UBER DEN JUNGSTEN AUSBRUCH DES VESUV VON G. MERCALLI SONDERABDRUCK AUS DER MONATSSCHRIFT „DIE ERDBEBENWARTE“ f LAIBACH 19Q3 BUCHDRUCKEREI VON IG. v. KLEINMAYR & F ED. BAMBERG Sonderabdruck aus der Monatssclirift «Die Erdbebenwarte», Nr. n und 12, II. Jahrg , 1903. Nach einer kurzen Periode der Tatigkeit, welche sich im September 1902 am Vesuv zeigte, ist nun dieser Vulkan etwa durch drei Monate fast voll- standig ruhig gewesen, mit wenigen Unterbrechungen von seltenen und sehr mafiigen Auswiirfen von Asche und nicht gliihenden LavatrLimmern* **, welche ctwas haufiger gegen Ende des Monats Dezember aufzutreten begannen. Im Janner dieses Jahres und in der ersten Halfte des Februar wechselten Auswurfe von Asche und anderem festen Schutt mit solchen von gliihenden und fliissigen Lavastticken ab. Aber nach dem 20. Februar bildete sich eine neue Offnung (bocca) auf dem Grunde des Kraters, aus welcher ausschlieClicli in groGcr Menge «Fetzen» von sehr leicht fliissiger Lava lierausgeschleudert vvurden. In einigen Tagen bildete sich infolge der ausgeworfenen Laven ein Aus- wurfskegel neben dem Zentrum des alten Kratergrundes von einer sehr regel- maCigen Form. Wahrend dieser Ausbriiche, welche immer von einer kurzen Detonation wie von einem starken GewehrschuO begleitet vvaren, bemerkte ich auch das Auftreten von Rauchringen .*** Die Entladungen nahmen gegen die ersten Tage des Monats Marž an Starke bestandig zu, so daC am 6. Marž das Getose aus dem Krater bis St. Vito, das ist 5 km weit, vernommen wurde. Die Kraftentfaltung des Vulkans erreichte eine auCergewohnliche Heftigkeit vom 9. bis 15. Marž u. zw. mit dem Maximum am 10. bis 12. Marž. Innerhalb dieser drei Tage vvurde das Getose aus dem Krater in allen Orten am Fufte des Vulkans wahrgenommen, in der Nacht des 11. Marž sogar leicht in Neapel. In Resina machten die Detonationen Fenster und Ttiren zittern. Auf der oberen Station der Drahtseilbahn am Vesuv offneten sich die Tiiren, der Boden zitterte ganz deutlich, so dafi die Betten und die aufgehangten Gegenstande * Originalbericht italienisch, die Ubersetzung in die deutsche Sprache wurde vom Schrift- leiter besorgt. ** Ich nenne «vulkanianisch» jene Auswiirfe von gliihendem Material oder, richtiger gesagt, von gliihenden, aber im Momente des Auswurfes oberflachlich schon erstarrten Gestein- stiicken; hingegen bezeicline ich mit «strombolianisch» solche Ausbriiche, bei \velchen aus- schliefilich oder vorherrschend gliihende und fiiissige Lavastucke ausgevvorfen werden. (Siehe meine «Notizie vesuviane», Juli-Dezember 1900 in Boli. della Soc. Sismol. Ital. Bd. VII, p. 107.) Ani?ierkung der Schriftleitung. Die Benennungen «vulkanianisch» und «strombolianisch» sind den beiden tatigen Vulkanen auf der Insel Vulkano (Eolien) und Stromboli entnommen. *** Dieses Phanomen wurde am Vesuv sehr haufig beobachtet und auch von Scacchi vom Jahre 1840 bis 1S50 verzeichnet. HIKLIOTHKh v 7 1 Uber den jiingsten Ausbruch Klelnmayr &. Bamberg, Laibach. 2 schwankten; insbesondere wurde dies bei den zwei starksten Entladungen beobachtet, welche am io. Marž um 20 h 30 m und am 12. Marž um 4 h 30 m aufgetreten sind. Audi von Neapel aus war der Anblick des Ausbruches grofiartig. In der Nacht wiederholten sich starke Entladungen in kurzen Intervallen von einer Minute etwa, indem in hohen Saulen zusammenhangende gliihende Massen ausgeworfen wurden, gewohnlich in eine Hohe von 200 m, oder besser, es erfolgten Ausvviirfe (Explosionen) von gluhenden Lavaschlacken von geringerer Hohe, aber mehr auseinandergestreut, so dafi sie beim Nieder- fallen den ganzen Kraterrand bedeckten und der Krater danach ringsherum gliihend erschien, als wenn die Lava allseitig liber den Kraterrand ausgeflossen ware. Mit einem Feldstecher sah ich deutlicb, wie einige vereinzelt auftretende Auswiirflinge in eine grofie Hohe (300—400 m) lotrecht oder auch schief ge- schleudert wurden; die ersteren fielen wieder in den Krater zuriick, wahrend die letzteren auf den Flanken des Kraters niedersanken. Haufig erschienen gleichzeitig zwei Streifen gliihender Schlacken auf dem aufieren Mantel des Auswurfskegels an der Nord- und Siidseite. Dieser Umstand beweist eben, dafi im Innern des Kraters zwei tatige Eruptionsoffnungen vorhanden waren, und erklart auch, warum haufig nach einem Auswurfe gliihender Massen gleich darauf ein zweiter, haufig viel starkerer folgte. Durch drei Nachte (10., 11. und 12.) war der Widerschein der gluhenden Massen ununterbrochen sichtbar, sei es, dafi sich wahrend der Zwischenzeit von starkeren Explosionen eine Reihe schwacherer wiederholte, sei es, dafi die Auswtirflinge so grofi waren, dafi sie die Glut bis zum nachsten Aus- bruche beibehalten haben. Die Temperatur des aus dem Vesuv ausgeworfenen Materials muflte bei dieser Eruptionsphase ungeheuer grofi gevvesen sein, da ich auch bei Tage, insbesondere am 12. Marž um 8 Uhr von Neapel aus, also auf eine Distanz von 14 km, den vollkommen gluhenden Zustand der Eruptionsmasse beobachten konnte. Am 13. nahmen die Entladungen an Heftigkeit ab, aber gleichzeitig anderte sich der Charakter derselben, indem grofie Mengen von Asche sowie Steine (Lapillo e projetti), die nur teilweise gliihend waren, ausge- worfen wurden. Auch das Getose, welches auf grofie Entfernungen hin vernehmbar gewesen war, horte auf. Am 13. und 14. Marž waren die Entladungen noch sehr stark, aber von vulkanianischer Natur und begleitet von hohen, dichten, schvvarzlichen Pinienbildungen bis zur blumenkohlartigen Form. In der Nacht des 14. Marž merkte man eine deutliche Abnahme; aber am 15. hat die Kraft der Entladung neuerdings zugenommen, immerhin ver- blieb sie aber schwacher als in den Tagen vom 10. bis 12. des genannten Monats. j 3 Am 15. und 16. Marž stand ich lange Zeit auf dem Gipfel des Vulkans, es war mir aber unmoglich, den Rand des Kraters vom Jahre 1872 zu iiberschreiten, da bis zu diesem heran in kurzen Zwischenraumen die feurigen Ausvriirflinge niederfielen. Ich konnte feststellen, daI 3 im Innern des Kraters zwei tatige Offnungen vorhanden waren, aus welchen hie und da gleichzeitig Eruptionen verschiedener Natur erfolgten, und zwar war die Offnung (bocca) im Norden vulkanianisch tatig, die im Siiden gelegene warf kleine Fetzen von gliihender und fliissiger Lava aus. Auch hatte ich das Gliick, die seltene Erscheinung zu beobachten, wie namlich Bomben im Fluge platzten. Ein grofier Auswiirfling, welcher in sanft geneigter Richtung gegen den Horizont geschleudert wurde, liefl auf seiner Flugbahn eine Menge feinen Griefies zurtick und verschwand dann in wenigen Sekunden. Fiir einen Augen- blick glaubte man vvirklich den Kern eines Kometen zu erblicken, welchem ein unten leicht gebogener langer Schweif folgte. Diese Bomben kamen aus der siidlich gelegenen Offnung des Vulkans. Neben der oberen Drahtseilbahnstation waren die Erzitterungen des Bodens zur Zeit der starken Explosionen sehr stark fiihlbar, und zwar in den Tagen vom 10. und 13. Marž, wahrend am 15. und 16. Marž der Boden scheinbar ganz ruhig war. Aber die Beobachtungen, die ich an einem eigens aufgestellten Quecksilberspiegel machte, ftihrten zur Erkenntnis, dafi einige Augenblicke, noch bevor das Getose, welches die Eruption begleitete, horbar war, am Quecksilberspiegel Zitterbewegungen sichtbar wurden, die ihre groCte Intensitat erreichten in dem Momente, als die Auswiirflinge zu Boden fielen. Die vulkanianischen Explosionen dauerten 15 bis 20 Sekunden und auch mehr und gaben einen dichten, schwarzlichen Rauch von Sand und Asche, welcher sich anfanglich in Form eines gigantischen Blumenkohl- kopfes erhob (Bild 1), der sich dann immermehr nach oben hin verbreiterte, die Form der charakteristischen plinianischen Pinie annehmend (Bild 2). Die strombolianischen Eruptionen hingegen waren viel kiirzer und rascher und von wei( 31 ichen Dampfen begleitet (Bild 3). Das ausgeworfene Material der grofien Eruptionen am 9. und 13. Marž bestand zum grofien Teile aus elliptischen, gedrehten Bomben oder waren von anderen verschiedenartigsten Formen; die grofien Stiicke der schlacken- artigen Lava waren meistens ungeformt oder hatten die Form von gequetschten Brotlaiben, deren Durchmesser haufig einen Meter und mehr, fast zwei Meter, betragen hat. Nachdem sie auf den Boden niedergefallen, waren sie noch immer ganz teigartig weich. Aufierdem gab es eine grofie Menge von aufierst poroser faseriger Lava von zweierlei Farben; die eine graublau-gelblich, die andere schwarzlich. Die ersteren waren sehr leicht, wie fest gewordener Schaum, die letzteren fast ganz bedeckt von einem glasartig glanzenden Anfluge, der in vielen Punkten in sehr lebhaften Farben irisierte. Von den Farben war die 4 violette, ins griinliche, blaue oder gelbe spielend, vorherrschend. Viel. leicht handelt es sich hier um einen Oxydationsvorgang von Eisenverbin- dungen, welche auf den Laven, die an der Luft langere Zeit im gliihenden Zustande bleiben, vor sich geht. In der Tat sind diese prachtvollen, irisie- renden Erscheinungen am meisten beobachtet worden auf den Lavafetzen, welche recht massig waren. SchlieClich wurden wahrend der letzten vulkanianischen Ausbruche am 14. Marž ausschliefilich schwere Massenstiicke ausgeworfen, haufig nicht ganz kugelfdrmig, auch nicht gedreht, weil dieselben im Innern noch gliihend, beim Auswurf aber oberflachlich schon erhartet und geborsten wareu.* Diese Eruptionsphase halt noch an, aber es scheint, daG dieselbe dem Ende entgegengeht, da nach dem 20. Marž die Auswiirfe von gliihenden Laven fast ganz aufgehort hatten oder zum mindesten selten geworden sind; es dauert jetzt nur noch ein Auswurf von Asche und altem Material in vermindertem Mafie an. Die jiingste Eruptionsphase des Vesuv lcann man schliefilich als eine schwache, aber genaue Wiederholung der viel starkeren Eruption vom Mai und Juni des Jahres 1900** betrachten. Ne apel am 23. Marž 1903. Giuseppe Mercalli. * Das Innere des Kraters, welcher gegen Ende des Monats Februar 1 . J. noch eine Tiefe von 60 bis 70 m hatte, ist jetzt zum grofien Teil von ausgevvorfenem und wahrend der Ent- ladungen zuriickgefallenem Material ausgeftillt und der eingeschlossene neue Ausbruchskegel liat sich wieder gebildet und vergrbfiert, so dafi er nun den westlichen Teil des alten Kraterrandes um einige Meter tiberragt. ** Uber diese grofien Eruptionen vom Jahre 1900 habe ich eine ausftihrliche Abhandlung unter «Notizie Vesuviane» im «Boll. della Soc. Sismol. Ital.s, Bd. VI. und VII., vero-ffentlicht. 5 Hild i. 15. Mare 1903. Anfang einer vulkanianischen Explosion. Nach einer Aufnahme von Prof. G. Mercalli. 6 Bild 2. 16. Marž 1903. Vulkanianische Explosion gegen das Ende. Nadi einer Aufnahme von Prof. G. Mercalli. Bild 3. 15 Marž 1903. Zwei Explosionen iibereinander, eine vulkanianische mit dunkelgrauem Rauche und eine strombolianische mit weiGlichem Rauche und gluhenden Lavafetzen. Nacli einer Aufnahme von Prof. G. Mercalli. NARODNA IN UNIVERZITETNA KNJIŽNICA