spondenz-Blatt” Nr. 15 vom JO. August 1903 liest. DaB es ein hoherer Wurdentrager ist, erfahren wir aus der Aussage des Re- dakteurs selbst in der nachsten Nummer, wo sich einzelne doch iiber die zu stark aufgetragene Portion beschwerten. Der Artikel Seite 62 ist betitelt: „Ursachen des religiosen Indifferentismus”. 16 * 244 — „ . . . Keiner hat noch gesagt, worin eigentlich der Grund desselben (des religiosen Indifferentismus) zu suchen sei, da doch nach dem Grunde gefragt wird. Ich meine, dafi die hoch- wurdigen Iierren Mitbriider den Grund desselben sehr gut kennen, aber sich nicht redit damit heraustrauen, um nicht den einen oder den anderen Mitbruder zu beleidigen. Doch soli ein Ubel behoben werden, muB man unbedingt die Ursache desselben kennen. Welche Schmerzen verursacht der Arzt gar oft dem Kranken bei der Untersuchung der Wunde? Doch miissen diese Schmerzen verursacht werden durch Schneiden oder Brennen oder Nahen, wenn die Wunde geheilt werden soli. Der religiose Indifferentismus ist auch ein Gesclrvviir; eine Wunde!” Den Gnind findet er zunachst im materialisti- schen Zeitgeiste. Dann sagt er weiter: „Wenn man das Leben so vieler geistlicher Herren betrachtet, und ich spreche als Mann von 62 Jahren und 37jalmger Priester, so muB ich ge- stehen, daB eine grofie Anzahl derselben sich zu viel den sinnlichen Geniissen im Essen, Trinken, Tanzen und in anderen Unterhaltungen hingibt, viele sogar Vaterfreuden genieBen, die priesterlichenFunktionen aber sehr handwerksma6ig verrichten, in der Stolaforderung gar oft unverschamt, ja herzlos sind.” Die weiteren zwei Satze verdienen nicht den Druck. In der Fortsetzung schreibt er: „Und was das Leben contra Sextum anbelangt, so nimmt es mieh gar nicht Wunder, wenn beson- ders die jungeren Priester in dieser Beziehung leicht sind, wenn dieselben wissen, daB so manche ihrer hochwiirdigen Professoren an der Lehranstalt selbst Liebesverhiiltnisse unter- halten, ja Vaterfreuden genieBen! Es gibt schon so manche Kaplane, welche fiir so kleine Anhiingsel zu sorgen haben. Und was sagen denn die betreffeuden hochwiirdigen Konsistorien dazu? Sie trachten, daB solche Kaplane die Katechetenprufung machen und sich dann um eine Kateehetenstelle umschauen, damit sie fiir Mutter und Kinder leichter sorgen konnen. Sind solche Katecheten auch die entsprechend tauglichen Erzieher der jungeren Generation?” Ein hoherer Wiirdentrager, dazu 62 Jahre alt, der das Leben vieler Priester kennt, fallt ein solches Urteil! Unsere 245 Diozese ist nicht gemeint, wir haben keine Katechetenpriifung, auch die Konsistorien sind bei uns nicht so — entgegen- kommend! Unsere Priester sind gegeniiber den von diesem hohen Wiirdentrager geschilderten doch noch fastEngel! Es lieBen sich manche Glossen daran knupfen, ich will nur im Ernste konsta- tieren, daB dem Verfasser des Artikels, der sich mit „sincerus et verax” unterschreibt die Titel „aufrichtig und wahrhaft” wirk- lich zukommen, doch bin ich der Zustimmung aller Leser ge- wiB, wenn ich dem Artikelschreiber noch den Titel „et sim- plex” („einfaltig”) verleihe. Ich bin somit doch nicht der einzige Schwarzseher be- ziiglich des Zblibates. Wurde man noch die katholische Intelli- genz fragen, was sie beziiglich der Beobachtung des Zolibates beim Klerus denkt, da wiirde man noch ganz andere Antworten bekommen. Man glaube nicht, sie sind Toren oder iibelwollende Menschen, sondern sie kennen alle moglichen Ziige des mensch- lichen Lebens und sehen, wie der zolibatare Priester beziiglich des in Betracht kommenden sittlichen Verhaltens keinen Unter- schied von anderen Personen mache. Die Folge ist, daB selbst diejenigen, die wirklich es iiber sich bringen, unbemakelt dazustehen, stets Gegenstand der Verdachtigungen be- zuglich der Zolibatstreue werden. Der Zolibat bringt jedoch dem Priester, falls er wirklich beobachtet wiirde, abgesehen von der Schwierigkeit der Be- zahmung des Triebes, noch andere Unannehmlichkeiten. Das kanonische Gesetz schreibt vor, daB die Wirtschafterin des Priesters wenigstens 40 Jahre alt und iiber jeden Verdacht erhaben sein solite. Zunachst schliefit das Alter, wie ich friiher ausgefuhrt habe, den Verdacht nicht aus, dann entsteht die Frage, wo findet man heutzutage solche Personen, bei denen jeder Verdacht ausgeschlossen erscheint? Das Leben ist heutzu¬ tage zu viel bewegt, so dafi nur schlichte, ungebildete, meistenteils exzentrische Personen sich noch in einem guten sittlichen Rufe befinden. Ist diese Person auch reinlich in der Kiiche, geduldig, schweigsam, nicht klatschsuchtig? Ist sie auch gesund? Die Priester sind meistenteils kranklich und ebenso die Frauen im 246 vorgeschrittenen Alter. Beide infolge des kranklichen Zustandes miirrisch! Passen die zusammen?!! Ich karm mir nicht vorstellen, welchem Berufe geeignete Pfarrerkochinnen vor ihrem 40. Lebensjahre nachgehen sollten. Waren sie zuvor irgendwo Kochinnen, z. B. in Privathausern, Gendarmeriekaseimen etc., da ist es nicht sicher, daB sie ein makelloses Vorleben gefuhrt haben, und waren sie fleiGig, dann hatten sie ihren Dienstort nicht verlassen, an welchem sie viel mehr verdienten, als ihnen der Geistliche geben kann. Gute Kochinnen verdienen heute monatlich 40 bis 70 Kronen; der Geistliche kann ihnen kaum ein Viertel davon geben. Oder soli sich der Geistliche mit solchen Wirtschafterinnen begniigen, die man anderswo nicht gut brauchen kann? Oft geheuclielte Frommigkeit macht noch keine Kochin. War die Wirtschafterin friiher Pi-ivaten, dann wird sie eben auch im Pfarrhofe die Rolle der Privaten spielen. Ferner gestaltet sich im Pfarrhofe das Leben fur sie ganz anders. An die Einsiedelei nicht gewbhnt, tritt sie in einen freund- schaftlichen Verkehr entweder mit dem priesterlichen Haus- herrn, wobei das Verhaltnis nicht lange das, welch.es zwischen Herrn und Dienerin bestehen soli, bleiben kann, sondern sich in das Verhaltnis zwischen Freund und Freundin umwandelt, oder sie tritt in einen freundschaftlichen Verkehr mit den Orts- weibern, wobei der Priester nicht irnmer gut wegkommt. Selbst sehr alte Frauenspersonen pflegen ungemein eifersiichtig zu sein und konnen es auOerst schwer ertragen, wenn sich der Grad der Freundschaftlichkeit gegen eine andere Frauensperson er- hoht oder wenn man uberhaupt gegen andere freundlich ist. Bekam da ein Priester eine sehr alte Haushalterin und da er sich mit ihr nicht abgeben wollte, fing sie an, ihn im Ge- heimen beim Volke zu verdachtigen. Der Priester ist auch ein ens sociale, welches Gesellschaft haben mufi. Auf dem Lande kommen die Kollegen nur sehr selten zusammen. f)ber den Priester kommen so viele Muh- seligkeiten, liber die er sich auGer Gott auch seinen Mitmenschen gegenuber aussprechen mochte. Er hat ein Bediirfnis danach. Da findet er wieder die Haushalterin, der er dieses und jenes mit- 247 teilt, er weiht sie in seine Bekummernisse ein. Daraus wird sich erklarlicherweise ein siindhaftes Verlialtnis entspinnen. Wenn er sich der Haushalterin nicht offenbart, so sucht er das Gasthaus auf, wo das Argernis oft noch grofier wird. Hier schiittet er sein Herz aus und wird gleichzeitig durch „sorgentilgende Mittel”, d. i. Alkoholgetranke mit bekannten Folgen geheilt. Zu bemerken ist auch, daB ein Weib groflen EinfluB auf das Denken und Handeln des Priesters ausiiben kann, so daB er oft jeden idealen Halt verliert. Dieser EinfluB ist meistenteils kein guter, da der Priester doch auf gut erzogene, hoch ge- bildete Wirtschafterinnen nicht reflektieren kann. Wie viele ausgezeichnete Priester wiirden auf einem anderen Stand- punkte stehen, wenn sie in einer geordneten Familie gelebt liatten! Oft geschieht es, dafi sich namentlich alte Haushalterinnen, welche anderswo nicht mehr dienen kdnnen oder die sich nach Selbstiindigkeit sehnen, in die Pfarrhofe vordriingen. Der arme Priester ist dann gezwungen, von seinem karglichen Ge- halte diesen alteren Frauen gleichsam eine Altersversorgung zuteil werden zu lassen, nachdem sie die schonsten und kraf- tigsten Jahre des Lebens anderswo zugebracht haben. Jede Familie bemiiht sich, frische und kraftige Dienstboten zu be- kommen, nur der Geistliche soli mit Ausgedienten zufrieden sein. Fur alle schwere Arbeiten, fur das Reiben, Waschen, fur die Gartenarbeiten miissen eigene Personen aufgenommen werden. Wie ich selbstandig geworden bin, kamen zwei altere Damen des Nachbarschlosses, um mir ihre Kochin, die schon alt und fur sie nicht mehr tauglich war, anzubieten. „Fiir Sie ware sie gerade recht” meinten sie ! Sie kamen zum Richtigen! Ich kochte mir lieber selbst! Viele Priester gehen auch durch die Verschwendungssucht der Haushalterinnen inateriell zu grunde. Sie meinen, der Priester hatte ja von allem genug und da sie nicht, wie eine Frau durch das Band der Liebe an ihn gebuirden sind, wirt- schaften sie auch lieblos mit seinen Giitern. Die tagliche Er- fahrung lehrt uns dies! Manche Frauen sind so schlau, daB sie sich schon wahrend der Studienzeit bei den Priesterkandidaten einschmeicheln; sie 248 helfen ihnen mit Geld aus, werden ihre geistlichen Miitter u. s. w. Spater bieten sie sich als Haushalterinnen an und bringen den Geistlichen in Abhangigkeit von sich, zumal wenn sie dem pekuniar schlecht situierten Priester mit ferneren Geldmitteln, Mobeln u. s. w. an die Hand gegangen sind. Hier herrscht die Kochin, namentlich aber dann, wenn der unerfahrene Priester zur Siinde verleitet wurde. Weh dem Priester, der in eine solche Lage kommt! Er ge- traut sich nicht in die Offentliehkeit, verliert den letzten Funken Energie. Wo sind seine Ideale, wo sein Streben nach Wissen- schaft, wo die Fruchte, die er als Študent versprach? Von den Gegnern verachtet und verhohnt, von den Vor- gesetzten mifitrauisch beobachtet, gezwungen seiner rohen Haus- halterin alles zu gestatten, beunruhigt im Gewissen, belcommt der Priester jene nervosen Charaktereigenschaften, die wir so oft beobachten konnen. Nicht jeder ist so gliicklich, eine Schwester zu besitzen, die zur Leitung des Hauses geeignet ist und die selbst mit dem Bruder dasJoch des Zdlibates tragen mufi und auch da bleibt der Verdacht nicht aus, da Freundinnen sich zum Be- suche melden, die nicht mehr Schwestern sind.- Es ist eine ganz unrichtige Annahme, als ob der Priester durch seine Frau in den Berufspflichten gehindert wurde. Auch im gewohnlichen Leben hat die Heirat einen groBen EinfluB auf den Charakter des ganzen Menschen. Die Ledigen sind in der Regel nicht die idealsten Menschen. Es fehlt ihnen der Lebensernst und sie wandeln ohne ein bestimmtes Lebens- ziel durch die Welt. Durch die Heirat und das Leben in der Familie wird ihr Sein viel wertvoller. Deshalb andern sich die gleichgiltigsten und nachlassigsten Manner in der Ehe. Natiir- lich ist die Ehelosigkeit bei denjenigen fruchtbarer an Taten, die im Besitze genugender Krafte sich hohere Lebensziele ge- setzt haben, wie zuvor erwahnt worden ist. Derer gibt es aber wenige und der ganze Priester- stand hat keine Garantie, daB er zu diesen gehort. Deshalb wiirden sehr viele Priester, unterstiitzt von einer frommen Frau, viel ernster ihren Beruf auffassen, wie es jetzt 249 geschieht. Welche Argernisse konnten verhindert werden, wenn er eine sorgende Frau an seiner Seite hatte, die berechtigt ware, ihn hie und da vom Bosen, z. B. vom Trinken oder heftiger Zornesaufwallung abzuhalten?! DaB die Frau den Priester hindern wiirde, fiir seine Uber- zeugung einzutreten, oder daB die Sorge fiir die Familie ihm allerlei Riicksicht auferlegen moehte, ware nur dann richtig, wenn die Erzieher der Priester nicht imstande waren, charakter- feste Manner fur den heiligen Beruf heranzubilden und wenn es dem Priester freibliebe, die Nachstbeste sich zu seiner Lebensgefahrtin zu erwahlen. Eine vernunftige Frau wird im Gegenteil den Mann ermutigen. Man denke an die Burenfrauen, die fur die Manner kein Hindernis waren, sondern die sie zur Ausdauer und Tapferkeit aneiferten. Auch die Offiziere durfen auf ihre Familien keine Riicksicht nehmen, sobald sie ihr Leben auf das Spiel setzen, was von den Geist- lichen heutzutage nicht mehr zu befiirchten ist. Als Missionare sollten allerdings ehelose Priester aus- gesendet werden, die fiir immer oder zeitweise auf die Ehe verzichtet haben. Missionare sind ohnehin ausschlieBlich jene Manner, die, mit geniigender sittlicher Kraft ausgestattet, hohere Ziele anstreben. Auch die Arzte miissen ihr Leben auf das Spiel setzen, wenn sie ansteckende Krankheiten zu behandeln haben, wie~ wohl sie deshalb nicht zolibatar zu sein brauchen. DaB das Beichtinstitut leiden wiirde, ist in gewisser Be- ziehung richtig, in dem von Seite der Frauen allerdings ein geringerer Zudrang stattfinden wiirde. Damit ist keine Verdachtigung ausgesprochen, sondern es wird nur die Erscheinung konstatiert, dafi neben der Frommigkeit bei den Frauen doch ein natiirlicher, vielleicht nur unbewuBter Zug zum miinnlichen Geschlechte besteht, namentlich wenn der Mann ledig ist. Est miseria humana! Wie anderseits bei den Mannern die Erscheinung zu beobachten ist, daB sie gerne dorthin gehen, wo sie mit Frauen vei’kehren konnen. Der Zug zum Irdischen lafit sich auch bei heiligen Dingen nicht ohne weiteres abstreifen. Es erwachst kein bedeutender Schaden, wenn manche Frauen bet, 250 der Beicht ausbleiben wurden. tlbrigens habe ieh bei Be- sprechung des BuBsakramentes gefordert, daB an manchen Orten eigene Beichthauser errichtet werden, wo eigene iiltere Beichtvater Beicht horen sollten, fiir die teilweise auch der Zolibat verlangt sein solite! Ich stelle mir unter den Beicht- vatern ohnehin meistens Ordenspersonen vor. DaB das Beichtsiegel gebrochen wiirde, ist ebensowenig zu befurchten wie jetzt, wo die Plaushalterinnen ungebildeter wie die eventuellen Gattinnen sind, ebenso gerne intime Dinge erfahren. Doch kein Geistlicher macht nur den Versuch und wird ihn auch spater nicht machen, irgendwie iiber die Beicht iiberhaupt zu reden. Die Arzte, Offiziere, Diplo- inaten sind in viel schwerwiegendere Geheimnisse eingeweiht, ohne daB man deshalb von ihnen Ehelosigkeit verlangt. DaB die Armen nicht mehr auf die Geistlichkeit rechnen konnten, ist auch nicht richtig. Die Frauen, eines Sinnes mit dem priesterlichen Gatten, wiirden vielleicht manchen Groschen mehr erubrigen fiir die Armen, als die Geistlichen heutzutage. Sie sind in dieser Beziehung viel opfervoller. Eine ganze Reihe von Bauerinnen kann ich aufzahlen, die mehr fiir die Armen tun, als im Durchschnitt die Priester. Man studiere nur das Volk! Durch die Frau wird mancher argerniserregender Geiz des Priesters verhindert. tlbrigens man erinnere sich, was der ruthenische Dekanatsklerus von Jaworowo zu diesem Ein- wurf sagt! Dr. Miiller sagt in seiner Moraltheologie B. II, T. II, § 183, daB „derjenige, der mit dem Brote der Engel zu tun hat, auch nach Sitte der Engel leben miisse”. Feine Sophistik, die dem ge\vohnlichen Priester gleich als Beweis erscheint! Solche Argumente wirken bei Kritiklosen ganz gewaltig. Man sage ihm was man wolle, es schwebt ihm diese beilige Phrase vor. Das allerheiligste Altarssakrament wird in symbolischer Weise das Brot der Engel genannt. Auf Grund dieser Symbolik wird der obige SchluB gemacht. Wenn wir nach der Sitte der Engel leben wollen, dann miissen wir auch gleich starke Sittlichkeitskrafte und auch 251 Verstandeskrafte besitzen. Man vergesse ja nicht, daB wir noch immer im Kerker des Leibes stecken; nach der Befreiung aus diesem wird es uns erst moglich, mit den Engeln beziiglich der Vollkommenheit wettzueifern. Der gottliche Heiland rechnete, als er das heilige Altarssakrament einsetzte, nicht mit Priestern,die engelgleich sind,sondern mit solchen,diedeniibrigen Menschen gleich sind. Dies folgt daraus, daB er sich unter dem gewohnlichen Brote, von dem anderen tiiglichen Brote gar nicht unterschieden, dem Priester und den Glaubigen auf eine nicht wie bei den Engeln ubliche Weise, sondern auf ganz ge- wohnliche Weise zur Seelennahrung hingab. Die Engel genieBen ja nicht die Brotgestalten wie wir, sondern ihre Nahrung besteht im Anschauen des Lammes Gottes, das Licht und Leben in sie gieBt. Somit hinkt der SchluB an allen Seiten. Durch seine Familie wird der Priester auch leichter mit intelligenten Kreisen in Kontakt kommen. Er steht in der Gesellschaft rein da, ohne Verdachtigung seines Lebens. Sein Leben wird nicht zu einem pikanten Gesprachsstoff werden. Wenn man auf den Niedergang anderer Konfessionen hinweist, bei denen die Priesterehe besteht, so kann diesen Untergang am wenigsten die Priesterehe verschuldet haben, sondern der Mangel an gottlicher Institution und Organisation, der Mangel an jenen Lehren, welche wir noch besitzen. Dieser Niedergang wird in unseren Blatteim oft iibertrieben dargestellt und ist vielfach nicht grofier als bei uns selbst. Die zeitlichen Sorgen werden sich nicht vergroBern. Bei uns hat der Lehrer im Durchschnitt weniger Beziige als der Priester und doch bringt er die Familie ehrenvoll fort, wiihrend manche Priester sehr von Schulden gedriickt werden, was nicht in letzter Linie das Gebaren der Haushalterinnen verschuldet hat. Die Beziige der Geistlichkeit werden ohnehin reguliert werden miissen, wie ich spater ausfiihren werde. Da vor der Verheiratung ein entsprechendes Vermogen ausgewiesen werden miiBte, wiirde die Gattin in die Ehe auch Vermogen mitbringen, was die materielle Stellung des Priesters namentlich beim Antritte seines Dienstes sanieren mochte. 252 Das Volk wird nicht Argernis nehmen, wenn der Priester mit einer Frau spricht oder geht, wie es auch bei den ubrigen Standen kein Argernis nimmt. Er wird viel leiehter sowohl die Jugend zur Sittlichkeit als auch die Erwachsenen zur ehe- lichen Treue aneifern, wenn sein Leben frei von jeder Ver- dachtigung ist. Es ist durchaus nicht richtig, daB die Achtung und das Ansehen des Priesters abnehmen \viirde. Ubrigens wie groR ist diese Achtung heutzutage? Jeder Gerichtsschreiber hat mehr Ansehen als wir. Dort, wo die Priesterschaft verheiratet ist, kann man nicht konstatieren, daB die Achtung und das Ansehen kleiner ware, wie in den katholischen Landern, es miiBte denn sein, daB man auf das umviirdige, ungebuhrliche und unmoderne Handkussen der armeren, ungebildeten Land- bevolkerung irgendwie Gewicht legen will. Nicht diejenigen sind die wahren Christen, die uns mit allen moglichen Titeln iiberhaufen und Biicklinge vor uns machen, sondern diejenigen, die unsere Lehren nicht unsertwegen, sondern um Gotteswillen befolgen. Das Zolibatsgebot ist jedoch nicht ohne weitere Voraus- setzung und Bedingung aufzuheben. Meine Ausfuhrungen sind nicht so zu verstehen, als ob ich dafiir plaidieren wiirde, daB in Rom plotzlich ohne weiters jedem Priester die Verehe- lichung erlaubt wird. Im ersten Augenblicke wiirde man unter das Volk, das an zolibatare Priester gevvohnt ist, groBe Ver- wirrung bringen. In manchem Tale Tirols ware der Auflauf, wenn ein Kurat plotzlich in sein Vidum mit seiner „Gnadigen” einziehen wurde, vielleicht groBer, als einer zur Zeit der Franzosen- kriege. Die Stadte und Markte jedoch mochten in ihrer Vertre- tung die Aufhebung des Zolibates gerecht und verniinftig finden. Die Bedingungen, die bei der Verehelichung eines Priesters erfiillt sein miiBten, waren folgende: 1. Die Bewilligung miiBte von der Pfarrgemeinde erteilt werden, wo der betreffende Priester pastoriert oder pastorieren wird. Die einzelnen Pfarrgemeinden werden sich uberhaupt fur verheiratete und zolibatare oder nur fiir ehelose Seelsorger 253 erklaren. Wird ein Priester, der sich verehelichen will, von der Gemeinde liebgewonnen, so wird ihm ohnehin gerne die Erlaubnis zur Verehelichung erteilt, namentlich wenn er sich eine Lebensgefahrtin aus der Mitte der Pfarrinsassen gewahlt hat. Die Gemeinde, die nur zolibatare Priester verlangt, wird keinen Grund zu Yorwurfen haben, wenn sich ihr Seel- sorgerhie und dabeziiglich desZolibates nicht korrekt benimmt. 2. Es mufi auch die Bewilligung von Seite der kirchlichen Behorden nach Priifung der Konduiten und des Vermogens- ausweises der Braut erfolgen. Dadurch wird erreicht, dafi der Priester nicht ungeeignete Personen heiraten wird. Dies wird sogar bei der k. k. Gendarmerie gefordert. 3. Der Priester mufi sowohl in den Lehranstalten als auch spater durch wohlwollende Inspektion dazu erzogen werden, dafi er seinen Beruf nicht so sehr in die Sorge um die Familie, als in die Erfiillung der geistlichen Pflichten setzt, was iibrigens meistenteils zusammenzutreffen pflegt. Ein guter Familienvater wird auch ein guter Vater seiner Pfarrgemeinde sein. „In der Familie lerne ich den Mann kennen,” rief einmal P. Abel S. J. aus; ich setze hinzu: auch den Priester. Diejenigen, die den Zolibat verteidigen, sollen immerhin zolibatar leben. Wir gratulieren ihnen, dafi sie sich so hohe Ziele gesetzt haben und dafi sie eine so grofie Willensstarke besitzen, um die ubernommene Last zu tragen. Wir betrachten den Zolibat noch immer fiir i’elativ besser, namlich fiir die¬ jenigen, wie es die Vorgenannten sind. Sie sollen aber deshalb, im Besitze solcher Willenskrafte, nicht diejenigen verurteilen, die die Aufhebung desselben verlangen, da sie bei sich und anderen Mitbriidern die Erfahrung machen, dafi der Zolibat sie im Streben nach hoherer Vollkommenheit hindere und hemme! Das Resultat dieser Auseinandersetzungen ist: Kein Priester soli zur Ehelosigkeit, aber auch nicht zur Ehe- schlieBung gezwungen werden. Der Zolibat wird als guter Rat betrachtet fiir diejenigen, die sich hohere Lebensziele gesetzt haben und sich auch geniigender Krafte bewufit sind, um den Zolibat in seiner ganzen Reinheit zu beobachten. '254 VII. Die materielle Stellung des Klerus. Ich will jedes Breittreten derartiger Ausfiihrungen ver- meiden und deshalb Satz fiir Satz nur die leitenden Gedanken angeben, da die materielle Frage des Klerus olmehin schon des ofteren erortert vvurde. Wie jeder Mensch, so hat auch der Priester seine Bediirf- nisse, und zwar den Verhaltnissen, in denen er sich befindet, ent- sprechende. Um seinen Beruf zu erreichen, hat er die schonsten Jahre seines Lebens verbraucht, sich durch Verwendung des viiterlichen Vermogens oder sonst unter grofien Entbehrungen zu seinem Berufe emporgeschwungen. Er hat hauptsachlich die geistige Seite seines Seins ausgebildet, zum nicht geringen Schaden der korperlichen Krafte, deren Erhaltung nach Er- reichung des Zieles weit mehr Uinsicht und Pflege erfordert,, als bei einem anderen Stande. Da sein Beruf fiir die Menschen \venigstens ebenso natiirlich und notwendig ist, wie die anderen Berufsarten, ist es notwendig, daB auch die materielle Stellung desselben die gleiche ist, wie die der iibrigen Berufsarten, und zwar nicht eine von Zufalligkeiten abhangige materielle Stellung, sondern eine geordnete. Die Erfullung der Bediirfnisse ver- langt eine gewisse Ordnung und so mufi auch die Quelle der Moglichkeit dieser Erfullung eine bestimmte, geordnete sein. Man sagt, der Priester soli sich einer gewissen Zuriick- gezogenheit und Entbehrung befleifien, deshalb soli er nicht gleich entlohnt werden, wie die iibrigen Berufsarten. Sogar aus der Mitte des Klerus hort man derlei Worte. DaB der Priester sich dui’ch Zuruckgezogenheit auszeichnen soli, ist allerdings eine Forderung, die den einzelnen Priester angeht, deren Erfullung jedoch ganz dem freien Willen desselben an- heimgestellt ist. Diese Forderung von Seite des Staates oder von einem anderen Fremden aufzustellen, ist hochst ungerecht Kein Lohngeber darf einem Arbeiter mehr geben, weil dieser mehr braucht, dem anderen weniger, weil es bekannt ist, daB er sich mit weniger begniigt. Die Zuruckgezogenheit ist eine Tugend, und man darf wegen der Tugend des anderen keine Ungerechtigkeit begehen, das hiefie auf die Giite des anderen hin siindigen. Von wem soli der Priester bezahlt werden? Streng ge- nornmen von denjenigen, fiir die er arbeitet, von den katho- lischen Glaubigen, und zwar da die Entlohnung der Beamten auch im Staate nach dem Gesetze der Wechselseitigkeit statt- findet, soli die Entlohnung gleichmaBig in samtlichen Diozesen eines Staates erfolgen. Wenn die Kirche ihre Giiter hatte nnd \venn sie von richtigen Prinzipien geleitet wiire, miiBte dieser Modus auch durchgefiihrt werden. Nun hat der Staat die fiir die Seelsorger bestimmten Giiter an sich gerissen und sich durch verschiedene Gesetze verpflichtet, fiir den Klerus zu sorgen. Es ist nur zu begriihen, wenn der Staat die materielle Seite der Kirche vertreten und fiir die Seelsorger sorgen will. Die allgemeinen Grundsatze bei der Regelung der Gehalte miiBten sein: 1. Die Entlohnung mufi eine gerechte, anderen Stiinden entsprechende sein. 2. Die materielle Stellung mufi fiir alle Priester unter gleichen Verhaltnissen die gleiche und nicht abhangig von der Willkiir irgend eines Patrons oder Protektors sein. 3. Fiir den gesamten Klerus mufi ein und derselbe Grund- gehalt bestimmt sein. Fiir verschiedene Stellungen sind nur Funktionsgebuhren, fiir verschiedene Dienstzeit Quinquennalien zu bestimmen. 4. Da der Seelsorgedienst nicht iiberall der gleiche ist, wie bei den Beamten, bei denen eine bestimmte Arbeit und eine bestimmte Arbeitszeit vorgeschrieben ist, sondern sich je nach der Grofie derPfarre und der Schwierigkeit der Pastoration verschieden stellt, soli ein bestimmten Schliissel gefunden werden, um dem schwierigeren Seelsorgedienst auch die bessere Besol- dung zuzuweisen. Die Faktoren, die dabei zur Sprache kommen wiirden, sind: a) Weite Ausdehnung und gebirgige Lage der Pfarre. /3) Mehr als 1000 Seelen, wobei fiir je 500 Seelen ein Beitrag fixiert \vird. y) Teuerung der Lebensmittel an Kur- orten und auch an anderen Stationen. 5. Pension und Urlaubsverhaltnisse sollten geordnet sein. 256 Ad 1. Dadurch, daB wir nicht gleichgestellt sind mit den iibrigen geistigen Arbeitern, leidet zunachst unsere weitere geistige Ausbildung, indem wir nicht immer liber geeignete Mittel verfiigen, um uns z. B. Biicher anzuschaffen oder Reisen zu unternehmen, auf denen wir manches Gute lernen konnten. Weiters arbeiten andere Stiinde vielfach mit Geld, um ihre Ziele zu erreichen, wahrend der Geistliche seine Beziige zum allernotwendigsten Lebensunterhalte verwenden mufi. Von uns materielle Genugsamkeit zu verlangen, heifit vielfach verlangen, daB wir auf weitere Ausbildung verzichten und nicht so leicht die Ziele unseres Berufes erreichen. Wieviel Gutes mochte mancher wirken, wie sehr fiir die kulturelle Ausbildung seines Volkes Sorge tragen, wenn ihm der nervus rerum zu gebote stiinde! Diejenigen, die dazu da sind, um tfbertretungen der Gesetze zu bestrafen, be- ziehen hohe Gehalte, diejenigen, die diese tlber- tretungen durch die Verbreitung des wahren Lichtes und der vrahren Volksbildung zu verhiiten bestimmt sind, \verden wie Kanzleidiener behandelt! Es gibt solche, die sagen, dem Klerus geht es gut. Auch manche Geistliche behaupten dies. Freilich, einem Teil des Klerus geht es gut, denen, die Ministergehalte beziehen, allein diese Zahl ist im Verhaltnis zur Zahl der Darbenden eine sehr geringe. In den Zeitungen liest man oft vom Nachlafi dieses oder jenes Stadtpfarrers und denkt sich, schau, den Geistlichen geht es doch gut! Manchen Geistlichen geht es auch deshalb gut, weil sie wirklich mit dem, was ihnen der Staat bietet auskommen. Es sind meistenteils jene Personen, die kein Be- diirfnis zu weiterer geistiger Ausbildung fiihlen und die seit jeher, in ihrer Arbeit sich mafiigend, gesund sind und denen die Kost, an die sie sich in ihrem Elternhause gewohnt ha- ben, Knodel und Kraut, Milch und Sterz, am besten schmeckt. Sie verstehen auch oft ihre Aufgabe nicht, mildtatig zu sein, fur gute Biicher etc. zu sorgen. Doch alle konnen weder so geniig- sam noch so gesund, iiberhaupt so disponiert sein, wie diese! In Karaten durften die Geistlichen im Durchschnitte am besten besoldet sein, weil infolge des grofien Priester- 257 mangels ein Seelsorger oft zwei Pfarren zu versorgen hat. Doch gibt es auch Pfarren, wo der Priester nicht die rosigste Stellung hat. Als Provisor bezog ich zuerst vierzig Gulden und hie und da kam mir ein Mefistipendium zugute. Da heiBt es jeden Heller auf die Wagschale legen und nicht viele Wohltaten erweisen. Nicht einmal eine Tageszeitung kann man sich in diesen Verhaltnissen vergonnen. Spater bezog ich in einer protestantischen Gegend monatlich 45 Gul¬ den und 15 Gulden jahrlich an Stiftungsgebiihren. Messen so gut wie keine, Stolgebuhren gleich Nuli, da die Bevolkerung meistenteils arm war. Da ware es aber notig ge\vesen, den Glaubigen gute Gebetbiicher zu verschaffen und manche andere Auslagen zu machen. In anderen Diozesen ist es mit der Ent- lohnung des Klerus noch arger. Der Geistliche darf sich in einem Badeorte oder in der Stadt nicht einmal in ein besseres Gasthaus wagen, da einige Tage gleich die Halfte seiner monat- lichen Beziige verschlingen konnen. Nach meiner Meinung beziehen manche Staatsbeamten mehr, als es das Volk im allgemeinen zu tragen und zu leisten imstande ist; deshalb werden wir schon allein in Hinsicht dar- auf etwas kleinere, annahernde Forderungen stellen. Wir Pfarrer konnten uns gar nicht fassen vor Freude, wenn wir, wie so manche Staatsbeamte, Aussicht hiitten, mit 2000 bis 3000 oder noch mehr Gulden in Pension zu treten; doch nach dem Grundsatze, gleiches Mafi fiir alle, welche gleiche Pflichten er- fiillen, waren wir berechtigt, gleiche Entlohnung wie die Be- amten zu verlangen. Ad 2. Der Klerus ist der Prediger der Gerechtigkeit, die verlangt, daB einer fiir gleiche Pflichtleistung nicht iibermaGig, der andere nicht zu wenig entlohnt wird. Deshalb zeigt — ge- linde gesprochen — die jetzige, von vielen Zufalligkeiten ab- hangige, ungleiche materielle Stellung des Klerus nicht im ge- ringsten, daB die Lehrer der Gerechtigkeit diese in ihrer eigenen Organisation zur Geltung gebracht hiitten. In allen Diozesen ist namlich die Erscheinung zu konsta- tieren, daB einige Geistliche, fast zweimal, hie und da auch drei- Vogrinec, nostra culpa. 17 258 und mehrmal mehr Gehalt beziehen als andere, die gleich eifrig sind und gleiche Dienstjahre haben. Es geschah, dafi z. B. mancher meiner Kollegen, auch solche, die hinter mir waren, fast zweimal mehr Gehalt bezogen und gleich 600 Gulden mehr Einnahmen hatten als ich. Sie hatten keinen Grund zu ihrer auBerordentlichen Beforderung. Ich kenne auch altere Priester, die oft 20 Jahre langer pastorieren als ich und doch nicht mehr, viele auch weniger beziehen, als ich an dem jetzigen Posten! Die Pfriinden sind verschieden. Einige tragen kaum 600 Gulden, so dah Kongruaergiinzung notwendig ist, andere, die viel leichter zu pastorieren sind, tragen die Hiilfte mehr. Kleine Pfarren mit 500 bis 800 Seelen haben eine systemisierte Kaplanei, wodurch sich der Gehalt bei der infolge des Priester- mangels regelmafiigen Vakanz gleich um fast 300 Gulden erhoht, wahrend an anderen Posten mit 1500 Seelen der Pfarrer allein mit 600 Gulden auskommen mufi. An einigen Posten sind sehr gute Stiftungen, die oft mehrere hundert Gulden abwerfen und in den Gehalt nicht eingerechnet werden, wahrend anderswo so gut wie keine Stiftungen bestehen. Manche Pfarre zahlt wohl- habende, andere wieder arme Insassen; dort betragen die Stol- gebiihren samt Funktionsgebiihren mehrere Hunderte, hier ware es sogar notig, die Stempel bei verschiedenen Anliissen selbst zu zahlen. Kurz, es besteht ein schreiender Gegensatz zwischen den Entlohnungen verschiedener Priester, so dafi das Einkommen auch um Tausende differieren kann. Der eine lebt iippig oder kann wenigstens leben, der andere mufi darben. Ich wundere mich noch immer, daB das jetzige Kongrua- gesetz uns in Anbetracht der eben geschilderten Umstande so gunstig ist. Ware ich Kultusminister und wurde man an mich mit der Bitte um Gehaltserhohung herantreten, so wurde ich die Forderung stellen, daB man auch konzediert, daB wirklich eine gleichmaBige Entlohnung stattfindet, dafi nicht gleichzeitig diejenigen, die ohnehin ubermaBig mit dem Zeitlichen bedacht sind, abermals eine Gehaltserhohung be- kommen, sondern daB Anstalten getroffen werden, wodurch siimtliche Einnahmen des betreffenden Geistlichen revidiert und 259 eingerechnet werden. Sogar die Zustellungsgebuhren bei den Gerichtsdienern werden genau eingehoben und als Staatsein- nahmen verrecbnet. Bei uns sollten alle Einnahmen genau noti- fizieid, der UberschuB iiber einen fixen Gehalt abgeliefert werden, um den schlechter Dotierten die Gehaltserganzung zu zahlen. Ein derartiger Modus zur Ausfindung samtlicher Ein¬ nahmen ware sehr leicht gefunden, und zvvar etwa so: Jede kleinste Einnahme, wie MeBstipendien, Stolgebiihren, jede Funktionsgebiihr soli genau in ein Vormerkbuch einge- tragen werden, welches in der Sakristei oder im Pfarrhof auf- liegt. Fiir jedeZahlung ist derPartei einGoupon oder Empfangs- schein auszufolgen, der von den genau numerierten Blattern des Vormerkbuches getrennt wird. Der Vorgang soli wie auf der Post sein. Das Buch selbst soli die Richtigkeit der Einnahmen kontrollieren. Jedes Jahr mulite die Rechnung den kirch- lichen und staatlichen Behorden vorgelegt werden. Da der Priester hie und da auch manche Spenden an Arme machen, einzelnen Kindern zu Gebetbuchern verhelfeli muB, ist ihm auch ein entsprechender Betrag zur Disposition zu iiberlassen, obwohl die Sorge fiir die Armen heute mehr Sache der Ge- meinde ist. Ist es ja das grdBte Almosen des Geistlichen, wenn er dem wiirdigen Armen an die Hand geht, um die gesetzliche Unterstiitzung zu erhalten. Auf die uberschussigen Ertragnisse der Prabenden wird naturlich verzichtet werden miissen. Diese Verzichtleistung auf die zufiilligen Einnahmen, re- spektive die Notifizierung samtlicher Empfange behufs Ver- rechnung in die Gehaltsbeziige ist eine Notwendigkeit, falls wir verlangen, da6 der Staat der Gesamtheit mit Gerechtigkeit entgegenkonunt. Wir machen heutzutage die Erfahrung, daB der Staat und das Volk die Meinung von kolossalen Einnahmen des Klerus hat. Sie lernen aus der Zeitung, wie viel Tausende dieser oder j en er Stadt- oder Marktpfarrer hinterlassen hat. Sie sehen auch, daB an manchen Orten dem Geistlichen ver- schiedene Volksgebrauche zugute kommen und glauben, der gesamte Klerus erfreue sich derartiger Benefizien. Namentlich bei der Fatierung der Personaleinkommensteuer erleben wir diese traurige Erfahrung. Flie und da fatiert man ohnehin 17 * 260 recht zweifelhafte Einnahmen, um Ruhe vor den Vexationen der Behorden zu haben; doch da kommt noch immer die An- frage: Sind das Ihre wirklichen Einnahmen? Die Behorden haben keinen Begriff von der Volksbewegung und meinen, daB man jeden Tag eine Taufe und jeden Tag ein Begrabnis mit Kondukt hat. Fur die Taufen bekommt man hie und da eine Krone, an manchen Orten nichts. Weiters wird nach Vigilmessen gefragt, die an manchen Orten niclit iiblich sind, Beichtgroschen, die auch in seltensten Fallen einkassiert werden, Vorsegnungen, Andachten, Opfern, Geschenken etc. Wenn sie sich wo erinnern, daB gute Leute manche Geschenke, wie Kirschen, Honig, Butter o. dgl., in den Pfarrhof bringen, die iibrigens doppelt vom Pfarrer gezahlt werden, dann meinen sie, was fur liorrende Einnahmen die Geistlichen haben. Dafiir, daB einzelnen wirklich manche Benefizien zugute kommen, muB der ar m e Klerus groBe Steuern zahlen! Deshalb wollen wir, daB volle Klarheit iiber unsere Einnahmen herrscht. Es ware ungerecht, wenn der Staat gleichzeitig auch den ohnehin gut Situierten ihre Beziige vermehren wurde. Der Umstand, daB die Pfrunden so unregelmaBig dotiert sind, stort die Pastoration, indem ein Geistlicher nicht langere Zeit an einem Posten verharren kann, wo er mit materiellen Sorgen zu kampfen hat, und verleitet den Priester sogar zur unmoralischen Stellenjagerei und Schmeichelei vor denen, welche die Macht haben, die Pfrunden zu vergeben. Die Ver- gebung der Pfrunden ist meistenteils von einzelnen Personen abhangig, mogen es nun Privat- oder offentliehe oder geistliche Patrone sein. Die Pfriinde wird demjenigen verliehen, der dem Patron oder seiner Gnadigen zu Gesichte stelit oder wel- cher vom Protektor empfohlen wird. Weder der Studiengang, noch die pastorelle Befahigung, noch das Dienstalter kann maB- gebend sein, so n der n rein zufiillige Dinge vermitteln sehr oft, nicht immer, die Verleihung. Das Ordinariat kann allerdings Unwiirdige zuriickweisen. Doch welche sind Unwiirdige? Die mit dem Kirchengesetz irgendwie in Konflikt geraten sind, was doch selten geschielit. So geschieht es sehr haufig, daB jiingere Priester alteren, verdienten vorgezogen werden. Das Bittere 261 daran ist noch das, daB derjenige, der eine gute Pfrunde er- halten hat, im Gefiihle seiner materiellen Prapotenz bald geistig uberlegen sein will. Wahrend mancher in der Scbule unter den Letzten figurierte, sieht man ihn jetzt plotzlich als Weisheits- autoritat vor sich. Mit einzelnen Stellen sind sogar Decanats- posten verbunden nnd so wird ein Pfarrer durch die Gnade eines vielleicht andersglaubigen Patrons Dechant, der alle Eigenschaf- ten haben mag, nur die eines Dechants nicht. Wie bitter ist es den nach Idealen ringenden, fiir die Grofie der Kirche und fiir das Seelenheil besorgten Priestern, wenn sie unter die Aufsicht eines unbefahigten Oberen kommen! Sie erwarten von dieser Kirche keine Gerechtigkeit, verlieren die Liebe zu ihr und beschranken sich auf den kleinen Kreis ihrer Wirksamkeit, falls sie nicht jede Willenskraft verlieren und zu gefiihllosen Menschen herab- sinken, die in den Freuden dieses Lebens ibre Erholung sucben. In Bohmen ist es Sitte, daB in einem Patronatsbezirke nur die Priester des Patronates fiir die Pfriinden prasentiert werd.en, wodurch das Ruckenkriimmen vor den Machtigen noch mehr gefordert wird. Ein Landesschulinspektor hat sogar den Lehrern ver- boten, sich bei Bewerbung um Stellen bei ihm vorzustellen und gleichsam durch ihre Personlichkeit die Stelle zu erringen. Und bei uns, den Lehrern der Sittlichkeit und Gerechtigkeit? Auf simonistische Umtriebe waren und sind noch strenge Kirchenstrafen ausgesetzt. Allerdings finden die heutigen Kano- nisten in der Protektionswirtschaft keine Simonie mehr, weil sie eben die Worte der Gesetze abwagen, nicht aber den Geist, in welchem dieselben verfaBt sind. Zwar nicht um das Geld oder um ein geistliches Gut, sondern um die politische Gesinnung, oder um die Schmeichelworte, oder um die Befiirwortung eines Protektors wird eine Prabende verliehen. Eine Verleihung, die ebenso schlecht ist \vie eine Verleihung um Geld! Dadurch, daB die Gehalte der Geistlichen reguliert werden, wird die Stellenjagerei aufhoren, doch wird es notwendig sein, daB jeder Versuch, auf einem anderen als auf dem erlaubten Wege sich irgendwie die Stelle zu erwerben, strenge mit Absetzung von 262 der betreffenden Pfriinde bestraft wird. Durch den Zolibat ver- langt man vom Priester, daB er sich dem Ideale Christi nahert, hier toleriert man, daB er dem Ideale des Judas nachgeht. Der Fiirsterzbischof von Olmiitz hat in dem dortigen Verordnungsblatt verboten, die Pfarren vor Ablauf von zwei Jahren zu wechseln. Ganz richtig! Doch wo liegt der Grund? Der Geistliche mochte auch einmal im Leben auf einen griinen Zweig kommen und eiue bessere Pfriinde erhalten. Ad 3. Die Lehrer in Karaten haben iiberall gleichen Grundgehalt in allen Stellungen. Auch bei den iibrigen Be- amten ist dies der Fali, deshalb darf auch bei uns kein Unter- schied bestehen zwischen dem Grundgehalte eines Kaplans, Pfarrers, Dechants oder Domherrn. Diese Einrichtung ist ver- niinftig und gerecht. Nicht die Stellung soli bezahlt werden, son- dern die Arbeitsleistung in einem bestimmten Berufe. Wer langere Zeit dient, soli deshalb nicht weniger haben, weil er eben noch nicht Pfarrer oder Dechant geworden ist. Die einzelnen Stel¬ lungen oder Wiirden, wie Pfarrer-, Dechants- oder Domherren- wiirde sollen nur bestimmte Funktionsgebiihren erhalten und sich beziiglich des Grundgehaltes gar nicht von der Stellung eines Kaplans untersclieiden. Ferner sind auch mit EinschluB der Jalire vor der Kon- kursprufung, fiir je funf Jahre Zulagen zu bestimmen. Die Einteilung in vier Gelialtsklassen, nicht Rangs- klassen wird den Diensteifer des Klerus eidiohen, da nur zu- friedenstellende Pastoration die Vorriickung zur Folge haben soli. Die Jahre vor der Konkurspriifung sind als provisorische zu behandeln und mit einem geringeren Gehalte als der Grund¬ gehalt betragt, zu entlohnen. Die oft unwiirdige, entmutende, zur Gleichgiltigkeit und zum Aufgeben der Ideale verleitende Stellung der Kooperatoren wird einer besseren Platz machen. Es ist unnotwendig, die heutige Stellung des Kaplans weiter zu untersuchen und zu bewerten, da sie ohnehin als triste bekannt ist. Gber die Stellung der Bischofe will ich keine Notiz machen, wiewohl ich nicht unterlassen kann, einige Mitbriider 263 auf einen wenig berucksichtigten Umstand aufmerksam zu machen. Bekanntlich haben die Bischofe liber den Klerus eine absolute Macht. Das Wohl und Wehe, aber auch die Gesinnung des Klerus hangt vielfach von ihnen ab. Da lafit es sich nicht leugnen, daB gerade die Regierung dies benutzt, um die Bischofe fiir sich zu ge\vinnen, indem sie dieselben ungeivohnlich gut do- tiert, mit hohen Ehren iiberhauft, wahrend der „niedere” Klerus sich der bekannten „Begiinstigung” der Regierung erfreut. Es ist ein feiner diplomatischer Griff, stets den Machtigsten und EinfluBreichsten auf seine Seite bringen zu \vollen. Ich will damit dui’chaus nicht behaupten, daB unsere Oberhirten ivirklich wegen dieser irdischen Dinge gute Freunde der Regierung waren, sondern daB die Regierung tatsachlich dies im Auge zu haben scheint. Ich sage dies auch nicht von der osterreichi- schen Regierung, im Gegenteil kann ich diese Bemiihungen anderswo noch mehr lierausfinden. Die Sache lieBe noch eine weitere Ausfuhrung zu, ist aber zu heikel. Ad 4. Von samtlichen Pfarren einer Diozese ist sehr leicht ein Verzeichnis anzulegen, in dem die aufgezahlten Schivierig- keitsfaktoren ersichtlich waren, niimlich a) die gebirgige Lage oder weite Ausdehnung der Pfarre, §) eine groBere Seelenzahl, y) oder eine lokale Teuerung. Fiir die gebirgige Lage ware etwa ein Betrag von 100 bis 150 Kronen zu bestimmen. Als Musterpfarre fiir einen Geistlichen solite eine Pfarre mit 1000 Seelen bestiinmt sein. Fiir je weitere 500 Seelen ware ein ZuschuB von 300 Kronen notwendig. Betragt die Seelen¬ zahl mehr als 1500 Seelen, so muB eine Kaplanei systemisiert sein. Ist ein Kaplan angestellt, so bekommt der Pfarrer keinen ZuschuB. Uberhaupt sollen die Verhaltnisse beziiglich der Kaplaneien geordnet sein. Es gibt Pfarren mit 700 bis 1000 Seelen, die eine systemisierte Kaplanei haben, ivahrend die zweimal grdBeren keine besitzen. Manche Industrie- und Fabriksorte sind riesig angeivachsen, \vahrend sie noch immer die gleiche Seelsorgeranzahl haben. Man liest hie und da Klagen von Priestern, daB 10.000 bis 25.000 Seelen von drei Geistlichen pastoriert werden, wahrend hierbei noch der Pfarrer meisten- teils alt und gebrechlich zu sein pflegt. In Tirol weiB ich, daB 264 in einer Pfarre von 1200, sage zwolfhundert Seelen, gleich drei Geistliche angestellt sind. Wie steht es da mit der „nnitas eccle- siae?” Ware es nicht schon, wenn auch eine einheitlichere prak- tische Seelsorge die Welt von dieser unitas iiberzeugen wiirde? Ad 5. Die Pensionsverhaltnisse und Urlaubsverhaltnisse sollen geordnet sein, wobei allerdings ein Unterscliied zwischen den Verheirateten und Unverheirateten zu maehen ware. Den Landgeistlichen soli nur von Fali zu Fali ein Urlaub erteilt werden, der Stadtklerus soli auf bestimmte freie Zeit im Jahre An- spruch haben, um seine Gesundheit auf dem Lande zu kraftigen Die ,lizitationsweise offentliche Verpachtung der Pfarrhof- grundstiicke ist notwendig, nicht nur, um eine gleiche materielle Stellung des Klerus zu erzielen, sondern auch weil die Beschaf- tigung mit der Okonomie dem geistlichen Beruf abtriiglich ist. In der frtiheren Zeit war der Klerus gleichzeitig Forderer der Agrikultur und auberdem hat er in Hinsicht auf bedeutend geringere Anforderungen des Berufes Zeit genug gehabt, sich mit der Agrikultur abzugeben. Die Giuinde geben nicht iiberall gleichen Pachterlos. Mir war irgendwo in die Fassion mehr eingerechnet als dem eine Stunde entfernten Nachbar, der aber dafiir gleich einige hundert Gulden mehr Pachtzins erhielt als ich. Zur gleichen materiellen Stellung wird die Verpachtung notwendig sein. Ubrigens kann der Pfarrer, wenn er durchaus will, auch mitlizitieren. Auf den Garten und einen ganz kleinen Grundanteil soli er das Erstehungsvorrecht haben, damit er sich, wenn er dazu Lust hat, eine kleine Wirtschaft einrichten kann. Der dafiir notwendige Komplex soli zusammen feil- geboten werden. Am besten ist es jedoch, wenn der Pfarrer bei seinem Berufe bleibt. Auch manchen anderen Standen ist die Be- schaftigung mit Agrikultur verboten. Der' Geistliche hat in seinem Bei*ufe genug zu tun und findet auch Erholung in ihm, wenn er ihn ver steht. Unter der Voraussetzung, dafi in der vorher angedeuteten Weise samtliche Einnahmen des Geistlichen notifiziert und ein¬ gerechnet werden miissen, waren zur Regelung der Gehalte nach meiner Meinung folgende Normen geltend: 265 1. Der Grundgehalt, beziehbar nach der Ablegung der Konkursprufung, d. i. nach wenigstens dreijahriger Pastoration, betragt 2000 Kronen. Voz* der Konkursprufung beziehen die Geistlichen 1400 Kronen. Mit Einrechnung der Jahre vor der Konkursprufung sind Quinquennalien zu 200 bis 300 Kronen einzufiihren. Die Geistlichkeit ist in vi er Gehaltsklassen, die sich um je 400 Kronen unterscheiden, einzuteilen. Die vierte Gehalts- klasse miisse bei zufriedenstellender Dienstleistung vor dem 30. Dienstjahr erreicht werden. Pfarrez*, Dechante, Domherren beziehen entsprechende Funktions- und Dispositionsbeitriige. Die Geistlichkeit, die sich nicht mit der Seelsorge beschaftigt, hat ohnehin ihre eigenen Gehaltsnormalien. 2. Verschiedene Pfarren, die sich durch Schwierigkeit hervortun, sollen mit entsprechenden Mehrbetragen von 200 bis 300 Kronen dotiert sein, so z. B. die Pfarre N., 1500 Seelen zahlend, ganz im Gebirge, vielbesuchter Alpenkurort, soli dotiert sein: Grundgehalt 2000 Kronen, fiir die schwierige Lage 200 Kronen, fiir 500 Seelen liber dem Normale (1000 Seelen) 300 Kronen, weil Kurort, 200 Kronen. Durch eine entsprechende Besserung der materiellen Lage wird die Unzufriedenheit des Klerus, die nach Jahren auch zu einer Katastrophe fiir die Kirche fiihren kann, behoben, die Stellung des Klerus eine gerechtere und die Tiitigkeit desselben auch eine bessere. Durch die Ausgleichung der Einnahmen wird der Staat nicht besonders stark in Anspruch genommen, er wii*d deshalb eher entgegenkommen, zurnal da auch unsere Forderung eine gerechte und verniinftige sein wird. Allerdings wird mit einer bloBen „Empfehlung\ wie manche die Kongruaerhohung er- reichen \vollen, nichts ez*reicht werden. Die Minister horen nicht auf Empfehlungen, namentlich aber der Finanzminister nicht, der sich stets in einer bedrangten Lage befindet! Da mufi die Zahlungsanweisung vom Abgeordnetenhause kommen und dorthin mufi sich der gesamte Klerus wenden, allerdings nicht mit ubertriebenen und ungei*echten Forderungen! 266 VIII. Die Teilnahme der Laien an religiosen und kirchlichen Interessen. Heute ist der Priester fast ganz allein noch da, der die Kirche verteidigt. Glaubige Laien gibt es wohl viele; jedoch sie nehmen eine reservierte Haltung ein; es miiBte denn sein, daG sie schon ex professo fiir die Kirche eintreten mussen, z. B. als Redakteure der katholischen Zeitungen oder ais Ab- geordnete, die mit Hilfe des Klerus gewahlt wurden. Der Grund hiervon ist in dem Umstande zu suchen, daG wir uns nicht bemiihen, die Laienwelt fiir unsere Interessensphiire zu gewinnen. Die erste Bedingung ist allerdings die, dafi das von der Kirche abgestreift wird, woran sich die heutige Welt mit voller Berechtigung stoBt, insoferne es namlich mit der Wiirde und dem Wohle der Kirche unvereinbar erscheint. Nach der Erfiillung dieser Bedingung muGten wir aber auch daran denken, welche Wege eingeschlagen werden mussen, um die Liebe zur Kirche in den Herzen der Laien zu entfachen. Die Religion ist ein Gut, welches nicht nur den Priestern gehort, sondern sie ist auch das wertvollste Gut aller Menschen. Die Kirche ist nur die Beschiitzerin der von Gott geoffenbarten Lehren. Sie muG fiir die Unversehrtheit der Lehren garantieren. Deshalb kann jeder Laie die Religion lehren und auslegen innerhalb der von der Kirche gezogenen Grenzen. Dberschreitet er diese Grenzen, dann lehrt er nicht mehr die katholische Religion. Wir Priester sind so angstlich, daB wir meinen, nur wir konnen die Religion verstehen und sie auslegen und weisen die Laienwelt zuriick. DaG die Laien kein Interesse fiir unsere Religion ge- winnen, dafiir sorgen schon unsere Einrichtungen. Die theo- logische Wissenschaft wird in verschlossenen Seminarien, so daG ja niemand die Vortriige horen, ferner in der lateinischen Sprache vorgetragen, so daG sie niemand leicht verstehen kann. Es erscheinen wohl Broschiiren, in denen die Religion in populiirer Weise verteidigt wird, es mangelt aber ganz an Zeit- schriften, welche die Religion popularwissenschaftlich behandeln 267 wiirden und in denen eine der modernen Zeit entsprechende, nicht scholastische Form gewahlt ware. Der ganz modern aus- gebildete Laie kann sich nicht an eine Form gewohnen, die seiner iiblichen Form des Denkens nicht entspricht. Ein unbebautes Feld, auf dem wir noch den Samen der Religion anbringen und zur Ernte reifen lassen konnten, haben wir noch zur Verfiigung: Es ist dies das tiefreligiose Gefiihl der Frau. Wenn auch hier jede Bedingung zu einer hoffnungs- vollen Aussaat schwindet, dann ist der religiose Indifferentis- mus vollendet. Findet sich noch etwas Religion in manchen Hausern, so ist es der Frau zu verdanken, mag sie Mutter, Gattin oder vielleicht auch Tochter sein. Auch die Frauen streben heutzutage nach hoherer Bildung. Da ist es immer traurig zu betrachten, mit welchem Eifer sie sich dem Studium der Philosophie, des Jus, der Medizin etc. hingeben, wahrend man nie hort, dafi sie besonderes Interesse fur die theologischen Wissenschaften zeigten, wiewohl man glauben konnte, daB sie besondere Neigung' fiir religiose Wissenschaft hžitten. Wie werden wir das Interesse fiir die Religion bei ihnen wachrufen? Dadurch, daB wir nicht in kleinlicher Angstlichkeit namentlich den Absolventinnen der Lehrerinnen-Bildungsanstalten und hoherer Institute den Zutritt zu theologischen Vorlesungen, namentlich zu den Vorlesungen des Pastoraljahres verwehren, sie vielmehr dazu einladen. Genugend groBe Raumlichkeiten lassen sich in jedem Seminar herrichten. Nicht nur Andaehts- und Erbauungsbiicher werden wir in eigenen Bibliothelcen in der Stadt zur Leihe oder zum Ankaufe haben, sondern populiir- wissenschaftliche Biicher iiber alle theologischen Disziplinen. Allerdings miifite den Laien, auch den Frauen, Gelegenheit geboten werden, in geeigneten theologischen Zeitschriften ihre Ansichten zum Ausdruck bringen zu konnen. Die Hochschulprofessoren weltlicher Fakultaten haben an manchen Orten Hochschulkurse eingefuhrt. In Berlin konnen sich die verschiedenartigsten Stiinde an diesen Kursen be- teiligen, bei uns nur die Lehrer. Doch in unseren Kreisen, wo man am meisten apostolischen Eifer voraussetzen solite, da ruht alles. Da regt sich niemand. 268 Eine gut religibs ausgebildete Lehrerin konnte oft an Madchenschulen ganz andere religiose Ei’folge bei den Schiile- rinnen erzielen, als wir. Die Lehre, aus dem gefiihlvollen Herzen der Frau kommend, wird ein ganz anderes Echo in den zarten Kinderherzen finden als unsere kuhi, mit reiner Beweis- logik vorgebrachten Lehren. Uberhaupt ist es meine und die Anschauung vieler anderer, dafi Madchen nur von Frauen unter- richtet werden sollten. Allerdings sind die Frauen jetzt noch nicht ganz geeignet fiir die hbhere Erziehung, allein sie miifiten eben dazu er- zogen werden. Die Weichlichkeit und Empfindlichkeit mufi in der Erziehung der kiinftigen Frau wegbleiben. Der Religionsunterricht leidet namentlich dort (und das ist vielleicht bei vier Fiinftel der Sehulen der Fali), wo es keine standigen Katecheten gibt, weil die Seelsorge oft storend in den TJnterricht eingreift. Wie schon ware es, wenn eine religios hoher gebildete Lehrerin oder ein Lehrer supplieren konnte! Die jetzige Religionsprufung in den Lehrerbildungs- anstalten ist wohl ungenugend und nur zur Not konnte der Lehrer irgendwie den Priester ersetzen. Dafi hoher gebildete Manner zum Besuch der Vorlesungen iiber theologische Facher und zum Studium der Theologie an- geleitet werden miissten, versteht sich von selbst. In der friiheren Zeit hatten die Laien auch mehr Recht an kirchlicher Verwaltung und oft auch an der Wahl des Klerus. Selbst Bischofe wurden vom Volke gewahlt. Allerdings diirfen wir nie zulassen, dafi die kirchliche Verwaltung und auch die Erwahlung der Seelsorger ganz der Laiemvelt iiberlassen bliebe. Die Kirche hat uns zu dem Volke gesandt, dafi wir es lehren, deshalb hat die Kirche das Recht, diejenigen zu erwahlen, die das Volk unterrichten sollten. Jedoch wie auch bei An- stellung der Lehrer die Ortsbevolkerung durch den Ortsschul- rat mitzureden hat, wiewohl die Schulbehorde die ausschlag- gebende Macht ist, so sollen den Pfarrinsassen gewisse Rechte eingeraumt werden. Heute hat das Volk nicht einmal das Recht, gegen die Anstellung eines Seelsorgers Protest einzu- legen. 269 Es sollten nioht bloB zwei Kirchenkammeimr, sondern sechs oder in grofieren Pfarren auch mehr Manner erwahlt sein, die wie ein Rat, mit dem Pfarrer an der Spitze, die kirchlichen Verhaltnisse beraten t Anschaffungen beschlieBen, bei Kompetenzen ihr Gutachten abgeben konnten. Die kirch¬ lichen Erfordernisse werden viel williger gedeckt werden, wenn das Volk die Deckung gleichsam durch ikre Vertreter konze- diert. Dem Ortskirchenrat steht ein Dekanatskirchenrat, be- stehend aus den vom Bischof erwahlten Mitgliedern, vor; diesem Rate steht wieder der Diozesankirchenrat vor. Versehiedene religiose Unternehmungen, respektive die Beaufsichtigung der- selben liame einzelnen Ratsversammlungen zu. Zur Unterstiitzung armer Pfarren, zur Griindung der Pfarrbibliotheken, zur Er- haltung der Diozesandruckerei etc. haben alle Pfarren ent- sprechende Beitrage jahrlich zu leisten. Uber die Verwaltung dieser Fonds wacht der Diozesankirchenrat. Es ist moglich, daB derlei Einrichtungen hie und da zu Streitigkeiten. AnlaB geben wiirden. Jedoch jedes gute Gesetz ist erst nach langwierigem Kampfe zustande gekommen, und des- halb werden Meinungsverschiedenheiten auch bei unserer Ein- richtung nicht immer schlechte Friichte bringen. Ferner werden sie reichlich aufgewogen durch die Erfolge, die das Mit\virken der Laien an der guten Sache erzielen wird. IX. Das Verhiiltnis des Klerus untereinander. Zu diesem Kapitel lasse icli einen Gewandteren reden als ich es bin. Es ist Dr. Scheicher, der in seinem Buche „Der Klerustag”, herausgegeben bei C. Fromme in Wien, Seite 234 bis zum Schlusse, herrliche Worte iiber das Verhiiltnis der Kleriker untereinander geschrieben hat. Wenn das Buch keinen anderen Wert hatte, so verdiente es wegen dieser SchluB- betrachtung allein angekauft und gelesen zu werden. Ich hebe liier nur einzelne Stellen heraus: „Der heilige Hieronymus hat schon angedeutet, daB eigent- lich der Bischof nur dadurch iiber die priesterliche Wiirde sich erhebe, daB er wieder ordinieren, also Priester einsetzen 270 konne, was dem Priester nicht moglich ist. Der Bischof hat auBer dieser Weihgewalt das regimen. Dieses kommt hier fiir uns zunachst in Betracht. Es ist das Wort der Schrift: Spiritus s. posuit, regere ecclesiam Dei. Dieses Wort wird allerdings ofter nicht verstanden . . . . Da ist es nun ein oftmals gebrauchter Trick, daB man das Wort auch dann anzieht, wenn es nichts bei einer Sache zu tun hat. Wenn ein einfacher Priester oder ein Laie eine Meinung, eine Ansicht ausgesprochen hat und ein oder der andere Bischof hat sich dagegen geaufiert, so fehlt es nie an solchen, welche sagen: A špiritu s. . . d. h. die Meinung des Bischofs ist selbstverstandlich die weisere, gescheitere, denn der heilige Geist hat den Bischof gesetzt. Das ist aber ein grofier Unsinn nach einer Seite, nach der anderen ein Trick. Die Worte des Apostels wolIen sagen, daB die Gewalt der Kirchenregierung von Gott, beziehungs- weise dem heiligen Geiste sei. Ob eine wissenschaftliche An¬ sicht des Bischofes der anderer Menschen vorzuziehen sei, hangt von den Argumenten der Begriindung ab. Der heilige Geist hat hier nicht zitiert zu werden. Ob der Bischof gut regiert oder nicht, ob er weise verwaltet oder unweise, darf dem heiligen Geiste absolut nicht in die Schuhe geschoben werden .... Unser Heiland hat die richtige Ordnung selbst gelehrt. Sie wird nicht immer beobachtet. Wurde sie das, dann stiinden unsere religiSsen Verhalt- nisse viel besser. Wir konnten uns dann auf die Autoritat Gottes berufen, wir hatten festen Boden unter den FiiBen. So beruft man sich neunmal von zehn Fallen immer nur auf menschliche Anordnungen und Einfiihrungen. . . . Allein viel Unheil, vielleicht das meiste, kommt doch daher, daB man den Erwachsenen zumutet, gar nie eine eigene Meinung zu haben, unter Umstanden sogar Dinge un- kritisiert hinzunehmen, \velche selbst von naiven Kindern widersprochen oder bezweifelt werden. Stolzer Sigamber beuge dein Haupt! Vor Gott es zu beugen, bringt es der verniinftige Mensch leieht, oder wenn schon nicht leicht, doch zusammen aber 271 jede menschliche Anschauung gleich als Offenbarung Gottes zu betrachten, weil sie von hoher Obrigkeit kommt, das darf man nicht begehren. Wenn man tiefer blickt (namlich in die Klerusverhaltnisse), dann findet man unter Umstanden auch eine Unmasse von Unzufriedenheit, von MiBtrauen und Erbitterung. Auf mancher Seite glaubt man wahrscheinlich, daB es geniigend sei, wenn man davon nicht sprechen und schreiben lasse. Im Evangelium sind Vorschriften enthalten, welche heute anscheinend nicht als solche betrachtet werden. Wenn wir Markuš aufschlagen, X. 35 ff., so finden wir, daB Jakobus und Johannes sich einst begierig gezeigt haben, hoheren Klerus zu spielen. Sie wollten rechts und links vom Herrn im Reiche der Herrlichkeit sitzen, d. h. die ersten Stellen einnehmen. Der Herr antwortete ihnen: Ihr wisset nicht, um was Ihr bittet! Konnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, d. h. konnt ihr ali die Arbeit leisten etc.? Die beiden Junger dachten an Ehren, der Iierr an die Arbeit. SchlieBlich sprach der Herr: Ihr wisset, daB die, welche als Herren der Volker angesehen werden, iiber sie herrschen, und daB ihre Fursten Herrschaft iiber sie ausuben; unter euch aber ist es nicht so, sondern wer groBer werden will, der sei euer Diener u. s. w. Bei Matth. XX, 21 ist es die Mutter, welche die beiden Junger an die Seite rechts und links vom Heilande postieren mochte. Bei Lukas XXII. erfahren wir wieder iiber den Streit des Vorranges. Ein Bevveis, daB Ehrgeiz und Streberei schon sehr alten Datums ist. Da spricht der Heiiand die inhaltsreichen Worte: Die Konige der Volker herrschen iiber sie und die iiber sie Gewalt iiben, heiBen Gnadige, Ihr aber nicht also!! Die Fursten dieser Welt herrschen — vos autem non sic. Non dominantes in clero! Wer der groBere ist, sei wie der Minister etc. etc. So steht es bei allen Synoptikern. Trotzdem, wenn man sich darauf berufen wollte, ist es nicht ausgeschlossen, daB die Beschwichtigungshofrate kommen und sauseln: Pst! Pst! Der Celsissimus weiB schon, was er zu tun hat!! . . . 272 Wird die Kirche zum Abbilde eines weltlichen Fiirsten- tumes, dann ist sie Christi Kirche nicht . . . Das Priesterreich ein Bruderreich! So habe ich mir einst vorgestellt, solite es iiberall sein. Weiter, und da komme ich wieder auf den Klerustag, weiter meinte ich immer, sollten wir Geistliche alle, hoch und nieder, Regular und Sakular, einander in Liebe und Aufopferung naher treten. Es solite jeder, der im trockenen Alltagsleben halb eingetrocknet wiire, von den Brudern erwarmt und wieder eifrig gemacht werden. Das Band der Liebe und Hochachtung ist jedoch streckenweise nicht sehr stark. Das wissen wir alle. So kalt, so gleichgiltig, wie wir Priester uns gegenseitig behandeln, wie wir aneinander vor- iibergehen, tun es allenfalls Teichgraber, die einander nicht kennen. ILochschatzung und Achtung fur den Mitbruder und Nachsten bringen wir oftmals wenig auf.” Soweit der Pralat Dr. Scheicher! DaB die Verhaltnisse unter dem Klerus nicht ideal sind, ist Tatsache, die sich aber vielfach auf historische und psychologische Grunde zuriick- fiihren lafit. Die absolute Gewalt der Obrigkeiten aus dem Mittelalter h at sich in unserem Kirehenregiment eben noch in den Grenzen, die das Mittelalter gezogen h at, erhalten. Der gewohnliche Priester besafi eine sehr geringe Bildung, so daB sogar strenge Auftrage erfolgten, dafi er wenigstens das Pater noster, Dekalog und das Cx*edo wissen miisse. Hohere Bildung war nur in einem Kloster oder in einer Universitatsstadt zu erreichen. DaB da der Klerus im allgerneinen nichts zu raten oder zu sagen hatte, und daB man ihm auch mit einem ge- wissen Nimbus entgegenkommen muBte, ist erklarlich AuBer- dem lag eine allzu groBe Kriecherei, die selbst den heutigen ILerrschern unvernunftig erscheint, im Zuge der Zeit. Las ich doch vor kurzem in der Zeitung, daB man in einem Orte Nieder- osterreichs ein liiibsches Monument seinerzeit aufgestellt bat, weil sich die Hande einer Kaiserin erniedrigt hatten zum Pfliicken einer Traube. Sogar in neuerer Zeit war so etwas moglich! In der Kirche weht noch sehr stark dieser Geist. Je gebildeter der Mensch wird, desto weniger kann er eine mit einem gewissen Nimbus ausgestattete Autoritat er- 273 tragen und einen sklavischen Gehorsam gutheiBen. Der ameri- kanische Prasident ist jedem freien Burger zuganglich, mufi dem Armsten die Kand driicken, ohne daB deshalb sem Ansehen im geringsten leiden wiirde. Deshalb werden auch im Klerus die allzu groBen Hoheitsi’echte der Vorgesetzten im nicht rechtmaBigen Gebiete scbrvver empfunden. Der tiefste Grund der Disharmonie im Priesterstande liegt jedoch anderswo. Nebenbei wird bemerkt, daB diese Dis- harmouie mehr eine stille, im geheimen sich offenbarende ist. Nicht etwa der Episkopat ist infolge personlicher Veranlagung schuld an dieser Disharmonie; denn er leidet ebenso darunter wie wir, Schuld sind die von mir getadelten Zustande der Kirche oder das ganze Kirchensystem, welches die Herzen der Priester unzufrieden macht. Die auBere Disharmonie ist nur ein Gesamtresultat der Unzufriedenheit in den Herzen der einzelnen Priester. Auf diese Wahrheit lege ich ebenfalls sehr groBen Wert. Der eine sieht in der Kirche diesen MiBstand, der andere jenen, der eine leidet infolge der druckenden materiellen Stellung und argert sich, wenn er sehen muB, wie der andere iibergenug des Irdischen besitzt. Der eine ist gehindert durch den Lehrplan an der Volksschule, Mittel- schule etc., so daB er nicht seinen vermeintlichen Erfolg er- langen kann, wahrend der hoher Gestellte zu merken glaubt, daB man allzu wenig auf kirchliche Vorsehriften Riicksicht nimmt, der eine ist argerlich iiber die romischen Rubriken, der andere seufzt unter dem Fehltritte, veranlaBt durch den Zolibat, wahrend wieder ein anderer iiber die Bbertreter des Zolibates klagt. Der eine meint, durch die Politik ist alles zu erreichen, wahrend der andere ruft: Was hat der Geistliche mit der Politik zu schaffen! Unzufriedene Geister aber bilden keine Harmonie, sondern immer Disharmonie. Dies ist der Grund! Allen ware geholfen, wenn sie wiiBten, daB man ungestraft seine Meinung sagen kann und daB auch gerechten Forderungen Gehor geschenkt wird. Wir Priester haben doch mehr oder weniger alle gleiche Bildung, oft sehr „niedriggestellte” Priester ein viel fundamentaleres Wissen als Plochgestellte. Die Unzufriedenheit muB aus den Herzen heraus Vogrinec, nostra culpa. jg 274 und das Bruderreich \vird allmahlich, soweit es menschliche Schwachen erlauben, erreicht. Dies ist aucli der Zweck meines Buches. Ich \vill nicht ein im Stillen unzufriedenes Mit- glied des Klerus \verden, und ich will auch nicht, daB es andere sind, sondern daB wir alle mutig an die Arbeit in den "VVeinberg des Herrn gehen. Was den Verkehr mit dem Oberhirten und dem Klerus anbelangt, so konnen sich die Priester unserer Diozese wohl nicht beklagen, wenn allerdings oft die nervose Umgebung, vom livrierten Diener angefangen, durch ihr Benehmen einem zum Herzklopfen verhilft, wenn er sich dem milden Oberhirten vorstellen will. Doch anderswo ist das „Hofzeremonieir’ em- pfindlicher. „Auf das Nro. gehe ich nimmer,” kann man bei der Pforte nach der Beendigung der Audienz horen. Oft bewunderte ich die Offiziere, wie sie sich gegenseitig gruBten und der Hochste auch den Geringsten freundlich behandelte. Sogar ein Leutnant kann einen hohen Offizier zum Dueli fordern, wenn er ihn beleidigt. Auch jiingere Geist- liche fiihlen sich angeeifert, wenn sie von einem alteren Dechanten liebevoll behandelt wurden. DaB jungere Priester Achtung gegen altere erweisen sollen, ist selbstverstandlich; wenn dies nicht geschieht, so setzt dies eine miBgliickte Erzie- hung schon seit der Volksschule voraus. Es ist somit dahin zu arbeiten, daB der Geist Christi, der Geist der Liebe auch in unsere Kreise komme, in viel reich- licherem Mafie, als es bei anderen Standen der Fali ist. An gutem Willen fehlt es nirgends, wenn nur die Hindernisse des Systems beseitigt werden. X. Die Visitation des Klerus. tlber die Inspizierung verschiedener Unterrichtsgattungen habe ich schon friiher meine Bemerlcungen gemacht. Die Visitation des Bischofs gestaltet sich heutzutage mehr zu einem Schaustiick als zu einer wirklichen Inspektion. Schon monatelang wei6 man voraus, wann die Visitation stattfinden 275 wird. Da wird mit Fiebereile daran gearbeitet, um Potemkinsche Dorfer herzubauen. In den Zeitungen wird dann berichtet, wie glanzend die Visitation ausgefallen ist. Die Kirche wurde ge- reinigt, den Kindern wird der Katechismus eingedrillt. Die Leute stromen zusammen, um das Schauspiel anzuschauen. Niemand will die schone Feier, am allerwenigsten durch eine Klage liber den Pfarrer storen. Zum Schlusse wird ein Diner gegeben. Die eigentliche Seelsorge, Predigt, Messelesen, Kirchen- gesang, Christenlehren, das Aussehen der Kirche zur gewohn- lichen Zeit, die Unterrichtsmethode und der Unterrichtseifer in der Schule werden nicht inspiziert. Ganz anderen Einblick in die pastoralen Verhaltnisse des Seelsorgers wurde der Visi- tator gewinnen, wenn er unvermerkt sich unter den Zuhorern der Predigt und unter den Teilnehmern der heil. Messe ein- finden wurde. Die Mesner, die Ministranten und der Organist konnten richtig beurteilt vverden. Wenn der Visitator nicht „mit groBer Macht und Herrlichkeit” kame, wiirde er Zutrauen bei der Bevolkerung gewinnen und vielleicht in manches Ge- heimnis der Pfarre eingeweiht werden. Die absolute, fast dem Monarchen ahnliche Stellung und Erscheinung der Bischofe hat zur Folge, daB sich niemand so recht getraut, wenn der Bischof ad personam noch so leut- selig ist, ihm in vertrauter Weise etwas mitzuteilen, so daB der Bischof tatsachlich den Klerus sehr wenig kennt. Die Rate, die verschmahen es, ihrer Pflicht zu walten, da sie sich zu anderen Lasten des Lebens nicht die Unannehmlichkeit zuziehen wollen, von der Geistlichkeit als Denunzianten betrachtet zu werden; die Dechante wollen mit ihren Nachbarn auch im Frieden leben; deshalb zogern sie, die pflichtgemiiBe Anzeige zu machen. Die notwendige Folge ist, daB die Oberhirten oft in ihrem Urteile sich tauschen und zum Argernis des Klerus Unwiirdige mit Vertrauensposten versehen. Es geschehen Falle, wo eifrige Pinester ihre Pfarre verlassen, um in einen anderen Dekanats- bezirk zu kommea, da sie docli ungern einen Unfahigen zum Vorgesetzten haben. Wiihrend andere stili und eifrig ihrem Berufe nachgehen, suchen andere dadurch Karriere zu machen, daB sie bei jeglicher Gelegenlieit mit weltmannischer Hof- 18 * 276 lichkeit bei den Personen vorsprechen, von denen ihre Beforde- rung abhangig ist. Beschwerte sich da ein ehrenhafter Priester liber seinen Nachbar bei einem hochgestellten Geistlichen, daB der Nachbar in der Fastenzeit zum groBen Argernis der Glaubigen getanzt habe. t)ber das Tanzen selbst pflegt sich das Volk nicht aufzuhalten, doch daB der Priester in der Fasten- zeit getanzt habe, das war dem Volk zuviel. „Es war nur ein „Ehrentanz”,” war die Zuriickweisung des hohen Geistlichen, der den Geklagten zn beschiitzen pflegte. Wird ein Naclifolger auf diese Pfarre kommen, so wird er, falls er gegen die Aus- schreitungen des Tanzes predigen wird, noch Jahrzehnte lang vom Volke zu horen bekommen: „Ihr Vorganger hat sogar in der Fastenzeit getanzt!” •— Wie der Priester beim Volke beliebt und bei den Behorden gut angeschrieben sein kann, wiewohl sein Leben und Ge- baren mehr die guten Sitten niederreiBt als fordert, hat die Gerichtsverhandlung gegen P, Thomas Maschek gezeigt, der wegen Mordversuches und Diebstahles zu 15 Jahren schweren Kerkers Mitte Marž des Jahres 1903 zu Klagenfurt verurteilt worden ist. Fiir den Klerus war es aber noch beschamender, daB er zum MeBwein Gift gemischt hat, um auf diese Weise den sicheren Tod des Pfarrers, den er beseitigen wollte, zu erreichen. Bei der Verhandlung hat sich laut Zeitungsbericht herausgestellt, daB er oft liber Mitternaeht in den Gasthausern verblieb, dort Zartlichkeiten mit der Wirtin hatte, in St. Veit Pretiosen kaufte und hierbei sogar eine Krone verdienen wollte, daB er iiber- haupt auf groBem FuBe (infolge des gestohlenen Geldes) lebte. Nun sein priesterlicher Nachbar sagte aus: Maschek galt in der Gemeinde als Muster eines Geistlichen. „Der fiirstbischofliche Sekretar sprach sich iiber Mascheks priesterliches Wirken sehr giinstig aus,” so lautet der Bericht im „Weltblatt”. Wer ist mehr zu bedauern, die Pfarrgemeinde, die sich iiber derlei Armseligkeiten des Klerus nicht mehr argert, oder die Be- horde, die sich mit der Zufriedenheit der Gemeinde begniigte, oder der ungliickliche Priester, auf den eine richtige In- spektion erziehend eingewirkt und vielleicht von seinem Verbrechen zuriickgehalten hatte, oder schlieBlich 277 der Klerus, der durch derartige Verhaltnisse die ganze Achtung des Volkes verliert?! Ich meine alle sind auf gleiche Weise zu bedauern!- Viel Verdrufi macht mir ein Bauer meiner Pfarrgemeinde, der vor sieben Jahren einem Geistlichen einer entfernten Pfarre ein Rob um 120 Gulden kreditiert liat. Der arme Bauer kredi- tierte, weil der Kaufer eben Priester war. Er bekam jedoch nichts, muBte durch alle diese Jahre unzahlige Wege machen, klagte, und da der Pfax'rer kein Vermogen hatte, mufite er noch 75 Gulden ProzeBkosten zahlen. Ich habe samtliche Gerichtsakten in der Hand. Das Haus des Bauers ist abgebrannt und der Bauer lebt in schwerer Stellung auf dem Gebirge und wird ein ganzes Jahrzehnt arbeiten miissen, um den Verlust von 300 Gulden, die Zinsen und andere Spesen eingerechnet, wieder einzubringen. Der Pfarrer, der voriges Jahr im Friih- jahr starb, war iiber und iiber verschuldet und viele Gliiubiger muBten verlieren. Die Kontrahierung der Schulden dauerte durch die ganze Seelsorgezeit. Ich will keinen Stein auf ihn werfen, er war ein guter Mensch, auch sonst vielleicht ein guter Priester, doch flir seine Verhaltnisse ein Verschwender, der sich stets eine Equipage halten muBte. Ich bat auf Ansuchen des Bauers das Ordinariat, es wolle unter dem besser dotierten Klerus eine Sammlung ver- anstalten, um dem Bauer wenigstens die ProzeBkosten zu er- setzen, doch wurde ich abgewiesen. Hatte nun das Ordinariat durch richtige, eventuell strenge Inspektion auf den gutmutigen Pfarrer erziehend eingewirkt, dann ware der Pfarrer von seinem Ruin gerettet gewesen und die Glaubiger waren schadlos geblieben, Seine Verschuldung war den lcirchlichen Behorden ganz gut bekannt, ebenso, daB diese Verschuldung aus verschwenderischem Gebaren ent- standen ist. Damit will ich meiner Behorde keine Vorwiirfe machen, da sie infolge der Art und Weise der heutigen In¬ spektion nicht anders zu handeln pflegt, vielleicht auch nicht kann, sondern ich will nur diesen Fali vervverten, um zu zeigen, daB wirklich eine gewissenliafte, ernste Inspektion notwendig ist. Ubrigens sobald normale, der Zeit entsprechende 278 Verhaltnisse in der friiher geschilderten Weise eingefiihrt wer- den, werden derartige Falle seltener. Das Resultat unserer Ausfuhrungen ist: Den Dechanten soli noch immer wie jetzt eine Inspektion uberlassen werden. Sie sind aueh bei groben Ausschreitungen irgend jemandes aus dem Klerus, verursacht dadurch, dafi nicht rechtzeitig einge- schritten worden ist, zur Verantwortung zu ziehen. Als Dechant ist stets der wiirdigste Priester des Dekanates zu be- stellen. Diese Dechante sollen jedoch keine bereisende Inspektion ausiiben, sondern dafur sind eigene Inspektoren im Zen- trum der Diozese aufzustellen. Die jetzt iiblichen Visi- tationsgebuhren kommen diesen Inspektoren zugute. Die Disziplinarvergehen (nicht etwa Delikte gegen den Glauben) werden vor einem vom gesamten Klerus ge w a hite n Ehrenrat untersucht und das Urteil dem Bischofe zur Bestatigung, Verscharfung, Milderung oder aueh Aufhebung vorgelegt. Diese Porderung ist iibrigens identisch mit der Bestimmung des kano- nischen Rechtes, welches ebenfalls Synodalgerichte verlangt, deren Urteil vom Bischof bestatigt werden mufi. XI. Vorsicht und MaB bei der Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien. Wahrend der Los von Rom-Bewegung ist es geschehen, dafi protestantische Pastoren Forschungsreisen durch die katholischen Liinder machten und, zuriickgekehrt in ihre Hei- mat, namentlich die katholischen Devotionalien zum Gegenstand ihres Spottes machten. Audi die verschiedenen Andachten konnen sie nicht begreifen. Tatsachlich lernte ich erst als Priester die Bestimmung mancher Votivgegenstande an den Wallfahrts- orten kennen. Sie sollten ein Zeichen der tiefglaubigen Gesin- nung des Volkes sein, das nach aufien zum Ausdrucke bringt, was es im Innern denkt. Bitten sie um Genesung ihres Fufies, dann opfern sie einen Fufi aus Wachs, bitten sie um die Ge¬ nesung des kranken Haiisviehes, opfern sie eine Figur aus 279 Wachs, welches irgend ein Iiaustier vorstellt. Doch das Volk soli dariiber aufgeklart werden; es soli nicht glauben, dafi die Wachsfigur alles erreicht. Weiter soli bei der Verehrung der Reliquien auch Vorsicht beobachtet werden. Als die kritischen Untersuchungen mancher Reliquien, wie der Scala sancta, desColosseum, des mamertinischen Kerkers etc. ergaben, dafi ihre Verehrung nicht historisch be- griindet ist, gab es einen Auflauf bei den Italienern, denen dies iibrigens nicht zu verargen ist, da ihre Wissenschaft nicht weit her ist. Man spottelte sogar uber katholische Forscher, wie P. Grysar, P; Ehrle u. a. Dr. Scheicher schreibt in seiner Schrift „Der Klerustag” Seite 121: „Ich stand ja unmittelbar im Kampfe mit den toll gewordenen Alldeutschen im Reichsrate. Das heilige Pra- putium (bitte, nachschlagen, was das heiflt, Anm. d. Verf.), das in einer Monstranze ausgesetzt wird, in einer Pro- zession herumgetragen wird, hat Sturme von Hohn hervor- gerufen. Die in doppelter Auflage vorhandenen Kopfe von Heiligen, welche von den Anhangern mordicitus als echt, wunderwirkend etc. verteidigt werden, haben mittelmafiige Katholiken dahin gebracht, dafi sie ihre eigene Kirche als riick- standig behandelten.” Die verschiedenen Andachten soli die Kirche nicht als wesentliche Bestandteile ihres Kultus betrachten. Namentlich bemuhen sich verschiedene Orden, die von ihnen usurpierten Andachten zu fordern und einzufiihren. Verschiedene Menschen haben verschiedene Bediirfnisse. Nun, wenn einige sich an den Andachten erbauen, so ist es recht. Deshalb sollen diese An¬ dachten mehr Gegenstand des privaten Gottesdienstes sein. Der offentliche, allgemeine Gottesdienst soli durch das Unnotwendige nicht iiberladen vverden. Der Wert der Andachten und die Nichtobligation an ihrer Teilnahme soli dem Volke ohne Uber- treibung erldart werden. Niemand ist verpflichtet, an derlei Andachten teilzunehmen, aber auch niemand berechtigt, sie zu verurteilen. Dieselbe Klarheit soli dem Volke auch uber das Rosenkranzgebet beigebracht werden. Nirgends sollen dogmatisch unzuliissige Dbertreibungen stattfinden. 280 — Gleiche Vorsicht verwende man bei der Erzahlung der Anekdoten aus dem Leben der Heiligen. Die Heiligen haben wegen der idealen Intention durch manche Handlungen heroische Tugenden geiibt, wahrend uns diese Handlungen jetzt lacherlich vorkommen. Als ein Narr wiirde uns heutzutage ein Simon Stylites erscheinen. Doch sucht man auch heutzutage manche Handlungen der Heiligen als ideale hinzustellen, wahrend sie nichts weniger als ideale gewesen sind. Wie oft wird zur Demonstrierung der Tugend der Demut auf das Vorgehen des heil. Philippus Neri hingewiesen, der vom Papste bestimmt war, eine in der Nahe Roms lebende Nonne, die im Rufe der Heilig- keit stand, auf ihre Heiligkeit zu priifen. Er ging hin und bot ihr die schmutzigen Stiefel zum Reinigen an. Sie wies ihn zuriick. Er kehrte zuriick und meldete: Sie ist nicht heilig. Subjektiv genommen, war die Handlung des Philippus Neri aus edlen Motiven entsprungen und der Akt eines Heiligen; objektiv genommen, war die Tat des Heiligen, milde gesagt, eine Unverfrorenheit. Die Nonne erscheint mir vi el heiligmafiiger, dal3 sie einem fremden Manne nicht die Stiefel putzte, als der Heilige, weleher der Nonne die Stiefel hinhalten wollte. Ebenso ist es schlecht angebracht, \venn erzahlt wird, dah derselbe Hei¬ lige, um sich zu demiitigen, einen Schluck Weines aus einem Kruge, der ihm von einem Burger Roms dargeboten wurde, mitten auf der Strahe, vor den Augen aller zum Gespotte dieser, nahm. Er hatte auch den Anschein erwecken konnen, daB er seinen Durst nicht bezahmen konne. Die erste Geschichte er¬ zahlt sogar Spirago und sie findet sich auch in den von den Jesuiten revidierten Biichern der St. Josephs-Vereinsbiicher- Bruderschaft. Auch bei Predigten, Christenlehren etc. soli man vor- sichtig sein, damit nicht kritische Per.sonen lacheln. Die Bedeutung der Wallfahrtsorte soli nicht so sehr auf Grund der Legenden, wiewohl diese Bliiten der christlichen Phantasie nicht zu verwerfen sind, als durch Vorfiihrung der im Seelenleben des Menschen liegenden Griinde erklart werden. 281 XII. Einheit und Einigkeit der Kirche. Die Kirche ist einheitlich im Glauben und in Sitten und in der Regierung. Diese Einheit der Kirche tastet kein rechtglau- biger Katholik an. Jedoch die Einigkeit der Kirche in der Praxis ist nicht immer die glanzendste. Ist die Kirche eine voll- kommene Sozietiit, so ist es notwendig, dafl eine wechselseitige Aushilfe zwischen verschiedenen Teilen der Sozietat besteht. Nun strebt man eine pedantisclie Einheit der Liturgie an, damit die Kirche dadurch imponiere, allein die Einigkeit in der Tat bleibt unberiicksichtigt. Wenn in einer Familie alle Knaben gleiches Gewand haben, macht es allerdings einen inter- essanten Eindruck, doch mehr Eindruck macht es, wenn sich die Knaben untereinander lieben. Selbst die einzelnen Nationen be- zeugen ihre Einheit auch in der Tat. Werden Stammesangehorige in irgend einem Staate verfolgt, sogleich schreitet der mit denselben verwandte Nationalstaat ein. Bei uns kanu in ganz Frankreich der Klerus totgeschlagen werden, ohne daB man sich in Osterreich riihrt und umgekehrt. Doch selbst innerhalb eines Staates und innerhalb einer Diozese fehlt es an Einigkeit bei der gegenseitigen Hilfeleistung. An manchen Orten wird mit geistlichen Geldern alles Mogliche gebaut, wahrend anderswo nicht einmal genug Gotteshiiuser den Glaubigen zu Gebote stehen. Da liest man, daJ3 in den Pfarren mit 10.000 bis 25.000 Seelen drei Geistliche pastorieren, wahrend manche Kloster mit Geist¬ lichen uberfiillt sind. Viele Wiirdentrager verfugen iiber grofie Reichtumer und konnen gleicli tausende Gulden fur aufier- ordentliche Zwecke spendieren, wahrend Dr. Kiinzer auf dem „Klerustage” klagte: „Jenseits der Elbe in Ober-Sedlitz wohnen 4000 Katholiken; die sind ohne Kirche. In Thurn mit 10.000 Katholiken ist keine Kirche; die Protestanten bauen dort eine Kirche um iy a Millionen Gulden. Wenn man im katho- lischen Osterreich eine so groBe Gemeinde ohne Kirche laBt, so hort sich alles auf.” Religionsprofessor Dr. Ilartl sagte: „Ich glaube, daB es ungemein an Kirchenbauten in solchen Stiidten fehlt, welche erst in neuerer Zeit sehr angewachsen 282 sin d, nicht genug, daB man Kirchen hat, welche keine Pfarr- kirchen sin d.” Auf dem Lande gibt es elende Kirchen dort, wo die Be- vdlkerung in Armut lebt, vvahrend anderswo die Kirchen an Paramenten reich sind, iiberherrliche GefaBe und iiberhaupt iiber manche iiberfliissige Ausstattung verfugen. Ich glaube, es wiirde von groBem Nutzen sein, wenn unsere Diozesen innerhalb eines Staates, was die gegenseitige Unterstiitzung bei den einzelnen Unternehmungen anbelangt, mehr zentralisiert waren. Sie sollten sich gegenseitig bei ihren Bemiihungen durch Geldaushilfe, auch durch pastorelle Aushilfe unterstiitzen. Auch innerhalb der Diozese soli das Band der Liebe starker angezogen werden. Wie ich schon einmal andeutete, es soli ein gemeinsamer Fond beschaffen werden, gegrundet durch regelmafiige Beitrage, aus dem die schwacheren Institute und Kirchen der Dio¬ zese unterstiitzt werden sollten. Man bedenke doch, was der „evangelische Bund” und der „Gustav Adolf-Verein” leistet. Da hebt man immer die Zerfahrenheit des Protestantismus hervor! Siehe, wie er in der Tat einig ist! C. Die auBere Stellung der katholischen Kirche. I. Die Stellung der Kirche in der Menschheit iiberhaupt. Frage ich nach dem hochsten Ziele der Menschheit, dann finde ich, dafi dasselbe in der Ewigkeit endet, und daB die Menschen von Natur aus im grofien und ganzen diesem Ziele zustreben, in bewuBter oder unbewuBter Weise, mit klarer oder nur ahnender und unbestimmter Erkenntnis. Dieses uber- irdische Ziel ist den irdischen Zielen ubergeordnet, jedoch nicht so, daB man in Wahrheit einem Ziele nachgehen konnte, ohne das andere gleichzeitig zu verfolgen. Das uberirdische Ziel ist das ewige Gluclc, das irdische Ziel das irdische Gluck, welches sich einstellt, wenn der Mensch den richtigen Weg 283 zurErreichung des uberirdischen Gluckes einschlagt, welcher Weg ihm von der Religion gezeigt wird, die nach meiner Auffassung namentlich in der Betatigung der dreifachen Liebe besteht. Am Ende des Zieles erlischt das Licht der Religion und es begirmt das ungetrubte Leben der Gerechtigkeit. 1. In unseren Schriften wird oft Verwahrung dagegen ein- gelegt, daB die Religion zur Scbaffung des irdischen Gluckes der Mensclien bestimmt ware. Dieser Protest ist allerdings richtig, wenn man unter dem irdischen Gliicke bloB das ma- terielle Gluck hienieden versteht. Wenn man aber unter irdischem Gluck die Zusammenfassung aller jener bei verschiedenen Subjekten verschiedenen Faktoren versteht, welche das wirkliche, dauernde, irdische Herzensgluck des Menschen schaffen, so ist eswichtig zu betonen, daB die Reli¬ gion auch das irdische Gluck schaffen soli, da ja dies nur in Beziehung zum uberirdischen Gliicke gedacht werden kann. Zu diesem irdischen Gliicke gehort auch als notwendiger Faktor das materielle Gluck, und zwar nicht als einziger Faktor, wie ich schon oben betont habe. In dem letzten Punkte hat die Kirche nicht immer die richtigen Grundsatze vertreten, indem sie das materielle Gluck nicht immer vom streng religiosen Standpunkte ins Auge faBte. Esware jedoch eine groBe Verleumdung, wenn man sagen wollte, die Kirche hat iiberhaupt das materielle Gluck der Volker nicht gefordert. Man muB vielmehr sagen, daB gerade die Kirche das allgemeine materielle Wohl, soweit es besteht, erst geschaffen hat, indem sie durch die Beseitigung der Sklaverei, auf Grund der Lehre vom gleichen Wert der Menschen vor Gott allen Menschen die Freiheit gab, an den Giitern der Erde zu partizipieren. Unter dem materiellen Gliick verstehe ich 1. daB jeder einzelne so viel zu seinem Lebensunterhalte, zu seiner Kleidung, zur Erhaltung der Gesundheit habe, daB er ohne Entbehrung seinem Berufe nachgehen kann, vorausgesetzt, daB es die Produkte der Erde erlauben, 2. daB ein anderer nicht seine Freiheit be- hindere, sondern nur soweit liber ihn herrsche,, als e s das all¬ gemeine Wohl der Menschheit erfordert. 284 Was den ersten Punkt anbelangt, so ist es klar, daB er sich auch als religiose Forderung darstellen muB; denn es ver- langt die Liebe zu unserem Schopfer, der allen Menschen gleiche Endbestimmung, gleiche Konstitution gegeben hat, daB einer nicht auf Kosten des anderen leide, auch nicht Uberflufi habe zum Nachteile des anderen; weiters ver lan g t es die Selbstliebe, daB der Mensch, eingedenk seiner hohen Wiirde, sich selbst und seine Familie erhalt und nicht durch Entziehung der Giiter vonseiten anderer an dieser Erhaltung gehindert werde. Ferner erfordert es auch die Nachstenliebe, daB man nicht ruhig zusehe, wenn der Mitmensch leidet. Und in dieser dreifachen Liebe besteht ja die Religion. VViirde man ein heiligmiiBiges Leben fiihren und alle Bedingungen erfiillen, auBer dieser, daB man in Wort und Tat (die Krafte natiirlich vorausgesetzt!) stets dahinstrebte, seinen Mitmenschen auch materiell glucklich zu machen und wiirde man ruhig zuschauen, wie der Nachste auf Kosten eines anderen leidet, dann wiirde man die religiose Bestimmung des Menschen zum Teile verkennen und durchaus nicht heilig sein. Ich selbst kann mir etwas vorenthalten, je- doch nur soweit, daB meine Korperkrafte nicht darunter leiden. Was den zweiten Punkt anbelangt, so laBt er sich gerade so begriinden wie der erste, um zu ersehen, daB auch dieser Punkt eine religiose Forderung darstellt. Zur Erhaltung der Gesamtheit einer Sozietiit ist allerdings notwendig, daB Gesetze geschaffen werden, die gleichsam das Bindemittel oder den Kitt der Gesamtheit bilden. Auch ist es notwendig, daB man sich diesen Gesetzen, welche den Willen der Gesamtheit offen- baren, unterordnet. Die toten Gesetze werden nur durch Personen ausgefuhrt und bewacht, doch die Personen sind nur Funktionare im Staate. Ihnen selbst schuldetman personlich lieinen Gehorsam, sondern nur den Gesetzen. Jeder Mensch der Gesamtheit ist. gleichberechtigt und miisse gleich- geachtet werden, deshalb soli kein Mensch dem andern nur wegen derPerson dienen, auch darf es keine Herrschaften, keine Privilegien infolge der Geburt oder des Standes geben, sondern nur Diener der Gesamtheit. Jede Bedienung einer Person, soferne es nicht das Wohl der Gesamtheit ver- 285 langt, erscheint auch vom religiosen Standpunkte un- zulassig, weil der Mensch seine von Gott geschenkten Krafte zu gunsten eines anderen in unwiirdiger Weise verwendet. Religionsverletzend, weil es die Wurde des Men- schen erniedrigt, ist der Dienst, der darin besteht, einem Men- schen, der keinen tieruf hat, nur z. B. von seinen Zinsen lebt, den Vergniigungen nachgeht, einen Kammerdiener abzugeben. Ganz anders ist der Dienst, der z. B. einem Beamten, einem Offizier oder Geistlichen geleistet wird, weil da der Diener durch Leistung der korperlichen Arbeit die betreffenden Her - ren zur Leistung der geistigen Arbeit zum Wohle der Gesamtheit unterstutzt und somit der Gesamtheit dient. Ist es richtig, daB sich der Mensch im Schweifie seines Angesichtes das tagliche Brot verdienen muB, so iBt dei’jenige, der nicht arbeitet, eigentlich vom Brote, das ihm ein anderer ver dient; er ist ein Sehmarotzer. Der Schmarotzer kann sich auch infolge der Verhiiltnisse soviel Geniisse erlauben, daB ein anderer verkiirzt wird und vielleicht auch darben muB. DaB dies die Religion, die die Liebe zum Nachsten verlangt, ver- letzen muB, ist einleuchtend. Ich habe immer einen Abscheu, in die Stadte oder in Kurorte zu gehen, wo man soviele Laken, gefiillt mit faulendem Wasser findet, Drohnen, die nicht arbeiten, sondern nur genieBen. Šport, Spiel, Theaterbesuch und Romanlesen ist ihr Beruf, was kein Beruf sein kann, da dies nicht als Arbeit, sondern nur als Erholung aufgefaBt werden mufi. Namentlich ist in der Stadt ein Teil der Frauenwelt dazu da, das Drohnengeschaft zu besorgen. Es gibt Frauen, die oft nicht einmal ihre naturliche Pflicht, die Mutterpflicht erfiillen, wahrend dafiir andere Frauen, Arbeiters- gattinnen und Tochter, Frauen von Gewerbetreibenden, die Dienerinnen etc. sowie die Frauen auf dem Lande doppelt biifien mussen. Man braucht nur die Augen aufzumachen, um diese Verhaltnisse kennen zu lernen. Ob das uns Priestern, den Lehrern der Religion, gleichgiltig sein kann? Ob \vir nur entfernt behaupten konnen, daB die heutige Ordnung eine von Gott gewollte ist? Verkennen wir doch nicht das Wort der Heiligen Schrift: 286 Plenitudo legis est charitas, die Fiille des Gesetzes ist die Liebe, die nicht zulafit, daB jemand auf Kosten eines anderen einen noblen Herrn und Feinschmecker spielt. 2. „Pauperibus evangelizatur”, den Armen wird das Evan- gelium verkiindet, heiBt es in der Heiligen Schrift. Christus, der Herr, fand auch hauptsachlich Gehor*beim armen Volk, bei der groBen Masse des Volkes, wie man zu sagen pflegt. Die Reichen schamten sieh, die Lehren des „Zimmermanns- sohnes” zu horen. Auch die Apostel befolgten das Beispiel des Herrn. Sie haben sich nicht an die GroBen und die Machtigen, auch nicht an die Gelehrten dieser Welt gewendet, weil sie wuBten, die Lehre von der gleichen Wiirde der Menschen ware ihnen unangenehm. Als Petrus nach Rom kam, suchte er nicht die Professoren verschiedener Akademien auf, ging auch nicht an die Hofe der Machtigen, sondern sammelte das arme, ver- achtete Volk, um ihm seine Pleilslehre beizubringen. Uberhaupt geht jede heilbringende Bewegung von unten hinauf. Auch die Statistik lehrt, daB sich die wirklichen arbeitenden Faktoren der Stadtbevolkerung, namentlich die der Intelligenz, aus den unteren Klassen, vorziiglich aus den Landbewohnern rekrutieren, wahrend die sogenannten hoheren Stande, weil sie eben un- naturliche, wenn auch historisch begriindete Auswiichse der Gesellschaft sind, zugrunde gehen. Von oben her pflegt nur ein ubler EinfluB auf das arme Volk ausgeiibt zu werden! „Von oben kommt der Sturzbach!” rief P. Abel einmal in seiner Predigt aus. Es ist somit ganz naturlich, daB wir in unserer Tatigkeit uns zunachst an die Armen anschlieBen, d.h. an das einfache und schlichte Volk und von unten hinauf die menschliche Gesellschaft zu restaurieren suchen. Ganz verfehlt ist somit das Auftreten der Kirche, sobald sie sucht, den Machtigen zu gefallen oder nach auBen so aufzutreten, als ob sie zu den hoheren Standen gehorte. Alle Klassen der Bevolkerung gehoren zwar zur Hirtensphare der Kirche, doch der Anfang zur Bekehrung der Welt muB dort gemacht werden, wo das Wort angreift, nicht dort, wo es zuruckgewiesen wird. Will man von den niederen Klassen gehort werden, dann mufi man 287 ihnen auch nach auBen als ihr Freund, nieht mit einem Glanze und einer Autoritat entgegentreten, wie es oft die sie be- driickenden Grofien der Welt tun. Wie hat die Kirche im Laufe der Zeit ihre Mission in diesem Punkte erfullt? Nur die Weisesten der vorchristlichen Zeit haben die Wiirde des Menschen teilweise anerkannt. Doch muB diese Erkenntnis so schwach gewesen sein, daB sie nicht den Mut fanden, auch fiir die Verwirklichung ihrer Lehren erfolgreich einzutreten. Menschenrechte hatten nur wenige Auserwahlte, wahrend die ubrigen reohtlos waren, oder es galt der Grundsatz, der Schwachere miisse der Diener des Starkeren sein. Das Christentum hat er st dem Menschen die wahre Wiirde zuge- wiesen und betrachtete in jedem Wesen das Ebenbild Gottes, welches der entsprechenden Behandlung wert sei. Es le hrt e nicht nur, sondern es handelte auch nach seinenLehren. Einfache, schlichte Missionare arbeiteten an der christ- lichen Restauration der Menschheit. Man hatte das Priestertum liebgewonnen, weil man seine Wohltaten sah und iiberhaufte es mit den Giitern der Erde, namentlich weil die Herrscher erkannten, daB sie in den Priestern die treuesten Vasallen haben werden. Doch auch derPriester laflt sich blenden durch das irdische Gut! Man merkte von da an, sobald die Kirche als Besitzerin auftrat, ein Nachlassen in der Ausfuhrung der traditio- nellen christlichen Mission. Nicht mehr selbstandig, in einfacher schlichter Form trat der Priester an das Volk heran, um es zur Kultur zu erziehen, sondern an der Seite der Machtigen. Nur einzelne Vertreter, namentlich aus dem Benediktiner-, Franziskaner- und Jesuitenorden, arbeiteten an der Bekehrung und Kultivierung. der Volker im altchristlichen Sinne. Man muB es als ein grofies Verdienst unserer Kirche bezeichnen, daB sie, wiewohl an der Seite der Herrschenden stehend, doch nie zulieB, daB das Volk allzu stark bedriickt und bedrangt wurde, zu welchem Zwecke sie alle ihre geistigen und diplo- matischen Mittel einsetzte. Vielleicht war auch die weltliche Machtstellung der Kirche ehemals notwendig! Wiire es nicht mog- lich gewesen, daB ein zurnender Potentat alle Pflanzungen einer armen und schlichten Kirche vernichtet oder wenigstens wie 288 im Altertum ununterbrochen an der Entfaltung und in der Tatigkeit gehindert hatte? Doch es brach eine neue Zeit an. D as Volk merkte, daB es auch eigenen Willen und eigenen Verstand habe, daB es sich nicht alles von oben kommandieren lassen diirfe. Es strebte, angefiihrt von einzelnen Mannern nach geistiger und staatlicher Freiheit. Dieses freiheitliche Streben der Volker haben die Vertreter der Kirche verkannt. Das Volk wollte auch nicht mehr bloB fur die oberen Klassen arbeiten, sondern ver- langte auch fur sich ein entsprechendes irdisches Gliick. Da sah man, daB die kirchlichen Vertreter sich ruhig verhielten oder das Volk sogar beschwichtigten. So kam die groBe fran- zosische Revolution! Man schildere nicht die Greuel dieser Revolution, man entsetze sich nicht iiber die sittenlosen, wilden Florden, ohne gleichzeitig dem Klerus die Schuld zu geben, weil er sich nicht getraute, rechtzeitig die warnende Stimme zu erheben und weil er die Erziehung der damaligen Zeit in den Handen hatte! — Er erzog Konige und die GroBen des Reiches. Wie ist es nun moglich, daB trotz der vorvviegend geistlichen Erziehung das Hofleben so entartet war und das Volk, kaum daB der Ruf zur Erhebung erscholl, so bald zu wilden Hyanen werden konnte? Man verurteile nicht nur das Volk, sondern auch seine Erzieher. Wenn man auf die Enzyklopadisten hinweist, daB diese das Volk aufgehetzt hatten, so muB doch der Klerus eine unbeschreibliche Lethargie und Schwache bekundet haben, da er diese Angriffe nicht abwehren konnte. Freilich war es schwer, da das maBlose Elend das Volk gegen jede Lehre skep- tisch machte; doch moglich ist es gewesen. tlbrigens schrie dieses Elend zum Himmel um Rache, allein der Klerus horte. nicht das Geschrei; er muBte spater bitter buBen. Seit dieser groBen Umwalzung bemerken wir iiberall das Streben nach Gleichberechtigung des gewohnlichen Volkes mit den glucklicheren Standen. Dieses Streben auBert sich meisten- teils immer rationeller und intensiver und pflegt die Bahnen der bestehenden Gesetze nicht zu verlassen. Es ist zweifellos f daB dieses Streben noch von groBeren Erfolgen gekront sein 289 wird, als es bereits der Fali ist. Es ist aber auch ein berech- tigtes, in der christliclien Religion begriindetes Stre- ben, welches leider hie und da auch unerlaubte Mittel, die ihm von der Geschichte her bekannt sind, zu ergreifen sucht. Dieses freiheitliche Streben ist allerdings oft auch auf undurchfiihrbare, auch religionsfeindliche Dinge gerichtet. Diesbeziiglich soli man aber keine Angst haben! Alle Parteien streben in der Theorie oft etwas an, was sie, sobald sie zur Herrschaft gelangen, un- durchfiihrbar finden. Kein Sozialreformer, mag er noch so viel zur Forderung dei - Reform beigetragen haben, wird je- mals sein ganzes System irgendwo durchgefuhrt finden. Der gesunde Hausverstand der Menschen weist das Utopistische von selbst zuriick. Man muB es zugeben, daB unter dem Klerus an manchen Orten auch ein sogenannter demokratischer Zug weht, daB die Priester auch bemiiht sind, mit dem Streben des Volkes nach besserer sozialer Stellung zu rechnen. Leider kommen wir mit unserer Mithilfe erst hinterher, wenn sich andere oft in egoistischer Weise bereits zu Fuhrern des Volkes erwahlen lieBen, weshalb man unseren Bemuhungen MiBtrauen entgegen bringt. Es wird nicht lange dauern, bis sich andere der dienenden Klassen auf dein Lande bemachtigen werden. Ich sehe es voraus, daB man sich auch in unseren Kreisen daran machen wird, wenn es schon zu spat ist. "W ir betonen oft uniiberlegterweise Grundsatze, die doch nicht ganz stich- haltig sind. Wir verteidigen ohne Unterschied das Privat- eigentum. Es ist richtig, daB jeder das Recht auf sein Eigentum liat, wenn es rechtlich erworben ist. Doch schwerlich kanu beliauptet werden, daB das iibermaBige Vermogen vieler rechtlich erworben \vorden ist. Die Ubervorteilung, die Spekulation zum Nachteile anderer kann vom christlichen Gesetze nicht toleriert werden. Bekanntlieh hat das Kirchengesetz auch die Einnahme von Zinsen von geliehenen Geldern verboten. Auch die \ ererbung eines un- rechtmiiBig erworbenen Gutes diirfte keinen giltigen Rechts- anspruch auf dasselbe haben. Wenn nun das Volk sieht, wie es von gewissenlosen Leuten ausgesogen wird, und hort, wie der V o g ri n c c, nostra culpa. 19 290 Klerus ohne weiteres das Privateigentum verteidigt, da ist es selbstverstandlich, daB es das Vertrauen zum Klerus verliert. 3. Auch das aufiere Auftreten des Klerus, namentlich des einflufireichen Klerus, erhalt das Volk in dem Glauben, daB er es mehr mit den reichen und machtigen Volksklassen halte. Man sehe sich eininal die zwei Bande des von der Leogesellschaft herausgegebenen Werkes „Die katholische Kirche” an. Es gleicht \virklich einem Modejournal. Wenn einer da den Glanz des Klerus betrachtet, wird er nicht denEindruck gewinnen, dafi der Klerus der Freund des armen Mannes ware. Man sehe sich doch die Auffahrt des Papstes Gregor XVI. in dem obengenannten Werke an. Kein Herrscher laBt mehr eine solche orientalische Praeht entfalten. Freilich die Papste tun es in- folge der Verhaltnisse auch nicht mehr, doch es besteht noch viel unniitzer Prunk. Ich getraue mich das Buch den Kindern gar nicht zu zeigen, damit sie lieber vom Papste und den Bischofen die Vorstellung von hochst heiligen Mannern behalten, als daB sie sich die Vorstellung von ihnen als von ungemein reichen Herrschern aneignen. Ich fuhr einst auf der Balm mit einem sehr aufgeweckten, etwa zehnjahrigen Knaben liings des Worthersees, dessen Ufer mit vielen herrlichen Villen besaet sind. Der Knabe, scheinbar einer Arbeiterfamilie gehorend, fing an uber die reichen Leute, die bei Nichtstun so schone Hauser bewohnen, loszuziehen und wollte die schonen Hauser gar nicht anschauen. Ich hebe hervor, daB ich keine personlichen Invektiven be- absichtige. Der jeweilige Papst leidet selbst am meisten unter dem lastigen Zeremoniell und unter dem Prunk, der da entfaltet wird. Mancher mochte gerne dieses Geflunker und Katzensilber wegwerfen, um dem gottlichen Lehrmeister auch in seiner Armut nachzuahmen, allein welches Aufsehen wiirde deshalb entstehen! Das schon genannte Wex-k „Die katholische Kirche” ent- halt gleich anfangs die Biographie des verstorbenen Papstes Leo XIII. Derselbe war wirklich ein groBer Papst. Daraus folgt aber nicht, daB sein Tun und Handeln schon seit seiner 291 Jugend ideal gewesen sei. In dem Werke wird nun haarklein beschrieben, wie der junge Pecci von adeligen Eltern geboren wurde und von Ehrenstelle zu Ehrenstelle emporstieg. Es wird ausdrucklich erwahnt, daB er der Liebling des Kardinals Sala war, der „sein offizieller Beschiitzer” blieb. Er trat in die geist- liche Adelsakademie, wo ihn „neue Studien und neue Erfolge” erwarteten. Zum Nacbdenken iiber Italien zwingt uns auch die Erzšihlung, wie er gegen das adelige Brigantentum in Siiditalien, wo er Statthalter war, auftrat. Es wird ervvahnt, daB er die Jagd und namentlich den Virgil und den Horaz liebte. Das alles er- zahlt ein Jesuit! Wie der Papst am Sterbebette lag, da hatte er abermals den Horaz und den Virgil am Tische. Ich las dies selbst in unseren liberalen Zeitungen, die sich dariiber ver- vvunderten. „Man hatte docli meinen konnen, daB er in den letzten Augenblicken an den Gekreuzigten allein dachte. So kalkulierten die Zeitungen. Ein franzosischer Gelehrter ver- langte, daB ihm noch vor seinem Sterben das „einzige Buch , die Heilige Schrift, vorgelesen werde. Alte Leute haben Eigen- heiten, doch hatte man verhindern sollen, daB solehe Sachen zum Argernis des Volkes publiziert werden. Gelegentlich des letzten Konklave berichteten die Zei¬ tungen, daB zwei osterreichische Kardinale sich von aus- warts das Essen holen lieBen, und daB der Glanz, mit dem der ungarische Kaiaiinal aufgetreten ist, das Volk entziickte. Die Eleganzsucht, die an manchen Hofen bevorzugt wird, geht auch auf den ubrigen Klerus zum Teile iiber. Und so sehen wir oft in armen Gegenden, wo bei jedem Fenster das Elend herausschaut, Priester, fein wie Puppen gekleidet, sich an Laken und Dungerhaufen vorbei wie auf einem Parkett- boden bewegen. Das nicht denkende Volk sieht die Eleganz vielleicht gerne, weil ihm eben der Geistliche zum Schaustuck wird. Auch die Titulaturen kennzeichnen den Geistlichen nicht als einen Volksmann. Die Schematismen zahlen bei Angabe der Personalien immer auf, was einer ist und was fiir Auszeich- nungen einer hat. Alle Titulaturen aus langst vergangenen Zeiten werden zusammengesucht, um einen Piiester, der ein Gliicks - 19* 292 kind ist, auszuzeichnen. An manchen Orten scheinen selbst die Klostergeistlichen an der Krankheit der Titelsucht zu laborieren. Sie haben auf die Eitelkeiten der Welt verzichtet, um dafiir im Kloster andere Eitelkeiten anzunehmen. Ich habe den Katalog der Kapitularen eines Stiftes bei Wien in den Handen. In demselben sind die Vorgesetzten mit den sonderbarsten Superlativen betitelt. Der Name eines verhaltnismaBig jungen Kapitularen zieht im Gegensatze zu anderen titelarmen „Ordens- genossen” gleich eine siebenzeilige Schleppe nach sich, zu- sammengestuckelt aus Titulaturen, die verdiente und unver- diente Manner zu bekommen pflegen. Ist das der Geist des demiitigen heiligen Augustinus, nach dessen Regeln die Herren leben miissen?! Auch die Diozesanschematismen verfugen uber exotische Titulaturen. Der eine hat den Titel illustris, der andere doctissimus, ein anderer eximius oder admirabilis. Keinen Titel kann ieh je- doch so schwer aussprechen, wie den Titel „der Hochwurdigste”, weil das Altarssakrament oft kurz als „das Hochwiirdigste” (Gut) bezeichnet wird. Dann die Titel Euer Gnaden, Celsissimus etc.! Die weltlichen Beamten diirfen untereinander keine Hoflich- keitsformeln in ihrem schriftlichen Amtsverkehr mehr ge- brauchen. Es heifit nur kurz „an den Minister N. N.”. Nur wir, die Lehrer der Demut und der schlichten Sitte, haben noch diese Chinesereien! Man vergleiche die einfachen Verordnungen der Ministerien mit der Verordnung desFiirsterz- bischofs von Olmiitz im dortigen Verordnungsblatt, beziiglich des wenigstens zweijahrigen Verbleibens an einer Seelsorge- station, wo man sich bei dem steten „Seine Exzellenz” die Eunge brechen konnte! Diese Titulaturen erholien heutzutage nicht im geringsten die Wertschatzung der Person, sondern geben AnlaB zu ge- heimen oder offenen Spottereien. Die einfachen, schlichten Jesuiten, die keine Ordensauszeichnung und keine Ehren- titel annehmen, haben bei den Gebildeten noch immer mehr Ansehen, als diejenigen, die mit Titeln uberhauft sind. Sie kriechen aueh nicht vor ihren Oberen, \vie es anderswo 293 geschieht und trotzdem herrscht Ordnung in ihrer Organisation. Wodurch die Jesuiten imponieren, ist Gelehrsamkeit, gepaart mit schlichten Sitten und eine gesunde, nicht iibertriebene Frommigkeit, wahrend das starre Festhalten an einzelnen allzu mittelalterlichen Statuten ihres Ordens, hervorgegangen aus der durch die Absonderung von der Welt entstandenen Un- kenntnis des wirklichen geistigen Lebens und Strebens der Menschen, sowohl ihnen als auch der Kirche nicht zum Vor- teile wird. Ist die Kirche die Lobrednerin der Jesuiten, dann mufi sie auch die Nachahmerin ihrer einfachen Sitten und ihres Wissens sein; dann wird ihr Ansehen bei allen Denkenden ein viel hoheres werden. Heute wandern Menschen der ver- schiedensten Provenienz oft aus purer Neugierde nach Rom, um den Papst zu sehen. Sie betrachten ihn mehr als ein ge- schichtliches Monument, als den Troster und Segner der Menschen, als den Nachfolger des heiligen Petrus. Einen ganz anderen Wert wiirden die fremden Volker dem Papsttum bei- legen, wenn der heil. Vater hie und da nicht im Aufzuge eines Machtigen, sondern in einfacher und schlichter Weise, z. B. nor- dische Diozesen bereisen und hier das religiose Streben der Volker kennen lernen wiirde! Es ist somit klar, daB das Auftreten der kirchlichen Ver- treter nicht immer danach ist, um vollends die Sympathien des Volkes zu gewinnen. Wenn trotzdem riesige Massen noch dem Christentum treu sind, so ist es der Lehre Jesu Christi zu danken, die das Menschenherz stets noch fiir sich gewonnen hat und auch noch gewinnen wird. Die unleugbare MiBstimmung des Volkes gegen die Kirche koinmt aber sehr viel auf Rechnung des auBeren, oft taktlosen Auftretens der Kirche. Wir Priester entstammen meistenteils den „niederen” Volksschichten, dem Bauern- oder Arbeiterstande. Wir brauchen uns deshalb nicht zu schamen, sondern sollen als Priester Golt danken, daB wir diesem Stande angehoren, indem \vir seit unserer Kindheit die wirklichen Miihseligkeiten des Lebens der bei weitem zahlreichsten Menschenklassen kennen gelernt haben. Wir haben uns unsere Stellung durch eisernen Fleifi 294 erworben, lernten friihzeitig das Leben auch von der harteren Seite kennen, wahrend die Sohne anderer Stande mit allen mdglichen Schmiermitteln zur Erreichung ihrer Stellung form- lich getrieben werden, ohne daG sie sich um die Quelle ihrer Erhaltungskosten zu kummern brauchten. Wir Priester sind iiberhaupt die zahlreichste Intelligenz aus der Mitte des armeren Volkes. Deshalb ist es auch unsere Pflicht, daG wir uns nicht zu den Grofien dieser Erde hindriingen, sondern das Elend des Volkes wahrnehmen und es zu lindern suchen. Auch unser Auftreten sei so beschaffen, daG man in dem- selben nicht eine Verkennung unserer Abstammung erblickt. Das Resultat vorhergehender Besprechungen ist somit, daG wir 1. auf Grund unserer Religion fiir die moglichste Gleich- stellung des gemeinen Volkes mit den iibrigen Volksklassen hinarbeiten, jedoch in Anbetracht der bestehenden Verhiilt- nisse etwa in den Predigten die Saclie sehr vorsichtig be- handeln. Unrichtig ist es aber, die jetzt bestehenden sozialen Verhaltnisse als von Gott gewollte zu be- zeichnen. 2. Sowohl im Auftreten der ganzen Kirche als auch ein- zeln sollen wir zeigen, daG wir treue Schiller Christi sind, der einfach und schlicht autrat, einfache und schlichte Leute zu Aposteln wlihlte und iibei'haupt „kein Ansehen der Person” kannte. 3. Wir Priester sind meistenteils Sohne des armen Volkes, deshalb sollen wir diesem mit Wort und Tat an die Hand gehen und auf diese Weise uns auch dankbar zeigen fiir die Treue, mit der gerade das Volk an seiner Kirche zum Unter- scliiede von den Reichen hšingt. Zum Schlusse noch eine kleine Bemerkung und kleine Betrachtung. Sobald ich die sozialen Verhaltnisse der mir bekannten Bevolkerung erforsche, finde ich den Reichtum meistenteils als Quelle der Unmoralitat und auch vielleicht der Verbrechen. Derjenige, der mehr besitzt, als er fiir sich und seine Familie braucht, kann sich mit dem Gelde alle moglichen, vom 295 christlichen Gesetze verbotenen Geniisse des Lebens ver- schaffen. ,Wenn sich der z. B. einen Ehebruch etc. erlaubt, warum solite ich mir es nicht erlauben?” denkt sich der Arme. Kann er die Mittel nicht auftreiben, wahlt er oft verbotene Mittel und wird Verbrecher. Nicht nur durch das Beispiel wirkt der Reiche verderbend, sondern auch dadurch, daB er ehrliclie Leute direkt mit dem Geld anlockt und verfiibrt. Wenn man findet, daB die Armut Anlafi gibt zum unmoralischen Leben dann wird man auch finden, daB die Armut vielfach durch den Reichtum einzelner herbeigefiihrt wurde. Auch wird es sich zeigen, daB die arme Landbevolkerung sittlich geblieben ware, wenn sie nicht der Reiche auf verschiedene, leicht denkbare Weise zum Falle gebracht hatte. DaB manche Reiche iliren UberfluB nicht auch zu guten Zwecken verwenden wiirden, ist natiirlich damit nicht behauptet, sondern nur der Satz aus- gesprochen, daB der Reichtum die Quelle der Unsittlich- keit sein kann und oft auch ist. Wie sich somit unsere Anschauungen diesbeziiglich gestalten werden, kann jeder selbst beurteilen. Bei Gelegenheit will ich dariiber uberhaupt eine genauere Diskussion einleiten. Gleichsam als Anhangsel fiige ich hier zwei Betrachtungen hinzu. „Quo vadiš?” oder „Quo veheris?" In einem Blatte war zu lesen, daB im vergangenen Jahre ein ungarischer Bischof, dessen Namen ich nicht nennen will, mit einem Viergespann ausfuhr, wobei die Pferde scheu wurden und iiber einen Zaun sprangen. Nun zu dieser dispositio loči und zu diesem Factum die Betrachtung: Wiirde der gdttliche Heiland in seiner einfachen schlichten Erscheinung, den langen Mantel um seinen Leib geworfen, die Sandalen an den FiiBen, ohne Kopfbedeckung, zufiillig des Weges daher- kommen und dem bischoflichen, vierspannigen Gefahrte be- gegnen und lieBe er das langgezogene Gespann halten oder wiirde er vom Wege aus zurufen „Quo vadiš?” Und gesetzt den Fali, der Bischof wurde an dem Auftreten seinen Meister, dessen 296 Werk er fortsetzen soli, erkennen, was wurde da geschehen? Entweder wiirde er dem Kutscher in der Aufregung befehlen, ja schnell weiterzufahren, damit die Stadtbevolkerung nicht merke, mit welch’ simplen Menschen sich der bischofliclie Graf abgebe oder er wiirde doch, von der Religion iibervviiltigt, wie Petrus auf die Knie fallen und schreien: „Gehe weg von mir, denn ich bin ein siindhafter Mensch, der an derlei prunkvollem Zeug, wie du siehst, Gefallen findet.” ■— — — Der Ministerialrat. Abermals las ich in der Zeitung von einem ungarischen Bischofe, der einem Gauner anfgesessen ist, weleher sich als Ministerialrat ausgab, der im Auftrage des N. N. im Ministe- rium komme, um fiir ihn 6000 Gulden zu borgen, da N. N. sich in augenblicklicher Geldverlegenheit befinde. Der Bischof be- wirtete sogar den Mann durch einige Tage, fuhr mit dem Iderrn Ministerialrat aus und gab ihm bereitwillig die verlangte Summe. Wie sind wohl manche Kirchen verwahrlost und wie wurden sich die Leute freuen, wenn ihnen einige Obolus ge- schenkt oder geliehen wurden zur Restauration ihrer Kirche, der Wohnstatte Gottes! Wiirde bei einer solchen Gelegenheit der Vertreter einer armen Kirche auch so freundlich empfangen werden, wie der Herr Ministerialrat?- — II. Unser Verhaltnis zu Italien. Keinem iiberzeugten Katholiken wird es jemals einfallen, in den Ruf „Los von Rom” oder „Los vom Papst” einzu- stimmen. Jeder Katholik muB Gott danken, daB wir ein gemein- sames Oberhaupt haben und auBerdem eine feste Organi- sation zum Schutze unseres katholischen Glaubens haben. Die Konzentration um Rom, von wo aus wir das Licht des Christentums erhielten, ist wohl das Idealste auf der Welt. Doch diese Konzentration geschieht nur wegen des allgemein christlichen Roms, insoferne dort der Sitz des Nachfolgers des 297 — lieil. Petrus, des Papstes ist. Dieses Scharen der Volker um Rom geschieht uicht wegen des italienischen Volkes. Dieses Volk kann keine Anspriiche erheben, dafi es in der katholischen Kirche zu herrschen hatte. Das machtige Rom oder das machitge Papsttum \vurden am allerwenigsten von italienischen Volkern begrundet, sondern es waren gallische und germanische Stamme, die es taten. Docli heutzutage hat der italienische Klerus eine allzu groBe Macht in der Kirche, und zwar mit vollem Unrecht. Natiir- lich kann der Papst fast 300 Millionen Katholiken nicht in per- sona leiten, sondern er muB sich zahlreieher Personen bedienen zur Unterstiitzung bei der Regierung. Diese sind aber der Mehr- zahl nach Italiener. Bei der letzten Papstwahl waren 34 Kardinale italienischer Abstammung und 24 ausliindische Kardinale stimm- berechtigt, wiewohl Italien kaum soviel Katholiken zahlt wie Amerika, wo nur ein einziger Kardinal kreiert ist. In den verschiedenen Kongregationen finden wir wiederum Ita¬ liener, die Entscheidungen fallen. Die Kirche wird vertreten durch Nuntien, oft selir junge Italiener, von denen man nichts hort, als wenn sie mit den Diplomaten den Hofball besuchen. Sie fallen Entscheidungen, die fur unsere Verhaltnisse nicht geeignet sind, oder wollen etwas einfiihren, was nur in Italien iiblich ist. Dafiir steht die Bildung des italienischen Klerus weit zurvick hinter der unseres Klerus. Man beachte es auch, daB sie im vatikanischen Archiv oder bei der Indexkongregation der Wissenschaft der Deutschen bediirfen. Die italienische theo- logische Wissenschaft ist gar nicht nennenswert. Nur die frhhere Zeit nennt einige hervorragende Dogmatiker und christliche Archaologen. Weder die Volks- noch die Mittelschule kann sich nur annahernd mit unseren Schulen vergleichen. Oft trifft man Geistliche an, die in Hotels herumziehen und Fremde um Mefistipendien angehen. Italien ist liberhanpt ein kulturell zuruckgebliebenes Land, namentlich in jenen Gebieten, die nicht zu Osterreich gehorten. Es ist die Heimat der Maffia und der Anarchisten, wo sich kein Fremder getraut, allein das Weichgebiet der Stadt zu ver- lassen. Soli nun der Klerus dieses Landes, der weder vor der Okkupation Roms, wo er noch die Macht in den Hiinden hatte, 298 noch jetzt imstande war, geordnetere religiose Verhaltnisse zu schaffen, den iibrigen viel intelligenteren Klerus auBerhalb Ita- liens in jeder Kleinigkeit leiten? Der Religionsunterricht ist aus den Schulen verbannt, die Lehrer gratulieren sich noch zu diesen Vei’haltnissen, wahrend noch in Deutschland der Reli- gion die gebiihrende Achtung entgegengebracht wird und noch die guten Sitten respektiert werden, wie sich Papst Leo selbst zum deutschen Kaiser auBerte. Man solle Italien nicht die kirch- lichen Voimechte, z. B. daB ein Italiener zum Papste gewahlt wird, nehmen, man darf sich aber auch nicht ganz unter das Kommando Italiens stellen. Sogar die Bezirkshauptleute erstatten dem Kaiser verschie- dene Berichte iiber ihre Bezirke und werden oft um Rat ge- fragt. So soli auch der Episkopat, der sogar in Glaubens- und Sittenangelegenheiten mitzureden hat, die von ihm als gerecht befundenen Wiinsche dem Papste vortragen, und zwar nicht einzeln, sondern in der Gesamtheit. Jetzt bemerken wir aber, daB bald der eine Bischof, bald der andere in irgend einer liturgischen Angelegenheit petitioniert, so daB Rom auf allge- meine Notvvendigkeit nicht schlieBen kann. Richtig ware es, wenn der gesamte Episkopat einheitlich die Bitte einreichen und sich hierbei auf den erfahrenen Seelsogeklerus stiitzen w tir de. Ich gebe hiermit keine Vorschriften dem Episkopat, sondern \vill den Leser nur zum Nachdenken anregen. Wird sich ein Wortlein hiervon als unrichtig herausstellen, werde ich es gern widerrufen. „MaB in allen Dingen” soli unsere Maxime bei allen Handlungen sein; deshalb sollen wir in Rom das sehen, was es ist, nicht aber meinen, daB alles, \vas von dort kommt, von Gott gewollt ist. Somit, weder ein unserem Volke schšidliches „Zuviel” noch ein „Zuwenig” in der Anhanglichkeit an Rom! Beides ist unrichtig! Jede Anhanglichkeit muB eine Grenze kennen! Zum Schlusse des Kapitels wieder eine kleine Betrachtung: Hiitte die weltliche Herrschaft des Papsttums bis heute noch fortgedauert, welche Affaren hatten wir \vohl angesiclits der Anarchistenattentate erlebt, wie \viirde die Kirche dastehen, wenn statt des Konigs Umberto Papst Leo durch den Dolch- stich des Morders gefallen ware und welchen Eindruck wurde es auf die katholische Welt machen, wenn der Papst stets mit einer grofi e n Schar Polizisten umgeben sem mufite? Da der jetzige Papst nach Zeitungsberichten als gewesener Pfarrer fiir die Vereinigung Italiens eingetreten sein soli, so wird es auch mir erlaubt sein, die zuvor erwahnte Frage zu beriihren. III. Verhaltnis der Kirche zur Politik. Christus selbst hat den Priestern ihren Beruf mit den Worten gegeben: „Gehet hin und lehret alle Volker etc.” Auch die Vernunft sagt uns, dafi der Priester dazu da ist, um die Men- schen Religion zu lehren, d. h. um ihnen die Liebe zu Gott, zu sich und den Mitmensehen beizubringen und sie mit den von Christus eingesetzten Gnadenmitteln zu unterstiitzen. Diese Berufsbestimmung des Priesters ist geniigend, um die Welt ihrem Ziele entgegen zu fiihren. Darnach richtete sich der Iierr selbst, richteten sich die Apostel und die ersten Missio- nare des Christentums. Sie suchten nicht politische Stimmung zu machen, drangten sich nicht in die Synedrien und in den Senat vor, sondern trugen einfach die Heilswahrheiten vor und begeisterten das Volk fiir die Betiitigung der Religion. Trotzdem haben sie den heidnischen Staat besiegt, weil das religios ge- bildete Volk von selbst die richtige, die Religion nicht be- kampfende Gesinnung fand und einen christlichen Staat ver- langte. Wenn dies nicht geschehen ware. so ware es ein Be- weis dafiir gewesen, dati der religiose Unterricht unzureichend war. Denn bei einem religios tief gebildeten Volke kann die religionsfeindliche Wissenschaft und Politik nie die Oberhand gewinnen. Wo sich diese zeigt, dort war eben die religiose Erziehung eine mangelhafte. Wenn somit der Priester einen hinreichenden Religions- unterricht erteilt, wird er auch indirekt eine religionsfreund- liche politische Gesinnung beibringen, soweit diese die Re¬ ligion beruhrt. Der Mathematiklehrer, der diese allgemeinen 300 Grundsatze der vier Rechnungsoperationen den Kindern bei- bringt, hat diese auch in den Stand gesetzt, im spateren Leben praktische Aufgaben zu losen, Rechnungen bei der Milch- und Holzwirtschaft zu vollziehen. Die erste und vorziiglichste Aufgabe des Klerus ist somit, die Menschen religios zu er- ziehen. Wer glaubt, durch politische Machtstellung religiose Friichte zu erzielen, ist ahnlich dem, der von seinen Schulern Losung praktischer Aufgaben verlangt, ohne ihnen die zugrunde liegenden Grundsatze beigebracht zu haben. Hie und da hilft das Vorrechnen, doch dauernde Kenntnis \vird nicht erworben, so hilft auch hie und da das Vorreden vom Werte der Religion u. s. w., um die Leute fiir eine politische Partei zu gewinnen, doch dauernder Erfolg ist es nicht. — Doch ein idealer Erfolg, der darin bestiinde, daB der Mensch sich bei jeder Handlung infolge seiner Religiositat objektiv richtig orientieren wiirde, kann nur selten erreicht werden. Deshalb ist noch immer eine gewisse Nachhilfe auch von Seite der Religions- lehrer bei den meisten Menschen notwendig, d. h. der Priester soli nicht ganz auf die Politik verzichten, nachdem seine erste und wichtigste Pflicht, der religiose Unterricht, erfullt ist. Diese Nachhilfe mufi sich jedoch auf Dinge beziehen, bei welchen das religios-sittliche Wohl und auch das dieses Wohl manchesmal bedingende, materi- elle Wohl des Volkes gefahrdet erscheint, nicht jedoch auf Dinge, die vom religiosen Standpunkte zweifel- haften Wert haben. Er wird nicht Parteibildungen unter- stutzen, die nur Folge der Meinungsverschiedenheiten und oft auch von Gehassigkeiten sind, sondern er wird stets auch in den kleinsten Dingen die Liebe, „die Fiille des Gesetzes”, beobachten. Die Meinung, daB es hohere Ideale in der Religion gebe, als es die Liebe ist, ist unrichtig. Deshalb soli der Priester nie agi- tatorisch gegen eine politische Partei auftreten, sondern iiberall belehrend, den richtigen Weg beleuchtend. Also weise ich nicht jede Politik zuriick, sondern finde sie inner- halb der den Priestern erlaubten Grenzen sogar gut, wenn sie nach getaner berufsmafiiger Arbeit ge- schieht. 301 Bedenkt man jedoch, was ich iiber die mangelhafte reli- giose Bildung in der Schule und in der Kirche gesagt habe, dann wird man leicht urteilen, was ich von der Politik des Klerus heutzutage halte. Es ist jene Arbeit, die der Rechnungslehrer mit den Zoglingen zur Losung praktischer Aufgaben unter- nimmt, ohne dab ihnen zuvor die Grundsatze des Rechnens bei- gebracht worden waren. So zahlen wir Parteien, auf deren Bildung und Entwicklung der Klerus durch sein Ansehen und durch seine Agitation sehr groben Einflufi hatte und noch hat. Die Anhanger rekrutieren sich meistenteils aus weniger ge- bildeten Kreisen, deren religioser Besitz noch unangefochten war, oder aus solchen, die die Religion iiberhaupt noch fur einen machtigen Kultur faktor halten. In Riicksicht auf den letzten Umstand durfen wir durchaus nicht annehmen, dab die Angehorigen der sogenannten christlichen Parteien auch iiber- zeugte Katholiken sind in der Weise, wie die Kirche sie heutzu¬ tage zu verlangen pflegt; im Gegenteil, gerade die lebens- kraftigen christlichen Parteien empfinden in der katholischen Kirche etwas, \vas ihnen nicht pafit und keine besondere Liebe fur die Kirche hervorrufen kann. Sie geben dieser Empfindung mit dem mehr geheimen, angstlichen Rufe nach Reform Aus- druck. DaB solche Parteien, in denen keine tiefe Uberzeugung herrscht und bei denen ein Stand, der geistliche Stand stets als conditio sine qua non zu ihrer Erhaltung not- wendig ist, nicht dauernd bestehen konnen, liegt auf der Hand. Sie verfallen dem religiosen Indifferentismus. Diejenigen Priester, die sich heutzutage dem politischen Leben hingeben, gehoren zu den intelligenteren und zu denen, welchen dasWohl der Kirche am Herzen liegt. Bei meiner Aktion will ich ganz besonders auf sie rechnen; deshalb liegt es mir ferne, diese als diejenigen liinzustellen, als welche sie die Gegner liinzustellen pflegen. Diese Priester seli en den geistigen Abfall eines groben Teiles des Volkes von der Kirche, sie leiden selbst als Piuester unter den Angriffen, die die Gegner gegen die Kirche unternehmen. Da ist es moglich, dab sie auf Grund ihrer Erziehung oder auf Grund der Zeitscliriften und apologetischer Werke glauben, dab in der Kirche wirklich 302 alles ideal, gottgewollt sei und daB nur der Weltgeist, der ich weiB nicht aus welcher Quelle entstromt, schuld sei an der Bedrangnis der Kirche und daO sorait dieser Geist mit Macht- mitteln bekampft werden miisse; oder es ist moglich, daB sie die oft nicht idealen Zustande in der Kirche wohl wahrnehmen, jedoch meinen, daB eine Aktion im Innern ohnehin aussichtslos ist; um doch die herrliche Festung der katholische Kirche zu retten, ergreifen sie das, was noch einen Erfolg verspricht, namlich die Politik. Auch die Seminarstudien, die infolge der Vortragssprache und der Methode keine besondere Anziehungskraft ausiiben, sind schuld, daB das Sinnen und Denken des jungen Theologen mehr um den leicht verstandlichen Inhalt der Zeitungen sich bewegt. In der Seminarabsperrung vertreiben sie ihm auch die Langweile. Das sind Griinde, wodurch die Neigung zur Beschafti- gung mit Politik gefordert wird. Die Beschaftigung mit Politik hat zweifache Wirkung, eine sammelnde und eine zerstreuende; eine sammelnde, indem sich die katholisch Gesinnten zu Parteien, also zu Machtfaktoren zusammenschlieBen, eine zerstreuende, indem wieder andere falsche Intentionen beim Klerus erblicken und auch fiir das auBere Auftreten der Kirche sich nicht erwarmen konnen, dar um abgestoBen \verden und sich immer mehr in die feind- lichen Lager begeben. Es entsteht die Frage, ob die sammelnde oder die zerstreuende Wirkung die Oberhand gewinnen wird? Solange die Kirche die in ihrer Lehre liegenden Krafte durch die Wahl geeigneter Mittel nicht verwertet, ist die sammelnde Wirkung der Politik des Klerus eine reiativ vor- teilhafte zu nennen. Dies ist so zu verstehen: Die Gegner hab en in der Politik schon einen weiten Vorsprung gehabt, als der Klerus anfing, die noch der Kirche Treuen zu poli- tischen Parteien zu organisieren, um wenigstens den Riick- zug der Kirche zu decken und manches Gute zu retten. Dort, wo die Politik unberucksichtigt blieb, hat die Kirche eine groBere Niederlage zu verzeichnen, als dort, wo der Klerus auch in die Politik eingriff. Der kirchlich religiose Zu- stand der Katholiken ist doch noch am besten in Deutschland, 303 Osterreich, Belgien, Irland und Spanien, wahrend anderswo die Kirche sogar aus der Heimstatte ihrer Tochter, der Schule, vertrieben wurde. In einer Nummer der Linzer Quartalschrift las ich den Ausruf eines Jesuiten: „Wohin wiiren wir wohl ge- kommen ohne das Regiment der Zentrumsabgeordneten!’ Die sammelnde Wirkung kann naturgemaB jedoch bis zu einem ge- wissen Zeitpunkte die starkere sein, namlich bis zu dem Augen- blicke, wo nichts mehr zu sammeln sein wird, da die der Kirche Treuen bereits gesammelt sind und sich somit zwei Heerlager entgegenstehen. Es muB ferner konstatiert werden, daJ3 die der Kirche Treuen der Mehrzahl nach landliche Be- wohner sind. Wie wird sich nun in diesem Augenblick, ¥0 nichts mehr zu sammeln sein wird, die sammelnde Wir- kung zur zerstreuenden stellen? Wird die Kirche durch die Politik die Sammlung im anderen Bager fortsetzen konnen oder wird das Umgekehrte geschehen, namlich, dah die Gegner An- hanger aus dem katholischen Lager hinuberziehen werden? Ich meine, es mufi das Letztere eintreten, wenn die Kirche nicht solehe Mittel wiihlt und ein solches Auftreten einnimmt, dafi sich die entfremdeten Kinder ihrer ehemaligen Hutter wieder nahern; denn sonst finde ich nirgends den Grund zu einer An- naherung. Die richtige Folgerung aus dem Gesagten wird somit sein, dafi nur fiir den jetzigen aufieren Zustand der Kirche und nur zeitweise die Beschaftigung des Klerus mit der Politik vorteilhaft sein kann, indem der Ruckzug der Kirche gedeckt wird und gleichzeitig die Kirche doch noch immer bessere Gelegenheit hat, sich auch vom Inneren aus zu starken, den Ruckzug aufzugeben und wiederzur Offensive iiberzugehen — doch dafi, wenn die jetzigen Verhaltnisse nicht geiindert vverden, auch alle Politik erfolglos sein wird. Wollen wir somit vordringen, dann heifit es, die Giaubigen durch religiosen Unterricht sammeln, sie durch kein fremdes Auftreten abstofien, und ihnen eventuell im politischen Streben innerhalb gewisser Grenzen nachhelfen! Die Politik des Klerus hat neben und gleichzeitig mit der sammelnden Wirkung auch eine zerstreuende, indem ein grofier Teil des Volkes, und zwar gerade der gebildetere in dem Poli- 304 tisieren des Klerus nicht so sehr das Streben erblickt, durch politische Macht die wahre Religiositat zu verbreiten als vielmehr das Bemuhen, iiber das Volk zu herrschen, wes- halb man sich vom Klerus und auch von der Kirche zuruck- zieht und in das feindliche Lager iibergeht. Wir konnen nicht aucli von Gebildeteren eine so genaue historische Kenntnis verlangen, um zu verstehen, daB nicht die verhaltnismaBig groBe Macht der Kirche im Mittelalter an den Ubelstanden schuld war, von denen die Geschichte richtig oder auch un- richtig berichtet. Der Laie pflegt niimlich diesen falschen SchluB zu machen: „Im Mittelalter ist dies oder jenes geschehen, was die Neuzeit perhorresziert; damals war die Kirche machtig: also ist die Kirche an den Cbelstiinden schuld; deshalb darf man dem Klerus keine politische Macht einraumen, um nicht reaktionar zu sein und in das finstere Mittelalter zuriickzufallen.” Phrasen, wie „Volksverdummer”, „Reaktionare”, „Finsterlinge” werden unter das Volk geschleudert, das den auf diese Weise geschilderten Feind zu meiden und zu hassen anfangt: Dies ist die zer- streuende Wirkung des Politisierens, welche um so starker wird, je mehr neben der Politik die wahre religiose Bildung vernaehlassigt wird. Ich weiB, daB das Endziel der geistlichen Politiker nicht bloBe politische Macht und das Motiv des Politisierens nicht Herrschsucht ist, sondern daB der Klerus durch die Politik der religiosen Aufgabe der Kirche Rechnung tragen will. Doch wenn ich naher das Ziel der geistlichen Politik untersucbe, so finde ich, daB die Furcht des Volkes vor einer allzu groBen Macht des Klerus gewissermafien berechtigt ist. Was wollen wir durch die Politik? Jedenfalls, daB wir zu einer poli- tischen Macht gelangen, die ihren Willen diktieren kann. DaB wir n ur soviel politisieren wollen, um eine štete Opposition gegen die herrschenden Parteien zu machen, so daB wir also in der Minoritat bleiben, kann im Ernste nicht behauptet w er d en. Das nachste Ziel ist somit doch der herrschende EinfluB des Klerus. Nun soli aber kein Stand, weder der Priester-, nocli der Lehrer-, noch der juridische, noch sonst ein Stand eine politische Ubermacht haben und seinen Willen dik- 305 tieren. Man denke an Serbien, wo das Militar die Schreckens- herrschaft ausiibt. Wiirde man sagen, dafi sieh der Klerus nach Dui-chsetzung seiner Forderung vom politischen Leben in die Sakristeien zuriickziehen werde, so wiirde man sich nur lacherlich maohen. Eine Macht zu erlangen, ist nicht so schwer, wie diese zu er- halten! Gerade da miiBte er sich besonders auf die Politik ver- legen, damit er seine Macht nicht verliert. Die Kirche besitzt eine absolutistische Klerusorganisation und der Klerus ist abhangig vom Episkopat. Erinnere man sich doch an die Geschichte der osterreichischen Klerustage! Somit ware audi die politische Tatigkeit des Klerus von einzelnen Oberhirten abhangig, die ihren Willen bei ihren Untergebenen durchsetzen konnten. Man sage nicht, der Episkopat habe kein Recht, EinfluB auf die politische Tatigkeit des Klerus zu iiben; denn statt des Rechtes gibt es hundert Mittel, durch die die Vorgesetzten ihren Willen bei den Untergebenen durchsetzen kbnnten. Die tagliche Erfahrung bestatigt es. Ubrigens, ich tausche mich nicht, wenn ich behaupte, daB der sogenannte „niedere Klerus” fiir den Fali, daB einmal die Klerusherrschaft durchgesetzt wixrde, zuerst die Hiinde falten und ausrufen wiirde: ab imperio ciericali libera nos Domine! tTberlegen wir doch griindlich den Wert und das Ziel der politischen Tatigkeit des Klerxxs! Wir wei’den dann den grimmigen HaB gegen alle politischen Bemiihungen des Klerus begreifen. Die zerstreuende Wirkung des Politisierens zeigt sich auch bei unserer speziellen Pastoration. Bei der Politik konnen wir uns nicht im entferntesten auf die Unfehlbarkeit unserer Grundsatze berufen. Da geschieht es, daB, wenn ein geistlicher Politiker in eine Pfarre kommt, er sich den Anhangern seiner Partei anschlieBt oder diese bevorzugt. Oft haben sich gute, religiose Leute durch Jahrzehnte in eine politische Ge- sinnung hineingelebt. Plotzlich sollen sie diese aufgeben. Von ihren Parteimannei-n und Parteiblattern werden sie auch falsch instruiert ixnd deshalb halten sie ihre Anschauung fiir 1’ichtig. Vogrinec, nostra culpa. 20 306 Plotzlich kommt der Priester, der doch ein Troster und Freund jedes Menschen sein soli, und fangt an fiir eine andere politische Richtung zu agitieren, die Gegner als falsch Unterrichtete etc. hinzustellen, was die Leute empfindlich beleidigt und der Kirche entfremdet. DaB hierbei auf die Sanftmut vergessen wird, bringt die Natur der Politik, die Leidenschaften nahrt, mit sich. Die Anhanger der Partei des Seelsorgers sind oft Leute, die aus purer Gewinnsucht sich dem Geistliclien anschlieBen und nicht immer im Rufe besonderer Religiositat stehen. Die Ver- heerungen, die durch derlei Vorgehen verursacht werden, sind grofi. Der politischen Spaltung in der Gemeinde folgt auch die religiose Spaltung. Der Geistliche, der durch politische Agi- tationen die Gemiiter entzweit liat und nach angerichteter Ver- wirrung seinen Posten verlafit, gilt als Held; derjenige, der mit dem Hirtenstabe jedem verlorenen Schaflein nachgeht, „arbeitet nichts”, „schadet mehr als er niitzt”. Das letzte Urteil fallte iiber meine Pastoration einer meiner Nachfolger auf einem schwierigen Seelsorgeposten. Dafi das Zuvorangefiilmte nicht fiir jene Priester gilt, die vom Volke zu politischen Fiihrern erwahlt werden und die nicbt, um einen leider eingerissenen Ausdruck zu gebrauchen, nur fiir klerikale Sachen eintreten, sondern volkswirtschaftliche und nationale Interessen im Auge haben, ist selbstverstandlich. Der Priester ist aus dem Volke hervorgegangen und hat auch das Recht, fiir die Interessen des Volkes einzutreten, wenn ihm dieses das Vertrauen schenkt. Ich dachte, dafi unser bekanntester priesterlicher Politiker, Dr. Scheicher, die Politik des Klerus fiir eine Notvvendigkeit ohne Rucksicht auf die Zeitverhaltnisse halt; da war ich er- staunt, als er in seiner Schrift „Der osterreichische Klerus- tag”, Seite 244 ff., schrieb: „Vielleicht ware es besser, wenn wir Priester alle nur auf geistlichem Gebiete beschaftigt waren, \venn wir uns saecularibus negotiis nicht eingemischt, die Politik ferne gehalten hatten. Leider war es eine Notwendig- keit, sehien wenigstens eine solche. Jedenfalls ist es aus guten Griinden geschehen und geschieht noch. Der katholische Teil des Volkes hatte einst und hat auch jetzt nicht uberall jene 307 Laienkrafte zur Verfiigung, die sein Interesse genugend selbst- los wahren konnten. Kommt die Zeit, wo man uns nicht mehr braucht, wo wir auch nicht mehr notwendig haben werden, gegen Religionshafi und Kirchenstiirmerei auf der Wache zu stehen, dann werden wir gewiB mit groBerer Freude in die Sakristei eilen, als wir sie verlassen haben. Ich mochte heute lieber, als morgen es tun, werde es aber wahrscheinlich nicht erleben. Denn heute und morgen bricht der Augenblickreli- giosen Friedens noch nicht an. Und des Menschen Jahre sind 70, heiBt es in der Heil. Schrift. Der Reformkatholik Scheicher hat also mehr an das Ende zu denken als an Werke, fur welche viele und lange Arbeit noch notig sein wird. Ich bin nur ein Mitmaurer, gebe meine Gedanken und Anregungen als Steine oder Steinchen zum Baue. Hoffentlich gibt es Maurer Gottes genug, welche fortarbeiten an dem Werke. Nicht unserer Person wegen wiinschen wir Priester alle, daB der Zug, der unver- kennbar groBe Mengen Menschen aus der Kirche hinausfiihrt, endlich zum Stillstande gebracht werde. Ich bin gekommen zu suchen, was verloren war! So lautet nach Christi Wort unsere Aufgabe. Menschen zu Gott zu fiihren mulil unser Tagewerk sein, nicht ein Fiirstentum kopieren zu helfen.” Zu den herrlichen Worten nur die Frage: Ware diese Politik in der Weise notwendig, wenn die Kirche durch Ande- rung ihrer bisherigen Taktik und mancher aufierer Einrich- tungen, namentlich aber durch hinlanglichen Unterricht den religiosen Frieden angebahnt hatte? Da sie die Wahrheit beherbergt, warum solite ihr nicht der Erfolg auch oline Politik gesichert sein? Das Resultat der vorherigen Ausfuhrungen: 1. Gute, religiose Bildung und Leitung der Men¬ schen weisen von selbst auf den richtigen politischen Weg. Ruhige, liebevolle Leitung von Seite des Klerus auf diesem politischen Wege ist am Platze. 2. Die politische Tatigkeit des Klerus bezweckt heutzutage dieDeckung des Riickzuges der Kirche vor Angriffen der Feinde. Auch diese Deckung ist macht- los zu einer gewissen Zeit, \venn nicht im Innern der be- 20 * 308 drangten Kirche selbst fiir hinlangliche Kraftigung Sorge getragen wird; denn 3. die Beschaftigung des Klerus mit der Politik hat unter jetzigen kirchlichen Verhaltnissen den Nach- teil, daB sich viele Katholiken abwenden und die Zahl der Gegner der Kirche vergroBern. IV. Das Verhalten des Klerus gegeniiber der Schule. Wer nur halbwegs in der Weltgeschichte bewandert ist, wird die Verdienste der Kirche um die Schule nicht leugnen. DaB es moglich ist, daB diese Verdienste herabgemindert oder geradezu ignoriert werden, ist ein Zeicheu, wie grofi die Feind- schaft der modernen Welt gegen die Kirche ist. Es ist eben eine psychologische Erscheiuung, daB man demjenigen, den man nicht liebt, gar keinen Vorzug und gar kein Verdienst zuge- stehen will, was bei der Kirche um so auffallender ist, als ja sie die Erzieherin der Menschen nicht blofi in religioser Beziehung, sondern auch in samtlichen kulturellen Gebieten tief bis in die Neuzeit gewesen ist. Doch auch das Verhalten der Kirche war nicht der Zeit- lage entsprechend. Die zur kirchlichen Erziehung ubernommene, minderjahrige Menschheit wuchs heran, strebte nach Selbstiindig- keit um so mehr, als sie sich der Grofijahrigkeit niiherte. Diese GroBjahrigkeitserklarung wurde durch die Reformation vor- bereitet, durch die zu verschiedenen Zeiten in einzelnen Landern ausgebrochenen Revolutionen aber gewaltsam durehgefiihrt. Mit diesem Streben nach Freiheit hat die Kirche zu wenig ge- rechnet. Sie wollte noch dieselben Mutterrechte ausiiben wie zur Zeit der Minderjahrigkeit und klagte und klagt, daB ihr diese Mutterrechte nicht konzediert wurden und auch jetzt nicht mehr konzediert werden. Hatte sich die Kirche nunmehr mit der Stellung einer miitterlichen Ratgeberin und Lehrerin be- gnugt, so ware kein so beklagenswerter Zwist zwischen der Mutter und ihren Ziehkindern eingetreten. Dieser Zwist hatte zur Folge, dafi man jede Beziehung mit der Kirche brechen 309 wollte, ihr die Schule entrifi und in manchen Landern sogar den Religionsunterricht aus der Schule eliminierte. Die moderne Schule hat im Verhaltnisse zur alten Schule riesige Erfolge in weltlichen Fachern zu verzeichnen, doch die religios sittliche Erziehung der Menschen ist auf gleicherStufe geblieben oder auch zuriickgegangen, sei es, dah iiberhaupt kein Religionsunterricht erteilt worden, sei es, dafi er aus den in den ersten Kapiteln ersichtlichen Griinden erfolglos geblieben ist. Dazu kommt noch, dati die weltliche Lehrerschaft dem religiosen Unter- richte feindselig gegenuber steht, weil sieimKlerus dieGegner der modernen Schule erblickt. Die Lehrerschaft, die besser gebildet ist wie in der friiheren Zeit, perhorresziert die alten Schulverhaltnisse und erblickt bei der harmlosesten Kritik des Klerus iiber die jetzigen Schulverhaltnisse einen klerikalen Vorstofi gegen die moderne Schule. Hatte die Kirche in friiherer Zeit, wo sie noch die Be- sitzerin der Schule war, mehr auf die padagogische Einrichtung der Schule, auf die Schaffuug entsprechender Schulgesetze, auf die bessere Ausbildung der Lehrer Bedacht genommen, dann ware die Trennung nieht eine so plotzliche, die Ab- neigung z\vischen Kirche und Schule eine nicht so grofle ge- worden. Nicht bloB in Osterreich, sondern auch in Deutschland, noch mehr aber in anderen Landern, nimmt die Lehrerschaft eine feindselige Haltung gegenuber der Kirche ein. Dieser Zwist wird genahrt durch Resolutionen in den Versammlungen auf beider Seite, durch die Presse, durch die Politik, durch privates Verhalten beider Streitenden. Die Lehrerschaft meint, sobald der Klerus iiber „die Glaubenslosigkeit” der Schule lilagt, man wolle die alten Schulverhaltnisse wieder einfiihren, \vo ein Lehrer so schlecht besoldet wurde, wie z. B. noch jetzt im christlichen Tirol. Bei uns in Karaten gibt es keinen ein- zigen Lehrer, der gewillt ware, offen fiir die Kirche einzutreten — wodurch ich nicht der Lehrerschaft etwas Nachteiliges nachsagen, sondern nur die Tatsache der geschilderten Ver¬ haltnisse konstatieren will. 310 Man begeht noch heutzutage in den christlichen politischen Parteien auf Anregung des Klerus die Ungeschicklichkeit, daB man wenigstens fiir das Land die Verkiirzung der Schuldauer verlangt. Zunachst klagt man iiber zu wenige Religionsstunden, dann will man eine Verkiirzung der Schuldauer, somit gleich- zeitig des Religionsunterrichtes, und zwar gerade bei den Kindern vom 13. bis 14. Lebensjahre, die fiir die Religions- wahrheiten am empfanglichsten sind. Man arbeitet gegen sein eigenes Interesse. Vielleicht erfordert es das soziale Wohl des Volkes, daB 1. die Kinder friiher zur Arbeit angewohnt werden, 2. nicht allzu gebildet werden und dann sich vor der Arbeit scheuen, 3. dem Bauer infolge Dienstbotenmangels auch materiell nach- helfen?! Ich erklare es offen, daB derlei Anschauungen eines denkenden Menschen, der Liebe zum Volke hat, unwurdig sind. Im vorigen Kapitel stellte ich den Satz fest, daB auch die Religion fordert, daB eine Verkiirzung der Rechte zugunsten eines andeien nicht geschehen diirfe und daB auf die moglichste Ausgleichung beziiglich des Genusses der Wohltaten dieser Erde hingearbeitet werden miisse. Dies ist aber nur erreichbar, wenn sich auch der jetzt gesel lschaftlich Tiefer- stehende seiner Stellung bewufit ist und auch sich genii- gende Intelligenz erwirbt, um sich die Gleichberechtigung und Gleichstellung auch wirklich zu verschaffen. Zur Erreichung dieser Intelligenz ist die Schule da, die somit namentlich dem Armen zugute kommen muB. DaB er des- halb weniger Arbeitslust zeigen wiirde, ist unrichtig. Im Gegenteile, je gebildeter der Arbeiter ist, desto fleiBiger wird er unter sonst gleichen Verhiiltnissen sein. DaB er sich nicht zu einem Sklaven erniedrigen will, wie es leider Arbeitern und Dienstboten an manchen Orten, sowohl in der Stadt als auch namentlich auf dem Lande geschieht, ist auch vom reli- gidsen Standpunkte aus erfreulich. Der Mensch soli sich seiner gottlichen Abstammung bewuBt sein, damit er nicht wie ein Tier behandelt werde. DaB die Arbeitsscheu in manchen Fallen auf tri tt, ist mehr eine Folge der hauslichen Erziehung. Wenn 311 die Eltern sehen, daB ihr Kind etwas inehr kann wie sie, dann meinen sie, es diirfe nicht arbeiten, da es zu Besserem be- stimmt sei. Wenn sie wollten, konnten sie dem Kinde Gelegen- heit genug geben zur Angewohnung an die Arbeit, da doch die Schule nicht die ganze Zeit des Jahres in Anspruch nimmt, sondern nur etwa den achten Teil. Gute Ausbildung in der Schule und die Angewoh- nung an die Arbeit zu Hause bedingen tiichtige Land- wirte und Handwerker, die nicht nur arbeiten, sondern auch verniinftig mit den Produkten ihres FleiBes um- gehen, ohne denLohn ihrerMuhe den intelligenten Aus- beutern auszuliefern. DaB dieLeute die Arbeit auf demLande meiden, daran sind die miBlichen wirtschaftlichen Verhaltnisse schuld. Der Feldarbeiter hat keine Erholungsstunden, sondern ist stets im Betriebe wie eine Maschine. Er fallt auch in sitt- licher Beziehung, da ihm keine Gelegenheit zur Grundung eines Familienstandes geboten wird. Die Fabriksarbeiter und Stadt- arbeiter sind Familienvater und Herren, der Landarbeiter, der Knecht muG beim Vieh im Stalle wohnen und sinkt im Alter zu einem Bettler herab. Soli man die Armen deshalb nicht so ausbilden lassen, damit sie nicht etwa ihre elende Lage auf dem Lande einsehen, wo ihnen im Alter der Bettlerstab winkt, und sich nach einem besseren Brote sehnen? DaB die landwirt- schaftlichen Verhaltnisse saniert werden, dazu ist bauerliche Selbsthilfe notwendig, die abermals bessere Bildung, somit die Schule zur Voraussetzung hat. Wenn wir meinen, daB durch die Steuerlast, die vielfach auch durch die Schulen verursacht wird, der Bauer erdriickt wird, so miissen wir bedenken, daB dort, wo MaBigkeit und Be- sonnenheit unter den Bauern herrscht, diese gar nicht so arg empfunden wird und daB die oft verschwenderischen Ausgaben bei Tanzunterhaltungen, Kirchweihfesten, Hochzeiten, Beerdi- gungen u. dgl., uberhaupt in den Gasthauseim, von denen oft eines auf hundert Personen kommt, ungleich bedeutender sind. DaB das Kind dem Bauer in den zwei letzten Schuljahren bei der Arbeit aushelfen kann, ist richtig. Doch diese Arbeit geschieht im Sommer; nun dann sind diese Kinder ohnehin 312 vom Schulbesucbe gesetzlich dispensiert. Es ist eine wahre Wohltat von groBer sittlicher Tragweite, wenn diese Kinder im Winter in die Schule gehen, anstatt zu Hause geistig und korperlich zu verkummern. Es ware sogar ratsam, wenn sie noch iiber das vierzehnte Lebensjahr im Winter die Schule besuchten. Ubrigens in der Praxis handeln wir anders. Es bestehen eine Unzahl von klosterlichen Anstalten, in die auch die Bauernbevolkerung ihre Kinder schickt, ohne daB sie deshalb fiir die Landwirtschaft erzogen wiirden. Nur in Niederoster- reich beabsichtigt man in den Waisenhausern auch gute land- wirtschaftliche Arbeiter heranzuziehen. Wenn wir dem Land^ manne helfen wollen, so sorgen wir fiir eine gute religiose und sonstige Ausbildung, veranstalten an verschiedenen Orten durch Klostervereine oder Ordensleute land- wirtschaftli che Kurse. Ebenso sollten Nonnen von Ort zu Ort durch mehrmonatliche Kurse die Madchen zu einer guten Hauswirtschaft, Milchwirtschaft etc. anleiten. Solche wandernde Kurse wiirden gleichsam eine landwirtschaftliche Mission fiir die Landbevolkerung werden. Aus dem Vorhergehenden ist aber nicht zu schlieBen, daB der Klerus schulfeindlich ware, er, der die ersten Schulen gegriindet und tausende von Schulen noch griindet und leitet. Ich wollte nur manchen irrigen Anschauungen des Klerus, die sich von Generation zu Generation fortpflanzen und den An- schein erwecken, als ob der Klerus die alte Schule zuriick- verlange und ein Interesse habe, daB das Volk nicht eine bessere Bildung bekomme, entgegentreten. Die Schule ist heutzutage zum Teile noch in der Ent- wicklung begriffen, nach meiner Meinung steht sie auch nicht auf der Hohe der Zeit. Es wird auch keinen Einsichtigen geben, der das behaupten wollte. Wir Geistliche mussen aller- dings ein Interesse haben an der Weiterentwicklung der Schule; denn je gebildeter das Volk wird, desto griindlicher und tiefer wird die religiose Erkenntnis. Wir sollen jedoch nicht abfallige Kritik an der Schule iiben, sondern positiv und wissenschaftlich ihre Ziele fordern, wozu wir 313 durch unsere hohe Bildung und namentlich durch die prak- tische Erfahrung, die wir uns als die intimsten Kenner des Volkes angeeignet haben, besonders berufen sind. Man hort oft die Klage liber zu wenige Religions- stunden. Tatsachlich ist diese Klage fiir ein- und zweiklassige Schulen. deren es bei weitem die Mehrzahl gibt, berechtigt. Es konnte vielleicht erreicht werden, daB hier die Stundenzahl auf drei erhoht wiirde. An den mehrklassigen Schulen ist bei richtiger Methode, bei richtigem Lehrplane und bei richtigen Lehrmitteln die Stundenzahl hinreichend. Beim herrschenden Priestermangel werden kaum die heutigen Religionsstunden iiberail ausgenutzt. Geschieht es ja, daB manchmal ein Katechet in Wien iiber dreiBig Stunden Religionsunterricht erteilen muB. Auf dem Lande ist der Zwist zwischen dem Klerus und der Lehrerschaft von groBem Nachteile fiir das Volk. Fangt der eine Teil mit irgend einer guten Institution an, so arbeitet der andere dagegen und umgekehrt. Die Lehrerschaft huldigt der liberalen Richtung, der Klerus der entgegengesetzten und so wird das Volk in allen Orten in zwei Parteilager gespalten, die sich gegenseitig bekampfen. Nur der Gastwirt hat den Nutzen, der sich stets auf die Seite der Partei stellt, von der er am meisten Gewinn erhofft. Er ist auch der ausdauerndste Agitator der Partei, solange ihm diese ihr eriibrigtes Geld zubringt. Als Resultat dieses Kapitels wird somit gefordert: 1. DaB der Klerus der Schule nicht kritisierend und im Vergleiche zur alten Schule die Tatigkeit der Neuschule ver- kleinernd entgegentrete, sondern in positiv-wissenschaftlicher Weise fiir ihre Entwicklung weiterarbeite. 2. Sich namentlich nicht der falschen Anschauung hin- gebe, als ob durch langeren Schulbesuch das Wohl der Land- wirte benachteiligt werde. 3. DaB er durch einen richtigen Religionsunterricht in den Lehrerbildungsanstalten, durch ein seiner hohen Bildung und seinem Priesterberuf entsprechendes Benehmen fiir ein eintrachtiges Wirken zwischen Kirche und Schule sorge. 314 Es ist wahr, daB junge Lehrer, oft mit kaum 19 Jahren, ein unhofliches, provozierendes Benehmen gegeniiber dem Klerus an den Tag legen. Es ist dies jedoch die Folge der allgemeinen, gegen den Klerus gerichteten Zeitstromung. Sobald 'diese Zeitstromung auf Grund eines besseren Unterrichtes nacblassen wird, wird das Entgegenkommen auch ein anderes, namentlich wenn fiir einen pšidagogischeren religiosen Unter- richt in den Lehrerbildungsanstalten Sorge getragen wird. Nachtrag. Zum Kapitel iiber die Schule fiige ich gleich- sam als Nachtrag hinzu, daB wir nie fiir Thesen eintreten sollten, die sich nicht ganz aufrecht erhalten lassen. Nament¬ lich sollen diese Thesen nicht unter der Flagge der katholischen Kirche behauptet werden. Vor Jahren gab bei den Slovenen ein gelehrter Professor eine theologische Zeitschrift heraus, betitelt „Der romische Katholik”. Hier vertrat er mit Zahigkeit •den Grundsatz, daB sich das Weib fiir keinen Lehrberuf, iiber- haupt fiir keinen Beruf, fiir den groBere Studien notwendig sind, •eigne. Unter den Lehrerinnen erregten seine Ausfuhrungen .groBen VerdruB und Arger. Nun, heutzutage haben die Nonnen fast in jedem Lande eine Lehrerinnenbildungsanstalt, inBulgarien leiten sie sogar ein Madchengymnasium. Von den Bischofen selbst werden derlei Anstalten protegiert. Wozu somit jene hartnackig verteidigten Thesen, die nur Unwillen gegen den Klerus und die Kirche hervorrufen und manche fromme Lehrerin abwendig machen, und dazu noch in einer Zeitschrift, betitelt „Der romische Katholik”?! Die Zeitschrift hat auch einen geistlichen Dichter ver- urteilt, bei dem das, was beanstandet worden ist, viel harm- loser war als manches, was die von den Bischofen protegierten geistlichen Dichter heutzutage in den belletristischen Schriften dichten. Der geistliche Dichter war der Liebling der Nation, d.ie sich iiber die Ausfuhrungen des geistlichen Kritikers be- leidigt fiihlte. Es ist begreiflich, daB die Erbitterung gegen die Kirche auf diese Weise geniihrt wird. Also nicht etwas als „katholische” Anschauung aufstellen, was nur per- sonliche Anschauung ist! 315 V. Unum est necessarium. Der Klerus muB sein ganzes Streben darauf richten, daB sowohl die gesamte Menschheit als auch der Einzelne religios werde, und daB die Religiositat alle Handlungen der Men- schen beeinflusse. Die religiose Erziehung muB so eingerichtet werden, daB sie Friichte bringe, daB die Menschen gute Werke verrichten, Krankenhauser, Waisenhauser und andere charitative Anstalten grunden. Wir Geistliche sollen an uns selbst die Friichte der Religion sehen lassen und den Glaubigen mit gutem Beispiele vorangehen, doch sollen wir nicht alle uns zur Verfiigung stehenden Krafte zunachst darauf verwenden, den Erfolg oder das Resultat selbst zustande zu bringen, statt daB wir diese Krafte dazu verwenden wiirden, um die Menschen dazu anzuleiten, selbst den Erfolg oder das Resultat der religiosen Erziehung hervorzubringen. Wir sollen nicht mit unseren Mitteln z. B. charitative Anstalten errichten, um gleichsam zu zeigen: Sehet, das sind die Friichte unserer religiosen Erziehung, sondern alle unsere Mittel sollen wir zunachst vervrenden, um uns den Erfolg unserer Bemiihungen bei den Glaubigen zu sichern. Wir sollen nicht den Rechnungslehrern ahnlich sein, die selbst die Rechnung vollziehen, anstatt die Schiller zur Losung der Rechnungsaufgabe anzuleiten. Auf Verbreitung und Festigung des Glaubens und christlicher Sitten sollen wir in ersterLinieausgehen; erst wenn nach Erreichung dieses Zweckes iiberschiissige Mittel und Krafte vorhanden sind, konnen wir charitative An¬ stalten ins Leben rufen. Man wird sagen: Dadurch, daB wir derlei Anstalten grunden, zielen wir ja auf eine grundliche Religi¬ ositat. Dies ist wohl sehr schon gesagt; ist es jedoch klug, die- selben materiellen und geistigen Mittel, die zum Unterrichte und Erziehung weiter Massen der Bevolkerung ausgereicht hatten, zur Griindung von Anstalten zu verwenden, die nur einem Hundertstel oder Tausendstel der Katholiken zugute 316 — kommen? Wir sollen das „eine Notwendige” bei allen Menschen zunachst im Auge haben und zunachst „das Reich Gottes suchen, da uns das iibrige gegeben wird”. Das Folgende wird diesen meinen Gedanken begreiflich machen. Die Gewissens- erforschung, die wir iiber diesen Punkt anstellen sollten, ware folgende: 1. Haben wir dafiir gesorgt, daB alle Schulkinder iiber geeignete Religionsbiicher verfiigen, dali jede Schule gute er- bauende Bilder besitzt? 2 . DaB alle Schiller iiber gute Gebet- und Gesangsbiiclier verfiigen? 3. Haben wir an den Mittelschulen fiir gute religiose Biblio- theken gesorgt, haben wir den Schiilern die kommentierte Pleilige Schrift in die Hand gegeben, haben wir den Armeren gute Gebet- und Gesangsbiicher gratis verschafft? 4. Haben wir auch dafiir gesorgt, daB sich in der armsten Keusche die Heilige Schrift oder ein gutes Andachtsbuch vor- findet, woraus der Arme, wenn er verhindert ist in die Kirche zu gehen, seine Andacht schopfen konnte? 5. Sorgen wir iiberhaupt fiir die Sonntagslektiire der Glaubigen durch Verbreitung von Andachtsschriften in der von mir beschriebenen Weise? 6. Sorgen wir fiir gute religiose Lekture fiir die Ge- bildeten? 7 . Bauen wir in den Stadten genug Kirchen, damit die Glaubigen nicht drauBen stehen miissen oder iiberhaupt kein Gotteshaus haben an den Orten, wo die katholische Be- volkerung schnell angewachsen ist? 8. Haben wir die armen Kirchen unterstiitzt, damit nicht eine Kirche von Gold und Silber strotzt, die andere verwahr- lost dasteht? 9. Haben wir fiir guten Ivirchengesang gesorgt, den armen Kirchen Noten gekauft, Organisten ausgebildet, damit sie einen wiirdigen Gesang auffuhren konnen? 10. Haben wir arme, schlecht besoldete Priester unterstiitzt, die viel ersprieGlicher wirken konnten, wenn sie die Mittel besaBen? 317 11. Haben wir fiir die Heranbildung guter Katecheten, tiichtiger Mittelschullehrer und Seminarprofessoren gesorgt? 12. Haben wir fiir geeignete Wohnung und fiir geeigneten Unterhalt der Priesteramtskandidaten Sorge getragen, damit sie gesund und munter in die Seelsorge treten? Wenn wir fiir das alles gesorgt haben, dann nur Geld her und bauen wir Kloster verschiedenster Gattung! Errichten wir statt des Staates Schulen, statt der Gemeinden Waisen-, Siechen- und Krankenhauser, bauen wir Knabenseminare und namentlich die freie katholische Universitat in Salzburg! Gut ware es, wenn wir verschiedene Sparkassen und Ge- nossenschaften griinden wiirden. Freilich kame die Griindung der letzteren von Seite des Klerus er st dann an die Reihe, wenn es festgestellt ist, daB der Klerus bereits das Volk zur hinreichenden Intelligenz, zur MaBigkeit und Selbst- beherrsohung, zur Betatigung aufrichtiger Nachsten- liebe gebracht hat. Eine Bemerkung zur beabsichtigten Griindung der katho- lischen Universitat! Ich zweifle, dafi der gesamte katholische Klerus besondere Hoffnungen auf diese Universitat setzt. Die Salzburger wollen eine Universitat und animieren die katho¬ lische Welt dafiir. Gut wird sie jedenfalls werden; doch sie wird Millionen verschlingen, die anderswo vielleicht zehn- mal mehr erreichen wiirden. Die bestehenden katholischen Universitaten in der Schweiz und Frankreich werden so minimal frequentiert, daB ihre Bedeutung vollends verschwindet. Die Phrase von der Ruckstandigkeit der Kirche wird gerade die Besten ab- halten, sich dem Studium in einer Provinzstadt zu widmen, wo der Unterhalt viel kostspieliger ist als im Kulturzentrum des Reiches. Auf keine Nebenbeschaftigung, durch die sich die armen talentierten Studenten forthelfen, auch auf keine Sti- pendien hat der Študent Aussicht. Wird der Staat auch die Absolventen dieser Universitat zu besseren Amtern zu- lassen? Wir finden nicht einmal genug Theologiestudierende und auch keine geeigneten Seminar- oder theologische Universitats- 318 professoren. Woher wird man die Professoren bekommen? Sind sie nicht tiichtig,. wird sie jemand anhdren? Wie es in anderer Beziehung auf dieser Universitiit zu- gehen mag, wird der Denkende ersehen, wenn ich die Appro- bation des bereits genannten Buches „Der Religionsunterricht an unsei-en Gymnasien” von Dr. Virgil Grimmich ohne Kom- mentar hier anfiihre. Die ganze katholische Welt muBte dem verstorbenen Professor fur die auBerordentlich fleiBige und tiichtige Arbeit dankbar sein. Nun der Wort]aut dieser Appro- bation: „Das Manuskript „Der Religionsunterricht an unseren Gymnasien” von Dr. Virgil Grimmich, Professor in Prag, zum Zvvecke der kirchlichen Druckerlaubnis vorgelegt, enthalt nichts, was mit der katholischen Lehre in Widerspruch stehen oder gegen dieselbe gedeutet werden konnte. Nach dieser Richtung hin wird die Dimckerlaubnis ohne Bedenken erteilt. Es kann aber nicht unbemerkt gelassen werden, dafi der von dem Ver- fasser in diesem Manuskripte fiir den Religionsunterricht an den osterreichischen Gymnasien empfohlene Lehrplan mit dem von dem hochwurdigsten osterreichischen Episkopate im Jahre 1894 einstimmig beschlossenen Lehrplan nicht iibereinstimmt. Aus diesem Imprimatur kann und darf daher keineswegs eine GutheiGung des von dem Verfasser empfohlenen Lehr- planes abgeleitet werden. Es wird dem Verfasser selbst iiberlassen, bei der Heraus- gabe seines Buches in geeigneter Weise auf diese Erklarung aufmerksam zu machen. Vom f.-e. Ordinariate. Wien, am 27. Marž 1903, Z. 2166. Kornheisl . In Vertretung: Kanzleidirektor. Dr. G. Marschall, Weihbisohof.” Wertlose Broschiiren, die uberschwangliche Lobpreisungen auf veraltete kirchliche Institutionen enthalten, werden dafiir von manchen Ordinariaten warmstens empfohlen. Sapienti sat! Schluft. i. An die Laien. Es ist moglich, daB diese Schrift auch von Laien gelesen ivird. Solite dies nicht geschehen, so will ich hier auch fiir dem Klerus einige Punkte hervorheben, auf deren Grund sie ein religioses Gesprach mit den Laien anlmiipfen konnen. Moglich ist es, daB nachstehende Zeilen auch vielen Priestern, bei denen selbst der Glaubensinhalt nicht mehr fest ist, was bei- mangelhafter philosophischer Bildung in den Erziehungs- anstalten sehr leicht eintreten kann, niitzlich sein konnen. Der Mensch braucht lange Zeit, um gerade liber die Reli- gion ins Reine zu kommen, sobald er einmal zum Skeptiker ge- worden ist. Es ist nicht so leicht, sich bestimmte und feste reli- giose Anschauungen anzueignen. Mir hat es nie leid getan, Theo- logie studiert zu haben, wenn auch die trostlosen Zustande unserer Kirche einem Tag fiir Tag Bitterkeiten bereiten, da ich einer- seits dureh das Studium derselben Gelegenheit gehabt habe, zur religiosen Ruhe zu gelangen, anderseits befahigt worden bin, fiir den nach meiner tlberzeugung wichtigsten Faktor des Menschen- gliickes, fiir die Religion arbeiten zu konnen. Wiirde ich nicht iiberzeugt sein, daB die Religion tiefer wie jede andere Regung des menschlichen Seins in der Seele des Menschen von Natur aus festgewurzelt ist, somit etwas Reelles, Unleugbares ist,. und daB auf der Religion das gesamte richtige ethische Leben aufgebaut ist, somit die Religion von immensem Wert fiir die 320 Menschheit ist, so wurde ich nie eine Silbe zugunsten derselben schreiben, sondern ich wiirde mich freuen, wenn einmal diese kunstlich erzogene religiose Neigung ihr Ende fande. Jeden Schlag auf die Religion wurde ich als Fortschritt des mensch- lichen Geistes bezeichnen. Meine Verhaltnisse haben mir iiber- haupt Zeit genug erlaubt, um alles, \vas mir im Laufe der Zeit, ■entweder durch die Lehrer, Biicher oder durch die Umgebung beigebracht worden ist, auf seine Richtigkeit zu priifen. Man- ches, was mir ehemals als wahr vorkam, habe ich weg- geworfen. Ich etklare unumwunden, dah es mir leicht ge- wesen ware, auch jede religiose Uberzeugung aufzugeben, wenn ich hinreichende Griinde dafiir gefunden hatte. Doch es geschah, daB je mehr ich iiber die Religion nachforsclite, desto mehr sie mir als dasjenige Band vorkam, welches uns in unsichtbarer und geistiger Weise an Gott als un- seren Schopfer b in det. Es ist eine groBe Selbsttiiuschung und ein Unfug der Wissenschaft, wenn jemand den religiosen Zug der Seele verleugnen oder wenn die Wissenschaft diesen als imaginar hinstellen wollte. Wiewohl jeder Mensch das Recht hat, iiber die Religion Urteile zu fallen, so ist jede andere weltliche Wissenschaft als solche am wenigsten berufen, endgiltige Urteile iiber die Religion ab- zugeben. Die Philosophie, die neben der Theologie am ehesten berechtigt ist, nach der religiosen Anlage des Menschen zu forschen, hat fast ausschlieBlich die Religion als etwas Reelles konstatiert, freilich verschieden je nach den Gesichtspunkten ihrer philosophischen Theoreme. DaB die religiosen Forschungen nicht immer richtige Resultate erzielen, daran ist am meisten derUmstand schuld, daB man diese Forschungen auf unrichtige Weise und in unzu- langlichem MaBe anstellt. Zu religioser Forschung geniigt es nicht, daB man sein eigenes Innere erforscht, sondern es ist notwendig, daB man das Denken und Fiihlen vieler Hunderte von Menschen, und zwar solcher, die nicht aus Mode, wie die Stadtleute, ihr Denken und Fiihlen verhehlen, abgeschlossen leben und selten ihr ivahres menschliches Empfinden an den Tag legen, erforscht. In den Kreisen, wo der erste des Monates 321 der Geber alles Guten ist, oder wo man nur Zinsen von ange- legten Kapitalien einstreicht, da hat man nicht Zeit, in sich selbst zu gehen und sich uber seine Bestimmnng Rechenschaft zu geben, sondern man sinnt, wie man sich das Leben versiiBen solite. Das Denken und Reden richtet sich nach dem der mo- dernen Sophisten, die glauben, alles zu wissen und zu verstelien und die ihr Scheinwissen in hochtrabende Phrasen kleiden. Ganz anders ist es beim armen Mann, der um das tagliche Brot kampft und mit vielen Unannehmlichkeiten des Lebens zu tun hat. Er wendet oft seinen Blick nach oben, zu seinem Belohner in der Ewigkeit, um nicht uber das Geld des Reichen herzu- fallen und sich eine bessere Existenz zu verschaffen. Es ist wie bei einem Kranken, der infolge langwieriger Krankheit sich iiber sein inneres Leben informiert, wahrend der Gesunde sich gar nicht kiimmert, wo er seinen Magen oder sein Herz hat. Die Religion ist allen Menschen angeboren. Sogar bei einer materialistisclien Weltanschauung miissen religiose Funda- mente zugegeben werden. Diese Anschauung sieht iiberall Natur- krafte, die den Lauf der Welt, das Leben der Menschen, der Tiere, Pflanzen, uberhaupt des Weltalls bestimmen. Man brauclit nicht ein Naturforscher zu sein, um die Einheitlichkeit dieser Krafte, ihr harmonisches Wirken auf Grund eines einheitlichen Prinzipes einsehen zu konnen. Wie empfinden diese Krafte? Sind sie sich selbst ihrer bewu6t? Wir wissen nicht, welches Empfin¬ den die Tiere, die Pflanzen etc. haben, wir konnen allein an uns dieses selbstbewu8te Empfinden oder Sichgewahr- werden abmessen; und bei diesem Abmessen des Empfindens unserer menschlichen Krafte finden wir, dafi es bei allen Men¬ schen ein und dasselbe einheitliche Motiv ist, wodurch wir Achtung vor einer hoheren gemeinsamen Kraft, Freude an Gutem, Abscheu an Bosem haben, uns dem Niichsten nahern, in ihm unseren Lebensgefahrten respektieren etc. Sind das nicht religiose Erscheinungen ? Ist nicht das Bemuhen des materialistisch gesinnten Menschen, bei allen Akten dem Zuge der inneren Krafte zu folgen, gleichbedeutend mit unserer Lehre, daB wir die Stimme des Gewissens, die Stimme Gottes, der hochsten Kraft nicht uberhoren sollten? Vogrinec, nostra culpa. 21 322 Doch die Wissenschaft negiert die Religion? Welche Wissenschaft denn? Irgend eine kompetente, etwa die Theologie oder die Philosophie? Ist das immer wirkliche Wissenschaft, \vas die Hochschulprofessoren manchesmal bieten? Nur die Mathe- matik und die elementare Physik dulden keinen Widerspruch, die iibrigen Wissenszweige haben mehr einen subjektiven hypothe- tisehen Wert. Nicht die Professoren sind die groBten Denker, sondern sie beschaftigen sich vielfach mit den Errungenschaften, die die Nichtprofessoren erreicht haben. Sind die technischen Errungenschaften wie auch die wissenschaftlichen Erfolge wirklich den Hochschulen zu verdanken? — Die einseitige Ausbildung hat zur Folge, dafi manche Professoren die Welt auch nur in ihrer Einseitigkeit betrachten; weshalb sie oft zum Gespotte der weltklugen Manner werden. Wer sich jemals fiir Prozesse interessiert oder arztliche Diagnosen gebraucht hat, der wird uber die Exaktheit der bezuglichen Wissenschaften sich ein entsprechendes Urteil gebildet haben. Und da soli ihr Urteil in religioser Beziehung so maBgebend sein, daB man sich darauf berufen solite? Alle Achtung und gebiihrenden Dank der Wissenschaft und ihren Vertretern, die nach Wahrheit und dem den Menschen Nutz- baren forschen, doch einen entschiedenen Protest gegen das Vor- gehen jener Talmiforscher, die ihr Forschungsgebiet verlassend, dem unkundigen Volke hypothetische, unbestimmte Resultate als bestimmte vorstellen und namentlich die Religion, die Jahr- tausende das Leitmotiv der menschlichen Handlungen war und ist und die von einzelnen wohl geleugnet, doch von der weit- aus groBten Zahl nicht verworfen werden kann, als leeren Menschenwahn hinstellen, ohne nur annahernd einen Ersatz fiir die Religion angeben zu konnen; denn was mit der Phrase Humanitat bezeichnet wird, ist doch nur ein enger Begriff der Religion! Ich bemerkte auf dem Lande und in der Stadt, daB diejenigen, die durch ihre Bildung uber die anderen erhaben zu sein sich diinkten, zunachst iiber die Religion sich hinweg- setzen zu miissen glaubten. Ob nicht auch manche hochgelehrte Plerren iiber die gewohnlichen Menschenkinder eben dadurch her- vorragen wollen, daB sie das, was dem Volke das Teuerste ist und 323 was aus der innersten Uberzeugung desselben entspidngt, namlich die Religion, negieren?! Ubrigens findet man diese Negation nicht bei wirklichen Geistesheroen, sondern bei den- jenigen, die es sein wollen und die durch die Gunst der Ver- haltnisse ihre Stellung erreicht haben, von der aus sie als wissenschaftliche Hochstapler das Volk tauschen. Es ware so- mit sehr unvorsichtig, wenn jem and sich durch die Phrase, die Wissenschaft negiere die Religion, irrefiihren liefie. Doch gut! »Religion haben wir schon, doch soli jeder seine eigene haben. Eine positive Religion brauchen wir nicht,” so konnte mancher sagen. Wenn es wahr ist, daB die Religion einen Einflufi auf die menschlichen Handlungen hat, dann ist es notwendig, daB jene gemeinsamen Satzungen, die die Religion fordert, erforscht werden und daB die Satzungen als fur die Gesamtheit der Menschen geltend fixiert werden, daB s o mit positive Religionssatzungen existieren. Wie es in einem geordneten Staate eine bestimmte, aufgezeichnete Gesetzgebung geben muB und wie eine politische Anarchie ein Unding ist, so muB es aucli eine bestimmte auf bestimmter Verfas- sung — in der katholischen Kircho die Dogmenverfassung — ruhende religiose Gesetzgebung geben, die jede religiose Anarchie ausschliefit. Es Iehrt auch die Geschichte aller Zeiten, daB die Menschen die Gleichheit keiner anderen tlber- zeugung so hoch schatzen als die Gleichheit der Religion. Sie ist der Kitt des Menschengeschlechtes, der zur Folge hat, daB sich die Menschen als zusammengehorend fiihlen und dem- entsprechend auch stets nach Einheitlichkeit der religiosen Anschauungen streben, was nur mdglich ist, wenn es eine positive Religion gibt. Auch die Jugend muB religios erzogen werden oder, um mit den Materialisten zu reden: die im Kinde ruhenden edlen Krafte mussen geweckt und zu einem bestimmten harmonischen Ganzen ausgebildet werden. Verschiedene Ausbildung dieser Ki^afte, was eintreten wiirde, wenn die Religion eine rein private Angelegenheit ware, wurde keine Harmonie erzielen; weshalb auch die Geschichte beweist, daB die Religionseinheit Frieden, religioser Zwist aber den Kx’ieg zur Folge hat. 21 * 324 „Wenn es nun eine positive Religion geben mufi, so taugt am allerwenigsten die katholische Religion dazu, andere Reli- gionen sind viel besser.” Gesetzt den Fali, es ware dies richtig, dann ist es die Pflicht des Ehrenmannes, dahin zu wirken, daB jenes in der katholischen Religion, in der er geboren worden und in der er aufgewachsen ist, was ihm als nachteilig oder schadlich diinkt, beseitigt werde und da8 seine Konfession wenigstens ebenso vollkommen werde, wie eine andere, die er fur besser halt. Was \viirde man von einem Staatsburger sagen, der sein Vaterland verlafit und anderswohin auswandert, einzig und allein nur deshalb, weil dort der Staat besser regiert wird?! Ist es wahr, daB andere Religionen, z. B. der Protestan- tismus, unbedingt besser sind, als die katholische Religion? Der Protestantismus war vielfach eine Folge der damaligen kirch- lichen Zustande und hat fiir die religiose Freiheit, wie auch fur religiose Neubelebung entschieden groBe Bedeutung. Die katho¬ lische Kirche, angeregt durch den Protestantismus, richtete sich auf dem Konzil zu Trient machtig auf Wer weiB es, ob nicht ohne Protestantismus der religiose Verfall bis heute eine Lage der Kirche herbeigefuhrt hatte und nur noch Namen und Bauten an sie erinnerten, das Volk aber in religioser Anarchie sich be- fiinde?! Doch der Umstand, daB der Protestantismus mit unbe- sonnener Eile und mit dem Schwerte eingefiihrt wurde, begiinstigt durch geringen religiosen Gehalt der damaligen Menschen und durch die Habsucht der Fiirsten, denen mehr der Erwerb der Kirchenguter als religiose Erneuerung am Herzen lag, laBt schlieBen, daB durch derartige Reform nicht eine ideale posi¬ tive Religion geschaffen wurde, so daB man ohne Skrupel zu ihr hinuber marschieren konnte, um das religiose Gliick zu finden. Durch die Eile und die Unbesonnenheit der Reformer hat man das Kind mit dem Bade ausgeschuttet, mit manchem Nebensachlichen vieles Wesentliche weggeworfen. AuBerdem fehlt dem Protestantismus jene feste Organi- sation, die jede positive Gesetzgebung, auch die religiose fordert. Wenn derKatholizismus manches Unwesentliche weglaBt, der Protestantismus einiges Wesentliche, das aber ihm infolge seiner freieren Auffassung als un- 325 wesentlich gilt, annimmt, oder wenigstens toleriert, so Averden sich beide machtige Konfessionen wieder zusammen- finden, was zumal bei den Deutsehen einmal geschehen mufi. Einer oder der andere, der Katholik oder der Protestant, werden nachgeben mussen, doch wahrscheinlich werden beide zu einem Kulturfaktor verschmelzen. Sobald der obliga- torische Zolibat des Klerus und die lateinische Sprache in den Horsalen aufhoren werden, wird die Annaherung bereits be- ginnen und ich bin iiberzeugt, daB die katholische Kirche dabei groBe Aussichten auf den Sieg haben wird. Heutzutage wird der evangelische Pastor, der eine Familie hat und seine Theologie in der Umgangssprache gehort hat, sich aus eigenstem Interesse jedem Vordringen der katho- lischen Kirche entgegenstellen, mag er dies zugeben Avollen oder nicht. Sogar der unierte Orientale ist am meisten empfindlich, wenn man seine Ehe irgendwie als fiir ihn nachteilig ansehen wollte. Vergleiche die Entrustung des ruthenischen Klerus in dem beim Kapitel iiber den Zolibat genannten Falle. Solite es jemand fiir gut finden, daB der Protestantismus einmal bei uns einmarschiert, so soli er bedenken, ob sich die Millionen des gevrohnlichen Volkes demselben ohne Aveiteres anschlieBen Averden! Glaubt jemand, daB der eventuelle Sieg des Protestantismus nicht ohne hundertjahrigen geistigen und blutigen Kampf erreicht Aviirde?! Was geschieht mit der katho- lischen Kunst, was mit den herrlichen Baudenkmalern, mit der Avunderbaren, vom religiosen Inhalte durchwehten Liturgie, mit dem kircldichen Gesange etc., was alles nur in der katholischen Kirche bliihen und vollauf verstanden werden kann?! Deshalb soli man schon aus vorher angefuhrtem Grunde der Entwicklung seiner eigenen Kirche die notwendige Auf- merksamkeit schenken und fiir deren zeitgemafies Auftreten Sorge tragen. Viele meinen, daB die katholische Kirche Dogmen enthalte, die sich mit der Vernunft nicht vertragen. Auch andere Konfessionen haben Dogmen, die sich noch weniger mit der Vernunft vertragen durften. Doch diese Dogmen 326 sind vielfach nicht derart, daB deshalb ihretwegen das praktische und auch das \vesentliche Christentum fallen miiBte. Sobald das religiose Studium in das richtige Geleise gebracht \vird, ist es moglich, daB beziiglich der Fassung als auch Auffassung- der Dogmen ohne Verletzung des Inhaltes eine Anderung eintreten durfte; denn dieses Dogma existiert noch nicht, daB die Fassung der einzeinen Dogmen die beste und klarste ist und daB ihre Erklarung durch die Dogmatiker un- fehlbar ist; also bleibt eine klarere Fassung und eine mildere Auffassung noch immer nicht ausgeschlossen. Deshalb soli man die Dogmen uberhaupt nicht antasten, sondern sie ruhig den Dogmatikern iiberlassen. Ubrigens ist der von mir getadelte mangelhafte Religionsunterricht meistenteils dai’an schuld, daB die kirchlichen Dogmen falsch aufgefaBt und dann als vernunft- widrig bezeichnet werden. Auch der Klerus iibertreibt oft den Inhalt der Dogmen oder kirchlichen Entscheidungen. Vergleiche meine Ausfiihrung iiber das Beichtinstitut! Bei Einschlagung des richtigen Untei-richtsweges wird sich von selbst die Wahr- lieit herausstellen. An die Laien stelle ich somit die Forderung, daB jeder nach seiner Moglichkeit nicht zur Vernichtung unserer alten Mutter, die mit unsaglichen Miihen die Pflanzen der heutigen Kultur gesaet hat, sondern eher zur Neubelebung derselben durch ruhige und sachliche Kritik, durch Unterstiitzung der Manner, denen das Wohl der Kirche am Herzen liegt, beitrage. Am allerwenigsten \veist es auf einen gebildeten und ehren- haften Mann hin, wenn er Priester beschimpft und verunglimpft, deren Anschauungen manchesmal Produkte vieler zusammen- wirkender Umstiinde sind, die jedoch meistenteils am empfind- lichsten unter dem herrschenden kirchlichen System leiden miissen. Auch bitte ich, mit Beriicksichtigung des folgenden Ka- pitels, mir ebenfalls auf die gestellten Fragen Antwort zu geben. Anmerkung. Da ich unsere Kreise kenne, so halte ich die Bemerkung hier fur notwendig, daB ich mich mit den 327 vorhergehenden Ausfiihrungen iiber die kirchliehen Dogmen mehr auf den Standpunkt des skeptischen Laien stellte, indem ich ihm das Denken iiber die Dogmen erleichterte, da ich es doch fur besser halte, daJ3 er sie, wenn sie ihm nicht ganz kiar erscheinen, von einem hoheren Standpunkte aus achte, als dah er wegen einiger wenigen, fiir ihn nicht ganz begreif- baren Dogmen gleich den Štab iiber die katholische Kirche breche. II. An den Klerus. Die vorliegende Schrift verfaBte ich in erster Lini e fur den Klerus. Die Griinde, die mich zur Verfassung derselben bewogen haben, babe ich in der Einleitung angefiihrt. Mancher wird sagen: „Nichts ist ihm in der Kirche recht, alles muB er bemangeln!” Schon fruher habe ich darauf verwiesen, daB sich bei allen menschlichen Einrichtungen in der Kirche ein und derselbe allzu konservative Zug zeige, der allen diesen Ein¬ richtungen ein bestimmtes Geprage gebe. Es ist ein Stillestehen bei Institutiohen, die ihre Form in einer weit dunkleren Zeit, als es die lieutige ist, angenommen haben. Ein anderer wird wieder finden, daB auch anderswo Reformen notwendig seien, z. B. eine Kurzung und Durchsichtung des Breviergebetes, eine Ilevision der litorgischen Bucher und der Statuten mancher Ordensverbindungen etc. Allerdings waren diese Reformen ebenfalls wiinschenswert, doch ihre Durchfuhrung ist bei weitem schwieriger. Sie erstrecken sich auch mehr auf das interne kirchliche Leben, welches nach auBen hin auf die Neubelebung der Religion keinen so groBen EinfluB hat. Ob das Brevier- gebet oder das Missale dieses oder jenes Kapitel enthiilt oder nicht enthalt, ist fiir die christliche Welt von keiner so groBen Bedeutung. Ebenso sind dem Volke die Klosterstatuten mehr oder weniger unbekannt. Ferner vermag fast alles, was ich als i*eformbediirftig bezeichnet habe, der einheimische Episkopat aus eigener Machtvollkommenheit durchzufiihren und papstliche Indulgenzen, z. B. beziiglich des Zolibates und Fastens, wenigstens 328 fiir ihre Provinzen durchzusetzen. Das Hauptgewicht lege ich auf die Reform des Religionsunterrichtes an allen Schulen, da ich die Anschauung habe, daB, sobald im Religionsunterrichte verniinftige Wege eingeschlagen werden, auch anderswo das alte, schadhafte Geleise verlassen wird. Und diese Reform des Religionsunterrichtes hangt ganz vom einheimischen Episkopat ab, ohne damit zu sagen, daB nicht andere, auchLaien diese Reformen theoretisch vorbereiten, besprechen und kritisieren durften. Wie der Monarch die Ge- setze sanktioniert und sie die Minister durchfiihren, nachdem sie oft nach langen Debatten von den Volksvertretern beraten worden sind, so sollen auch die Beschlusse des Klerus vom Episkopat genehmigt, respektive mit Begriindung zuriickgewiesen oder vervollstandigt werden. Die Rechte des Episkopates werden somit nicht verkiirzt, sondern nur der Umstand als unrichtig hingestellt, daB ohne hinreichende Studien und ohne die Seelsorger um ihre Erfahrung zu befragen, Anordnungen ge- troffen oder alte fiir die Neuzeit ungeeignete Einrichtungen zum Nachteile des Klerus belassen werden. Nicht gegen unsere Kirche ist meine Schrift ge- richtet, sondern fiir dieselbe. Diese soli ihren ganzen Glanz ausstrahlen lassen, frei, nicht verborgen in ein irdisches, altertiimliches, die Menschen abstoBendes Gehiiuse. Nicht Steine werden auf die Kirche geworfen, sondern man will nur sachte den im Laufe der Zeit an- gesammelten Staub wegbringen, um sie in ihrer ganzen Schon- heit erscheinen zu lassen. Wie oft kostbare Malereien vom Unverstand der Zeit iibertimcht wurden, so wurde auch die kunstvoll gebaute katholische Kirche mit allem moglichen Tand behangt und mit einer Tiinche verdeckt. Diese Tiinche muB vorsichtig und ver- standig weggebracht werden, damit der Bau der Kirche selbst nicht irgendvvo beschadigt wird. In letzter Zeit wurde von vielen, namentlich von Gelehrten, darunter sogar von amerikanischen Bischofen, der Ruf nach Reform erhoben. Doch alle versuchten mehr oder weniger in philosophisch-theologischer oder historischer Weise, in ele- 329 gantem Stil und mit Aufwand von Gelehrsamkeit die Not- wendigkeit der Reform zu beweisen. Die meisten Priester kiim- merten sich wohl wenig um ein intensives Studium ihrer Werke, sondern griffen nur das Wort „Reform” auf, worunter jeder das verstand, was ihm eben in der Kirche nicht pafite. Da kamen die Gegner dieser Bestrebungen, stellten ihrerseits wiederum Grundsatze auf, die ebenso gierig von nicht denkenden Priestern aufgegriffen wurden, z. B. der torichte Satz von der Unversohnlichkeit der modernen Kultur mit der katholischen Kirche. Man hort bereits vom Katheder und von der Kanzel die Behauptung von dieser Unversohnlichkeit, eine Behauptung, die den Klerus nur in der Meinung bestai’kt, in der Kirche herrsche die vollkommenste Ordnung. Im Gegensatze zu diesen mehr rein philosophischen Begrundungen zeigte ich, wie sich bei einzelnen Einrichtungen die Notwendigkeit der Reform fiir einen logisch Denkenden ergibt. Alle diejenigen, die, bestarkt durch die Presse und die katholische Literatur, nur Ideales auch in rein akzidentellen Verhaltnissen der Kirche sehen, sollen durch Besprechung spezieller Einrichtungen in concreto von der Unhaltbarkeit derselben iiberzeugt werden. Sie sollen einsehen, dafi dem Laien die Kirche nicht in ihrem ganzen idealen Begriffe wie einem Theologen vorschwebt, sondern eher als eine Institution mit bestimmten, in das Auge springenden Einrichtungen und mit den Dienern, wie sie sind. Nach diesen beurteilt der Laie die ganze Kirche, wenn auch falschlich, so doch erklarlich und naturlich. DaB er kein giinstiges Urteil liber die Kirche gewinnt, daran ist somit nicht das Wesen der Kirche oder gar ihre Lehre schuld, sondern das Gewand, in welchem die Kirche der Welt gegeniiber auftritt. Schon oft haben einzelne Priester das Wort fiir eine ver- niinftige Reform innerhalb der katholischen Kirche ergriffen, jedoch ihre gutgemeinte Anregung hatte in der Regel keinen Erfolg; dafiir zwangen gewaltsame, schadliche Reformen die Kirche zu mancher nutzlichen MaBnahme. Ich selbst wi\rde keinen Buchstaben fiir irgend eine Reform niederschreiben, ohne 330 gleichzeitig auch fiir dieselbe arbeiten und agitieren zu wollen. Und so soli diese Schrift gleichsam das Programm meiner Tatigkeit sein. Wird man das Buch nicht beanstanden, so darf man auch meine Tatigkeit nicht beanstanden, solange der dem Bischof versprochene Gehorsam nicht offenkundig verletzt wird. Ich lese da im Korrespondenzblatt fiir den katholischen Klerus vom 25. Oktober 1903, dah selbst ein Bischof, namlich Monsignore John LancasterSpalding von Peoria in Nordamerika, entschieden fiir Reformen eintritt, die er vielleicht weitlaufiger nimmt als ich. Er wird sich doch auch der gleichen „assistentia spiritus sancti” zu erfreuen haben, wie die iibrigen Bischofe! Es kann somit auch mir mein Vorgehen nicht iibel gedeutet werden, zumal ich dieses Vorgehen auf Grund der Enunziation des Gesamtepislcopates fiir berechtigt finde. Der im November 1901 versammelte osterreichische Episkopat beschiiftigte sich namlich in der XI. Sitzung auch mit dem im Monate August 1901 abgehaltenen allgemeinen Klerustage. Das Protokoli dieser Sitzung enthalt unter anderem: ,,Der Episkopat billigt die allgemeinen Klerustage nicht und werden die einzelnen Bischofe ihrem Klerus wie zuvor, so auch fernerhin auf dem vom Kirchenreclite vorgeschriebenen Wege Gelegenheit bieten, seine Wiinsche und Beschwerden kundzugeben. Unter den vom Kirchenreclite vorgeschriebenen Wegen sind die Synoden, die Konferenzen der Dechante, die Pastoralkonferenzen zu verstelien.” Daraus folgt, dafi die allgemeinen Klerustage nicht genehm sind; ferner ist hier zugegeben, dafi der Klerus olme Unter- schied des Ranges Wunsche und Beschwerden haben diirfe und dafi diese Wiinsche und Beschvverden in den Synoden, den Konferenzen der Dechante und in den Pastoralkonf erenzen vorgebracht werden diirfen. Was diese Wege anbelangt, so muli konstatiert werden, daB die meisten Priester die Synoden gar nicht kennen, dafi an den- selben nicht der ganze Klerus, sondern in der Regel nur die Pfarrer teilzunehmen pflegen, wie sich anderseits an den Kon¬ ferenzen der Dechante nur die Dechante beteiligen. 331 Eine Konferenz, wo der Klerus ohne Unterschied des Ranges teilnehmen karm, ist nur die Pastoralkonferenz. Hier sind somit Wiinsche und Beschwerden vorzubringen. Ferner mufi hervorgehoben werden, dafi die Wiinsche und Beschwerden allgemeiner Natur sind. Sie sollten auch an einem allgemeinen Klerustage vorgebi‘acht werden. Reform des Religionsunterrichtes, Besserung der materiellen Lage des Klerus sind doch Dinge von allgemeiner Natur. Nun stelle man sich vor: In einer Konferenz, z. B. Karntens, wird bean- tragt eine Reform der theologischen Ilochschulstudien. Die ganze Konferenz stimmt dem Antrage bei. Was hat man damit erreicht?! Der Antrag wandert zur Freude der Motten in irgend ein Archiv oder noch wahrscheinlicher anderswohin! Eine andere Konferenz beschliefit wieder etivas anderes! Wer wird dai’auf Riicksicht nelimen? Wir nelimen somit das Anerbieten des Episkopates mit Dankbarkeit an, doch wir beanspruchen hierbei auch das natiir- liche, von der Vernunft konzedierte Recht, claB wir diese Wunsche und Besclnverden in einer Weise vorbringen, die der Allgemeinheit derselben entspricht, somit nicht einzeln, sondern zu einer grofien Masse vereinigt — ferner in einer Form, dafi man erivarten kanu, dafi diese Wunsche und Beschwerden fiir den Fali der Be- reehtigung derselben auch vom Erfolg gekront sein konnen. Es soli doch mit der bischoflichen Enunziation nicht gesagt werden: Wiinsche und Beschwerden konnt ihr schon haben, jedoch so vorbringen, dafi man von vorneherein sieht, dafi ihr nichts erreichen werdet!- Dafi somit diese Wiinsche und Beschwerden allgemein und in einer Form, daB sie fiir den Fali der Berechtigung er- folgreich sind, vorgebracht werden, sind gewisse Mittel zu \vahlen, d. h. die "VVunsche und Beschwerden des Klerus mussen bekannt werden, danil in einer bestimmten klaren Form vor¬ gebracht und begrundet werden. Es ist somit eine Vorarbeit notivendig, die dies beziveckt, die eine Nachfrage nach den Wiinschen und Beschwerden des Klerus halt und eine Aktion einleitet, dafi diese zu gleicher Zeit nach der Weisung der 332 Bischofe bei den Pastoralkonferenzen vorgebracht werden. Weiters sind die Wunsche und Beschwerden samt hinreichen- den Begriindungen so umfangreich, daJB sich die Pastoral¬ konferenzen nur auf Resolutionen liber bereits nachgedachte Wiinsche werden besehranken miissen. Diese Vorarbeit bezweckt meine Schrift. Einen anderen Aus- weg zur wirksamen Vorbringung unserer Wiinsche und Be- schwerden kenne ich nieht, deshalb halte ich mein Vorgehen auf Grund der bischoflichen Kundgebung fiir Hchtig. Gesetzt den Fali, man erinnere sich des kanonischen Rechtes und halte innerhalb vorgeschriebener Zeitraume die Synoden, so miiBte ebenfalls der Klerus zuerst vorarbeiten, um daselbst seine Wtinsche und Beschwerden in begriindeter Weise, somit nach Vorbereitung vorzubringen. Ich finde nichts Lacherlicheres als eine Synode, wo die Pfarrer als bloBe Zu- horer erscheinen, die nur das annehmen und anhoren, meisten- teils nicht recht auffassen, was einige Professoren aus verschie- denen Dekreten kompiliert haben! Fiir die Zeit, in der der Klerus noch geringe Bildung besaB, war ja dieser Modus ge- rechtfertigt! Es ist somit auch fiir eine Synode eine Vorarbeit bis zu dem MaBe erforderlich, dali sich jeder Priester iiber die vorgelegten Fragen orientieren und daB auch die gesamte Priesterschaft in hinreichend begriindeter Form ihre Wiinsche vorbringen kann. Diese Vorarbeit setzt abermals die von mir beabsichtigte Tiitigkeit voraus. Eine andere Mog- lichkeit sehe ich nicht ein, da die Klerustage nicht gebilligt worden sind. Ich ware froh, wenn jemand anderer diese Aufgabe iiber- nehmen wiirde, da meine Verhaltnisse nicht gerade die gun- stigsten sind, doch ich erklare hiermit feierlich, daB ich m ich mit ali en Kraften fiir die Ausfiihrung der erwahnten Aufgabe einsetzen werde, falls mir eben nicht auf die be- kannte Weise der Strich durch die Rechnung gemacht wird. Fiir diesen Fali ist schon Sorge getroffen, daB ein anderer die Arbeit weiterfiihrt. Wie werden wir arbeiten? Nie mit Waffen der Emporung gegen die Vorgesetzten, auch nicht mit den Waffen der Ver- 333 dachtigung oder Beschimpfung, sondern mit den Friichten und Resultaten nihiger Uberzeugung des Klerus. Das Volk ist schon langst von der Notwendigkeit der Re¬ formen iiberzeugt, nur der Klerus ist noch zu iiberzeugen. Die Geistlicbkeit zu iiberzeugen und die Uberzeugten zu sammeln, soli die Parole unserer Tatigkeit sein. Die Uber- zeugungsarbeit muB von Mann zu Mann geschehen, nie in Grobheiten ausarten, sondern immer mit Griinden operieren. Diese Arbeit muB von einzelnen Gleichgesinnten geteilt werden und ausdauernd sein. Gleichzeitig mit der Arbeit der Uberzeu¬ gung miissen wir auch die Uberzeugten zu einem einheitlichen Korper sammeln, um beim Vorbringen der Wiinsche und Be- schwerden als Ganzes aufzutreten. Nie soli der Gehorsam gegen die Vorgesetzten verletzt werden, allerdings in Dingen, in denen der beziigliche Gehorsam verlangt werden kanu. Der Grundstock unserer kirchlichen Organisation darf nicht angetastet werden. Die erhabene Organisation der Kirche ist unser Stolz und unsere Hoffnung! Deshalb rufe man nicht in nervoser Weise aus: „Wir rutteln an den Grundpfeilern der Kirche!” — Ich kenne die Denkweise des Klerus zu gut, als daB ich mich der falschen Hoffnung hingeben wiirde, daB sich im Nu die meisten Priester meiner Aktion anschlieBen werden. Ich unterscheide verschiedene Gattungen des Klerus, was ihre Denkweise anbelangt: Die einen liaben sich in die jetzigen kirchlichen Verhiiltnisse so hineingelebt, wie sich ein altes Miitterchen an ein zwar nicht asthetisches, jedoch aus der guten alten Zeit stammendes Kleid angewohnt, so daB es mit Bedauern auf die junge Welt herabblickt, die ein anderes Ge- wand triigt. Sie traumen noch immer von der groBen Macht der Kirche und halten sich die Augen zu, wenn sie sehen, wie die gute Mutter Schlage auf Schlage bekommt, sie gehen gedankenlos an der Statue des Giordano Bruno vorbei, der zum Vatikan gewendet die Jahre zahlt, die etwa noch der Papst in diesem Palast zubringen durfte, halten die Verfolgungen der Katholiken fiir vorubergehende Ei’scheinungen und sind mit fast 300 Mil- 334 lionen Katholiken zufrieden, ohne an fast ebensoviele Millionen Christen zu denken, die sich bereits von der Kirche getrennt haben. Sie fahren im alten Geleise und sind stolz auf ihre Ladung, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen, daO sie die Halfte der Ladung bereits vom Wagen verloren haben. „Die Pforten der Holle werden sie nicht uberwaltigen,” rufen sie, wenn Tausende und Tausende die Kirche feindselig angreifen. Jahrlich fallen Tausende infolge der „Los von Rom-Bewegung” ab, doch man will es nicht recht glauben, gleich einem mir be- kannten Bauer, der von Tag zu Tag armer wird, jedoch sich immer noch als Grofigrundbesitzer geberdet. Bei diesen wird die tlber- zeugungsarbeit lange dauern, bis sie geheilt werden, wenn sie iiberhaupt geheilt werden. Sie erfordern eine vorsichtige, mehr pathologische Behandlung. Ich furelite, sie sind allzu zahlreich! Andere sind hingegen gegen alles indifferent. tlber kirchliche Dinge sprechen, wie ode, wie langweilig! MaBig den epikuraischen Grundsatzen huldigend, verrichten sie mehr geschaftsmaBig ihr Seelsorgeamt. Vielleicht armlichen Verhaltnissen entstammend und schwach begabt, sind sie froh, im Besitze des taglichen Brotes und von den geistigen Torturen erlost zu sein. Im Seminar wurden sie nicht zum selbstandigen Denken angeleitet, sondern eher zur willigen Annahme des Vor- getragenen. „Gott wird schon helfen,” rufen sie aus und iiberlassen alles, wie die Tiirken dem Fatum oder dem lieben Gott, anstatt selbst zuzugreifen und zu schaffen. Hier ist bei der Uber- zeugungsarbeit hinreichende Nachhilfe notwendig. Man suche sie zu interessieren, z. B. daB man ihnen vorhalt, daB sich die Lage des Klerus bessern werde u. dgl. Es ist moglich, daB ihr Herz fur manches Ideale zu schlagen anfangt und der Kirche wieder zuruckgegeben wird. Eine andere Klasse ist die der MiBtrauischen und Zaghaften. Sie sind in ihrem Amte sehr fleiBig, besitzen tiefe Religiositat, doch ihnen erscheint die Lage der Kirche so trist und ihre Entwirrung so schwer, daB sie den Kopf sinken lassen und sagen: „Hilft ohnehin nichts.” Wenn diese sehen, daB wir ernst und mit Ausdauer an die Arbeit gehen, werden sie von ihrer 335 Zaghaftigkeit erlost und wir werden sie unter den ersten unserer geistigen Kampfer finden. Die vierte Gruppe bilden jene Geistlichen, die von der Wahrheit und hohen Bedeutung der Kirche durchdrungen sind, doch mit Bedauern wahrnehmen, wie das Menschenwerk an der Kirche altertiimlich und hie und da schwachlich, den Anforde- rungen der Neuzeit gar nicht entsprechend ist, die jedoch nicht den Mut sinken lassen, sondern iiberzeugt sind, daB bei einigem guten Willen erreicht werden kann, daB manches in der Kirche geandert werde, worauf sich die Menschen wieder um die Kirche, als um ihre gute Erzieherin und Wohltaterin scharen werden. „Mutig voran!” ist ihr Ruf. Das sind unsere Leute! Die brauche ich! Auf deren Mitarbeit zahle ich in erster Linie. Ein charaktervoller Diener der Kirche sein — und diese in ihrer Bedrangnis sehen und nicht dort zugreifen, wo es fehlt, vertragt sich nicht! Mein Plan ist nun folgender: Jeden, der mein Buch liest und studiert, ersuche ich um Bekanntgabe seiner Anschauungen iiber die einzelnen Kapitel desselben. Da die Herren Kollegen sogar Geschiiftsfirmen auf ihre Anfragen Auskunft geben, so setze ich voraus, daB sie auch mir mit einigen Zeilen dienen werden. In jedem Buche befinden sich eigene Kuverte mit einem Fragebogen zur Ausfullung desselben, je nach dem Ermessen der Kollegen. Die Fragen auf dem Bogen sind folgende: 1. Halten Sie die Lage der Kirche auf Grand der jetzigen Verhaltnisse fiir eine hoffnungsvolle? Wenn ja oder nein, was veranlaBt Sie zU dieser Annahme? 2. Glauben Sie, daB die Kirche bei jetziger Unterrichts- art und bei ihrem jetzigen Auftreten den Sieg iiber die moderne Menschheit feiern werde? Ware dies in jeder Bezie- hung ein Vorteil fiir die Menschheit? 3. Was halten Sie vom religiosen Unterrichte in der Volks- schule? Wie urteilen Sie iiber den Katechismus mit Riicksicht- nahme auf meine Erorterungen ? 4. Konnen Sie sagen, dafi der religiose Unterricht an der Mittelschule und die Studien in den theologischen Lehranstalten 336 den gewiinschten Erfolg hatten, sowohl bei Ihnen als auch bei Ihren Kollegen? 5. Was sagen Sie iiber die lateinische Sprache in den theo- logischen Anstalten und in der Liturgie? 6. Was sagen Sie zu den Ausfuhrungen in den Kapiteln B, I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII? 7 . Was zu den Ausfuhrungen in den Kapiteln C, I, II, III, IV, V? 8. Konnen Sie sagen, daB der Zolibat in seiner idealen Forderung ohne Argernis von den Geistlichen Ihrer Gegend beobachtet wird? 9. Sind Sie willens, die Geistlichen Ihrer Umgebung in privater Weise fur diese oder andere gewiinschte Reformen zu interessieren? 10. Genaue Adresse mit Angabe des Dekanates und der Diozese wird gewiinscht. Auf Grund der einlaufenden Antworten werde ich ein- zelnen Priestern, die sich sub 9 des Bogens bereit erklart haben, einzelne Distrikte zuiveisen, in denen sie sich bei ihren Kollegen iiber ihre Anschauungen durch schriftlichen oder miindlichen Verkehr orientieren werden. Diese Priester sollen dafiir sorgen, daB jeder meine Schrift in die Hande bekommt und erst auf Grund derselben sein Gutachten abgibt und nicht gleich unbedachte Urteile fallt. Diese Vertrauenspriester werden die Namen der Uberzeugten nach einem von mir zu- gesendeten Formulare sammeln und mir bekanntgeben. Der ge- nauere, mir in bestimmter Weise vorschwebende Arbeitsplan wird ihnen zur Kenntnis gebracht. Solange sich nicht eine geeignetere oder eine angesehenere Personlich- keit findet, die als Zentralleiter fungieren wiirde, und die von den Mandataren gewahlt wiirde, will ich oder ein anderer von mir den Mandataren bekanntgegebener verlafilicher Priester den Zentralsammler der An¬ schauungen abgeben. Die Namen der Antwortgebenden werden natiirlich geheim- gehalten. 337 Nicht mir Deutsche, sondern auch andere Nationalitaten sollen ihre Urteile abgeben, da fur die Verdolmetschung der Zuschriften vorgesorgt ist. Ich rechne namentlich auf den bohmischen Klerus, der sich ebenfalls sammeln und mit dem deutschen Klerus in Verbindung treten soli. Es handelt sich um keine Geheimbiindelei! Es werden keine Statuten und keine Verpflichtungen fbriert, auch keine Gebiihren verlangt. Nur Briefmarken fur Zuschriften werden geopfert. Ich will nur einen gegenseitigen schriftlichen Verkehr einleiten, um unsere Wiinsche und Beschwerden kennen zu lernen und sie in eine der Allgemeinheit dieser Wiinsche ent- sprechende Form zu bringen. Es ist durchaus nicht verlangt, daB alle meine Vorschlage in der angegebenen Form ange- nommen werden, sondern wir wollen auf Grund derselben weiterberaten, sie entweder verwerfen oder andeim, auch andere annehmen, je nachdem sich die Mehrzahl entscheiden wird. Bei den Reformen soli keine separatistische geistige Tyrannei platzgreifen, sondern auch hier die gut qualifizierte (auf den Ausdruck lege ich Gewicht!) Majoritat den Ausschlag geben. Nun, wie werden wir dann vorgehen, wenn wir geniigend uber die Art der Wiinsche und Beschwerden des Klerus mehrerer Diozesen informiert sind und wenn wir uns iiber die Zahl der Gleichgesinnten, als auch iiber die Form der wiinschenswerten Reformen oidentiert haben? Dann werden wir mit diesen „Wiinschen und Besclnverden”, der Weisung der Bischofe entsprechend, bei den Pastoral- konferenzen auftreten, und zwar iiberall in ein und demselben Jahre. Wenn wir eifrig arbeiten, konnen \vir dies schon das nachste Jahr tun. Uberhaupt befolgt der iveitere Verlauf der Aktion den Rat des Herrn: Petite, et dabitur vobis; pulsate et aperietur vobis! Bittet, und Ihr werdet bekommen; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Wenn unsere Oberhirten sich nicht deshalb zur Erfiillung bewegen lassen werden, weil sie unsere Wiinsche und Anschauungen als berechtigt finden, so werden sie doch durch die fortwahren- den, ich will nicht einmal sagen, wie es der gottliche Heiland tut, ungestiimen Bitten veranlaBt, die berechtigten Wunsche Vogrinec, nostra culpa. 20 338 zu erfiillen. Unmoglich kann ich glauben, daB man uns Skor- pione und Sterne entgegenschickt, ehe wir uns der Ture der- selben nahern. Eine solche Handlungsweise wiire der Intention des gottlichen Heilandes nicht entsprechend. Ich ertrage jede Form der Kritik; nur ersuche ich, daB der Kritiker dafur sorgt, daB mir die Schrift, in der sich die Kritik belin det, zugesendet werde und daB mir erlaubt wird, in derselben Schrift rneinen Irrtum ein- zugestehen, oder iiberhaupt notigenfalls auf die be- treffende Kritik zu entgegnen. Ich schame mich durchaus nicht, einen Fehler einzu- gestehen; doch bitte ich gleichfalls, auf meine Gedanken ein- zugehen, nicht bloB einzelne, vielleicht unvollkommen konstru- ierte Satze aus dem Zusammenhange herauszureiBen, namentlich aber nicht in der Aufregung eine Kritik zu schreiben oder mich zu verurteilen, indem man a priori gewisse sogenamate „kirch- liche” Anschauungen fiir richtig halt, ohneuber die gegnerischen Anschauungen ruhig, tiefer und langer nachzudenken. Meine Schrift wendet sich an samtiiche Priester, nament¬ lich aber an denkende, praktische Seelsorger, die das Menschenherz am tiefsten kennen und die wissen, wonach sich das Herz in der Keligion sehnt. Derjenige, der Yom Katheder oder von der Kanzel oder vielleicht von der Gelehrtenstube, vielleicht auch vom Audienzsaal aus gewohnt war, sich jahre- lang in gewisse Ideen hineinzuleben, der wird allerdings manches Sonderbare in meiner Schrift finden, doch der praktische Seel¬ sorger, dessen religioses Durchblicken sich von Tag zu Tag erweitert und der die kirchlichen Anordnungen und ihre Lehr- mittel ausprobieren muB, sieht von Tag zu Tag die Unbeholfen- heit und UnzweckmaBigkeit jener Mittel, die wahrend der Studien und in den Buchern so sehr geruhmt wurden, immer mehr ein; ihm wird die Trostlosigkeit der kirchlichen Zustiinde immer klarer, so daB er oft „nostra maxima culpa” ausrufen mufi, freilich in mehr geheimer, doch weniger hoflicher Weise, als ich es tat. Ich versichere auch diejenigen, \velche sich iiber meine Ausfuhrungen kranken und beirn Lesen des Buches in Auf- 339 regung geratea werden, meiner innigsten Teilnahme und des aufrichtigsten Beileides. Ich bin doch Priester, der weiB, wie es einem wehtut, wenn seme religiosen Anschauungen be- mangelt oder bekrittelt werden, mag auch das Bemangelte noch so nebensachlich mit der Religion zusammenhangen. Fingen doch in einer Gesellschaft, als ein wenig gebildeter Herr iiber den katholischen Glauben loszog, die anwesenden katholischen Franen zu weinen an! — Doch trotz dieses Umstandes bin ich im Gewissen voll- stiindig beruhigt. Ich weiB ja, dati meine Gedanken bei manchen geraume Zeit brauchen werden, um von der alten Burg der althergebrachten Anschauungen Besitz zu nehmen. Wochen, Monate, hie und da auch Jahre werden vergehen, bis derlei Lesern meine Gedanken als liebe, traute Freunde erscheinen werden, die ihnen in mancher religioser Depression zuhilfe kommen werden. Wie ich somit diesen kondoliere, so gratuliere ich jenen, denen ich schon gleich anfangs aus dem Herzen gespiochen habe. Ich gratuliere ihnen, weil ich weiB, daB sie es nie zu bereuen haben werden. — N ur diejenigen, die, sei es in wiikliclier, sei es in nur eingebildeter Weise, wie Zachaus auf den Baum geklettert simi, um die Massen des Volkes zu iiberschauen, welche sich um den gottlichen Heiland scharen und seine Kleider zu be- riihren suchen, um von ihm Heilung in verschiedenen Not- lagen des Lebens zu erbitten, werden schwerlieh zu bewegen sein, herabzusteigen und sich mit dum einfachen, schlichten Heiland zu Tische zu setzen. Der Sitz im schattigen Wipfel des Baumes ist doch zu behaglich eingerichtet! Ist es wahr, daB der katholische Klerus von der Wahrheit und dem hohen Wert des cliristlichen Glau- bens uberzeugt und durclidrungen ist — und daB er den „christlichen Freimut” hochschiitzt — und christ- liche Nachstenliebe auch untereinander betatigt, dami erhoffe ich das Beste fiir meine Schrift und fur meine beabsichtigte Tatigkeit. 9V* K. und k. Hof-Buchdruekerei und Hof-Verlags- Buehhandlung CARL FROMME, Wien und Leipzig. KoMespondenz-BIatt fiir den katfiol. Klerus Osteppeichs. Begriindet von BERTHOLD A. EGGER Chorherr von Klosterneuburg, f im Jahre 1892. Chefredakteur: ROMAN G. HIMMELBAUER Chorherr von Klosterneuburg. Dem »Korrespondenz-Blatt« liegen wechselweise bei: das Literatur- blatt »AUGUSTINUS« und das Pastoralblatt »HIRTENTASCHE«. Jahrlich 24 Nummeru, jede 2'/ 2 bis 3 Bogen stark. Abonnement (mir ganzjabrig) per Post K 6.— — M. 6.—. Das zvveimal monatlich erscheinende »KORRESPONDENZ- BLATT« mit seinen zwei Beilagen ist durch alle Buchhandlun- gen sowie durch die k. u. k. Hof-Verlags-Buchhandlung zu beziehen. Allgemeine Teilnahme durch literarische Beitrage und Abonne- ments erbitten: Roman G. Himmelbauer, Chorherr von Kloster¬ neuburg, Chefredakteur, und die k. u. k. Hof-Verlags-Buchhandlung. KaiferL u. konigL Bof=BuchdnicRerei und Bof=Verlags= Buchhandlung Sari Fromme Poit.eiearing.Konto 809.415. Wien und Leipzig. Telephon 17055. kž=« ežsr zžsh tNostra maxima culfiaU \ ... „Nach meiner Meinung darf es in Osterreich keinen Religionsprofessor ge- ben, der nicht nur das Buch gelesen, sondern auch mit Nutzen stu- diert hat. Fur den Religionsunterricht am Gymnasium soli sich auch der ganze iibrige Klerus interessieren.” ... Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes. ■ K. U. K. HOF-BUCHDRUCKEREI UND HOF-VERLAGS-BUCHHANDEUNG CARL FROMME IN WIEN UND LEIPZIG. 'Deufsch-Osferreichische biferafurgeschichfe. Ein Handbuch zur Gesehichte der deutsehen Dichtung in Osterreieh-Ungarn. >sy&s> Unter Mitwirkung hervorragender Fachgenossen herausgegeben von Dr. J. W. NAGL und Prof. JAKOB ZEIDLER. Zwei Bande, reieh illustriert. Der erste Band umfaGt die Zeit von der Kolonisation bis zur Kaiserin Maria Theresia und liegt bereits seit langerer Zeit abgeschlos- sen vor. Mit 22 teils farbigen Beilagen und 122 Abbildungen im Text. In Original-Leinvvand-Einband gebunden Preis K 24.—. Der zweite Band,'' SchIuCiband,' der die Zeit von Kaiserin Maria Theresia bis in die Gegenwart, also die neueren und neuesten Zeitabschnitte behandelnvvird,erscheintgegenwartig lieferungs- weise und wird keinesfalls mit mehr (eher weniger) als 17 Liefe- rungen a K 1.20 komplett werden.Ebenfallsreich illustriert. . O. Kernstock sagt im »Korrespondenz-Blatt fiir den katholischen Klerus Osterreichs « uber dieses Werk u. a.: Es existiert kein literaturhistorisches Werk, welches sich mit den literarischen Verdiensten der osterreichischen Geistlichkeit in so eingehender und wohlwollender Weise befafit, wie die von Nagi und Zeidler herausgegebene »DEUTSCH*- OSTERREICHISCHE LITERATUR- GESCHICHTE«, deren Hauptband nun vollendet vorliegt .... .... Man sieht, die Darstellungen der »DEUTSCH-OSTER- REICHISCHEN LITERATURGESCHICHTE« sind von warmer Liebe zu unserer sang- und klangfrohen Heimat getragen und schenken dem literarischen Wirken des katholischen Klerus gerechte Beachtung. Um so ent- schiedener tritt an die osterreichischen Katholiken die Pflicht heran, fiir die Verbreitung des trefflichen Werkes unter allen jenen Landsleuten Sorge zu tragen, deren Herz mit Vorliebe solchen Dichtern entgegenschlagt, die wie der unsterbliche VValther mit Stolz bekennen diirfen: »Ze Osterriche lernt ich singen unde sagen«. Zu beziehen durch alle Buchhandlnngen des In- und Auslandes. V. 197.04 I f ) i / X \ ■ ( I ■I /