/ - Oberst Herzog Wilhelm von Wurttemberg. MAGENTA o o o o o VON EMIL HERRMANN OBERLEUTNANT IM K. U. K. INFANTERIEREGIMENT LEOPOLD II. KONIG DER BELGIER No. 27 . LAIBACH. DRUCK UND VERLAG VON IG. v. KLE1NMAVR 61 FED. BAMBERG. 1905 O^croMCtC DEM HELDEN VON MAGENTA SEINER KONIGLICHEN HOHEIT DEM K. U. K. FELDZEU GMEISTER HERZOG WILHELM VON VVORTTEMBERG IST DIES BUCH GEWIDMET. lirrend prasentierten am i. Janner 1859 die fran- 1 N zosischen Gardeposten in den Tuilerien vor dem zum Neujahrsempfange bei Napoleon III. erscheinenden diplomatischen Korps. Dieser Neujahrsempfang solite von weltgeschicht- licher Bedeutung werden. Die durch Napoleon III. unterstiitzten Bestrebungen zugunsten der Einigung Italiens hatten schon lange eine Spannung in den Beziehungen Frankreichs mit Osterreich hervorgerufen. Diese Spannung wurde konstatiert durch die Worte Kaiser Napoleon III. anlaClich des Neujahrs- empfanges an den osterreichischen Botschafter in Pariš, Herrn von Hiibner: «Ich bedauere, dafi unsere Beziehun¬ gen zu Ihrer Regierung nicht mehr so gut sind, als sie waren; aber ich bitte, dem Kaiser zu sagen, dah meine personlichen Gefiihle fur ihn sich nicht geandert haben.» Dadurch wurde gevvissermafien der Krieg schon an- geklindigt. Die Versuche Osterreichs, die Angelegenheit zur Sache des deutschen Bundes zu machen, komplizierten die Situation, da in diesem Falle der Hauptkriegsschauplatz in Deutschland orewesen ware. Nach dem Scheitern dieser O @6 ® Versuche stand nur ein geringer Teil der osterreichischen Armee auf dem eigentlichen Kriegsschauplatz in Italien, der Rest noch auf Friedensfufi im Innern der Monarchie. Mitte April entschlofi sich Osterreich, an Sardinien die Aufforderung zur sofortigen Abriistung zu richten und im Falle der Ablehnung den Ticino zu iiberschreiten, um die Sarden noch vor Eintreffen der franzosischen Hilfe anzugreifen. Dieses Ultimatum, datiert vom 19. April, wurde am 23. April, 5V2 Uhr abends, durch den Statthaltereirat Baron Kellersperg in Turin iibergeben. Frankreich hatte den Plan, teilweise iiber den Mont Ceniš und Turin und zu Meer iiber Genua zur Unter- stiitzung der bei Alessandria aufmarschierten Sarden vor- zurlicken. Da die Bedenkzeit des osterreichischen Ultimatums am 26. April ablief, sollten die Osterreicher am 26. die Grenze iiberschreiten. liber diplomatisches Eingreifen Eng- lands wurde die Eroffnung der Feindseligkeiten um weitere zwei Tage verschoben, zu grofien ungunsten Osterreichs, da mittlerweile Napoleon III. den Befehl zum Vormarsche erteilte, wodurch fur die Osterreicher der Plan, die Pie- montesen noch vor dem Eintreffen der Franzosen anzu¬ greifen, sehr in Frage gestellt wurde. Die osterreichische zweite Armee war am 27. und 28. April eng bei Pavia konzentriert. @ 7 ® Am 29. April veroffentlichte Feldzeugmeister Gyulai nachstehenden allerhochsten Armeebefehl: «Nach fruchtlosem Bemiihen, meinem Reiche den Frieden zu erhalten, ohne seine Wiirde in Frage zu stellen, bin ich gezwungen, zu den Waffen zu greifen. »Mit Zuversicht lege ich Osterreichs Recht in die besten und bewahrtesten Hande, in die Hande meiner braven Armee. «Ihre Treue und Tapferkeit, ihre musterhafte Disziplin, die Gerechtigkeit der Sache, die sie verficht, und eine glorreiche Vergangenheit verbiirgen mir den Erfolg. «Soldaten der zweiten Armee! an Euch ist es, den Sieg an die unbefleckten Fahnen Osterreichs zu binden. Geht mit Gott und dem Vertrauen Eures Kaisers in den Kampf.» Dieser Allerhochste Armeebefehl wurde von dem fol- genden Befehle des zweiten Armeekommandos, datiert vom 29. April, begleitet: «Soldaten! «Seine Majestat unser allergnadigster Kaiser und Herr ruft Euch zu den Waffen und mit Jubel begriiCt Ihr das kaiserliche Wort, weil Ihr stolz gewohnt, darin den Ruf zum Siege zu horen. «Fiir heilige Rechte werdet Ihr kampfen, fiir Ord- nung und Gesetzlichkeit, fiir Osterreichs Ruhm und Wohlfahrt. © 8 ® «Schart Eucli daher um Eure glorreichen Fahnen! In wenigen Stunden werdet Ihr sie iiber des Reiches Grenze tragen, einem Feinde entgegen, der sie noch von Volta und Mortara kennt, den Ihr auch diesmal nieder- werfen werdet, wie bei Custoza und Novara. «Vergessen hat Piemont die GroCmut, die Osterreichs Monarch zweimal schon geiibt, bewundert hat es immer Eure Disziplin; Eure Tapferkeit soli es aufs neue kennen lernen! Die Blicke Eures Kaisers sind auf Euch gerichtet, der Geist des Heldengreises Radetzky ist mit Euch! Zu den Waffen denn, Kameraden! Zum Siege mit dem Jubel- rufe: Es lebe der Kaiser!» Der Jubel der Offiziere und Mannschaften war ein maGloser. «Endlich, endlich!» rief alles, von Kampfbegierde beseelt. Am 29. April wurde der Vormarsch angetreten, um die bei Casale-Valenza- Alessandria aufmarschierte sar- dinische Armee anzugreifen, und am 2. Mai der Po gegen- iiber Valenza erreicht. Infolge sonnenhellen Wetters und guter Verpflegung erwies sich die Mannschaft so gesund und frisch als mog- lich. Die Bewohner der feindlichen Ortschaften gingen harm- los ihren Geschaften nach, ungestort von den Truppen, deren Mannszucht ohne Tadel war. So riickten die Regimenter in der vortrefflichsten Stimmung durch das Piemontesische, und wo nur der Generalissimus die @ 9 ® passierenden Abteilungen mit einigen freundlichen Worten in ihrer Landessprache aufmunterte, da wurde ein be- geistertes Hoch! auf den Kaiser ausgebracht. Am gel- lendsten aber wirbelte das «Hijen a csaszarh der feurigen Sohne Ungarns weithin durch die Liifte, so dafi sicherlich manchem verbissenen VVuhler, der auf diese Nationalitat seine grofite Hoffnung setzte, das Herz an die Rippen schlucr. o Auf die Nachricht, dafi schon bedeutende franzosische Krafte im Anmarsche seien, oribt der Armeekommandant Feldzeugmeister Graf Gyulai seine zuerst gefafite Absicht auf, um sich nun auf die gegen Turin heranriickenden feindlichen Kolonnen zu werfen. Dieser Vormarsch wurde wie beabsichtigt begonnen. Nach Erreichung der Dora baltea zeigte es sich, da [3 der o-roflte Teil der liber den Mont Ceniš heranriickenden o franzosischen Kolonnen schon gegen Alessandria abmar- schiert war; infolge der vveiteren Nachricht, da (3 starke feindliche Krafte gegen Piacenza anriicken, mufite auch dieser Plan aufgegeben werden und wurde am io. und 11. Mai der Riickmarsch in die Lomellina angetreten. Am 13. Mai war die osterreichische Armee in folgender Aufstellung: Armeehauptquartier in Mortara. VII. Korps (Feldmarschalleutnant Baron Zobel, 18 Bataillone, 4 Eska- dronen, 48 Geschiitze) bei Robbio, Palestro und Vercelli; ® 10 ® VIII. Korps (Feldmarschalleutnant von Benedek, 24 Ba- taillone, 5V2 Eskadronen, 64 Geschiitze) bei Lomello; V. Korps (Feldmarschalleutnant Graf Stadion, 24 Bataillone, 4 Eskadronen, 64 Geschiitze) bei Trumello; die Kavallerie- division (Feldmarschalleutnant Graf Mensdorf, 14 Eska¬ dronen, 16 Geschiitze) bei Vespolate; II. Korps (Feld¬ marschalleutnant Fiirst Eduard Lichtenstein, 19 Bataillone, 2 Eskadronen, 56 Geschiitze) und III. Korps (Feldmarschall- leutnant Fiirst Schwarzenberg, 20 Bataillone, 8 Eskadronen, 48 Geschiitze) in Mortara; das IX. Korps (General der © 11 © Kavallerie Graf Schaffgotsche, 19 Bataillone, 4 Eskadronen, 56 Geschiitze) traf in Piacenza ein. In dieser Aufstellung, die Sesia und den Po vor der Front, beabsichtigte Feldzeugmeister Gyulai, die weiteren Operationen der Verbiindeten abzuwarten. Die Franco-Sarden hatten ihren Aufmarsch vollendet und es standen unter dem Oberbefehl des Kaisers Napoleon III.: Die sardinische Armee (5 Divisionen unter Konig Viktor Emanuel, 96 Bataillone, 37 Eskadronen, 90 Ge- schiitze) bei Casale. Von den Franzosen: das IV. Korps (Divisionsgeneral Niel, 39 Bataillone, 8 Eskadronen, 5 7 Geschiitze) bei Valenza- Bassignana; II. Korps (Divisionsgeneral De Mac Mahon, 27 Bataillone, 8 Eskadronen, 39 Geschiitze) bei Šale; I. Korps (Marschall comte Baraguey d’ Hilliers, 41 Batail¬ lone, 16 Eskadronen, 63 Geschiitze) bei Voghera; die Garde (Divisionsgeneral Regnaud de Saint-Jean-d’Angely, 24 Bataillone, 24 Eskadronen, 36 Geschiitze) bei Ales- sandria und das III. Korps (Marschall Canrobert, 39 Batail¬ lone, 16 Eskadronen, 63 Geschiitze) bei Tortona. Vor dem I. und II. Korps stand die sardinische Kavalleriebricfade Sonnaz. Die Osterreicher waren ungefahr 130.000, die Ver- biindeten 180.000 Mann stark. ■© 12 ® Die Osterreicher hatten auCerdem zur Niederhaltung der aufruhrerischen Bevolkerung und fiir Besatzungen noch die Reserve-Infanterie-Division Feldmarschalleutnant Urban mit 11 Bataillonen, 3 Eskadronen und 20 Geschiitzen. Die Verbiindeten hatten noch die Brigade der Alpen- jager und die Freischaren unter Garibaldi zur Wirkung in den Flanken und im Rticken der osterreichischen Armee, 6 Bataillone mit liber 3000 Mann. Bekanntlich ist das Terrain in Piemont und auch im groCten Teile der Lombardei einer geschlossenen Truppen- aufstellung hochst unglinstig. Reisfelder bedecken alle Niederungen langs des Po und dessen nordlicher Zu- fliisse. Kanale, kleine wie grofie, machen diese Gegenden zu einem Labyrinth von Wasseradern. Wehe der Ab- teilung, welche da hineingerat und von einem Feinde, der terrainkundicre Fiihrer bei sich hat, in diese Reisfelder ge- trieben wird, — sie ist allemal unrettbar abgeschnitten. Die Kanale sind haufig so tief, dah sie nur ftir gute Sclrvvimmer iibersetzbar sind, und da die dammartigen Kommunikationen einzig und allein die Strafien bilden, so mufi die Entwicldung der Truppen, jede Ubersicht, jeder leitende Oberbefehl unendlich erschwert werden. Kaval- lerie ist hier selten anders als zum Patrouillieren zu ver- ivenden, und da die Ackerfelder meistens von Baumalleen umgeben sind, zwischen denen dichte und undurchsichtige Rebengelande sich hinziehen, so kann auch die Artillerie ® 13 ® selten eine andere Aufstellung finden, als auf jenen ge- fahrlichen Dammen, welche die Flufiufer manchmal hauser- hoch einsaumen und von denen nirgends ein leichter Riick- zug moglich ist. Daher mu!3 der retirierende Teil immer Geschutze verlieren, sei auch die Tapferkeit und die artilleristische Geschicklichkeit noch so grofi. Auf konioflichen Befehl wurde diesen bereits vor- handenen Hemmnissen noch alles Mogliche beigefiigt, was dieselben steigern konnte. Aufier dem Durchschneiden der Kommunikationen solite das Landvolk die Schleusen der Kanale offnen, welche die Reisfelder im Friihjahre kiinst- lich unter Wasser setzen und somit klinstliche Uber- schwemmungen veranlassen. Dieser Befehl wurde jedoch ziemlich nachlassig ausgefiihrt, weil die Bewohner durch den strengen Ton der osterreichischen Bekanntmachung sehr bald davon abcfeschreckt wurden, sich ihm ausftihr- licher zu unterziehen. Um liber die Starke der feindlichen Truppen Klar- heit zu erlangen, entschlofi sich der Feldzeugmeister Gyulai am 19 . Mai zu einem Vorstofie aus dem Briickenkopf von Vacarizza gegen Voghera. Fliezu wurde Feldmarschalleutnant Graf Stadion mit sechs Brigaden beordert. Der Vormarsch wurde in drei Kolonnen angetreten. Feldmarschalleutnant Urban mit dem grofieren Teile der Briofaden Braun und Scbaffgrotsche als linke Kolonne O O © 14 ® entlang der Hohenfufie von Stradella; Feldmarschalleutnant Paumgarten mit den Brigaden Gaal und Bils nebst einem Bataillon Hefi als Mittelkolonne nach Robecco; die Bri¬ gade Prinz Hessen als rechte Kolonne nach Calcababbio. 13Pa Bataillone oder rund 13.000 Mann Infanterie. Die Kolonne des Baron Urban stiefi zuerst auf den Feind und der Gurtel von Montebello wurde um 1 */ 4 Uhr von den Osterreichern genommen. Die anderen oster- reichischen Kolonnen stieBen mittlerweile auch auf den Feind. Mit wechselndem Erfolge tobte der Kampf, um 3 Uhr nachmittags bei Genestrello zu besonderer Heftig- keit anschwellend. Um den osterreichischen Andrang aufzuhalten, warf General Sonnaz die Eskadronen des Regiments Novara den Osterreichern entgegen. Mit kaltbliitigen Salven wehrte das 3. Bataillon des Regiments Erzherzog Rainer unter Major Graf VVelsersheimb den Ansturm der feindlichen Reiterei ab. Doch immer neue franzosische Massen riickten heran. Weithin schallte der Ruf «Vive l’empereur!», wahrend ein freudiges «Hurra!» der Osterreicher antwortete. Drei feindliche Sturme wurden abgeschlagen, doch durch Uber- macht bedrangt ging Genestrello schliefilich verloren. Auch um Montebello wogte der Kampf mit schreck- licher Heftigkeit. Fast umzingelt von franzosischer Uber- macht, wehrten sich die Osterreicher verzweifelt. Schon @ 15 ® drangen Franzosen im Riicken und in den siidlichen Dorf- teil ein, wo Hauptmann Hutter vom Regimente HeD das Kommando flihrte und todlich getroffen sank. Da sprengte Hauptmann Buttner des Generalstabes, welcher das Ge- fecht freiwillig mitgemacht hatte, mit gezogenem Sabel heran und rief, von der Wichtigkeit des Augenblickes hingerissen: «Steht, ihr Manner von Hefi! gleich komnit Verstarkung!» — da streckte audi ihn ein Schufi zu Boden, — das siidliche Dorfende ging verloren. Ein wiistes Handgemeng-e, bei dem Haus um Haus erkampft wurde, walzte sidi nun dem Nordostteile von Montebello zu. Es war ein Mauern- und Heckenkampf, in \velchen beide Teile so verbissen waren, dafi die oster- reichischen Offiziere ihre Leute mitunter am Lederzeug zuriickreifien muCten, ein Kampf mit Kolben und Bajonett, aber ohne Zusaminenhang und prinzipmafiige Form. Audi bei Calcababbio bestand das i.Bataillon von Culoz-Infanterie Nr. 31 einen erbitterten Kampf. Schon war die Fahne des Regiments in Gefahr, da entriC sie Soldat Johann VVeiter nach verzweifeltem Handgemenge den Feindeshanden. Bei einbrechender Dunkelheit wurde infolge feind- licher Ubermacht und da der Zweck der Rekognoszierung erreicht war, der Riid 19 ® sich mit dem Regimentsadler an die Spitze stellen vvollten, gefallen, stiirzte die Zuavenkolonne nochmals auf Kom- mando ihres Obersten vorwarts, — — liber die Brucke. Teilweise abgeschnitten, tobte an den Steilufern des Cava Sartirana ein schrecklicher Kampf der Fragmente des 7. Jagerbataillons mit den Zuaven. Vdele stiirzten sich in den Kanal, um hiniiber zu schwimmen oder zu ertrinken. Mancher Zuave wurde im erbitterten Handgemenge mit hinabgerissen in die Flut. Todesmutig wehrten vier Kroaten- kompanien unter den Hauptleuten Csikos und Zach dem Gegner das Nachdrangen. In einzelne Teile zersprengt, ging der Riickzug gegen Robbio. Im osterreichischen Hauptquartier war man noch immer der irrigen Meinung, daB das Gefecht von Palestro nur die Demonstration eines Armeeteiles gewesen. In der Nacht auf den 1. Juni klarte sich insoweit die Situation, als konstatiert wurde, dafi das Gros der Franzosen bei Vercelli und Novara stehe. Auf die Nachricht, dafi die gesamte franzosisch- sardinische Armee (um ein Dritteil starker als die oster- reichische) bei Novara eingetroffen, gab der Armeekom- mandant seine Absicht auf und ordnete den Riickzug liber den Ticino am 2. Juni morgens an. Nach den ausgegebenen Dispositionen riickten das VIL Korps nach Olevano, das II. nach Mortara, das V. mit der Division Sternberg ebenfalls nach Mortara, das VIII. Korps hinter den Ticino, 2 * ® 20 ® das III. Korps hatte den Riickzug zu decken. Diese Be- wegung wurde um io V 2 Uhr vormittags sistiert und stellte die Wiederaufnahme der Offensive gegen Novara in Aus- Turbigo.* sicht, jedoch schon um Mittag wurde die Fortsetzung des Riickmarsches anbefohlen. Von den Alliierten waren das IV. Korps, die Divi- sion Motterouge, das II. Korps und die Division Mellinet des Gardekorps, dann die drei Kavalleriedivisionen Morris, Desvaux und Partounneaux bei Novara, die Division * Die Bildchen «Turbigo», «Ticinobriicke», «Stra(3e in Magenta», «Zollhauser» und «Fried- hof» sind mit Bevvilligung aus dem Kaiserpanorama, Berlin W., Passage, reproduziert. @ 21 ® Espinasse des II. Korps bei Trecate, die Gardedivision Camou bei Turbigo, das I. Korps in Lumelogno, das III. in Palestro eingetroffen; die piemontesische i. Division in Robbio, die 2. bei Confienza, die 3. bei Vinzaglio und die 4. bei Palestro. Die grofie Ticinobriicke nach der Sprengung. Schon fruhmorgens war der Briickenkopf S. Martino von der Brigade Rezniček des I. Korps besetzt worden; um 8 Uhr morgens traf der Korpskommandant Graf Clam in Magenta ein. Er ordnete einen ununterbrochenen Pa- trouillendienst iiber Trecate gegen Novara an und erhielt abendsvomMajorGrafenP'alkenhayn, der von einer Streifung Ticinoaufvvarts zuriickgekehrt war, die Meldung, dafi der © 22 ® Feind bei Turbigo eine Brucke geschlagen und bereits das linke Ticinoufer besetzt habe. Die nun von dieser Seite drohende Gefahr und die Uberzeugung, dafi das nach Magenta sich. zuriickziehende II. Korps nicht vor Abend des 3. eintreffen konne, bestimmten den Feld- marschalleutnant Grafen Clam, den Briickenkopf S. Martino noch nachts in aller Stille raumen zu lassen und die Ticino- briicke zu sprengen. Die Sprengung der grofien steinernen Brticke wurde durch Major Grafen Belrupt des Geniestabes vorgenommen — doch gegen alle Ervvartung mifilang dies Unternehmen, so da !3 die Brucke zwar nicht fur Geschtitze und Kavallerie, wohl aber fiir Infanterieabteilungen passier- bar blieb. Zugleich entsendete Feldmarschalleutnant Clam den Feldmarschalleutnant Baron Cordon mit 6 Bataillonen, 1 Kavalleriebatterie und 1 Eskadron Ulanen gegen Turbigo, um sich von der Starke der iibergegangenen feindlichen Truppen zu uberzeugen und sie, wenn moglich, uber die Brucke zuriickzuwerfen. Feldmarschalleutnant Baron Cordon war am 3. vormittags von Cuggiono gegen Turbigo vor- gedrungen, als Patrouillen des als Vorhut bei Robechetto angelangten 14. Jagerbataillons den Feind in bedeutender Starke an beiden Ufern des Naviglio stehend meldeten. Es war die Gardedivision Camou, die schon tagsvorher den Ticino uberschritten hatte, wahrend die Division Motterouge des II. Korps sich eben anschickte, den Kanal zu passieren. Nichtsdestoweniger riickten die Jager vor © 23 ® und hatten Robechetto erreicht, als auch schon zwei Regi- menter der Division Motterouge den Ort umfassend an- griffen und die Jager sowie das zur Unterstiitzung nach- geriickte 3. Bataillon Erzherzog Josef zuriickwarfen, iiber- dies eines der beiden von Hauptmann Braun vorgefiihrten Geschiitze demontierten, wobei dieser Hauptmann fiel. Feldmarschalleutnant Cordon trat, nur bis Malvaelio vom Feinde verfolgt, den Riickzug nach Marcallo an. © 24 ® Die Situation am Abend des 3 . Juni war folgende: Ordre de bataille: Osterreicher. Armeekommandant: FZM. Graf Gyulai. Generalstabschef: Oberst Br. Kuhn. Artilleriedirektor: FML. Br. Stwrtnik. Genieinspektor: Oberst Rado de Szent-Martony. I. Korps: FML. Graf Clam-Gallas. Generalstabschef: Oberst Thom. Division FML. Graf Montenuovo. Brigade GM. Burdina: 2. Jagerbataillon, Infanterieregi- ment Wasa Nr. 60, 4. Bataillon des Infanterieregiments Erzherzog Rainer Nr. 59. Brigade GM. Brunner: 1. Bataillon des 11. Grenzregiments. Division FML. Br. Cordon. Brigade GM. Graf Hoditz: 14. Jagerbataillon. Brigade GM. Br. Rezniček: 2. Bataillon des 11. Grenz¬ regiments, Infanterieregiment Erzherzog Josef Nr. 37. Drei Batterien. II. Korps: FML. Eduard Fiirst Lichtenstein. Generalstabschef: Major Dopfner. Division FML. Br. Jellačic. Brigade GM. Szabo: 7. Jagerbataillon, Infanterieregiment Erzherzog Wilhelm Nr. 12. © 25 © Brigade GM. Br. Koudelka: 21. Jagerbataillon, Infanterie- regiment Jellačic Nr. 46. Division FML. Herdy. Brigade GM. Baltin: 10. Jagerbataillon, Infanterieregiment Hartmann Nr. 9. Brigade GM. Kintzl: Infanterieregiment Erzherzog Sigis¬ mund Nr. 45. Ulanenregiment Sizilien Nr. 12. Korpsgeschiitzreserve. III. Korps: FML. Fiirst Schwarzenberg. Generalstabschef: Major Catty. Division FML. Br. Schonberger. Brigade GM. v. Diirfeld: 15. Jagerbataillon, Infanterie¬ regiment Erzherzog Stephan Nr. 58. Brigade GM. Br. Ramming: 13. Jagerbataillon, Infanterie¬ regiment Konig der Belgier Nr. 27. Division FML. Br. Martini. Brigade GM. Br. Wetzlar: Infanterieregiment Lichten- stein Nr. 5. Brigade GM. Hartung: 23. Jagerbataillon, Infanterie¬ regiment Hessen Nr. 14. Husarenregiment Preufien Nr. ro. Korpsgeschiitzreserve. ® 26 ® V. Korps: FML. Graf Stadion. Generalstabschef: Oberst Ringelsheim. Division FML. Br. Paumgarten. Brigade Oberst Dormus: 4. Kaiser-Jagerbataillon, Infan- terieregiment Culoz Nr. 31. Division FML. Graf Sternberg. Brigade GM. Br. Koller: Infanterieregiment Erzherzog Franz Ferdinand d’Este Nr. 32. VII. Korps: FML. Br. Zobel. Generalstabschef: Oberst Bartels. Division FML. Br. Reischach. Brigade GM. v. Lebzeltern: Infanterieregiment Kaiser Franz Josef Nr. 1. Brigade GM. Br. Gablenz: 3. Kaiser-Jagerbataillon, In¬ fanterieregiment Grueber Nr. 54. Division FML. v. Lilia. Brigade GM. Weigl: Infanterieregiment Erzherzog Leo¬ pold Nr. 53. Brigade GM. Dondorf: i.Bataillon des 2. Grenzregiments, Infanterieregiment Wimpffen Nr. 22. Husarenregiment Kaiser Franz Josef Nr. 1. Korpsgeschiitzreserve. ® 27 ® Reserve-Kavalleriedivision: FML. Graf Mensdorff. Brigade GM. Prinz Holstein: Dragonerregimenter Eugen Nr. 5, Horvath Nr. 6. Brigade GM. Graf Palffy: Ulanenregiment Civalart Nr. i. Armeegeschiitzreserve: Drei Batterien. Das Armeehauptquartier war in Abbiategrasso. Die Division Urban stand, und zwar die Brigade Rupprecht in Varese, die Brigade Schaffgotsche sudlich, die Brigade Benedek nordlich Gallarate; vom I. Korps die Division Cordon bei Pontenuovo di Magenta langs des Rideaus, dann Boffalora, Bernate, Marcallo und Magenta; das II. Korps in Magenta, die Brigade Kintzl in Ponte vecchio di Magenta und Robecco; die Kavalleriedivision Mensdorff in Corbetta; vom VII. Korps die Division Reischach in C. Cerella. Diese Truppen (etwa 50.000 Mann und 178 Geschutze) standen unter dem Kommando des Feldmarschalleutnants Grafen Clam-Gallas. Es befanden sich ferner vom VII. Korps die Division Lilia und die Korpsgeschiitzreserve in Casteletto; vom III. Korps die Brigade Hartung sudlich Abbiategrasso, die Brigaden Wetzlar und Ramming bei Ozero, die Brigade Diirfeld in Soria; vom V. Korps die Brigade Hessen (Dor- mus) in Morimondo, die Brigade Gaal in Basiano, die Brigade Koller in Fallavecchia, die Brigade Festetits in @ 28 ® Besate; das VIII. Korps in Bereguardo und Motta Visconti; vom IX. Korps die Brigade Felmayer in Stradella, die Brigade Braun in Vacarizza, die anderen Truppen des Korps in Piacenza; die Armeegeschiitzreserve in Bere¬ guardo. Ordre de bataille: Verbiindete. Kaiser Napoleon III. Generalstabschef: Marschall Vaillant. Artilleriechef: General Le Boeuf. Geniechef: General Frossard. Garde: General Regnaud, Generalstabschef Oberst Raoult. Division General Mellinet. Brigade General Cler: Zuavenregiment, i. Grenadier- regiment. Brigade General Wimpffen: 2. und 3. Grenadierregiment. Division General Camou. Brigade General Maneque: Fufijagerbataillon, 1. und 2. V oltigeurregiment. Kavalleriedivision General Desvaux. Brigade General Genestet de Planhol: 5. Husarenregiment, 1. Regiment Chasseurs d’ Afrique. Brigade General Marquis deForton: 2. und 3. Regiment Chasseurs d’ Afrique. ® 29 ® II. Korps: General de Mac Mahon. Generalstabschef General Lebrun. Division General de la Motterouge. Brigade General Lefevre: Alger. Tirailleurregiment, 45. Infanterieregiment. Brigade General dePolhes: 65. und 70. Infanterieregiment. Division General Espinasse. Brigade General Gault: 11. Jagerbataillon, 71. und 72. Infanterieregfirnent. Brigade General de Castagny: 2. Zuavenregiment, 1. und 2. Fremdenregiment. Kavalleriebrigade General Gaudine de Villaine: 4. und 7. Regiment Chasseurs a cheval. Korpsartilleriereserve, III. Korps: Marschall Canrobert. Generalstabschef: Oberst Denis de Senneville. Division General Renault. Brigade General Picard: 8. Jagerbataillon, 23. und 90. Infanterieregiment. Brigade General Jannin: 41. und 56. Infanterieregiment. Division General Trochu. Brigade General Bataille: 19. Jagerbataillon, 43. und 44. Infanterieregiment. © 30 ® Brigade General Colineau: 64. und 88. Infanterie- regfiment. Kavalleriedivision General Comte Partouneaux. Brigade General Comte de Clerembault: 2. und 7.Husaren- regiment. Brigade General deLabareyre: i.und 2. Lanciersregiment. Korpsartilleriereserve. Vom IV. Korps: Division General Vinoy. Brigade General de Martrimprey: 6. Jagerbataillon, 5 2. und 73. Infanterieregiment. Brigade General de la Charriere: 85. und 86. Infanterie¬ regiment. Piemontesen: Konig Viktor Emanuel II. Adlatus: GL. Della Marmora. Generalstabschef: GL. Della Rocca. Division GL. Fanti. Brigade Piemonte, General Mollard: 9. Bersaglieribatail¬ lon, 3. und 4. Infanterieregiment. Brigade Aosta, General Danesi: 1. Bersaglieribataillon, 5. und 6. Infanterieregiment. Division GL. Durando. Brigade Cuneo, General Arnaldi: 10. Bersaglieribataillon, 7. und 8. Infanterieregiment. © 31 ® Brigade Pinerolo, General Morozzo: 2. Bersaglieribataillon, 13. und 14. Infanterieregiment. Kavalleriedivision GLt. Sambuy. Brigade General de Sonnaz: Kavallerieregimenter Nizza und Piemonte reale. Brigade General de Savoiroux: Kavallerieregimenter Savoyen und Genua. Von den Franzosen war das Hauptquartier in Novara; vom V. Korps die Division d’ Autemarre in Tortona, Ales- sandria undVercelli; vom Gardekorps die Division Mellinet inTrecate; die Division Camou inTurbigo; das II. Korps in Turbigo; das I. Korps in Lumelogno; das III. und IV. Korps, dann die Kavalleriedivisionen Desvaux und Partouneaux sowie die Kavalleriebrigade Cassaignolles in und bei Novara. Das Hauptquartier der Piemontesen in Galliate; die 5. Division von Alessandria bis Motta dei Conti; die 2. und 3. Division sowie die Kavalleriedivision Sambuy in Galliate; die 1. und 4. Division, dann die Kavalleriebrigade Sonnaz in Lumelogno; Garibaldi mit seinen Freischaren in Como. Osterreichischerseits wurde den Korps anbefohlen, am 4. Juni um 8 Uhr friih abgekocht zu haben und marsch- bereit zu sein. Das VIII. Korps hatte sich — nach Zuriicklassung einer Brigade in Bereguardo — um 8 Uhr friih echel- loniert mit der Tete in Tainate, mit der Queue in Conigo @ 32 •© aufzustellen. Vom IX. Korps wurde je eine Brigade nach Pavia und Piacenza bestimmt, der Rest hatte den Briicken- kopf von Vaccarizza zu besetzen. Die Nacht vom 3. zum 4. Juni verfiol3 ruhig. Eine tiefe, heilige Stille lag iiber der Landschaft. In den Lagern war das sonst rege Leben ganzlich entschwunden, denn alles hatte sich nach langerem Miihen dem erquickenden Schlafe in die Arme geworfen, in tiefster Ruhe Starkung fiir den kommenden Tag suchend, dessen Abend so viele von ihnen nicht unversehrt herankommen sehen sollten . . . die letzte Erdennacht fiir Hunderte dieser friedlichen Schlafer. © 33 ® Ein herrlicher Morgen leitete den 4. Juni des Jahres 1859 ein. Schon in den friihesten Morgenstunden gerieten re- kognoszierende Kavalleriepatrouillen aneinander. Um 7 Uhr friih meldeten die Vorposten des Zentrums, dafi sich der Feind bei S. Martino, ienseits der Brucke, in grofieren Massen ansammle. Die Zollhauser wurden durch das 1. und 2. Bataillon Wasa verstarkt. Um 9E4 Uhr meldete Major Haas des 2. Banalregiments aus Bernate, dafi der Feind gegen Turbigo starker vorriicke. Zur Deckung des wichtigen Punktes Boffalora wurde die Brigade Baltin beordert und nahm dortselbst mit der allgemeinen Front gegen Westen Stellung. Mittlervveile hatte sich auf der Hauptstrafie diesseits der Ticinobriicke ein kleiner Kampf entsponnen. Die franzosische Brigade Wimpffen war bei S. Martino angelangt und riickte iiber die Ticinobriicke vor. Nach einem eine Stunde hindurch gefiihrten Artillerie- und Infanteriefeuerkampfe zog sich die feindliche Brigade wieder zuriick. Auch bei Boffalora kam es zum Kampfe. Die franzosische Division Motterouge debouchierte gegen Mittag aus Cuggiono und das an der Tete mar- schierende algierische Tirailleurregiment griff die bei Ca- sate und Bernate stehenden Kompanien Erzherzog Josef und Regiment Hartmann an. Die schwachen osterreichi- schen Kompanien wurden zuruckgedrangt und erst bei Herrmann, Magenta. 3 ® 34 ® Boffalora hielten zwei osterreichische Zwolfpflinder den An- sturm der Franzosen auf. Infolge eines von Major Petit mit zwei Kompanien durchgeflihrten energischen Gegen- stoOes wurden die Franzosen zuruckgedrangt und das Plateau wieder genomraen. Das Geschutzfeuer bei Boffalora war flir Kaiser Napoleon die Veranlassung, der vor der Ticinobriicke bei S. Martino stehenden Grenadierdivision Mellinet den Be- fehl zum erneuerten Vorrucken zu geben. Die Division ging in zwei Kolonnen, und zwar die linke gegen Boffalora, die starkere rechte langs der Eisenbahn gegen die Zoll- hauser vor. Die linke Kolonne, Grenadiere und Zuaven, werden durch das Boffalora besetzt haltende io. Jager- bataillon mit einem morderischen Feuer empfangen. Alle Versuche, Boffalora zu nehmen, scheiterten an der stand- haften Haltung der Jager, unterstiitzt durch zwei Divisionen Hartmann. Die franzosische Kolonne langs der Eisenbahn griff die Eisenbahnschanze ungestiim an. Durch das Feuer der Raketenbatterie in der Schanze momentan aufgehalten, stiirmten drei feindliche Grenadierbataillone und vier Zuaven- kompanien umfassend gegen die Schanze. Von drei Seiten einem vernichtenden Feuer ausgesetzt, fluteten die Reste der tapferen Verteidiger zuriick. Der Gegner drangte heftig nach und richtete gleichzeitig seine Angriffe gegen ® 35 ® die Eisenbahnbriicke und Zollhauser. Mehrmals versuchten die tapferen feindlichen Grenadiere in dichter Masse sich auf die Brucke bei den Zollhausern zu werfen. Doch morderisches Feuer dezimierte ihre Sturmkolonnen. Die Zollhauser. Ubermachtig stiirmt der Gegner gegen die von fiinf schwachen Kompanien verteidigte Eisenbahnbriicke vor. Schon stiirmen in dichter Kolonne die franzosischen Grena¬ diere iiber die Brucke und dringen in den Viadukt, der den Kanaldamm des linken Ufers iiber den Eisenbahn- damm fiihrt, ein. Da, im Augenblicke der hochsten Ge- fahr, rasen zwei osterreichische Geschiitze unter Ober- leutnant Kleinert heran und protzen vor dem gemauerten 3 * ® 36 ® Viadukt ab. Schaudernd werden die tapferen Manner der plotzlich vor ihnen stehenden Haubitzen gewahr. Einige versuchen aus der furchterlichen Situation herauszubrechen, werden jedoch von den am Damme befindlichen Jagern, Grenzern und Infanteristen zusammengeschossen. In dichter Masse zusammengedrangt, jeder Rtickzug unmoglich, er- warten diese Helden, ohne von ihren Waffen Gebrauch zu machen, das Gewehr im Arm, den Tod. Der erste Kartatschenschufi streckt sie alle nieder. Hell schmettert das osterreichische Sturmsignal. Die bei Girola gestandene Brigade Szabo riickt heran. Unter brausendem Hurra stiirmen die Reste der heldenmiitigen Jager vom 7. Bataillon und Wilhelm-Infanterie gegen die Brucke vor. Doch in diesem Au^enblicke ofeht die Brucke bei den Zollhausern verloren. Die ganze feindliche Brigade Cler war vor den Zollhausern eingetroffen. Die Seele der Verteidigung, Generalmajor Burdina, sinkt todlich getroffen und iiber seine Leiche stiirmt der Gegner. In jedem ein- zelnen Hause entspinnt sich ein schrecklicher Kampf. Zu¬ sammengeschossen wanken die heldenmiitigen Verteidiger zuriick. Uber die Brucke stromt die franzosische Ubermacht. Es war ungefahr 2 Uhr. Nur Oberleutnant Kleinert, dessen dezimierte Be- dienungsmannschaft durch Jager des 7. Jagerbataillons er- setzt war, harrt heldenmiitig am Eisenbahndamm aus und @ 37 ® uberschuttet den Gegner mit einem derartigen Feuer, dafi derselbe ein unmittelbares Nachstiirmen aufgibt. Am Westausgange von Magenta herrscht eine un- beschreibliche Verwirrung. Alle auf der Strafie gelassenen Fuhrwerke drangen zum Orte. Durch das unubersichtliche Terrain stromen alle zuruckgehenden Truppen gleichfalls demselben Ziele zu. Schon treten irische Elitetruppen des Gegnerš zum Angriff an. In diesem gefahrlichen Augenblick naht gliicklicher- weise Hilfe. Mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen riickt die Division Feldmarschalleutnant Reischach heran. Der Kommandant zu Fufi, den Sabel in der Faust, an der Spitze. Die Brigade Gablenz, das 3. Bataillon Kaiser- jager rechts, das 1. Bataillon Grueber links der Strafie, das Grenadierbataillon zvvischen den beiden, Divisionar und Brigadier an der Spitze, ging alsbald mit Hurra zum Bajonettangriff liber und brachte die Franzosen zum Stehen, bald auch zum schleunigen Rlickzuge. Ungestiim drangen die Osterreicher vor. Von einer Kugel getroffen sinkt der feindliche Brigadegeneral Cler. Es folgt ein er- bittertes, furchtbares Handgemenge. Der Gegner wankt. Schon dringen Tirolerjager mit freudigem Hurra auf die noch feuernde franzosische Batterie ein. Die beiden Ge- schiitze auf der Strafie geben noch auf nachste Distanz ® 38 ® zwei Kartatschenschusse ab, beniitzen die dadurch ent- stehende augenblickliche Vervvirrung, protzen auf und jagen davon, was die Pferde laufen konnen. Das rechts itn Ge- treide stehende Geschiitz entrinnt auch durch ein halbes Wunder, weil nur einzelne Schiitzen ansturmen. Auf das links stehende trifft aber die 6. Division der Kaiserjager; das Geschiitz versucht einen letzten Schufl, als diese bereits dicht vor der Mundung sind, aber Leutnant Lautschner haut den Kanonier, der abfeuern will, zusammen und der franzosische Offizier und die Bedienungsmannschaft werden mit Kolben niedergeschlagen —- das neue gezogene Ge- schiitz ist unter endlosem Jubel der Jager erobert. Leutnant Anton Lautschner — von seinen Leuten spater der «Kanonentoni» genannt, weil er 1866 bei Custoza abermals dem Feinde eine Kanone abjagte, wurde durch einen SchuB in den Unterleib schwer verwundet. In voller Deroute stiirzte die franzosische Brigade Cler gegen Pontenuovo zuriick. Am Damme des Naviglio besetzten die Franzosen ein giinstig gelegenes Gehoft. Ungesaumt formierte sich das 1. Bataillon Grueber zum Sturme und nahm das Gehoft im ersten Anlauf. An der Spitze der Stiirmenden sank Feldmarschalleutnant Reischach schwer getroffen. Ganz deutlich hatte er vorher einen Zu- aven in nachster Nahe rufen horen: «C’est pour vous, monsieur le general!» — und gleich darauf fiihlte er die Kugel im Schenkel. Kadettfeldwebel Zillich trug, nicht @ 39 ® achtend des morderischen Feuers, seinen hohen Vor- gesetzten auf den Verbandplatz, um sofort wieder in die Schlachtlinie zuriickzukehren. Generalmajor Gablenz uber- nahm das Kommando und die Zollhauser wurden besetzt. Die Brigade Gablenz war noch nicht lange in der eroberten Strafie in Magenta. Stellung, als der Feind plotzlich abermals die Brucke iiber- schritt und die Zollhauser einnahm. Bis auf tausend Schritt wichen die Osterreicher zuriick. Fiirchterlich lichtete das feindliche Feuer die atemlosen, erschopften Reihen. Da erschien das Regiment Kaiser am Kampfplatze. Miihsam wand sich das i. und 3. Bataillon Kaiser, Brigadier Leb- zeltern an der Spitze, durch die Gassen von Magenta @ 40 •© Batterien und Artilleriefuhrvverke, die in der engen Gasse nicht wenden konnten, machten jede Kommunikation un- moglich. Plotzlich schlagt ein feindliches Projektil in die Bespannung eines Geschtitzes. Die Pferde des Zuges scheuen und baumen sich und alarmieren dadurch die andern; dazwischen die Leute in Gefahr zertreten oder erschlagen zu werden. Es war ein hochst gefahrlicher Augenblick! Aber der tapfere Brigadier verlor nicht die Geistesgegenwart; donnernd iibertonte sein Ruf: «Vor- warts, nicht zuriickh das Getiimmel. «Regiment Kaiser, vorwarts, mir nachh ruft auch Major Drasenovich; der Ortsausgang wird erreicht und rasch die Sturmkolonne formiert. Machtiges «Vorwarts!» durchbebt die Luft, ein allgemeiner Elan durchzuckt die osterreichischen Linien. Entschlossen stiirmen die funf Bataillone vorvvarts gegen die Zollhauser. General Lebzeltern wurde durch die Schulter geschossen, Divisions-Generalstabschef Hauptmann Beck, \velcher mit grofier Bravour den Angriff mitgemacht, wird schwer vervvundet, und zuriickgetragen disponiert er noch das 3. Bataillon Kaiser gegen den entscheidenden Punkt. Dem Regimentskommandanten Major Baron Haan wurde der Arm zerschmettert, aber nichts konnte das tapfere Regiment aufhalten, eingedenk seines glorreichen Namens stiirmte es mit unwiderstehlicher Tapferkeit vorwarts. Schon hatte es festen FuC gefal3t. Ein morderischer Kampf entspinnt sich. Oberleutnant Miiller schiefit per- Das Regiment «Kaiser» bei Magenta. @ 41 @ sonlich sieben Franzosen nieder, Feldwebel Faick sprang auf die Krone des Kanaldammes und schofi von dort mit zugereichten Gewehren sechsmal auf den in nachster Entfernung befindlichen Gegner. Da plotzlich entsteht beim Gegner eine scharfe Bewegung. Die franzosische Brigade Picard greift ins Gefecht ein. Wieder werden im wilden Handgemenge die Osterreicher zuriickge- drangt. Von Robecco herbeieilend, trifft das 2. Bataillon Grueber unter Major Mediero ein. Der osterreichische Sturmmarsch ertont und fest zusammengeschlossen, die Truppenteile vermischt im gemeinsamen Sturme, unter klingendem Spiel drangt der Angriff zum drittenmale vorwarts. Zu Tode erschopft sinkt der Fahnenfuhrer des 54. Regiments zu Boden. Zugsftihrer Hansel reifit die Fahne an sich und sie hochhaltend mit dem Rufe: «Die Fahne nicht verlassenU stiirmt er vorwarts. Verzweifelt ringt man unter den aufflammenden, einstiirzenden Bau- lichkeiten. Auf engem Raume dicht zusammengedrangt metzelt man sich wiitend gegenseitig nieder. Mit lautem Hurrajubel werden die Zollhauser genommen. Nur das grobe Zollhaus fallt noch immer nicht. Auch von Robecco aus droht den Franzosen Gefahr. Die bei Carpenzago konzentrierte Brigade Kintzl griff mit dem 1. Bataillon Erzherzog Sigismund Nr. 45 an der Tete ungestiim den am rechten Kanalufer befindlichen Teil von Ponte vecchio an und nahm ihn im ersten Anlaufe. @42 ® Doch der Gegner, verstarkt, drangt die Brigade zuriick. Dreimal wird im blutigen Ringen der Ort genommen und verloren. Auch ein Sturm der Brigade Wetzlar gegen das Rideau bei S. Daimano mifilingt. Die Brigade Hartung, die Brigade Kintzl aufnehmend, dringt unter Ftihrung ihres tapferen Kommandanten vor. Die Division vom Regiment Hessen Nr. 14, mit der von Sigismund und den 2 3 er Jagern vereint, werfen das 90. franzosische Regiment aus dem Ort. Durch das Eintreffen frischer feindlidier Reserven ge- zwungen, raumen sie den Ort, um nochmals vergeblich vorzustiirmen. Wieder sammeln sidi die tapferen Ober- osterreidier, Italiener und Siebenbiirger Jager zum letzten, entsdieidenden Sturme, um endgiiltig von dem vielum- strittenen, blutgetrankten Orte Besitz zu ergreifen. Der Gegner geht bis zur Redoute zuriick und nimmt dort mit aufierster Kraftanstrengung nochmals Stellung. Voli Besorgnis blickt Kaiser Napoleon gegen Norden, das Eingreifen des Ivorps Mac Mahon sehnlichst erwartend. Von dessen Eingreifen hing das Schicksal des Tages fiir die Franzosen ab. Immer durchdringender, immer naher tont das tosende Hurra der Osterreicher. Schon stromt eine stetig wachsende Menge fltichtender Armeefuhrwerke, Geschlitze, Abteilungen nach riickwarts. Es war 4 1 / 2 Uhr. Plotzlich vibrieren Kanonenschiisse von Norden her durch den Schlachtenlarm. Alles horcht Das 14. Infanterieregiment bei Magenta. 1 © 43 ® auf. Divisionsgeneral Mac Mahon hatte seine drei Divi- sionen in Schlachtlinie formiert, und von einer italienischen Division gefolgt, riickt er nun gegen die rechte Flanke der Osterreicher vor. Schon erscheint die franzosische Brigade Castagny siidlich des Friedhofes von Marcallo. Da werfen sich mit rticksichtsloser Entschlossenheit, ohne zu stutzen, das i. Ba- taillon Erzherzog Josef, das Grenadier- und das i. Bataillon Kaiserinfanterie unter Generalmajor Rezniček auf den Feind. Mit leidenschaftlichem Eifer, mit lautem Schlacht- geschrei gehen die Franzosen zum Gegenangriff liber. Hin und her wogt das Getiimmel. Auch das 14. Jagerbataillon greift in den Kampf ein. An dem an seinem Slidausgange durch vier hinter einer krenelierten Mauer stehende Geschiitze wohlbesetzten Orte selbst scheitern jedoch alle weiteren Angriffsversuche. Die Brigade Baltin in Boffalora, welche in Gefahr war, abgeschnitten zu werden, wurde liber Befehl des Feldmarschalleutnants Fiirsten Lichtenstein zuriickgezogen. Unter dem Schutze des 10. Jagerbataillons und des 5. Bataillons Erzherzog Rainer geht der Riickzug in Ord- nung vonstatten und in C. Nuova stellt sich die Brigade neuerdings auf. Um die Verbindung nach Magenta freizuhalten, lafit Flirst Lichtenstein das Grenadierbataillon Hartmann gegen Marcallo vorrlicken. In eisern ruhiger Haltung ging ® 44 ® das Bataillon vor. Eine kraftige, volle Stimme stimmte die Melodie eines uralten polnischen Schlachtgesanges an. Im nu delen Hunderte rauher Kehlen ein und die feier- lich wilden Klange zogen hinauf zum wolkenlosen Himmel. Zwei Zuavenbataillone uberschiitten das Bataillon mit Kreuzfeuer. Ganze Glieder stiirzen. Das Grenadierbataillon macht in der ersten Betaubung kehrt, sogleich aber wieder Front und dringt dann unaufhaltsam vorwarts. Zwei weitere Zuavenbataillone wirft der franzosische Divisionar in den Kampf. Es entsteht ein fiirchterliches Handgemenge um die Fahne der Grenadiere. Wahrend die Zuaven zuriick- gedrangt werden, sind auch die anderen Divisionen des Regiments Hartmann in den Kampf verwickelt. Auf allen Seiten riickt das wackere polnische Regiment vorwarts. Da kommt der rechte Flligel bis unmittelbar an die Batterie der franzosischen Division Espinasse. Aus nachster Nahe empfangt die Osterreicher ein furchtbares Kartatschen- feuer. Im schrecklichsten Durcheinander walzen sich Sterbende und Venvundete am Boden. Fast alle Offiziere sind gefallen. Mit der unerschrockensten Tapferkeit reiCt der Regimentskommandant Oberst Hubatschek nochmals seine Leute vor. Von allen Seiten stiirzen die Zuaven mit dem Bajonett auf die zusammengesdiossenen Haufen der Osterreicher. Ein furchtbares Gemetzel entsteht. Oberst- leutnant von Stromfeld sinkt todlich getroffen, Major Merki, dessen Arm zerschmettert, kampft weiter. Hauptmann von @ 45 •© Bonjeau wird buchstablich in Stiicke gehauen. Das 3 .Batail- lon versucht den Feind aufzuhalten. Es wird im vollsten Sinne des Wortes aufgerieben. So geht es fort bis Magenta, wo endlich die Reserven jene bluttriefenden Bataillone aufnehmen. Der Gegner drangt bis an Magenta nach. Den Feind so nahe an Magenta sehend, eilt Oberst Hubatschek vor die Front seines Regiments, ergreift die Fahne des i. Bataillons, ein begeistertes Hurra erschallt aus heiseren Kehlen — da durchbohren zwei Gewehr- kugeln auch die Brust des Regimentskommandanten, — der Kampf bleibt ein stehendes Feuergefecht. Die ganze franzosische Brigade Gault greift die Brigade Rezniček an. Auch diese weicht, durch Ubermacht bedrangt, gegen Magenta zuriick. Auch bei den Zollhausern entbrennt der Kampf mit erneuter Heftigkeit. Nacheinander treten die franzosischen Divisionen Venoy und Renaud und die Brigade Bataille in den Kampf. Infolge dieser erdriickenden Ubermacht weicht die Brigade Gablenz langsam gegen Magenta, vermischt stromen Abteilungen aller Truppen zuriick. Heldenmutig wehren Hauptmann Bruckner und Ober- leutnant Baron Eliatschek von den Kaiserjagern dem Gegner das Nachdrangen. Um 6 Uhr abends entbrannte der Kampf von neuem, furchtbarer und erbitterter als je zuvor, beim Stationsgebaude in Magenta. Einige Zeit ®> 46 ® tobte ein fiirchterliches Gemetzel. Schritt fiir Schritt wurden die Osterreicher zuriickgedrangt. Da stiirmte ein junger Kaiserjagerleutnant, der Bataillonsadjutant Eugen Albori, an der Spitze einer Schar von ihm gesammelter Soldaten verschiedener Regimenter in das dichteste Kampfgewiihl. Begeistert durch das Beispiel des heldenmiitigen Offiziers und seiner Kaiserjager, stiirmt alles mit Todesverachtung auf den Feind. Mit unvergleichlicher Zahigkeit fechten die Oster¬ reicher gegen die grofie Ubermacht. Sie sterben, wo sie stehen, keiner weicht, die klihnsten Angreifer fallen unter ihren Bajonettvorstofien und noch immer sind sie die Herren des Gebaudes. Doch die Krafte reichen nicht aus gegen die herandrangende Ubermacht. Da naht willkommene Hilfe. Plotzlich fegt es von C. Peralza her. Die Brigade Ramming, das 13. Jagerbataillon und 3. Bataillon Konig der Belgier im ersten Treffen, das zweite und das Grenadier- bataillon im zweiten Treffen. Mitten durch die zuriick- gehenden Bataillone brechen sie durch und vor. Das ihnen entgegenprasselnde furchteriiche Feuer schtichterte sie nicht ein. «Es lebe der Kaiser b Ihr donnernder Ruf scheint den Schlachtenlarm iibertonen zu wollen. Die ganze Masse des Feindes walzt sich mit einem gewaltigen Ruck riickwarts, bis an den Eisenbahndamm dringt der Siegeslauf. O @ 47 ® Ein verzweifelter Kampf entspinnt sich am Damme, von welchem die todbringenden Salven der Franzosen herabdrohnen, um die Fahne des dritten Bataillons, deren Trager, Fahnenfuhrer Zeilbauer, von einer Feindeskugel niedergestreckt wurde. In einem heroischen Kampfe wird um das teure Panier gestritten. Oberleutnant Rumpold, gefolgt von Planklern unter Leutnant Allesch, reifit die zweite Division mit sich auf den Damm empor. Časa Girola und Mainaga fallen den braven Steirern in die Hande. Bis gegen Pontenuovo dringt der Bataillonsadjutant Ober¬ leutnant von Haydegg mit einer Patrouille vor, welche durch einige wohlgezielte Schtisse mehrere berittene Offiziere eines dort haltenden Stabes niederstreckt. Fast samtliche Offiziere sind gefallen. Hauptmann Fux, der um- sichtige Fiihrer der zweiten Division, Iibernimmt auch das Kommando der siebenten. Mittlervveile ist Generalmajor Ramming mit vier Kompanien Belgier nahe dem Friedhofe von Magenta eingetroffen. Freudig und bewegt zugleich begriiCt ihn Generalmajor Gablenz, der an Stelle des vervvundeten Reischach dessen Division kommandiert und das von iiber- machtigen Feindeskraften bedrangte Magenta sogar zu ver- lieren fiirchtet. «Um Gottes willen, degagiere mich!» ruft Gablenz dem Kameraden Ramming zu, und dieser zogert nicht, das Nachste und Dringendste zu tun, wenngleich es nicht seine unmittelbare Aufgabe ist. © 48 © Und nun stutzen die Franzosen. Sie sehen die Weil3- rocke mit gelben Aufschlagen, gefiihrt von einem jungen Stabsoffizier, heranstiirmen. Hoch schwingft der Ftihrer, Herzog Wilhelm von VVurttemberg, seinen Sabel; jubelnd klimmen die Steirer den Eisenbahndamm hinan, wenn- gleich von oben Tod und Verderben ihnen entgegen- spriiht. In unvviderstehlichem Anlauf wird der Damm er- klommen und schon verkiinden gellende Jauchzer, daB auch das zweite Bataillon den Damm erstiegen hat. Auf dieser Seite des Schlachtfeldes trat eine kurze Pause ein. Fiir General Mac Mahon war kein Grund mehr zu einer Zogerung vorhanden. Er hatte allen seinen Divisionen den Befehl gegeben, konzentrisch gegen Magenta vorzu- riicken und den Ivirchturm des Ortes als Direktionsobjekt bezeichnet. Der Feind schritt also in zwei getrennten Gruppen zum Angriff — mit der Hauptmasse auf Magenta, mit dem kleineren Teile auf Ponte vecchio di Magenta. Es war ungefahr 6 1 / 2 Uhr, als die franzosische Divi- sion Motterouge zuerst den Angriff auf Magenta begann. Mit einem Hagel von Geschossen wurde sie emp- fangen. Zweimal drangen die Franzosen vor. Beim Bahn- hofe entwickelte sich einer der erbittertsten Ivampfe tiber zerrissenen Leichen und Trlimmern und alles war @ 49 © dergestalt in Rauch eingehiillt, daC man sich gegenseitig kaum erkennen konnte. Am Eisenbahndamme kampfte noch immer Oberst Herzog von Wiirttemberg mit seinen Belgiern. Immer machtiger schwillt die feindliche Ubermacht an, das Ein- greifen der franzosischen Division Motterouge wird fiihl- bar. Eine gleichgestimmte Heldenschar, die zweite Grenadier- division desRegimentsKaiser Nr. i, stand in diesemblutigen Kampfe den todesmutigen Kameraden von Nr. 27 treu zur Seite. Die kleine Schar wurde in Front und Flanke be- schossen; franzosische Sturmkolonnen nahten. Oberst Herzog Wilhelm war iiberall; er sprengte von einer Ab- teilung zur anderen, feuerte seine Soldaten an, achtete nicht der von allen Seiten drohenden Gefahren und setzte sein Leben freudig aufs Spiel, da er die ziindende VVirkung seines glanzenden Beispiels sah. Unter brausendem Hurra warfen sich die Kaiserlichen auf den Feind. Oberleutnant Skrowat und Leutnant Andreoli fielen todlich getroffen an der Seite ilires Obersten. Die Wut des Kampfes steigerte sich von Moment zu Moment. Heldenmiitig griffen Offiziere und Mannschaft ein. Die Ordnung fing an zu schwinden. In die dichtgedrangten Haufen gaben die Franzosen Decharge auf Decharge ab. Feldwebel Torggler, schon verwundet, drangt sich an die Seite des Herzogs, der mitten im iviitendsten Handgemenge ist, um ihn heraus- zuhauen. Der Herzog wurde der Zielpunkt des heftigsten Herrmann, Magenta. 4 @ 50 ® feindlichen Feuers. Auf wenige Schritte driickten Schiitzen ihre Gewehre auf ihn ab. Noch flatterte stolz die zer- schossene Fahne des i. Bataillons, da stiirzte Fahnenfiihrer Mayer, durch die Brust geschossen. Herzog Wilhelm von Wiirttemberg fafite die sinkende Fahne, gab seinem bereits verwundeten Rosse die Sporen und sprengte vorwarts. Durch einen Schufi getroffen bricht das Pferd zusammen, Herzog Wilhelm reifit es nochmals empor und sprengt mit den Worten: «Soldaten, verlaCt Eure Fahne, verlaCt Euren Obersten nichtU mitten unter den Feind. Ein Auf- schrei der libemaltigendsten, hochsten Begeisterung er- scholl. Mit einer an Raserei grenzenden Todesverachtung stiirzte alles vorwarts. Sogar Sterbende strebten in ihren letzten Konvulsionen nach vorwarts. Verwundete rochelten mit erloschender Stimme: «Vorwarts!» Von allen Seiten ertonte das Sturmsignal. Es entstand ein grauenhaftes Kampfgevviihl. Leutnant Markmann hieb wie ein Wiitender um sich, bis er durchschossen und durchstochen nieder- sank. Im blutigsten Handgemenge wurde der Gegner zurlickgedrangt, doch neue franzosische Kolonnen riickten heran. Das Pferd des Obersten Herzog von Wiirttemberg, von mehreren Kugeln getroffen, brach zusammen und be- grub seinen Reiter unter sich; schon stiirzten Zuaven, sich Bahn hauend, durch das Gedrange an die Stelle, wo der Herzog lag, die Fahne neben sich. Da eilte Fiihrer Heinrich Schlosser der zweiten Grenadierdivision Kaiser, obschon Das Regiment «Konig der Belgier» Nr. 27 bei Magenta, © 51 @ aus mehreren Wunden blutend, herbei und versuchte zuerst, den gestiirzten Obersten vom Pferde freizumachen; da ihm dies nicht gelang, ergriff er die Fahne und brachte dieselbe im Hagel der feindlichen Geschosse in Sicher- heit. Schweren Herzens, voli Ingrimm, aber iiberzeugt von der Unmoglichkeit eines Vordringens, gab der Oberst Befehl zum Riickzuge. Unter harten Kampfen ging der Riickzug Schritt fiir Schritt gegen den Bahnhof von Magenta. Oberst Herzog von Wurttemberg, am FuCe verletzt, sank. Durchdringend erschallte der Ruf: «Leute, der Oberst ist in Gefahr!» Leutnant Graf Sternberg, Fuhrer Furster und noch einige brechen aus dem Gewlihle hervor. Das um- gekehrte Gewehr schivingend, schmettern die Belgier mit den Kolben auf die Zuaven ein. Der Oberst ist gerettet. Ein ernstlicher Widerstand auCerhalb Magentas war nicht mehr denkbar. Von allen Seiten umringt, muCten diese Tapferen nach Magenta sich zuriickziehen. Die auf der Nordseite von Magenta noch auCerhalb gestandenen Truppen der Generale Rezniček und Szabo wurden nun gleichfalls in den Ort zuriickgezogen. Zitternd vor Zorn sahen die Tapferen das Ringen mit dieser Ubermacht, dessen Ausgang fur niemanden mehr zweifelhaft war. «Es sind ihrer zu viele!» murrten die ungliicklichen Soldaten. Ilire verbogenen Bajonette, ihre sclnveiCtriefenden Gesichter, leeren Patronentaschen, ihre pulvergeschwarzten Fauste sprachen beredt genug fiir die Tapferkeit ihrer Verteidigung. 4 * @ 52 @ Je naher Magenta, desto gehaufter die Hemmnisse. Im Orte selbst konnte man kaum durchkommen. Uberall Ge- pack und Ausrustungsgegenstande, reiterlose Pferde galop- pierten umher, Versprengte suchten ihre Truppenteile. Abteilungen aller im Kampfe gestandenen T ruppengattungen vermischten sich im Orte. Oberst Herzog von Wiirttemberg versuchte Ordnung und frische Tatkraft in die Verteidigung zu bringen. Eine nachst dem Bahnhofe ohne Bespannung stehende Batterie der Brigade Rezniček stand im heftRsten O feindlichen Gewehrfeuer. Eine kleine ungarische Infanterie- abteilung deckte dieselbe. Eine Granate platzte mitten zwischen den Geschtitzen und dezimierte die Bedeckung. Sterbende und Tote bedeckten den Boden, Leutnant Pinter lehnte verwundet am Gemauer. Schon drancren o Zuaven in die Batterie ein. Da eilte der Herzog von Wurttemberg mit zusammengerafften Abteilungen herbei. Ein blutiges Handgemenge entstand. Der Herzog hammerte personlich mit der abgeschossenen Pištole auf die Kopfe der Zuaven los und rettete den unter ein Geschutz ere- O ratenen Leutnant Schmedes vom Tode. Infanterie schleppte die Geschiitze zuriick, die Bespannung jagte heran, protzte auf und die Geschiitze konnten in Sicherheit gebracht werden. Haufen von feindlichen Gefallenen bedeckten den Boden, doch der tapfere Feind lie!3 sich nicht aufhalten. Immer machtiger breiteten sich seine Kolonnen aus. ® 53 ® Eine geregelte Leitung des Kampfes vvar kaum mehr moglich. Jeder Offizier folgte seiner eigenen Eingebung und der Notwendigkeit des Augenblickes. Bald klammerte man sich an den Boden in zahester Verteidigung, bald stlirzten sich Gruppen blindlings auf den Feind. Es war ein Kampf der Verzweiflung, wie noch nirgends an diesem heifien Tage, ein Kampf ohne Erbarmen und voli auBerster Wut und Erbitterung. Eine Artilleriemasse von 30 Geschiitzen schmetterte ihre Geschosse nach Magenta hinein. Bunt durcheinander stromen versprengte Abteilungen verschiedener Truppenkorper, Infanterie mannigfacher Auf- schlagsfarben und Jager durcheinander, auf die eherne Schar der Verteidiger von Magenta zuriick. Oberst Herzog Wilhelm will das Unmogliche vollbringen, dieses Chaos entwirren, die Weichenden zu neuem verzweifelten Wider- stande begeistern. Soweit die Stimme, der Einflufi und die Gegenwart des Herzogs reichen, soweit erstreckt er nun sein Kommando, und alle, welche noch die Energie des VVillens und Kraft zum Handeln besitzen, unterordnen sich diesem Feuergeiste. Den Westausgang hielt die Gre- nadierdivision Kaiser, den Ausgang gegen Ponte di Ma¬ genta der kleine Rest des 1. Bataillons Belgier. Den Friedhof hielt Hauptmann Sabatovic mit seinen Getreuen der 6. Division und den Pfarrhof die 1. Grenadierdivision -g) 54 ® Belgier. Im Ostteile des Ortes fochten das 2. Jagerbataillon, vermischt mit Jagern verschiedener Bataillone, und am Platze harrten die zusammengeschmolzenen Reste der Zehnerjager, eingedenk ihres alten Ruhmes von Santa Lucia, als Reserve. Der Friedhof von Magenta nach der Schlacht. Eine Stunde, erflillt vom Larm des Gewehrfeuers und dem Drohnen der Geschiitze, war vergangen; die ermatteten Verteidiger von Magenta vvaren der Er- schopfung nahe. Nicht ahnend, wie schwach diese unerschiitterliche Schar war, wagte es die franzosische Ubermacht lange ® 55 ® nicht, einzudringen; sie okkupierte einige Hauser, blieb aber mit ihren Massen auberhalb Magentas. Nur ihre Kanonen schwiegen nicht. Das letzte Ringen um Magenta begann. Noch wichen sie nicht, die glorreich Besiegten. Gegen 7 1 j2 Uhr drang der Feind von Nord und West in Magenta ein. Es entstandein langandauernder, fiirchterlicher Strafien- kampf. Obgleich noch das nordliche grobe Eckhaus vom 2. Jagerbataillon heldenmiitig verteidigt wurde, gab der Herzog von Wtirttemberg, an der Hoffnung auf Unter- stutzung verzweifelnd, doch endlich den Befehl zum Riick- zuge nach Robecco. Nur zogernd den Befehlen ihrer Offiziere gehorchend, retirieren die braven Verteidiger, nachdem sie jetzt ein- einhalb Stunden hindurch den Abzug der anderen Armee- korps gedeckt hatten. Von allen Punkten stromten die einzelnen Reste der Verteidiger zurtick. Man erkannte sie kaum mehr; sie waren mehr als dezimiert, zumeist der Fiihrer beraubt mit denen sie in den Kampf gezogen. Die gegen Corbetta sich zuriickziehenden Truppen mufiten sich ihre Riickzugslinie durch wiederholte Bajonett- angriffe gegen die schon ostlich Magenta vorriickende italienische Division Fanti freihalten. @ 56 ® In Magenta spielten sich noch geradezu heroische Einzelkampfe ab. Umzingelt, wehrte sich Oberst Baron Hauser mit dem 2. Jagerbataillon verzweifelt im groBen nordlichen Eckhause gegen die heranstromende Ubermacht. Nach- dem die feindliche Artillerie das Haus eine halbe Stunde hindurch mit Geschossen iiberschuttet hatte, stiirzten mit dumpfem Krach die Vorderfront und der Dachstuhl ein, viele der heldenmiitigen Verteidiger unter den Triimmern begrabend. Oberst Tixier, der Kommandant des 2. Zuavenregiments, liefi durch einen Kapitan zur Uber- gabe auffordern. Oberst Baron Hauser schlug selbe ab. Nochmals stiirmten die Franzosen vor, um wieder zuriick- geschlagen zu werden. Doch fiir die tapferen Verteidiger nahte das Ende. Flammen schlugen aus dem Gebaude empor; durch den fiirchterlichen Staub infolge der ein- schlagenden Geschosse, Pulverdampf und enorme Hitze am Atmen gehindert, uberdies ohne eine einzige Patrone und da der Feind den groBten Teil des Ortes im Besitz hatte, mufite sich das Bataillon ergeben; um 1 / 2 9 Uhr abends streckte die auf 96 Mann reduzierte Besatzung liber nochmalige Aufforderung die Waffen. Beim beginnenden Riickzug aus Magenta sammelte sich das 1. Bataillon Kaiser-Infanterie am Hauptplatze. Stiirmisch drangten die Franzosen nach. Um den zuriick- gehenden Truppen Luft zu machen, warfen sich die Reste © 57 ® der i. und 2. Kompanie unter Hauptmann Siegmund Baron Potier mit einem glanzenden Bajonettangriff auf den Feind. Zwei auf dem Hauptplatze stehende oster- reichische Geschiitze wurden zum Feuern kommandiert. Trotz dreimaligen Brandelaufsetzens gingen dieselben aber nicht los, bis man entdeckte, dafi sie in der Verwirrung nicht geladen worden waren. Major Drasenovich liefi diese Geschiitze durch Leute zuriickfiihren, und ein entschlossener Bajonettangriff warf die vordringenden Franzosen wieder zuriick. Ein Offizier von den Chasseurs d’ Afrique sprengte ganz allein mit geschwungenem Sabel mitten in die Truppe, wo er, zwanzig Schritte von Major Drasenovich entfernt, niedergeschossen wurde. Nach blutigen Kampfen erreichte das Bataillon den Ostausgang und setzte seinen Riickzug gegen Cerella fort. Das 3. Bataillon Kaiser, welches die Terrasse vor der Kirche besetzt hielt, trat nun auch den unvermeidlichen Riickzug an. Bataillonsadjutant Leutnant Albrecht iibernahm die Fahne des 3. Bataillons von dem schwer verwundet zu Boden stiirzenden Fahnenfiihrer Malirz, und unter dem Rufe: «Soldaten, das ist unsere Fahne, sammelt Euch bei derselben!» gelang es ihm, das Bataillon zu ralliieren. Unter dem heftigsten feindlichen Feuer ging der Riickzug durch Magenta. Bei diesem Riickzuge trafen die 13., 14. und 15. Kompanie auf den General Gablenz und erhielten den ® 58 ® Befehl, die verlassene Position neuerdings zu besetzen und so lange zu halten, bis die noch im Orte befindlichen Ge- schutze diesen verlassen hatten. Das Halbbataillon kelirte sofort um, fand aber die verlassene Position schon in den Handen der Franzosen. Ein kraftiger Bajonettangriff warf den Feind zurlick, das Halbbataillon nahm seine Stellung wieder ein und behauptete sie gegen alle Angriffe bis 8 Uhr abends. Nachdem um diese Zeit der Feind schon in den Ort eingedrungen und die drei Kompanien teilweise umgangen waren, wurde endlich der Ruckzug angetreten. Als nun die drei Kompanien aus der engen Gasse auf die Hauptstrafie debouchieren wollten, wurden sie vom Feinde mit verheerendem Feuer empfangen, auch im Rticken erschienen feindliche Tirailleurs. Eingekeilt in die enge Gasse, sprengten Zimmerleute mit grofier Muhe das ein- zige in der Strahe befindliche Haustor und die Reste der drei Kompanien sturzten in das Haus. Sofort wurden die moglichsten Verteidigungsanstalten getroffen. Das Kommando tibernahm Oberleutnant Comolli von Grueber-Infanterie, von Kaiser waren nur mehr an- wesend der Oberleutnant Franz Albrecht, die Leutnants Hermann Albrecht, Schubert und VVolf, auherdem noch Leutnant Wenzelides vom 27. Regiment Es entspann sich nun ein blutiger Kampf um das Gebaude. Wiederholte Sturme wurden abgeschlagen. Die Franzosen besetzten alle umliegenden Hauser mit Schutzen und es entspann ® 59 ® sich ein lebhaftes Feuergefecht, infolge dessen die tapferen Verteidiger bald viele Verwundete zahlten. So wurde es 11 Uhr nachts. Um 1 / 2 12 Uhr kam ein italienischer Kapitan in die Nahe des Hauses und wurde vom Feldwebel Faik sofort festgenommen. Auf seine Erklarung, daC er mit Kapitulationsvorschlagen komme, trat sofort ein Kriegsrat zusammen, dem auch Feldwebel Faik sowie Vertreter samtlicher Mannschaftsgrade beiwohnten. Nach der Sach- lage war ein Durchbrechen oder Entsatz nicht mehr mog- lich; Offiziere und Mannschaft waren seit dem Morgen ohne einen Bissen, ohne einen Trunk Wasser in unaus- gesetztem Kampfe und bis aufs aufierste ermattet, ein Drittel der noch Lebenden verwundet und keine Munition vorhanden. Man einigte sich in dem Beschlusse der Ubergabe, jedoch nur an franzosische Truppen, widrigenfalls die Ver- teidigung bis auf den letzten Mann fortgesetzt werden solite. Gleich darauf kam eine Kompanie des 2. Zuaven- regiments, an welche nun die Ubergabe erfolgte. Die 1. Grenadierdivision Konig der Belgier hatte schon beim Riickzuge gegen Magenta grofie Verluste er- litten. Ihr tapferer Kommandant Hauptmann Theuerkauf fiel schwer vervvundet; die Division erreichte westlich von Magenta den Pfarrhof, ein festes, isoliertes Gebaude. Schon ergriffen die Franzosen von dem Gebaude Besitz, da stiirmten die Reste der Grenadierdivision heran. Grenadier ® 60 ® Gohry machte im Handgemenge allein fiinf Franzosen nieder. Nach unsaglichen Miihen gelingt es der Division, den Pfarrhof ganz in Besitz zu nehmen. Unter der um- sichtigen Leitung des Hauptmannes Filz, der nach dem gefallenen Hauptmann Theuerkauf das Kommando iiber- nommen, wurde das Gebaude zur nachdriicklichsten Ver- teidigung hergerichtet und die auf 160 Mann zusammen- geschmolzene Schar verteidigte das Gebaude zahe gegen die wtitend anstiirmenden Franzosen. Der Pfarrhof von Magenta bestand aus drei Gebauden in Hufeisenform, die vierte Seite offnete sich nach dem Garten, der wieder von einer hohen und starken Mauer umschlossen war. Das Quergebaude wurde von der Kirche iiberragt und stand mit derselben durch einen Gang in Verbindung. Die unteren Šale des Gebaudes waren mit Verwundeten belegt, deren Zahl gegen 200 betrug. Da lagen mit den verschieden- artigsten Wunden die Krieger: Deutsche, Ungarn, Fran¬ zosen und Italiener. Es war beilaufig 1 / 2 6 Uhr nachmittags. AuOer Haupt¬ mann Filz leiteten in Abschnitten die Verteidigung Ober- leutnant Acham, die Leutnants Werbegg und Leeb und Leutnant Posgay des 46. osterreichischen Infanterie-Regi- ments, der 15 seiner Leute mit sich hatte. Von drei Seiten stiirmten unaufhorlich die Franzosen, Kanonen fuhren auf und beschossen das Gebaude, jedoch vergeblich. Aus allen Fenstern, improvisierten SchieO- ® 61 ® scharten, schlug ihnen ein iibervvaltigendes Feuer entgegen, so dah in kurzer Zeit liber 200 Mann tot und vervvundet um das Gehoft herumlagen. Um 1 / 2 7 Uhr wurde Haupt¬ mann Filz durch einen Schul 3 vom Kirchturm, den zwei franzosische Jager erstiegen, schwer verwundet. Einige wohlgezielte Schusse befreiten die Verteidiger von den gefahrlichen Feinden auf ihrem hohen Standpunkt. Das Kommando ging nun an Oberleutnant Acham liber. Unter seiner energischen Leitung wurden noch drei Sturme ab- gewiesen, bis bei eintretender Dunkelheit einigermafien Ruhe eintrat. Um 10 Uhr nachts erschien bei der Tiir des Ganges, der den Pfarrhof mit der Kirche verband, der Mesner mit einer Fackel, gefolgt von dem Pfarrer. Dieser erklarte, zu den Sterbenden im Hofraume gelangen zu wollen. Doch der wachsame Leutnant Werbegg be- merkte hinter dem Pfarrer nachkommende franzosische Soldaten. Rasch entrifi er einem Grenadier das Gewehr, gab Feuer und stlirmte mit seinen Leuten gegen die Ture. Der Mesner fiel, durch die Brust geschossen, tot niecler, eiligst verschwanden der Pfarrer und die Soldaten im Gange, die schwere eiserne Tiir wurde zugeschlagen und verschlossen. Weiter tobte der Kampf. Oberleutnant Acham feuerte seine Leute zum aufiersten Widerstande an, iiberall war er unermlidlich am Platze. Etwa um 11 Uhr nachts verlangte beim Scheine von P'ackeln ein franzosischer Offizier, der sich als Parlamentar © 62 © zu erkennen gab, eine Unterredung mit dem im Pfarrhofe kommandierenden Offizier. Nachdem sich in der Person des Grenadiers (nachmaligen Leutnants) Wernecke ein Dolmetsch gefunden, forderte der Franzose den Ober- leutnant Acham auf, die Waffen zu strecken, da die kleine Abteilung ja doch von allen Seiten eingeschlossen sei. Hierauf wurde ihm die Antwort zuteil, dafi, wenn solches der Verteidiger Wille und Absicht gewesen ware, es friiher und ohne seine Vermittlung hatte geschehen konnen, und dafi er sich deshalb, wenn sein Erscheinen keinen anderen Zweck hatte, wieder zuriickziehen moge. Hierauf erwiderte er, dafi im Laufe des Tages gewifi Blut genug geflossen sei und dafi, wenn die Verteidigung auch noch eine Zeit dauern und den Franzosen Schaden tun konne, zuletzt doch nichts iibrig bleiben wiirde, als die Waffen zu strecken; wenn dagegen der fernere, doch zvvecklose Widerstand aufgegeben und die Waffen gestreckt wiirden, so sei er ermachtigt zu versprechen, i. dafi die Offiziere die Waffen behalten sollten, und 2. dafi sowohl Offiziere und Soldaten, einschliefilich der im Gehofte befindlichen «verwundeten Offiziere», am 5. Juni mit Tagesanbruch zur osterreichischen Annee zuriickkehren konnten, und zwar verbiirge er sich fiir die Erflillung dieser Bedingungen mit seinem Ehrenwort als franzosischer Offizier. Diese Bedingungen wurden von dem Oberleutnant Acham in Berucksichtigung der Lage fur den Fali angenommen, ® 63 © als ihm dieselben schriftlich zugesichert wiirden. Nach- dem der franzosische Offizier die Ausstellung der Schrift anfanglich vervveigerte, da ihm, wie er sagte, Tinte, Feder und Papier fehlten und infolgedessen die Unterhandlung bereits abgebrochen werden solite, wurden die notigen Schreibmaterialien dennoch gefunden und die oberwahnten Zusicherungen dem Oberleutnant Acham in foRendem Schriftsttick iibergeben: «Je declare sur 1 ’honneur que les 150 Autrichiens et les onze officiers qui sontici, ont rendu leurs armes et sen iront dans leurs pays sans etre attaques, sains et saufs. Le capitaine commandant Philippe 70 regiment de ligne.» («Ich bezeuge bei Ehre, daC die 150 Osterreicher und die 11 hier befindlichen feindlichen Offiziere ihre Waffen gestreckt haben und in ihr Land, ohne angegriffen zu werden, gesund und wohlbehalten zuriickkehren werden. Hauptmann - Kommandant Philippe 70. Linien-Regiment.») InfoRe dieses Aktes wurden zwischen 11 und 1 2 Uhr O nachts den Franzosen die Gewehre iibergeben. Reproduktion des Originals des Kapitulationszettels. •© 64 @ 65 ® Am friihen Morgen des 5. Juni erschien an der Pforte des Gartens ein franzosischer General mit einem kleinen Detachement und verlangte, in grofiter Eile den Pfarrhof zu verlassen, da seine Zeit sehr gemessen sei. In dem guten Glauben, daft das Detachement bestimmt sei, die Kapitulanten zu den osterreichischen Vorposten zu ge- leiten, gehorchten selbe, wurden aber mit den iibrigen bei Magenta gemachten Gefangenen und ohne dafi es ihnen vergonnt war, bei einem hoheren Offizier dagegen zu protestieren, nach Novara abgeftihrt. Erst bei ihrer Ankunft in Vercelli fanden sie Gelegen- heit, dem dort kommandierenden franzosischen Divisions- General Beville eine Reklamation und Beschwerde zu iibergeben. Dieser traf sofort die notigen Anordnungen, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und trennte deshalb sowohl die Offiziere wie die Mannschaft von den iibrigen Gefangenen, welche mittels Eisenbahn an dem- selben Tage fortgebracht wurden. Nach drei Tagen er- klarte jedoch General Beville, dafl er sie nicht in den Handen der Italiener lassen konne und nach Frankreich transportieren lassen miisse, wo sie das Resultat der Rekla¬ mation erfahren wurden. Der Transport erfolgte iiber Genua und am Bord eines Kriegsdampfers nach Toulon. In Toulon wurde die Mannschaft von den Offizieren, die ihre Reise nach Marseille fortsetzen muftten, getrennt. H e r r m a n n, Magenta. 5 © 66 ® In Marseille liefi man den Offizieren die Wahl, welche Stadt sie wahrend der Dauer ihrer Gefangenschaft be- wohnen wollten. Nachdem sie Angouleme gewahlt, schickte man sie mittelst Feuille de route nach Bourges. Daselbst angekommen, wendeten sie sich schriftlich an den Kriegsminister, dem sie eine beglaubigte Ab- schrift der Kapitulation einschickten. Gleichzeitig riefen sie den Schutz und Beistand des niederlandischen Ge- sandten Baron Lightenvelt an, welchem Ersuchen derselbe aufs bereitivilligste entsprach. Hauptsachlich wohl infolge seiner Bemiihungen wurde die Angelegenheit dem Minister des Aufiern, Grafen Walewski, zur Entscheidung vorgelegt, der aber den Gesandten in einem Schreiben benachrichtigte, dafi er die Entscheidung in die Hande des Kaisers Napoleon legen werde. Ehe diese Entscheidung gefallen war, trat der Friede von Villafranca ein und sie kehrten nebst den ubrigen Kriegsgefangenen zuriick. Den Grenadier Wernecke, welcher sich, der franzo- sischen Sprache machtig, sehr bitter und vielleicht in nicht sehr gelinden Ausdriicken liber die widerfahrene Treu- losigkeit beklagt hatte, hatte man zur Strafe dafiir von seinen Kameraden getrennt und nach Blois geschickt. Als er auch hier fortfuhr, sich liber die erlittene Ungerechtig- keit zu beklagen, brachte man ihn ins Gefangnis, aus welchem ihn erst der oreschlossene Friede wieder erloste. O ■© 67 ® Auch am rechten Kanalufer trat eine ungiinstige Wendung ein. Der Erfolg der Brigade Hartung war von keiner langen Dauer gewesen. Von Marschall Canrobert zur Vorriickung beordert, warfen sich neue franzosische Batail- lone auf die durch den vorhergehenden Sturm erschopften Osterreicher und drangten dieselben aus Ponte vecchio di Magenta. Die Franzosen gelangten zum sechstenmale in den Besitz des Ortes, freilich mit schrecklichen Ver- lusten, da ganze Haufen von Leichen den Preis der Er- oberung des Ortes bezahlten. Um den rechten Fliigel zu degagieren, attackierte die der Brigade beigegebene Eskadron Preufien - Husaren unter Rittmeister Schmidt. Marschall Canrobert, welcher die Stellung seiner Schiitzen- linie besichtigen wollte, wurde von diesen Reitern plotzlich in der Flanke angerannt. Die ganze Suite mufite die Sabel ziehen, mehrere Offiziere derselben wurden verwundet oder uberritten; die Eskadron jagte dann rechts bis zwischen die Gebaude am Kanale vor, wo sie dann vom andern Ufer her durch feindlichesTirailleurfeuer zur Umkehr genotigt wurde. Da erschien die vom Fiirsten Schwarzenberg vor- befohlene Brigade Diirfeld, das 15. Jagerbataillon mit dem 1. und 2. Bataillon Erzherzog Stephan, von jauchzendem Hurra begrlifit, am Schlachtfelde. Und nun, unter dem Toben des Sturmmarsches und dem vveithin hallenden Rufe «Es lebe der Kaiser! * ® 68 ® stiirzen die Bataillone auf den Ort. Trotz unausgesetzt aufeinanderfolgender Sturme wird der Ort vergeblich be- rannt. Mann an Mann werden die Reihen niedergestreckt in derselben Ordnung wie sie vorrucken. Das 15. Jager- bataillon forcierte dreimal den Ortseingang, wurde aber immer wieder durch Ubermacht zum Aufgeben desselben genotigt. Die 5. Division Erzherzog Stephan unter Haupt¬ mann von Zangen stiirmte zweimal vergeblich ein ver- rammeltes einstockiges Gebaude. Marschall Canrobert flihrte nun personlich frische franzosische Bataillone vor. Der Stabschef des III. franzosischen Korps, Oberst de Senneville, fiel dabei todlich verwundet. Die beiderseitigen Anstrengungen erreichten den hochsten Grad, das Hand- gemenge war unbeschreiblich. Das Feuer der frisch an- gekommenen franzosischen Bataillone wirkte vernichtend, das ganze Vorfeld war mit Leichen, Verwundeten und Sterbenden besat. Fast aufgerieben fluten die Osterreicher zuriick. In diesem kritischen Momente hatte Fiirst Schwarzen- berg aufier dem Regimente Preufien-Husaren keine intakte Truppe mehr. Das durchschnittene und bedeckte Terrain war fiir Kavallerie wenig geeignet. Doch das Regiment Preufien-Husaren war ein kuhnes, fiir Uberwindung von Terrainschwierigkeiten mehr als sonst bei der Kavallerie iiblich geschultes Regiment. Alles liefi @ 69 ® sich von dieser Truppe erwarten. Fiirst Schwarzenberg gab ihr den Befehl zum Angriff. In sausender Karriere, ihren tatendurstigen Obersten Baron Edelsheim an der Spitze, warfen sich die Husaren auf die avancierenden franzosischen Bataillone. In unauf- haltsamem Sturmritt wurden die Bataillone niedergeritten und zusammengehauen, ehe sie sich fassen konnten. Bis nach Ponte vecchio di Magenta hinein drangen die Husaren. Nur vereinzelte Triimmer des todesmutigen Regiments kehrten von diesem Todesritte zuriick. Das Beispiel des heldenmiitigen Husarenregiments fachte auch die Tatkraft der durch mehrstiindige Kampfe beinahe erschopften Infanterie von neuem an. Die Tam- bours schlugen, die Fahnen hoch, so gingen die Angriffs- kolonnen erneuert ungestiim vorwarts. Bis hinter S. Damiano wurde der Gegner zuriickgeworfen. Seine letzten Reserven vorziehend, setzte Oberst Dormus zum Angriff auf Limido an. Fest geschlossen, in musterhafter Ordnung riickte das Regiment Culoz Nr. 31 vor. Oberst Dormus zu Pferde mitten in der Sturmkolonne rief dem Regimente ein begeistertes Lebehoch auf den Kaiser zu. Da ertonte ein allgemeines donnerndes Hoch aus Hunderten von Kehlen, trotz der massenhaft ein- schlagenden Geschosse. Eine zusammengewurfelte Schar von etwa 60 Jagern und 120 Mann Infanterie vom Regi- ■© 70 ®> mente Konig der Belgier unter Hauptmann von Pinters- hofen schlofi sich dem Sturme an. Nach kurzem, aber ge- waltigem Ringen wird Časa Limido genommen. Durch Bataillone des 41. und 51. franzosischen Regiments ver- starkt, versuchte der Feind unter gellenden Hornsignalen und betaubendem Trommellarm einen erneuten Angriff auf Limido. Die Anstlirmenden wurden von den Osterreichern mit einem Feuer empfangen, dessen Wirkung so graClich war, dafi das Vorfeld sich mit Gefallenen bedeckte. Vollstandige Dunkelheit — es war mittlerweile 10 Uhr nachts geworden — setzte auch hier dem Kampfe ein Ziel. Unerschiitterlich behaupteten die Osterreicher die eroberten Stellungen. Tiefe Nacht sank nun wie eine riesige, alles ver- hiillende Totenhand auf die Wahlstatt herab. Nur von fernher, ersterbend, in Pausen schwacher werdend, horte man noch Gewehrschtisse, das dumpfe Drohnen eines Kanonenschusses. Rings am Horizont ztingelnde Flammen, brennende Gehofte, aus verkohlendem Gebalk aufstei- gender Rauch. Ein Stohnen und Achzen schwebte durch die Luft, der Sterbeseufzer Gefallener. vermischt mit den Klagelauten Verwundeter. Hie und da vernahm man den dumpfen Schall und das Klirren marschierender Kolonnen durch den Blutdunst, der von der Erde sich erhob. @ 71 ® Wenn auch diesmal wieder die Glticksgottin den Franco-Sarden lachelte, so gibt es dennoch in der neueren dsterreichischen Kriegsgeschichte keinen Tag, der flir ihre Waffen ruhmvoller und glanzender genannt werden konnte. Ob die osterreichische Armee mit Ehren unter- lag, darauf hat bereits die Bewunderung der Welt geant- wortet. Tatsache ist es, dafl an jenem Tage beiderseits mit einer Erbitterung und Ausdauer gefochten wurde, wie sie in friiheren Kriegen niemals vorgekommen. Und darum ist jene Schlacht eine der blutigsten und grofiartigsten der Neuzeit; es war keine Schlacht, sondern ein Schlachten. Mit wahrem Stolz darf sich jeder, der an dieser ewig denkwiirdigen Schlacht teilnahm, sagen: «Auch ich war dabei!» In dieser Schlacht zeigte sich, was die kaiserlichen Truppen durch den ihnen innewohnenden altosterreichischen Soldatengeist und todesmutige Tapferkeit unter tuchtiger Fiihrung zu leisten vermochten. Der Name «Herzog Wilhelm von Wiirttemberg» steht aber fiir ewige Zeiten mit goldenen Buchstaben auf den Ruhmestafeln des k. u. k. Heeres. NARODNA IN UNIVERZITETNA KNJIINICA 00000476236