737 PREDAVANJE NA KONFERENCI / CONFERENCE PAPER Objavljeni znanstveni prispevek na konferenci/ Published Scentific Conference Contribution (1.08) Bogoslovni vestnik/Theological Quarterly 82 (2022) 3, 737—759 DOI: 10.34291/BV2022/03/Strukelj © 2022 Štrukelj, CC BY 4.0 Anton Štrukelj Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac anlässlich seines 30.Todestages (4. Sept. 1991): Vortrag am Hans Urs von Balthasar-Gedächtnistag, in Basel, 3. Juli 2021 Hvaležen spomin na kardinala Hernija de Lubaca ob 30. letnici smrti (4. september 1991): predavanje na spominskem dnevu Hansa Ursa von Balthasarja v Baslu, 3. julija 2021 Grateful Remembrance of Henri Cardinal de Lubac on the Occasion 30 th Anniversary of His Death (Sept. 4, 1991): Lecture at the Hans Urs von Balthasar Me- morial Day, in Basel, 3 July 2021 Zusammenfassung: Im vorliegenden Vortrag beim Hans Urs von Balthasar-Gedächt- nistag in Basel (3. Juli 2021) wurde zuerst der Lebens- und Leidensweg von Henri de Lubac dargestellt. Dann wurde unter dem Stichwort „Vermittlung als gemein- samer Aufrag“ die langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit von zwei emi- nenten Theologen gewürdigt. Beide Gelehrten waren in echt ignatianischer ,kirch- lichen Gesinnung‘ die Vermittler, die Brückenbauer. Beide verstanden und erfüllten ihre Vermittlungsaufgabe als Übersetzer der kostbaren Schätze. »Zwei wirklich große Jesuiten im 20. Jahrhundert« (Kardinal Joseph Ratzinger) bauten eine ka- tholische Symphonie zu einer immer leuchtenderen Verherrlichung Gottes. Schlüßelworte: Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar, Kirche, Kirchenväter, Theo- logie, lebendige Überlieferung, Zeugnis Povzetek: V predavanju ob Balthasarjevem spominskem dnevu v Baslu (3. julij 2021) je bila najprej prikazana trnjeva življenjska pot Henrija de Lubaca. Nato je bilo pod oznako „Posredovanje kot skupna naloga“ opisano njuno dolgoletno prijateljstvo in sodelovanje. Oba odlična teologa sta bila v pristnem ignacijans- kem ,cerkvenem čutenju‘ posrednika in graditelja mostov. Oba sta svojo pos- redniško vlogo dojemala in izpolnjevala kot prevajalca dragocenih zakladov. 738 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 »Dva zares velika jezuita v 20. stoletju« (kardinal Joseph Ratzinger) sta gradila katoliško simfonijo za vedno bolj žareče poveličevanje Boga. Ključne besede: Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar, Cerkev, cerkveni očetje, teologija, živo izročilo, pričevanje Abstract: In the lecture for Hans Urs von Balthasar’s memorial-day in Basel (July 3 rd 2021) is presented the sorrowful lifepath of Henri de Lubac. Under the chief idea “Mediation as a common task” is described as the lasting friendship and cooperation of the two eminent theologians. In the genuine Ignatian “sentire cum Ecclesia” they were architects of bridges. They understood and performed their role of mediation as interpreters of precious treasures. “Two really great Jesuits of the 20 th century” (Joseph Cardinal Ratzinger) constructed the Catho- lic symphony for a more radiant glorification of God. Keywords: Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar, Church, Fathers of the Church, Theology, living tradition, witness Im Jubiläumsjahr, als die Gesellschaft Jesu den 500. Geburtstag ihres Gründers, des hl. Ignatius von Loyola – heuer ist der 500. Jahrestag seiner Bekehrung –fei- erte, ist in der Morgenfrühe des 4. Septembers 1991 in Paris im Alter von fast 96 Jahren Henri Kardinal de Lubac verstorben. Er war ein »gläubiger Mensch von kompromissloser Treue« und »einer bis zur Selbstvergessenheit gelangten Liebe zu Gott«. Trotz mancher Bitterkeit, Missverständisse und Leiden »blieb ihm sein Vertrauen in die unerschöpfliche ignatianische Kraft erhalten« (Tillette 1993, 106; Lochbrunner 1994, 82; Voderholzer 1999; Chantraine 1993, 543‒559). Verehrte Damen und Herren! Mit Dankbarkeit griff ich den sehr passenden Vorschlag auf, dass wir heuer den 30. Todestag von Kardinal Henri de Lubac in die Mitte unserer Gedächtnisfeier setzen. Es ist zwar nicht so leicht, zwei eminente Persönlichkeiten – Hans Urs Kardinal von Balthasar und Henri Kardinal de Lubac – gebührend zu würdigen, aber unsere dankbare Liebe möge unserer Schwäche abhelfen. So wollen wir versuchen, wenigstens einige Aspekte hervorzuheben. Zuerst ein Wort zum Leben und Wirken von Henri de Lubac. 1. Zum Lebens- und Leidensweg von Henri de Lubac Henri de Lubac wurde am 20. Februar 1896 in Cambrai in Nordfrankreich gebo- ren (Chantraine 2007, 61). Die Familie zog nach Bourg-en-Bresse und später nach Lyon. »Meine Eltern waren wenig begütert«, schreibt er. »Wir waren sechs Kinder /…/ Meine Mutter war eine einfache Frau /…/ Ihre ganze Kultur gründete in der Tradition und in der christlichen Frömmigkeit.« (de Lubac 1996, 485) Im Jahr 1913 trat Henri de Lubac in die Gesellschaft Jesu (Provinz Lyon) ein. Das Noviziat war in England. Während des ersten Weltkrieges (1915‒1918) erlitt er am 1. November 1917 eine schwere Kopfverletzung, die seine spätere Arbeit oft wochenlang be- 739 739 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... hinderte. 1 Nach der Entmobilisierung studierte er Philosophie in Jersey. Vier Jahre Theologie absolvierte er in Ore Place, Hastings und Lyon-Fourvière. Nach der Pries- terweihe (1927) und dem dritten Probejahr in Paray-le-Monial (1928‒1929) erfolgte die Ernennung zum Dozenten und später zum Professor für Fundamentaltheologie und für Religionsgeschichte in Lyon. Ab 1935 wohnte de Lubac in Fourvière. Hier studierte eine Gruppe junger Jesuiten Theologie, darunter auch Hans Urs von Bal- thasar (1933‒1937). In diese Zeit fällt der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden großen Theologen. Damals erscheint auch das erste große Werk de Lubacs: Catholicisme (1938), ein programmatisches Werk. Im nächsten Jahrzehnt entste- hen die Arbeiten Corpus mysticum (über Gotteserkenntnis, Kirche und Eucharistie im Mittelalter, 1949), Tragödie des atheistischen Humanismus (1950), Surnaturel (1946) und Schriftverständnis des Orignes (1950; Figura 1991, 540‒549; 1979). 2 Die Diskussion um das Buch Surnaturel entzündet eine heftige Auseinander- setzung um die fälschlich so genannte ,neue Theologie‘ (Nouvelle théologie). Einen Höhepunkt der langen und schmerzlichen Angelegenheit bildet die Enzyklika „Hu- mani generis“ – ein Blitzschlag über Fourvière. H. de Lubac wurde 1950 von seiner Lehrtätigkeit in Lyon beurlaubt. In dieser äusserst schwierigen Situation erweist und bewährt sich sein tugendhaftes Ertragen von Ungerechtigkeiten. Von Balthasar liefert nicht nur eine kompetente Darstellung der Schriften von H. de Lubac, sondern zeichnet auch ein Porträt seiner tugendhaften Persönlichkeit: »Verdächtigungen hatten bereits vor Surnaturel (1946) eingesetzt /…/ P . Garrigou-Lagrange lanciert gegen de Lubac und seine Freunde das Schlag- wort der Nouvelle théologie (1946) /…/ Mit „Humani Generis“ schlägt der Blitz im Lyoner Scholastikat ein, de Lubac wird zum Hauptsündenbock ge- stempelt. Die nächsten zehn Jahre werden für den der Lehrbefugnis Be- raubten, zunächst aus Lyon Verwiesenen und von Ort zu Ort Getriebenen zu einem Kreuzweg. Seine verfehmten Bücher werden aus den Bibliothe- ken der Gesellschaft Jesu entfernt und aus dem Handel gezogen.« (Baltha- sar 1976, 14) Der Dulder de Lubac bekennt: »Während all diesen Jahren wurde ich niemals befragt, hatte keine einzige Aussprache über das Wesentliche mit einer römischen 1 Xavier Tillette SJ, sein ehemaliger Student in Fourvière, berichtet: »Der Meister war ein Leidender, der vom Ersten Weltkrieg eine schwere, seine Arbeit tage- und wochenlang behindernde Kopfverwundung mit heimgebracht hatte. Oft genug trafen wir ihn im Lehnstuhl oder auf seinem Bett ausgestreckt, kaum fähig zu sprechen. Wir verschlangen seine Bücher.« (1976, 187) 2 Einen Bericht über die Lehrtätigkeit von H. de Lubac vermittelt P . Xavier Tillette: »Er war nicht Lehrer am Scholastikat, sondern ‚drunter‘ an der Faculté Catholique, kehrte aber trotz seiner Erschöpfung nie mit dem ‚Seil‘ (der kleinen Drahtseilbahn) zurück, sondern schleppte sich mühsam die engen, steilen Gäßchen empor. ‚Droben‘ übte er jedoch eine Art geheimes Lehramt aus; Professoren und Schüler besuchten sein Zimmer fleißig /…/ Aus diesem leisen, unscheinbaren Lehrgang erwuchs, was man die ‚Schule von Fourvière‘ nennen mag /…/ Im Grunde war es keine ‚Schule‘, noch viel weniger eine ‚neue Theologie‘, sondern die alten, dem christlichen Ursprung nahen Quellen der Väter begannen wieder zu sprudeln und ergossen sich in vielen Strömen /…/ Aus einer einzigen zentralen Vision wuchs sich sein Werk nach allen Seiten aus, wie ein freistehender Baum seine Äste ausbreitet. Er legte großen Wert auf die beim Beginn des Theologiestudiums erforderliche‚ Bekehrung des Herzens.« (1976, 187) 740 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Stelle, weder einer kirchlichen noch einer solchen der Gesellschaft. Man teilte mir nie mit, wessen ich angeklagt war, verlangte auch nie irgend etwas, was einer ‚Re- traktion‘, einer Erklärung oder besonderen Absage gleichgekommen wäre.« (Bal- thasar 1976, 14; Lubac 1996, 215) 3 De Lubac lebte in dieser Zeit vorwiegend in Paris, wo zwei wichtige Bücher über den Buddhismus und vor allem die Betrachtung über die Kirche (1953) erschienen. Die Kapitel des letzteren stammen aus den früheren geistlichen Konferenzen und spiegeln seine unerschütterliche Liebe zur Kirche wider. De Lubac kann 1954 sei- ne Lehrtätigkeit in Lyon wieder aufnehmen. Die Wende von der Verfehmung zur kirchlichen und theologischen Anerkennung kam 1958. Erst die Ernennung durch Papst Johannes XXIII. zum Konsultor der vorbereitenden theologischen Konzils- kommission warf das Steuer herum. Es folgten kirchliche Berufungen und Ehrun- gen, verbunden mit viel Arbeit. Als seine Mutter erfahren hatte, dass er in das Institut de France gewählt und etwas später nach Rom zum Konzil berufen worden war, schrieb sie ihm in zwei Briefen: »Ich bitte Unseren Herrn, dass er Dich in der Demut bewahre.« (de Lubac 1996, 485) – Sie wurde natürlich erhört! Die Mitarbeit am Zweiten Vatikanischen Konzil war besonders fruchtbar, und zwar auf unmittelbare und mittelbare Weise. Als Autor von Die Tragödie des athe- istischen Humanismus war er Experte in Fragen des Atheismus und damit ein be- freundeter Ratgeber für Erzbischof Wojtyła von Krakau. Die Inspiration de Lubacs ist eindeutig erkennbar in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ (Artikel 19 bis 22). Noch größer war sein mittelbarer Einfluß auf die Gestaltung der Texte durch seine Bücher. Nicht nur die Bischöfe, sondern auch Papst Paul VI. kannte und schätzte de Lubacs Bücher über die Heilige Schrift und patristische Exegese. In der Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ sowie in der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ ist sein Beitrag fast buchstäblich festzustellen. Unmittelbar nach Beendigung des Konzils tritt de Lubac mit Kommentaren und Erläuterungen zu den wichtigsten Dokumenten hervor und bemüht sich um eine dem Buchstaben und Geist des Konzils angemessene Rezeption (Voderholzer 1999, 64f). Eine Reihe von seinen ekklesiologischen Schriften erscheint 1967 unter dem Titel Paradoxe et Mystère de l‘Eglise. Die Anregung dazu ging von Hans Urs von Balthasar aus; mit seiner Übersetzung Geheimnis aus dem wir leben (1968 [1992b]), eröffnete er die Herausgabe der Werke de Lubacs. 4 Die Jahre des Konzils brachten auch viele Kontakte, die nachkonziliare Zeit manche Ehrung, vielerlei Reisen, auch solche nach Nord- und Südamerika. Der hl. Paul VI. berief ihn als Konsultor in die Sekretariate für die nichtchristlichen Religionen und für die Nichtgläubigen. Im Jahr 1969 wurde H. de Lubac mit H. U. von Balthasar und Joseph Ratzinger Mit - glied der neugeschaffenen Internationalen Theologenkommision (bis 1974). Er hat 3 Siehe Kp. IV: „Die Affäre Fourvière“, S. 189‒216 und Dokumente zu Kp. IV, S. 217-306. Zu dieser Ausein- andersetzung vgl. etwa das Themenheft „Surnaturel. Une controverse au coeur du thomisme au XXe siècle“ in der Revue thomiste 102 (1/2001) oder in aller Kürze Leo Scheffczyk, Die Heilsverwirklichung in der Gnade. Gnadenlehre. Katholische Dogmatik VI. (Aachen: MM Verlag, 1998), 399‒407. 4 Zu dieser ekklesiologischen Reihe gehören auch Henri de Lubac (1974b; 1975c). 741 741 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... immer schon über sich hinaus zu wirken versucht. Einige Beispiele: einmal seine mass- gebliche Beteiligung bei der Gründung und Leitung der grossen Sammlung „Théologie“ und dann an einem der erstaunlichsten Phänomene in der heutigen Catholica: den „Sources Chrétiennes“ (heute schon über 600 Bände). Endlich auch seine Mitarbeit bei der französichen Ausgabe der Zeitschrift Communio. Das französische Fachwort für seine selbstlos zurücktretende Haltung heisst: effacé (Balthasar 1976, 17). – So sagt von Balthasar. Es gilt daran zu erinnern, daß Henri de Lubac seit dem Anfang am Projekt der Zeitschrift beteiligt war. Er hat schon für das erste Heft – gleich nach dem einleitenden Aufsatz Communio – Ein Programm – den Artikel „Credo… Sanctorum Communionem“ geschrieben (Lubac 1972a, 18‒32; 1972b, 324‒340; 1999, 19‒36). In seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit zieht de Lubac es fast immer vor, statt selbst die Stimme zu erheben, das Gemeinte durch eine Stimme der grossen kirchlichen Tradition vernehmlich zu machen. Im Vorwort zu Catholicisme heisst es bereits: »Wenn Zitate sich häufen, so darum, weil wir auf die unpersönlichste Weise vorgehen wollten: schöpfend vor allem aus dem zu wenig ausgebeuteten Schatz der Kirchenväter.« (de Lubac 1992a, 19) 5 Aber die höchst einseitige Entwicklung der Gesellschaft Jesu in Frankreich dräng- te den gealterten Meister abermals in die Ecke. Der grösste Schmerz für ihn war es, feststellen zu müssen, wie sehr in den Jahren nach dem Konzil der genuine Geist der Gesellschaft zu schwinden begann. Traurig musste er erklären: »Was ich als eine schmackhafte Nahrung und vorwärtsdrängende Kraft hatte darbieten wollen, das verwerfen sie jetzt als eine dürre Frucht oder unbequeme Last.« Der von vielen Laien und Priestern Hochgeschätzte gilt für die im Orden Tonangebenden als ein hoffnungslos ,Überholter‘. Auch in Kreisen der Hierarchie ist er kein sonderlich gern Gesehener (von Balthasar 1976, 15). Trotz seiner grossen Empfindsamkeit liess er sich nie verbittern. Immer fand er für das ihm Angetane Entschuldigungen und mildernde Umstände. Er, der grosse Universalist, musste an den nachkonziliaren Wirren in der Kirche leiden. Die Aussage von H. U. von Balthasar ist bewegend: »Wenn bei Bernanos der Pfarrer von Torcy seinem jungen Mitbruder sagt, sein Ort innerhalb des Mysteriums Jesu sei der Ölberg, so wäre es nicht abwegig zu sagen, de Lubacs Ort sei der Hof des Prätoriums, die Geissel- säule. In welchem Geist er die Hiebe ertrug – im Gegensatz zu manchen Zeitgenossen –, kann eine Stelle in dem Buch /…/ Méditation sur l‘Eglise (1953) zeigen: ›Natürlich können uns im menschlichen Aspekt der Kirche eine Menge Dinge enttäuschen. Und es kann auch geschehen, dass wir ohne eigene Schuld in der Tiefe missverstanden bleiben. Ja, es kann sein, dass wir in ihr selbst Verfolgung erleiden müssen /…/ Geduld und lieben- des Schweigen werden in solchen Fällen besser als alles andere sein.‹« (von Balthasar 1976, 85f; de Lubac 1968a, 191) 5 Xavier Tillette (1976, 187f) bemerkte: »Manche von ihm geschriebenen Seiten sind nur noch ein Zi- tatengeflecht, gespickt überdies mit Anmerkungen. Er hat auf ein spekulatives Œuvre verzichtet, um wie der ›Schriftgelehrte des Himmelsreiches aus seinen Schätzen Altes und Neues‹ in überschwenglicher Fülle auszuteilen.« 742 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Geduld und liebendes Schweigen… d. h. Sühne, stellvertretendes Leiden, Gebet und Opfer. Das Foto De Lubacs sagt es eindeutig: Er schaut und schweigt. Er denkt und schreibt. Er liebt und vergibt. De Lubac siedelte im Sommer 1974, nach der Schliessung des Theologats in Fourvière, nach Paris über, wo er in verschiedenen Häusern bis zu seinem Tod, am 4. September 1991 lebte. Die Obsequien zelebrierte Kardinal Lustiger am 10. Sep- 743 743 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... tember in der Kathedrale Notre-Dame. Die letzte Ruhestätte ist im Pariser Fried- hof Vaugirard an der Seite von Kardinal Jean Daniélou. – Der hl. Papst Johannes Paul II. hat im Beileidschreiben (von 5. September 1991) den Heimgegangenen als seinen guten Freund und großen Theologen gewürdigt: »Durch seine Erhebung ins Kardinalat wollte ich die Verdienste des unermüdlichen Forschers, des geist- lichen Meisters, des inmitten der verschiedenen Schwierigkeiten seines Lebens treuen Jesuiten anerkennen. Vergegenwärtige ich mir seine Liebe zu Gott, zur Kirche und zum Stuhl Petri, so ist es mir ein Anliegen, die hohe Wertschätzung auszudrücken, die der Heilige Stuhl für die Person dieses Ordensmannes und das Werk dieses hervorragenden Theologen hegt.« 6 2. Vermittlung als Auftrag »Ein Beitrag für die katholische Symphonie zur größeren Ehre Gottes« Es fällt auf, dass beide geniale Theologen – Henri de Lubac und Hans Urs von Bal- thasar – keine eigene Schule gründeten, keine eigenen Ideen verbreiten wollten, sondern sich als Knechte des Herrn, als Freunde des Bräutigams (,Finger des Täu- fers‘), als treue Söhne der »heiligen hierarchischen Mutter Kirche« verstanden hatten. Beide waren in echt ignatianischer »kirchlichen Gesinnung« die Vermittler, die Brückenbauer. Ja, »Vermittlung als Auftrag« ist eine passende Bezeichnung für beide (Baumer 1989, 365‒381; Hans Urs von Balthasar-Stiftung 1996). Die Breite und Fülle des ,Katholischen‘ bewegt sich in konzentrischen Kreisen wie in einem Trichter zur lebendigen Mitte: Jesus Christus, dem einen »Mittler zwischen Gott und den Menschen« (1 Tim 2,5). An dieser ,Vermittlungsgestalt‘ haben Anteil zuerst die Gottesmutter und die Kirche; durch den Heiligen Geist, aber auch alle Glieder des Leibes Christi, der apostolischen Kirche. Der Auftrag Hans Urs von Balthasars war eben die Vermittlung, die Weitergabe, die lebendige Tradition oder Überlieferung – als Dienst an der Kirche. Balthasar hat in seiner Ansprache anlässlich der Verleihung des Internationalen Preises Paul VI. (in Vatikan, am 23. Juni 1984) seine Aufgabe als Vermittlungsrolle vorgestellt. Er versuchte, den Sinn der Katholizität durch Übersetzung dessen zu konkretisie- 6 Johannes Paul II., Beileidschreiben von 5. September 1991 an Kardinal Paul Poupard als päpstlichen Delegat anlässlich der Beisetzung von Kardinal Henri de Lubac, am 10. September 1991 in Paris: »Au moment où le cher Cardinal Henri de Lubac achève sa course et entre dans la paix du Seigneur, j’ai voulu m’associer à ses obsèques, célébrées à Paris, en vous demandant de me représenter personnel- lement, au nom de l’amitié profonde qui m’a lié à lui depuis de longues années. Tous ceux qui ont connu Henri de Lubac mesurent déjà la place considérable tenue, avec modestie et sans bruit, jusqu’à l’obscurité des dernières années, par l’ami et plus encore par le penseur. L’attention toujours en éveil, il avait parcouru les voies de l’enseignement des Pères et des auteurs médiévaux, il avait su s’appuyer sur une connaissance pénétrante des grands auteurs modernes, pour nourrir une réflexion personnelle qui s’est inscrite de manière lumineuse dans la Tradition vivante. Tout cela lui permit d’apporter une collaboration appréciée et fructueuse au deuxième Concile du Vatican. Par son élévation au Cardinalat, j’ai souhaité reconnaître les mérites du chercheur inlassable, du maître spirituel, du Jésuite fidèle au milieu des difficultés diverses de sa vie. Me souvenant de son amour de Dieu, de l’Église et du Siège de Pierre, je désire exprimer la haute estime du Saint-Siège pour la personne de ce religieux et l’œuvre de ce théologien éminent.« 744 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 ren, was ihm aus der großen theologischen Tradition wert schien, dass die Chris- ten von heute es kennenlernen und es sich aneignen: »Ich habe mit den aposto- lischen Vätern, Irenäus, Origenes, Gregor von Nyssa, Maximus, Augustinus be- gonnen, bin mit Anselm, Bonaventura, Thomas und den grossen englischen und flämischen Mystikern durch das Mittelalter gegangen, um bei Dante, Katharina von Siena, Pascal anzukommen und weiter in unseren Tagen bei Theresia von Li- sieux, Madeleine Delbrêl, Claudel, Péguy, Bernanos, Kardinal de Lubac (10 Bände) und Adrienne von Speyr (60 Bände). Die größten und geistlichsten unserer Brüder und Schwestern bekannt zu machen, schien mir im Geiste dessen zu sein, den man den Theologen schlechthin nennt.« (Balthasar 1984, 11; 1983, 27–28) Der Eifer, das Pathos zu vermitteln, beseelte ihn und seine Kollegen schon zur Zeit des Theologiestudiums in Lyon. Zusammen mit seinem Lehrer Henri de Lubac und anderen Geistesverwandten wollte er die Schranken zwischen Kirche und Kultur überwinden, damit das Evangelium wirklich zum Sauerteig der Gesellschaft wird. Von Balthasar berichtet darüber: »Eines war uns – denn wir waren eine schöne, entschlossene, gefährdete Gruppe – von vornherein klar: es galt die künstlichen Mauern der Angst, die die Kirche zur Welt hin um sich aufgerichtet, zu schleifen, sie zu sich selbst zu befreien, indem sie ihrer Sendung in die volle und ungeteilte Welt überantwortet wurde. Denn der Sinn der Ankunft Jesu Christi ist es doch, die Welt zu erlösen, ihr gesamthaft den Weg zum Vater hin zu öffnen: Kir- che ist nur Mittel, ein Strahlen, das vom Gottmenschen in alle Räume hi- nausdringt durch Verkündigung, Beispiel und Nachfolge. Dies Pathos war es, das uns junge Theologen (Fessard, Daniélou, Bouillard und viele ande- re waren dabei) in Lyon um den älteren Freund und Meister Henri de Lubac scharte, der uns die griechischen Väter, die philosophische Mystik Asiens und den modernen Atheismus erschloss und dem meine patristischen Stu- dien den zündenden Funken verdanken; denn Patristik hieß für uns: Chris- tenheit, die noch in den unbegrenzten Raum der Völkerwelt hinausdenkt und die Hoffnung auf die Erlösung der Welt hat.« (von Balthasar 2000, 41f; 2001, 11f) 7 Die ganze nachfolgende Mit-Arbeit »bestärkte den Grundwillen: das Christliche als das uneinholbar Größte, id quo maius cogitari nequit, zu erweisen, weil es Gottes Menschenwort für die Welt ist, Gottes demutsvoller Dienst, der alles Men- schenstreben überhöhend vollendet, Gottes letzte Liebe in der Herrlichkeit seines Sterbens, damit Alle jenseits ihrer selbst für Ihn leben« (von Balthasar 2000, 43). Vermittlung als Auftrag, als gemeinsamer Auftrag. Beide, Hans Urs von Baltha- sar und sein Freund und Meister Henri de Lubac verstehen und erfüllen ihre Ver- mittlungsaufgabe als Übersetzer der kostbaren Schätze. Henri de Lubac würdigte 7 H. de Lubac beschreibt seine damalige Lehrtätigkeit in Lyon und erinnert an »eine neue, unternehm- ungslustige Generation, … mit dem lieben und treuen Hans Urs von Balthasar, dessen Genie sich schon meldete« (1996, 139); vgl. auch H. U. von Balthasar, Prüfet alles – das Gute behaltet: Ein Gespräch mit Angelo Scola (2001, 9‒16); Elio Guerriero und Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie (1993, 55‒62). 745 745 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... seinen treuen Mitbruder Hans Urs von Balthasar als einen Zeugen Christi in der Kirche und betonte seinen Auftrag als Vermittler der christlichen Kultur: »Balthasar ist vielleicht der gebildeteste Mann seiner Zeit. Und wenn es noch so etwas gibt wie eine christliche Kultur, hier ist sie! Die klassische Antike, die grossen europäischen Literaturen, die metaphysische Tradition, die Religionsgeschichte, die vielfältigen Versuche der Selbstfindung des heutigen Menschen – und, über allem, die Gottesgelehrsamkeit mit Tho- mas, Bonaventura, der Patristik (als Ganzer!) –, ohne im Augenblick von der Bibel zu sprechen – es gibt nichts Grosses, das nicht lebendige Auf- nahme in diesem grossen Geist fände. Schriftsteller und Dichter, Philoso- phen und Mystiker, alte und moderne, Christen jeder Konfession: Er ruft sie alle, ihren Beitrag zu leisten, aus dem sich die katholische Symphonie zu einer immer leuchtenderen Verherrlichung Gottes aufbauen soll.« (de Lubac 1975a, 392) 8 In diesem wortwörtlich allumfassenden, katholischen Spektrum der schöpfe- rischen Tätigkeit des Basler Theologen muss eigens die Schriftenreihe Theologia Romanica hervorgegehoben werden und innerhalb ihrer ganz besonders die Wer- ke Henri de Lubacs. Es sind insgesamt sechzehn seiner Werke im Johannes Verlag erschienen. Was für eine Vermittlung, Über-tragung! Henri de Lubac ist auch ein genialer Vermittler: neben seinen eigenen fast 40 Büchern hat er beinahe ebenso viele Bücher von Freunden aus dem Nachlaß he- rausgegeben, Vorworte und Einführungen geschrieben, den Briefwechsel ediert und kommentiert. Mit Recht wird er »ein Genie der Freundschaft« genannt (Vo- derholzer 1999, 12). Dabei fällt auf, dass er viele Mitbrüder und Freunde energisch verteidigt und manche Theologen »rehabilitiert« hat: vor allem den großen Ori- genes. Sein Freund Hans Urs von Balthasar präsentiert de Lubac als einen großen und massgebenden Vermittler. Was de Lubac in seinen früheren Büchern geschrieben hatte, ist dann Allgemeingut geworden: »Er hat die Kirche der brüderlichen Liebe neu entdeckt (Catholicisme 1938), er die Zusammenhänge zwischen Kirche, Wort und eucharistischem Sakrament (Corpus Mysticum 1944), er den Zusammenhang zwischen Gna- de, Freiheit, Person (Surnaturel 1946), er die Kontinuität spirituell-existen- ziellen Schriftverständnisses, die auch die Anliegen der Reformation in diesen größeren Zusammenhang hineinnimmt (Exégèse médiévale, vier Bände 1959f.). Er hat den Dialog mit den Atheisten (Le Drame de l‘huma- nisme athée 1944), mit dem Kommunismus (Proudhon et le Christianisme 1945), aber auch mit dem Denken Asiens (Aspects du Bouddhisme 1951, 8 Siehe auch: Giovanni Marchesi, „L‘Influsso di Henri de Lubac su Hans Urs von Balthasar“ (1997, 719–734). Auf der S. 720 wird berichtet, wie Papst Johannes Paul II. im Mai 1980 seine Ansprache am Institut Catholique in Paris unterbrach und P . Henri de Lubac grüßte: »Ich neige mein Haupt vor Pater de Lubac« (Je m‘incline devant le Père de Lubac). Auch Rudolf Voderholzer, Henri de Lubac begegnen (1999, 10). 746 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 La rencontre du Bouddhisme et d’Occident 1952, Amida 1955), er immer- fort die Einheit von Theologie und Spiritualität bis zur Mystik einschließlich betont, dargestellt und in sich selbst glaubhaft gemacht (De la Connais- sance de Dieu 1941, 1948, Affrontements mystiques 1950). In der Mitte seines Denkens aber stand immer die Heilige Schrift, vielleicht am meisten im Geheimnis ihrer Selbsttranszendenz, in der Dimension Verheißung-Er- füllung, Alter und Neuer Bund; eifersüchtig wacht de Lubac bis heute da- rüber, daß dieser Überstieg nicht rationalisiert werde, sondern als das un- vorsehbare Werk des Creator Spiritus erscheine; hier gewinnt für ihn Ori- genes seine überragende Bedeutung.« (de Lubac 1950; Balthasar 1990, 8f) 9 3. Die Schriften Henri de Lubacs im Johannes Verlag Einsiedeln »Ich tue, was ich kann, um Sie in deutschen Landen erstrahlen zu lassen« Im Buch der Sprichwörter steht eine bewährte Wahrheit: »Ein Freund liebt allezeit, und als ein Bruder wird er in Not erfunden« (Spr 17,17: Omni tempore diligit, qui amicus est, et frater ad angustiam natus est, Prv 17,17). Als von Balthasar vom Gewitter vernahm, das sich im Jahre 1950 über Fourvière austobte und fünf Patres vertrieb, hat er sofort einen Ermutigungsbrief an P . Henri de Lubac geschrieben und ihm seine volle Unterstützung bezeugt. Er hat ihm zugesichert: »Déjà vous êtes vainceur, rien n’arrêtera l’avance de vos idées« und ihm großzügig verspro- chen: »Je fais ce que je peux pour vous faire rayonner en pays allemand.« Hier der Brief in deutscher Übersetzung: »Liebster Freund, ich habe kaum glauben können, was Sie mir schreiben – das ist bestürzend, völlig unverständlich. Doch es ist wohl diese Form von Martyrium, das Ihr Werk besiegeln muss. Sie sind bereits Sieger, nichts wird das Voranschrei- ten Ihrer Ideen aufhalten. Diese Zeichen der Schwäche werden nur die Wahrheit betonen, die Sie verteidigen. Und Sie wollen mir sagen, dass man innerhalb der Gesellschaft geborgen war! … Verlieren Sie nicht den Mut, fahren Sie fort zu arbei- ten, als wäre nichts geschehen, so viele Freunde umgeben Sie und möchten Ihnen helfen. Ich tue, was ich kann, um Sie in deutschen Landen erstrahlen zu lassen. … Wenn Sie diesen Sommer in Paris sind, komme ich Sie wieder besuchen. Ich bete für Sie. Seien Sie heiter. Ganz der Ihre. Balthasar.« (Guerriero 1993, 409f ; de Lu- bac 1996, 508f; Hartmann 2010, 117‒134) 9 Von Balthasar (1990, 8f) als Übersetzer betont: »De Lubac gibt uns durch sein Gesamtwerk eine sehr zeitgemäße Lehre: daß man nur dann im wahren und fruchtbaren Sinn für seine Zeit und seine Zukunft aufgeschlossen sein kann, wenn man mit dem Evangelium und seiner immer neuen Auslegung zusam- men ist /…/ De Lubac hat den Hochgipfel der Patristik, Origenes, für eine Generation wiederentdeckt, /…/ hat auch seinen Freund Teilhard de Chardin kirchlich durchgerettet.« 747 747 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... Im Laufe der Jahrzehnte unterhielten die beiden Theologen ihre Treue durch zahlreiche Besuche und persönliche Begegnungen, durch Briefwechsel und ver- schiedenartige intensive Mitarbeit, einschliesslich die gemeinsamen Erholungs- tage auf der Rigi usw (Lochbrunner 2020, 298ff). Als konkrete und dauerhafte Frucht ist wohl das Erscheinen der wichtigsten Werke von Henri de Lubac in deut- scher Sprache zu nennen: von Hans Urs von Balthasar übertragen, eingeleitet und im Johannes Verlag Einsiedeln veröffentlicht. 10 Eine ehrwürdige Ausgabe! Der fran- zösische Theologe wußte dies zu schätzen. Schon zur Feier des 60. Geburtstags Balthasars hat er einen schönen Aufsatz für die Zeitschrift Civitas (Luzern) 1965 verfasst. (Eine Festschrift zu diesem Anlass hat Balthasar abgelehnt). 11 Aber die Krise in der Kirche nach dem Konzil wird immer schlimmer. Im Frühjahr 1969 be- fällt den Theologen von Balthasar eine tiefe Niedergeschlagenheit, die er gegen- über seinem Freund de Lubac als ,moralische Ermüdung‘ bezeichnet. Wie der mutige und unerschrockene Prophet Jeremia muss auch von Balthasar die ,dunk- le Nacht‘ der Nutzlosigkeit erfahren. 12 Aber je mehr sich die Situation in der Kirche verschlimmert, desto mehr ist Balthasar derjenige, der er stets gewesen ist: »Ein Mann der Kirche!« So sagt H. de Lubac von ihm, und fährt fort: »Ich verdanke dem Umgang mit einem solchen Freund vieles. Und dieser ebenso liebenswürdige wie heitere und auf die Arbeit versessene Mensch wollte auch noch eine recht be- trächtliche Zeit mit der Übertragung von elf meiner Bücher – bald wird ein zwölf- tes erscheinen – verbringen, sowie von mehreren meiner Aufsätze.« Und nun folgt eine herzliche Aussage: »Dank seiner schönen Sprache bin ich in den Ländern deutscher Sprache auf dem besten Weg, den Ruf eines Schriftstellers zu erlangen, was an Hochstapelei grenzt.« (de Lubac 1996, 484) 13 10 Vgl. Manfred Lochbrunner, Hans Urs von Balthasar (1905‒1988): Die Biographie eines Jahrhundert- theologen (2020, 401), wo es heißt: Am 8. April 1967 schreibt Balthasar an de Lubac: »Was mich betrifft, bin ich seit bald sechs Wochen ernstlich Krankenpfleger. Ich bin Tag und Nacht an der Seite einer Ster- benden, die man nicht allein lassen kann und deren Los es ist, ‚im Tod‘ leben zu müssen. Beten Sie, dass das nicht ewig dauert.« – In einem der nächsten Briefe nur etwa zwei Wochen später: »Benziger wird mir die Rechte für ‚Catholicisme‘ überlassen, und da die Übersetzung schon fast fertig ist, werden wir die Reihe Ihrer WERKE im Herbst mit ihm beginnen.« 11 Henri de Lubac, „Un témoin du Christ: Hans Urs von Balthasar“ (1965, 2‒15); auch in: Paradoxe et Mystère de l‘Eglise (1967). Balthasar schreibt dem Autor: »Was soll ich sagen, wenn nicht Sie zu bedau- ern, dass Sie für all das am Tag des Gerichtes Rechenschaft ablegen werden.« Balthasar will das Kapitel über sich selbst nicht übersetzen, in: Henri de Lubac Geheimnis aus dem wir leben (1992). Endlich ers- cheint eine dt. Ausgabe mit Nachtrag (1975a, 390‒409). Französisch: 1975b, 86‒89. 12 »Im Augenblick fühle ich mich eingemauert, ich sehe keinen Ausweg weder für mich (von allen abge- schnitten) noch für unsere Gemeinschaft, noch für den Johannes Verlag, der sabotiert wird und fast nichts verkauft. Auch komme ich mit meinem neutestamentlichen Band nicht weiter voran wegen einer moralischen Ermüdung: Nutzlosikeit. Aber der Herr wird uns eine Türe finden, so hoffe ich. Wenn es nicht den strikten Auftrag – die Gemeinschaften – gäbe, würde ich gerne in ein Trappistenkloster gehen« (Hans Urs von Balthasar an H. de Lubac: Basel, 22. März 1969); vgl. Lochbrunner (2020, 427). Ein ähnliches Zitat im Kontext der Trostlosigkeit auf der S. 431: »Was in der Kirche vorgeht, bis in die römischen Kongregationen hinauf, ist einfach grässlich. Wie hält man gegen einen Bergsturz stand?« (Jahresgedächntis für Adrienne von Speyr, 17. September 1969). – Vgl. Henri de Lubac (1984b). 13 Wichtig ist auch die zweite Aussage: »Niemals habe ich meine Unkenntnis der deutschen Sprache sosehr bedauert als angesichts meines Unvermögens, die Werke Balthasars ins Französische zu über- setzen« (Lubac 1996, 484). – Das gemeinte zwölfte Buch ist: Credo, Gestalt und Lebendigkeit unseres Glaubensbekenntnisses (1975c). 748 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Zum achtzigsten Geburtstag (am 20. Februar 1976) hat Hans Urs von Balthasar seinen geschätzten Freund Henri de Lubac zuerst in der amerikanischen Zeitschrift Thought und in der belgischen Nouvelle Revue Théologique vorgestellt. Gleich- zeitig hat er ein ,kleines Schriftchen‘ im eigenen Verlag veröffentlicht. Der Autor bemerkt im Vorwort, dass es im wesentlichen auf dem Manuskript von hundert- fünfzig grossen (mit zahlreichen Beilagen bestückten) Seiten beruht, das ihm P . de Lubac wie ein paar anderen Freunden in die Hand schob, »worin er die Entstehung, den Sinn und das Schicksal seiner Bücher erklärt und sie in den Zusammenhang seiner Lebensstufen, Studien, Begegnungen, Freundschaften sowie jener legendären Ächtungen und Verfolgungen ein- bettet, die ihm vom Orden her und von der Kirche beschert wurden. Diese Seiten sind so lebensvoll, auch so hilfreich zum rechten Verständnis seiner Absichten, dass ich mich nicht enthalten konnte, ein paar Blätter daraus zu pflücken und sie mit in die eigene Vase zu stellen.« (von Balthasar 2000, 7) 14 Hier können wir alle ins Deutsche übertragene Bücher de Lubacs nicht vollstän- dig vorstellen. Das beigelegte Verzeichnis umfasst 17 Bücher. Dabei stützen wir uns vorwiegend auf die einleitenden Worte des Übersetzers sowie auch auf sein »kleines Schriftchen« (sic!) von hundert Seiten: Henri de Lubac. Sein organisches Lebenswerk (1976). Das Grundprinzip seines ganzen Werkes war die Rückkehr ins Zentrum (retour au centre). Er sah die Herzmitte der westlichen Kultur in der Vergöttlichung des Menschen, in der Kraft der Gnade Christi. Gerade die Vertiefung dieses Glaubens ermöglicht, seiner Auffassung nach, die beste Analyse der Zeit und die beste Ant- wort auf ihre Nöte. Deswegen ging er zurück zu den Quellen: zu den Kirchenvä- tern, zur mittelalterlichen Mystik und Renaissancephilosophie – denn auf all die- sen Schlüsselstellen spielt sich das Drama der menschlichen Bestimmung zum Übernatürlichen (Surnaturel) ab. Mit der ihm eigenen Offenheit des Geistes konn- te de Lubac in der Kirche schon vor dem Konzil, während des Konzils (als einer der führenden Periti) und nach ihm die menschlichen Unvollkommenheiten überwin- den und die unsichtbare Anwesenheit des Übernatürlichen enthüllen (Zupet 2019, 245). Im Gesamtwerk H. de Lubacs waltet eine offenkundige organische Einheit. 15 14 Das erwähnte Manuskript ist wohl später in gedruckter Form erschienen: Henri de Lubac, Mémoires sur l‘occasion de mes écrits, Culture et vérité, Namur 1989 (2006); deutsch: Henri de Lubac, Meine Schriften im Rückblick (1996). 15 Henri de Lubac (1996, 472f ) selber schreibt: »Wie man feststellen konnte, ist beinahe alles, was ich geschrieben habe, oft infolge unvorhersehbarer Umstände, in disparater Abfolge und ohne technische Vorbereitung entstanden… Vergeblich würde man im Gesamt so verschiedenartiger Veröffentlichungen eine wirklich persönliche philosophische oder theologische Synthese suchen, ob man sie nun kritisieren oder billigen wollte. Und doch: in diesem buntscheckigen Gewebe, das sich je nach den Bedingungen der verschiedenartigsten Vorlesungen, Aufträge, Situationen und Anrufe ergab, glaube ich trotz allem eine gewisse Wegspur, ein Muster zu entdecken, das dessen Einheit ausmacht. Ohne selber neue Den- kwege bahnen zu wollen, habe ich eher versucht, ohne einseitig am Vergangenen festzuhalten, einige große allgemeine Topoi der kirchlichen Tradition bekannt zu machen. Ich wollte, durch den Hinweis auf ihre immer zeitgemäße Fruchtbarkeit, Liebe zu dieser Tradition erwecken.« 749 749 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... 4. Einige Themen von Henri de Lubac Kardinal Henri de Lubac als einer der größten Theologen und Humanisten des 20. Jahrhunderts hinterließ ein riesiges Opus auf verschiedensten Gebieten: Dogmen- geschichte, Patristik, Exegese, Philosophie (Henrici 1993, 154‒163). Als Schriftstel- ler, der Péguy und Claudel zum Vorbild vor Augen hatte, konnte er die zurückhalten - de Gesprächigkeit mit dem Eifer verbinden, mit dem er für die Wahrheit brannte. Als Mann des Glaubens hat er sich aufgeschlossen mit den Ideen und Ansprüchen des modernen Atheismus auseinandergesetzt; er erforschte den Sinn der nicht- christlichen Religionen (insbesondere des Buddhismus) und förderte den Dialog zwischen der West- und Ostkirche. Hans Urs von Balthasar stellt gleichsam eine Panoramaluftaufnahme des gan- zen Schrifttums von H. de Lubac vor und sagt: »Wer vor den rund vierzig Bänden Henri de Lubacs steht, mit ihren weit über zehntausend Seiten und darin Hunderttausenden von Stellenangaben, fühlt sich, auch wenn er die zahlreichen Artikel und andern kleineren Arbeiten liegen läßt, wie am Eingang eines Urwalds. 16 Die Themen des Forschers könn- ten kaum weiter gestreut sein, wobei sein Blick scheinbar mühelos über die gesamte Theologie-, ja Geistesgeschichte gleitet und auch die kleinsten Ein- zelheiten – der schwer zugängliche Traktat eines frühmittelalterlichen Autors oder eine Rezension in einer abgelegenen Zeitschrift – ihm nicht entgehen. Dem aber, der sich in die Hauptwerke einliest und darin heimisch wird, ord- net sich die scheinbare Wildnis zu einem organischen Ganzen, 17 das natür- lich keine Schulbuchtheologie darstellt, wohl aber einen der wohlgelungens- ten Versuche, dem heutigen Menschen den Geist des katholischen Christen- tums so vorzuführen, dass er sowohl in sich selbst und in seiner geschicht- lichen Entfaltung als auch im Dialog mit den Hauptformen anderer Welt- deutungen glaubhaft erscheint, ja die einzig vollständige (‚katholische‘) Lö- sung der Daseinsrätsel vorzuschlagen sich traut.« (Balthasar 1976, 19f; Štru- kelj 1995, 663–676; 2015, 227‒258 ) 16 Vgl. Karl H. Neufeld und Michel Sales, Bibliographie Henri de Lubac S.J. 1925 bis 1974. 2. ergänzte und verbesserte Ausgabe (1975). 17 Hans Urs von Balthasar, Henri de Lubac: Sein organisches Lebenswerk, 19f. Anm. 2: Die wichtigsten Werke mit Abkürzungen: Catholicisme 1938 = C. Corpus Mysticum 1944 = CMy. Le Drame de l‘humanisme athée 1944 = HA. Proudhon et le Christianisme 1945 = PCh. Surnaturel 1949 = S. Paradoxes 1946 = P . Le Fonde - ment théologique des Missions 1946 = F. Histoire et Esprit 1950 = HE. Affrontements mystiques 1950 = AfM. Aspects du bouddhisme I 1951 = AB I. La Rencontre du bouddhisme et de l‘Occident 1952 = RB. Méditation sur l‘Eglise 1953 = M. Amida. Aspects du bouddhisme II 1955 = Am. Nouveau Paradoxes 1955 = NP . Sur les Chemins de Dieu 1956 = Ch. Correspondance Blondel–Valensin (3 Bd.) 1965 = B–V. Exégèse Médiévale I in II 1959 = ExMéd I,II. Exégèse Médievale III 1961 = ExMéd III. La Pensée religieuse du Père Teilhard de Char - din 1962 = PRel. Exégèse Médievale IV 1964 = ExMéd IV. La Prière du P . Teilhard de Chardin 1964 = Pr.T. Augustinisme et Théologie Moderne 1965 = AugThM. Le Mystère du Surnaturel 1965 = MS. Correspondance Blondel–Teilhard 1965 =B–T. Teilhard, missionaire et apologiste 1966 = TMA. Images de l‘abbé Monchanin 19967 = IM. Paradoxe et Mystère de l‘Eglise 1967 = PME. L‘éternel féminin 1968 = EF. Athéisme et sens de l‘homme 1968 = AthS. Commentaire du Préambule et du Capitre I de la Constitution dogmatique „Dei Verbum“ 1968 = DV. La Foi chrétienne 1969 = FCh. L‘Eglise dans la crise actuelle 1969 = ECr. Correspondance Blondel–Wehrlé (2 BD.) 1969 = B–W. Les Eglises particulières dans l‘Eglise universelle 1971 = EPU. P . Teilhard de Chardin: Lettres intimes etc. 1972 = LTI. Pic de la Mirandole 1974 = Pic. 750 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Ohne eine willkürliche Auswahl scheint es im Kontext der »Vermittlung« an- gebracht, wenigstens drei Werke H. de Lubacs hervorzuheben: Catholicisme, Kir- che und Eucharistie. 4.1 Catholicisme Dieses Meisterwerk gilt als ,Erstlingswerk‘ de Lubacs. Es ist 1938 erschienen, als der Autor 42 Jahre alt war. Es ist ein reifes Werk, ein Dokument seiner unwahr- scheinlichen Belesenheit. Alle später entwickelten Themen klingen hier schon mit. Balthasar kommentiert: »‚Catholicisme‘ /…/ ist nicht nur Henri de Lubacs erstes Werk, das die gan- ze Frische und Ursprünglichkeit seiner theologischen Vision besitzt (die sich nachher in einer fast unbegreiflichen Fülle von Einzeluntersuchungen aus- einanderlegt), es ist auch /…/ noch immer sein aktuellstes Buch /…/ Von ‚Catholicisme‘ ging wie von einer Grundwelle eine zunächst verborgene, aber umso nachhaltigere Wirkung aus: die einer Bekehrung. Welche Boote hob diese Welle, und wo schlug sie schliesslich ans Ufer (endgültig sicher in der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums)?« (Balthasar 1972, 5) Dann weist von Balthasar auf die inneren Qualitäten des Buches hin: »Wie alle grossen Werke des Verfassers hat es einen einheitlich-doppelten Klang. Einerseits der Bescheidenheit: nie wird die Stimme gehoben; was vorgebracht wird, klingt fast, als sei es das Selbstverständlichste, und nur die Abschützung durch eine Unzahl von Texten aus der gesamten Tradition zeigt uns an, dass der Autor es für angebracht hält, seine Sätze nicht wehr- los, ohne diese Phalanx im Rücken, vortreten zu lassen. Anderseits der Kühnheit und Glut, die aber nicht, wie es heute modisch geworden ist, einen sportlichen Drang zur Polemik, sondern genau die Tiefe und Kraft der zentralen Schau verrät. Hier darf wirklich das Hölderlinwort aufklingen: ›Wer das Tiefste geschaut, liebt das Lebendigste.‹« (Balthasar 1972, 5; Lochbrunner 2020, 195) Joseph Kardinal Ratzinger unterstreicht die Bedeutung dieses Buches für sein eigenes theologisches Wirken: »Im Herbst 1949 hatte mir Alfred Läpple das viel- leicht bedeutendste Werk von Henri de Lubac ‚Katholizismus‘ in der meisterhaften Übersetzung von Hans Urs von Balthasar geschenkt. Dieses Buch ist mir zu einer Schlüssellektüre geworden. Ich bekam dadurch nicht nur ein neues und tieferes Verhältnis zum Denken der Väter, sondern auch einen neuen Blick auf die Theo- logie und den Glauben insgesamt« (Ratzinger 2006, 69). 18 Ähnliche Gedanken äussert Kardinal Joseph Ratzinger im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Catholicisme, wo er schreibt: 18 Erwähnenswert ist der Aufsatz von Marie-Gabrielle Lemaire, Joseph Ratzinger und Henri de Lubac, in: Mitteilungen. Institut Papst Benedikt XVI., Jahrgang 8/2015 (2016, 27‒39). 751 751 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... »Für mich wurde die Begegnung mit diesem Werk zu einer wesentlichen Mar - kierung auf meinem theologischen Weg. Lubac behandelt darin ja nicht irgend- welche Einzelfragen, sondern er macht uns die Grundintuition des christlichen Glaubens auf eine neue Weise sichtbar, so daß von dieser inneren Mitte her alle Einzelheiten in neuem Lichte erscheinen. Er zeigt, wie vom trinitarischen Gottes- begriff aus der Gedanke der Gemeinschaft, der Universalität alle einzelnen In- halte des Glaubens durchprägt. Die Idee des Katholischen, des Allumfassenden /…/ ist der Schlüssel, der die Tür zum rechten Verstehen des Ganzen öffnet. Das Wunderbare dabei ist, daß Lubac keine Privatideen vorträgt, die vorübergehen, wie sie gekommen sind, sondern die Väter zum Sprechen bringt und uns so die Stimme des Ursprungs in ihrer Frische und in ihrer erstaunlichen Aktualität hö- ren läßt. Wer Lubac‘s Buch liest, sieht, wie Theologie um so aktueller wird, je mehr sie sich auf ihre Mitte besinnt und je mehr sie aus ihren tiefsten Quellen schöpft. Es gibt keinerlei Archaismus in diesem Buch.« 19 Im Zentrum des ,späten Werkes‘ de Lubacs steht eindeutig die Kirche. Die ,Be- trachtung über die Kirche‘ bietet gleichsam die Spiritualität zur Theologie von Catholicisme; das Mysterium Kirche hebt sich als existenzielles Zentrum des ge- samten Heilsmysteriums ab (Balthasar 1976, 86). 4.2 Kirche, eine Betrachtung Dieses Buch über die Kirche eröffnet die Reihe der theologischen Schriften Hen- ri de Lubacs im Johannes Verlag. Das Buch nennt sich ,eine Betrachtung‘. »Es ist 19 Joseph Kardinal Ratzinger, „Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Catholicisme (Rom, am 8. Sep- tember 1988)“, in: Henri de Lubac, Catholicism: Christ and the common destiny of man (1988). Das Manuskript übergab der Autor dem Institut, nun veröffentlicht in: Mitteilungen Institut Papst Benedikt XVI., Jhg. 11/2018 (2018, 25‒26). – Weiter schreibt Joseph Kardinal Ratzinger (1988, 25 f.) in diesem Vorwort: »Lubac steht in dem Gespräch mit dem, was die Modernsten unter seinen Zeitgenossen sagen; er hört es nicht nur von außen an, sondern er ist von innen daran beteiligt. Ihre Fragen sind die seinen. Er liest die Bibel und die Väter mit den Problemen, die uns bewegen, und weil er wirklich fragt, darum findet er auch Antworten, durch die die Väter unsere Zeitgenossen werden. Das Buch Lubac‘s war nicht nur für mich ein Schicksalsbuch. Es hat die Theologen in den fünfziger Jahren allenthalben fasziniert, und so sind seine Grundgedanken alsbald ins Gemeingut theologischen Denkens übergegangen. Die individualistische Verengung des Christentums, gegen die er sich gewandt hatte, ist heute kaum noch unser Problem; die soziale Dimension des Dogmas ist in aller Munde. Trotzdem ist dieses Buch auch heute weit mehr als Zeugnis einer nun vergangenen geistesgeschichtlichen Konstel- lation. Denn seine Ideen sind bei ihrer Ausbreitung im theologischen Durchschnittsdenken leider auch vergröbert und verflacht worden. Das Soziale, das Lubac aus der Tiefe des Mysteriums heraus entwickelt hat, ist nicht selten ins platt Soziologische abgesunken, so daß dabei gerade der neue Beitrag des Chri- stlichen zum rechten Verstehen von Geschichte und Gemeinschaft verlorenging. Anstatt die Zeit zu befruchten, ihr Salz zu sein, sind wir häufig einfach ihre Nachredner geworden. Wenn es ehedem eine individualistische Verengung des Christlichen gab, so stehen wir heute vor der Gefahr seiner soziologi- schen Verflachung. Sakramente werden vielfach nur noch als Gemeinschaftsfeiern betrachtet, in denen die Tiefe des persönlichen Dialogs zwischen Gott und der Seele keinen Platz mehr findet, ja, von man- chen sogar mitleidig belächelt wird. So ist eine Art Umkehrung des individualistischen Ansatzes ent- standen, die die Perspektive des Glaubens aufs neue vom Grund her verkürzt und sich wiederum von den großen theologischen Themen aus bis ins ganz Konkrete und Praktische erstreckt. Es lohnt sich, gerade in dieser Situation zu Lubac zurückzukehren und bei ihm neu zu lernen, was ‚sozi- ale Dimension des Dogmas‘ wirklich heißt. Wir werden das Buch heute mit anderen Augen lesen als damals, aber weil es wirklich in die Tiefe geht, wird es heute nicht weniger heilend und helfend sein als vor fünfzig Jahren.« 752 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 ein Betrachtungs-, kein Lehrbuch über die Kirche; aber Weisheit kann mehr sein als Wissenschaft. Es ist ein Buch der Liebe mehr als des Verstandes, und Liebe, die erleuchtet und geordnet ist, ist auf jeden Fall mehr als Verstand.« (Balthasar 1968, 9) So schreibt Von Balthasar im Vorwort und erklärt weiter: Jedes Kapitel für sich ist eine Kostbarkeit, ein Baustein lebendiger Tradition. »‚Anima ecclesias- tica‘ ist ein Grundbegriff der Tradition. Henri de Lubac entwirft uns ein erstaun- liches Innenbild eines solchen ‚Menschen der Kirche‘ (im 7. Kapitel), worin sich eine eherne Sentenz an die andere reiht, gegossen aus dem härtesten Metall ur- kirchlicher Weisheit, und zugleich glühend vom Eifer des apostolischen Auftrags. Zelus domus tuae. Ohne es zu wollen, hat hier Henri de Lubac ein Bildnis seiner selbst hinterlassen müssen.« (von Balthasar 1968, 10) Hier einige Gedanken aus diesem existenziellen Kapitel: einer wahrhaft groß- artigen, hymnischen Schilderung des Homo ecclesiasticus (von Balthasar 1976, 88). Schon Origenes sagt: »Was mich betrifft, so geht mein Wunsch dahin, wahr- haft ein Mensch der Kirche zu sein«. 20 – Die Kirche hat de Lubacs Herz erobert. Sie ist seine Heimat. Als Mensch der Kirche liebt er auch ihre Vergangenheit. Er meditiert über ihre Geschichte. Er verehrt und erforscht darin die Tradition (Lubac 1968b, 218; Ferkolj 2016a, 364; 2016b, 607–628; 2018, 205‒220; 2019, 105–114). Er teilt ihre Freuden und Prüfungen. Er kämpft ihre Schlachten mit (223). Er möch- te stets nicht bloß »mit der Kirche« denken, sondern – wie der Verfasser der Geist- lichen Exerzitien sagte – »in der Kirche«, was jedoch eine tiefere Treue voraussetzt, eine intimere Teilnahme und auch eine freiere Haltung: die des echten Sohnes, der zum Hause gehört (224). Er glaubt mit der Kirche (225). Er begreift, dass der katholische Geist, »mehr zur Liebe als zum Streit neigt« (226). Über alles stellt er »das unzerreißbare Band des katholischen Friedens«. Weiß er doch, dass die Lie- be ,ohne Falsch‘ sein muss und »die Frucht der Gerechtigkeit im Frieden ausgesät« wird. Ein wenig Erfahrung schon kann ihn belehren, dass auf Menschen kein Ver- lass ist; aber die schmerzlichen Erlebnisse, durch die Jahre sich häufend, lassen seine Freude nicht welken; denn Gott selber erhält sie jung, und seine Anhäng- lichkeit an die Kirche kann davon nur geläutert werden (228f). Der Mensch der Kirche bleibt immer offen für das Kommende. Nie schließt sich für ihn der Horizont ab /…/ Mit der Gemeinschaft der Glaubenden erwartet er die Wiederkunft Des- sen, den er liebt /…./ Seine Haltung ist eschatologisch. In seiner letzten Ausrich- tung möchte er wahr und echt sein und »geistige Armut« besitzen… Er kennt den Wert der Verschwiegenheit. Er weiß auch, dass jedes Ding seine Zeit hat, dass beste Unternehmungen ‚unzeitgemäß‘ sein können. Er wundert sich nicht, dass er öfter ‚in Tränen säen‘ muss (230f). Soweit einige Gedanken des Autors. Das Buch Die Kirche kann fast als eine vollständige Skizze der Kirchenkonstitu- tion „Lumen gentium“ angesehen werden. Dieses Buch, schon Anfang 1952 abge- schlossen, ist wie eine Vorwegnahme wesentlichster Anliegen des Zweiten Vatika- nischen Konzils, und sogar eine antizipierende Ergänzung gewisser Einseitigkeiten. 20 Henri de Lubac hat Origenes »rehabilitiert« (1968a). Dazu auch Rudolf Voderholzer, Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn: Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systema- tik christlicher Bibelhermeneutik (1998). 753 753 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... »Energisch wird gezeigt, dass eine prävalent auf den Begriff ‚Volk Gottes‘ aufgebau- te Ekklesiologie die spezifisch neutestamentlichen Aspekte der Kirche nicht voll in den Blick bekommen kann und zu einer bedauerlichen Verarmung führen muss.« (Balthasar 1968, 9; 1976, 85‒98) Das komplexe Mysterium der Kirche wird von al- len Seiten betrachtet. Das Schlußkapitel über „Die Kirche und Maria“ liefert die Bausteine für die christozentrische Mariologie von „Lumen gentium“. In diesem Zusammenhang diagnostiziert H. de Lubac eine Krankheit, die er ,geistliche Weltlichkeit‘ nennt. Buchstäblich sagt er: »Sollte je diese geistliche Weltlichkeit sich in der Kirche einnisten und ihr innerstes Prinzip unterwühlen, dann wäre sie viel verhängnisvoller als jede bloß sittliche Verweltlichung /…/ Kei- ner von uns ist vor solchem Unheil gänzlich gefeit. Ein subtiler Humanismus kann sich auf tausend Wegen einschleichen: Gottes Widersacher und heimlich auch des Menschen Feind. Nie ist unsere erbsündliche Verkrümmung endgültig beho- ben.« (Lubac 1968b, 339) Papst Franziskus nimmt Bezug auf solche Warnrufe H. de Lubacs. 21 4.3 Corpus mysticum. Eucharistie und Kirche im Mittelalter Schon bald nach dem Konzil musste Henri de Lubac einen Warnruf gegen die fal- sche Entwicklung in vielen Bereichen erheben: »Wer sieht nicht, dass in der heutigen Krise, in der das Beste mit dem Schlimmsten sich mischt, die Bahn des Konzils oft genug verlassen und sein Geist verraten wird? Es gibt aber keinen schlimmeren Verrat als einen, der sich ins Herz des kirchlichen Lebens selbst einschleicht, nämlich in die Feier der Eucharistie. Ich spreche jetzt nicht von gewissen ungeschickten Anpas- sungen, die ein harmloses Übel sind, anscheinend unvermeidlich in einer Übergangszeit. Ein unvergleichlich böseres Übel macht sich vielerorts breit: dort, wo die liturgische Versammlung nichts weiter mehr ist als ein horizon- taler Dialog, ein Akt, worin die Gemeinde zu ihrem Selbstbewusstsein kommt, während Anbetung, heiliger Lobpreis, Hören des Wortes Gottes im Glauben, Sündenbekenntnis, Flehgebet um die Gnade ihre Kraft verlieren oder gänzlich in Vergessenheit geraten und ein gewisser humaner Enthusi- asmus den lebendigen Glauben übertäubt /…/ Transzendenz und Universa- lismus: diese beiden Dimensionen des christlichen und kirchlichen Glaubens stehen und fallen zusammen.« (de Lubac 1969, 10f) 21 Vgl. Michael Sievernich, »Henri de Lubac und Papst Franziskus«, Stimmen der Zeit 5 (2021, 377‒378), wo es steht: »Vor dieser bedrohlichen ‚spirituellen Mundanität‘ der Kirche warnt Papst Franziskus in seinem programmatischen Schreiben zu Beginn seines Pontifikats mit einem entschiedenen Nein gegen diese und andere ‚Versuchungen‘: Nein zur egoistischen Trägheit und zum sterilen Pessimismus, Nein zum Krieg und ‚Nein zur spirituellen Weltlichkeit‘. Diese verberge sich unter dem Anschein der Religiosität und bestehe darin, ›anstatt die Ehre des Herrn die menschliche Ehre und das persönliche Wohlergehen zu suchen . /…/ Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen und pastoralen Drapier- ungen!‹ (Evangelii gaudium, Nr. 93; 97) Erst das Ende der Selbst-Bezüglichkeit dürfte die Selbst-Evan- gelisierung entfesseln, personell und institutionell.« 754 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Das gegenseitige Verhältnis zwischen Kirche und Eucharistie verdeutlicht die »berühmte Erklärung zur Eucharistie« (de Lubac 1970, 293), die der hl. Augustinus Christus in den Mund legt: »Ihr werdet mich nicht in euch verwandeln, sondern sollt in mich verwandelt werden.« (Mc Partlan 1993a, 141‒153) Immer wenn de Lubac diesen augustinischen Text in seine Schriften einfügt, bringt er eine eucha- ristische Färbung hinein. Er sagt, daß der »neue Bund beim Letzten Abendmahl gestiftet wurde« (de Lubac 1966, 268) und daß »die Eucharistie selbst, wie eine Zusammenfassung, das Neue Testament ist« (1969, 76). In der Eucharistie haben wir »in der Substanz die gesamte Bibel /.../ in einem einzigen Bissen« (1966, 239). Denn »der eucharistische Christus ist in Wahrheit das Herz der Kirche« (1968b, 142; 2006a, 137). Die Kirche ist die öffentliche Gegenwart Christi selbst, »das Sa- krament Christi« (1992a, 68). Sie ist »der umgreifende Ort der christlichen Sakra- mente, und als solcher selbst das große Sakrament, das alle übrigen in sich faßt und belebt« (de Lubac 1968b, 181), die Heimat von allem, das auf sakramentalem Wege Zugang zum Mysterium Christi gewährt, und der Zusammenhang, der den Zugang voraussetzt. Sie ist die große Epiphanie (Erscheinung) des Mysteriums in der Welt und die große Schwelle des Mysteriums für uns. De Lubac fasste sein Verständnis des Verhältnisses zwischen Eucharistie und Kirche in den beiden berühmten Grundsätzen zusammen: »Die Kirche macht die Eucharistie« und »die Eucharistie macht die Kirche« (de Lubac 1968b, 127‒142), die ausdrucksvoll, präzis und gleichsam ,patristisch‘ sind (Johannes Paul II. 2003, 21f). Kirche und Eucharistie sind im gegenseitigen Verhältnis; die eine kann nicht ohne die andere bestehen. Das würdigte auch der bekannte orthodoxe Theologe John Zizioulas. Nach seiner Meinung ist H. de Lubac einer der wenigen, deren Werke »auf dem Gebiet der Patristik und Ekklesiologie den modernen orthodoxen Theologen ermöglicht haben, zu ihren Quellen zurückzukehren« (Mc Partlan 1993a, 153; 1993b). Diese Auszeichnung zeigt uns Henri de Lubac als einen her- ausragenden Theologen, der die Kirche des Westens wie des Ostens entscheidend beeinflußt hat, indem er eine schöpferische Rückwendung zu den Kirchenvätern ermöglicht und vorgeführt hatte. De Lubac selber legte seine eigene Ansicht über das Studium der Kirchenväter in einem Vorwort zu einer Textsammlung vor: »Er- staunliche Fruchtbarkeit der Kirchenväter! Erstaunliche Aktualität! /…/ Ihre Aktu- alität ist eine befruchtende.« 22 22 Henri de Lubac (1996, 340f.): »Was Balthasar betrifft, so gibt es keine einzige seiner vielen und so ver- schiedenen Schriften, die ihn nicht als einen in der Schule dieser Großen der alten Zeit Geformten er- weisen würde. Er hat mehr als nur bloße Vertrautheit mit ihnen erworben: in einer Art Wesensver- wandtschaft, ohne jeglichen Archaismus, sucht er auf ihre Weise in großer Freiheit sämtliche Beiträge unserer Kultur an sich zu ziehen, um sie zu bekehren und in Christus Frucht bringen zu lassen. Die Kirchenväter: ein ganzes und was für ein vielgestaltiges Universum!« 755 755 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... 5. Abschliessender Dreiklang: Mystik – Mission – Martyrium 5.1 Mystik Abschliessend versuchen wir unter den genannten drei Worten eine Art Zusam- menfassung. Zuerst soll zum Begriff ,Mystik‘ ein wichtiges Geständnis von H. de Lubac erwähnt werden. Unter den zahlreichen entworfenen und nicht ausgeführ- ten Büchern befindet sich eines, das dem Verfasser jahrzehntelang besonders am Herzen lag: ein Buch über das Wesen der christlichen Mystik. Er berichtet: »Dazu hatte ich bereits eine Menge Notizen gesammelt und auch schon einen ersten Teil verfaßt /…/ Aber der Plan war zu ehrgeizig. Nichts wurde verwirklicht /…/ Doch ich werde dieses Buch nie schreiben. Es übersteigt in jeder Hinsicht meine Kräfte, die physischen, geistigen und geistlichen. Seine Artikulationen stehen mir klar vor Augen, ich sehe die Richtung, in der die Probleme behandelt und deren Lösung gesucht werden müßte; nur bin ich unfähig, diese Lösung zu formulieren. Doch genügt mir das, um fort- laufend die Gesichtspunkte, die dem Erahnten nicht gemäß sind, auszu- schalten /…/; bloß entgleitet mir immer die letzte Gestalt, die eine, die dem Werk erlauben würde, sich zu verwirklichen. Der Brennpunkt entgleitet mir immer.« (von Balthasar 1976, 8f; de Lubac 2006b, 113; 1996, 367f) Dieses Bekenntnis läßt uns seine innigste Haltung erblicken, sein Herzensanlie- gen erahnen. Das bekunden eindeutig einige seiner Schriften (Figura 1993, 122‒140). Mystik ist die inspirierende Mitte seiner Theologie. Schon die ersten gedruckten Arbeiten de Lubacs sind Rezensionen über mystische Werke (Neufeld in Sales 1974, 10). Ausserdem gibt es dennoch mehrere Arbeiten, wo er sich mit der Mystik beschäftigt (Lubac 1984a, 37‒76; 1974a, 77‒110). »Ohne den mysti- schen Impuls ist sein weitgespanntes Werk nicht zu verstehen und zu würdigen.« (Figura 1993, 123) Henri de Lubac betrachtet den Menschen in seiner grenzenlosen Offenheit auf Gott hin: »Mystisches Streben ist der menschlichen Natur eingebo- ren, denn der Mensch ist auf die Vereinigung hin angelegt. Mit anderen Worten: Der Mensch ist fähig, das Mysterium in sich aufzunehmen« (86), er ist Dei capax. Obwohl man die Mystik auch in anderen Religionen finden kann, ist es für die christ - liche Mystik charakteristisch, dass sie an die Person Jesu Christi gebunden ist. Die gelebte Freundschaft mit Jesus Christus ist die Mystik, die jedem getauften und gefirmten Christen möglich ist. »Die Mystik verinnerlicht das Mysterium« (91). Und das »Mysterium ist Christus in euch« (Kol 1,27). »Sich halten – an den Unfassba- ren« (Balthasar 1979, 246‒258) erscheint wie ein Inbegriff jener ignatianischen Mystik, die im Gebet des hl. Ignatius Suscipe (Nimm an) zum Ausdruck kommt. 5.2 Mission Von dieser Transzendenz der Theologie in die Mystik, die genuin christliche My- stik (von Balthasar 1974, 37‒71), die immer auch den irdischen Aufgaben treu bleibt, sagt de Lubac: 756 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 »Zwischen der theologischen Forschung, dem apostolischen Einsatz und den Strömungen geistlichen Lebens muß lebendiger Kreislauf herrschen /…/ Ein Theologe, der in seiner Arbeit vom apostolischen Wirken und ge- istlichen Leben abgeschnitten wäre, könnte sein Werk nicht korrekt dur- chführen /…/ Der Theologe muß empfangen, er gibt aber auch. Er ist De- uter und Führer.« (1972a, 30) Diese Gedanken sind wie ein Echo seiner Aussage, mit der er seinen Freund von Balthasar charakterisiert hat: »Er will nur Theologe sein, weil er Apostel sein will« (1975a, 401). Oder de Lubacs Aussage: »Zeugenschaft und Berufung sind verschwistert. Jeder bezeuge gemäß seiner eigenen Berufung der Theologe lege das Zeugnis als Theologe ab.« (1972a, 20) 23 Der Theologenpapst Benedikt XVI. sagte einmal: »Die Begegnung mit Balthasar wurde für mich der Anfang einer lebenslangen Freundschaft, für die ich nur dank- bar sein kann. Ich habe nie wieder Menschen mit einer so umfassenden theolo- gie- und geistesgeschichtlichen Bildung wie Balthasar und De Lubac gefunden und kann gar nicht sagen, wieviel ich der Begegnung mit ihnen verdanke.« (Ratzinger 2006, 156) 24 Der Diener Gottes Anton Strle (Slowenien) hat Henri de Lubac und Hans Urs von Balthasar als »Die Theologen für die Zukunft« bezeichnet (Strle 1998, 7‒59; 155‒224). Ihr immenses Werk ist eigentlich mehr vor uns als hinter uns. 5.3 Martyrion Die lebenslange Freundschaft von Henri de Lubac und Hans Urs von Balthasar – »zwei wirklich großen Jesuiten im 20. Jahrhundert« (Kardinal Joseph Ratzinger) – kann viele gemeinsame Tugenden aufweisen. Ihr Leben und Wirken ist ein ,Ze- ugnis‘ für die Wahrheit. Henri de Lubac, der »Verfolgte und Schwerbedrängte«, war »der geplagteste Martyrer der Wahrheit« (noch über die Quälereien, die Blondel zu ertragen hatte), betonte Hans Urs von Balthasar (1976, 10; 12). Was für ein Auftrag: »Testimonium perhibere veritati« (Für die Wahrheit Zeugnis able- gen; vgl. Joh 18,36)! Hans Urs von Balthasar fragt in einer Radiopredigt: »Was für Zeugen erfordert sind?« und legt die Kriterien der Unterscheidung vor: »Der Zeuge Christi ist nicht, wer sich in dem, was er zu bezeugen hat, kor- rekt oder tapfer oder fabelhaft benommen, das Examen mit der besten 23 Oder: »Was Zeugnis betrifft: das Zeugnis selbst ist fruchtbar, die Suche nach Erfolg ist unfruchtbar.« (de Lubac 1972a, 21) 24 Im selben Jahr hielt Kardinal Ratzinger eine außergewöhnliche Lobrede in Paris, als er am 11. Mai 1998 die Insignien eines Kommandeurs der Ehrenlegion empfing. Er erinnerte an seine Lektüre des Buches Surnaturel (im 1948) und an die Begegnungen mit Henri de Lubac: »Die Freundschaft mit dem Pater und dem Kardinal De Lubac, gereift während des Konzils und anlässlich der Zeiten der gemeinsamen Arbeit in der Internationalen Theologischen Kommission, ist für mich eines der größten Geschenke, die ich in meinem Leben empfangen habe. Dieser große Christ war für mich die Inkarnation des authen- tischen christlichen Humanismus mit der Fähigkeit, ein Europa der brüderlichen Gemeinschaft mit allen Kontinenten zu schaffen. Kardinal de Lubac erschien mir wie die Inkarnation des edlen Frankreichs und ein vollkommenes Vorbild für ein Leben nach dem Evangelium.« (Ratzinger 1998b, 23) 757 757 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... Note bestanden hat /…/ Zeuge Jesu ist nicht die geistlich kultivierte, soi- gnierte, gesalbte, mit allen Mitteln der geistlichen Kosmetik verschönerte, verfeinerte, geglättete und ausgefeilte Persönlichkeit, sondern jener arme Teufel, der nichts ist und nichts hat, weil er alles und vor allem sich selber Gott ein für allemal übergeben und anheimgestellt hat. /…/ Nur solche Menschen, die sich selber völlig vergessen und verloren haben, sich ab- handen gekommen sind, von Gott gefunden wurden, wirken auf die Men- schen als Zeugen Christi.« (von Balthasar 1982, 54f) * * * Beide Glaubenszeugen, Hans Urs Kardinal von Balthasar und Henri Kardinal de Lubac haben auch innerhalb der Catholica ihr Zeugnis in treuer Nachfolge Christi abgelegt. Ihre Zeugenschaft (martyrion) als Martyrium und Mission bleibt ein kostbares Geschenk Gottes an uns. »Der Vorübergang eines Heiligen ist Anruf zur Umkehr.« (de Lubac 1992a, 161) »Das Martyrium ist ein Beweis für die Wahrheit des christlichen Glaubens /…/ Sterben aus Liebe zu Dem, der für mich in der Gottesfinsternis gestor- ben ist« – dieser Ernstfall ist das beste Kriterium: »meine Bereitschaft, für Christus zu sterben.« (Balthasar 1967, 81; 121; Strle 1979, 105‒110). Das Buch Cordula mit dem Verweis auf das Blutzeugnis war ein Warnungszei- chen: die Lage der Kirche heute ist blutig ernst! Und zur Bewältigung einer so übermenschlichen Aufgabe brauchen wir »eindeutig Heilige. Nicht Erlasse bloß /…/, sondern Gestalten, an denen man sich wie an Leuchttürmen orientieren kann /…/ Es ist nicht wahr, dass wir nichts dazu tun können, um Heilige zu bekommen. Wir müßten zum Beispiel einmal versuchen, wenn auch ein bißchen verspätet, wie Cordula, so etwas zu werden. ›Lieber zu spät als nie.‹« (Balthasar 1967, 130‒132) Referenzen Baumer, Iso. 1989. Hans Urs von Balthasar – Ver- mittler des Unzeitgemäßen: »… mein Werk als Autor, Herausgeber und Verleger«. IkaZ Com- munio 18:365–381. Chantraine, Georges. 1993. Paradoxe et mystère: Logique théologique chez Henri de Lubac. Nouvelle Revue Théologique 115:543–559. Ferkolj, Janez. 2016a. Prenova iz izvira: Kardinal Henri de Lubac kot interpret cerkvenih očetov in živega izročila [Erneuerung aus der Quelle. Henri Kardinal de Lubac als Ausleger der Kir- chenväter und der lebendigen Tradition]. Lju- bljana: CH4. – – –. 2016b. Henri de Lubac – teolog Crkve [Henri de Lubac – ein Theologe der Kirche]. Diacoven- sia 24, Nr. 24:607–628. – – –. 2018. Henri de Lubac – svjedok Krista i Cr- kve: Crtice iz ekleziologije kardinala H. de Lubaca [Henri de Lubac – ein Zeuge Christi und der Kirche. Einige Ideen aus der Ekklesiologie von Kardinal H. de Lubac]. Vrhbosnensia 22, Nr. 2:205–220. – – –. 2019. Ljubezen do Boga in do Cerkve pri Henriju de Lubacu [Liebe zu Gott und zur Kir- che im Leben von Henri Kardinal de Lubac]. Bogoslovni vestnik 79, Nr. 1:105–114. Figura, Michael. 1979. Der Anruf der Gnade: Über die Beziehung des Menschen zu Gott nach 758 Bogoslovni vestnik 82 (2022) • 3 Henri de Lubac. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1991. Theologie aus der Fülle des Glaubens: Zum Tod von Henri de Lubac. IKaZ Communio 20:540–549. – – –. 1993. Mysterium und Mystik: Der Beitrag Henri de Lubacs zu einer christlichen Mystik. Communio 22:122–140. Guerriero, Elio, und Hans Urs von Balthasar. 1993. Eine Monographie. Einsiedeln; Freiburg: Johannes Verlag. Hans Urs von Balthasar-Stiftung. 1996. Vermit- tlung als Auftrag: Symposion zum 90. Geburt- stag von Hans Urs von Balthasar, 27.- 29. Sep- tember 1995 in Fribourg (Schweiz). Einsiedeln; Freiburg: Johannes Verlag. Hartmann, Stefan. 2010. Zum Gang der Balthasar- -Rezeption in Deutschland. In: Standorte: Theologische Skizzen und Gestalten, 117–134. Heiligenkreuz: Be&Be. Henrici, Peter. 1993. Die Bedeutung des Mysteri- ums für die Philosophie. IKaZ Communio 22:154–163. Johannes Paulus II. 2003. Ecclesia de Eucharistia. Enzyklika (17. 4.). Bonn: Sekretariat der Deut- schen Bischofskonferenz. Neufeld, Karl Heinz, und Michel Sales. 1974. Bibliographie Henri de Lubac SJ (1925–1974). Einsiedeln: Johannes Verlag Lemaire, Marie-Gabrielle. 2016. Joseph Ratzinger und Henri de Lubac. In: Mitteilungen: Institut Papst Benedikt XVI., Jahrgang 8/2015, 27–39. Regensburg: Verlag Schnell & Steiner. Lochbrunner, Manfred. 1994. Leidenschaft für die Theologie: Zum Vermächtnis von Henri de Lubac (1896–1991). Forum Katholische Theolo- gie 10:82–96. – – –. 2020. Hans Urs von Balthasar (1905-1988): Die Biographie eines Jahrhunderttheologen. Würzburg: Echter Verlag. de Lubac, Henri. 1950. Affrontements mystiques. Paris: Cerf. – – –. 1965. Un témoin du Christ: Hans Urs von Balthasar. Civitas 20:2–15. – – –. 1966. L’Ecriture dans la Tradition. Paris: Cerf. – – –. 1967. Paradoxe et Mystère de l’Eglise. Paris: Aubier. – – –. 1968a. Geist aus der Geschichte: Das Schriftverständnis des Origenes. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1968b. Die Kirche: Eine Betrachtun. Einsie- deln: Johannes Verlag. – – –. 1969. Corpus mysticum: Eucharistie und Kirche im Mittelalter. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1970. La Foi Chrétienne. Paris: Cerf. – – –. 1972a. »Credo … Sanctorum Communio- nem«. IKaZ Communio 1:18–32. – – –. 1972b. Petrusamt und Partikularkirchen. IKaZ Communio 1:324–340. – – –. 1974a. Christliche Mystik in Begegnung mit den Weltreligionen. In: Josef Sudbrack, Hg. Das Mysterium und die Mystik: Beiträge zu einer christlichen Gotteserfahrung. Würzburg: Echter Verlag. – – –. 1974b. Quellen kirchlicher Einheit. Einsie- deln: Johannes Verlag. – – –. 1975a. Ein Zeuge Christi in der Kirche: Hans Urs von Balthasar. IKaZ Communio 4:390–409. – – –. 1975b. Hommage à Hans Urs von Balthasar pour ses 70 ans. Revue internationale catho- lique Communio 1:86–89. – – –. 1975c. Credo: Gestalt und Lebendigkeit unseres Glaubensbekenntnisses. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1984a. Mystique et Mystère. In: Théologie d’occasion. Paris: Cerf. – – –. 1984b. »Du hast mich betrogen, Herr!«: Der Origenes-Kommentar über Jeremias 20,7. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1992a. Glauben aus der Liebe: »Catholici- sme«. Dritte Auflage. Freiburg; Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1992b. Geheimnis aus dem wir leben. Einsie- deln; Freiburg: Johannes Verlag. – – –. 1996. Meine Schriften im Rückblick. Einsie- deln; Freiburg: Johannes Verlag. – – –. 1999. Communio sanctorum: Verujem … občestvo svetnikov. Communio 9:19–36. – – –. 2006a. Méditation sur l’Eglise. Paris: Cerf. – – –. 2006b. Mémoires sur l’occasion de mes écrits: Namur 1989. Paris: Cerf. Marchesi, Giovanni. 1997. L‘Influsso di Henri de Lubac su Hans Urs von Balthasar. Gregorianum 78, Nr. 4:719–734. Mc Partlan, Paul. 1993a. »Ihr werdet euch in mich verwandeln«: Kirche und Eucharistie im Den- ken Henri de Lubacs. IKaZ Communio 22:141– 153. – – –. 1993b. The Eucharist Makes the Church: Henri de Lubac and John Zizioulas in dialogue. Edinburg: Eastern Christian Publications. Ratzinger, Joseph. 1988. Vorwort zur amerikani- schen Ausgabe von Catholicisme. In: Henri de Lubac. Catholicism: Christ and the common destiny of man. San Francisco: Ignatius Press. – – –. 1998a [2006]. Aus meinem Leben: Erinnerun- gen (1927–1977). München: DVA. – – –. 1998b. Éloge: Le Cardinal De Lubac. France 759 759 Anton Štrukelj - Dankbares Gedenken an Henri Kardinal de Lubac... Catholique, Nr. 2646 (22. 5.): 23 Sievernich, Michael. 2021. Henri de Lubac und Papst Franziskus. Stimmen der Zeit 5:377–378. Strle, Anton. 1979. H. U. von Balthasar o »krščan- skem stanu« kot »resnem primeru« Cerkve današnjega sveta. Bogoslovni vestnik 39:105– 110. – – –. 1998. Teologi za prihodnost [Die Theologen für die Zukunft]. Ljubljana: Družina. Štrukelj, Anton. 1995. Henri de Lubac: Življenje in delo [Henri de Lubac: Leben und Werk]. In: Festschrift zum 75. Geburtstag von Erzbischof Alojzij Šuštar: Dei voluntatem facere. Ljubljana: Slovenska škofovske konferenca; Mohorjeva Družba. – – –. 2015. Zaupanje in pogum. Ljubljana: Družina. Tillette, Xavier. 1976. Henri de Lubac achtzigjä- hrig. IKaZ Communio 5:187–189. – – –. 1993. Henri de Lubac: Das theologische Vermächtnis. IKaZ Communio 22:99 –107. Voderholzer, Rudolf. 1998. Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn: Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik. Einsiedeln; Freiburg: Johannes Verlag. – – –. 1999. Henri de Lubac begegnen. Augsburg: Sankt Ulrich Verlag. von Balthasar, Hans Urs. 1967. Cordula oder der Ernstfall: Mit einem Nachwort zur dritten Aufla- ge. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1968. Vorwort des Übersetzers. In: Henri de Lubac, Die Kirche: Eine Betrachtung. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1972. Vorwort zur zweiten deutschen Aufla- ge. In: Henri de Lubac. Glauben aus der Liebe (Catholicisme). Einsiedeln; Freiburg: Johannes Verlag. – – –. 1976. Henri de Lubac: Sein organisches Lebenswerk. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1979. Sich halten – an den Unfaßbaren. Geist und Leben 52:246–258. – – –. 1982. »Du krönst das Jahr mit deiner Huld«: Radiopredigten. Einsiedeln: Johannes Verlag. – – –. 1990. Vorwort. In: Henri de Lubac, Ge- heimnis aus dem wir leben. Einsiedeln; Fre- iburg: Johannes Verlag. – – –. 2000. Zu seinem Werk. Einsiedeln; Freiburg: Johannes Verlag. – – –. 2001. Prüfet alles – das Gute behaltet: Ein Gespräch mit Angelo Scola. Einsiedeln; Fre- iburg: Johannes Verlag.