102327 Separatabdruck aus der „Wiener Medicinischen Wochenschrift“ (Nr. 24, 1900). Verlag von Moritz Perles, Seilergasse 4, Wien. Zur Gesehichte des kiinstlichen Auges. In Nr. 14 und 15 dieser Wochenschrift hat Dr. Fukala in Wien eine „Geschichte der kiinstlichen Augen“ veroffentlicht. Es sei mir. als einem der \venigen Augenarzte, welche sich selbstandig mit diesem Gegenstande befasst haben (Zur Gesehichte des kunstlichen Auges, Allgemeine Wiener Me- dicinische Zeitung 1897), gestattet, einige Irrthumer in Dr. F u k a 1 a ’s Aufsatze zu beruhren, wobei ich nur die mir wichtig diinkenden hervorheben, aber auch bemerken will, dass in einem „ Gesehichte der kunstlichen Augen“ uber- schriebenen Aufsatze noch inanches zu ervvahnen ware, weil es wissenswert und gut bekannt ist. Fukala spricht, wie alle Autoren vor meiner Arbeit, von einer 1749 in Tubingen ersehienenen Dissertation „Oculus artiflcialis" von B. D. M auch ar t. Das ist unrichtig. Diese Dissertation hat nicht Mauchart geschrieben, sondern Phil. A d. Haug, tvelcher seine Schrift „praeside“ Mauchart vertheidigte. Mauchart war zu dieser Zeit bereits Professor und seine Dissertation ist es wohl, welche mit dem Namen „De ophthalmoxysi Hippocratica et Wool- housiana", 1726 geschrieben, in W e 11 e r 's „Krankheiten des menschlichen Auges“ 1828, S. XIX angefuhrt ist. Abgesehen vom Titelblatte wird das Verhaltnis Mauchart’s zu Haug’s Dissertation in dieser selbst deutlich ausgesprochen S. 12 („Woolhousii et praesidis huius disputationis etc.“) und S. 14 1900. Nr. 24,84. 1 Von Dr. EMIL BOCK, Primarius in Laibach. / („Applicuit talem subinde Praeses aegris monoeulis, ut etc.“). Ausser diesen gewiss geniigenden Beweisen besitze ich heute noch einen anderen. Die durch ihre vortrefflichen kunstlichen Augen bestens bekannte Werkstatte F. Ad. M u 11 e r ’s Sohne in Wiesbaden hat mir nach Erscheinen meiner oben angefuhrten Arbeit nieht nur eine Sammlung kunstlicher Augen aus dem vorigen und dem nun abgeschlossenen Jahrhunderte von ver- schiedenen Verfertigern zur Ansicht gesendet, sondern mich auch mit einem liebens\vurdigen Schreiben erfreut, aus welchem ich manclie, bis nun noch nieht bekannte, unseren Gegenstand betreffende Thatsache entnehmen konnte. An der Spitze stelit die Mittheilung, dass die genannten Herren die falschlich M a u c h a r t zugeschriebene Dissertation Pl a u g ’s in Urschrift besitzen. „Auch wir sind der Ueberzeugung, dass Pl a u g und nieht M a u c h a r t der Verfasser ist, gleich dem sehr gelelirten und gewissenhaften Professor, der uns eine Uebersetzung dieser Schrift fertigte. Auch der uns unbekannte friihere Besitzer unseres Exemplares muss diese Ansicht getheilt haben, denn auf der Titelseite ist der Name Pl a u g roth unter- strichen." Dies ist ubrigens auch auf meinem im Wege des Buchhandels erworbenen gedruckten Exemplare der Fali. Weiters bestreitet F ukala die Richtigkeit derAngaben, dass man den Mumien der Egypter und denen mancher Volker Siidamerikas kunstliche Augen eingesetzt liabe. Die Angabe Gerhardfs (Archaologischer Anzeiger 1850, S. 227), dass man am 11. Juni 1850 bei einer in London geoffneten Mumie an Stelle der herausgenommenen Augen von Wachs gemachte, in deren Mitte zur Nachahmung der Regenbogenhaut ein Obsidian eingelegt war, gefunden habe, ist so bestimmt, dass kein Grund vorliegt, ihre Wahrheit zu bezvveifeln. Wenn auch Ritteri.ch in seiner trefflichen Schrift (Das kunstliche Auge, Leipzig 1852) diesen Fund fur einen Ausnahmsfall halt, so ist ein positiver Befund mehr wert als mehrere negative. Ein Gang durch ein grosses archaologisches und ethnographisches Museum (zum Beispiel k. k. Hofmuseum in Wien) lehrt uns manches auch von anderen Volkern. Mein jungster Besuch daselbst war leider zu fluchtig, um heute hier aus- fuhrliche Angaben machen zu konnen. Mir sind aber meine Eindrucke der Borneo betreffenden Schaukasten in besonders lebhafter Erinnerung. Der Fund eines kunstlichen Auges bei einer egjptischen Mumie an Ort und Stelle ihrer Entdeckung, wie wir es im genannten Museum Saal IV, Schrank 1 sehen, gibt gewiss Veranlassung, zu denken, dass die Egypter kunst¬ liche Augen in unserem Sinne bereits besessen haben, ebenso s 1 wie wir liber kunstliche Zahne bei diesem Volke manche be- merkenswerte Kenntnis besitzen. Beziiglich der Bedeutung der den Mumien eingesetzten Augen venveise ich auf meine oben angefuhrte Arbeit. Betreffs der kiinstlichen Augen der Bild- werke der classischen Zeit der Griechen und Romer belehrt uns besser als alle Citate aus alten Autoren die Biiste der Pallas Athene im Vaticanischen Museum in Rom und das Bild- werk des Antinous im Louvre zu Pariš. Ich benutze gerne die Gelegenheit, heute hier einiges an- zufiihren, was ich in der Zeit nach Veroffentlicliung meiner Arbeit uber das kunstliche Auge in Erfahrung gebracht habe. Eine noch niclit bekannte Erwahnung des kiinstlichen Auges findet sich in: „Der Gesichtsspiegel vorweisend hundert denk- wurdige Begebenheiten". Niirnberg 1654, S. 574. „- wann einer ein Aug verloren, kann man ihm ein anderes von Glas, das dem seinen ganz gleicht, einsetzen, damit er aber (wie leichtlich zu erachten) nicht gesehen kann, sondern dienet ihm nur das ungestalte Angesicht in etwas zu beschonen und habe ich dergleichen Augen hier gesehen, die ein Glasmacher Abraham de Fino von Amsterdam gemacht und einem eingesetzt, der sich sonsten nich diirffen malen lassen, als seitemvarts. “ In dem oben angefuhrten Briefe der Herren M u 11 e r in Wiesbaden wird unter anderem Th. Gedergren in Stockholm als grosser Emailkunstler ervvahnt, welcher noch 1846 goldene Schalen mit Emailiiberzug versah und erst spater zum Blasen von reinen Glasschalen iibergieng. Weiters werden genannt als Verfertiger kunstlicher Augen H a 1 f o r d in London, P a c h e in Birmingham und Paul G r e i n e r in Hamburg, letzterer aus Lauscha in Thuringcn, jenem Orte, der heute noch in der Verfertigung kunstlicher Augen eine beherrschende Stelle einnimmt und wo — wie R i 11 e r i c h berichtet — sich Ludwig M u 11 e r zu einer tuclitigen Kraft heranbildete. Endlich J e r a k aus Braunau in Bohmen, welcher in Prag lebte (f 1891). Er wurde von den alteren Augenarzten sehr geschatzt und leistete auch thatsachlich Hervorragendes. Er liess Niemand, auch seine nachsten Ver- vvandten nicht ausgenommen, in sein Arbeitszimmer. Diese Bemerkung in dem genannten Briefe erinnert mich daran, dass diese angstliche Hiitung der Werkstatte vor fremden Blicken von mehreren Verfertigern kunstlicher Augen erzahlt wird. Dieser Umstand wird wohl hauptsachlich der Grund sein, dass die Kunst der Anfertigung kunstlicher Augen sich so unregelmassig, sprunghaft, in ihren Leistungen so ungleich- 1 * massig entwickelt hat, weil jeder Arbeiter seine Kunst von neuem ausbilden musste, ohne auf den Erfahrungen Anderer weiterbauen zu konnen. Einen wesentlichen Fortschritt in der Form der kunst- liclien Augen bedeuten die in jungster Zeit von M a 11 e r ’s Sohnen in Wiesbaden hergestellten mit geschlossener Rticken- flache; denn sie ruhen nicht, wie die offenen schalenformigen, mit dunnem Rande in der Uebergangsfalte, sondern mit breiter Flache auf allen Muskelstiimpfen und drueken daher weniger. Laibach, April 1900. Narodna in uniuerziteina knjižnica 00000451109 Verlag von Moritz Perles — Druckerei der k. Wiener Zeitung.