K. k. 8iuäisnbidlioiiisl< l.LibLek 462i-2 Die Kraft Gottes. Predigt am Sonntag, 13. November 1910, in der Christuskirchc in Laibach. «Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die Römer 1, 16. Als das Heer Ludwigs XIV. in Flandern vernichtet wurde, ries der König aus: -Hat Gott denn alles vergessen, was ich für ihn getan habe?» In dem einen Worte finden wir den ganzen Mann, den man den -Sonnen¬ könig» genannt hat. Wieviel hatte er für Gott getan? Er hatte auch hunderttausende von Protestanten grausam aus seinem Reiche verjagt, er hatte blutige Glaubenskriege geführt und seine Priester hatten ihm gesagt, welch großes Verdienst er sich dadurch um Gott erworben habe. Und nun lohnte ihm Gott das mit Undank! Gewiß, wir lächeln über den verblendeten Erdenwurm, der da glaubt, mit seinem ewigen Schöpfer in dieser Weise abrechnen zu'können. Aber handeln wir denn im Grunde viel besser? Immer wieder kann mau auch von den Edelsten und Besten in unsrer Mitte folgende Gedanken hören, und wir selbst sind es, die diesen Gedanken immer wieder hegen: Da sagt der eine. Ich habe um das Leben eines teuren Angehörigen mit Gott gerungen. Gott hat mich nicht erhört. Wenn Gott das zulassen konnte, so kann es keinen Gott geben. Ich kann und will nicht mehr an ihn glauben. Oder ich denke eines andern, den Sohn eines trefflichen Vaters. Mit einigen kurzen Worten erklärte er mir, wie in ihm sein Gottesglaube erstorben sei. Wie er seinen Vater, trotz aller seiner Frömmigkeit, aus seinem Sterbebette so furchtbar leiden sah, da habe er seinen Glauben an Gott weggeworfen, denn Gott habe das nicht zulassen dürfen. Oder ich denke an einen jungen Kaufmann meiner Vaterstadt, der (als seltene Ausnahme unter seinen Altersgenossen) ein Kirchenbesucher war. Aber wenn ihm dann geschäftliches Mißgeschick zustieß, so strafte er seinen Gott, indem er den Gottesdienst mied. 2 Wir alle haben von einem Sonnenkönig des Altertums, dem König der Perser Xerxes, gehört. Er ließ die empörte Meeresflut mit Ruten geißeln, als sie ihm den Übergang seines Heeres verwehrte. Der Meeres¬ gott mußte es büßen, daß er den König in seinen Absichten hinderte. Süditalienische Frömmigkeit äußert sich noch heute genau in derselben Weise. In Zeiten großer Dürre oder sonstiger Not wird das Bild des Schutzheiligen hervorgetragen. Mit jeder Schmeichelei, mit inbrünstigen Bitten wird es umworben. Aber weigert sich das Bild, seine Schuldigkeit zu tun, so wird ihm mit Beschimpfungen zugesetzt, die zuletzt in Mi߬ handlungen übergehen. Gewiß ein trauriger Irrwahn! Aber ist es denn etwas anderes, wenn wir Gott zu unserem Bedienten machen wollen, der immer unseres Winkes gewärtig, gerade dann hervorspringen soll, wenn wir es verlangen? Oder ist es selbst dann etwas anderes, wenn wir das Verhältnis zu Gott als eine Art Rechtsverhältnis auffassen, in welchem unsrer Leistung eine Gegenleistung Gottes entspricht, wenn wir Gott genau wie einen Menschen behandeln, dem wir enttäuscht und gekränkt den Rücken kehren, nachdem wir schlecht mit ihm gefahren! Ist es nicht immer wieder derselbe Irrwahn! Wie ganz anders, wenn wir Gott einmal als geheimnisvolle Kraft behandeln würden, die wir uns nutzbar machen können, die sich aber ebensogut zerstörend gegen uns wenden kann. Ich sage nicht, daß Gott nichts andres sei, als eine solche geheimnisvolle Naturkraft, daß er nicht überweltlich und übernatürlich sei, aber ich sage, daß uns das Verständnis Gottes um vieles näherrücken könnte, wenn wir ihn einmal in Vergleich stellen wollten mit einer solchen Naturkraft. Bei einer solchen ist es ja von vornherein klar, daß wir unendlich töricht handeln, wenn wir durch Nichtbeachtung strafen wollen, weil unsre Erwartungen nicht befriedigt wurden. Hier wissen wir, daß nicht vorgefaßte Meinungen, sondern allein das Lauschen auf die Sprache der Erfahrung uns weiterbringen können. Und eine ähnliche Haltung sollten wir auch Gott gegenüber einnehmen. Wir sollten es lernen, Gott einmal zu betrachten, wie wir jenen nen- entdeckten Stoff des Radiums betrachten. Dieser Stoff gehört zu jenen geheimnisvollen Naturkräften, an denen die Menschheit Jahrtausende hindurch ahnungslos vorbeigegangen ist. Aber wenn auch kein Mensch sie kannte und mit Bewußtsein benutzte, so waren sie dennoch vorhanden und haben dennoch seit Jahrtausenden genau so ihre Wirkungen geübt wie heute, da man einiges von diesen Wirkungen zu erkennen beginnt. Sollte es nicht mit Gott ganz ähnlich sein können? Unzählige, vielleicht die große Mehrzahl des Menschengeschlechtes, geht ahnungslos an ihm 3 vorbei. Weil man ihn leugnet, weil man mit Bewußtsein nichts von seinen Wirkungen erfährt, deswegen glaubt man, er sei nicht vorhanden, bis zuletzt dennoch ein Forscher ihn so entdeckt, wie jene Frau Curie in unfern Tagen das Radiuni entdeckte und bis dann damit so vieles um¬ gestaltet wird, was wir bis dahin an Naturerkenntnis besaßen! Vergegenwärtigen wir uns einmal einige Wirkungen jenes Radiums! Eine kleine Menge, kaum von Stecknadelkopfgröße, genügt, um einen Menschen in wenigen Tagen zu töten, weil die von diesen Radium aus¬ gehenden Strahlen alles organische Leben vernichten. Und umgekehrt findet man, daß derselbe Stoff, wenn er in kleinste Teilchen zerteilt ist, eine unendlich heilkräftige Wirkung hat. Unsre Heilquellen verdanken nach dieser Annahme ihre Wirksamkeit ihrem Radiumgehalt, weil das Radium lebeufördernd wirkt, wenn es in feinverteilter Menge in unfern Körper gelangt. «Anbetungswürdig» nannte ein Kenner die Kraft dieses rätselhaften Elementes, von welchem jene neuentdeckten Strahlen aus¬ gehen, welche so gänzlich abweichen von allen uns bisher bekannten Lichtwirkungen. Sind es doch Strahlen, welche, wenn sie von einem winzigen Radiumkörnchen ausgesandt werden, selbst dicke Panzerplatten durchdringen. Und was das Rätselhafteste ist: Trotz der gewaltigen Energiemassen, die das Radium ausschleudert, ist eine Verminderung seiner Masse und Kraft kaum wahrzunehmen. Und wenn schon dies unsre bisherigen Erkenntnisse über die Naturgesetze umstößt, so erst recht jene andere Eigenschaft des Radiums, wonach es die Fähigkeit besitzt, andere Elemente, die wir bisher für etwas ganz Unzerstörbares halten mußten, umzuwandeln, so daß wir in den sogenannten Elektronen, welche vom Radium ausgehen, geradezu den Urbestaudteil und einzigen Bau¬ stein des Weltalls entdeckt zu haben glauben. Wenn wir das alles zusammenfassen, müssen wir dann nicht sagen, daß sich alle diese neuen Erkenntnisse, die wir über das Radium gewonnen haben, auch auf jene geheimnisvolle Kraft anwenden lassen, die wir Gott nennen. Wenn wir die Menschen zu Gott führen möchten, so ist unsre Absicht die, sie zu einer gewaltigen Kraft zu führen, die gar wohl mit jenem unentdeckten Radium vergleichbar ist. Gleich jenem Radium bringt diese Kraft «Gott», Tod und Vernichtung denen, die sich ihr unvorsichtig nähern. Wieviel Hnuderttansende haben nicht bluten müssen in Religions¬ kriegen, auf Scheiterhaufen und Richtstätten, weil zerstörend und vernichtend ihnen zu nahe kam die Kraft religiösen Fanatismus! Und dieselbe Kraft wirkte dann doch wieder belebend, heilend, kräftigend auf ungezählte Millionen, wenn sie jenes Radium Gottes in der rechten Weise anwandten. 4 Wie wir im Radium den Urbestandteil aller sonstigen Stoffe entdeckt zu haben glauben, so wird die Menschheit auch uiemals ablasieu können, nach dem Urbestandteil alles Geschehene zu forschen, aus der Vielheit immer wieder zur Einheit zurückzustreben, jener Einheit, die wir uns nicht tiefer stehend denken können, als uns«r eigenes Leben. Vor allem aber denken wir an jene geheimnisvollen Strahlen, die vom Radium ausgehen, wenn wir Gott nut dem Radium vergleichen. Leuchtende Massen, Elektronen genannt, die sich loslösen, Massen, von denen man uns sagt, daß sie vom kleinsten Energiemittelpunkt, den wir kennen, dem Bazillus, um ebensoviel an Größe übertroffen werden, als der ganze Erdball einen einzigen Bazillus an Größe übertrifft. Darf man da nicht an das Wort denken: «Ewigkeit, leucht' herein in die Zeit, daß uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine»? Jene Elektronen durchdringen selbst dicke Panzerplatten. Es ist nicht ein aufge¬ nommenes, wiedergestrahltes Licht, wie wir es sonst kennen. Es ist ein Licht, das vom Radium selbst ausgeht und das im tiefsten Dunkel anfleuchtet. So meine ich, ein einziger Strahl jenes Radiums, das wir Gott nennen, müßte auch ein finsteres, angsterfülltes Leben erhellen. Alles kommt auf das Licht an, in welchem wir unser Leben betrachten, und es gibt ein Licht, welches auch den schwersten Panzer des Leides zu durchdringen vermag. So mancher schwelgt im Überfluß aller irdischen Güter, und sein Herz ist tieftraurig, weil ihm alles ekel, schal und unerquicklich erscheint. Es fehlt ihm die Lichtkraft, die in sich selbst eine kraftspendende Quelle hat. All sein äußeres Glück ist erborgtes Licht, daß nur von außen zu erhellen vermag und daß Herz dunkel läßt. Ein anderer ist unglücklich, wie man meinen müßte. Er hat nicht Haus, nicht Geld, nicht Gut, nicht Weib und Kind, nicht Ehre und Stellung, vielleicht nicht einmal die Gesundheit, aber er stimmt, wie es einst ein Schiller in größter Dürftigkeit seines Außenlebens getan, ein hehres «Lied an die Freude» an, die ja zuletzt immer von innen herstammen muß. Das Evangelium erzählt uns von einem Schächer am Kreuz, der da bekennt: -Wir empfangen was unsre Taten wert sind». Wenn er sich dieser entsetzlichen Strafe am Schänd- und Marterpfahl wert fühlte, welch dunkle Taten haben dann wohl sein Leben befleckt? Aber gerade zu ihm spricht der Heiland: «Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein». Was soll denn das anderes sagen als: In allem deinen grauenvollen Elend bist du in Wahrheit ein König, der Paradieseswonnen kosten darf, wenn du dein dunkles, zerrissenes Leben stellst in das Licht der Ewigkeit. Alles kommt auf das Licht an, in welchem wir unser Leben erblicken. Du stehst morgens vor 5 einer Wiese und siehst an den Grashalmen Wassertropfen hängen, gewöhnliche kalte, glanzlose Tropfen. Dann fällt ein Lichtstrahl auf die Wiese und sieh: jetzt sprüht dir ein blitzendes, blendendes Feuerwerk von Lichtern und Farben in die Augen. Es sind dieselben Tropfen, anders ist nur die Beleuchtung geworden. Aber eben diese rechte Beleuchtung ihres Lebens finden wenige. Das will uns auch die Geschichte vom Schächer sagen: Wie mancher stolze König in allen äußeren Heldenehreu ist als ein armer Schächer dahingefahren, hat vielleicht, wie der edle Kaiser Augustus, im Angesichte des Todes gerufen: -Die Komödie ist zu Ende, klatschet Beifall dem Schauspieler». Und wie mancher Schächer durfte im Tode einziehen in das Reich der Herrlichkeit, wenn der Panzer seines Herzens durchleuchtet wurde von einem Strahle göttlicher Liebe. Nur daß wir das alles bloß dann erkennen, wenn wir es praktisch erproben. Einst hat der große Reformator Philipp Melanchthon gesagt: -Christus erkennen wir erst dann, wenn wir seine Wohltaten erkennen». Über Gott hören, ja Gott kennen — das genügt nicht. Nur der erfährt, was Gott ist, der ihn in seinen Wirkungen auf unser Herz erforscht, wie wir auf die Entdeckung des Radiums erst geführt wurden, als wir uns durch die neuentdeckten Röntgenstrahlen zu weiteren praktischen Versuchen führen ließen. Nur der erfährt Gott wirklich, der ihn selbständig erforscht Nur der wird ihn erforschen, der nach ihm sucht und ihn im eigenen Herzen findet. Wer aber solches Suchen beginnt, der hat den schwersten Kampf unternommen. Auch darin liegt wieder eine Ähnlichkeit mit dem Radium. Welche unendliche Mühe erfordert es doch, eine winzige Menge Radium zu gewinnen. Viele Eisenbahnwagen voll jener Pechblende müssen auf¬ gearbeitet werden, um den Bruchteil eines Grammes zu erzeugen. Und welche mühevolle Vorarbeiten waren nötig, um uns die Gewinnung jener fünfzehn Gramm zu ermöglichen, die wir bis jetzt auf der ganzen Welt besitzen. Ich meine, auch das Radium des Glaubens erfordert ähnliche Anstrengungen und Bemühungen, um cs darzustellen. Zu jenem großen Propheten Israels, Jeremias, wird gesagt: -Ich will dich zu einer festen Stadt, zu einer ehernen Säule, zu einer eisernen Mauer machen wider Könige, Fürsten, Priester, Volk». Nie endender Kampf, tiefster seelischer Jammer war das Los eines jeden, der sich aufmachte, Gott zu suchen. Welchen erschütternden seelischen Jammer enthüllen uns die Selbstbekenntnisse eines Hosea, Jeremia, Hiob, Paulus, Luther! Die meisten 6 wissen es kaum zu würdigen, worin eigentlich die Seelenschinerzen jener großen Helden der Religion bestanden haben. Sie wissen nicht, daß das Erleben Gottes nur möglich ist in starken, inneren Revolutionen, in immer neuen Reinigungsprozessen und Umwandlungen, in tiefer Selbst¬ demütigung, in Qualen und Wonnen, von denen der Mensch, welcher nur das Leben der Oberfläche lebt, nichts weiß. Um nur eine unendlich kleine Menge wahres Gotterleben zu erringen, muß der Mensch unendlich große Schwierigkeiten durchmachen, muß er weite Schlackenfelder auf¬ schließen und wieder abstoßen. Luther sagt einmal: -Um den göttlichen Trost ist es also beschaffen, daß, wo derselbe gegeben wird, Traurigkeit sein muß. Denn Gott richtet niemand auf, stärket oder tröstet auch niemand, denn allein die, so fast betrübt sind, so jetzt sterben sollen, mit denen es gar verloren ist. Denn das Wort des Lebens und Heils gehört denen zu, die in Angst und Verzweiflung sind, zu welchen recht gesagt wird: du fürchtest dich und dein Gewissen martert dich, der Teufel mit seinem Stachel und dazu das Fleisch plaget dich auch, sei getrost, verzage nicht, Gott zürnt nicht mit dir». Nur wo göttliche Traurigkeit ist, kanu auch göttlicher Trost sein. Nur wo die starke Spannung mit Welt, Menschen, dem eigenen niederen Ich eintritt, welche das Innere fast zersprengt, wird der elektrische Strom erzeugt, der Licht und Kraft ins Leben trägt. Religion ist nur, wo Leiden¬ schaft ist und Kummer, bei den Matten ist sie nicht und nicht bei den Satten. Aber wie wir dann vom Radium hörten, daß eine winzige Menge genügt, um umgestaltend und erneuernd in die Welt zu wirken, so genügt auch eine winzige Menge echten Glaubens, um belebend auf die Welt zu wirke». Jesus sagt zu seinen Jüngern: -Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt». Ohne Salz müßte die Erde verfaulen, ohne Licht verfinstert werden. So müßte ohne Menschen lebendigen Glaubens die Welt allmählich verfaulen und in Finsternis versinken. Scheinbar ist ja die Wirksamkeit solcher Menschen unendlich gering¬ fügig. Die Welt geht an ihnen noch heute genau so vorbei, wie sie vor 1900 Jahren an Jesus und seinen Aposteln vorbei ging. Und doch sind sie, in rätselhafter Weise, das Radium, das mit seiner Heilkraft und Lebensenergie Leben erhält und hervorbringt. Wir kennen die Geschichte von Abraham, der von Gott die Rettung des in Sünden untergehenden Sodom erflehte. Sodom und Gomorrha mußten untergehen, aber Gott hätte ihnen das Leben gelassen, wenn selbst nur zwanzig, ja nur zehn Gerechte darin gewesen wären. Darin liegt doch die tiefe Wahrheit, daß auch die kleinste Anzahl von -Gerechten«, von Gotterfüllten genügt, um 7 eine Gemeinschaft vor dem Untergang zu retten. Daß aber anderseits der Untergang unvermeidlich ist, wenn auch die wenigen, die Gott kennen, verschwinden. Liegt darin nicht eine Rechtfertigung für die stille, unscheinbare Arbeit unsrer religiösen Gemeinschaften? In welcher Stille und Ver¬ borgenheit arbeiten sie doch alle, sofern sie nicht äußerer Machtentfaltung, sondern der lebendigen Religion dienen! Es gelingt diesen religiösen Gemeinschaften so selten, in sichtbarer Weise einen maßgebenden Einfluß auf die öffentlichen Verhältnisse zu gewinnen. Und dennoch ist es von welterhaltcnder Bedeutung, daß die Schätze religiöser Erfahrung, welche einst die großen Glaubenshelden errungen haben, nicht verloren gehen, daß sie in stillen Gemeinschaften gehegt werden, wie jene Priesterinnen der Vesta im alten Rom das heilige Feuer pflegten. Es kann uns oft betrüben, daß es nur so unendlich wenige sind, die sich an dieser Pflege des Glaubensfeuers wirklich beteiligen. Aber es darf uns nicht irre machen. Im Grunde ist es nur begreiflich, daß unter dem schweren Druck der Sorge, der Not, der Leiden wenige den freien Aufschwung der Seele finden, der zum Himmel weist, weg¬ weisend aus den Zeiten. Ob es wenige oder viele sind, es ist not, bitternot, daß im wilden Sturm der wechselnden Meinungen, der immer neuen Ansichten und Urteile die heilige Urweisheit der Väter bewahrt werde. Im Aufruhr der Lüste und Leidenschaften sollen die großen ewigen Wahr¬ heiten von der Ewigkeit und Allmacht 'Gottes und seines heiligen Gesetzes, von seiner Liebesgröße, die über Sünde und Tod triumphiert, nicht sterben. Und es ist die Eigenart des religiösen Lebens, daß es sich auch in wenigen fortpflanzt, aber von diesen wenigen mit der Gewalt einer Naturkraft immer wieder übergreift auf die vielen. Ist es denn ein Zufall, daß die protestantischen Völker, die in ihrer Masse nicht besser sind, als die katholischen, heute so ganz anders dastehen als die katholischen? In einzelnen wenigen ist bei ihnen die Kraft jenes Radiums lebendig, das wir Glauben nennen. Und diese Kraft bringt dann jene gewaltigen führenden Helden hervor, die ihr Volk vorwärts und aufwärts reißen zu großen Erfolgen. Das ist das Geheimnis der Größe dieser Völker. Und das Geheimnis, warum die katholische Kirche noch immer so übermächtig dasteht, scheint mir nicht darin zu liegen, daß Gewohnheit, Trägheit und Gedankenlosigkeit ihr noch immer die Wege ebnen, sondern darin, daß sie noch immer etwas von jenem geistigen Radium in sich birgt, das sie für die Welt noch immer unentbehrlich macht. Gewiß mag es ein Bild für jene Kirche sein, wenn wir in den weiten Schlackeufeldern kohlschwarzer Pechblende nur winzige Bruchteile Radiums finden. So ist der Wahrheitsgehalt der Religion in jener Kirche und in jeder Kirche ver¬ setzt mit sehr viel Schlacken und Schalen. Aber aller Kamps gegen diese Schlacken und Schalen sollte uns nicht dagegen blind machen, daß sie radiumhaltig find und darum unersetzlich wertvoll. Es wird so eifrig und zumeist so ergebnislos gegen den Klerikalismus gekämpft. In reinkatholischen Ländern führt dieser Kampf in unsren Tagen dahin, daß alles religiöse Leben ausgcstoßen wird, und ich meine, daß das nur zum völligen Verfall jener Völker führen muß. Aber auch bei uns, wo noch echte Religion lebt in den Kirchen, wird zumeist ganz vergessen, daß auch die katholische Religion wenigstens einen Abglanz echten Glaubens durch die Zeiten der Verfinsterung und Fäulnis hindurchretten hilft, daß es ein unersetzlicher Schaden wäre, wenn an die Stelle jener falschen Religion das reine Nichts treten würde. Der Glaube, der heute so oft gering geschätzt wird, ist in Wahrheit unendlich kostbar. Eine einzige Entdeckung, wie die des Radiums und seiner unumstößlichen Eigenschaften, stößt ja schon jetzt das ganze materialistische Weltbild um, jene Ansicht, da man glaubte, überall einen durchsichtigen und von uns im wesentlichen bereits erkannten mechanischen Naturverlaus zu finden. Eine einzige solche Erfindung, der gewiß noch viele andere folgen, beweist, wie wunderbar und unbegreiflich, wie geheimnisvoll das Welt¬ geschehen in Wahrheit ist. Mit seinen überraschenden Ergebnissen kann uns die Entdeckung des Radiums lehren, daß auch auf geistigem, religiösem Gebiet das Forsche», Ringen und Dulden nicht umsonst und vergeblich ist. Es wird einmal offenbar werden, warum so viele so schwer um ihren Gott gerungen haben, warum sie für die Erkenntnis Gottes so unermeßlich große Preise zu zahlen hatten, Preise in Gestalt nie endender Leiden, deren aber jene Erkenntnis wert war. Dr. Ottmar Hegemanu. Im Berlage der Evangelischen Kirchengemeinde in Laibach.